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Full text of "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen mit besonderer Berücksichtigung der Homosexualität. VI. Jahrgang."

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3 5~\ 



Jahrbuch 

für 

sexuelle Zwischenstufen 

mit besonderer Berücksichtigung der 

Homosexualität //. m 

Herausgegeben unter Mitwirkung namhafter Autoren 
im Namen des wissenschaftlich -humanitären Komitees 

von 

Dr. med. Magnus Hirschfeld, 

prakt. Arzt in Charlottenburg. 



VI. Jahrgang. 



Leipzig. 

Verlag von Max Spohr. 

1904. 



I 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

Homosexualität und Bürgerliches Gesetzbuch. Von Dr. jur. 

Numa Praetorius 1 

Erster Abschnitt. Homosexualität und Ehe ... 8 
Zweiter Abschnitt. Homosexualität und Entziehung 
des Pflichtteils (bezw. des standesgemäßen Unter- 
halts) ... 38 

Dritter Abschnitt. Homosexualität und Handlungs- 
fähigkeit 36 

Der Uranier vor Kirche und Schrift. Eine Studie vom ortho- 
dox-evangelischen Standpunkt. Von Prof. Caspar 

Wirz, V. D. M 63 

Das Ergebnis der statistischen Untersuchungen über den 
Prozentsatz der Homosexuellen. Von Dr. Magnus 

Hirschfeld 109 

Die physiologische Freundschaft als normaler Grundtrieb 
des Menschen und als Grundlage der Soziabilität. Von 

Dr. Benedict Friedlaender 179 

103 Beobachtungen von mehr weniger hochgradiger Ent Wicke- 
lung einer Gebärmutter beim Manne (Pseudohermaphro- 
ditismus masculinus internus). Mitgeteilt von Dr. Franz 
von Neugebauer-Warschau 215 

58 Beobachtungen von periodischen genitalen Blutungen 
menstruellen Anscheins, pseudomenstruellen Blutungen, 
Menstruatio vicaria, Molimina menstrualia usw. bei Schein- 
zwittern. Mitgeteilt von Dr. Franz von Neugebauer- 
Warschau 277 



— IT — 



Seite 



Vorläufige Mitteilungen über die Darstellung eines Schemas 
der GeschlechtsdifFerenzierungen. Von L. S. A. M. von 

Börner -Amsterdam 327 

Ans dem Seelenleben des Grafen Platen. Von Prof. Ludwig 

Frey 357. 

Die Bibliographie der Homosexualität für das Jahr 1903. 

Von Dr. jur. Numa Praetorium 449 

Teil I. Homosexuelle Schriften mit Ausnahme der 

Belletristik 457 

Teil II. Belletristik 595 

Teil HL Besprechungen 642 

Jahresbericht 1903—1904 647 

Abrechnung für 1903 729 



Bilderverzeichnis. 



Graf v. Platen- Hallermünde Titelbild 

Photographie eines femininen Mannes 327 

Photographie zweier Frauen mit Vollbärtcn 449 

Bild aus dem Kopenhagener „Verbrecheralbum": Ein im 
Jahre 1869 wegen „widernatürlicher Unzucht" verhafteter 

„Mann" 646 

Standbild des Kaisers Hadrian auf der Saalburg, enthüllt am 

16. Juni 1904 729 



Standbild von F. A. Krupp in Kiel, enthüllt am 22. Juni 1904 730 



Homosexualität 

und 

Bürgerliches Gesetzbuch. 



Von 



Dr. jur. Numa Praetorium 



Einleitung. 



Die Hauptbedeutung der konträren Sexualempfindung 
für die Jurisprudenz liegt auf dem Gebiete des Straf- 
rechts, der praktisch wichtigste Konflikt der Homo- 
sexualität mit dem Gesetz wird durch § 175 des Straf- 
gesetzbuchs hervorgerufen, der, trotzdem hunderte von 
Männern aller Wissenschaften und aller Berufe, Medi- 
ziner, Juristen, Gelehrte aller Fächer seine Aufhebung 
verlangen, immer noch fortbesteht und die Homosexuellen 
wegen ihres gleichgeschlechtlichen Verkehrs mit schimpf- 
licher Strafe bedroht. 

Bei dieser Wichtigkeit der strafrechtlichen Seite 
der Homosexualität ist es nicht zu verwundern, wenn 
gerade sie immer wieder zum Gegenstande der Erörte- 
rung gemacht wird, während das Verhältnis der Homo- 
sexualität zum Zivilrecht so gut wie nicht behandelt 
worden ist. 1 ) Eine gleich große Bedeutung wie im Straf- 
recht kommt der Homosexualität im Zivilrecht nicht zu, 
aber auch hier spielt sie eine Rolle bei einer Anzahl von 
Rechtsverhältnissen, auch hier werden manche Fragen 



l ) Nur Moll berührt das Thema in seiner Konträren 
Sexualempfindung, 3. Aufl., S. 503 u. S. 580— 583, ferner in 
seinen Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, 
Tl. 2, S. 693—695; zvC\ erwähnen ist außerdem eine von Moll 
angeführte Arbeit von Allan M'Lane Hamilton, The civil 
responsibility of sexual perverts, in American Journal of 
Insanity, April 1896, Nr. 4, welche mir leider nicht zugäng- 
lich war. 



eine verschiedene Lösung erfahren, je nachdem man 
Wesen und Natur der konträren Sexualempfindung auf- 
faßt. Im Zivilrecht gleichfalls wird das bisherige Vor- 
urteil, welches in der Homosexualität ein Laster ulul 
schändliches Verbrechen erblickt, zu ganz anderen Resul- 
taten führen, als die Feststellung der Wissenschaft, wo- 
nach die gleichgeschlechtliche Liebe den Ausfluß eines 
dem Organismus eingepflanzten Triebes darstellt. Auf 
dem Gebiete der Homosexualität ist zwar noch manches 
streitig. Aber soviel steht doch schon auf Grund der 
wissenschaftlichen Forschung der letzten 30 Jahre fest, 
daß die bisherige Auffassung des gleichgeschlechtlichen 
Verkehrs als eines Lasters und einer strafwürdigen Im- 
moralität für fast alle Fälle falsch war und daß die 
Urninge nicht gleichsam willkürlich die normalen Ge- 
fühle aufgegeben haben, um sich aus freien Stücken der 
Männerliebe zuzuwenden, sondern daß sie — wie Krafft- 
Ebing in einem seiner letzten Gutachten so treffend sich 
ausdrückt — lediglich „dem Gesetz in ihren Gliedern 
folgen". 1 ) 

Noch nicht völlig aufgeklärt ist dagegen die Frage 
über die Entstehung der konträren Sexualempfindung; 
Ob und zu welchem Prozentsatz dieser Trieb infolge 
zwingender Assoziation in frühester Kindheit oder im 
Pubertätsalter auf Grund äußerer und innerer Umstände 
sich entwickelt oder ob er im Embryo schon latent 
existiert und in der Bisexualität des Fötus seinen Ur- 
sprung hat (einerseits Binet, Schrenk-Notzing usw., an- 
dererseits Ellis, Hirschfeld, Krafft-Ebing, Moll, Näcke usw.). 

Für die rechtliche Beurteilung der Homosexualität 
sind diese Fragen aber überhaupt ohne Bedeutung, da- 

') Krafft-Ebing, Drei Konträrsexuale vor Gericht,, 
in den Jahrbüchern für Psychiatrie und Neurologie,. 
Bd. XIX, Heft 2, 1900. (Vgl. mein Referat in diesem Jahrbuch, 
Bd. III, S. 378.) 



— 5 - 



gegen ist von einschneidender Wichtigkeit die Tatsache, 
daß unter den maßgebenden Forschern jedenfalls das 
als zweifellos gilt, daß es sich bei den Homosexuellen 
nicht um Wüstlinge und Verbrecher, sondern um Leute 
mit anormaler Geschlechtsrichtung handelt, mag nun 
diese Geschlechtsrichtung stets eingeboren oder öfters 
erworben sein. 

Eine wichtige Rolle wird sodann auch im Zivilrecht 
die bestrittene Frage spielen und je nach ihrer Beant- 
wortung zu anderen Ergebnissen führen müssen, ob die 
Homosexualität eine krankhafte oder natürliche Erschei- 
nung ist. 

Bezüglich dieses Punktes lassen sich wohl drei Haupt- 
meinungen unterscheiden: 

1. Die erste geht im wesentlichen dahin, daß die 
konträre Sexualempfindung stets krankhaft sei, jedoch 
nicht als vereinzelte krankhafte Erscheinung vorkomme, 
sondern nur ein SymptQm einer allgemeinen Degenera- 
tion, nur einen Teil eines Komplexes von geistigen Er- 
krankungen darstelle. Als Hauptvertreter dieser zahl- 
reichen Gruppe 1 ) konnte bis vor kurzem Krafft-Ebing *) 

1 ) Vgl. die bei Moll, Untersuchungen über die Libido 
ßcxualis, Bd. I, Tl. 2, S. 616flgd. angeführten zahlreichen An- 
hänger dieser Meinung. 

') In der letzten Zeit seines Lebens hat sich Krafft-Ebing 
mehr der unten angeführten dritten Ansicht zugewendet, denn in 
dem Bericht für den 13. internationalen medizinischen 
Kongreß zu Paris 1900 (abgedruckt in den Archives de 
Neurologie, Vol. X, 2. serie, No. 59 u. 60, vgl. Jahrbuch III, 
S. 384) sagt er, daß die sexuelle Perversion nach ihm nur das 
Äquivalent des normalen Geschlechtssinnes bilde, und in seinen 
neueren Studien auf dem Gebiete der Homosexualität, Jahrbuch III, 
S. 7, gelangt er zu dem Ergebnis, daß das Vorhandensein konträrer 
Sexualempfindung „nicht der Annahme einer Ungetrübtheit der 
seelischen Funktionen präjudiziere und mit normaler geistiger 
Funktion verträglich sei". 



— 6 — 



gelten, der die konträre Sexualempfindung in den ver- 
schiedenen Auflagen seiner Psychopathia sexualis als 
„funktionelles Degenerationszeichen und Teilerscheinung 
eines neuropsychopathischen , meist hereditär bedingten 
Zustandes" definierte. 

2. Die zweite Ansicht erblickt gleichfalls in der 
Homosexualität stets eine krankhafte Erscheinung, nimmt 
aber an, daß sie auch ganz vereinzelt als einziges Krank- 
heitssymptom bei Menschen anzutreffen sei, die sonst 
keine krankhaften Anzeichen aufwiesen. 1 ) 

3. Andere endlich, welche gleichfalls anerkennen, 
daß die Homosexualität bei sonst durchaus normalen 
Personen vorhanden sein könne, halten sie in diesem 
Falle nicht für krankhaft, sondern nur dann, wenn sie 
— was allerdings oft zuträfe — einen Teil eines Degene- 
rationszustandes bilde. 2 ) 

Alle Arzte stimmen aber darin überein, daß die 
konträre Sexualempfindung jedenfalls nur eine krankhafte 
Erscheinung leichteren Grades und niemals eine 
eigentliche Geisteskrankheit im engeren Sinne darstellt. 

Teilt man eine der beiden ersteren Anschauungen, 
sieht man also in der konträren Sexualempfindung eine 
krankhafte Erscheinung, dann wird die Homosexualität 
im Zivilrecht da eine Erörterung nötig machen, wo der 

1 ) Moll, Die konträre Sexualempfindung, S. 407 flgd., 
und Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, 
Tl. 2, S. 732. 

2 ) Ellis u. Symonds, Das konträre Geschlechtsgefühl 
(deutsch von Kurella, Bibliothek für Sozial Wissenschaft, 
Bd. VII). — Hirschfeld, Die objektive Diagnose der Homo- 
sexualität, Jahrbuch I. — Derselbe, Der urnische Mensch, 
Jahrbuch V. — Näcke, Probleme auf dem Gebiete der 
Homosexualität, in der Allgemeinen Zeitschrift für 
Psychiatrie und psychiatrisch - gerichtliche Medizin, 
Bd. LIX, Heft 6. 



Einfluß geistiger Störungen in Betracht kommt, d. h. 
namentlich : 

a) Bei der Deliktsfähigkeit, d. h. bei der Verant- 
wortung für unerlaubte schädigende Handlungen, 

b) bei der Geschäftsfähigkeit, 

c) bei der Entmündigung. 

Hält man dagegen, wie ich es tue, mit der dritten 
Gruppe die konträre Sexualempfindung nicht für krank- 
haft, dann kann die Frage ihres Einflusses auf die Zu- 
rechnungsfähigkeit gar nicht aufgeworfen werden. 

Unabhängig aber davon, ob die Homosexualität als 
krankhafte Erscheinung zu gelten habe oder nicht, wird 
sie von Bedeutung werden: 

1. bei den Voraussetzungen der Gültigkeit der Ehe 
und der Ehescheidung, 

2. bei gewissen über die Enterbung und die Ali- 
mentationspflicht geltenden Grundsätzen. 

Da die meisten Ärzte die konträre Sexualempfindung 
als krankhafte Erscheinung auffassen, werde ich von 
diesem Gesichtspunkte aus die Bedeutung der Homo- 
sexualität für die Deliktsfähigkeit, Geschäftsfähigkeit und 
Entmündigung besprechen. Die praktische Wichtigkeit 
dieser Frage ist jedoch eine geringere, im Vergleich zu 
dem größeren praktischen Interesse, das die Erörterung 
des Einflusses der Homosexualität auf die Ehe be- 
ansprucht. Deshalb werde ich mit der Behandlung 
dieser wichtigsten Frage beginnen (erster Abschnitt) und 
nach Besprechung der Beziehungen zwischen Homo- 
sexualität und Enterbung im zweiten Abschnitt den 
dritten Abschnitt der Frage nach dem Einfluß der 
Homosexualität auf die Handlungsfähigkeit widmen. 



Erster Abschnitt. 



Homosexualität und Ehe: 

Die Homosexualität kommt im Eherecht nach zwei 
Richtungen hin in Betracht: 1. bei der Frage der Gültig- 
keit der Ehe, 2. bei der Ehescheidung. 

Kapitel I. 

Gültigkeit der Ehe. 

Eine Ehe kann für ungültig erklärt werden aus 
zweierlei Arten von Gründen: Gewisse Gründe hindern 
überhaupt das gültige Zustandekommen einer Ehe, der- 
art, daß die Ehe von vornherein nichtig ist, z. B. eine 
Ehe zwischen nahen Verwandten; aber auch in diesen 
Fällen bedarf es zur Feststellung der Nichtigkeit einer 
Klage, der sogenannten Nichtigkeitsklage. 

Andere Gründe berechtigen lediglich zur Anfech- 
tung der Ehe; hier ist die Ehe an und für sich gültig 
und erzeugt die vollen Wirkungen einer gültigen Ehe, 
nachträglich kann aber die Ehe mit ihren Wirkungen 
aufgehoben werden, derart, daß sie als von vornherein 
nichtig betrachtet wird. 

Die Ehe ist nichtig oder anfechtbar nur aus den in 
dem Gesetz ausdrücklich bestimmten Gründen. 



§ L 

Was nun die Nichtigkeit anbelangt, so kennt das 
Gesetz unter den Nichtigkeitsgründen nicht das Vor- 
handensein von seelischen oder körperlichen Zwischen- 
stufen. Zunächst bilden nicht einmal körperliche Zwischen- 
stufen, körperliche Hermaphrodisie oder Pseudoherma- 
phrodisie (Mißbildungen an den Geschlechtsteilen) einen 
Nichtigkeitsgrund. 

Obgleich körperliche Zwitter schon lange bekannt 
sind, hat es das B.G.B, abgelehnt, besondere Bestim- 
mungen für die Zwitter zu treffen. Das preußische Land- 
recht (I, 1, §§ 19 — 23) enthielt verschiedene Vorschriften 
hinsichtlich der Zwitter. Andere Gesetze, wie der Code 
civil, das badische Landrecht, das österreichische Gesetz- 
buch, übergehen sie. Ihrem Beispiel folgt das B.G.B. 
Die Motive (Mugdan, „Materialien zum Bürgerlichen Ge- 
setzbuch", Einführungsgesetz und Allgemeiner Teil I, 
S. 370) besagen: 

„Nach dem heutigen Stande der medizinischen 
Wissenschaft darf angenommen werden, daß es weder 
geschlechtslose, noch beide Geschlechter in sich ver- 
einigende Menschen gibt, daß jeder sogenannte Zwitter 
entweder ein geschlechtlich mißbildeter Mann oder ein 
geschlechtlich mißbildetes Weib ist. Der im bayerischen 
Landrecht I, 3, § 2 2 und sächsischen Gesetzbuch § 46 
aufgenommene Satz des römischen Rechtes (1 10, D 1, 5), 
daß der Zwitter dem bei ihm überwiegenden Geschlecht 
zuzuzählen sei, trifft das Richtige, folgt aber aus der 
Sachlage von selbst; sobald die eine oder die andere 
Form erkennbar vorliegt, handelt es sich um eine durch 
Feststellung dieser Form lösbare Ungewißheit. Aller- 
dings mögen auch Mißbildungen nicht schlechthin aus- 
geschlossen sein, bei welchen die Feststellung des wahren 
verdeckten Geschlechts durch Untersuchung des Lebenden 



— 10 — 



sich nicht bewirken läßt. Es wird jedoch ratsam sein, 
von solchen entfernten Möglichkeiten, mit welchen auch 
das bisherige Recht nicht rechnet, abzusehen und es da- 
bei zu belassen, daß, wenn bei der Beurteilung von Ver- 
hältnissen in Frage kommt, ob eine Person dem einen oder 
dem anderen Geschlecht angehört, der Sachverhalt aber 
nicht in Gewißheit gesetzt werden kann, diejenigen Rechts- 
folgen eintreten, welche sich nach den Umständen aus dem 
Zustande der Ungewißheit bezw. Unerweislichkeit ergeben." 

Diese Ausführungen erscheinen mir zum großen 
Teile recht bedenklich. Wie die neueren Forschungen 
bewiesen haben, gibt es gar nicht selten Fälle, wo es 
schwer, ja unmöglich ist, das Geschlecht zu bestimmen, 
und wo beide Organe, das eine mehr oder weniger ent- 
wickelt als das andere, vorhanden sind. *) Aber auch da, 
wo ein Organ entschieden überwiegt und nur verkümmerte 
Rudimente des anderen bestehen, genügt doch die Tat- 
sache, daß solche Wesen oft jahrelang dem dem geringer 
entwickelten Organ entsprechenden Geschlecht zugezählt 
werden und oft auch den sexuellen Trieb dieses Ge- 
schlechts verspüren, um zu zeigen, daß es eine gewisse 

l ) Vgl. vor allem die bedeutsamen Arbeiten von Neugebauer 
in diesen Jahrbüchern, Bd. IT, IV und V, ferner Dr. Theodor 
Landau, Über Hermaphroditen, nebst einigen Bemer- 
kungen über die Erkenntnis und die rechtliche Stellung 
dieser Individuen, in der Berliner Klinischen Wochen- 
schrift, 13. Aprill903, Nr.15, welcher hervorhebt, daß es oft unmög- 
lich ist, das Geschlecht eines sogenannten Hermaphroditen zu be- 
stimmen, und es für unverständlich erklärt, daß das B.G.B, keine 
Bestimmung über Zwitter trifft. Tatsächlich träfen die Voraussetzungen 
der Motive nicht zu und darum liege eine offenkundige Lücke des 
Gesetzes vor. — Vgl. auch die daselbst zitierten Worte von 
Vircho w, „es gäbe Leute, bei denen überhaupt keine ausgeprägten 
Geschlechtsdrüsen vorhanden seien. Es existiere wirklich ein Indi- 
viduum neutrius generis. Man könne sich daher anstellen wie 
man wolle, so werde man eben doch nicht sagen können, es sei 
eine Frau oder ein Mann." 



— 11 — 



Willkür bedeutet, sie einem bestimmten Geschlecht ein- 
zureihen und gültige Ehen solcher Zwitter wie zwischen 
Mann und Frau zuzulassen. 

Ebensowenig wie das körperliche Zwittertum sind 
die seelischen Zwischenstufen unter den Nichtigkeits- 
gründen aufgenommen. 

§ 2. 

Nun gibt es allerdings eine ganze Reihe von Gründen, 
die im Gesetz nicht aufgezählt sind, die aber das Zu- 
standekommen einer Ehe hindern, nämlich alle die Fälle, 
wo es überhaupt an der natürlichen Grundlage einer Ehe 
fehlt; wo eine Verbindung vorliegt, die gar nicht An- 
spruch erheben kann, auch nur den Schein derjenigen Ver- 
bindung zu bieten, welche das Gesetz als Ehe verstanden 
haben will, so z. B. eine Ehe zwischen Kindern unter 
7 Jahren oder eine Ehe zwischen Männern, da die Ehe 
ihrem Begriff nach, wie ihn das Gesetz kennt, Erwach- 
sene und Personen verschiedenen Geschlechts voraus- 
setzt. In allen diesen Fällen bedarf es gar keiner Klage 
zur Feststellung der Nichtigkeit, es liegen nur tatsächliche 
Verhältnisse vor, an die sich irgend welche rechtlichen 
Folgen nicht knüpfen. *) Demnach wäre z. B. eine Ehe, 
die ein Homosexueller mit einem anderen Homosexuellen 
oder mit einem Normalen einginge, z. B. in Weiberklei- 
dung unter Beibringung falscher Papiere und Täuschung 
des Standesbeamten, ganz und gar nichtig. Jedermann 
könnte sich trotz des vollzogenen Trauaktes auf die 
Nichtigkeit berufen, einer Feststellung der Nichtigkeit be- 
dürfte es nicht. 

Es ließe sich nun fragen, ob derartigen Fällen nicht 
die Fälle, wo ein Homosexueller eine Frau heiratet, 
gleichzustellen wären. 

! ) Vgl. Endemann, Einführung in das Studium des 
B.G.B. Ein Lehrbuch des bürgerlichen Rechts, Bd. II, 
§ 160, Anm. 1. 



— 12 — 



Im Sinne gewisser Homosexueller, die sich öfters 
als drittes Geschlecht bezeichnen, könnte vielleicht be- 
hauptet werden, der Homosexuelle sei gar kein wirklicher 
Mann, folglich läge in einer Ehe mit einer Frau nur ein 
tatsächliches Verhältnis. 

Diese Argumentation wäre völlig unhaltbar. Wenn 
es sich um körperliche Zwischenstufen bezw. körperliche 
Hermaphrodisie handelt, dann kann allerdings der Fall 
eintreten, daß Nichtigkeit angenommen wird, wenn z. B. 
eine Person, die für einen Mann gehalten wurde, eine 
Frau geheiratet hatte und später bei genauerer ärztlicher 
Untersuchung als dem anderen Geschlecht zugehörig 
erkannt wird. 1 ) In solchen Fällen wird auch oft das 
geschlechtliche Fühlen hermaphroditisch sein und beiden 
Geschlechtern zuneigen. Eine Ehe wird aber in solchen 
Fällen als nicht vorhanden angesehen nicht wegen des 
geschlechtlichen Fühlens, sondern weil die Person auf 
Grund ihrer Geschlechtsorgane dem gleichen Ge- 
schlecht wie der andere Eheteil zugerechnet wird. 
An und für sich kann dagegen nicht einmal ohne 
Weiteres bei vorhandener körperlicher Herma- oder 
Pseudohermaphrodisie von einer Scheinehe die Rede sein, 
wie aus den oben angeführten Motiven, welche ausdrück- 
lich die regelmäßige Gültigkeit von Ehen sog. Zwitter 
anerkennen, hervorgeht. 

Die Homosexualität hat nun regelmäßig mit der 
Hermaphrodisie überhaupt nichts zu tun, mag auch bei 
letzterer manchmal psychische Hermaphrodisie mit der 
körperlichen einhergehen. 

l ) Französische Gerichte haben sogar in Fällen, wo die Frau 
der weiblichen Geschlechtsorgane fast ganz crmangelte, trotzdem 
die Gültigkeit der Ehe angenommen, andere haben allerdings 
wiederum in solchen Fällen die Nichtigkeit ausgesprochen. (Vgl. 
Dalloz, Mariage, Supplement du R6pertoire, Bd. X, No. 28 
und 29.) 



— 13 — 



Der konträre Mann und das konträre Weib weisen 
zwar oft eine Anzahl sekundärer und tertiärer Geschlechts- 
charaktere des Weibes bezw. des Mannes auf, die sich 
sogar in einem an das entgegengesetzte Geschlecht er- 
innernden Gesamthabitus äußern können, regelmäßig 
werden sie aber die Geschlechtsorgane des Mannes bezw. 
des Weibes in normaler Ausgestaltung besitzen. Nur 
auf letzteren Umstand legt aber die bisherige Wissen- 
schaft, auf der das Gesetz auch beruht, Gewicht. Wenn 
nun das Gesetz sogar bei Mißbildungen der Geschlechts- 
organe, bei vorhandenem Zweifel über das Geschlecht 
eines angeblichen körperlichen Zwitters eine Ehe nicht 
ohne Weiteres für nichtig hält, wird dies noch weit 
weniger bei der Ehe Homosexueller der Fall sein. Der 
bezw. die Homosexuelle, mögen sie schließlich noch so 
weibisch oder männlich sein, gelten als Mann bezw. Weib 
und die Ehe mit einer Frau bezw. Mann gilt als Ehe 
zwischen Personen verschiedenen Geschlechts. Niemals 
wird eine solche Ehe einer Scheinehe zwischen Personen 
desselben Geschlechts gleichgestellt werden dürfen. 

§ 3. 

Die Homosexualität ist zwar kein Nichtigkeitsgrund, 
kann aber bei der Anfechtung der Ehe bedeutsam werden. 
Es fragt sich nämlich, ob ein Ehegatte, dem die zur 
Zeit der Eheschließung schon vorhandene Homosexualität 
des anderen Teiles verborgen geblieben war, wegen Irr- 
tums die Ehe anfechten und somit für ungültig erklären 
lassen kann. 

a) Bei allen noch vor Inkrafttreten des B.G.B. — 
also vor 1900 — geschlossenen Ehen beurteilt sich die 
Frage gemäß Art 198 E.G. z. B.G.B, nach dem bis- 
herigen Landesrecht. 

Nach den bis 1900 in Geltung befindlichen einzelnen 
Landesrechten war die Frage der Anfechtung einer Ehe 



— 14 — 



wegen Irrtums sehr verschieden normiert und überhaupt 
im allgemeinen ziemlich streitig. 1 ) 

Das kanonische Recht berücksichtigt als trennendes 
Ehehindernis nur den Irrtum über die Person und den 
freien Stand. Dagegen ist nach der herrschenden An- 
sieht der Irrtum über Eigenschaften der Person gleich- 
gültig. Auf einem ähnlichen Standpunkt steht auch das 
protestantische Kirchenrecht. Doktrin und Praxis neigen 
aber dazu, einzelne Fälle des Irrtums über persönliche 
Eigenschaften, z. B. Schwangerschaft oder Mangel der 
Virginität der Frau, sowie auch Impotenz als Anfech- 
tungsgrund anzuerkennen. Der Code civil kennt eine 
Ungültigkeit wegen Irrtums über Eigenschaften nicht und 
die herrschende Anschauung erklärt den Irrtum über 
bloße Eigenschaften für belanglos, während eine Anzahl 
Schriftsteller allerdings auch den Irrtum über soziale, 
moralische und sogar physische Eigenschaften für erheb- 
lich erachtet. 2 ) 

Nach diesen Rechten ist demnach jedenfalls nach 
herrschender Auffassung auch ein Irrtum über die Hetero- 
sexualität bedeutungslos. 

Das sächsische Gesetzbuch hat die Frage ziemlich 
kasuistisch geregelt. Unter anderem gilt die Einwilligung 
beim Eheabschluß für ausgeschlossen, wenn der andere 
Ehegatte schon vor der Ehe mit gewissen näher bezeich- 
neten unheilbaren geistigen oder körperlichen Krank- 
heiten oder Gebrechen behaftet, namentlich unheilbar 
unfähig zum Beischlaf gewesen ist oder wenn er „wider- 
natürliche Unzucht" mit einem Menschen getrieben oder 
wenn der eine Ehegatte erst nach der Ehe erfährt, daß 
der andere nach dem vorangegangenen Verlöbnis eine 



*) Mugdan, Die gesamten Materialien zum Bürger- 
lichen Gesetzbuch, Familienrecht, S. 42 u. 43. 

*) Vgl. Zachariä-Crome, Bd. III, § 437, Anm. 1 u. 3. 



— 15 — 



unzüchtige Handlung begangen hat, wegen deren die 
Ehescheidung verlangt werden könnte. In Sachsen würde 
demnach für Ehen, die vor 1900 geschlossen sind, die 
Homosexualität die Ungültigkeit der Ehe rechtfertigen, 
wenn sie Impotenz bewirkt oder wenn sie vor der Ehe 
zu einer gleichgeschlechtlichen unter § 175 fallenden 
Handlung geführt hat. 

Das preußische Landrecht berücksichtigt dagegen 
den Irrtum in weiterem Maß und erklärt ihn für erheb- 
lich, wenn er sich auf solche Arten persönlicher Eigen- 
schaften bezieht, die bei Schließung der Ehe vorausge- 
setzt zu werden pflegen. 

Welche Eigenschaften als Anfechtungsgrund aner- 
kannt werden, erscheint nicht unzweifelhaft. Während z. B. 
Förster 1 ) hervorhebt, daß der Richter sich an die spe- 
ziellen, von dem protestantischen Kirchenrecht als An- 
fechtungsgründe anerkannten Fälle (Mangel der Virginität 
der Frau, unheilbare Impotenz des Mannes, unheilbare 
ekelerregende Krankheit) zu halten habe, um ein all- 
zugroßes Arbitrium zu vermeiden, scheint' das Reichs- 
gericht 2 ) keine Spezialisierung der Fälle für notwendig 
zu erachten und schließt sich der Anschauung der Kirchen- 
schriftsteller an, welche ganz allgemein Mängel, die das 
Wesen der Ehe unmittelbar gefährden, für erheblich er- 
achten und als Anfechtungsgrund anerkennen „die Nicht- 
kenntnis ungewöhnlicher, die Persönlichkeit so nahe 
angehender Eigenschaften, daß man aus in der sitt- 
lichen Natur der Ehe beruhenden Gründen voraussetzen 
muß, der andere Teil würde, wenn er über jene Eigen- 
schaften unterrichtet gewesen wäre, in die Eheschließung 
nimmermehr eingewilligt haben.*' 

*) Theorie und Praxis des preußischen Privatrechts, 
Bd. III, § 203, S. 501. 

») R.G., Bd. XVH, S. 248. 



— 16 — 



Demnach dürfte die Anfechtung wegen Irrtums über 
Eigenschaften nach preußischem Recht ungefähr unter 
denselben Voraussetzungen zulässig sein wie nach dem 
B.G.B. Die folgenden auf das B.G.ß. bezüglichen Aus- 
führungen werden daher auch im großen und ganzen von 
der Anfechtung nach preußischem Recht gelten. 

b) Bei allen seit 1900 geschlossenen Ehen findet 
lediglich das B.G.B. Anwendung und zwar behandelt 
§ 1333 die Frage der Anfechtung einer Ehe wegen Irr- 
tums. Dieser Paragraph lautet: 

„Eine Ehe kann von dem Ehegatten angefochten 
/ werden, der sich bei der Eheschließung in der Person 
des anderen Ehegatten oder über solche persönliche 
Eigenschaften des anderen Ehegatten geirrt hat, die ihn 
bei Kenntnis der Sachlage und bei verständiger Würdi- 
gung des Wesens der Ehe von der Eingehung der Ehe 
abgehalten haben würden." 

Bildet nun die Homosexualität eine solche Eigenschaft, 
wie sie der zweite Satz dieses Paragraphen im Auge hat? 

Das Gesetz definiert den Begriff der „persönlichen 
Eigenschaft" nicht, ebensowenig tun dies die Motive. 
So viel steht fest und erhellt deutlich aus den Proto- 
kollen, sowie aus den Beratungen der Reichstagskommis- 
sion, welche „die Verhältnisse" gestrichen hat, *) daß per- 
sönliche Verhältnisse, d. h. äußere Umstände im Gegen- 
satz zu persönlichen Eigenschaften nicht unter § 1333 
fallen, d. h. nicht eine Eigenschaft zur persönlichen - 
im Sinne des Paragraphen stempeln. Aber damit ist 
noch nicht gesagt, welche Eigenschaften als persönliche 
zu betrachten sind. Da der Begriff „persönliche Eigen- 
schaft" vom Gesetz nicht begrenzt ist, so hat man den- 
selben in weitestem Sinne aufzufassen, mit der Einschrän- 
kung, daß Eigenschaften, welche lediglich durch Um- 

*) Mugdan, Materialien zum B.G.B., Familienreclit, 
S. 713 u. 1210. 



— 17 — 



stände und Verhältnisse einer Person zukommen, eben 
nicht als persönliche im Sinne des Gesetzes zu gelten 
haben. So sagt denn z. B. auch Endemann: 1 ) „Unter 
persönlichen Eigenschaften sind alle geistigen, sittlichen, 
körperlichen Eigenschaften zu verstehen", ferner: „Der 
Ton liegt auf dem, was die Eigenart der Persönlichkeit 
ausmacht." 

Die Kichtung des Geschlechtstriebes, Hetero- oder 
Homosexualität, ist nun sicherlich als eine persönliche 
Eigenschaft zu betrachten. Hat die Homosexualität Un- 
möglichkeit der Erektion beim Weibe und daher Unfähig- 
keit zum normalen Coitus zur Folge, so wird sie schon 
dieser Impotenz wegen einen Anfechtungsgrund abgeben. 
Denn die Impotenz wird allgemein zu den die Anfech- 
tung begründenden Mängeln gerechnet 2 ) 

Aber auch dann, wenn trotz der Homosexualität die 
Fähigkeit zum normalen Verkehr mit dem Weibe besteht* 
muß die Richtung des Geschlechtstriebes als persönliche 
Eigenschaft aufgefaßt werden. Die Homosexualität ver- 
leiht dem Homosexuellen ein eigenartiges Gepräge, sie 
wurzelt in seiner Natur und bringt nicht bloß auf ge- 
schlechtlichem Gebiet, sondern im gesamten Fühlen, 
Denken und Wollen, ja sogar im äußeren Habitus eine 



') Endemann, oben zitiert, Bd. II, S. 65; Anm. 8 nennt 
er als Beispiele: Verschwendungssucht, Querulantenwahnsinn, 
quartalweise auftretendes Delirium, Mangel der Jungfrauschaft, 
Schwangerschaft, Impotenz, geheime, ekelhafte Krankheiten. — 
Vgl. auch Seidlmayer, in Jherings Jahrbüchern, 2. Folge, 
Bd. X, Heft 3 u. 4, 1903, Über Personen- und Eigenschafts- 
irrtum bei der Eheschließung nach B.G.B., insbesondere 
S. 214 u. 215. 

*) Vgl. Die Motive, Mugdan, 8. 1210. — Ferner Kuhlen- 
beck, B.G.B., zu § 1333, Anm. 2. — Staudinger, B.G.B., 
zu § 1333, Anm. 2 b . — Endemann, B.G.B., Bd. U, S. 65. — 
Frühere Rechte, wie z. B. das sächsische Landrecht, erklärten 
ausdrücklich den Irrtum über die Beischlafifehigkeit für erheblich. 
Jahrbuch VI. 2 



— 18 — 



Anzahl von Gestaltungen hervor, die ihn vom normalen 
Manne unterscheiden und ihn geradezu als Zwischen- 
stufe zwischen beiden Geschlechtern charakterisieren. 

Dabei ist es einerlei, ob man, wie ich es tue, die 
Homosexualität lediglich als physiologische Erscheinung 
betrachtet oder ob man sie für ein krankhaftes Symptom 
hält, denn zu den relevanten Mängeln persönlicher Eigen- 
schaften sind insbesondere auch geistige Defekte zu zählen. l ) 

Desgleichen wird § 1333 B.G.B. Anwendung finden 
können, wenn man, den bisherigen Vorurteilen folgend, 
die Homosexualität als Laster betrachtet, sowie in den 
seltenen Fällen, wo gleichgeschlechtlicher Verkehr Nor- 
maler vorliegt, z. B. in den Fällen der Prostitution 
Normaler aus Gewinnsucht, denn auch die Eigenschaften 
des Charakters stellen sich als persönliche dar, so z. B. 
schreibt Endemann gewissen Handlungen, welche einen 
Rückschluß auf einen verwerflichen Charakter zulassen, 
die Bedeutung bei, daß sie die Anfechtung ermöglichen. 
Von letzterem Gesichtspunkte aus wird man überhaupt 
das absichtliche Verschweigen der Homosexualität bei 
Abschluß der Ehe — ganz ohne Rücksicht darauf, ob 
man die Homosexualität für eine physiologische oder 
krankhafte oder lasterhafte Erscheinung hält — als An- 
fechtungsgrund ansehen können, insofern in dieser Ver- 
heimlichung oft die „persönliche Eigenschaft" der un- 
ehrenhaften Gesinnung zu erblicken ist. 2 ) 

1 ) Die Protokolle, vgl. Mugdan, Familienrecht, S. 724, er- 
wähnen ausdrücklich gewisse Krankheiten, neben Tuberkulose, 
Syphilis auch Epilepsie. — Kuhlenbeck, B.G.B., zu § 1338, 
nennt „geistige Defekte, Schwachsinn, auch geringeren Grades, 
Geisteskrankheit oder Disposition zu einer solchen, Belastung mit 
einem Krankheitskeim, der sich auf die Kinder vererbt". — Ende- 
mann, B.GB., oben S. 17, Anm. 1 zitiert, erwähnt zeitweise auf- 
tretendes Delirium, Querulantenwahnsinn. 

2 ) Planck, zu § 1383, Anm. 2 a, der zu den persönlichen 
Eigenschaften ausdrücklich „Lauterkeit des Charakters" zählt. — 



— 19 — 



Ein Schriftsteller Holder 1 ) definiert den Begriff der 
„persönlichen Eigenschaft" anders als die herrschende 
Meinung. Er nimmt solche Eigenschaften aus, die bei 
jedermann mehr oder weniger vorhanden sind, z. B. 
Intelligenz, Gedächtnis, Klugheit usw. „Die Bestimmung 
des Gesetzes umfasse nicht den Irrtum über die Art 
oder die Ausdehnung, in der eine bestimmte Eigenschaft 
dem anderen Ehegatten zukomme." 

Im Sinne von Holder könnte* man deshalb vielleicht 
geneigt sein, da der Geschlechtstrieb bei jedermann be- 
steht, einen Irrtum über seine Gestaltung für belanglos 
zu halten. Man könnte vielleicht um so eher dazu ge- 
langen, weil Holder insbesondere Irrtum über körper- 
liche Mängel — ja sogar Impotenz (worin er zweifellos 
Unrecht hat) — nicht als Anfechtungsgrund anerkennt. 

Die ganze Auffassung Hölders über die persönlichen 
Eigenschaften halte ich aber für irrig. Einmal schränkt 
er diesen Begriff in unzulässiger Weise ein, indem er 
nicht die Eigenschaften des Körpers und Geistes an und 
für sich dazu rechnet, andererseits dehnt er den Begriff 
in einer dem Gesetz nicht entsprechenden Weise aus, 
indem er auch die durch äußere Verhältnisse bedingten 
Eigenschaften dazu zählt. 

Selbst aber, wenn man die Begriffsbestimmung Höl- 
ders billigen würde, müßte man doch immer die kon- 
träre Sexualempfindung als persönliche Eigenschaft im 
Sinne des § 1333 betrachten. 

Denn nach Holder sind persönliche Eigenschaften 
solche, „denen Bedeutung für die Persönlichkeit ihres 
Inhabers zukommt, so daß diese im Falle der Existenz 



Ferner Heymann, Zum persönlichen Eherecht, in der 
Deutschen Juristen-Zeitung, Nr. 5, 1902, S. 111. 

*) Die Anfechtung der Ehe wegen Irrtums über die 
Person, in Jherings Jahrbüchern, 2. Folge, 6, Bd. XLII, 
Heft 1—3. 

2* 



— 20 — 



der Eigenschaft eine andere ist, als im Falle ihrer 
Abwesenheit". Bei der Wichtigkeit der konträren Sexual- 
empfindung für die gesamte Persönlichkeit trifft die De- 
finition jedenfalls auch für die Homosexualität zu. 

c) Die Anfechtung findet nur statt, wenn bei Ab- 
schluß der Ehe ein Irrtum des einen Ehegatten über die 
persönlichen Eigenschaften des anderen bestand. Dabei 
ist es gleichgültig, ob der getäuschte Teil den Irrtum 
verschuldet hat oder nicht, also ob er durch Nach- 
forschungen oder Erkundigungen die wahre Natur des 
anderen hätte entdecken können. Wenn dagegen der 
eine Teil die konträre Sexualempfindung des anderen 
kennt, z.B. indem der Konträre seine Ehehälfte vor der 
Ehe aufgeklärt hat, dann ist die Anfechtung nicht zu- 
lässig. Zweifel können allerdings über die Frage ent- 
stehen, ob eine wirkliche Aufklärung stattfand, z. B. sind 
bloße Andeutungen nicht genügend, die tatsächlich nicht 
verstanden oder mißverstanden wurden, mag sie der Kon- 
träre auch für hinreichend gehalten haben, dem anderen 
Teil über die wahre Sachlage Aufschluß zu geben. 

Unerheblich ist es sodann, ob der Mangel einer vor- 
ausgesetzten Eigenschaft verschuldet ist oder nicht. Die 
erworbene Homosexualität in Fällen, wo man ihre Ent- 
stehung bezw. Entwicklung auf ein Verschulden des 
Homosexuellen zurückführen will, ist bezüglich der Frage 
der Anfechtung ebenso zu behandeln, wie die angeborene 
Homosexualität, desgleichen kommt es an und für sich 
nicht darauf an, ob die Homosexualität schon vor der 
Ehe zu gleichgeschlechtlichen Handlungen geführt hatte 
oder nicht. An und für sich genügt vielmehr die Tat- 
sache, daß das Gefühlsleben ein durchaus abnormes ist, 
im Einzelfalle kann aber die Frage, ob etwa vor der 
Ehe gleichgeschlechtlicher Verkehr gepflogen worden ist 
oder nicht, bei der Anwendung des § 1333 von Bedeu- 
tung werden (s. weiter unten). 



— 21 — 



Nicht jeder Irrtum über das Geschlechtsgefühl be- 
gründet aber das Kecht auf Anfechtung der Ehe, viel- 
mehr muß der Irrtum ein derartiger sein, daß, wenn 
der andere Ehegatte die ihm unbekannt gebliebenen 
Fehler gekannt hätte, dies ihn bei verständiger 
Würdigung des Wesens der Ehe von deren Ein- 
gehung abgehalten haben würde. 

Bei der Prüfung dieser Voraussetzungen ist ent- 
scheidend „ehimal der subjektive Standpunkt des sich 
irrenden Ehegatten; von ihm aus, für seine Verhältnisse, 
Bildungsgrad usw., muß der Mangel in den persönlichen 
Eigenschaften des anderen Ehegatten als wesentlich er- 
scheinen". l ) Hiermit muß sich aber außerdem verbinden, 
„daß nach objektiver Würdigung der Mangel mit der 
Erfüllung der sittlichen Aufgaben und der natürlichen 
Zweckbestimmung der Ehe unvereinbar wäre". 2 ) Diese 
beiden subjektiven und objektiven Kriterien werden oft 
beim Irrtum über die HeteroSexualität vorhanden sein. 
Kegelmäßig würde die Kenntnis von der bei dem einen 
Ehegatten bestehenden Homosexualität den anderen von 
dem Abschluß der Ehe abgehalten haben und durch- 
gängig wird man es als eine verständige Würdigung des 
Wesens der Ehe betrachten, wenn der getäuschte Teil 
wegen der homosexuellen Natur des anderen die Ein- 
gehung der Ehe verweigert hätte. 

Die Homosexualität ist für beide Teile von so ein- 
schneidender Bedeutung, daß sehr oft einem Ehegatten 
nicht zuzumuten ist, mit einem (oder einer) Homosexuellen 
zusammen zu leben. Die Homosexualität bewirkt eine 
Disharmonie im Denken, Fühlen und Wollen zwischen 
den Ehegatten, sie zwingt den Homosexuellen, mit der 
Lüge, durch die er durch das Leben geht, in die Ehe 



*) Endemann, Familienrecht, § 162, Nr. 2, S. 658. 
») Ibid. 



— 22 — 



zu treten und seine geheime und wahre Natur seiner 
Ehehälfte zu verbergen, sie hindert eine seelische Ge- 
meinschaft, wie sie das Wesen einer echten Ehe Toraus- 
setzt. Oft wird sie auch die körperliche Vereinigung 
unmöglich machen, stets aber den Geschlechtsverkehr für 
den homosexuellen Teil als lästige Pflicht erscheinen 
lassen und dem änderen mehr oder weniger als solche 
fühlbar werden. Die konträre Sexualempfindung, indem 
sie den davon Betroffenen in Gefahr bringt, seiner Natur 
nachzugeben und gleichgeschlechtlichen Verkehr zu pflegen, 
bringt ferner die Gefahr der sozialen Ächtung des Homo- 
sexuellen, ja sogar der strafrechtlichen Verfolgung mit 
sich, demnach nicht nur die Gefahr, daß die inneren Be- 
dingungen einer glücklichen Ehe nicht vorhanden sind, 
sondern auch, daß die äußeren durch Schande, soziale 
Vernichtung und Verlust der äußeren Stellung zerstört 
werden. Endlich besteht auch die Möglichkeit der Ver- 
erbung der Anomalie in derselben oder anderer Form 
auf die Nachkommen. 

In den Fällen, wo die Homosexualität schon seit 
der Ehe zu gleichgeschlechtlichen Handlungen geführt, 
wo sich durch greifbare Tatsachen die Wichtigkeit und 
Gefährlichkeit der Homosexualität für ein ersprießliches 
eheliches Zusammenleben ergeben hat, wird man am 
ehesten den Irrtum des einen Teils über die Geschlechts- 
natur des anderen für erheblich erachten. In diesen 
Fällen wird ja oft auch Ehescheidung möglich sein und 
die Wahl zwischen EhescheiduDgs- und Anfechtungsklage 
bestehen, es können aber auch wenigstens die Voraus- 
setzungen der Ehescheidungsklage fehlen (z. B. bei bloßer 
gegenseitiger Onanie oder Homosexualität des Weibes 
und Mangel der Voraussetzungen des § 1568 B.G.B.). 

Wenn lediglich vor der Ehe, dagegen nicht mehr 
nach der Ehe gleichgeschlechtlicher Verkehr stattge- 
funden hat, bezw. ein solcher Verkehr nicht mehr nach- 



— 23 — 



weisbar ist, werden eher Zweifel über die Zulässigkeit 
der Anfechtung aufkommen. Gerade in solchen Fällen 
ist § 1333 besonders praktisch wichtig, da hier mangels 
nachweisbarer homosexueller Akte seit der Ehe eine Ehe- 
scheidungsklage auf Grund der Homosexualität nicht er- 
hoben werden kann. Bei der Entscheidung dieser Frage 
über die Anwendbarkeit des § 1333 wird alles auf die 
Umstände im konkreten Falle ankommen. Hier haben 
die Sätze zu gelten: „Die Gründe haben bloß relative 
Bedeutung, die Umstände des Falles entscheiden." 1 ) 
„Die Würdigung ist vom Standpunkte der Individualität 
und der individuellen Interessen des Irrenden vorzu- 
nehmen." 2 ) 

So z. B. kann es vorkommen, daß die Frau durch 
Anzeige eines früheren Geliebten ihres Ehemannes von 
dessen Homosexualität und früherem gleichgeschlechtlichen 
Verkehr erfährt oder daß der Homosexuelle seiner Frau 
seine wahre Geschlecbtsnatur eingesteht. Seit der Ehe 
hat aber der Homosexuelle vielleicht nicht den mindesten 
Verdacht gleichgeschlechtlichen Verkehrs auf sich ge- 
laden und durch sein Verhalten die Hoffnung erweckt, 
seinem Triebe nicht mehr zu erliegen. Die homosexuelle 
Natur des Gatten hat sich nach keiner Richtung hin 
störend geltend gemacht und auch sonst ist das Zusammen- 
leben vielleicht kein schlechtes gewesen. Hier wird nicht 
ohne Weiteres anzunehmen sein, daß die Ehefrau, wenn 
sie die Homosexualität gekannt .hätte, die Ehe nicht 
eingegangen wäre, denn ein homosexueller Trieb, den der 
Mann insoweit beherrschen kann, daß er auf seine Be- 
tätigung verzichtet, und der ihn andererseits an einem 

*) Endemann, Familienrecht, § 162. 

*) Heymann, Zum persönlichen Eherecht, in der Deut- 
schen Juristen-Zeitung, Nr. 5, 1902, S. 112; ebenso Holder, 
B.G.B., §119, undin Jherings Jahrbüchern, Bd. XLII, S. 29. 

3 ) Ein solches freiwilliges Bekenntnis ist mir bekannt. 



— 24 — 



bis zur zufälligen Entdeckung der Anomalie erträglichen 
Zusammenleben mit der Frau nicht hindert, kennzeichnet 
nicht ohne Weiteres die Ehe als ein unhaltbares Ver- 
hältnis. Hier wird der Richter insbesondere zu prüfen 
haben, ob nicht etwa der andere Teil die Entdeckung 
der Homosexualität als Vorwand benützt, um aus sonstigen, 
an und für sich nicht triftigen Gründen die Anfechtung 
der Ehe herbeizuführen. 

Noch größere Schwierigkeiten bietet der Fall, wo 
der Homosexuelle überhaupt noch niemals homosexuellen 
Verkehr gepflogen hat, andererseits die Möglichkeit eines 
normalen Coitus mit der Frau besteht. 

Derartige Homosexuelle gibt es, die, obgleich über 
ihre Natur völlig im Unklaren, aus den verschiedensten 
Gründen Enthaltsamkeit geübt und vielleicht gerade 
zwecks „Heilung" geheiratet haben. Auch hier wird die 
Entscheidung, ob § 1333 Anwendung zu finden habe 
oder nicht, davon abhängen, ob und inwiefern die kon- 
träre Sexualempfindung des einen Gatten störend auf 
das eheliche Zusammenleben eingewirkt hat. Eine An- 
fechtung auf Grund des § 1333 ist keineswegs ausge- 
schlossen, da die Anfechtungsgründe durchaus relativer 
Natur sind und dem subjektiven Standpunkt des im Irr- 
tum befindlichen Ehegatten, sowie seinen sittlichen und 
religiösen Anschauungen eine Hauptbedeutung zukommt. 

Die eigenartige Geschlechtsnatur des Homosexuellen 
kann z. B. schon längst eine tiefe Disharmonie, eine 
völlige Zerrüttung des ehelichen Lebens hervorgebracht 
haben. Wenn nunmehr der Ehegatte nach Entdeckung 
des wahren Grundes des gespannten und unbefriedigenden 
Ehelebens — der Homosexualität des anderen Teiles — 
die Gewißheit erlangt, daß er für immer auf ein eheliches 
Zusammenleben/ das den Namen eines Ehebundes ver- 
dient, verzichten muß, und in seinem sittlichen Gefühl 
durch den Gedanken einer lebenslänglichen Verbindung 



— 25 — 



mit einem dem eigenen Geschlecht in Liebe zugewandten 
Gattjen aufs tiefste verletzt wird, so vermag sein Irrtum 
über die Geschlechtsnatur des anderen Teiles die An- 
fechtung der Ehe zu rechtfertigen. 1 ) 

Andererseits wird es wieder Fälle geben, wo auch 
dann, wenn gleichgeschlechtliche Handlungen vor oder 
sogar nach der Ehe vorgekommen sind, trotzdem der 
Irrtum über die Geschlechtsnatur bedeutungslos ist. Z. B. 
wenn ein homosexueller Mann mit einer homosexuellen 
Frau einen Ehebund eingeht oder wenn ältere Leute 
sich heiraten, die dabei von vornherein eher einen 
Freundschafts-, als einen Ehebund im Auge haben und 
dem Geschlechtsleben sowie den auf seinem Boden ent- 
springenden Gefühlen keine oder nur geringe Bedeu- 
tung beimessen. Hier läßt sich oft behaupten, daß 
auch die Ehe bei verständiger Würdigung ihres Wesens 
und bei Kenntnis der Sachlage abgeschlossen worden 
wäre. 

d) Eine besondere Art der Anfechtung der Ehe 
wegen Irrtums ist der Fall der Anfechtung wegen arg- 
listiger Täuschung: 

§ 1334 bestimmt: „Eine Ehe kann von dem Ehe- 
gatten angefochten werden, der zur Eingehung der Ehe 
durch arglistige Täuschung über solche Umstände be- 
stimmt worden ist, die ihn bei Kenntnis der Sachlage 
und bei verständiger Würdigung des Wesens der Ehe 
von der Eingehung der Ehe abgehalten haben würden." 

') Die Anfechtung einer Ehe wegen sexueller Anomalie erkennt 
auch an: Ho che (Berlin 1901, Verlag Hirsch wald) in seinem Lehr- 
buch der gerichtlichen Psychiatrie S.345: „Die sexuellen Anomalien 
müssen in zweifacher Hinsicht gewürdigt werden. Einmal wird durch 
sie die sexuelle Seite des Ehelebens direkt berührt und auch auf diese 
nimmt das Gesetz Bücksicht; und dann ist zu befürchten, daß bei 
erhaltener Potenz die Anomalie in gleicher oder ähnlicher Form 
bei den Deszendenten auftritt." 



— 26 — 



Während § 1833 die Anfechtung der Ehe nur wegen 
Irrtums über persönliche Eigenschaften gestattet, läßt 
§ 1334 die Anfechtung zu wegen Irrtums nicht bloß 
über persönliche Eigenschaften, sondern über alle Um- 
stände, die bei Kenntnis der Sachlage und bei verstän- 
diger Würdigung des Wesens der Ehe von der Eingehung 
der Ehe abgehalten haben würden, falls der Irrtum durch 
arglistige Täuschung hervorgerufen worden ist. 

Insofern es sich daher um Irrtum über eine persön- 
liche Eigenschaft handelt, also bei der Anfechtung wegen 
Homosexualität, ist § 1334 praktisch für die Anfechtung 
ohne Bedeutung, da eine Anfechtung ohne Rücksicht auf 
arglistige Täuschung schon auf Grund des Irrtums mög- 
lich ist. 

Würde man dagegen die Homosexualität nicht für 
eine persönliche Eigenschaft im Sinne des § 1333 halten, 
dann wäre die Anfechtung wegen Irrtums nur beim Vor- 
handensein der Voraussetzungen des § 1334 zulässig, 
d. h. der Irrtum müßte durch arglistige Täuschung 
hervorgerufen sein. Demnach müßte in erster Linie der 
homosexuelle Ehegatte bei Eingehung der Ehe Kenntnis 
von seiner Homosexualität gehabt haben. Nicht immer 
aber würde schon die Tatsache dieser bloßen Kenntnis 
auf arglistige Täuschung schließen lassen, z. B. wenn 
der Homosexuelle sich keine deutliche Rechenschaft seiner 
Anomalie und ihrer Wichtigkeit für das Eheleben gibt; 
sein Verhalten müßte sich vielmehr als eine absicht- 
liche Täuschung des Willensentschlusses des Gegners 
durch Vorspiegelung falscher oder Entstellung oder Unter- 
drückung wahrer Tatsachen charakterisieren (also durch 
die Vorspiegelung, er sei heterosexuell, durch Unter- 
drückung der Tatsache seiner Homosexualität. 1 ) 



J ) Vgl. Endemann, Bd. I, § 73, S. 312. 



— 27 — 



Kapitel IL 
Ehescheidung. 

Die Homosexualität kann von besonderer Wichtig- 
keit iür die Frage der Ehescheidung werden. Während 
eine Aufhebung der Ehe gemäß § 1333 eine Nichtig- 
keitserklärung der Ehe bedeutet, d. h. bewirkt, daß die 
Ehe als nie geschlossen gilt, hat die Ehescheidung 
nur zur Folge, daß die Ehe durch das Urteil aufgelöst 
wird, an der Gültigkeit der Ehe bis zur Scheidung wird 
dagegen nichts geändert. Nichtigkeitserklärung und Schei- 
dung der Ehe haben demgemäß auch verschiedene prak- 
tische Wirkungen. 

Der während der Ehe gepflogene gleichgeschlecht- 
liche Verkehr bildet einen Scheidungsgrund einmal gemäß 
§ 1565 B.G.B., wonach ein Ehegatte auf Scheidung klagen 
kann, wenn der andere Ehegatte sich des Ehebruchs 
oder einer nach den §§ 171, 175 St.G.B. strafbaren Hand- 
lung schuldig macht. Wird ein unter § 175 fallender 
Verkehr nachgewiesen, so muß die Ehescheidung auf An- 
trag des anderen Teiles hin ausgesprochen werden, denn 
die in § 1565 B.G.B, angeführten Fälle stellen absolute 
Scheidungsgründe dar. Da nach den Entscheidungen des 
Reichsgerichts unter widernatürlicher Unzucht im Sinne 
des § 176 St.G.B. nicht nur inmissio penis in anum, son- 
dern auch sogenannte beischlafsähnliche Handlungen ge- 
meint sein sollen, so müssen auch die letzteren Handlungen 
als Scheidungsgrund anerkannt werden, dagegen wird 
gegenseitige Onanie, weil nicht unter § 175 fallend, keinen 
Scheidungsgrund nach § 1565 B.G.B, abgeben. Weil ferner 
die Handlung eine solche sein muß, die den Tatbestand 
des § 175 erfüllt, so erfordert sie eine schuldhafte Be- 
gehung im strafrechtlichen Sinne; wenn demnach auch 
eine dem objektiven Tatbestand des § 175 entsprechende 



~ 28 — 



Handlung vorliegt, aber die subjektive Seite, z. B. wegen 
Unzurechnungsfähigkeit, fehlt, ist die Ehescheidung auf 
Orund § 1565 B.G.B, unzulässig. Hierbei ist aber der 
Zivilrichter an eine Entscheidung des Strafrichters, welcher 
einen Homosexuellen des Vergehens gegen § 175 St G.B. 
lediglich wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen 
hatte, nicht gebunden, er kann vielmehr die subjektive Seite 
frei würdigen und zur Annahme gelangen, daß der Be- 
klagte für das strafbare Vergehen gegen § 175 verant- 
wortlich zu machen ist und daß demgemäß die Voraus- 
setzungen des § 1565 B.G.B, gegeben sind. Ist die Tat ver- 
jährt, d. h. sind 5 Jahre seit der Begehung verstrichen, 
und hatte der klagende Teil keine Kenntnis von der 
strafbaren Handlung des Beklagten (bezw. hatte er noch 
innerhalb 6 Monate nach erlangter Kenntnis Eheschei- 
dungsklage erhoben, 1 ) so kann die homosexuelle Hand- 
lung trotzdem noch als Ehescheidungsgrund benutzt wer- 
den, da richtiger und herrschender Auffassung nach die 
Verjährung nur den Strafanspruch des Staates, nicht aber 
die Rechtswidrigkeit der Handlung beseitigt. 2 ) 

Das Recht auf Scheidung ist ausgeschlossen, wenn 
der Ehegatte der homosexuellen Handlung zugestimmt 
hat Diese Zustimmung kann ausdrücklich oder still- 
schweigend erfolgen. Eine stillschweigende Zustimmung 
ist unter Umständen schon dann' anzunehmen, wenn die 
Frau den fortgesetzten homosexuellen Verkehr ihres 
Mannes kennt und trotzdem keinen Einspruch dagegen 
erhebt und nicht auf Abstellung des Verkehrs drängt, 
ihn also geradezu duldet. 



*) Die Scheidungsklage muß in den Fällen der §§ 1565 bis 
1568 binnen 6 Monaten von dem Zeitpunkte an erhoben werden, 
in dem der Ehegatte von dem Scheidungsgrunde Kenntnis erlangt 
(§ 1571, Satz 1). 

2 ) Liszt, Lehrbuch des Strafrechts, S. 263 (6. Aufl.). — 
Kries, Lehrbuch des deutschen Strafprozeßrechts, S. 8. 



— 29 — 



Derartige Ehen, in welchen die Frau den gleichge- 
schlechtlichen Verkehr ihres Mannes kennt und aus den 
verschiedensten Motiven (aus Furcht vor Skandal, aus 
Gleichgültigkeit oder aus dem Streben, ihrerseits freie 
Hand zu haben, sogar aus Verständnis für die Natur 
des Mannes) nicht dagegen einschreitet, sind nicht selten. 

Die Frau kann selbstverständlich jeden Augenblick 
ihre Zustimmung zurücknehmen, bezw. indem sie Ein- 
spruch erhebt, ihre Mißbilligung zu erkennen geben. Auf 
den von diesem Augenblick an fortgesetzten homosexuellen 
Verkehr kann sie dann die Ehescheidungsklage stützen. 
Sie muß aber ernstlich ihren Willen auf Unterlassung 
des Verkehrs kundgetan haben; ihr Protest, der nach 
längerer früherer Duldung erfolgt, darf sich nicht als 
ein bloß formeller, als ein lediglich der Ehescheidungs- 
klage halber erhobener Scheinprotest darstellen. 

Die homosexuelle Handlung kommt dann im Ehe- 
scheidungsrecht noch in Betracht im Hinblick auf § 1568 
B.G.B. Absatz 1 des Paragraphen lautet: 

„Ein Ehegatte kann auf Scheidung klagen, wenn der 
andere Ehegatte durch schwere Verletzung der durch die 
Ehe begründeten Pflichten oder durch ehrloses und un- 
sittliches Verhalten eine so tiefe Zerrüttung des ehelichen 
Verhältnisses verschuldet hat, daß dem Ehegatten die 
Fortsetzung der Ehe nicht zugemutet werden kann." 

Dieser Paragraph ist wichtig für diejenigen Fälle, 
wo ein unter den § 175 StG.B. fallender Verkehr nicht 
vorliegt, bezw. nicht nachweisbar ist, sondern lediglich 
gegenseitige Onanie feststeht; ferner in allen Fällen homo- 
sexuellen Verkehrs der Ehefrau, da in allen diesen Fällen 
ein Ehescheidungsgrund gemäß § 1565 oder einem 
sonstigen Paragraphen nicht gegeben ist. 

Die Vornahme homosexueller Handlungen muß zweifel- 
los mindestens als eine schwere Verletzung der durch die 
Ehe begründeten Pflichten betrachtet werden, da jeder 



— 30 — 



Ehegatte durch Eingehung der Ehe zu unverbrüchlicher 
Treue dem anderen Ehegatten gegenüber und zu dem 
Verzicht auf irgend welchen außerehelichen Geschlechts- 
verkehr sich verpflichtet; der gleichgeschlechtliche Ver- 
kehr des verheirateten Ehegatten wird aber auch meist 
als ehrloses und unsittliches Verhalten zu bezeichnen sein. 
Eine Pflichtverletzung oder ein ehrloses und unsittliches 
Verhalten liegt nur vor, wenn sie verschuldet sind, also 
wenn die Handlung, die eine solche Bezeichnung ver- 
dienen soll, in zurechnungsfähigem Zustande begangen 
worden ist. 1 ) Freisprechung des homosexuellen Ehe- 
gatten im Strafprozeß wegen der auf der Homosexualität 
gegründeten Unzurechnungsfähigkeit wird gewöhnlich auch 
den Zivilrichter veranlassen, die Verschuldung zu ver- 
neinen, prinzipiell aber ist nicht ausgeschlossen, daß der 
Zivilrichter zu einem anderen Schlüsse gelangt und den 
Homosexuellen für die Begehung der homosexuellen 
Handlung als verantwortlich behandelt. 

Bei dem Begriff „verschuldet hat" des § 1568 darf 
man selbstverständlich nicht die Verschuldung wegen des 
Bestehens der Homosexualität an und für sich für aus- 
geschlossen erachten. Die Homosexualität ist allerdings 
nicht verschuldet, ebensowenig wie der normale Trieb an 
sich, aber die Handlungen, die während der Ehe zur 
Befriedigung des homosexuellen Triebes vorgenommen 
werden, sind ebenso verschuldet, wie die Handlungen des 
Heterosexuellen, durch welche er die eheliche Treue 
bricht. Der normale Ehegatte erhält allerdings in der 
Ehe, bei deren Eingehung vorausgesetzt wird, daß er 
eine von ihm geliebte Person heiratet, die gesetzlich 
sanktionierte Gelegenheit, seinen Trieb in einer staatlich 



l ) Davidson, Das Recht der Ehescheidung nach 
dem B.G.B., S. 23, Anm., und die dort zitierten Entscheidungen 
des Reichsgerichts. 



— 31 — 



anerkannten Form seiner Natur gemäß zu befriedigen, 
während der Homosexuelle in der Ehe nicht diese Ge- 
legenheit findet und die Ehe für ihn den Charakter, den 
sie für den Normalen hat, gar nicht besitzen kann. Durch 
die Eingehung der Ehe bindet er sich aber freiwillig und 
verspricht eheliche Treue; seine Untreue ist verschuldet, 
wenn sie auch moralisch entschuldbarer erscheint, als der 
Ehebruch des Normalen. 

Durch die Verschuldung muß eine so tiefe Zerrüt- 
tung des ehelichen Verhältnisses herbeigeführt worden 
sein, daß dem Ehegatten die Fortsetzung der Ehe nicht 
zugemutet werden kann. Hiermit ist dem richterlichen 
Ermessen ein weiter Spielraum gelassen; es besteht kein 
Zwang für den Richter, im Gegensatz zu § 1565, bei 
einem im Kähmen des § 1568 in Betracht kommenden 
homosexuellen Verkehr wegen des letzteren an und für 
sich die Ehescheidung auszusprechen, sondern nur dann, 
wenn die in § 1568 geforderte Zerrüttung der Ehe be- 
steht. Wann eine solche anzunehmen ist, wird ganz von 
den Umständen, von der Häufigkeit des homosexuellen 
Verkehrs, von dem Anlaß der Verübung usw. abhängen. 

Obgleich der homosexuelle Verkehr dem Konträren 
weniger zur Schuld anzurechnen ist, als die Untreue eines 
Normalen mit einer Frau, so wird er doch in der Regel 
leichter eine Zerrüttung der Ehe, wie sie § 1568 vor- 
sieht, hervorbringen. Alle oben im ersten Abschnitt 
Kapitel I über die Wichtigkeit der Homosexualität für 
den Bestand der Ehe entwickelten Gesichtspunkte sind 
auch hier in Rücksicht zu ziehen. Andererseits wird 
sogar mehrmaliger gleichgeschlechtlicher Verkehr eines 
Homosexuellen nicht notwendigerweise eine die Eheschei- 
dung rechtfertigende Zerrüttung zur Folge haben, so 
z. B. könnte es sein, daß die Anwendbarkeit des § 1568 
verneint würde, wenn der Homosexuelle nur zufällig und 
bei besonderen Gelegenheiten seinem Triebe unterlegen 



— 32 — 



wäre, seine Schwäche aber bereute und stets ernstlich 
gegen seine Neigung angekämpft hätte; umgekehrt liegt 
die Möglichkeit vor, daß man bei einem auch nur ein- 
maligen gleichgeschlechtlichen Verkehr eines Normalen, 
z. B. aus Gewinnsucht, die Voraussetzungen des § 1568 
als. gegeben erachten und die Scheidung bewilligen 
würde. 

Bei den schon vor 1900 geschlossenen Ehen ist die 
Scheidung wegen einer in den §§ 1565 — 1568 B.G.B, 
bezeichneten Verfehlung, also auch wegen gleichgeschlecht- 
lichen Verkehrs nur zulässig, wenn die Verfehlung auch 
nach den bisherigen Gesetzen einen Scheidungsgrund 
bildete (Art. 201 E.G. z. B.G.B.). 

Der gleichgeschlechtliche Verkehr war nun nach den 
meisten Rechten dem Ehebruch gleichgestellt und galt 
wie dieser als absoluter Scheidungsgrund, so nach dem 
preußischen Landrecht, dem sächsischen Landrecht, der 
Doktrin des katholischen und protestantischen Kirchen- 
rechts. 

Nach dem Code civil dagegen bildet gleichgeschlecht- 
licher Verkehr keinen absoluten Scheidungsgrund, jedoch 
fällt er meist unter den Begriff der die Scheidung zu- 
lassenden „groben Beleidigung". In den Fällen, in denen 
gleichgeschlechtliche Handlungen vom Richter als Pflicht- 
verletzung oder unsittliches oder ehrloses Verhalten nach 
§ 1568 B.G.B, aufgefaßt werden, wird auch so gut wie 
stets eine grobe Beleidigung im Sinne des Code civil 
vorliegen und daher die Ehescheidung in diesem Falle 
statthaft sein. 



— 33 



Zweiter Abschnitt 



Homosexualität und Entziehung des 
Pflichtteils 

(bezw. des standesgemäfsen Unterhalts). 

Die Homosexualität kann eine Rolle spielen bei der 
Entziehung des Pflichtteils. 

Der Pflichtteil, d. h. die Hälfte des gesetzlichen Erb- 
teils, die Aszendenten ihren Abkömmlingen, Kinder ihren 
Eltern und der eine Ehegatte dem anderen hinterlassen 
müssen, kann aus gewissen Gründen den Pflichtteils- 
berechtigten entzogen werden. 

Unter diesen Gründen, welche den Erblasser zur 
Entziehung des Pflichtteils gegenüber einem Abkömmling 
berechtigen, wird in § 2333 Nr. 5 B.G.B. der Fall genannt: 
„Wenn der Abkömmling einen ehrlosen oder unsittlichen 
Lebenswandel wider den Willen des Erblassers führt" 
Nach den bisherigen Auffassungen über gleichgeschlecht- 
lichen Verkehr bedeutete die Vornahme homosexueller 
Handlungen eine besonders schwere UnsitÜichkeit, ein 
scheußliches Laster, eine von Verrohung und Gemeinheit 
zeugende Gesinnung, eine weit schlimmere Handlung, als 
außereheliche Geschlechtsakte mit Personen des anderen 
Geschlechts. Im Bannkreis dieser veralteten Anschauungen 
würde man daher wohl geneigt sein, weit leichter in der 
Begehung homosexueller Handlungen einen unter den 
§ 2333 Nr. 5 fallenden unsittlichen Lebenswandel anzu- 
nehmen, als wenn es sich bloß um heterosexuelle Dinge 
handelte; ja es bestünde wohl die Möglichkeit, daß man 
eine einzelne homosexuelle Handlung, namentlich wenn 

Jahrbuch VI. 3 



— 84 — 



sie zu eiiyar gerichtlichen Verurteilung geführt hätte, für 
die Anwendung des § 2383 Nr. 5 als hinreichend er- 
achten könnte. 

Bei der Auslegung des § 2333 Nr. 5 und des Be- 
griffes „unsittlicher Lebenswandel" darf man nun selbst- 
verständlich nicht diese veralteten unrichtigen Anschau- 
ungen zu Grunde legen und auch letzt willige Verfügungen 
von Erblassern, die, mit den neueren Forschungen un- 
bekannt, in diesen Irrtümern befangen waren, berück- 
sichtigen. Wenn konträre Sexualempfindung des Ab- 
kömmlings vorliegt, so ist davon auszugehen, daß die 
homosexuelle Handlung aus der homosexuellen Natur 
fließt und nicht anders zu beurteilen ist, als die hetero- 
sexuelle Handlung des Normalen. Deshalb wird in der Vor- 
nahme einer vereinzelten homosexuellen Handlung kaum 
ein unsittlicher Lebenswandel zu erblicken, insbesondere 
einer Verurteilung aus § 175 StGLB. kein besonderes Ge- 
wicht für die Anwendung des § 2333 Nr. 5 B.G.B, beizu- 
messen sein, da sie keineswegs einen Beweis für einen 
unsittlichen Lebenswandel liefert; denn gerade der Un- 
erfahrene, der Neuling, der, welcher mit der homo- 
sexuellen Welt unbekannt ist, wird am leichtesten in 
strafrechtliche Konflikte geraten und, von seinem Triebe 
überwältigt, am ehesten ohne Überlegung und Berech- 
nung sich vielleicht an einem Normalen vergreifen. 1 ) 

l ) Wenn Endemann, B.G.B., Bd. III, S. 618, Anm. 25, sagt: 
Die allgemeinen Sittenanschauungen müßten maßgebend sein bei 
der Entscheidung der Frage, ob ein unsittlicher Lebenswandel im 
Sinne des § 2333 Nr. 5 vorliegt, so ist dies, auf die Anschauungen 
über Homosexualität angewandt, dahin zu berichtigen, daß die auf 
veralteten Vorurteilen beruhenden Anschauungen nicht maßgebend 
sind, auch wenn sie in weiten Kreisen noch herrschen. Daher 
ist auch sein Beispiel für die Anwendung des § 2333 Nr. 5, „näm- 
lich der Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte infolge gerichtlichen 
Urteils", für den Fall nicht im allgemeinen richtig, daß die Ver- 
urteilung wegen Vergehens gegen § 175 StG.B. erfolgte. — Vgl. 



— 85 — 



Ein unsittlicher Lebenswandel im Sinne des § 2333 
Nr. 5 wird ungefähr unter denselben Voraussetzungen an- 
zunehmen sein, unter denen man einen solchen bei hetero- 
sexuellem Verkehr bejahen würde. Also z. B. wenn der 
Homosexuelle ohne Kücksicht auf Stellung und Stand 
einen fortgesetzten ausschweifenden, allgemein Ärgernis 
erregenden Verkehr pflegt, mit verdächtigen Burschen 
kneipt und zusammenlebt, u. dgl. 

Faßt man die konträre Sexualempfindung mit der 
herrschenden Anschauung als krankhafte Erscheinung auf, 
dann wird man in der Beurteilung eines homosexuellen 
Lebenswandels noch milder sein und das Verhalten des 
Homosexuellen nicht gleich dem des Heterosexuellen, 
sondern weniger streng beurteilen; denn wenn die 
Homosexualität krankhaft ist, so wird man weniger leicht 
als bei Heterosexuellen aus einer maßlosen, zu Exzessen 
führenden Betätigung des Geschlechtstriebes von einem 
unsittlichen Lebenswandel sprechen dürfen. 

Unter den gleichen Umständen, die gemäß § 2333 
Nr. 5 den Erblasser berechtigen, den Abkömmlingen den 
Pflichtteil zu entziehen, braucht er ihnen gemäß § 1611 
Abs. 2 auch nur den notdürftigen, anstatt den standes- 
gemäßen Unterhalt zu gewähren. Hier gilt bezüglich 
„des unsittlichen Lebenswandels" das eben über den 
§ 2333 Nr. 5 Gesagte. 



auch den Ausspruch von Heller in der Deutschen Juristen- 
Zeitung, Nr. 5, 1902, S. 246: „Irrtümliche Volksauffassungen sind 
durch Aufklärung zu bekämpfen, aber nicht in der Gesetzesaus- 
legung zu berücksichtigen/ 1 



3* 



— 36 — 



Dritter Abschnitt. 



Homosexualität und Handlungsfähigkeit. 

Die Frage des Einflusses krankhafter Störung der 
Geistestätigkeit ist im Zivilrecht keine völlig einheitliche, 
sie macht bei allen drei Rechtsbegriffen, Deliktsfähigkeit, 
Geschäftsfähigkeit und Entmündigung, eine besondere Er- 
örterung notwendig. Sie läßt sich nicht einfach durch 
eine Untersuchung darüber erschöpfen, ob Zurechnungs- 
oder Unzurechnungsfähigkeit besteht. In jedem Falle ist 
zu prüfen, ob die konträre Sexualempfindung die gesetz- 
lichen Erfordernisse erfüllt, welche gerade die Delikts- 
fähigkeit oder die Geschäftsfähigkeit ausschließen oder 
die Entmündigung begründen. 1 ) 



Kapitel I. 

Die Deliktsfähigkeit 

Wer durch eine unerlaubte Handlung, wie sie die 
§§ 823 — 826 B.G.B, vorsehen, einen Schaden verursacht 
(also außerhalb des Vertragsrechts), z. B. Leben, Gesund- 
heit, Eigentum vorsätzlich oder fahrlässig verletzt, ist 
zum Ersatz des Schadens verpflichtet Nach § 827 B.G.B. 

*) Mit Unrecht erklären manche Autoren, so z. B. Holder, 
Kommentar zum B.G.B., Erläuterung 3 zu § 104, sowie Stau- 
dinger, B.G.B., zu § 6 IA 4d, die Voraussetzungen der Ent- 
schädigung wegen Geisteskrankheit für die gleichen wie diejenigen 
der Geschäftsunfähigkeit. 



— 37 — 



ist dagegen derjenige für den Schaden nicht verantwort- 
lich, welcher im Zustand der Bewußtlosigkeit oder in 
einem die freie Willensbestimmung ausschließenden Zu- 
stand krankhafter Störung der Geistestätigkeit einem an- 
deren Schaden zufügt Der Unzurechnungsfähige braucht 
also den von ihm angerichteten Schaden grundsätzlich 
nicht zu ersetzen. 1 ) 

Der § 827 spricht von einem Zustand der Bewußt- 
losigkeit und von einem die freie Willensbestimmung 
ausschließenden Zustand krankhafter Störung der Geistes- 
tätigkeit Die Bewußtlosigkeit als Grund für die An- 
nahme mangelnder Verantwortung werde ich nicht weiter 
erörtern; denn eine Bewußtlosigkeit wird die Homo- 
sexualität an und für sich nie erzeugen; im bewußtlosen 
Zustand ausgeführte, auf der Grundlage der konträren 
Sexualempfindung beruhende Handlungen werden nur im 
alkoholischen Rauschzustand oder im epileptischen Zu- 
stand vorkommen, also in Fällen, wo diese Zustände 
die Ursache der Bewußtlosigkeit bilden und letztere nicht 
spezifisch der Homosexualität zuzuschreiben ist. 2 ) 

Dagegen erfordert der im § 827 weiter vorgesehene 
Zustand der krankhaften Störung der Geistestätigkeit 
welche die freie Willensbestimmung ausschließt, eine 
nähere Prüfung. 

Verlangt wird: 1. Eine krankhafte Störung der 
Geistestätigkeit 

Sieht man in der konträren Sexualempfindung eine 
krankhafte Erscheinung, dann ist sie auch als eine krank- 
hafte Störung der Geistestätigkeit zu bezeichnen. Die 



l ) Die Ausnahme des § 829, wonach der Ersatz des Schadens 
gleichwohl unter bestimmten Voraussetzungen aus dem Vermögen 
des unzurechnungsfähigen Schädigers verlangt werden kann, än- 
dert an dem Prinzip des § 827 B.G.B, an und für sich nichts und 
ist für die folgende Untersuchung nicht weiter von Belang. 

*) Vgl. Moll, Die konträre Sexualempfindung, S. 478. 



— 38 - 

meisten Ärzte geben dies auch zu, Moll insbesondere, 
der das Vorkommen der Homosexualität als isoliertes 
Symptom anerkennt, faßt sie stets als Störung der Geistes- 
tätigkeit im weiteren Sinn auf.* Der Kontrektations- 
trieb als ein psychisches Symptom falle unter den 
Begriff der Geistestätigkeit, der homosexuelle Kontrekta- 
tionstrieb sei krankhaft, deshalb läge krankhafte Störung 
der Geistestätigkeit vor, auf eine Störung der Intelligenz 
sei der Begriff nicht zu beschränken. 1 ) 

Mit der Feststellung, daß eine krankhafte Störung 
der Geistestätigkeit vorliegt, ist aber noch nicht die Un- 
zurechnungsfähigkeit festgestellt, vielmehr muß noch das 
zweite Erfordernis des § 827 hinzukommen, nämlich daß 
durch die Störung die freie Willensbestimmung ausge- 
schlossen werde. 

Die meisten Arzte sind nun der Meinung, daß die 
konträre Sexualempfindung nur selten zur völligen Be- 
seitigung der Zurechnungsfähigkeit führe. Sowohl die- 
jenigen, welche die Homosexualität nur als Symptom eines 
Komplexes krankhafter Erscheinungen, als Zeichen einer 
allgemeinen Degeneration betrachten, als auch diejenigen, 
welche, wie Moll, das Vorkommen der konträren Sexual- 
empfindung als alleinige krankhafte Erscheinung annehmen. 

Die Möglichkeit aber, daß die Homosexualität 
unter Umständen die Zurechnungsfähigkeit ausschließe, 
wird von den meisten Ärzten anerkannt. So haben be- 
sonders Schaefer 2 ) und Moll 8 ) die Ansicht vertreten, daß 

l ) Moll, Die konträre Sexualempfindung, S.473;Unter- 
suchungen über die Libido sexualis, Bd. I, Tl. 2, S. 735. 

*) Schaefer, Über die forensische Bedeutung der 
konträren Sexualempfindung, in der Vierteljahrsschrift 
für gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitätswesen, 
Bd. XVII, Heft 2, S. 290—303. 

8 ) Moll, Die konträre Sexualempfindung, S. 474, und 
Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, Tl. 2, 
S. 727—812. 



— 39 — 



der konträren Sexualempfindung unter Umständen die 
Kraft zukomme, die freie Willensbestimmung auszu- 
schließen. Diese Auffassung hat Moll ganz eingehend 
und in wissenschaftlich schöner Weise entwickelt. 1 ) 



*) Beide, Schaefer und namentlich Moll, nehmen solche Un- 
zurechnungsfähigkeit infolge konträrer Sexualempfindung nur in 
seltenen Ausnahmefällen an, dabei gehen sie davon aus, daß es 
sich um krankhaft gesteigerte Triebe handeln müsse. Sie betonen 
also die Krankhaftigkeit der Triebstärke, demnach schließt eigent- 
lich auch nach ihnen nicht die Homosexualität an und für sich die 
Zurechnungsfähigkeit aus. Unter Betonung der Notwendigkeit der 
Feststellung ganz außergewöhnlicher Triebstärke bin auch ich der 
Ansicht, daß unter Umständen solche Stärke des Triebes die Un- 
zurechnungsfähigkeit zur Folge haben kann, nur ist dann eben 
die krankhafte Erscheinung die Stärke des Triebes, nicht die 
Homosexualität an und für sich. Solche krankhafte Triebstärke 
kann aber ebensogut bei normaler Triebrichtung vorkommen, also 
ergibt sich wieder das Resultat, daß der Grund für die Annahme 
der Unzurechnungsfähigkeit nicht in der Homosexualität als solcher 
zu erblicken ist. 

Eins muß allerdings betont werden, daß die Homosexualität 
sich durchschnittlich mit größerer Stärke geltend macht, als die 
Heterosexualität (was wohl zum Teil auf die infolge der allge- 
meinen Ächtung des gleichgeschlechtlichen Triebes vorhandene 
größere Schwierigkeit seiner Befriedigung zurückzuführen ist), und 
deshalb Fälle krankhaften geschlechtlichen Reizes häufiger bei 
Homosexuellen, als bei Heterosexuellen zu finden sein mögen oder 
mindestens wegen des leichteren Konflikts der Homosexuellen mit 
dem Gesetz und den sozialen Anschauungen häufiger bekannt und 
eher Anlaß zur Untersuchung der Frage geben werden. 

Wegen dieser größeren Stärke des homosexuellen Triebes 
darf man aber den Trieb selbst nicht als einen krankhaften be- 
trachten. Zwischen Moll und mir besteht also der Unterschied, 
daß er den homosexuellen Trieb als solchen für krankhaft hält 
und daher bei vorhandener anormaler Stärke dann eher zur Prä* 
sumption der Unzurechnungsfähigkeit gelangt, während er bei der 
normalen Liebe auch beim Vorhandensein anormaler Stärke be- 
sonderen Nachweis für die Unzurechnungsfähigkeit verlangen muß, 
weil eben hier festzustellen sind: 1. krankhafte Störung der 
Geistestätigkeit, 2. derartiger Grad, daß die freie Willensbestim- 



— 40 — 



Bei dieser Frage nach dem Ausschluß der freien 
Willensbestimmung wird man zunächst nach einer Er- 
läuterung des Begriffes „Ausschluß der freien Willens- 
bestimmung" suchen müssen. 

Es ist hier nicht der Ort, die Frage der Willens- 
freiheit und -Unfreiheit, des Indeterminismus und Deter- 
minismus zu erörtern. 

Der Entscheidung dieser Streitfrage bedarf es für 
den Zweck dieser Arbeit nicht. Nur muß allerdings ins 
Auge gefaßt werden, daß man — mag man dem Deter- 
minismus oder dem Indeterminismus huldigen — mit 
dem Begriff der Freiheit des Willens, der freien Willens- 
bestimmung nichts oder wenig anfangen kann. Auch die 
Umschreibungen der freien Willensbestimmung mit regel- 
mäßiger Bestimmbarkeit durch Vorstellungen 1 ) oder mit 
normalem, vernunftgemäßem Willen 2 ) ergeben sehr dehn- 
bare Definitionen und führen zu einer allzu häufigen An- 



mung ausgeschlossen ist. Bei der Homosexualität bedarf Moll 
dagegen nicht des besonderen Nachweises der krankhaften Stö- 
rung der Geistestätigkeit, sondern nur desjenigen sub 2. 

Für mich müssen nicht nur beim hetero-, sondern auch beim 
homosexuellen Trieb beide Voraussetzungen nachgewiesen werden, 
also auch bei der Homosexualität muß Krankhaftigkeit der Trieb-, 
stärke oder sonstige ausnahmsweise Krankhaftigkeit der Homo- 
sexualität, die eine krankhafte Störung der Geistestätigkeit be- 
deutet, festgestellt werden, und zwar eine solche, welche einen 
die freie Willensbestimmung ausschließenden Grad aufweist. 

Praktisch wird der Unterschied nicht groß sein, weil ja auch 
Moll nur in seltenen Ausnahmefällen Unzurechnungsfähigkeit in- 
folge konträrer Sexualempßndung annimmt und auch er eine be- 
sondere Hyperästhesie des Triebes fordert, durch welche die 
Freiheit des Willens beseitigt wird. 

') Liszt, Lehrbuch des deutschen Straf rechts, 6. Aufl., 
§ 38, S. 141. — Über Liszts Definition vgl. Mo Iis Bedenken in 
seinen Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, 
Tl. 2, S. 814 und 815. 

2 ) Endemann, Lehrbuch des B.G.B., Bd. I, S. 149. 



— 41 — 



nähme der Unzurechnungsfähigkeit. Am besten scheint 
mir noch die von Moll gegebene Begriffsbestimmung: 
Der Ausschluß der freien Willensbestimmung durch eine 
krankhafte Störung der Geistestätigkeit sei dann anzu- 
nehmen, wenn die Störung eine solche sei, daß die 
Gegenmotive, welche die Handlung unterdrücken, nicht 
geweckt werden oder nicht wirken können. 1 ) 

Selbstverständlich gibt auch diese Umschreibung 
keine Formel, mit welcher alle Schwierigkeiten leicht zu 
lösen wären. 

Aber diese Definition dürfte doch eine Handhabe von 
größerer Sicherheit gewähren zur Feststellung, ob Zu- 
rechnungsfähigkeit besteht oder nicht. Zur Lösung der 
Frage im Einzelfall kommen dann noch folgende Momente 
in Betracht 

Zunächst ist zu berücksichtigen die Art und der 
Grad der krankhaften Erscheinung. 

Gewisse Geisteskrankheiten lassen sofort die Unzu- 
rechnungsfähigkeit vermuten, gewisse typische, schwere 
Krankheitsbilder schließen unbedingt die Verantwortlich- 
keit aus. Wenn neben oder als Teil solcher typischen, 
schweren Krankheitsbilder, einer Paranoia, einer Mania, 
einer progressiven Paralyse, Homosexualität einhergeht, so 
wird Unzurechnungsfähigkeit bestehen wegen der typischen, 
die Verantwortung ausschließenden Paranoia, Mania usw., 
nicht wegen der Homosexualität. Diese Fälle berühren 
uns hier nicht. Die Homosexualität kommt aber selten 
bei solchen Geisteskrankheiten im engeren Sinne vor, viel- 
mehr bildet sie regelmäßig höchstens nur eine krankhafte 
Erscheinung leichteren Grades. Derartige geistige Er- 
krankungen leichteren Grades, wie die Homosexualität, 
werden aber nur ganz ausnahmsweise die Unzurechnungs- 



*) Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. T, 
Tl. 2, S. 767. 



9 



- 42 — 



fähigkeit nach sich ziehen. Bei ihr muß schon eine be- 
sondere Stärke des Triebes, ein impulsivähnlicher Drang, 
eine durch die Homosexualität völlig beherrschte, krank- 
hafte Psyche vorhanden sein, welche die Handlungen des 
Konträren in abnorm starker und krankhafter Weise be- 
einflußt. Das heißt also: Wenn man auch anerkennt, 
daß die Deliktsfähigkeit infolge des homosexuellen Triebes 
bzw. seiner krankhaften Steigerung ausgeschlossen sein 
kann, so wird man doch niemals von einer unbedingt 
und in abstracto bestehenden Unzurechnungsfähigkeit auf 
Grund des homosexuellen Triebes reden dürfen, vielmehr 
stets nur von Fall zu Fall bei jeder einzelnen konkreten . 
Handlung die Stärke des Triebes und seinen Einfluß auf 
die Psyche des Handelnden ins Auge zu fassen haben. 
Denn nur die genaue Berücksichtigung der tatsächlichen 
Umstände, nicht die Psyche des Handelnden für sich 
allein, ermöglicht die Entscheidung der Frage nach der 
Zurechnungsfähigkeit des Homosexuellen. So kann z. B. 
trotz des gleichen äußeren Verstoßes gegen § 175 St. G.B. 
die Zurechnungs fähigkeit des einen Homosexuellen für 
seine Handlung ganz anders zu beurteilen sein als die- 
jenige eines anderen Homosexuellen. Die Zurechnungs- 
fähigkeit des Homosexuellen, der in einer alle Überlegung 
und alle Gegenmotive zurückdrängenden sinnlichen krank- 
haften Erregung, seinem blinden Drang folgend, sich zu 
einem geschlechtlichen Angriff hinreißen läßt, wird viel- 
leicht zu verneinen sein, während sie bei einer mit kaltem 
Blut und kluger Berechnung ausgeführten, planmäßigen 
Verführung keinem Zweifel unterliegt 

Aber nicht nur die Handlungen verschiedener Per- 
sonen, die beide homosexuell sind, sondern auch ver- 
schiedene Akte ein und desselben Homosexuellen können 
in dem einen Fall in dem Zustand der Unzurechnungs. 
fähigkeit, in dem anderen in dem Zustand der Zurech- 
nungsfähigkeit begangen worden sein. 



— 43 — 



Ich weiß wohl, daß die Psychiatrie im allgemeinen 
abgeneigt ist, die Verantwortung ein und derselben Person 
für gewisse Handlungen anzunehmen und für andere 
zu leugnen. Ich stimme jedoch völlig der Ansicht von 
Moll bei, daß man unbedingt die Möglichkeit partieller 
Zurechnungsfilhigkeit (also Zurechnungsfähigkeit für die 
einen, Unzurechnungsfähigkeit für die anderen Hand- 
lungen) anerkennen muß. 1 ) 

Die Möglichkeit partieller Zurechnungsfähigkeit 
dürften insbesondere folgende Erwägungen rechtfertigen: 
Die Zurechnungsfähigkeit ist von der Motivation abhängig 
und reicht soweit, als die Gegenmotive wirken können. 
Diese Gegenmotive sind je nach den in Betracht kom- 
menden Handlungen verschieden. Demnach ist es nicht 
auffällig, wenn auch die Zurechnungsfähigkeit bei der 
einen Handlung vorhanden ist, bei der anderen fehlt. 

Die Motive, die vqn der Begehung der einen Hand- 
lung abhalten sollen, können mit der Krankheit im engsten 
Zusammenhang stehen, die Krankheit kann gerade nur 

l ) Diese partielle Zurechnungsfähigkeit ist wohl zu unter- 
scheiden von der verminderten Zurecbnungsfähigkeit, welche nicht 
den Ausschluß der Zurechnungsfähigkeit in gewissen Fällen 
bedeutet, sondern das Bestehen der Zurechnungsfähigkeit voraus- 
setzt und nur einer Minderung der Zurechnungsfähigkeit gleich- 
kommt. 

Vgl. die Untersuchungen über die Libido sexualis, 
Bd. I, Tl. 2, 8. 780 u. folg. und die dort S. 782, Anm. 1 u. 2 u. S. 780, 
Anm. 1 — 3 angeführte juristische Literatur. Wegen Anerkennung 
einer „partiellen" Zurechnungsfähigkeit auch zu vgl. Dernburg, 
Pandekten, I, § 56 (letzter Absatz). — Vgl. auch Holder, Kom- 
mentar zum B.G.B., Anm. 3 zu § 104, S. 241: „Die freie Willens- 
bestimmung ist ausgeschlossen, je nachdem das praktische Be- 
dürfnis den Ausschluß rechtfertigt oder nicht." — Bolze, Ent- 
scheidungen des Reichsgerichts, Bd. IV, S. 12, Nr. 41 und 
Bd. II, S. 10, Nr. 23; ferner Dalloz, Repertoire, Dispositions 
entre vifs et testaments, Bd. XVI, Nr. 194, und Suppl. du 
Repertoire, Bd. V, Nr. 74. 



— 44 — 



infolge gewisser bestimmter Reize eine abnorme Reaktion 
hervorrufen, während sie sich bei anderen Reizen nicht 
geltend macht und das Verhalten des Kranken nicht 
beeinflußt oder kaum anders als das des Normalen. 

Wenn man nun schon anerkennt, daß im Strafrecht 
die Unzurechnungsfähigkeit eines Konträrsexuellen für 
eine gegen § 175 verstoßende Handlung nicht notwen- 
digerweise die Unzurechnungsfähigkeit für eine andere 
Handlung zur Folge hat, so wird man noch viel weniger 
die von einem Konträrsexuellen begangene schädliche 
Handlung im Zivilrecht bei der Frage des Schaden- 
ersatzes als die Handlung eines Unzurechnungsfähigen 
betrachten müssen, auch wenn der Betreffende im Straf- 
prozeß wegen Vergehens gegen § 175 auf Grund des 
§51 St.G.B. freigesprochen worden ist. 

Die verschiedenartige Beurteilung des Geisteszustan- 
des des Homosexuellen im Straff und Zivilprozeß kann 
zunächst überhaupt seinen Grund in prozessualen Ge- 
sichtspunkten haben. 

Der Zivilrichter ist an das Urteil des Strafrichters 
nicht gebunden, er hat die gesamte Sachlage nach seinem 
Ermessen zu prüfen, er kann neue Gutachten über den 
Geisteszustand der homosexualen Partei anordnen und 
zur Annahme der Zurechnungsfähigkeit gelangen, trotz- 
dem der Strafrichter das Gegenteil feststellte. Sodann 
ist die Stellung des Konträren im Zivilprozeß eine andere 
als im Strafprozeß. In letzterem ist er Angeklagter und 
es gilt zu seinen Gunsten der Satz : „In dubio pro reo". 
Im Falle von Zweifeln über die Zurechnungsfähigkeit 
müssen ihm die Zweifel zu gute kommen, was Frei- 
sprechung zur Folge hat. Im Zivilprozeß ist er dagegen 
lediglich beklagte Partei, der die klagende Partei gegen- 
übersteht. Wenn er Schaden angerichtet hat und des- 
halb auf Schadenersatz belangt wird, so muß er, um 
sich zu befreien, beweisen, daß er unzurechnungsfähig 



— 45 — 



war, daß die Voraussetzungen des § 827 zur Zeit der 
schädigenden Handlung gegeben waren. 

Der Satz „in dubio pro reo" hat im Zivilrecht 
keinen Sinn, wo es keinen Angeklagten gibt; bloße 
Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit können den vollen, 
im Zivilprozeß regelmäßig dem beklagten Schädiger ob- 
liegenden Beweis der Unzurechnungsfähigkeit nicht er- 
setzen. 

Eine abweichende Beurteilung der Zurechnungs- 
fähigkeit im Straf- und Zivilrecht kann aber auch in 
der Verschiedenheit der in Betracht kommenden Motive 
zu suchen sein. So wird im Zivilrecht insbesondere der 
Gesichtspunkt der „Schädlichkeit" der Handlung im 
Vordergrund stehen und die Frage sich aufwerfen, ob 
nicht das Bewußtsein, daß aus der Handlung für den 
anderen ein körperlicher Schaden entstehen konnte, ein 
wirksames Motiv gegen die Befriedigung des Triebes 
hätte bilden und die aus ihm resultierende Handlung 
hätte verhindern müssen. 

Deshalb steht z B. die Tatsache, daß die Zurech- 
nungsfähigkeit im Strafrecht bezüglich der Begehung 
einer beischlafähnlichen Handlung verneint worden ist, 
nicht der zivilrechtlichen Haftung des Freigesprochenen 
für einen durch Paedicatio einem Dritten zugefügten 
Schaden entgegen, weil die Triebstärke vielleicht nicht 
derart war, daß diese gefährlichere Handlung nicht hätte 
unterbleiben und die Einsicht in diese Gefährlichkeit 
nicht als geeignetes Gegenmotiv hätte wirken können. 

Sodann aber sind überhaupt nicht nur die objek- 
tiven, sondern auch die subjektiven Voraussetzungen für 
die Haftbarkeit wegen zugefügten Schadens im Zivil- 
recht andere, als diejenigen für die Strafbarkeit wegen 
homosexueller Handlungen. Die Haftbarkeit tritt auch 
schon bei bloßer Fahrlässigkeit ein. Daher kann straf- 
rechtlich zwar der Vorsatz verneint werden, nichtsdesto- 



- 46 — 



weniger ist es möglich, daß derselben Handlung eine 
Fahrlässigkeit zu Grunde liegt; eine solche genügt aber 
in dem Fall des § 823 B.G.B., um den Täter für den 
Ersatz des Schadens haftbar zu machen. 

Bei dieser Frage der zivilrechtlichen Verantwortung 
für die Folgen einer schädigenden Handlung sind zwei 
Arten von Fällen zu unterscheiden. Erstens die Fälle, 
wo die Handlung direkt zur Befriedigung des homo- 
sexuellen Triebes oder im Gefolge dieser Befriedigung 
vorgenommen wird, wo sie aus dem organischen Drang 
des Kontrektations- und Detumeszenztriebes hervorgeht, 
z. B. ein Homosexueller steckt einen anderen Mann 
syphilitisch an oder verursacht durch eigentliche Pae- 
dikatio eine körperliche Verletzung. Hier ist die schä- 
digende Handlung direkter Ausfluß der Homosexualität, 
und hier wird man daher den krankhaften Trieb, aus 
dem die Handlung hervorging, unter Umständen für ge- 
eignet erachten, auch die Willensfreiheit bei Begehung 
der Handlung auszuschließen. 

Zweitens die Fälle, wo die schädigende Handlung 
nicht zur direkten Befriedigung des Triebes oder in deren 
Gefolge vorgenommen wird, sondern nur mittelbar mit 
dem Trieb und dessen Befriedigung zusammenhängt; so 
z. B. die Fälle, in denen ein Homosexueller einen Neben- 
buhler aus homosexueller Eifersucht verletzt. 

Während die Fälle der ersteren Art direkten Aus- 
fluß der Homosexualität bilden, während bei ihnen die 
Befriedigung des Triebes die direkte und unmittelbare 
Ursache der Tat darstellt und der Detumeszenz- und 
Kontrektationstrieb oft mit fast organischem Zwang zur 
Handlung drängen, besteht in der zweiten Kategorie von 
Fällen dieser unmittelbare Kausalzusammenhang zwischen 
Trieb und Handlung nicht, resultiert die Handlung nur 
aus homosexuellen psychischen Motiven, die in der Regel 
kaum anders zu beurteilen sein werden, als wenn sie 



— 47 — 



aus heterosexuellen Motiven begangen worden wäre; 
deshalb wird in den ersten Fällen die Zurechnungs- 
fähigkeit weit eher zu verneinen sein, als in den zweiten. 

Allerdings kann auch je nach den Umständen in der 
zweiten Kategorie von Fällen das homosexuelle Motiv, 
aus dem die Handlung entsprang, wegen des krankhaften 
und gesteigerten Trieblebens Unzurechnungsfähigkeit be- 
dingen, aber wohl nur äußerst selten. 

Endlich wird eine Unzurechnungsfähigkeit wegen 
Homosexualität überhaupt nicht in Frage kommen können 
in den Fällen, wo gar kein homosexuelles Motiv mit- 
gewirkt hat, also bei irgend welchen schädigenden Hand- 
lungen eines Homosexuellen, die mit dem Trieb in gar 
keinem Zusammenhang stehen. 

Ein Schriftsteller, Wachenfeld, den ich bisher 
nicht erwähnt habe, will die konträre Sexualempfindung 
bei Handlungen, die nach § 175 strafbar sind, ganz all- 
gemein als Schuldausschließungsgrund gemäß §51 St.G.B. 
gelten lassen. Wachenfeld nimmt in seiner Schrift „Homo- 
sexualität und Strafgesetz" (Leipzig, Dieterichsche Verlags- 
buchhandlung 1901) S. 97—105 an, daß jeder wirkliche 
Konträr-Sexuale (worunter er nur den versteht, bei welchem 
völlige Unmöglichkeit des heterosexuellen Geschlechtsver- 
kehrs besteht) bei Vergehen gegen § 175 als unzurechnungs- 
fähig zu betrachten und daher freizusprechen sei. Die kon- 
träre Sexualempfindung sei ein krankhafter Geisteszustand 
und hindere den Konträrsexuellen an der Strafeinsicht 
homosexueller Handlungen, deipnach lägen die Voraus- 
setzungen des § 51 St. G.B. vor. Diese Auffassung halte 
ich für durchaus unrichtig. Nicht auf das Vorstellungs- 
vermögen ausschließlich, nicht auf die Strafeinsicht kommt 
es an, wie Wachenfeld meint, sondern auf das Willens- 
vermögen, welches durch mangelnde Strafeinsicht nicht 
aufgehoben zu sein braucht, andererseits durch Anomalien 
des Gefühls und Trieblebens beseitigt sein kann. 



— 48 — 



Es ist hier nicht der Ort, die Ansicht Wachenfelds 
des Näheren zu widerlegen, ich verweise in dieser Be- 
ziehung auf meine eingehende Besprechung des Wachen- 
feldschen Werkes in dem Jahrbuch IV, insbesondere auf 
S. 729 — 736. Hier sollen nur die für das Zivilrecht aus 
der Wachenfeldschen Auffassung sich ergebenden Konse- 
quenzen hervorgehoben werden. 

Da nach Wachenfeld für die Frage der Zurechnungs- 
fähigkeit die Strafeinsicht maßgebend ist, so folgert er 
mit Recht, daß der Konträre für alle sonstigen Delikte, 
abgesehen von denen gegen § 175, zurechnungsfähig ist, 
da seine konträre Sexualempfindung seine Strafeinsicht 
bei den übrigen strafbaren Handlungen nicht aufhebe. 
Um so mehr müßte dann angenommen werden, daß der 
Konträre für schädigende Handlungen, mögen sie auch 
unter dem Einfluß der konträren Sexualempfindung be- 
gangen worden sein, zivilrechtlich stets verantwortlich sei 
und niemals sich auf Unzurechnungsfähigkeit berufen 
könne. Denn im Zivilrecht kommt die Strafeinsicht gar 
nicht in Betracht Läßt man das Vorstellungsvermögen 
für die Frage der Zurechnungs&higkeit ausschließlich 
entscheiden, dann ist maßgebend, ob der Konträre bei 
schädigenden Handlungen die Einsicht in die Schädlich- 
keit der Handlung besitzt, diese ist aber von der kon- 
trären Sexualempfindung unberührt und wegen des anor- 
malen Trieblebens nicht beseitigt. 



— 49 — 



Kapitel II. 
Die Geschäftsfähigkeit. 1 ) 

Die Frage des Einflusses geistiger Störungen stellt 
sich bei der Geschäftsfähigkeit etwas anders als bei der 
Verantwortung für unerlaubte Handlungen dar. 

Nach § 104, No. 2 B.G.B, ist geschäftsunfähig: 

„Wer sich in einem die freie Willensbestimmung aus- 
schließenden Zustand krankhafter Störung der Geistes- 
tätigkeit befindet, sofern nicht der Zustand seiner Natur 
nach ein vorübergehender ist." 

Während bei der Deliktsfähigkeit von Fall zu Fall 
untersucht werden muß, ob für die einzelne Handlung 
die Zurechnungsfähigkeit durch einen die freie Willens- 
bestimmung ausschließenden Zustand krankhafter Störung 
der Geistestätigkeit beseitigt ist oder nicht, wird im § 104 
die Geschäftsunfähigkeit ganz allgemein unabhängig von 
einer bestimmten Handlung normiert. Hier wird für die 
Geschäftsunfähigkeit keine Beziehung zu einer bestimmten 
Handlung erfordert, ferner reicht nicht der Nachweis 
einer krankhaften Störung aus, sondern es muß ein 
dauernder Zustand der Unzurechnungsfähigkeit bestehen. 
Wird solch ein dauernder, die Zurechnungsfähigkeit aus- 
schließender Zustand festgestellt, dann liegt Geschäfts- 
unfähigkeit vor. 

Die Willenserklärung eines solchen Geschäftsun- 
fähigen ist aber nach § 105, Abs. 1 nichtig. 

Die konträre Sexualempfindung mag nun zwar an 
und für sich als ein krankhafter dauernder Zustand 
aufgefaßt werden, jedenfalls aber läßt sich dieser Zustand 



*) Nach den Regeln über die Geschäftsfähigkeit beurteilt 
sich auch die Frage der Testierfähigkeit , die nur eine Art der 
Geschäftsfähigkeit darstellt. 

Jahrbuch VI. 4 



— 50 — 



nicht als ein die freie Willenserklärung dauernd 
ausschließender betrachten. Die Homosexualität mag 
unter Umständen die Unzurechnungsfähigkeit für gewisse 
Handlungen zur Folge haben, niemals aber ist sie dazu 
angetan, die Nichtigkeit aller und jeder Willenserklärungen 
des Homosexuellen zu rechtfertigen. 

Wenn nun auch die konträre Sexualempfindung eine 
absolute Geschäftsunfähigkeit nie nach sich zieht, so be- 
steht doch die Möglichkeit, daß man im Einzelfall ge- 
wisse Willenserklärungen infolge der Homosexualität für 
nichtig erklärt und zwar auf Grund des § 105, Abs. 2, 
der lautet: 

„Nichtig ist auch eine Willenserklärung, die im Zu- 
stande der Bewußtlosigkeit oder vorübergehender 
Störung der Geistestätigkeit abgegeben wird." 

Im Gegensatz zu § 104 erfordert § 105, Abs. 2 keinen 
dauernden und keinen krankhaften Zustand. 

Sodann spricht § 105, Abs. 2 auch nicht einmal von 
einer die freie Willensbestimmung ausschließenden 
Störung. Aus der Entstehungsgeschichte des Paragraphen 
ergibt sich aber, daß nur ein redaktioneller Fehler vor- 
liegt und auch in § 105, Abs. 2, ebenso wie in § 104 eine 
die freie Willensbestimmung ausschließende Störung 
verlangt wird. 1 ) 



*) Aus den Protokollen — vgl. Mugdan, Materialien, All- 
gemeiner Teil, S. 674 — geht hervor, daß man von den nach 
§ 104 Unzurechnungsfähigen lediglich diejenigen ausnehmen wollte, 
hei denen die Unzurechnungsfähigkeit nur eine vorübergehende 
ist, um diese bezüglich des Zugehens einer Willenserklärung 
nicht auf die gleiche Stufe mit den dauernd Unzurechnungsfähigen 
zu stellen. Dagegen sollte nicht ein Gegensatz geschaffen werden 
zwischen solchen, deren Willensfreiheit ausgeschlossen ist, und 
solchen, bei denen nur eine bloße Störung der Geistestätigkeit 
geringeren Grades besteht. In beiden Fällen, sowohl des § 104, 
als auch des § 1 05, Abs. 2 muß die Störung einen Grad erreichen, 
der den Ausschluß der freien Willensbestimmung zur Folge hat. 



— 51 — 



Zu einem weiteren Bedenken gibt § 105, Abs. 2 
noch aus einem anderen Grunde Anlaß. 

Da der Paragraph nur von einer vorübergehen- 
den Störung spricht, so läßt sich fragen, ob denn die 
Homosexualität, die jedenfalls keinen vorübergehenden, 
sondern einen dauernden Zustand bildet, unter eine 
Störung im Sinne des § 105, Abs. 2 rubriziert werden darf. 

Diese Frage wird man aber bejahen müssen, nament- 
lich wenn man (wie ich es auch tue) eine partielle Zu- 
rechnungs- und Unzurechnungsfähigkeit, eine partielle 
Geschäftsfähigkeit und Geschäftsunfähigkeit anerkennt.^) 

Denn wenn auch § 105, Abs. 2 in erster Linie 
vorübergehende Störungen, wie Fieber, Delirien, Schlaf- 
trunkenheit, im Auge hat, so muß der Paragraph doch 
auch auf einen dauernden krankhaften Zustand in An- 
wendung gebracht werden, insofern dieser Zustand nur 
vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit, also nur Un- 
zurechnungsfähigkeit für einzelne Willenserklärungen 
nach sich zieht, sonst würde das Ergebnis das sein, daß 
weder nach § 104, noch nach § 105 eine Nichtigkeit der 



— Cosak, Lehrbuch des Deutschen Bürgerlichen Rechts 
auf den Grundlagen des Bürgerlichen Gesetzbuches, 
Bd. I, S. 162, § 55, Nr. 4, definiert gleichfalls die Unzurechnungs- 
fähigkeit des § 105, Abs. 2 als einen Zustand, bei dem die freie 
Willensbestimmung ausgeschlossen ist. — Auch Schultze, in 
dem Lehrbuch der gerichtlichen Psychiatrie, herausge- 
geben von Hoche, Tl. 1, Abschnitt 2, Kap. II, S. 200, hält es für 
selbstverständlich, daß in § 105, Abs. 2 gleichfalls eine die freie 
Willensbestimmung ausschließende Störung der Geistestätig- 
keit gemeint ist. 

*) Über partielle Unzurechnungsfähigkeit s. oben S. 43; ferner 
wegen partieller Geschäfts- und Testierfähigkeit die Zeitschrift 
Das Recht, 25. Januar 1903: „Eine geistige Erkrankung des 
Erblassers steht der Gültigkeit seiner letztwilligen Verfügung 
nicht entgegen, wenn diese von der Erkrankung nicht beeinflußt 
ist" (Urteil des Bayerischen Oberlandesgerichts vom 27. No- 
vember 1902.) 

4* 



— 52 — 



während vorübergehender Unzurechnungsfähigkeit bei 
dauerndem krankhaften Geisteszustand abgegebenen 
Willenserklärungen bestünde und solche Willenserklä- 
rungen als gültig angesehen werden müßten. Mit an- 
deren Worten: Man muß einen Hauptunterschied zwischen 
§ 104 und § 105, Abs. 2 darin sehen, daß § 104 den 
dauernden Ausschluß der freien Willensbestimmung, 
§ 105, Abs. 2 nur den vorübergehenden Ausschluß be- 
trifft, und diese dauernde oder vorübergehende Unzu- 
rechnungsfähigkeit deckt sich nicht mit der Frage der 
dauernden oder vorübergehenden Störung der Geistes- 
tätigkeit, da Störung der Geistestätigkeit noch nicht 
Ausschluß der freien Willensbestimmung bedeutet. 1 ) 

Die Fälle nun, in denen die konträre Sexualempfindung 
bei Abgabe einer Willenserklärung Ausschluß der freien Wil- 
lensbestimmung nach sich zieht, werden äußerst selten sein. 

Hier gilt das Gleiche, wie das oben bezüglich der 
zweiten und dritten Art der unerlaubten Handlungen Aus- 
geführte. Hier in gleichem Maße wie dort besteht kein 
direkter Zusammenhang zwischen Handlung und Trieb. 

Es werden also z. B. Schenkungen oder letztwillige 
Verfügungen eines Homosexuellen an einen Geliebten, 
auch wenn man die Homosexualität als krankhafte Er- 
scheinung betrachtet, nicht ohne weiteres wegen der kon- 
trären Sexualempfindung nichtig sein. Je näher das 
homosexuelle Motiv liegt, je größer seine Stärke, um so 
eher wird man zur Verneinung der Zurechnuiigsfähigkeit 
gelangen können; wo ein homosexuelles Motiv ganz fehlt, 



l ) Planck (B.G.B., zu § 104) will § 105 nur auf Zustände 
vorübergehender Geistesstörungen, die nicht auf Geisteskrankheit 
beruhen, wie Fieberdelirien usw., anwenden, dagegen nicht auf 
vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit, die auf krankhafter 
Psyche beruht, indem er leugnet, daß das B.G.B* partielle Ge- 
schäftsfähigkeit kenne. — Vgl. dagegen Endemann, Bd. I, § 30, 
Nr. 5 und § 35. 



— 53 — 



wird auch von vornherein die Frage der Unzurechnungs- 
fähigkeit wegen Homosexualität zu verneinen sein. 

Wenn auch der Trieb, bezw. seine Befriedigung das 
Motiv des Rechtsgeschäfts bildet, z. B. bei Schenkungen 
an einen Geliebten, Verkäufen, um sich die Mittel zur 
Befriedigung der homosexuellen Leidenschaft" zu ver- 
schaffen usw., so handelt es sich doch in erster Linie 
um einen psychologischen Vorgang, nicht um direkte or- 
ganische Befriedigung des Kontrektations- und Detumes- 
zenztriebes, weshalb hier die konträre Sexualempfindung 
kaum eine andere Rolle wie andere Leidenschaften, z. B. 
die heterosexuelle Liebe, spielt. 1 ) 

Ebenso wie man allgemein anerkennt, daß eine 
Leidenschaft nicht berechtigt, die Unzurechnungsfähig- 
keit anzunehmen, muß man auch davon ausgehen, daß 
die konträre Sexualempfindung nicht Ausschluß der freien 
Willensbestimmung bewirkt. Immerhin wird man aber, 
wenn auch nicht häufig, doch unter Umständen bei 
Willenserklärungen, die unter dem Einfluß der konträren 
Sexualempfindung abgegeben worden sind, eher als in 
den Fällen, wo sonstige Leidenschaften die Erklärung 
veranlaßten, zur Annahme der Unzurechnungsfähigkeit 
gelangen, wenn man die konträre Sexualempfindung als 
eine krankhafte Erscheinung betrachtet. 



*) Vgl. auch Moll, Untersuchungen über die Libido 
sexualis, Bd.I, Tl. 2, S.696: „Es kommt in Frage, ob Schenkungen 
usw. schließlich anfechtbar sind, wenn eine homosexuelle Leiden- 
schaft Veranlassung dazu gegeben hat. Es sei aber bemerkt, daß 
im heterosexuellen Verkehr täglich dasselbe vorkommt. Die Streit- 
frage, wann die Liebe anfängt, pathologisch zu werden, ist zu 
diffizil, als daß ich sie an dieser Stelle erledigen könnte." — Vgl. 
auch Dalloz, Repertoire, Dispositions entre vifs et testa- 
ments, No. 238—242, wo in konstanter Rechtsprechung anerkannt 
wird, daß bloße Leidenschaften regelmäßig keine Ungültigkeit der 
Willenserklärungen bewirken, so auch Dalloz, Nouveau R6p., 
Obligations, No. 350. 



— 54 — 



Im Gegensatz zum Strafrecht ist auch bei Willens- 
erklärungen, ebenso wie bei den unerlaubten Handlungen, 
der Beweis des Ausschlusses der freien Willensbestim- 
mung erschwert, eine Anwendung des im Strafrecht maß- 
gebenden Grundsatzes „in dubio pro reo" kann nicht in 
Frage kommen, ein dem äußeren Anschein nach gültiges 
Geschäft wird bis zum Beweis des Gegenteils, den der- 
jenige, welcher sich auf die Nichtigkeit beruft, genau zu 
erbringen hat, als zu Recht bestehend angesehen. 1 ) 



Kapitel Dl 
Die Entmündigung. 

Die Entmündigung kann erfolgen wegen Geistes- 
krankheit, Geistesschwäche, Verschwendung oder Trunk- 
sucht (§ 6, Nr. 1 — 3 B.G.B.). Hier interessieren hur die in 
§ 6, Nr. 1 erwähnten Fälle der Entmündigung wegen 
Geisteskrankheit und wegen Geistesschwäche. Das Ge- 
setz sagt: „Entmündigt kann werden, wer infolge von 
Geisteskrankheit oder Geistesschwäche seine Angelegen- 
heiten nicht zu besorgen vermag." 

Eine Bezugnahme auf die freie Willensbestimmung 
findet hier nicht statt. Es kommt lediglich darauf an, 
ob die Geisteskrankheit oder die Geistesschwäche Un- 
fähigkeit des Kranken zu der Besorgung seiner Ange- 
legenheiten bewirkt. Der Unterschied zwischen beiden 
Arten der Entmündigung (Geisteskrankheit und Geistes- 
schwäche) besteht darin, daß der wegen Geisteskrankheit 
Entmündigte völlig geschäftsunfähig ist, d. h. alle seine 
Willenserklärungen sind völlig nichtig, während der wegen 



l ) Vgl. Crome, Allgemeiner Teil des Bürgerlichen 
Gesetzbuchs, S. 363, Anm. 8. 



— 55 — 



Geistesschwäche Entmündigte nur eine Beschränkung in 
seiner Geschäftsfähigkeit erleidet und lediglich einem 
Minderjährigen über 7 Jahren (zwischen 7 und 21 Jahren) 
gleichgestellt wird, d. h. seine Willenserklärungen sind, 
nicht nichtig, sondern bedürfen nur, um vollgültig zu 
werden, der Genehmigung des Vormundes. Die Zustände 
der Geisteskrankheit und Geistesschwäche, an welche so 
verschiedene Folgen geknüpft werden, sind medizinisch 
nicht scharf getrennt; die beiden Begriffe erscheinen vom 
psychiatrischen Standpunkt nicht einmal als brauchbar 
und nicht als dazu angetan, einen Unterschied, wie den- 
jenigen im Gesetz gemachten, zu rechtfertigen. Denn 
jede Geistesschwäche ist, psychiatrisch gesprochen, eine 
Geisteskrankheit. Das Gesetz hat jedoch nicht eine medi- 
zinisch völlig richtige Begriffsbestimmung angestrebt, son- 
dern lediglich den Unterschied nach dem für das Ver- 
halten des zu Entmündigenden im praktischen Leben 
mehr oder weniger wichtigen Charakter der Krankheit 
aufgestellt. Es kommt darauf an, wie die Motive sagen, 
ob die Krankheit nach der gewöhnlichen Auffassung des 
Lebens als Geisteskrankheit oder Geistesschwäche, d. h. 
nach dem Gesamtverhalten des Betreffenden als eine 
Krankheit höheren oder niederen Grades sich darstellt. 
Bei der Entmündigung wegen geistiger Störungen ist zu 
berücksichtigen, welche Wirkung die Entmündigung wegen 
Geisteskrankheit und welche diejenige wegen Geistes- 
schwäche nach sich zieht; der Sachverständige hat sich 
zu fragen, ob der Kranke noch die Keife eines Kindes 
über 7 Jahren besitzt, ob er noch insoweit im Besitz seiner 
geistigen Fähigkeiten ist oder ob er sogar dieser Reife 
ermangelt und seine geistigen Fähigkeiten schon soweit 
eingebüßt hat, daß es sich rechtfertigt, ihm einen gültigen 
Willen abzusprechen. „Es muß lediglich der graduelle 
Unterschied in der Schwere der Geistesstörung und deren 
Einwirkung auf die soziale Stellung des Erkrankten die 



— 56 — 



Frage entscheiden, ob Geisteskrankheit oder Geistes- 
schwäche vorliegt. Aus der Stärke der im Interesse des 
zu Entmündigenden anzustrebenden Schutzwirkung wird 
ein Rückschluß auf die Starke der Ursache gemacht." 1 ) 

Die Homosexualität ist nun jedenfalls höchstens nur 
eine geistige Anomalie geringeren Grades, bei welcher 
regelmäßig die Intelligenz völlig intakt, ja manchmal be- 
sonders hervorragend ist; sie weist keinen derartigen 
Defekt auf, daß der Homosexuelle einem Kinde unter 
7 Jahren gleichzustellen wäre. Demnach wird überhaupt 
die Frage, ob die Homosexualität die Entmündigung 
wegen Geisteskrankheit nach sich ziehen könnte, nicht 
aufzuwerfen sein. 

Es wäre lediglich zu fragen, ob eine Entmündigung 
wegen Geistesschwäche zulässig sein könnte. 

Wenn man nun die Homosexualität, entsprechend 
der Ansicht der meisten Ärzte, für eine krankhafte' Er- 
scheinung hält, dann muß man auch, da § 6, Nr. 1 B.G.B. 
unter Geistesschwäche alle nicht als Geisteskrankheit im 
engeren Sinne zu betrachtenden geistigen Defekte mit 
umfassen will, den Schluß ziehen, daß bei der Homo- 
sexualität die eine der in § 6, Nr. 1 aufgestellten Voraus- 
setzungen für die Entmündigung — nämlich die Voraus- 
setzung der Geistesschwäche im Sinne dieses Paragraphen 
— zutrifft. Hiermit ist nun aber nicht gesagt, daß 
Entmündigung einzutreten hat , vielmehr ist es nötig, 
daß die andere Voraussetzung gegeben sei, nämlich die, 
daß infolge der Geistesschwäche Unfähigkeit des 
Kranken zur Besorgung seiner Angelegenheiten 
bestehe. 



*) Ernst Schultze, Die Stellungnahme des Reichs- 
gerichts zur Entmündigung wegen Geisteskrankheit oder 
Geistesschwäche und zur Pflegschaft nebst kritischen 
Bemerkungen (Halle 1903, Marhold). — Ferner Entschei- 
dungen des Reichsgerichts, Bd. L, S. 203—207. 



— 57 — 



Unter „Angelegenheiten" sind nicht bloß Vermögens- 
angelegenheiten zu verstehen. Darüber herrscht Ein- 
stimmigkeit. 

Vielmehr umfaßt der Begriff die gesamten Lebens- 
verhältnisse, z. B. die Sorge für die eigene Person, die 
Sorge für die Angehörigen, die Erziehung der Kinder usw. *) 

Zweifelhaft ist jedoch, wie weit der Begriff „An- 
gelegenheiten" auszudehnen ist, insbesondere ob auch 
öffentliche Interessen, speziell Gemeingefährlichkeit oder 
Gefahr, mit dem Strafgesetz in Konflikt zu geraten, in 
Betracht zu ziehen sind. 

Würde man in letzterem Sinne den § 6 auslegen, 2 ) 
so käme man bei den dem Damoklesschwert des § 175 
stets ausgesetzten Homosexuellen, namentlich in den 
Fällen, wo etwa tatsächlich eine Verurteilung schon 
stattgefunden hat, leichter dazu, die Voraussetzungen für 
die Entmündigung anzunehmen, als dann, wenn man 
diesen öffentlichen rechtlichen Gesichtspunkt bei der Aus- 
legung des § 6 gar nicht gelten läßt. 

Aber auch bei der ausdehnenden Interpretation des 
§ 6 wird man niemals lediglich wegen der Möglichkeit 
oder des Eintritts eines strafrechtlichen Konflikts die 
Entmündigung für zulässig erachten können; denn für 
die Entmündigung genügt es nicht, daß eine Unfähigkeit 
zur Besorgung einzelner Angelegenheiten oder eines 
bestimmten Kreises von Angelegenheiten besteht, also 

*) Vgl. Verfügung des preußischen Ministeriums 
(Zeitschrift Das Recht, 1900, S. 15). — Silberschmid, Zur 
Auslegung des § 6, in Das Recht, 1901, S. 558. — Ende- 
mann, Bd. I, S. 145. — Planck (3. Auflage), zu § 6, Nr. 2a. — 
Kuhlenbeck, zu § 6, Nr. 1, Anm. 4. 

*) So Endemann, Bd. I, S. 145 und Oberlandesgericht Dres- 
den (Sftchsische Annalen, Bd. XXIII, S. 125). Siehe dagegen 
Silberschmid, Zur Auslegung des § 6, in der Zeitschrift 
Das Recht, S. 558, 1901, der bestreitet, daß Gemeingefährlich- 
keit die Entmündigung rechtfertigen könne. 



— 58 - 



insbesondere nicht, daß lediglich eine Unfähigkeit zur 
Beobachtung des — überdies durch eine unaufgeklärte 
öffentliche Meinung und ein rückschrittliches Gesetz den 
Homosexuellen auferlegten — Gebotes sexueller Abstinenz 
vorliegt, vielmehr muß eine Unfähigkeit zur Besorgung 
aller oder wenigstens so vieler Angelegenheiten fest- 
gestellt werden, daß vernünftigerweise der Schutz des 
Kranken gegen sich selbst in Form der Entmündigung 
geboten ist. 1 ) 

Die Homosexualität darf nicht lediglich eine Störung 
der Lebensverhältnisse des Kranken auf strafrechtlichem 
Gebiet hervorrufen, vielmehr muß die privatrechtliche, 
vermögensrechtliche, familienrechtliche Sphäre in Mit- 
leidenschaft gezogen werden, derart, daß eine Fähigkeit, 
die diesen Sphären entspringenden Geschäfte und Be- 
ziehungen vernünftigerweise zu besorgen und zu regeln, 
nicht mehr in genügendem Maße, infolge der Homo- 
sexualität, besteht und eine Stütze des Homosexuellen 
durch einen Vormund erforderlich erscheint. Eine Entmün- 
digung könnte man vielleicht in Erwägung ziehen, wenn 
z. B. der Homosexuelle infolge seiner Leidenschaft seinen 
Beruf vernachlässigt, unsinnige Ausgaben für Geschenke 
an Geliebte macht, sich mit männlichen Prostituierten 
offen umhertreibt, sich durch sein Benehmen leichtsinnig 
kompromittiert, keinerlei Rücksichten mehr auf Ruf, 
Stand und Familie nimmt und schließlich in frivoler 
Weise sich eine strafrechtliche Verfolgung zuzieht u. s. w. 

*) Vocke, Entmündigung wegen Geisteskrankheit 
und Geistesschwäche (Vortrag, gehalten auf der ersten Jahres- 
versammlung des Vereins Bayerischer Psychiater zu München am 
25. Mai 1903), in Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie u. 
psychiatrisch-gerichtliche Medizin, Bd.LX, Heft5,S.724fd., 
betont ausdrücklich, daß jedenfalls in den Fällen, wo bei sonst 
intakter Geschäftsfähigkeit nur Sittlichkeits vergehen, wie z. B. 
Päderastie, in Betracht kommen, die Gemeingefährlichkeit nicht 
als Entmündigungsgrund anzuerkennen sei. 



— 59 — 

Scheidet man bei der Frage der Entmündigung die 
öffentlich rechtlichen Gesichtspunkte, insbesondere die 
Gefahr strafrechtlicher Verwicklungen, ganz ans, so wird 
man das ausschließliche Gewicht auf die privatrechtlichen 
Angelegenheiten legen. Die Gemeingefährlichkeit odet 
Straffalligkeit des Kranken wird nicht mehr, wie es viel- 
leicht sonst der Fall wäre, die Wagschale nach der Seite 
der Entmündigung hin sinken lassen, vielmehr ; muß die 
Unfähigkeit, die Angelegenheiten zu besorgen, auf dem 
geschäftlichen und familienrechtlichen Gebiete so stark 
sein, daß lediglich wegen dieser Mängel die Ent- 
mündigung sich rechtfertigt. 

Wie man sich aber auch zur Frage nach den Voraus- 
setzungen für die Entmündigung stellt, so viel ist gewiß, 
daß die Entmündigung wegen Homosexualität nur selten 
ausgesprochen werden kann. 1 

Mag man auch die Homosexualität als krankhaft 
und daher als Geistesschwäche im Sinne des § 6 auf- 
fassen, so wird doch für sie in erste* Linie zu gelten 
haben, was Samter für die unter dem Begriff der so- 
genannten „fixen Ideen" zusammenzufassenden Geistes- 
krankheiten hervorhebt, nämlich: daß sie regelmäßig 
nicht mehr zur Entmündigung zu fuhren haben. Denn 
der Homosexualität ist, ebenso wie diesen sogenannten 
fixen Ideen, regelmäßig eigen, daß sie „die Fähigkeit 
zum Beruf, zum Amte, zur Besorgung aller Angelegen- 
heiten völlig intakt läßt und nur das Vorhandensein einer 
Zwangsidee zeitigt, welche bei der betreffenden Persön- 
lichkeit auch nicht mittelbar mit der Fähigkeit zur Be- 
sorgung ihrer Angelegenheiten sich berührt." 1 ) 

Im allgemeinen wird der Homosexuelle wohl nicht 

') Samter, Streitpunkte aus dem Gebiet des Entmün- 
digungsverfahrens und des Irrenwesens, in Gruchots 
Sammlung, 6. Folge, Bd. V, 1901, S. lflgd. 



— 60 — 



die Entmündigung wegen seiner Homosexualität zu be- 
fürchten haben. Immerhin kann aber dennoch im Einzel- 
fall der eine oder andere Homosexuelle die Entmündigung 
zu gewärtigen habeti, namentlich wenn Richter und Sach- 
verständige etwa dem von Endemann und vom Oberlandes- 
gericht Dresden betonten Gesichtspunkt der Gemein- 
geföhrlichkeit besondere Bedeutung beimessen. Gerade 
bei der Frage der Entmündigung zeigt es sich also, wie 
gefährlich die Theorie der Krankhaftigkeit der Homo- 
sexualität für die Freiheit einer ganzen Klasse von 
Menschen — der Homosexuellen — werden kann und 
welche praktische Wichtigkeit es hat, ob man die kon- 
träre Sexualempfindung als krankhafte oder physiologische 
Erscheinung betrachtet 1 ) 

Hält man die Homosexualität nicht für krankhaft, 
dann kann eine Entmündigung beim Homosexuellen 
wegen seines Triebes höchstens nur insofern in Betracht 
kommen, als etwa der Konträre durch seine Leiden- 
schaft zur Verschwendung gebracht wird, derart, daß 
die Voraussetzungen für die Entmündigung wegen Ver- 
schwendung gegeben sind. Der Homosexuelle wird dann 
nicht schlechter und nicht besser behandelt, als der 
wegen Verschwendung zu entmündigende Normale und 
die homosexuelle Geschlechtsrichtung spielt dabei keine 
andere Rolle, als efrtoa die Liebesleidenschaft des Hetero- 
sexuellen, der durch sie zum Verschwender wird. Die 
Wirkungen der Entmündigung wegen Verschwendung 
sind dieselben, wie diejenigen wegen Geistesschwäche, 
ihre Voraussetzungen aber andere. Es gentigt hier nicht 

l ) Der Prinz von Braganza, der im Jahre 1908 wegen an- 
geblicher Begehung homosexueller Handlungen vor Gericht ge- 
stellt (aber freigesprochen) worden war, soll Zeitungsberichten zu- 
folge inzwischen entmündigt worden sein. Vielleicht ist dieser 
Fall ein praktisches Beispiel von Entmündigung wegen Homo- 
sexualität. 



— 61 — 



die Unfähigkeit zur Besorgung seiner Angelegenheiten, 
sondern es müssen dem Homosexuellen zweck- und sinn- 
lose, in keinem Verhältnis zu seinem Vermögen stehende 
Ausgaben nachgewiesen werden, derart, daß er durch 
seine Verschwendung sich öder seine Familie der Gefahr 
des Notstandes aussetzt, „es muß ein die wirtschaftliche 
Existenz der betreffenden Person bedrohendes Verhalten 
vorliegen, welches einen Hang zur Vermögensverschwen- 
dung erkennen lässt". 1 ) 



l ) R.G.E., Bd. XXI, S. 167. 



Der Uranier 

vor 

irche und Schri 

Eine Studie 
vom orthodox -evangelischen Standpunkt. 

Von 

Prot Caspar Wirz, V. D. M. 



Es ist kaum ein halbes Jahrhundert verflossen, seit 
die Wissenschaft angefangen hat, vor die ebenso alten 
als verhängnisvollen Vorurteile über die urnische Ge- 
schlechtsrichtung ihre starken Fragezeichen zu setzen. 
Mit raschen Schritten ist sie dann, unbekümmert um das 
kritiklose Gerede der großen Menge, weitergegangen in 
ihrer erlösenden Tat, an Stelle der Perversität mußte die 
Bezeichnung Perversion treten und endlich rang sich 
auf empirischem Wege die Gewißheit durch, daß die 
Homosexualität eine bloße Anomalie der natürlichen und 
unveränderlichen Veranlagung von gleicher Existenz- 
berechtigung wie so manche andere sei. Niemand darf 
heute leugnen, daß eine gewaltige Summe von Arbeit 
von seiten der Mediziner zur Feststellung der genannten 
Errungenschaften aufgewendet wurde, und wenn auch 
zugegeben werden muß, daß die Diskussion über die 
Frage, ob pathologisches Phänomen oder Normalzustand, 
heute noch offen steht, so hat die medizinische Wissen- 
schaft doch bereits von ersterem Standpunkte aus die 
praktischen Konsequenzen zu ziehen begonnen und die 
Jurisprudenz zum Kampfe herausgefordert; denn bisher 
über alle Zweifel erhabene gesetzliche Bestimmungen 
müssen, wenn die neugewonnenen Thesen richtig sind, 
nicht nur als unhaltbar, geradezu als lächerlich erscheinen 
in der Theorie, barbarisch in der Praxis. Freunde der 
Wahrheit sehen mit wohltuender Befriedigung, wie rasch 

Jahrbuch VJ. 5 



— 66 — 



die Phalanx durchbrochen wurde, die Gegner immer 
mehr vor der Macht der Tatsache sich zurückziehen, 
indem sie damit selbst ihrem eigenen Gerechtigkeitssinn 
das schönste Zeugnis ausstellen. Noch ist der Kampf 
nicht zu Ende, aber er wird ruhig geführt, und es 
scheint, als ob es sich mehr noch um Bereinigung 
von Mißverständnissen als um prinzipielle Differenzen 
handelte. 

Daß die Mediziner an den Theologen kalt vorüber- 
gegangen sind, kaum hie und da sie leise streifend, darf 
uns nicht wundern; leben wir doch in einer Zeit, in der 
die drei anderen Fakultäten die theologische, die früher 
an der Spitze marschierte, als Aschenbrödel nur von der 
Seite anzusehen pflegen. Die Theologen selbst haben 
sich bis jetzt ziemlich ruhig in der Sache verhalten, 
es sei denn, daß man die Beschlüsse von einigen Sitt- 
lichkeitskongressen als ernste Kundgebungen auffassen 
wolle. 

Und doch wäre es zu wünschen, ja notwendig, daß 
die Theologen die Frage der Homosexualität aufgriffen, 
um sie ernst und würdig zu untersuchen und zu erörtern ; 
denn nicht bloß ist der Einfluß der Geistlichen auf das 
Volk noch immer ein so großer, daß man sie mit ver- 
antwortlich machen kann für den Geist der Zeit, son- 
dern es gibt auch in unseren glaubensarmen Tagen eine 
viel größere Zahl christlich gesinnter Menschen, als man 
oft annimmt, und unter ihnen einen ebenso starken 
Prozentsatz homosexuell Veranlagter als unter den so- 
genannten Ungläubigen; ihr Gewissen seufzt aber unter 
dem Banne, welcher heute noch auf dem größeren Teil 
der Gesellschaft in Bezug auf die Homosexualität ruht, 
ihr Glaube ist in Gefahr, ihr zeitliches Glück und ihr 
ewiges Heil hängt von dem Ausgang des Streites ab. 
Ich meine Christen, die in ihrem Innern Triebe und 
Neigungen verspüren, die sie zurück bis in die Jahre 



— 67 — 



ihrer zarten Kindheit verfolgen können, die mit ihnen 
groß gewachsen, die allem ehrlichen Kämpfen und Ringen 
zum Trotze immer aufs neue in ihnen sich geltend machten 
und denen gegenüber sie nicht immer die nötige Kraft 
fanden, sie zu unterdrücken, gegen deren wuchtigen An- 
drang sie alle geistlichen Waffen ehrlich gebrauchten 
und doch vielleicht erlagen, Triebe, die ihrer Natur tief 
eingewurzelt sind und die doch von allen um sie her, 
von Eltern und Geschwistern, Lehrern, Geistlichen, selbst 
vom Gesetzgeber als widernatürlich und schändlich be- 
zeichnet werden und um deretwillen sie vom Himmel 
ausgeschlossen sein sollen. So macht man sie glauben 
und treibt sie damit auf Irrwege. 

Die Schwächern unter ihnen, die sich mit ihrer Natur 
nicht abzufinden vermögen, laufen Jahre, Jahrzehnte als 
Heuchler auf dem Lebensmarkte herum. Eine falsche Eti- 
kette deckt sie vielleicht vor den Menschen, während eine un- 
verständige Kirchenlehre sie zu einem unablässigen, qual- 
vollen Büßerleben nötigt und sie nimmer zur Freudigkeit 
eines mit Gott versöhnten Herzens durchdringen läßt. 
Woher soll da die Kraft noch kommen zum Kampfe mit 
Fleisch und Blut, und sind sie einmal gefallen, tilgt oft 
Selbstmord die Schande, die eine ungerechte Welt und 
eine unvernünftige Kirche auf sie geladen. 

Die Stärkeren, von der Natürlichkeit ihrer homo- 
sexuellen Triebe durchdrungen, lernen mit der Zeit 
das Urteil der Menge verachten, sie suchen und finden 
zunächst in sich selbst den Halt für den Glauben 
an ihre moralische Existenzberechtigung, aber nicht in 
Gott. Der Kirche kehren sie den Rücken, denn sie 
mögen nicht heucheln, die Bibel lassen sie ungelesen, 
denn sie mögen nicht immer ihr eigenes Verdammungs- 
urteil vernehmen, ihr Gebet verstummt und damit steht 
der Puls ihres geistlichen Lebens still. In kalter Gott- 
entfremdung führen sie ihr Leben weiter, indem sie sich 

5* 



— 68 — 



selbst irgend eine Lebensphilosophie zurechtzimmern. 
Was Wunder, wenn ihnen, die keinen rechten Grund 
mehr unter den Füßen haben, auch die Moral sachte 
entschwindet! So leiden gar manche Homosexuelle Schiff- 
bruch an dem Glauben ihrer Kindheit, weil ihnen niemand 
einen anderen Ausweg weist, für den sie so sehr em- 
pfänglich und dankbar wären. 

Ein Missionsverein hat es sich zur besonderen Auf- 
gabe gesetzt, die Frauen und Mädchen Indiens aus ihrer 
gedrückten und rechtlosen sozialen Stellung zu befreien. 
Ein edles Bestreben, ohne Zweifel würdig des christ- 
lichen Bekenntnisses; aber nicht minder dringend und 
nicht minder christlich wäre die Befreiung einer zahl- 
reichen Klasse von Menschen, die sich mitten in der 
Christenheit ihrer Rechte beraubt und von der öffent- 
lichen Meinung für vogelfrei erklärt sieht, weil sie so ist, 
wie sie ist. Christen fühlen Mitleid mit Heiden, sorgen 
für entlassene Sträflinge, nehmen sich gefallener Frauen- 
zimmer hilfreich an, nur für den Uranier haben sie kein 
Herz, und ich meine doch, besseres Verständnis sollte 
die Gegensätze versöhnen: Die Christen müßten milder 
urteilen, erkennen, daß die Uranier Fleisch und Blut von 
ihrem Fleisch und Blute sind, und bei diesen müßte das 
Geschrei über Pfaffen und Mucker verstummen. Sollte 
die evangelische Kirche hinter den Medizinern und Ju- 
risten zurückbleiben und ihrer Pflicht gegenüber den 
Homosexuellen sich erst erinnern wollen, wenn man der 
Kirche nicht mehr bedarf? 

Die ersten Versuche, die homosexuelle Frage vom 
christlichen Standpunkte aus zu prüfen, haben in gleich 
vorzüglicher Weise ein katholischer und ein protestantischer 
Geistlicher im Jahrbuch 11 und IV unternommen. Wenn es 
ihnen nicht gelungen ist, die Aufgabe ganz zu lösen, so 
haben sie wenigstens das Verdienst, die erste Anregung 
gegeben zu haben, und jeder weitere Versuch, so auch 



— 69 - 

der vorliegende, wird uns hoffentlich dem Ziel etwas 
näher bringen. Wenn ich meine Aufgabe ausschließlich 
von konfessionell- protestantischer statt von allgemein- 
christlicher Seite auffasse, so geschieht es, weil die 
Uranier sich vor zwei Instanzen mit der Frage über 
Sein oder Nichtsein zu stellen haben, vor dem Forum 
der Kirche und demjenigen der heiligen Schrift, diese 
beiden Instanzen aber nach protestantischer Auffassung 
nicht zu identifizieren, einander nicht koordiniert sind, 
sondern erstere als der zweiten unbedingt subordiniert 
erscheint. Da ich meinen Standpunkt unter den kirch- 
lichen Parteien auf der äußersten Eechten einnehme, 
dürfte meine Lösung des zweiten Teils, falls sie gelingt, 
für Katholiken wie für Protestanten genügen. 

I. 

Was heute unter dem gemeinsamen Namen pro- 
testantische Kirche zusammengefaßt wird, teilt sich in 
der Praxis in die lutherische und reformierte und dann 
wieder in zahlreiche Fraktionen, die sich im Lauf der 
Zeit aus beiden herausgebildet haben. Von diesen gilt 
vor allem der Satz: Da ist keine Kirche, die gerecht 
sei, auch nicht eine. 1 ) Der Protestantismus kennt keine 
unfehlbare Kirche und keinen unabänderlichen kirchlichen 
Lehrbegfiff. Die Autorität hat in ihm nur Wert als Be- 
stätigung unseres inneren Bewußtseins. 

Ein eigentliches Verdammungsurteil enthält nun 
weder die lutherische, noch die reformierte alte Kirchen- 
lehre über die Homosexualität, weder die Wittenberger, 
noch die Züricher, noch die Genfer Theologen haben 
sich im Besonderen mit dieser Frage beschäftigt. Was 
die einzelnen Reformatoren, in den Irrtümern ihres Zeit- 



l ) Rom. 3, 10. 



— 70 — 



alters befangen, gelegentlich darüber Ungünstiges äußerten, 
ist derart, daß ihre Ausdrücke vor dem Licht der heu- 
tigen Wissenschaft sich gänzlich verflüchtigen. Gesetzt 
aber, sie hätten wirklich ein klares und bestimmtes Ver- 
dikt abgegeben, so könnte uns das, da sie alle fehlbare, 
sündige Menschen waren, nicht alterieren, und wollte die 
heutige Kirche schroffer werden als ihre Begründer, das 
heißt homosexuell identisch erklären mit verkommen, 
entartet, gefallen, verirrt, so trösteten sich die so Gebrand- 
markten mit dem Hinweis darauf, daß bis auf unsere 
Tage angesehene und auch hochbedeutende Theologen 
und Historiker aus dem römischen Lager einen Luther, 
Zwingli und Calvin zu lüsternen, unkeuschen Menschen, 
Dienern des Fleisches und der Wollust zu stempeln be- 
lieben, ja das ganze ßeformationswerk auf seiner Urheber 
unbezähmbare Sinnlichkeit zurückführen. Mit einer ge- 
wissen Meisterschaft behaupten sie diese Position, und 
wer es glauben will — glaubt es ihnen eben. Niemand 
kann mehr als ich von der Haltlosigkeit der Verun- 
glimpfungen unserer Reformatoren überzeugt sein, aber 
in der Allgemeinheit und Kühnheit, mit der die Angriffe 
gegen dieselben gerade in neuerer Zeit sich geltend 
machen, glaube ich doch etwas Providentielles erblicken 
zu dürfen, ein Memento an die heutige ganze protestan- 
tische Kirche, daß man sich hüten muß vor dem Richten, 
welches so leicht zum Lästern wird. 

Die abendländische Kirche fing an, die Homo- 
sexuellen zu verdammen in derselben Zeit, da das Zeter- 
geschrei eines unwissenden und fanatischen . Priester- 
heeres, helldenkenden und frommen Männern zum Trotz, 
das Unheil der Hexenprozesse heraufbeschwor. Die 
Kirche, die Hunderttausende von Unschuldigen zum 
Tode beforderte, hat, vom hl. Stuhl dazu aufgefordert, 
ein vollständiges Hexen,prozeßrecht ausgebildet, und die 
protestantische Kirche steht in diesem Stück leider nicht 



— -71 — 



viel besser da als die katholische. Beide haben die 
Hexenprozesse geduldet und die namenlose Schande über 
sich gebracht, daß der Geist der Revolution dem soge- 
nannten christlichen Geiste am Zeuge flicken mußte. 
Kirchen, die so menschlich schwach sich zeigten, haben 
alle Ursache, behutsam zu sein, ehe sie dem weltlichen 
Arm gegen eine ganze zahlreiche Klasse ihrer Ange- 
hörigen das Schwert wieder in die Hand drücken im 
Namen Christi und seines hl. Evangeliums. Die Uranier 
müßten einer solchen Kirche den Scheidebrief geben und 
ihr entgegenhalten: Du sollst den Namen Gottes, deines 
Herrn, nicht mißbrauchen, denn der Herr wird dich nicht 
ungestraft lassen, wenn du seinen Namen leichtfertig zum 
Richten in den Mund nimmst. Wenn von vielen Seiten 
behauptet wird, die Kirche als solche hätte ein Recht, 
ja die Pflicht, für die Erhaltung oder Einführung von 
Gesetzesbestimmungen einzustehen, welche dem Uranier 
geschlechtliche Betätigung verbieten, so ist das eine große 
Täuschung. Vor allem mache ich darauf aufmerksam, 
was nicht bloß ungebildete Laien, sondern auch Theo- 
logen immer und immer wieder übersehen, daß nämlich 
ein Moralkodex und ein bürgerlicher Strafkodex nicht 
dasselbe sind. Wir können über einen Satz der christ- 
lichen Ethik vollkommen einig sein, aber ob sich der- 
selbe zu einem Artikel des Strafgesetzes eigne, ist damit 
nicht entschieden. Prüfen wir übrigens die Richtigkeit 
meiner Behauptung an der Praxis, welche die Kirche 
übt. Der Eid ist im neuen Testament deutlich verboten 
und diesem Verbot zum Trotz hat ihn die Gesetzgebung 
der christlichen Länder in ihren Dienst genommen, und 
wenn man zusieht, wie fabrikmäßig bei uns die Eides- 
leistung oft betrieben wird, so möchte es nicht bloß vor 
den Juden, sondern vor manchen heidnischen Völkern 
ein Greuel erscheinen. Bekannt ist das ausdrückliche 
Verbot Jesu über die Wiederverehelichung der Geschie- 



— 72 — 



denen, und doch ist diese nach den Gesetzgebungen 
sämtlicher protestantischer Länder gestattet, ja während 
die katholische Kirche in solchen Fällen entschieden 
ihre Sanktion verweigert, läßt sich die protestantische 
sogar heute, wo ihre Diener nicht mehr Zivilstandes- 
beamte sind, alles zumuten. Die außereheliche Ge- 
schlechtsbetätigung, d. h. die weibliche Prostitution, wird 
so ziemlich in allen christlichen Staaten geduldet. An 
die widernatürliche Unzucht in allen Formen, wie sie 
auch innerhalb der Ehe vorkommt, wagt man nirgends 
zu rühren. Die Beispiele könnten noch vermehrt werden, 
welche zeigen, daß die evangelische Kirche auf vielen 
Gebieten Gelegenheit hätte, sich ihres Rechtes und ihrer 
Pflicht zu erinnern, indem sie Stellung nähme gegen die 
Rechtsnormen des Staates, und wenn sie es nicht tut, so 
liegt der Grund daran, daß entweder ihr Gewissen nicht 
scharf genug ist oder daß es ihr an Mut dazu fehlt. 
Wenn man dann aber hört und liest, wie vereinzelte 
Theologen Feuer und Schwefel vom Himmel über die 
armen Uranier regnen lassen möchten, so mutet einen 
das widerwärtig an und man fragt sich unwillkürlich, 
ob diese Herren, die päpstlicher als der Papst sein wollen, 
ebensoviel „Gewissen" und „Mut" besäßen, wenn sie 
eine Ahnung davon hätten, wie vielen hoch über ihnen 
stehenden Männern sie das Urteil sprechen. 

Gegen eine schroffe Stellungnahme der evangelischen 
Kirche spricht übrigens noch ein anderer Grund. Ge- 
rade die positiven Elemente unserer Kirche dürfen heute 
auch als Missionskirche bezeichnet werden, müssen also 
wissen, was für Kompromisse unsere Gesellschaften 
draußen in der Heidenwelt abzuschließen sich genötigt 
sehen. Nicht nur in Sachen der Ehescheidung, auch 
betreffs Sklaverei als Rechtsinstitut, Polygamie, Kinder- 
ehen usw., deren Unzulässigkeit der Kirche wie den Ge- 
sellschaften prinzipiell außer allem Zweifel steht, müssen 



— 73 — 



da und dort Konzessionen gemacht werden und werden 
tatsächlich gemacht, nicht aus moralischer Laxheit, son- 
dern aus Rücksicht auf die unüberwindliche Macht tief 
eingewurzelter, nationaler Gewohnheiten, vor denen ihre 
Gemeindeordnungen ebensogut wie die Gesetze der euro- 
päischen Kolonialmächte Halt zu machen sich gezwungen 
sehen. Wenn es nun der Kirche nach neunzehnhundert- 
jährigem Bestände nicht gelungen ist, in unseren Län- 
dern den Zwiespalt zwischen dem bürgerlichen Recht 
und der christlichen Ethik ganz zu tilgen, wenn auch 
die evangelische Kirche ihren Missionsgesellschaften 
draußen gegenüber den Heiden ein gewisses Akkommö- 
dationsrecht einräumt, warum sollte diese Kirche nicht 
in der Heimat zu Konzessionen sich bereit finden lassen 
gegenüber so vielen ihrer Glieder, bei denen es sich nicht 
bloß um eingewurzelte Gewohnheiten und Mißstände, 
sondern um viel tiefer liegende, unausrottbare, weil ein- 
geborene Triebe handelt? 

Die Theologen müßten vor allem sich Rechenschaft 
darüber geben, was dem Uranier Sünde sei und was 
nicht; denn für einmal stecken sie ausnahmslos noch 
ganz in demselben Labyrinth von Unklarheiten und In- 
konsequenzen wie die Juristen, die feststellen sollten, 
was strafbar an . dem Uranier sei und was nicht, und 
dabei eine Verwirrung in der heutigen Rechtspraxis her- 
beigeführt haben, die an's Tolle grenzt. Die Aufgabe 
des Theologen gestaltet sich noch viel schwerer, weil er 
sich nicht an die grobsinnliche Seite der Homosexualität 
halten kann, mit der die Polizei allein sich zu beschäftigen 
hat Für ihn hat die leiseste Betätigung, jedes Wort, 
ja selbst der Blick und der Gedanke Gewicht, ßs gibt 
Geistliche, die kurzweg von dem Uranier verlangen, daß 
er sich völlig enthalte. Warum? Weil es widernatür- 
lich wäre, wenn sich der Uranier, dem es unmög- 
lich ist, ein Weib zu berühren, seiner Natur gemäß 



— 74 — 



be tätigte. Ich überlasse es jedem verständigen Theologen, 
sich selbst mit dieser Logik der öffentlichen Meinung 
abzufinden. Ob die Berufung auf Schriftworte begründeter 
sei, wird weiter unten gezeigt werden. Uranier, die sich 
gänzlich enthalten von jeder Betätigung, gibt es manche, 
ja verhältnismäßig vielleicht mehr als unter den Hetero- 
sexuellen, von denen Tausende ohne dringendes Bedürfiiis 
zur Ehe schreiten und, wenn sie einmal darin sind, dann 
auch eine Betätigung nicht verschmähen, die sich so leicht 
darbietet, deren sie ohne großen Kampf hätten entraten 
und dadurch vollkommen werden können. Daß gemein- 
hin der christliche Uranier, der sein ganzes Leben der 
völligen Enthaltsamkeit sich zu befleißigen die Gnade 
hatte, als ein Heiliger erscheinen muß, ist nach Apo- 
kalypse 14, 4 unbestreitbar. 1 ) Wenn einzelne Theologen 
von allen Uraniern diesen höchsten Grad der Heiligung 
verlangen, so begreife ich das nicht, am wenigsten, wenn 
das strenge Ansinnen salbungsvoll aus dem Munde solcher 
ertönt, die Frau und Kinder haben oder gar zum zweiten- 
und drittenmale in die Ehe zu treten für angezeigt er- 
acBteten. Mit dergleichen heuchlerischen Splitterrichtern 
zu rechten, habe ich keine Lust; wer aber die Gewalt 
des menschlichen Geschlechtstriebes nicht aus eigner 
Erfahrung kennt, der hole sich Belehrung aus den 
Schriften eines Augustin, Luther und so vieler, die uns 

*) Der Bibel lesezettel im Losungsbüchlein der Brüdergemeinde 
gibt für den 21. November 1903 an Offenb. 14, 1—3, 5—14. In 
dem ganzen Abschnitt, der von den Auserwählten des Lammes 
Gottes redet, sollte Vers 4, der sagt, das seien diejenigen, welche 
sich nicht mit Weibern befleckt haben, übersprungen werden, 
wohl damit nicht etwa ein Familienvater vor den Augen der 
Seinigen erröten müsse. Ich gebe gern zu, der Vers lasse sich 
in modernes Deutsch übersetzen : Diejenigen, welche sich in keiner 
Weise geschlechtlich betätigt haben; denselben aber umgehen, 
wie die Unitätsdirektion tut, ist unstatthaft und zeigt, wie über- 
triebene Prüderie leicht zu Schriftfälschung führt. 



— 75 — 



Autorit&ten sind, und er wird aufhören, einen anderen 
sittlichen Maßstab an die Homosexuellen anzulegen als 
an die Heterosexuellen, bloß weil die Richtung des von 
Gott in sie gelegten Triebes bei den ersteren eine andere 
ist, als bei den letzteren. Daß prüde erzogene Männer 
und namentlich Frauen auch den sogenannten natürlichen 
Geschlechtsakt innerhalb der Ehe oft schon vor, nament- 
lich aber nach dem Vollzuge als sündhaft empfinden, ist 
bekannt Was ich aber als Sünde empfinde, ist mir 
Sünde, ein geschlechtlicher Akt, den mir mein Gewissen 
verbietet, ist für mich Sünde, ob er in der Ehe oder 
außer der Ehe, ob in heterosexueller oder homosexueller 
Weise vollzogen werde. Kein Theologe, der sich über 
das Wesen des Uranismus gründlich orientiert hat, kann 
weiter, ohne ungerecht zu werden, eine verschiedene 
Ethik aufstellen wollen für den Homosexüellen und für 
den Heterosexuellen. Daß die gegen den Uranier ge- 
richteten gesetzlichen Bestimmungen ihren Zweck nicht 
erreicht haben, weil sie weder sühnen, noch bessern, noch 
abschrecken, daß sie statt dessen viel Unheil stiften, 
indem sie falsche Vorurteile im Volke bestärken und 
eine der schlimmsten Verbrecherklassen, die der Erpresser, 
großziehen helfen, daneben Tausende in qualvolle Seelen- 
kämpfe und so viele zur Verzweiflung treiben, daß wohl 
an keinem Gesetze so viel Blut hängt, wie gerade an 
diesem, — das ist eine Tatsache, die durch ein er- 
drückendes Beweismaterial von Juristen und Medizinern 
festgestellt worden ist. Diese Tatsache nicht zu kennen, 
gereicht heute einem Theologen nicht mehr zur besonderen 
Ehre, sie aber kennen und trotzdem im Namen der Kirche 
die Uranier des Rechtsschutzes berauben wollen, hieße 
gegen Gott selbst eifern, der Homosexuelle wie Hetero- 
sexuelle geschaffen hat und über beide Sonnenschein und 
Regen spendet, hieße ein schweres Unrecht begehen und 
vergessen, daß der Apostel Paulus in der Liste derer, 



— 76 — 



welche er vom Himmelreich ausschließt, jeweilen nicht 
die Päderasten voranstellt, nicht einmal die Hurer und 
Ehebrecher, sondern die Ungerechten. 1 ) 

Bis jetzt hat übrigens, ich betone es nochmals, die 
protestantische Kirche gar nirgends offiziell Stellung zu 
der homosexuellen Bewegung genommen, und jener von 
vornherein eine feindliche Gesinnung zu unterschieben, 
ist einstweilen niemand berechtigt. Ein solches Vorgehen 
der Kirche wäre ja auch unklug; denn nicht bloß würde 
sie damit manches zarte Pfiänzchen in ihrem eigenen 
Garten zertreten, auch mancher starke Stamm, der als 
kräftiger Pfeiler ihres Gebäudes dient, würde damit zum 
Wanken gebracht, und die heutige Kirche hat wahrlich 
nicht Ursache, sich selbst zu schwächen. 

Auf die Frage: Wie steht der Uranier zur Kirche? 
antworte ich* also: So lange die Kirche ihn nicht aus- 
schließt — und das hat sie nicht getan und wird sie 
nie tun — hat er keinen Grund, sich selbst auszu- 
schließen. Alle Gnadenmittel derselben sind auch für 
ihn da. Der Uranier geht zum Gottesdienste, nicht um 
seine Naturanlage zu bemänteln, aber auch nicht, um für 
diese Buße zu tun, sondern lediglich um sich, wie 
jeder andere, vor Gott und Menschen als Sünder zu be- 
kennen, am Gotteswort, im gemeinsamen Gebet und Ge- 
sang sich zu erbauen. Aber bei dem höchsten Weihe- 
akte unserer Kirche, wie soll er sich da verhalten? Darf 
er da hinzutreten, wo vom Altare das ernste Mahnwort 
ihm entgegentönt: „Der Mensch bewähre sich selbst und 
also esse er von diesem Brote und trinke von diesem 
Kelche"? Ich empfinde voll und ganz, daß es heiliger 
Boden ist, auf den ich mich hier hinauswage; aber mit 
freudiger Gewißheit drängt es mich, auch hier dem ge- 
hetzten und verscheuchten Wilde Mut einzuflößen und 



*) 1. Cor. 6, 9; 1. Thim. .1, 10. 



— 77 — 



ein „sursum corda!" zuzurufen. Kommunion ist nicht 
bloß Gemeinschaft mit den Menschen, sondern insbe- 
sondere Gemeinschaft mit dem Herrn. So wenig der 
[Tränier zum heiligen Abendmahl kommt und den funktio- 
nierenden Geistlichen als verheirateten Mann kennt, sich 
Gedanken machen darf, ob dieser Mann, der ihm das 
Brot bricht und den Kelch reicht, kurz vorher, vielleicht 
in der letzten Nacht, mit seinem Eheweibe getan haben 
möchte, was ihn, den Uranier, mit tiefem Widerwillen 
erfüllt, so wenig darf und wird der Geistliche, wenn 
anders er ein wahrhaft gläubiger Mann ist, den Uranier, 
den er als solchen kennt, zurückweisen, sondern sich sagen: 
„In diese mir unergründlichen Geheimnisse der Natur 
will ich nicht hineinreden, vielmehr das Richten dem 
überlassen, der in der Menschen Herz hineinsieht"; der 
aber fragt glücklicherweise nicht, was für einem Natur- 
triebe wir unterworfen seien, sondern ob er Demut und 
Glauben bei uns treffe. 

Wenn ich das Verbleiben des Uraniers in der 
Kirche begründet und gerechtfertigt finde, so tritt jetzt 
noch eine Frage an mich heran, die, ob der Uranier 
Theologe sein und kirchliche Ämter bekleiden könne. 
Und darauf glaube ich mit einem entschiedenen Nein 
antworten zu müssen. Ja, es wäre nach meinem Da- 
fürhalten ein Glück, könnte das w. h. Komitee durch 
fortgesetzte Enqueten alle homosexuell veranlagten Stu- 
denten der Theologie über ihre Lage aufklären und sie 
rechtzeitig auf die große Gefahr, der sie sich aussetzen, 
aufmerksam machen. Ist der Uranier im Amte, so sieht 
er sich unverhofft im Konflikt nicht mit der Kirche als 
solcher, nicht mit dem Worte Gottes, nicht mit dem 
eigenen Gewissen, wohl aber mit der öffentlichen Meinung. 
Von der Möglichkeit einer Betätigung will ich gar nicht 
reden, wenn nicht tausend Seelenängste folgen sollen. 
Auch ein Schatten einer Betätigung in Worten oder 



— 78 — 



Handlungen, die an und für sich harmlos wären, jeden- 
falls nichts Ungesetzliches enthielten, genügt heutzutage 
noch, um die Lästerzungen in Bewegung zu bringen, die 
heikelste Situation zu schaffen und die Stellung eines 
solchen Mannes unmöglich zu machen. Und wenn er 
geht, so folgt ihm die böse Fama nach, wie eine Furie 
heftet sie sich an seine Fersen und läßt ihn nicht mehr 
zur Buhe kommen. Meine ersten kirchengeschichtlichen 
Arbeiten über eine kleine Landeskirche gaben mir Ver- 
anlassung, von der Reformation bis zur Gegenwart auf 
eine lange Reihe von Geistlichen zu stoßen, die ihrer 
uranischen Veranlagung erlagen. Gehe ich in meiner 
Erinnerung 40 Jahre zurück und denke an die Geistlichen, 
Verwalter von Rettungsanstalten, Vorsteher von Werken 
der innern und äußern Mission, welche sich selbst nicht 
kannten und als Uranier durch einen vielleicht geringen 
„Fehltritt" Anlaß zu Skandal wurden, so ist deren Reihe 
eine lange und zum Selbstmorde habe ich mehr als einen 
Zuflucht nehmen sehen. Der Skandal aber schadet nicht 
bloß dem Opfer, sondern der Kirche, der Sache; die 
Gläubigen nehmen schweres Ärgernis, die Ungläubigen 
schreien Hailoh! Selbst wenn die Veranlagung ein Ge- 
heimnis bliebe und deren Träger die seltene Gnade be- 
säße, sich völlig zu beherrschen, er wird doch öfter in 
die Lage kommen, wie Petrus in Antiochia, zu heucheln. 
Meine Ansicht geht dahin, wer es kann, tut besser, die 
Theologie zu meiden, für einstweilen, d. h. so lange die 
Dinge Hegen, wie sie liegen. 

II. 

So wenig ich die Kirche und ihre Lehre als unbe- 
dingt bindend für das Gewissen des Uraniers hätte gelten 
lassen können, so unbedingt hat er sich dagegen zu 
beugen unter die hl. Schrift, die als Gotteswort wie 
die unumstößliche Grundlage unsres Glaubens, so die 



— 79 — 



unveränderlichen, ewigen und allgemeingültigen Normen 
für unsere Ethik gibt. Freilich, wenn dem Uranier das 
strenge Gebot gilt, nichts dazu zu setzen und nichts 
davon zu tun, 1 ) so gilt es nicht minder seinen Gegnern. 
Wie der, welcher bloß mit einem philologischen Apparate 
ausgerüstet an die Schrift herantritt, überall Steine des 
Anstoßes finden wird, über die er strauchelt, so hat der, 
welcher nach einem bestimmten philosophischen System 
seine Schröpf hörner an die Schrift setzt, um ihr das 
Blut abzuzapfen, bald den wohlfeilen Triumph erreicht, 
mit dem Finger auf sie hinweisen zu können als auf 
einen entseelten Körper, einen überwundenen Standpunkt, 
darf sich aber nicht verwundern, daß der Kadaver wieder 
aufersteht, während sein System längst der Geschichte 
angehört, daß die Schrift durch alle Jahrhunderte hin- 
durch sich als unüberwindliche Festung erweist. Wer 
mit starren dogmatischen Begriffen an dieselbe heran- 
tritt, läuft Gefahr, den edlen, reinen Text so zu verun- 
stalten, daß er alle entscheidende Kraft verliert. Die 
Bibel ist eben ein Unikum unter den Büchern, man 
darf nie sich selbst in dieselbe hineinlesen. Ein Geist 
durchzieht sie von der Genesis bis zur Apokalypse, und 
wer sich nicht demütig diesem Geiste unterstellt, kommt 
in Versuchung, seine vorgefaßte Meinung in dieselbe 
hineinzulesen, anstatt sein Urteil an derselben zu bilden. 
Es ist aber auch ebenso unstatthaft, aus der Schrift 
eine Erzählung oder ein paar Verse herauszuheben und 
von diesen in ihrer Isoliertheit ein Dogma ableiten zu 
wollen. Jede Stelle soll in ihrem Zusammenhang auf- 
gefaßt, die Schrift durch die Schrift erklärt werden. 

Daß man jahrhundertelang mit dogmatischen Vor- 
urteilen an die Stellen der Schrift, welche gegen die 
Betätigung gleichgeschlechtlicher Liebe zu sprechen 



l ) Offenb. 22, 18, 19. 



— 80 — 



scheinen, herantrat und sie immer wieder nach derselben 
Schablone auslegte, darf uns nicht wundern, wenn wir 
bedenken, daß es gerade für den sittlichen Menschen 
nichts Peinlicheres gibt, als wenn er den einzelnen Akten 
der geschlechtlichen Betätigung nahetreten soll So kam 
es, daß von der Reformation bis zur Gegenwart die Exe- 
geten gleichsam mit den Fingern vor den Augen an diesen 
Stellen vorübereilten und im Vorbeigehen mit den land- 
läufigen Ausdrücken: Sodomiterei, Päderastie, widernatür- 
liche Unzucht, unnennbare Laster u. a. m. wie mit Schnee- 
ballen um sich warfen, ohne daß sich auch nur einer über 
seine Terminologie klar zu werden die Zeit genommen hätte. 

Schlagen wir denn unsere Bibel auf, 1 ) so treffen 
wir gleich im ersten Buch Moses, Kap. 19, auf eine Er- 
zählung, welche stets gegen die Uranier ins Feld geführt 
wird, um ihnen zu zeigen, wie sehr sie ein Greuel seien. 
Man hat sogar ein besonderes Wort von diesem Ereig- 
nisse abgeleitet, „Sodomiterei", von dem freilich niemand 
recht weiß, was es bedeuten soll, ob Päderastie oder 
Bestialität; der Phantasie bleibt dabei ein großer Spiel- 
raum, und diese malt gewöhnlich ins Aschgraue. In 
besagter Erzählung, welche ich nicht etwa als Mythus, 
sondern als geschichtliche Tatsache auffasse, wird uns 
mitgeteilt, daß der Sünde Sodoms und Gomorrhas 
vor Gott gedacht wurde und ein Gericht über sie herab- 
kam, dessen Widerhall durch alle Zeiten ertönte, sodaß 
wir die Propheten, die apokryphischen Schriften des 
Alten Testamentes, Jesus und die Apostel auf dasselbe 
Bezug nehmen sehen. Nun kommt alles darauf an, zu 
wissen, worin die Sünde der Bewohner von Sodom und 

*) Von Kommentaren habe ich hauptsächlich benützt: Die 
Werke Luthers, Calvins und Zwingiis; M. Baumgarten, 
Theol. Kommentar zum Pentateuch; Keil und Delitsch, 
Pentateuch; La Bible annotee; J. J. Heß, Geschichte 
Israels; Bengels Gnomoii. 



— 81 - 



Gomorrha bestand, durch welche die strafende Gerechtig- 
keit in so erschütternder Weise herausgefordert wurde. 
Die vulgäre Auslegung begnügt sich damit, den bestimmten 
Modus, unter welchem die Sodomiter ihren Geschlechts- 
trieb zu betätigen verlangt haben sollen, als den Haupt- 
grund ihres Untergangs anzunehmen. Ganz ähnlich 
verfährt der gewöhnliche Bibelleser bei dem Falle Bath- 
seba. 1 ) „David", sagt er, „hat sich geschlechtlich verfehlt, 
darum wurde der Prophet zu ihm geschickt und Gottes 
Gericht über ihn verhängt", wiewohl der Prophet nichts 
von des Königs geschlechtlicher Betätigung erwähnt, nur 
von der Ungerechtigkeit und Grausamkeit spricht, zu 
der er sich durch seine Sinnenlust hat fortreißen lassen. 

Wenn nun die Sünde der Sodomiter geschlechtlicher 
Natur war, so muß dieselbe bei ihnen entweder die 
Frucht eines ihnen angeborenen Triebes, d. h. sie müssen 
alle zusammen homosexuell veranlagt gewesen sein; dann 
stimmt es aber mit dem Begriffe von Gottes Gerechtig- 
keit nicht überein, daß er sie, die doch nichts dafür 
konnten, daß sie so waren, mit Feuer und Schwefel aus- 
rottete. Oder ihr sündliches Verlangen entsprang einem 
erworbenen Laster, einer sittlichen Verkommenheit, an 
der sie alle ohne Ausnahme krankten. Daß die letztere 
Theorie, die in der Tat bisher der christlichen Gedanken- 
losigkeit bei der Auslegung unserer Erzählung als Richt- 
schnur gedient hat, unhaltbar ist, wird unschwer nach- 
zuweisen sein. Doch lassen wir sie einen Augenblick 
zu Recht bestehen und nötigen wir ihre Vertreter, sie 
konsequent im Detail durchzufuhren. 

Es ist mir kein protestantischer Theologe bekannt, 
der es versucht hätte, das Ereignis nachzuerzählen, außer 
Joh. Jac. Heß. Der sonst so geniale Darsteller biblischer 
Geschichte steht hier unter dem Einflüsse der phari- 



l ) Sam. 11, 12. 

Jahrbuch VI. 6 



— 82 — 



säischen Prüderie seiner Zeit und seiner kleinstädtischen 
Umgebung, er will sich gegen seine Gewohnheit der 
Knappheit befleißigen und fällt dabei ins Unnatürliche. 
Folgen wir seiner Leitung und gehen wir noch etwas 
mehr auf die Einzelheiten des Ereignisses ein: Wir 
werden nach Sodom versetzt, eine wohlhabende, heid- 
nische Stadt im fruchtbaren Siddimtale, deren Ein- 
wohner durch ihre Sittenlosigkeit weit und breit bekannt 
sind. Es ist Abend geworden, unter dem Tore der 
Stadt — dem Orte, der zu politischen Versammlungen 
und Gerichtsverhandlungen benützt wird, aber auch den 
Männern als Rendezvous dient für Unterhaltung und 
Klatsch, nach Art unserer modernen Kaffeehäuser — 
sitzen einige müßige Bürger, unter ihnen auch Loth, der 
Vetter Abrahams, der einzige Nichtheide in Sodom. Zwei 
Fremde kommen an das Tor, man sieht ihnen schon von 
weitem an, das sind keine Handwerksburschen, es sind 
vornehme Menschen von seltener Schönheit, wahrhaft er- 
habene Erscheinungen. Trotzdem läßt man sie unfreund- 
lich stehen; nur Loth erhebt sich, um sie mit tiefer 
Ehrfurcht zu begrüßen und ihnen das Gastrecht in 
seinem Hause anzubieten. Nach einigem Zögern ihrer- 
seits und wohlbegründetem Drängen von Seiten Loths 
kommen sie unter sein Dach. Inzwischen hat sich wie 
ein Lauffeuer das Gerücht durch die ganze Stadt ver- 
breitet, zwei prächtige Jünglinge, „engelschön", sagt 
Heß, seien da und bei Loth eingekehrt. Das ist zwar 
mehr als griechisch gedacht, aber fahren wir weiter. 
Diese Kunde entflammt im Nu die ganze Einwohner- 
schaft zu solch wahnsinniger Liebe für die zwei noch 
nicht geschauten Schönheiten, daß die gesamte männ- 
liche Bevölkerung dieselben zu notzüchtigen begehrt. 
Man bemerke wohl, es sind nicht etwa Einzelne, welche 
sich vor Loths Hause zusammenfinden, nein, das ganze 
Nest ist auf den Beinen, nicht bloß die ausgelassene 



— 83 — 



Jugend, auch das besonnene Alter, alles, ganz Sodom ver- 
langt die Herausgabe der beiden Fremden. Was weiter 
folgt, ist bekannt und können wir es übergehen; doch 
sei mir gestattet, zwei Fragen zu stellen. 

Was ist von einem Vater zu halten, der, um zwei 
Gäste, die auf etliche Stunden bei ihm und seiner Familie 
Herberge genommen, vor einem rohen Pöbel zu 
retten, diesem nicht etwa ein paar seiner Sklavinnen, 
nein, seine eignen, unbescholtenen Töchter vor die Türe 
werfen will? Konsequenter Weise wird man uns nicht 
etwa sagen, das sei ein Beweis dafür, wie hoch und 
heilig das Gastrecht in jener Zeit gehalten wurde, sondern, 
dieser Loth sei eben auch ein unsittlicher Mensch ge- 
wesen. Die Reformatoren z. B. .sehen in diesem Akt 
ein Stück von Sodoms Verkommenheit in Loth. Ich 
hätte auch so geurteilt, nach meinen modernen Begriffen 
von Sittlichkeit, die ich, in streng protestantischer Luft 
erzogen, von Jugend auf eingesogen habe, wenn mir die 
Schrift nicht entgegenhielte: „Aber Loth war ein Ge- 
rechter vor dem Herrn" 1 ) und wenn ich nicht wüßte, 
daß derselbe Herr, welcher die Perlen nicht vor die 
Schweine wirft, seine Boten nicht dem Hause eines solch 
wüsten Menschen anvertraut haben würde. 

Ich will die oberflächlichen Bibelausleger weiter 
fragen: Glauben Sie nicht, daß das furchtbare Strafgericht 
von Sodom den wenigen Geretteten wie ein heilsamer 
Schrecken in allen Gliedern nachzittern mußte? Und 
trotzdem bekommen wir von den beiden Töc&tern Loths, 
den einzigen, die mit ihrem Vater dem Verderben ent- 
ronnen waren, zu hören, daß sie sich unmittelbar nachher 
eines argen Sittlichkeitsvergehens unter erschwerenden 
Umständen nach § 173 des deutschen Strafgesetzes 
schuldig machten, und doch sind diese zwei nach mo- 



*) 2. Petri 2, 7. 



6* 



— 84 — 



deinen Sittlichkeitsbegriffen so abscheulichen Weibs- 
personen nicht zu Salzsäulen geworden. 

Man wird zugeben, daß in einer Zeit, in der die 
geschlechtlichen Verhältnisse noch so wenig geregelt 
waren wie damals, das Hauptgewicht von Sodoms Schuld 
nicht in der beabsichtigten geschlechtlichen Handlung, 
ob solche eine perverse oder normale heiße, zu suchen 
ist. In der Tat stimmen denn auch alle Theologen vom 
Fache, die jüdischen, katholischen und protestantischen, 
darin überein, daß sie bei den Sodomitern zwar eine ge- 
schlechtliche Verirrung konstatieren zu müssen glauben, 
keiner aber in derselben den alleinigen Grund für das 
nachfolgende Strafgericht Gottes zu erkennen vermag, 
sondern nur ein begleitendes Moment, welchem die einen 
mehr, die andern weniger Gewicht beilegen. Ob sie nun 
die geschlechtliche Sünde von Sodom in den Vordergrund 
stellen oder mehr zurücktreten lassen, immerhin halten 
sie die Annahme fest, als ob die gesamte Bevölkerung 
Sodoms und der andern zerstörten Städte einem per- 
versen Geschlechtstriebe verfallen gewesen wäre. Luther 
spricht von „stummer Sünde", und darin sind die meisten 
übrigen Bibelausleger ungefähr einig. Nun wird aber 
eine solche Annahme einer näheren Prüfung kaum stand- 
halten können. Abgesehen von den Frauen, welche in 
diesem Falle als unschuldig und als ungerechterweise 
mit den Männern zusammen gestraft erschienen, wird 
man auch von den letzteren nicht behaupten dürfen, daß 
sie alle ohne Ausnahme an derselben moralischen Krank- 
heit gelitten haben. Loth selbst ist der beste Zeuge da- 
gegen ; denn wenn er alle für pervers gehalten hätte, 
würde er es für fruchtlos angesehen haben, ihnen seine 
Töchter .anzubieten. Die kräftigsten Gegenbeweise liefert 
übrigens das Gebiet geschlechtlicher Verirrungen selbst, 
das ich gegen meinen Willen jetzt betreten muß, um die 
„Widernatürlichkeit" der landläufigen Exegese bloßzulegen. 



— 85 — 



Es gibt in unsern großen Städten öffentliche Häuser, 
in denen der natürliche Gebrauch des Weibes zu den 
Seltenheiten gehört und ganz anderer Befriedigung ge- 
fröhnt wird. In solchen Häusern wird man kaum je 
.einen Homosexuellen treffen. Aber auch von den Hetero- 
sexuellen, die außerehelichen Verkehr suchen, darf nicht 
angenommen werden, daß sie alle oder auch nur der 
Mehrzahl nach diese Häuser frequentieren, aus dem ein- 
fachen Grunde, weil ihnen ein derartiger Geschlechts- 
verkehr nicht behagt. Geistliche und Arzte wissen, wie 
viele verheiratete Männer in Stadt und Land es gibt, 
welche ihre Ehefrauen mit oder gegen deren Willen zur 
unnatürlichen Befriedigung des Geschlechtstriebes an- 
halten, und doch ist es auch unter den Ehemännern nur 
die Minderzahl, weil den meisten ein solcher Verkehr 
nicht etwa gegen das Gewissen, wohl aber gegen die 
Natur geht. 

Wenn in unserer Zeit der Überkultur in den großen 
Städten, die gewiß an sittlichem Zerfall nichts zu wün- 
schen übrig lassen^ die Wüstlinge, welche auf allerlei 
künstliche Mittel zur Befriedigung ihrer sinnlichen Lust 
geraten, leicht zu finden sind, so bilden sie doch immer 
nur eine geringe Minderheit unter der Gesamtbevölkerung 
und in einer kleinen Provinzialstadt, wie Sodom es war, 
die sämtlichen männlichen Bewohner derselben als Wüst- 
linge sich zu denken, ist auch der schmutzigsten Phan- 
tasie nicht möglich. Wir müßten analoge Erscheinungen 
in der Geschichte der Menschheit treffen und Orte an- 
geben können, wo geschlechtliche Perversitäten so all- 
gemein verbreitet waren, daß davon ganze Gemeinde- 
wesen vom ersten bis zum letzten Mann angesteckt ge- 
wesen wären. Ein nur entfernt ähnliches Beispiel aber 
findet sich weder in der alten noch in der neueren Ge- 
schichte, weder bei Barbaren noch bei Kulturvölkern. 

Zwingli fühlt das Unzulängliche dieser Annahme 



— 86 — 



und meint, es habe in Sodom niemand dem von einzelnen 
beabsichtigten Bösen widersprochen, dann ist es aber 
ebenso unzulässig, daraus, wie es der Reformator tut» 
eine Schuld aller abzuleiten. Eine Tat, die einzelne, sei 
es aus perversem Naturtrieb oder aus Lasterhaftigkeit,, 
begehen oder gar nur begehen wollen, kann nicht das 
Gericht über alle bringen; denn zehn Gerechte gentigten, 
um die Stadt zu retten. 1 ) Daß alle umkamen, nötigt 
uns, nach einer Schuld zu suchen, an der alle, Männer 
und Frauen, beteiligt waren, und zwar direkt, nicht bloß 
nach dem Sprichworte: „Mitgefangen, mitgehangen"; denn 
bei einem ähnlichen Volksauflaufe kann es wohl der 
Polizei passieren, daß sie mit den Beteiligten auch einige 
unschuldige Gaffer faßt, bei Gottes Gerichten aber sind 
solche Mißgriffe ausgeschlossen. 

Die Gelehrten suchen in verschiedener Richtung 
diese Schuld. Sie sehen die Verworfenheit der Sodomiter 
teils in der frechen Verletzung des Gastrechtes, teils in 
der Brutalität, mit welcher dieselben geschlechtliche Ex- 
zesse zu begehen wagten. In der Tat tritt bei dem 
ganzen Hergang die empörende Frivolität in den Vorder- 
grund, womit ein Verbrechen der Notzucht unter An- 
wendung brutalster Gewalt versucht wird und wobei es 
Nebensache ist, ob der schändliche Akt gegen das eine 
oder andere Geschlecht geplant war. Die Untat sollte 
mitten in ihrer Stadt, öffentlich, vollzogen werden, unter 
dem Beifall der ganzen Bevölkerung, von Alt und Jung, 
mit Hintansetzung des letzten Restes menschlichen 
Schamgefühls und obendrein noch an edlen, gesitteten 
Fremden, die das Gastrecht bei Loth genossen. Es ist 
bekannt, wie heilig dieses Recht dem Morgenländer zu 
allen Zeiten war und welch einen Abscheu die Verletzung 
desselben einflößte. In Sodom wird solches den Fremden 



l ) Genes. 18, 32. 



— 87 — 



nicht bloß nicht gewährt, vielmehr wenn ein Hintersasse 
die heilige Pfiicht ausüben will, lehnen sie sich gegen- 
über diesem „Mucker" in ihrer Mitte auf. So erproben 
sie sich durch die Tat als des Geschreies, welches vor 
Gott gekommen war, würdig, als die ruchlosesten 
Schänder des Gastrechtes, und liefern den Beweis, daß 
kein Fremder ihre Stadt betreten kann, ohne sich ihrer 
rohen Zügellosigkeit ausgesetzt zu sehen. 

Bei dieser Auslegung bleibt immer die geschlecht- 
liche Verirrung als mitwirkend anerkannt Alle Ausleger 
fühlen die Schwierigkeit, keiner überwindet sie ganz, 
weil keiner sich gedrungen sah, keiner ein persönliches 
Interesse hatte, eine gründliche Lösung zu suchen. Wo 
es sich um Legitimation der Theologenehe handelt, sind 
Luther, Zwingli und Calvin gleich erfinderisch, sie unter- 
werfen das Problem dem eingehendsten Studium und 
finden zwar nicht aus dem Wortlaute, aber aus dem 
Sinn und Geist der Schrift eine glückliche Lösung, die 
ich weit entfernt bin ihnen als Sophisterei auslegen zu 
wollen. Ich anerkenne sie als rein evangelisch, gönne 
sie ihnen und protestiere dagegen, wenn man den Re- 
formatoren die Absidht unterschiebt, als hätten sie damit 
nur eine Entschuldigung für die Betätigung ihres Ge- 
schlechtstriebes gesucht; aber ebenso begreife ich auch, 
daß es jedem Uranier in der Seele wehe tun muß, immer 
und immer wieder zu hören, daß man seine gleichge- 
schlechtliche Liebe mit einem solch wüsten Skandal, wie 
er in Sodom passierte, auf gleiche Linie stellt. Wenn 
unter den Reformatoren einer homosexuell gewesen wäre 
oder wenn die Anschuldigungen, welche gegen Beza er- 
hoben werden, auf Wahrheit beruhten, sähe man sich 
heute der Mühe überhoben, die Geschichte Sodoms weiteren 
Erwägungen zu unterwerfen. So unangenehm die Sache 
ist, jetzt muß es geschehen im Interesse der Wahrheit 
und zum Schutze von Tausenden. 



— 88 — 



Bei der großen Unsicherheit, die sich durch, alle 
Auslegungen hindurchzieht, darf man sich wohl die Frei- 
heit nehmen, einmal eine Darstellung des Ereignisses zu 
versuchen, die auf eine von der landläufigen abweichende 
Erklärung desselben führt Ich tue es in folgender Weise: 

Loth sitzt unter dem Stadttor mit den Sodomitern, 
da die Fremdlinge kommen. Keiner der etwa anwesen- 
den Wüstlinge und Lebemänner fühlt bei ihrem Anblick 
das Blut in Wallung geraten, daß es ihn gelüstete, an 
den zwei schonen Menschen sich zu vergreifen. Keiner 
von ihnen dachte auch nur daran, sie in sein Haus ein- 
zuladen, um leichter Gelegenheit zu finden, seine Geilheit 
an ihnen zu befriedigen. Aber ebensowenig macht einer 
von den interessierten, selbstsüchtigen Bürgern Miene, 
das primitivste Gebot der Nächstenliebe nach der Sitte 
jener Zeit zu erfüllen und den Fremdlingen Herberge 
anzubieten. Diese „christliche" Tat überläßt man dem 
wohlhabenden Loth. Er läßt sich auch nicht erst bitten, 
denn er erkennt in den Ankömmlingen Engel, die Boten 
seines Gottes. Daher erhebt er, der vornehme, ange- 
sehene Mann, dessen Oheim vor kurzem ganz Sodom 
aus der Hand Kedar-Laomers befreit hat, sich alsobald 
von seinem Sitze, geht ihnen entgegen, verbeugt sich 
demütig vor den Engeln bis zur Erde nieder und ladet 
sie ein zur Einkehr unter sein Dach. Die Sodomiter 
sind zwar Heiden, aber was sie von Loth hören, be- 
stätigen ihnen ihre eignen Augen; sie merken, daß es 
sich da um höhere Wesen handelt. Es verbreitet sich 
die Kunde in alle Häuser, daß Boten des Gottes Loths 
in der Stadt sind in Menschengestalt, sichtbar, greifbar. 
Daher die Parole, die alle entflammt: „Heraus mit diesen, 
daß wir sie in unsern Tempel bringen, wo Götter sich 
mit Menschen paaren! Diese Gelegenheit entrinne uns 
nicht, sie sollen noch diese Nacht mit unserm Geschlechte 
sich verbinden!" Ob die Fremdlinge nur Männern oder 



— 89 — 



auch Weibern preisgegeben werden sollten, ist Nebensache; 
genug, die unzüchtigen Orgien des Heidentums sollten 
einen Anlaß seltener Verherrlichungen finden. Loth ist 
der einzige, der weiß und glaubt, daß es teuflisch sei, 
fleischliche Verbindung mit Wesen anderer Art (irioa 
capl) 1 ) zu begehren. Er ist zwar noch nicht an Wunder 
gewöhnt und sein Glaube ist noch dunkel; aber in diesem 
seinem kindlichen Glauben ist er entschlossen, zum 
Schutze der Gottesboten das Äußerste zu opfern, sein 
eigen Fleisch und Blut preiszugeben, in der freilich ver- 
geblichen Hoffnung, das sinnliche Element möchte bei 
der tobenden Menge über das dämonische Verlangen 
den Sieg davontragen. Er irrt sich, es ist nicht die 
wrldschäumende Jugend, die das Wort führt, die Alten 
und Besonnenen stehen zuvorderst und drohen, über die 
Leiche Loths hinweg ihr Vorhaben auszuführen, sie 
wollen sich an dem Gotte Abrahams und Loths selbst 
vergreifen. Da treten die Engel ins Mittel und setzen 
den Käsenden Schranken. Loth hat sich in heißer Probe 
glänzend bewährt, seine Tat ist die Glaubenstat eines 
Gerechten, sein Lohn die Rettung für ihn und sein Ge- 
schlecht. Daß seine Töchter nachher begehrten, nur den 
Samen dieses einzigen Gerechten, der weit und breit 
unter den Männern sich fand, zur Welt zu bringen, be- 
greift, wer das Weib als solches versteht. 

So tritt die Verletzung des Gastrechtes zurück und 
' der geschlechtliche Akt kommt wieder in den Vorder- 
grund zu stehen. Dieser Darstellung aber wird durch 
kein einziges Wort im Texte Schwierigkeit bereitet; daß 
sie dem Sinn und Geiste der Schrift entspricht, zeigt 
mir der Brief Judä, der im 7. Verse die Bestrafung 
Sodoms der Bestrafung der Engel, welche in Vers 6 
erwähnt sind, gleichstellt. Setzen wir letzteren Vers in 



x ) Judae 7. 



— 90 — 



Beziehung mit Genesis 6, wo von den Söhnen Gottes 
die Bede ist, welche mit den Töchtern der Menschen 
fleischliche Verbindungen eingingen und damit das Gottes- 
gericht herausforderten, so liegt die Annahme sehr nahe, 
daß die Sodomiter etwas Ähnliches auf Umgekehrterp 
Wege erzwingen wollten, eine fleischliche Verbindung 
mit göttlichen Wesen, vielleicht auch um „Gewaltige" unter 
ihrer Nachkommenschaft zu haben. 

Zu dieser Auffassung stimmt dann, wenn im Deute- 
ronomium 32, 32 von dem götzendienerischen Israel ge- 
sagt wird, sein Weinstock sei von dem Weinstock Sodoms 
und von den Feldern Gomorrhas, wenn Ezechiel (16, 
48 — 50) die Sünde Sodoms als Hochmut bezeichnet 
Durch den Hochmut hat Satan gegen Gott sich aufgelehnt 
und wurde verstoßen; durch den Hochmut verfielen die 
Menschen auf den Turmbau zu Babel und wurden in 
alle Welt zerstreut; durch den Hochmut ließ sich die 
.Stadt Sodom, Alt und Jung, Mann und Weib, verleiten, 
sich an Gottesboten zu vergreifen. Ihr heidnischer Aber- 
glaube hatte sie dazu gebracht, auf das Fleisch zu säen 
und vom Fleische ernteten sie das Verderben. 

Will man in der ähnlichen Erzählung im Buche 
der Richter, Kap. 19, die Schuld der Bewohner Gibeas 
in der Verletzung des Gastrechtes erkennen, wozu man 
auf den ersten Blick versucht sein möchte, so fallt deren 
perverses Verlangen wiederum außer Betracht oder wird 
wenigstens ganz nebensächlich. Doch sehe ich gerade 
in diesem Ereignis eine vollständige Parallele zu Sodom, 
weil die Frevler in Gibea Kinder Baals genannt werden 
und ihr Attentat gegen einen Mann gerichtet ist, den 
sie als Leviten, einen Diener des Tempels Jehovas, 
kennen. Auch bei ihnen handelt es sich zunächst um 
Tempelprostitution, auch ihr Verlangen ist ein dämoni- 
sches, wie bei den Bewohnern Sodoms, doch mit dem 
Unterschiede, daß sie sich nicht an einem höheren Wesen 



~ 91 - 

selbst, sondern nur an einem Geweihten des Gottes Israels 
vergreifen konnten und daher beim Anblick des darge- 
botenen jungen Weibes das sinnliche Element, das so 
heterosexuell wie bei den Sodomitern war, die Oberhand 
gewann, d. h. die fleischliche Erregung den Sieg über 
den religiösen Fanatismus davontrug. 

Eine zweite Erzählung, Genesis 38, 8 — 10, genügt 
es, kurz zu streifen, um zu konstatieren, daß sie mit 
unserm Thema in keiner direkten Beziehung steht. Onan 
hat mit dem Uranismus als solchem nichts zu tun. Es 
ist auch die Ableitung des Wortes zur Bezeichnung der 
Selbstbefleckung von seinem Namen eine ebenso unglück- 
liche und verwirrende, wie die ähnliche des Wortes 
Sodomiterei. Bei Onan ist keine Rede von Masturbation, 
noch weniger von einer homosexuellen Handlung, Er 
hat als echter Heterosexueller den sogenannten natür- 
lichen Beischlaf mit der Thamar vollzogen, aber unter- 
brochen, weil ihm die von dem Gott Israels verordnete 
Leviratsehe nicht* behagte. Sein Wille war mit Gottes 
Willen in Widerspruch, d. h. seine Sünde war der Un- 
gehorsam, ein Durchbrechen der für eine gewisse Zeit 
geltenden Ordnung Gottes, und diese Sünde mußte um 
des Beispieles willen streng geahndet werden. 

Die Stellen des Alten Testamentes, welche am deut- 
lichsten gegen eine Betätigung homosexueller Triebe zu 
sprechen scheinen, sind Leviticus 18, 22 und 20, 13, 
wo es heißt: „Du sollst nicht beim Manne liegen." 
Luthers Übersetzung: „Beim Knaben" ist zu schwach 
und wird dem Grundtexte nicht völlig gerecht. Der 
Zusatz: „Wie beim Weibe" zeigt, daß nicht von jeder 
Art gleichgeschlechtlicher Betätigung, sondern nur von 
der Paedicatio und wieder nur von Paedicatio zwischen 
Männern die Eede ist. Nun bestätigen aber mit seltener 
Ubereinstimmung fast alle neueren Forscher auf dem 
Gebiete des sexuellen Lebens, daß gerade diese Art 



— 92 — 



geschlechtlicher Betätigung bei den Uraniern selten ge- 
troffen werde, jedenfalls nicht mehr als bei Heterosexuellen. 
Daß auch bei den genannten zwei Stellen an einen Zu- 
sammenhang mit den heidnischen Mysterien zu denken 
sei, ist nicht direkt nachzuweisen, doch liegt die Ver- 
mutung nahe und findet Unterstützung in der engen 
Verbindung, in welcher diese Worte stehen mit der Er- 
wähnung des Molochdienstes, sowie durch den Hinweis 
auf die Heiden, welche dergleichen Greuel getan haben, 
während von derselben Handlung, am Weibe begangen, 
so wie jedem anderen geschlechtlichen Verkehr zwischen 
Männern oder von Weibern mit Weiberh nicht die Rede 
ist. Da die Verbote unter einer langen Reihe anderer 
aufgeführt werden, welche Dinge, die uns ganz gleich- 
gültig sind, als Greuel bezeichnen und mit dem Tode 
bedrohen, während sie heute nicht einmal als Vergehen 
oder Übertretungen angesehen werden, scheint die An- 
nahme gerechtfertigt, daß sie mit allen andern auf die 
Reinigung Israels vom Heidentum e abzielenden Ver- 
ordnungen, in deren Mitte sie stehen, nur für den alten 
Bund Geltung haben. 

Ich bin weit davon entfernt, die Paedicatio, inner- 
halb öder außerhalb der Ehe vollzogen, in Schutz zu 
nehmen, nur will mir dünken, die eine mit dem Tode 
zu bedrohen, die andere dagegen ungestraft zu lassen, 
sei eine Inkonsequenz, die sich wohl gedankenlose Gesetz- 
geber der Neuzeit zu leisten imstande sind, der aber, 
welcher das mosaische Gesetz inspiriert hat, kann nicht 
ohne besonderen Grund so verfahren sein, und dieser 
Grund wird an einer andern alttestamentlichen Stelle, zu 
welcher wir uns noch zu wenden haben, unzweideutig 
angegeben. Im Deuteronomium 23, 17 nämlich, wo 
es heißt: „Unter den Töchtern Israels soll keine Hure 
und unter den Söhnen Israels soll kein Hurer sein." 
Der hier gebrauchte hebräische Ausdruck für Hurer 



— 93 — 



läßt keine andere Übersetzung zu als der „Geheiligte", 
d. h. eben der zur Kultusprostitution Geweihte. Dasselbe 
ist der Fall in der letzten Stelle, der wir im Alten 
Testament begegnen, I. Könige 14, 24, die von sitt- 
lichem Zerfall unter Rehabeam spricht, dem Könige, 
welcher die Götzendienste, namentlich den Astartedienst, 
wieder eingeführt habe, und dann fortfährt: „Es waren 
auch Hurer im Lande, die taten nach allen Greueln der 
Heiden." Es sind dieselben, für welche Paulus das Wort 
ÜQ^voxolrai 1 ) gebraucht, über dessen genauere Be- 
deutung weder die Reformatoren noch die späteren Aus- 
leger sich die Mühe nahmen, Rechenschaft zu geben; 
man begnügte sich zu allen Zeiten damit, oberflächlich 
solche Stellen mit „Schweinerei", „widernatürliche Unzucht" 
abzutun. Luther übersetzt beide Mal äpaevoxoircci mit 
Knabenschänder, Calvin gibt dafür das eine Mal paede- 
rastae, das andere Mal masculinorum concubitores, welch 
letzterer Ausdruck allein sich mit dem griechischen deckt. 
In allen Fällen ist im Alten Testamente zu denken an 
Personen, welche mit unzüchtigen Gottesdiensten in Ver- 
bindung stehen. 

Auf dieselbe Stufe mit der Hurerei, weil wieder in 
Beziehung zum Götzendienste, werden im Gesetze Moses 
noch andere Handlungen gestellt: Zauberei und Wahr- 
sagerei, das runde Scheren des Haupthaares, das Ge- 
nießen des Blutes und anderes mehr. 8 ) Daß der Götzen- 
dienst selbst, wie jedes Sicheinlassen mit den Pro- 
stituierten des Tempeldienstes, das die völlige Hingebung 
an die Götter der Heiden bedingt, als Hurerei bezeichnet 
wird, ist bekannt. Nun waren alle Völker, in deren 
Mitte Israel stand, der Naturreligion ergeben, die heid- 
nische Welt glaubtp die Natur mit einer Unzahl dämo- 



*) I. Cor. 6, 9; I. Thim. 1, 10. 
*) Leviticus 19, 26—31. 



— 94 — 



nischer Wesen erflillt, alles sah man für durch Geister 
belebt an und dachte die Götter, welche man sich nach 
menschlicher Art gestaltete, als Naturwesen dem Natur- 
gesetze unterworfen. In deren Dienst trat von frühester 
Zeit an vom Orient bis zum Okzident die Magie mit 
ihren Metamorphosen, Wundertränken, Wunderkräutern, 
Zauberstäben, Zaubergürteln usw., dann gesellten sich 
die Mysterien der Geheimkulte dazu, welche die Wollust- 
pflege zum Mittel- und Höhepunkt der Gottesverehrung 
machten als Abbild der zeugenden Kraft im vergöttlichten 
Naturleben. Unsere Missionare können erzählen von der 
Macht, womit der Naturdienst die Menschen zu ergreifen 
und zu beherrschen vermag, und die Geschichte des 
Altertums gibt uns Zeugnis davon in den Beschreibungen 
von Hekatomben, Menschenopfern, Entmannungen und 
Prostitution. In Ägypten war der Tierdienst mit allen 
seinen Ausartungen zum Volkskultus geworden, in Kanaan 
forderte der Moloch die Opfer der Unmündigen und die 
Astarte machte den Geschlechtsgenuß bis zur Prostitution 
zum heiligen Gesetz. War Israel in Ägypten weniger 
der Gefahr ausgesetzt, von den Landesbewohnern zu ihrer 
Abgötterei verführt zu werden, weil es in ihren Augen 
als ein unreines und daher für die Teilnahme am Kultus 
unfähiges Volk galt, so sehen wir den Reiz der Mysterien 
auf dasselbe in Kanaan um so unwiderstehlicher wirken. 
Gott ließ die Heiden ihre Wege gehen, 1 ) aber Israel 
sollte in Lebensgemeinschaft bleiben mit seinem Gott, 
der nicht des Volkes eigne Machenschaft war, wie die 
Götter der Heiden, 2 ) und nicht ein Produkt seines Denkens, 
sondern sich selbst Israel offenbarte. Die Grundlage 
dieser Offenbarung war die Heiligkeit Gottes, auf den 
die Kreatur ihr eignes Denken und Tun nicht übertragen, 



l ) Act. 14, 16. 

») Jes. 40, 19, 20; 44, 9—21. Act. 17, 29. 



— 95 — 



von dessen Dienst alles Sinnliche ausgeschlossen sein 
sollte, als mit seinem Wesen unvereinbar. Geschlechtliche 
Handlungen aber, die an und für sich nichts Sündliches 
enthalten, entspringen immer der niedrigeren Sphäre der 
menschlichen Natur, dürfen also in keine Beziehung zur 
Verehrung Jehovas gebracht werden. Der Monotheismus 
Israels soll dem Naturdienste in keiner Richtung sich 
anpassen, ihm nicht die geringsten Konzessionen machen. 
Daher geht die Tendenz der ganzen mosaischen Gesetz- 
gebung darauf hin, Israel auszusondern und rein zu 
halten von aller heidnischen Vermischung, weil es dazu 
prädestiniert war, Träger der Offenbarung des allein 
wahren Gottes zu sein. Mit protestantisch-puritanischen 
Sittlichkeitsbegriffen kommt man bei Moses schlecht weg. 
Während bei den ersten Menschen, bei den Patriarchen 
und dem Volke Israel geschlechtliche Handlungen immer 
als Adiaphora gelten, es sei nur erinnert an die Tat 
der Töchter Loths, die Vielweiberei, die nicht nur ge- 
duldet, sondern von Moses sanktioniert war, und anderes 
mehr, treten dieselben Handlungen sofort in ein anderes 
Licht, sobald sie mit dem Heidentum als solchem, mit 
dessen Mysterien, mit der Tempelprostitution zusammen- 
hängen, weil mit letzteren der Begriff des Dämonischen 
verbunden war. 

Damit können wir den Boden des Alten Testaments 
verlassen, indem wir mit aller Entschiedenheit sagen: Es 
findet sich keine Stelle in demselben, welche den Ura- 
nismus verdammt. Wenn ich zum Neuen Testamente 
übergehe, das ja für uns als Christen unzweifelhaft maß- 
gebend ist und an dessen Geboten wir nicht rütteln 
dürfen, so werden wohl manche triumphieren: Hier stoßest 
Du auf eine Klippe, an der Du nicht vorüberkommst 
Ich kenne diese Klippe, Sie liegt im Römerbrief, aber 
zu diesem geht es über die Evangelien; erst kommt der 
Meister, dann seine Jünger. 



— 96 — 



Nun ist allerdings kein einziges Wort aus Jesu 
Munde bekannt, womit er unsere Frage entschieden hätte. 
Ob er Kenntnis gehabt habe von der Existenz solcher 
Wesen, die gleichgeschlechtlich fühlen? Ich glaube, ja. 
Jesus, der in allen Stücken als ein Mensch erfunden 
wurde, gleich wie wir, nur ohne Sünde, er hat auch ge- 
liebt, und ich meine damit nicht jene göttliche Liebe, 
mit der er die ganze Welt und sterbend selbst seine 
Feinde umfing, sondern eine persönliche Zuneigung 
innigster, edelster, zartester Art, die seinem menschlichen 
Herzen Bedürfnis war. Entstellungen des Lebens Jesu, 
wie sie ein Renan, ein Bovio sich herausnehmen, er- 
scheinen mir als Blasphemien; aber daß Johannes der 
Jünger war, den der Herr lieb hatte, daß Jesus sie alle 
liebte, aber dieser eine ihm näher stand als die andern, 
daß Johannes an seiner Brust lag, das sage nicht ich, 
das sagt die heilige Schrift. 1 ) Johannes, der keineswegs 
die zarte jungfräuliche Erscheinung ist, welche die Le- 
gende aus ihm gemacht hat, sondern der begabte, tief- 
sinnige, jugendliche Prachtmensch, der mit ganzer Seele 
die Größe seines göttlichen Meisters erfaßt, dessen Ehr- 
geiz Jesus zwar zu dämpfen, 8 ) dessen fleischlichen Eifer 
er in die richtigen Schranken zu weisen hat, 3 ) dessen 
Kraftnatur aber seine Anerkennung findet in der Be- 
nennung „Donnerssohn", 4 ) Johannes genoß sein Vorrecht 
noch am letzten Abend vor der Kreuzigung und holte 
an der Brust seines Meisters die Kraft und Charakter- 
festigkeit, ihm allein unter allen Jüngern zu folgen bis 
vor Gericht und auf Golgatha, ihn nicht zu verlassen, 
ihm die menschliche Treue zu beweisen, die dem Menschen- 
sohne so wohl tat, daß er diesen seinen Liebling würdig 

l ) Job. 13, 23; 21, 20. 
») Marc. 10, 35—45. 
•) Luc. 9, 52—56. 
*) Marc. 3, 17. 



— 97 — 



fand, sein Testamentsvollstrecker zu werden in der einzigen 
Angelegenheit, die er für diese Welt zu besorgen übrig 
ließ, der Unterstützung seiner Mutter. 

Das Verbot des Ehebruchs vertieft Jesus, indem er 
selbst den lüsternen Blick nach der Frau eines andern 
der vollendeten Tat gleichstellt. 1 ) Der Verführer der 
Unmündigen verdient nach seiner Ansicht, im Meere er- 
tränkt zu werden. 2 ) Anderer geschlechtlicher Verhält- 
nisse erwähnt er mit keiner Silbe, trotzdem sie ihm wohl 
alle bekannt waren. Er, der nicht nötig hatte, daß ihm 
jemand sage, was in den Menschen sei, kannte eben 
auch die Mannigfaltigkeit ihrer Veranlagung, wußte auch, 
daß nicht alle, ja daß nur ganz wenige Verschnittene 
vom Mutterleib an sind. 3 ) Er redet vom Augenausreißen, 
vom Handabhauen, aber nicht vom Ausrotten von Trieben, 
die Gott in den Menschen gelegt hat, nicht der Teufel. 
Er schlägt das Geschlechtsleben der Menschen überhaupt 
nicht so hoch an wie die Schriftgelehrten und Pharisäer, 
und wo sie eifern um das Gesetz und streng zu strafen 
bereit sind, zeigt er sich selbst in dem Falle der Ehe- 
brecherin, bei dem es sich doch noch um Rechte eines 
Dritten, des betreffenden Gatten, handelt, außerordentlich 
mild und tolerant. 4 ) Sollte ich die Geschichte von Sodom 
und Gomorrha nicht richtig ausgelegt haben, so sei hier 
daran erinnert, daß Jesus dennoch für jene Leute eine 
Hoffnung für die Zeit des Gerichtes offen läßt, wenn er 
sagt, Sodom und Gomorrha werde es besser als denen 
ergehen, welche ihn verwerfen. 6 ) Ob zwei, ob drei Ge- 
schlechter vorhanden sind, darüber hat Jesus sich nicht 
geäußert, aber von großer Tragweite ist, daß er von 

l ) Math. 5, 28. 
*) Marc. 9, 42. 
•) Math. 19, 12. 
*) Joh. 8, 1—11. 
6 ) Math. 11, 23, 24. 
Jahrbuch VI. 7 



— 98 — 



seinem erhabenen Standpunkte aus überhaupt alle ge- 
schlechtlichen Unterschiede nur für etwas Akzidentelles 
am Menschen betrachtet, das nur für diese Welt Geltung 
hat; denn in der andern Welt, sagt er, wird weder zur 
Ehe genommen, noch zur Ehe gegeben. 1 ) Da ist weder 
Mann noch Weib und, setze ich kühn hinzu, weder 
Heterosexueller noch Homosexueller; sie sind allzumal 
einer in Christo Jesu. 2 ) 

Damit sind wir bei dem gefürchteten Paulus an- 
gekommen. Diesen, wie in neuester Zeit versucht wurde, 
zum Homosexuellen zu stempeln, ist unstatthaft. Paulus 
denkt und fühlt ganz heterosexuell, und wenn er, der 
sich selbst um des Reiches der Himmel willen ver- 
schnitten hatte, die Kraft dazu nicht in sich fühlte, so 
würde er sich einfach verheiratet haben, wie Petrus und 
andere getan. 8 ) 

Und nun zu dem Briefe dieses Apostels an die 
Römer. Es handelt sich um die Stelle Kap. 1 , Vers 26 
und 27, mit der wir uns unter allen Umständen ab- 
finden müssen. Selbst wenn wir der äußersten Linken 
angehörten, könnte uns die Kritik des Neuen Testaments 
nicht darüber hinweghelfen; denn die Authentizität des 
Römerbriefes ist bis auf die zwei letzten Kapitel von 
niemandem im Ernste angefochten worden. Dem Paulus 
die richtige Kenntnis der Naturwissenschaft abzusprechen, 
wie das im II. Bande des Jahrbuchs geschieht, geht 
wieder nicht an, ohne die Inspirationslehre preiszugeben. 
Einer meiner theologischen Lehrer hat mit Recht ein- 
mal gesagt: Der Geist Gottes bewahrt die Menschen Vor 
Dummheit. Wenn Paulus, wie ich glaube, bei der Ab- 
fassung aller seiner Briefe, also auch desjenigen an die 



*) Math. 22, 30. 
■) Gal. 3, 28. 
') I. Cor. 9, 5. 



— 99 — 



Römer , unter der Leitung des Geistes Gottes stand, 
durfte er sich in diesem Briefe keine Albernheit und 
keinen Verstoß gegen die Naturgesetze zu schulden kom- 
men lassen, um dann aus solchem Irrtum einen allgemein 
verbindlichen ethischen Grundsatz abzuleiten, eine ganze 
große Klasse gottgeschaffener Wesen zu verdammen und von 
ihnen zu erklären, daß sie für diese und jene Welt gerichtet 
wären und vor Gott nicht bestehen könnten. Seien wir 
ruhig, eben weil Paulus unter der Leitung des Geistes 
Gottes stand, hat er so geschrieben, daß wir nicht heute 
zu sagen brauchen: Wenn er im 19. oder 20. Jahrhun- 
dert gelebt hätte, so würde er es besser gewußt und 
nicht so geschrieben haben, wie er schrieb. Auch bei 
unserem Jahrhundert mit seiner Aufklärung braucht 
Paulus nicht in die Schule zu gehen. 

Um die Stelle im Römerbrief zu verstehen, haben 
wir uns Rechenschaft darüber zu geben, wann und an 
was für Leute dieser Brief geschrieben wurde. Paulus 
stand zu seiner Zeit der ganzen Macht des ungebrochenen 
Götzendienstes gegenüber, der im römischen Reich durch 
die synkretistische Vermengung abendländischer mit orien- 
talischen Gottheiten überaus polytheistisch geworden war, 
der heidnischen Welt mit all ihrem ungöttlichen Wesen 
und ihren Entartungen der menschlichen Natur. Noch 
kannte er Rom nicht aus eigener Anschauung, nur aus 
den Berichten seiner Glaubensgenossen, wie z. B. Aquilas 
und Priscillas. Was ihm diese und andere schlichte und 
einfache, sittenstrenge, in jüdisch-pharisäischem Geiste 
aufgewachsene Zeugen über den Sittenzustand der Haupt- 
stadt mitteilten, mußte ihn zu tiefem Nachdenken an- 
regen. Das kleine Häuflein von Christen erschien ihm 
wie eine Oase in dieser großen sittlichen Wüstenei und 
er legte sich die Frage vor: Welches ist das Pfund, das 
der Herr dieser seiner Gemeinde gegeben, welche be- 
sondere Aufgabe hat dieselbe in ihrer Sonderstellung im 

7* 



— 100 — 



Herzen des Weltreichs? Diese Frage, nicht das eitle 
Begehren, eine Weltstadt zu sehen, ließ ihn so dringend 
wünschen, selbst nach Rom zu kommen, und als seine 
Reise sich verzögerte, unternahm er es, in großen Um- 
rissen jener Gemeinde ihre Bedeutung und Aufgabe 
schriftlich klar zu machen. 

Zur Zeit des Paulus treffen wir in Rom die größte 
Zivilisation, aber auch das sittliche Verderben hatte 
unter den Kaisern seinen Kulminationspunkt erreicht. 
Freiheitssinn, Gerechtigkeit, Charakterstärke, Seelenadel, 
Treue und Ehrlichkeit, sittliche Mäßigung und Enthalt- 
* samkeit waren seltene Güter geworden; die ganze Tiefe 
der Laster und Gebrechen jener Zeit zu schildern, wollen 
wir der Kulturgeschichte tiberlassen. Auch die sexuellen 
Exzesse nahmen überhand. Wie jeder Genuß des Lebens, 
so war auch das Geschlechtsleben ausgeartet und das 
Lasterleben der Heterosexuellen hatte sich als Produkt 
der Degeneration mit Schamlosigkeit gepaart. Die Ver- 
derbnis Babels, die großstädtische Verkommenheit war 
das Gepräge der Kaiserstadt; denn mit dem Abfall von 
dem lebendigen Gott geht immer die Versinnlichung der 
Menschen Hand in Hand; und je größer die materiellen 
Mittel sind, welche jener zu Gebote stehen, desto raffi- 
nierter wird der Genuß. 

Wieder steht die christliche Welt im Zeichen der 
Uberkultur. Schon vor 50 Jahren fing man an, Paris 
um seiner vielen Lebemänner und Wüstlinge willen das 
Seinebabel zu nennen, mußte aber bald zugeben, daß 
diese Bezeichnung auch anderswo Anwendung finden 
könnte. Wo immer in großen Städten es den oberen 
Zehntausend zu wohl geht und sie zu Heiden werden, 
da nimmt die Prostitution mächtig überhand und die 
degenerierte Männerwelt feiert mit ihren bezahlten Wei- 
bern wüste und schamlose Orgien im Themse-, Spree-, 
Donau- uYid in anderen Babel. Dagegen helfen weder 



— 101 — 



Predigten noch Gesetze, solche Erscheinungen sind 
Früchte an einem faulen Baume, dem von einer höheren 
Hand jeweilen, wenn es Zeit ist, die Axt an die Wurzel 
gelegt wird. 

Nur grobe Unwissenheit und blinder Eifer können 
gleichgeschlechtliches Empfinden, das ein eingeborener 
Zustand, ein Naturtrieb ist, in einen Topf werfen mit 
solcher Degeneration, mit Entartung und sittlicher Ver- 
kommenheit, sei es im alten Rom, sei es in unsern 
Tagen. Wenn aber ein blinder Eiferer die Absicht 
hätte, von der Kanzel aus oder in einer Druck- 
schrift die Sittenlosigkeit unserer Großstädte zu geißeln, 
würde er wohl aus der langen liste der Laster gerade 
das der sogenannten widernatürlichen Unzucht heraus« 
heben und bis ins Detail verfolgen, nur um ."fein Beispiel 
zu geben unter vielen anderen? Und wenn er es täte, 
so liefe er Gefahr, bei seinen Hörern und. Lesern in 
den Verdacht zu kommen, daß er gerne in diesem 
Schmutze sich wälze, zum mindesten würde man ihn als 
sehr plumpen Redner oder Schriftsteller bezeichnen- 
Wer nun meint, daß Paulus hier aus der Sittenlosigkeit 
Roms ohne weiteres ein Beispiel herausgegriffen habe, 
um dieses bestimmte Laster zu verdammen, erhebt gegen 
ihn den Vorwurf der Unschicklichkeit und der Plumpheit 
zugleich. Die Verse Römer 1, 26, 27 aus ihrer Um- 
gebung herausgenommen könnten ja wohl zu jener 
Meinung fuhren; lassen wir sie aber in ihrem Zu- 
sammenhange stehen, so tönen sie ganz anders, und 
Paulus erscheint nicht mehr als ungeschickter Stümper, 
zu dem ihn oberflächliche Ausleger machen, der nichts 
Besseres zu schreiben gewußt hätte, als allerhand sittliche 
Ermahnungen kunterbunt aneinander zu reihen. Er hätte 
in diesem Falle ganz gewiß nicht die Frauen voran- 
gestellt, er, der nicht gewöhnt ist, die Frau als Krone 
der Schöpfung zu bezeichnen. Ein Apostel Jesu, der 



— 102 — 



wie jeder sittliche Mensch geschlechtliche Verhältnisse 
lieber umgeht, hätte uns keine derartige Stelle hinter- 
lassen, die weder seine Römer, noch wir heute in gemisch- 
ter Gesellschaft vorzulesen wagten, bloß damit er sagen 
könnte, es kommen auch solche Dinge vor. Der Brief, 
aus dem ungeschickte Menschen die zwei Verse unbe- 
fugterweise herausschneiden, ist nach einem bestimmten, 
wohl durchdachten Plane angelegt, er erörtert die Stel- 
lung der Heiden und Juden zum Evangelium, und in 
der Einleitung zeigt Paulus, welche Macht das Heiden- 
tum über die Gemüter habe, indem es die Menschen 
bis zu dem Grade beherrsche, daß sie gegen ihren 
eigenen Willen und Trieb geschlechtliche Handlungen 
ausüben, in der Meinung, damit ihren Göttern zu dienen. 
Voq geschlechtlichen Verirrungen ist die Rede, ja, aber 
nicht von vereinzelten, sondern von habituellen, tiefer 
begründeten, prinzipiellen, von verirrter Ethik, hervor- 
gegangen aus verirrter Dogmatik. Wie im 10. Kapitel 
des ersten Korintherbriefes, das von der Beteiligung der 
Christen am Götzendienst handelt und in Vers 8 auf das 
Ereignis hinweist, wo Israel der Verführung der moabi- 
tischen Tempelprostitution erlag, 1 ) so denkt Paulus im 
Römerbrief an die geschlechtlichen Kultushandlungen und 
nimmt gegen diese Stellung, mit derselben Strenge, wie 
der alte Bund und der Apostelkonvent, indem er sie für 
ungöttlich und unchristlich erklärt und den Beweis da- 
für erbringt. Die heidnischen Mysterien eines Priap, 
Bachus, einer Flora, Venus, Isis stehen dem Paulus 
vor Augen, deren tiefere Mystik er nicht verkennt, 
deren Ursprung er darum als dämonisch und dem 
wahren Gott zuwider auffaßt. Judentum und Heiden- 
tum stellt er im Römerbriefe einander gegenüber, um zu 
zeigen, daß beide des Heils in Christo bedürfen. Rom, 



*) Numeri 25. 



— 103 - 



die Hauptstadt, repräsentiert ihm das ganze Heidentum, 
das er nicht mit beschränkter und ungerechter jüdischer 
Voreingenommenheit beurteilt, sondern von dem Stand- 
punkte aus, den sein Meister eingenommen. Aus den 
Evangelien wissen wir nämlich, daß die Pharisäer der 
gröberen heidnischen Magie eine feinere jüdische gegen- 
übergestellt hatten, mit Engel Verehrung und Dämonen- 
beschwörung. Jesus selbst bestritt weder die Existenz 
noch den Einfluß einer solchen Geisterwelt, bekämpfte 
nur die abergläubische Verehrung . der Engel und die 
magische Beschwörung. Ganz so Paulus. Er faßt das 
Reich Gottes auf als eine Vereinigung aller persönlichen 
Geschöpfe im Himmel und auf Erden in Christo, als die 
Herstellung einer Harmonie im Universum, der Einzelne 
wird durch die Sakramente geheimnisvoll Christo ein- 
verleibt und durch den Glauben wird Christus selbst das 
Prinzip, welches in den Seinigen lebt. Dem Gottesreich 
gegenüber sieht Paulus ein Reich der Finsternis unter 
Satan, eine Macht, kgovaice, als eine Mehrheit von bösen 
Geistern. Diese Macht ist zwar prinzipiell durch Jesu 
Tod überwunden, aber der Kampf dauert noch fort bis 
zu seiner Parusie. 

Das ist der große Gesichtspunkt, unter dem Paulus 
seinen Römerbrief schrieb. Nicht von griechischer Liebe 
und nicht von lesbischer Liebe redet er darin, sonst hätte 
er sich in diesem Sinne eher an die Korinther oder an 
eine der kleinasiatischen Gemeinden gewandt mit seinen 
Warnungen. Nicht an eine einzelne sündige Handlung 
denkt er, wenn er von den Weibern sagt, daß sie den 
natürlichen Gebrauch in den unnatürlichen verwandelt 
haben, sondern an die gottesdienstlichen Orgien, bei 
denen die Weiber zahlreicher, vielfach allein beteiligt 
waren. Darum erwähnt er sie zunächst und dann erst 
die Männer, die ein Gleiches tun. Ihre geschlechtlichen 
Handlungen sind widernatürlich, weil sie von heterosexuell 



— 104 — 



empfindenden Weibern nnd Männern vollzogen werden 
gegen ihren Naturtrieb, in dem falschen Wahne, der Gottheit 
wohlzugefallen. Aus der Verkehrung der letzteren leitet 
Paulus die Verkehrung der Gottesverehrung ab. Wenn 
im Reiche des wahren Gottes fromme Menschen beiderlei 
Geschlechtes ihr Fleisch samt seinen Lüsten und Be- 
gierden kreuzigen durch den Geist, um dem Gott, der 
ein Geist ist, zu gefallen, und niemals sich einfallen 
lassen, diesen Gott durch eine fleischliche Handlung 
irgend einer Art verehren zu wollen, so hat nach Paulus 
die Verirrung des Heidentums, dem die Erkenntnis der 
Heiligkeit Gottes fehlt und welches es nicht als Frevel 
empfindet, das Bild des unvergänglichen Gottes in das 
Bild von vergänglichen Menschen und von Tieren zu 
verwandeln, zur Folge, daß seine Mysterien tierisch- 
menschlich sich gestalten, zu einem fleischlichen Ritus 
führen, der seinen Priesterinnen und Priestern den gleich- 
geschlechtlichen Verkehr, der ihrer Natur entgegen ist, 
als ein Opfer auferlegt, die Tempelprostitution gebietet. 
Solche Unziemlichkeiten sind der Lohn, der den Heiden 
aus ihrer Gottesverkennung erwächst, an die sich dann, 
wie Paulus weiter fortfährt, alle andern unchristlichen 
Eigenschaften anreihen. 

Damit soll nicht gesagt sein, daß unsere Stelle 
einzig und allein auf das alte Rom oder die Zeitgenossen 
des Paulus Bezug habe. Die Verkehrung des wahren 
Gottesbegrifles hatte durch einzelne Irrlehrer bereits im 
Morgenlande wie im Abendlande bei den jungen Ge- 
meinden Eingang gefunden und es war für die Apostel 
keine leichte Sache, das christliche Bewußtsein rein zu 
erhalten gegen derartige heidnische Verirrungen. An 
solche ist wohl zu denken bei den Werken der Nikolaiten, 1 ) 
gegen solche eifert der Brief Judä und der zweite Petri- 



*) Offenb. 2, 14, 15. 



— 105 — 



brief. Uns erscheint das Heidentum mit seinen schreck- 
lichen Gestalten und Folgen in einem zu fernen und 
schwachen Lichte, um seine Wichtigkeit zu erkennen, 
wir müssen unsere Missionare darüber befragen, um eine 
richtige Vorstellung zu gewinnen; aber an der Hand der 
Kirchengeschichte ließe sich leicht nachweisen, wie oft 
und bis wie weit hinunter die christliche Kirche sich 
bedroht sah von dem Eindringen heidnischer Mysterien, 
sodaß immer wieder die Frage des Paulus ertönen 
mußte: Wie stimmt Christus mit Belial? Nachklänge 
dieser Mysterien sind in späterer Zeit die Verirrungen 
des Templerordens, und daß, wo die innere Gott- 
entfremdung zu frechem Unglauben oder dunklem Aber- 
glauben führt, bald auch der Kultus des Fleisches seine 
wüsten Orgien feiert, zeigen Erscheinungen unserer Tage 
wie die „schwarze Messe" und Ähnliches. 

Ob Paulus jemals sich vor die Frage der Homo- 
sexualität gestellt sah, ob ihm jemals konkrete Fälle 
gleichgeschlechtlichen Empfindens vor die Augen traten 
und ob er sich über dieselben klar zu werden versuchte, 
oder ob er daran als an einem unlösbaren Kätsel vor- 
überging, wer kann das sagen? Uber die Zügellosigkeit 
im geschlechtlichen Verkehr, über die Verletzung des 
Schamgefühles hat Paulus sich deutlich geäußert und 
den Wüstlingen spricht er unzweideutig das Urteil an 
mehr als einer Stelle in seinen Briefen. Das darf ein 
Mann wie er, der sich aller und jeder geschlechtlichen 
Betätigung um des Reiches Gottes willen enthält. Der- 
selbe Paulus verlangt aber nicht von allen gleiche Voll- 
kommenheit, wie «r sie besitzt, weil er weiß, wie ver- 
schiedenen Temperamentes die Menschen sind und wie 
schwach das Ifleisch ist. Die Christen zu Korinth legten 
ihm die Frage vor, was besser sei, heiraten oder Brunst 
leiden, und Paulus entschied in seiner weitherzigen 
Toleranz für das erstere, d. h. er erkannte es für besser, 



— 106 — 



daß der Mensch seine Triebe, welche der Schöpfer in 
ihn gelegt hat, betätige, als in fortwährendem Kampfe 
mit Fleisch und Blut sich selbst aufzureiben, als sich ein 
Gewissen zu machen aus etwas, was an und für sich keine 
Sünde ist Man lese nur das 7. Kapitel im I. Korinther- 
Brief, um die Weitherzigkeit des Apostels zu erkennen. 

So wenig Paulus die heterosexuelle Liebe und deren 
geordnete Betätigung verdammt, sondern letztere aus- 
drücklich erlaubt, zur Vermeidung von Ausschweifungen, 
so wenig kennt er Verbote für die Betätigung der gleich- 
geschlechtlichen Liebe. Mochte er die Ausschreitungen 
der einen wie der anderen kennen, er tritt auf Einzel- 
heiten nicht ein, sondern faßt alles unter demselben 
Namen „Unzucht" zusammen und stellt dieser ein ge- 
ordnetes Geschlechtsleben, welches das Schamgefühl 
nicht verletzt und keinen öffentlichen Anstoß erregt, als 
Schutzmittel gegenüber. 

Über gewisse Dinge spricht ein züchtiger Mensch 
nicht, auch wenn er sie tut und ohne Gewissensskrupel 
tut (das wissen Eheleute am besten); aber wenn wir nun 
Paulus die Frage vorlegen könnten: Was soll der tun, 
der Brunst leidet, dem es aber gegen seine ganze Natur 
ginge, wenn er beim, andern Geschlechte Befriedigung 
suchen müßte, weil er homosexuell empfindet, ist einem 
solchen gleichgeschlechtliche Betätigung erlaubt, inner- 
halb der Schranken der Schamhaftigkeit und des An- 
standest, so wissen wir nicht, wie er diese Frage be- 
antworten würde. Die einen legen ihm ein, ruhiges und 
bestimmtes „Ja" in den Mund, die andern ein ebenso 
bestimmtes „Nein", noch andere wagen gar nichts zu ent- 
scheiden. In jedem Falle werden wir auf individuelle 
Ansichten, auf persönliche Meinungen, die stark unter 
dem Einflüsse des eignen Naturtriebes stehen, angewiesen 
sein; wo aber nur Meinungen und Ansichten zur Geltung 
kommen, muß an der Regel festgehalten werden : Keiner 



— 107 — ^ 

richte den andern. Paulus die Absicht unterschieben, 
daß er den Uraniern ein anderes, strengeres Gesetz für 
ihr Geschlechtsleben als den Heterosexuellen habe auf- 
erlegen und sie um der Betätigung ihrer natürlichen 
Liebe willen zur Steinigung, zum Scheiterhaufen oder 
zum Gefängnis in diesem Leben verurteilt, im Jenseits 
ewig verdammt wissen wollen, das hieße doch seine 
Worte nicht auslegen, sondern verdrehen, die eigene In- 
toleranz dem Apostel unterschieben und den zu einem 
christlichen Ungeheuer stempeln, der in geschlechtlichen 
Dingen so milde Toleranz übte wie sein göttlicher Meister. 

Ich schließe, indem ich der festen Uberzeugung 
Ausdruck gebe, der Uranier habe sich nicht gegen die 
heilige Schrift zu verteidigen, nicht gegen eine einzige 
Stelle derselben, nur gegen eine althergebrachte Aus- 
legung. Die heutige Christenheit steht dem Heidentume 
ferne, sie kommt höchstens noch an der Peripherie mit 
demselben in Berührung, daher denken wir nicht an die 
Beziehung vieler Schriftstellen zu demselben; Paulus 
aber wie Moses lebten mitten in jener argen Welt und 
eiferten für die Reinhaltung des Volkes Gottes von 
allen dämonischen Einflüssen. Indem ich mich in die 
Lage der beiden Gottesmänner hinein zu versetzen ver- 
suchte, glaube ich den richtigen Sinn der in Frage 
kommenden Abschnitte gefunden zu haben. Auch wenn 
es mir nicht gelungen sein sollte, hoffe ich wenigstens, 
mit so viel Ernst an die Frage herangetreten zu sein, 
daß niemand mir vorwerfen wird, ich mache mich da- 
mit zum Apostel der Unsittlichkeit, wenn ich die weit- 
gehendste Toleranz auf christlichem Boden vertrete. Wie 
man sich seiner Aufklärung rühmen und doch sehr be- 
schränkte Lebensanschauungen haben kann, wie man 
nicht orthodox zu sein braucht, um doch bis über die 
Ohren in pharisäischen Vorurteilen zu stecken, so läßt 
sich andererseits das strengste Bibelchristentum gar wohl 



— 108 — 



mit großer Weitherzigkeit verbinden. Mein Alter, viele 
Reisen und jahrelanger Aufenthalt in fremden Ländern 
haben meinen Glauben nicht verändert, aber meinen 
Gesichtskreis erweitert, und als ich an diese sehr deli- 
kate Frage herantrat, da tat ich es im klaren Bewußt- 
sein meiner Verantwortung vor Gott. Daß ich sie ganz 
gelöst habe, schmeichele ich mir nicht, der Versuch aber 
war ein Akt der Anerkennung für das wissenschaftlich- 
humanitäre Komitee, dessen Wirksamkeit mir als eine 
Wohltat für Tausende erscheint, als ein Werk der inneren 
Mission, das der Unterstützung nicht bloß von Seiten der 
Homosexuellen — wo käme dieses kleine Häuflein allein 
hin? — sondern auch der Heterosexuellen bedarf und 
würdig ist der Hilfe aller, denen an der Wahrheit ge- 
legen ist 



Das Ergebnis 
der statistischen Untersuchungen über 
den Prozentsatz der Homosexuellen. 



Von 

Dr. Magnus Hirschfeld. 



Motto: „Ihren Höhepunkt erreicht die 
Aufgabe der Statistik in der Entdeckung 
von Regelmäßigkeiten und Gesetzen." 

Dr. Max Haushofer. 
Prof. an der k. techn. Hochschule zu München. 
(Lehr- u. Handbuch d. Statistik, 2. Aufl., S. 57.) 



Die Frage nach der Zahl der Homosexuellen ist oft 
aufgeworfen, die Wichtigkeit ihrer Beantwortung wiederholt 
hervorgehoben worden. So betonte Groß 1 ) vor einigen Jahren 
die Bedeutung einer zahlenmäßigen Feststellung; er meinte, 
„man müsse feste Anhaltspunkte über die Zahl der Kon- 
trären und die Begehung homosexueller Handlungen, 
nötigenfalls unter Beihilfe der Homosexuellen, gewinnen, 
um die Zahl der Gesetzesübertretungen und die Anzahl 
der tatsächlich erfolgten Verurteilungen vergleichen zu 
können. Wenn die Prozentzahl der gesühnten Verbrechen 
gegen die Zahl der begangenen verschwindend klein sei, 
so sei der Strafzweck nicht erreichbar; eine Bestrafung 
einer winzigen Anzahl von Fällen verfalle dem Fluche 
der Lächerlichkeit Bei der Zweifelhaftigkeit der Straf- 
barkeit homosexueller Handlungen bilde dies dann einen 
Grund mehr für die Straflosigkeit" 

Einen ähnlichen Gedankengang, wie den von Groß 
entwickelten, stellte bereits im Jahre 1869 ein un- 
bekannter Autor 2 ) in einer ganz ausgezeichneten, jetzt 

l ) Groß, Besprechung des Buches von Wachenfeld, 
Homosexualität und Strafrecht, Archiv für Kriininal- 
anthropologie etc., Bd. VI, Heft 3 u. 4, 1901, S. 361—365. 

*) Der Verfasser — ein Arzt — nannte sich als Schrift- 
steller sonst M. Kertbeny. Er ist — so weit ich sehe — der 
Präger des Wortes „homosexual". Dieses jetzt so viel angewandte 
Wort findet sich zum ersten Male auf S. 48 der oben zitierten 
Schrift in folgendem Satze: „Neben dem normalsexuellen 
Triebe der gesamten Menschheit und des Tierreiches scheint die 
Natur in ihrer souveränen Laune bei Mann wie Weib auch d'*n 



- 112 — 



fast verschollenen Monographie an, welche den Titel 
führt: „§ 143 des Preußischen Strafgesetzbuches vom 
14. April 1851 und seine Aufrechterhaltung als § 152 
im Entwürfe eines Strafgesetzbuches für den Norddeutschen 
Bund. Offene, fachwissenschaftliche Zuschrift an Seine 
Exzellenz Herrn Dr. Leonhardt, kgl. preußischen Staats- 
und Justizminister" (Leipzig, Serbes Kommissionsverlag, 
1869). Der offenbar sehr gut unterrichtete Verfasser 
rechnet in seiner Schrift auf die 700000 Einwohner, 
welche Berlin damals zählte, 10000 Homosexuelle. (Das 
wären 1,425 °/ 0 -) Er nimmt an, daß diese sich einmal 
die Woche zu Handlungen verleiten lassen, die der Ge- 
fahr der durch § 143 angedrohten Verfolgung ausgesetzt 
sind. Diesen 520000 Fällen jährlich, „welche Sühne zu 
fürchten haben", standen im Jahre 1867 57 Fälle gegen- 
über, welche zur Anzeige gekommen sind; zu einer Ver- 
urteilung kam es nur in 18 Fällen, in 35 wurde das 
Verfahren eingestellt, 4 blieben „unerledigt". Im Jahre 
1868 kam in ganz Berlin bloß ein Fall „widernatürlicher 
Unzucht" zur Anzeige. 

Der Verfasser von § 143 fährt nach diesen Gegen- 
überstellungen wörtlich weiter: 

„Dehnt man diesen approximativen Kalkül auf alle 



homosexualen Trieb gewissen männlichen oder weiblichen In- 
dividuen bei der Geburt mitgegeben, ihnen eine geschlechtliche 
Gebundenheit verliehen zu haben, welche die damit Behafteten 
sowohl physisch als geistig unfähig macht, auch bei bestem Willen 
zur normalsexualen Erektion zu gelangen, also einen direkten 
Horror vor dem Gegengeschlechtlichen voraussetzt und es den 
mit dieser Leidenschaft Behafteten ebenso unmöglich macht, sich 
dem Eindruck zu entziehen, welchen einzelne Individuen des 
gleichen Geschlechts auf sie ausüben." Der Verfasser bildet 
weiter die Worte: „Homosexualist", „Homosexualistin", „Homo- 
sexualismus" und „Homosexualität". Das Wort „heterosexual" 
wird nicht gebraucht, dagegen — auch wohl zum ersten Male — 
die Bezeichnung „monosexual". 



— 113 — 



1212 größere und mittlere Städte Preußens aus, je nach 
der Höhe ihrer Bevölkerung — die ganz kleinen Städte 
und die ungemein größere Anzahl der Landbewohner 
völlig außer Acht lassend — so erhalten wir ein Zahlen- 
resultat über wahrscheinlich verübte, jetzt noch straf- 
bedrohte Handlungen, gegen welche die wirklich straf- 
rechtlich verfolgten Fälle sich verhalten wie eine Mücke 
zu einem Elefanten! Also Tausende und Tausende be- 
gehen stündlich, täglich Taten, welche heute noch straf- 
bedroht sind, aber dem Gesetze verfallen jährlich von all 
diesen Tätern kaum drei, vier Dutzend ! Und diese nicht 
etwa, weil sie das straf bedrohte Vergehen so arg übertrieben, 
im Gegenteile, nur, weil sie so unglücklich oder so unklug 
waren, sich zu sehr zu exponieren, weil sie der Denunzia- 
tion unterlagen, zumeist wohl, weil sie zu mittellos waren, 
um streng verschlossene Gemächer, treue Diener, willige 
Kreaturen zu haben, ihres Geliebten wie aller Mitwisser 
Schweigen zu erkaufen, oder weil sie sozial zu niedrig 
standen, als daß man mit ihnen so viel „Federlesens" 
gemacht hätte. Diese so namenlos geringe Minorität ist 
also jährlich der schwerbestrafte Martyr des Paragraphen, 
das Opfer der straflos ausgehenden immensen Majorität, 
der Sündenbock des Gerechtigkeitsprinzipes!" 

Von ähnlichen Gesichtspunkten ging auch Bebel 
aus — und zwar stellten die drei genannten Gewährs- 
männer ihre Betrachtungen völlig unabhängig von ein- 
ander an — als er in seiner ersten Reichstagsrede über 
den § 175 x ) sagte, daß, wenn ein Strafgesetz nur aus- 
nahmsweise gehandhabt werden kann oder gehandhabt 
wird, die Frage entsteht, ob die Straf bestimmung noch 
aufrecht zu erhalten ist 

Läßt sich aus dem zahlenmäßigen Mißverhältnis 



*) Vgl. Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Bd. I, 
S. 274. 

Jahrbuch VI. 8 



— 114 — 



zwischen begangenen und verurteilten Handlungen, 
zwischen bestraften und straffreien Tätern die Ungerech- 
tigkeit des heutigen Rechtes erweisen, so wird diese Un- 
gerechtigkeit um so größer, wenn das Recht an sich ein 
Unrecht ist 

Wir wissen aus der Geschichte und haben es mit- 
erlebt, mit welchem Eifer sich edle Männer und mit 
ihnen bedeutende Menschenscharen einer einzigen Per- 
sönlichkeit annahmen, von der sie glaubten, daß sie 
unschuldig verurteilt sei, und .wahrlich, es ist besser, 
daß Hunderte schuldbeladen frei herumgehen, als daß 
einer schuldlos der Freiheit beraubt ist. 

Denken wir, wie rastlos Voltaire 1 ) sich für den 1761 
hingerichteten Jean Calas verwandte, bis König und Rat 
den Fall einer nochmaligen Prüfung unterzogen, Calas 
einstimmig für unschuldig erklärten und der unglücklichen 
Familie die eingezogenen Güter und vor allem ihre Ehre 
zurückgaben, — rufen wir uns zurück, wie Egidy für das 
Wiederaufnahmeverfahren in Sachen Zieten stritt, bis 
der Tod erst den einen und bald den anderen hinweg- 
nahm, — erinnern wir uns, was Zola für Dreyfus tat, wie 
sich fast die ganze gebildete Welt mit der Schuldfrage 
dieses einen als Person gewiß nicht beachtenswerten 
Mannes beschäftigte — in Sachen der Homosexuellen 
aber handelt es sich nicht um einen, der möglicherweise 
zu Unrecht im Gefängnis schmachtet, sondern um Hunderte, 
nicht um Hunderte, die ihr Leben lang in Gefahr 
schweben, möglicherweise schuldlos einem Gesetze zu ver- 
fallen, das über dem Richter steht, sondern um Tausende 
und Abertausende. 

Gewiß ist es daher für die Beurteilung unserer 
Forderungen von hohem Belang, wenn wir den stati- 



J ) Dryander, 
Barmen 1887, sowie 
cause de la mort 



Der Prozeß Calas 
vor allem Voltaire, 
de Jean Calas. 



und die Toleranz, 
Sur la tolerance a 



— 115 — 



stischen Nachweis führen können, wie groß der Prozent- 
satz der Bevölkerung ist, deren Wohl und Wehe hier auf 
dem Spiele steht. 

Aber auch für die Bewertung des Uranismus selbst 
ist es unerläßlich, daß wir über die Ausdehnung unter- 
richtet sind, welche er im Voltskörper einnimmt. Bloch l ) 
bemerkt ganz richtig: „Das Urningtum würde tatsächlich 
soziale Bedeutung besitzen, wenn die von einzelnen Homo- 
sexuellen gemachten Angaben über die große Zahl der 
Homosexuellen, speziell derjenigen mit angeborener kon- 
trärer Sexualempfindung, richtig wären." 

Viele wissenschaftliche Unterfragen lassen sich auf 
diesem Gebiet ohne statistisches Fundament überhaupt 
nicht sicher beantworten, so die Frage, ob — wie oft 
behauptet — die Homosexuellen in nennenswerter Weise 
der Übervölkerung entgegenwirken, 2 ) ferner, ob die Ziffer 
geborener Urninge einen konstanten Quotienten darstellt, 
ähnlich der Verhältniszahl männlicher und weiblicher Ge- 
burten, ein Umstand, der, wenn statistisch nachweisbar, gewiß 
für die Fortpflanzungsbiologie höchst beachtenswert wäre. 8 ) 



*) Beiträge zur Ätiologie der Psychopathia sexua- 
lis, Tl. 1, S. 215, Verlag Dohm in Dresden. 

2 ) Dr. Hans Fischer, Nervenarzt in München, Homo- 
sexualität eine physiologische Erscheinung? Berlin 1903, 
Gnadenfeld u. Co. In dieser kleinen, aber wertvollen Schrift 
heißt es auf S. 11: „Mir scheint vielmehr — es ist freilich eine 
Hypothese, welche ich aufstelle, für welche ich schon deshalb, 
weil selbstredend eine nur halbwegs brauchbare Statistik über die 
Häufigkeit des Homosexualismus fehlt, keinen anderen Beweis, als 
den in vorstehenden Ausführungen enthaltenen Induktionsbeweis 
bringen kann — mir scheint die Homosexualität eine Selbsthilfe 
der Natur gegen die Übervölkerung in solchen Gegenden, in 
denen die Dichtigkeit der Menschen eine solche befürchten läßt/* 

8 ) Vgl. Dr. med. E. Rüdin, Zur Rolle der Homo- 
sexuellen im Lebensprozeß der Rasse, im Archiv für 
Rassen- und Gesellschaftsbiologie, herausgegeben von 
Dr. A. Plötz, Jahrg. I, Heft 1, Januar 1904, S. 102ff. 

8* 



— 116 — 



Es ist nun von vornherein klar, daß einer Ermittelung 
der Anzahl der Homosexuellen außerordentlich große 
Schwierigkeiten entgegenstehen, die mir früher selbst un- 
überwindlich erschienen. 

Die Volkszählung kennt nur zwei scharf umgrenzte 
Geschlechter. Die Angaben der Kriminalstatistik sind 
völlig unbrauchbar. Diejenigen Homosexuellen, welche 
zur Anzeige und Aburteilung gelangen, bilden erfahrungs- 
gemäß und naturgemäß einen so verschwindend kleinen 
Bruchteil der wirklich vorhandenen, daß ihre Zahl für 
unsere Zwecke nicht verwertbar ist. Gelangten doch 
nach der obigen Berechnung 1867 nur 0,011 und 1868 
gar nur 0,0001 9 °/ 0 der wahrscheinlich vorgekommenen 
Fälle zur Anzeige. Ungleich mehr Homosexuelle, als 
in die Hände der Richter, geraten jedenfalls in die Arme 
der Erpresser, aber auch deren Erfahrungen fallen für 
die Statistik aus. Ebensowenig bieten die in die Polizei- 
listen eingetragenen Homosexuellen ein schlüssiges Mate- 
rial. Diese Listen, welche eingerichtet wurden, um „in 
vorkommenden Fällen" Anhaltspunkte zu besitzen, um- 
fassen zwar in Berlin mehrere tausend Nummern; sie 
entstehen in der Weise, daß zuständige Beamte die Namen 
derjenigen angeben, von welchen sie direkt oder indirekt 
erfahren haben, daß sie homosexuell sind. Es liegt aber 
auf der Hand, daß die Eintragungen nicht nur unzuver- 
lässig, sondern auch unvollständig sein müssen 

Wenn wir uns von den Juristen an die Mediziner 
wenden, so bleiben auch diese die Antwort schuldig. 
Völlig zutreffend schreibt Merzbach: 2 ) „Die Homosexuellen 



*) Ich verdanke diese Angaben dem verstorbenen Kriminal- 
direktor v. Meerscheidt-Hüllessem. 

*) Die Lehre von der Homosexualität als Gemein- 
gut wissenschaftlicher Erkenntnis, von Dr. Georg Merz- 
bach, Arzt für Haut- und Geschlechtsleiden in Berlin, in der 
Monatsschrift für Harnkrankheiten u. sexuelle Hygiene, 



— 117 — 



sind zwar allerorten, auf dem Lande und in den Städten, 
in der Hütte und in den Palästen, bei den Kulturvölkern 
wie bei den wilden Stämmen in nicht eben kleiner Zahl 
anzutreffen, aber es dürfte doch nur wenige Arzte geben, 
denen sich Homosexuelle in dieser Eigenschaft als 
Patienten anvertraut haben. Diesen Umstand erklärt 
einesteils die begreifliche Scheu des Homosexuellen, sich 
selbst dem Arzte in einem Zustand anzuvertrauen, den 
die Gesellschaft mit Achtung und das Gesetz mit harter 
Strafe bedroht, anderenteils ihr Bewußtsein, daß sie der 
Arzt entweder nicht versteht oder ihnen Rat und Heilung 
doch nicht zu bieten imstande ist." 

Was hier Merzbach ausführt, gilt nicht nur für 
den einfachen praktischen Arzt, sondern auch für den 
Spezialarzt, sowohl den für Geschlechtsleiden, als auch 
den für Seelenstörungen. Seitdem hervorragende Ge- 
richtsärzte und Psychiater wie Casper, 1 ) Westphal, 3 ) 
Krafft-Ebing 3 ) in den soehziger und siebziger Jahren des 
letzten Jahrhunderts dem Gegenstande ihre Aufmerksam- 
keit zugewandt haben, haben sich die Psychiater für 
besonders qualifiziert erachtet, nicht nur über das 

Heft 1, Jahrg. I, 1904. Unter Mitwirkung hervorragender Mit- 
arbeiter herausgegeben von Dr. med. Karl Ries. Verlag Malende, 
Leipzig. 

*) 1863. Joh. Ludw. Casper, Klinische Novellen zur 
gerichtlichen Medizin, Nach eigenen Erfahrungen, S. 33 — 52, 
Berlin. 

*) 1870. C. Westphal, Die konträre Sexualempfin- 
dung, Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, 
Bd. II, S. 73. 

a ) 1877 erschien die erste Arbeit Krafft-Ebings über die 
Homosexualität unter dem Titel: Über gewisse Anomalien 
des Geschlechtstriebes und die klinisch-forensische 
Verwertung derselben als eines wahrscheinlich funk- 
tionellen Degenerationszeichens des zentralen Nerven- 
systems, Archiv f. Psychiatrie u. Nervenkrankheiten, 
Bd. VII, S. 291. 



— 118 — 



Wesen, sondern auch über die Zahl der Homosexuellen 
selbständige Urteile abzugeben. Entsprechend ihrer Er- 
fahrung erklären fast alle 1 ) die Homosexualität für ein 
außerordentlich seltenes Vorkommnis. Es ist ein ganz 
besonderes Verdienst von Näcke, 2 ) hervorgehoben zu 
haben, daß die meisten dieser Autoren keine genügenden 
Sachverständigen seien, weil ihr Material viel zu gering 
und gewöhnlich unter abnormen Verbältnissen beobachtet 
sei. Daß aber von den sechs Autoren, welche Näcke 
als wirkliche Sachverständige auf dem Gebiete der Homo- 
sexualität aufzählt, kein einziger eine bestimmte Meinung 
über die Anzahl der Homosexuellen äußert, ist sicher- 
lich kein Zufall. Mit der Erfahrung wächst die Vor- 
sicht im Urteil. So schreibt Moll: 8 ) „Was die Zahl der 



l ) Bei Psychiatern und Gerichteärzten finden sieb Angaben 
über die Menge der Homosexuellen: 

a) 1887. Kräpelin, Kurzes Lehrbuch der Psychiatrie, 
Leipzig, 8. 531: „1 auf 200 (Ulrichs) wahrscheinlich.beträchtlich 
übertrieben." Ibidem: „Bisherige Kasuistik umfaßt noch nicht 
50 Fälle." 

b) 1896. Straßmann, Lehrbuch der gerichtlichen 
Medizin, S. 119: „Angaben von Ulrichs zu hoch." 

c) 1899. Wollenberg, Über die Grenzen der straf- 
rechtlichen Zurechnungsfähigkeit bei psychischen 
Krankheitszuständen, in Neurologisches Centralblatt, 
Nr. 9: „Große Überschätzung der Zahl der echten Homosexuellen." 
(Nach Bloch, a. a. 0., S. 218.) 

d) 1900. Cramer, Gerichtliche Psychiatrie, Jena, 
S. 279—280: „Zahlen der Literatur zu hoch." 

e) 1902. Hoche, Handbuch der gerichtlichen Psy- 
chiatrie, Berlin, S. 494: „Die Häufigkeit wird wohl überschätzt." 

*) Dr. P. Näcke, Die Probleme auf dem Gebiete der 
Homosexualität, in der Allgemeinen Zeitschrift für 
Psychiatrie und psychiatrisch-gerichtliche Medizin, 
Bd. LIX, Heft 6, S. 805-829. 

8 ) Dr. Albert Moll, Die konträre Sexualempfindung, 
III. Aufl., S. 144, Berlin 1899, W. Fischers medizinische Buch- 
handlung. 



— 119 — 



Urninge betrifft, so ist es unmöglich, genau anzugeben, 
welchen Prozentsatz der Bevölkerung sie ausmachen"; 
und etwas weiter: „Ich habe selbst in Berlin etwa 
6 — 700 Urninge gesehen und beobachtet und von etwa 
250 — 350 gehört. Nach diesem ungefähren Bilde kann 
ich feststellen, daß sich die Zahl der Berliner Urninge 
mindestens auf 900 beläuft. Daß aber in Wirklichkeit 
diese Zahl wesentlich überschritten wird, kam ich mit 
größter Wahrscheinlichkeit sagen. Ob es 3000 oder 
10000 oder sogar, was ich nicht für ausgeschlossen 
halte, noch mehr Homosexuelle in Berlin gibt, darüber 
kann ich mit Sicherheit nicht urteilen." Ich selbst 
habe bis jetzt (1. März 1904) 1892 homosexuelle Männer 
und 207 homosexuelle Frauen persönlich kennen gelernt, 
sehe fast täglich neue, würde es aber für gänzlich ver- 
fehlt halten, wenn ich auf Grund eigener Beobachtung 
und Erfahrung eine Ansicht über den Prozentsatz der 
Homosexuellen äußern wollte. 1 ) 

. Auch die Anzahl der Homosexuellen, welche mit 
dem wissenschaftlich-humanitären Komitee in Beziehungen 
stehen, lassen keinen Schluß auf die Gesamtmenge der 
deutschen Uranier zu. Wir betonen dies besonders gegen- 
über Dühren-Bloch, 2 ) welcher die dem Komitee bekannten 



*) Da ein Kritiker meines Buches Der urnische Mensch 
meinte, ich hätte die Homosexuellen vielleicht ohne heterosexuelles 
Vergleichsmaterial studiert, bemerke ich, daß ich eine allgemeine 
ärztliche Praxis ausübe, in der ich durchschnittlich im Tage 30 
Personen sehe bezw. untersuche, von denen nur durchschnittlich 
3 homosexuell sind. 

2 j Dr. E. Dühren, Das Geschlechtsleben in England 
mit besonderer Beziehung auf London, Bd. III, S. 4 (Berlin 
bei Lilienthal 1903) schreibt: 

„Gegenüber den früheren übertriebenen Angaben ist eine Stelle 
in der neuerdings vom „Wissenschaftlich-humanitären Komitee" 
anläßlich der Anschuldigungen gegen Krupp veröffentlichten 
„Erklärung" bedeutsam, in welcher dieses Komitee, das sicherlich 



— 120 — 



Homosexuellen für „den größten Teil der in Deutsch- 
land lebenden Homosexuellen" hält. 

Abgesehen von den vielen Menschen, welche 
nach dem Gesetz der Trägheit trotz starker Anstöße 
nicht aus dem Indifferenzzustand herauszubringen sind, 
gibt es zahlreiche Homosexuelle, die in übergroßer Ängst- 
lichkeit völlig grundlos fürchten, sie könnten „bekannt 
werden", wenn sie mit dem Komitee in Verbindung treten; 
es ist psychologisch nicht uninteressant, daß häufig gerade 
diejenigen, welche „bekannt sind", von dieser Besorgnis 
erfüllt sind. Von den älteren meinen viele, wenn sie das 
Martyrium so lange ertragen haben, wollen sie nun auch 
noch den Rest über sich ergehen lassen, sie würden es 
ja doch nicht mehr erleben, daß es anders wird; das, 
was vielen Normalsexuellen ein Antrieb zum Kampfe ist, 
es möge ihren direkten Nachkommen ein besseres Los als 
ihnen selbst beschieden sein, fällt bei den meisten Homo- 
sexuellen fort. Nicht wenige meinen durch ihre Stellung, 
ihre Reichtümer, ihre Klugheit in allen Fährnissen ge- 
nügend geschützt zu sein und wieder andere bleiben aus 
Bescheidenheit fern, da sie doch nichts bieten und leisten 
könnten; manchen ist in ihres Lebens Qual die Hoffnung, 
anderen das Ehrgefühl, manchen das Vertrauen und 
anderen wiederum die Opferwilligkeit abhanden ge- 
kommen; auch aus Nörgelsucht schließen sich viele nicht 



über die Zahl der Homosexuellen in Deutschland auf das genaueste 
orientiert ist, von „1500 ihm bekannten" Homosexuellen spricht. 
Da anzunehmen ist, daß das Komitee, welches den reformbedürf- 
tigen § 175 des Reichsstrafgesetzbuchs (Bestrafung des homo- 
sexuellen # Verkehrs mit Gefängnis) gänzlich abgeschafft wissen will, 
den größten Teil der in Deutschland lebenden Homosexuellen für 
seine Bestrebungen herangezogen hat, so ist daraus wenigstens 
der Schluß erlaubt, daß bei einer Bevölkerung von 55 Millionen 
die wirkliche Zahl der Homosexuellen in Deutschland eine ver- 
schwindend geringe ist." 



— 121 — 



an: „Dieser Schritt des Komitees sei Dicht richtig gewesen 
und das hätte ganz anders gemacht werden müssen. 4 ' 
Gerade unter den Uraniern gibt es so manchen „Geist, 
der stets verneint"; ja eine nicht ganz kleine Schar steht 
der Aufklärungsarbeit auf diesem Gebiete überhaupt 
feindselig gegenüber, früher wäre es gar nicht so sehr 
aufgefallen, wenn sie mit einem Freunde einer anderen 
Alters- und Gesellschaftsschicht viel zusammengewesen 
seien, jetzt aber wüßten viele Bescheid und könnten 
Argwohn schöpfen. Endlich ist auch zu berücksichtigen, 
daß sehr viele Urninge der untersten und wohl auch der 
mittleren Volkskreise naturgemäß von dem Vorhanden- 
sein des Komitees überhaupt nichts wissen, weil ihnen 
der direkte oder indirekte Kontakt mit der wissenschaftlichen 
oder auch mit der Tagesliteratur fehlt. So gibt es viele 
Gründe, die es begreiflich machen, daß auch dem wissen- 
schaftlich-humanitären Komitee nur ein kleiner Bruchteil 
der Homosexuellen bekannt ist. 

Die Sammelplätze Homosexueller, die urnischen 
Kneipen, Bäder, Klubs, die sogenannten Striche geben 
ebenfalls kein richtiges Bild. Die übergroße Mehrzahl 
der Urninge lebt gänzlich zurückgezogen für sich oder 
mit einem Freunde, bemüht, ihre „Schwäche" als tiefstes 
Geheimnis vor der Welt zu bewahren, insonderheit auch 
vor Schicksalsgenossen, bei denen doch die Möglich- 
keit eines Skandals nie ganz ausgeschlossen ist. Andere 
haben wohl einige homosexuelle Bekannte, hüten sich 
aber wohl, Ortlichkeiten aufzusuchen, die als Treffpunkte 
urnischer Personen gelten. Immerhin ist es beachtens- 
wert, daß es in Berlin 18 — 20 Restaurants, verschiedene 
Bäder und Pensionsanstalten gibt, die fast nur von 
Homosexuellen aufgesucht werden, und daß alle Zusammen- 
kunftsstätten meist stark frequentiert sind; auf einem der 
häufig stattfindenden Urningsbälle, den ich vor einigen 
Wochen mit mehreren Gerichtsärzten besuchte, befanden 



— 122 — 



sich nicht weniger als 6 — 700 Homosexuelle, von denen 
ich höchstens 50 dem Aussehen nach kannte. 

Einige Autoren hahen Mitteilungen veröffentlicht» 
welche ihnen Urninge selbst über die Anzahl der Homo- 
sexuellen gegeben haben, teils über die Menge, welche sie 
überhaupt kennen gelernt haben, teils über diejenigen, 
welche ihnen in der Stadt, in der sie lebten, bekannt ge- 
worden sind. Ein Patient Krafft-Ebings l ) kennt in einer 
Stadt von 13000 Einwohn ern 14 Urninge, in einer andern 
von 60000 Einwohnern wenigstens 80, ein Urning hat 
Moll 2 ) mitgeteilt, daß ihm in Magdeburg 70, ein anderer, daß 
jemandem in einer Stadt von 60000 Einwohnern 50 Homo- 
sexuelle bekannt seien, ein anderer hat in einer Stadt 
von 350000 Einwohnern mit 250 Männern Beziehungen 
gehabt, ein anderer, der sehr viel gereist ist und sich 
genaue Aufzeichnungen gemacht hat, will in 20 Jahren 
gar mit 965 Männern sexuell verkehrt haben. Auch ich 
besitze eine Eeihe ähnlicher Mitteilungen, 3 ) halte aber 
alle diese Angaben für eine Statistik über die Homo- 
sexualität unverwertbar, da es sich aus den bereits ge- 

l ) Psychopathia sexualis, 1903, S. 250— 251. 

*) Konträre Sexualempfiiidung, 1899, S. 145—146. 

3 ) Aus folgenden Städten liegen mir Nachrichten von Homo- 
sexuellen über die Ziffer der ihnen am Platz bekannten Ur- 
ninge vor: 

Agram 7, Bern 10, Berlin 300—400, Braunschweig 82, Char- 
lottenburg 20, Cilli 20, Danzig über 100 (ein anderer kennt 50), 
Dortmund 20, Düsseldorf 200, Elberfeld 30, Eutin 4, Flensburg 25, 
Görlitz 10, Halle 10, Hamburg 60 (ein anderer kennt 14), Hildes- 
heim 15 (ein zweiter kennt 8), Preuß. Holland 4, Innsbruck 20, 
Kiel 40, Köln einige Hundert, Königsberg 10, Landau (Pfalz) 3, 
Langensalza 6, Lübeck 2, Mannheim gegen 1000 (?), Meißen 15, 
Metz 20, München 100 (ein zweiter will „mehrere Tausend" kennen), 
Neu-Ruppin 2, Ober-Zauche (Kreis Glogau) 6, Pfullingen 2, Pots- 
dam 40, Radebeul 2, Remscheid 3, Straßburg 40—50, Stuttgart 130 
(ein zweiter gibt 40, ein dritter 25 an), Triest 24, Weimar 10, 
Wien 400. 



— 123 — 



nannten Gründen doch immer nur um eine beschränkte 
Gruppe handelt, die einem Urning direkt oder indirekt 
bekannt geworden ist, namentlich die meines Erachtens 
zahlreicheren monogam veranlagten Urninge werden selten 
bekannt, auch entsprechen die Gerüchte, die über die 
Homosexualität dieser oder jener Person im Umlauf sind, 
keinesfalls immer der Wahrheit. Zweifelsohne wohnt auch 
vielen Urningen die Neigung inne, die Menge ihrer Leidens- 
gefährten zu hoch zu beziffern, doch kommt auch das 
Gegenteil vor; so beruft sich Bloch, *) nachdem er soeben 
„die Übertreibungen der Urninge gegeißelt" hat, selbst 
auf einen urnischen Gewährsmann, den Grafen Cajus, 
welcher annimmt, daß auf 10000 Männer 1 Homosexueller 
kommt, und mit vollem Recht hebt Moll 2 ) hervor, daß 
sich Ulrichs 3 ) „kaum einer Übertreibung, eher einer 
Unterschätzung schuldig gemacht hat, wenn er auf 
2000 Seelen oder 500 erwachsene Männer durchschnitt- 
lich einen erwachsenen Urniug rechnet", demnach zu der 
Zeit, als er dies schrieb (1868), in Deutschland etwa 25000, 
in Preußen 10—12000, in Berlin 500—1000 Urninge. 

Bei der völligen Unzulänglichkeit der geschilderten 
Unterlagen ist es nur zu begreiflich, daß die Meinungen 
über die Menge der Homosexuellen ganz außerordentlich 
weit auseinandergehen. Sie bewegen sich zwischen 1 auf 
50 4 ) und 1 auf 10000, also zwischen 2 pro cent und 
0,1 pro milie. Für das gegenwärtige ca. 2,5 Millionen 



*) A. a. O., Bd. I, S. 218. 
*) A. a. O., S. 146. 

8 ) Ulrichs hat seine Ansicht im Gladius furens, 1868, 
Vorbemerkung, im Memnon, 1868, I, S. 8, im Incubus, 1869, 
S. 5— 6, im Argonauticus, 1869, S. 4, und Prom etheus, 1870, 
S. 4, niedergelegt. 

*) Gustav Jäger, Entdeckung der Seele, 3. Aufl., Bd. I, 
S. 257, Leipzig 1884, berichtet, daß ein Gewährsmann von ihm 
auf 50 Männer 1 Homosexuellen annimmt. 



— 124 — 



Einwohner zählende Groß-Berlin r ) würde somit der 
eine 51 682, der andere 258 Uranier rechnen. 
Nach Ulrichs würde Berlin zur Zeit 1292 (bei 1 auf 
2000 oder 0,05%), nach dem Verfasser von § 143 
86694 (bei 1,42%) Uranier beherbergen. 2 ) 

Die übrigen Autoren begnügen sich damit, die 
Homosexualität entweder für ein häufiges, oder für ein 
seltenes Vorkommnis zu erklären, ohne allerdings ihre 
Vermutungen des näheren zu begründen. Wenn Voltaire *) 



*) Die Bevölkerung der Reichshauptstadt betrug Ende 1903 
1893665, die der zu Groß-Berlin gerechneten Vororte 691275, zu- 
sammen 2584140 Einwohner. 

2 ) In einer anonymen, ca. 1877 bei Max Marcus in Berlin 
erschienenen Schrift Die Geheimnisse der Berliner Passage 
ist die Zahl der „Berliner Männerfreunde oder Päderasten" auf 
10000 beziffert. 

8 ) Die Stelle bei Voltaire findet sich im Dict. philos., 
S. 285, und lautet: 

„Ce vice est tres-rare parmi nous, et il y serait presqu'in- 
connu sans les defauts de l'education publique. Montesquieu 
pretend qu'il est commun chez quelques nations mahometanes, a 
cause de la facilite d'avoir des femmes; nous croyons que c'est 
difficulte qu'il faut lire." 

Kurz vorher, S. 277—278, Dict. philos., 52, sagt er: 

„On n'ignore pas que cette meprise de la nature est beau- 
coup plus commune dans les climats doux que dans les glaces du 
Septentrion, parce que le sang y est plus allume, et l'occasion 
plus frequente: aussi ce qui ne parait qu'une faiblesse dans le 
jeune Alcibiade, est une abomination degoütante dans un matelot 
hollandais, et dans un vivandier moscovite." 

Die Ansicht Montesquieus, auf die Voltaire sich beruft, 
findet sich im Esprit des lois, livre XII, chap. VI, p. 286 
(vol. I), und heißt: 

„Je dirai bien que le crime contre nature ne fera jamais 
dans une societ6 de grands progres, si le peuple ne s'y trouve 
portß d'ailleurs par quelque coutume, comme chez les Grecs, oü 
les jeunes gens faisaient tous ieurs exercices nus; comme chez 
nous, oü l'education domestique est hors d'usage; comme chez les 
Asiatiques, oü des particuliers ont un grand nombre de femmes 



— 125 — 



von ihr sagt: „Ce vice est tres-rare parmi nous", wenn 
Havelock Ellis x ) die echte Homosexualität ein „compara- 
tively rare phenomenon" nennt und vollends Bloch 2 ) 
schreibt: „Wenn behauptet wird, daß auf 50 Männer 
1 Homosexueller komme, so ist das natürlich barer Un- 
sinn" — so schweben alle diese unbestimmten und un- 
sicheren Behauptungen genau so sehr in der Luft, als 
wenn der alte Casper 8 ) „die Päderasten aus angeborenem 
Triebe als eine zahlreiche Klasse" bezeichnet oder de 
Joux 4 ) von einer „ungeheuerlichen Statistik des Misch- 
geschlechts" spricht. 

Ich glaube, es erhellt aus dem Gesagten, daß als 
wissenschaftlich haltbar bisher nur das angesehen werden 
konnte, was kürzlich Fischer 5 ) in den Satz kleidete: „Der 
Prozentsatz der Homosexuellen läßt sich nicht einmal 
schätzungsweise angeben", und was ich selbst in meiner 
ersten Arbeit über, den Uranismus 6 ) äußerte: „Bei dem 
dichten Schleier, der geheimnisvoll das Geschlechtsleben 
des Menschen umgibt, entzieht es sich jeglicher Berech- 
nung, in welchem Zahlenverhältnis diese drei Menschen- 
klassen (gemeint sind die Heterosexuellen, Bisexuellen und 
Homosexuellen) zu einander stehen; alle . bisherigen 
Untersuchungen und Schätzungen selbst nam- 
hafter Forscher sind mehr oder weniger unzu- 
verlässige Vermutungen." 



qu'ils meprisent, tandis que ces autres n'en peuvent avoir. Que 
Ton ne prepare point ce crime, qu'on le proscrive par une police 
exacte, comme toutes les violations des moeurs; et l'on verra sou- 
daiii Ja nature, ou d6fendre ses droits, ou les reprendre." 

*) Havelock Ellis, Sexual Inversion, 2n. edition, S. 1. 

») Bloch, a. a. 0., Bd. I, S. 215. 

") Casper, Klinische Novellen, S. 32, Berlin 1863. 
*) Otto de Joux, Die Enterbten des Liebesglücks. 
Ein Beitrag zur Seelenkunde, S. 124, Leipzig 1893. 
*) A. a. 0., S. 5. 

6 ) Hirschfeld, Sappho und Sokrates, S. 8, II. Aufl., 1902. 



— 126 — 



Um zuverlässigere statistische Unterlagen zu erzielen, 
wandten wir zwei Mittel an: Stichproben und Rund- 
fragen. Wir schlössen, damit wir keine zu hohen Zahlen 
erhielten, bei beiden Methoden von vornherein Gruppen 
aus, von denen man, wie etwa bei den Schauspielern, 
Damenschneidern und anderen Berufen, vielfach und teil- 
weise wohl auch mit Recht behauptet, daß unter ihnen 
das homosexuelle Element besonders stark vertreten ist. 
Auch von Kreisen adeliger Personen nahmen wir — mit 
Ausnahme von Stichprobe I und teilweise auch XXI — 
aus demselben Grunde vorläufig Abstand. Es würde 
sich von verschiedenen Gesichtspunkten aus wohl em- 
pfehlen, bei allen diesen Gruppen später Untersuchungen 
anzustellen, vorderhand lag uns daran, Minimalzahlen 
zu gewinnen, und zwar lieber zu niedrige als zu hohe 
Ziffern; deshalb suchten wir uns namentlich bei den 
Rundfragen Kreise aus, von denen man theoretisch an- 
nehmen durfte, daß in ihnen die Anzahl der Homo- 
sexuellen keineswegs größer, eher kleiner sein würde, 
als in der übrigen Bevölkerung, das eine Mal Studie- 
rende technischer Fächer, das andere Mal Metallarbeiter, 
beides also zwei besonders „männliche" Berufe. Von Inter- 
esse ist nach dieser Richtung der folgende Brief eines 
süddeutschen Ingenieurs, den wir im Anschluß an unsere 
erste Enquete erhielten. 

„Selbst Techniker, sogar früherer Studierender der 
Techn. Hochschule Charlottenburg, habe ich, was die 
technisch Gebildeten angeht, mir über den Beitrag, den 
diese Männer zur Gemeinde der Homosexuellen stellen, 
schon seit lange ein selbständiges Urteil gebildet. Der- 
selbe ist äußerst klein! — Aus freien Stücken wird wohl 
höchst selten ein Uranier den Ingenieurberuf erwählen, 
einen Beruf, der wie kaum ein zweiter ganze Männer 
braucht, der Produktivität, Energie, Tatkraft, Umsicht, 
einen weiten Blick, Organisationstalent und, last not least, 



— 127 — 



Mathematik, viel Mathematik (auch mir ein Buch mit 
sieben Siegeln!) verlangt. Mich persönlich haben brutale 
äußere Umstände veranlaßt, diesen meinem ganzen Wesen 
widerstrebenden Beruf zu ergreifen, und ich glaube und 
weiß z. T., wie mir, so erging es sehr vielen meiner 
urnischen Kollegen. Hätten Sie unter den Studierenden 
der Universität zu Berlin oder unter den Musensöhnen 
einer Malerakademie oder Musikhochschule etc. eine Um- 
frage gehalten, so hätten Sie ohne Zweifel einen wesent- 
lich höheren Prozentsatz konstatieren können. Das Mittel 
aus beiden dürfte dann m. E. dem wahren Sachverhalt 
am nächsten kommen. Da also das technische Fach dem 
Urning im allgemeinen nicht liegt, dagegen andere Berufe 
zugestandenermaßen sehr, so darf man von den wenigen 
Homosexuellen der T. H. zu Ch. nimmermehr einen 
Schluß auf die relative Seltenheit der Uranier im all- 
gemeinen ziehen." 



A. Stichproben. 

Bei den Stichproben legten wir besonderen Wert 
darauf, daß es sich um gemischte, möglichst indifferente 
und nicht zu kleine Gruppen handelte, vor allem auch 
nicht um den Bekanntenkreis einer Persönlichkeit, in 
welchem möglicherweise die Menge der gleichgeschlechtlich 
Empfindenden hätte überwiegen können. 

Wir lassen nun eine Reihe von Ermittelungen folgen, 
wobei wir bemerken, daß sämtliche Angaben von Personen 
herrühren, die uns als unbedingt zuverlässig bekannt sind. 
Die Berichterstatter sind, soweit sie selbst Urninge sind, 
stets mit eingerechnet. Es braucht wohl kaum hervor- 
gehoben zu werden, daß nicht der Geschlechtsakt, sondern 
der Geschlechtstrieb in jedem Fall als das entscheidende 
Moment angesehen wurde. 



— 128 — 



I. Unter einer Gruppe von im Ganzen etwa 40 Per- 
sonen, welche dem höchsten europäischen Adel an- 
gehören, befinden sich nach absolut zuverlässigen In- 
formationen zwei, deren Uranismus außer Zweifel steht. 
Es ist bemerkenswert, daß ein ungefähr eben so hoher 
Prozentsatz nur noch in den Stichproben VIII, XVI, 
XXI und XXII vorkommt 

2 von 40 = 5%. 

IL Ein lungenkranker urnischer Arbeiter (Stein- 
metz) war ein Vierteljahr in einer Berliner Lungenheil- 
stätte. In dieser Zeit verweilten in der Anstalt 190 
Arbeiter, unter denen er zwei als homosexuell erkannte. 
Beide gaben im Laufe näherer Bekanntschaft ihre Ver- 
anlagung zu. Es läßt sich wohl annehmen, daß unter 
den allen Arbeiterklassen entstammenden Phthisikern der 
Prozentsatz der Urninge schwerlich größer sein wird, 
als unter der übrigen Bevölkerung. 

3 von 190 = 1,578%. 

III. Ein urnischer Offizier kennt 560 Offiziere aus 
10 verschiedenen Eegimentern; unter diesen befinden 
sich 14 Homosexuelle, ziemlich proportional auf alle 
Chargen verteilt. 

14 von 560 = 2,5%. 

IV. Ein Einjähriger eines ostpreußischen Infan- 
terieregiments gibt an, in seiner Kompagnie 4 Homo- 
sexuelle verschiedener Chargen gefunden zu haben. 

4 von 125 = 3,2%. 

V. Ein zu einer achtwöchentlichen WafFenübung 
eingezogener urnischer Ingenieur fand in seiner Kom- 
pagnie außer sich 2 Urninge, einen Unteroffizier und 
einen Gemeinen. 

3 von 125 = 2,4%. 



— 129 — 



VI. Ein urnischer Briefträger hat unter ca. 1000 
Postbeamten eines der größten Berliner Postämter in 
mehreren Jahren 18 kennen gelernt, von denen er mit 
einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit aus- 
sagen kann, daß sie „so" sind. 

18 von 1000 = 1,8%. 

VIL Ein Eisenbahnbeamter kennt unter 300 
Beamten seines Distrikts 3 Homosexuelle. 

3 von 300 = 1%. 

VIII. Ein Marineoffizier, der sehr zahlreiche und 
sorgfältige Beobachtungen angestellt hat, taxiert den 
Prozentsatz der Homosexuellen in seinem Stande auf 5 
unter 100. 

5 von 100 = 5%. 

IX. Ein Bankbeamter aus einer größeren deutschen 
Provinzialstadt gibt an, daß sich unter 50 Kollegen 2 
homosexuell veranlagte befanden. 

2 von 50 = 4%. 

X. Ein anderer Bankangestellter fand unter ca. 
100 in einer Berliner Bank beschäftigten Personen 2 
Uranier. 

2 von 100 = 2%. 

XI. Ein in einer bekannten Kunstanstalt seit 8 
Jahren beschäftigter Urning kennt unter 400 Zeichnern, 
Atzern und Setzern usw. 7 Homosexuelle (sich einbegriffen). 

7 von 400 = 1,75%. 

XII. In einem Berliner Warenhause befinden sich 
unter ca. 400 im Lager beschäftigten Personen 6 unter 
einander bekannte Urninge. 

6 von 400 = 1,5%. 

Jahrbuch VI. 9 



— 130 — 



XIII. Ein Nichturning kennt unter ca. 200 An- 
gestellten seines Geschäftshauses zwei Homosexuelle. 
Auch einer der beiden Chefs des Hauses gilt als Urning. 

2 von 200= l°/ 0 . 

XIV. Unter dem gesamten Personal einer großen 
deutschen Firma, etwa 1000 Personen, waren 10 Homo- 
sexuelle beschäftigt. 

10 von 1000 = l°/ 0 . 

XV. Ein Student fand in einer größeren Verbindung 
von durchschnittlich 100 Aktiven im I. Semester 2 Homo- 
sexuelle, im II. Semester 2 Homosexuelle, im III. Semester 
3 Homosexuelle, im IV. Semester 4 Homosexuelle, im 
V. Semester 2 Homosexuelle, im VI. Semester 1 Homo- 
sexuellen, im VII. Semester 2 Homosexuelle, durch- 
schnittlich unter 100 Studenten: 2,28 Homosexuelle. 

2 von 100 = 2%. 

XVI. Ein Korpsstudent kannte unter 35 Mitgliedern 
seiner Korporation 2 Uranier. 

2 von 35 = 5,71%. 

XVIL Ein homosexueller Lehrer berichtet, daß sich 
unter 90 Zöglingen eines Lehrerseminars — Internats 
— 2 Homosexuelle befanden, die es auch jetzt noch sind. 1 ) 
2 von 90 = 2,22%. 

XVIII. Unter 50 Schülern einer Präparanden- 
anstalt (15 — 17jährigen) waren — und blieben — 2 aus- 
gesprochen homosexuell. 

2 von 50 = 4,0%. 

*) Derselbe Gewährsmann kannte in dem Lehrerkollegium 
des Gymnasiums einer ostpreußischen Stadt, welches aus 12 Lehr- 
kräften bestand, einen Oberlehrer (Theologen) und einen Zeichen- 
lehrer, die urnisch waren, in einer Berliner Gemeindeschule unter 
19 Lehrern während einer Zeit 2 Urninge. 



— 131 — 



XIX. Ein Ingenieur wurde in einer großen Er- 
ziehungsanstalt im Ausland erzogen, welche 350 
Schüler aus verschiedenen Ländern umfaßte. Mutuelle 
Onanie und andere sexuelle Akte, auch mit Mädchen, 
waren stark verbreitet Sieben der Zöglinge waren 
meinem Gewährsmann schon damals als homosexuell 
bekannt. 

7 von 350 = 2%. 

XX. Von 3 der ca. 200 Schüler, mit denen ich selbst 
das Domgymnasium meiner Vaterstadt besuchte, weiß ich 
jetzt mit Sicherheit, daß sie homosexuell sind. Sexuelle 
Akte waren auf dieser Schule verhältnismäßig selten, 
traten jedenfalls nicht sichtlich hervor. Von den drei 
Schülern war mir damals nichts bekannt, einer führte 
einen Mädchen-Spitznamen, die beiden anderen waren 
sehr befähigt und beliebt und wichen in mannigfacher 
Hinsicht von dem Wesen der übrigen Knaben ab. 

3 von 200 = 1,5%. 

XXI. Diese Ermittelung bezieht sich zufälligerweise 
auf dieselbe Klosterschule R., auf welcher Hoche 1 ) 
seine in der Fachliteratur wiederholt zitierten Be- 
obachtungen über die Liebesverhältnisse zwischen Pri- 
manern als Amantes und Tertianern als Amati an- 
gestellt hat. Hoche, welcher noch in seinen letzten 
Veröffentlichungen dem Angeborensein des homosexuellen 
Triebes widerspricht, sucht seine Theorie dadurch 
zu stützen, daß er quf die „Liebesverhältnisse" zwischen 
Schülern hinweist, die später ganz normalsexuell würden. 
Trotz „schwärmerischer, lyrischer Ergüsse, Mondschein- 
promenaden, glühender Liebesbriefe, feuriger Umarmungen 



*) Hoche, Zur Frage der forensischen Beurteilung 
sexueller Vergehen, im Neurologischen Centraiblatt, 
1896, 8. 517—568. 

9* 



— 132 — 



und Küsse, gelegentlichen Znsammentreffens im Bett, selten 
mit Onanie, nie mit Päderastie, entwickelte sich später 
der Primaner als durchaus normaler Mensch weiter und 
der Tertianer wurde in Prima selbst wieder ein Amans. l ) 

Ich verdanke einem urnischen Mitschüler Hoches, 
dem Grafen S., einen ausführlichen Bericht über das 
Leben und Treiben auf dem altberühmten Erziehungs- 
institut, welches 1554 in dem alten Cisterzienser Nonnen- 
kloster unter der Schutzherrschaft der Familie von W. 
eingerichtet wurde und zur Zeit, als Graf S. das- 
selbe besuchte, von Quarta bis Prima gegen 130 Schüler 
zählte. Die Hälfte davon waren Adelige, Gutsbesitzers- 
und Offizierssöhne, die andern zum großen Teil prote- 
stantische Pfarrers- und Domänenpächterssöhne, fast alle 
aus Sachsen, Brandenburg, Schlesien, Pommern und Posen. 

Graf S. bestätigt, daß zwischen Älteren und Jüngeren 
Verhältnisse bestanden, die aber trotz Liebkosungen, 
großen Vertraulichkeiten und Eifersuchtsanwandlungen 
meist unschuldiger Natur waren, hie und da kam es 
wohl zu sexuellen Akten, die jedoch mehr jugendlichem 
Gefühlstiberschwang im sexuell noch wenig differenzierten 
Übergangsstadium, als wirklichen homosexuellen Neigungen 
entsprangen. Bei den meisten älteren Schülern zeigten 
sich bereits deutliche Äußerungen ihrer heterosexuellen 
Natur, denen gegenüber sogar die Mägde der Professoren 
und Lehrer im Anstaltsgebäude oft einen harten Stand 
hatten. Alle, die heterosexuell waren, sind heterosexuell 
geblieben und zum Teil sehr glückliche Ehemänner ge- 
worden, 

Von 7 seiner früheren Schulkollegen weiß Graf S., 
daß sie jetzt homosexuell sind, und zwar betont unser 
Gewährsmann, daß gerade bei diesen die von Hoche ge- 
schilderten äußeren Liebesbezeugungen viel weniger sicht- 



*) Vgl. auch Bloch, a. a. 0., S. 181. 



— 133 — 



lieh hervortraten, was er auf eine gewisse Scheu und 
Scham zurückführt, wie sie gleichgeschlechtlich Em- 
pfindenden oft schon in der Schule eigen zu sein pflegt 
7 von 130 = 5,3%. 

XXII. Ein 18 jähriger intelligenter Kaufmann war 
unter 52 ca. 14 jährigen Bürgerschülern der Oberklasse 
mit zweien befreundet, welche wie er durch ihr weib- 
liches Wesen eine gewisse Sonderstellung unter den Mit- 
schülern einnahmen. Alle drei befinden sich jetzt in 
kaufmännischen Stellungen und verkehren ausschließlich 
homosexuell. 

3 von 52 = 5,75%. 

XXIIL In einer kleinen Stadt Oberschlesiens waren 
— und blieben — von 120 Schülern 2 homosexuell. 

2 von 120 = 1,66%. 

XXIV. In einer größeren Stadt der Schweiz befanden 
sich unter ca. 120 Gymnasiasten 3 Urninge, von denen 
2 Vetter waren. 

3 von 120 = 2,5%. 

XXV. Ein urnisch veranlagter evangelischer Pastor 
teilt mit, daß er unter seinem geistlichen Bekanntenkreis, 
der 87 Herren umfaßt, zwei Homosexuelle kenne. Dem 
einen von beiden gestand er, um sich mit ihm zu beraten, 
seine geschlechtliche Eigenart und erfuhr zu seiner Über- 
raschung, daß derselbe sich in der gleichen Lage wie er 
selbst befände. Die Homosexualität des anderen verriet 
ihm ebenfalls ein unzweideutiges Selbstbekenntnis. 

3 von 88 = 3,4%. 

XXVI. Ein Priester hat unter 95 katholischen 
Geistlichen, die er näher kennen lernte, 2 Urninge ge- 
troffen. „Beide haben es mir selbst" — so schreibt er — 
„(extrasakramental) eingestanden, der eine ausdrücklich, 



— 134 — 



der andere so gut wie ausdrücklich. Ein Zweifel ist 
ausgeschlossen." Der Gewährsmann fügt hinzu, daß nach 
seiner Meinung die Homosexualität unter der katholischen 
Geistlichkeit stärker vertreten sei, als in irgend einem 
anderen Beruf. 

3 von 95 = 3,15%. 

XXVII. Ein homosexueller 27jähriger Schlächter- 
geselle kennt 110 Schlächtermeister und Gesellen. Da- 
runter sind, ihn eingerechnet, ganz sicher 4 Urninge, 
1 Meister und 3 Gesellen zwischen 25 und 30 Jahren. 
Sämtliche haben unserem Gewährsmann ihre rein homo- 
sexuelle Neigung zugegeben. 

4 von 110 == 3,63%. 

XXVIII. Ein Urning, der regen gesellschaftlichen 
Verkehr pflegte, machte die Wahrnehmung, daß sich in 
jeder größeren Familie innerhalb dreier Generationen, 
also unter ca. 30 Personen, ein Homosexueller findet. 
Es stimmt das mit der Beobachtung überein, die ich 
aus der Kenntnis zahlreicher homosexueller Namen ge- 
macht habe, daß es vom höchsten Adel an kaum eine 
deutsche Standesfamilie gibt, die nicht unter ihren Agnaten 
einen Homosexuellen zählt. 

1 von 30 = 3,3%. 

XXIX. Wir wiesen oben darauf hin, daß die Zahl 
der Homosexuellen, welche ein Urning innerhalb einer 
Stadt kennt, für die Statistik nicht verwertbar ist. Anders 
ist es in ganz kleinen Ortschaften oder Bezirken, wo 
jemand alle Bewohner kennt. Es liegen hier zwei 
brauchbare Angaben vor. Ein Volksschullehrer, der aus 
einem Dorfe von 300 Einwohnern stammt, kennt unter 
den 80 erwachsenen Männern seiner Heimat außer sich 
selbst noch einen Urning. 

2 von 80 = 2,5%. 



— 135 — 



XXX. Ein urnischer Herr, welcher seit langem in 
einem Häuserblock wohnte, der 10 Häuser mit 93 
Parteien und 372 Personen umfaßte, ermittelte unter 
diesen im Laufe der Zeit einen urnischen Materialwaren- 
händler, einen urnischen Fleischergesellen, einen urnischen 
Zigarrenverkäufer und einen urnischen Musterzeichner. 
Er erkannte sämtliche an ihrem Benehmen, drei vor 
allem an ihren Bewegungen, und es bestätigten sich seine 
Vermutungen nach genauerer Bekanntschaft. 

5 von 372 - 1,34%. 



Zusammenstellung der Stichproben. 



L Hochadel 


2 von 


40 


= 


5,6%, 


II. Lungenkranke 


3 


99 


190 




1,5 


99 


HI. Offiziere 


14 


19 


560 




2,5 


99 


IV. Eompagniemannschaft 


4 


99 


125 




3,2 


99 


v. 


3 


99 


125 




2,4 


19 


VI. Postbeamte 


18 


99 


1000 




1,8 


99 


VII. Eisenbahnbeamte 


3 


99 


300 




1,0 


99 


VIII. Marineoffiziere 


5 


99 


100 




5,0 


99 


IX. Bankbeamte 


2 


99 


50 




4,0 


11 


X. Bankangestellte 


2 


'5 


100 




2,0 


11 


XL Kunstanstaltspersonal 


' 7 


11 


400 




1,7 


11 


XII. Warenhauspersonal 


6 


11 


400 




1,5 


11 


XIII. Geschäftshausangestellte 2 


11 


200 




1,0 


11 


XIV. Firmenpersonal 


10 


U 


1000 




1,0 


11 


XV. Verbindungsstudenten 


2 


19 


100 




2,0 


11 


XVI. Kouleurstudenten 


2 


99 


35 




5,7 


99 


XVII. Seminaristen 


2 


99 


90 




2,2 


99 


XVIII. Präparanden 


2 


99 


50 




4,0 


99 


XIX. Zöglinge 


7 


99 


350 




2,0 


99 


XX. Gymnasiasten 


3 


11 


200 




1,5 


11 


XXL Klosterschüler 


7 


99 


130 




5,3 


99 




106 von 5545. 









— 136 — 



106 von 5545. 



V VT TT T» .« l m 1 

XXII. Bargerschüler 


8 


99 


52 




5,7 


n i 

7 0 


XXIII. Stadtschaler 


2 


99 


120 


sss 


1,6 


99 


XXIV. Gymnasiasten 


3 


99 


120 




2,5 


99 


XXV. Protestantische Pfarrer 


3 


99 


87 




3,4 


99 


XXVI. Katholische Geistliche 


3 


99 


95 




3,15 


99 


XXVII. Fleischer 


4 


99 


110 




3,6 


99 


XXVIII. Familienmitglieder . 


1 


91 


30 




3,3 


99 


XXIX. Dorfbewohner 


2 


99 


80 




2,5 


91 


XXX. Bezirksbewohner 


5 


99 


372 




1,3 


99 



132 von 6611 = 1,99%. 



B. Umfragen. 



I. Die Charlottenburger Studentenenquete. 

Den Gegenstand unserer ersten Rundfrage bildeten 
3000 Studierende der Technischen Hochschule zu Char- 
lottenburg. Es handelte sich hier um eine abgegrenzte, 
in vieler Hinsicht gleichartige, verhältnismäßig auf hoher 
geistiger Stufe stehende Personengruppe, deren Tätigkeit 
ebenso sehr im wissenschaftlichen, wie im praktischen 
Leben wurzelt, ein im allgemeinen gesunder, kräftiger, 
unverkünstelter Menschenschlag, der daher für eine 
voraussetzungslose naturwissenschaftliche Untersuchung 
besonders geeignet erschien. 

Wir sandten in geschlossenem undurchsichtigen 
Umschlag, an jeden persönlich adressiert, an sämtliche 
Personen mit gleicher Post das folgende Schreiben ab: 



— 137 — 



Rundfrage des wissenschaftlich-humanitären Komitees. 

Charlottenburg, Dezember 1903. 

Sehr geehrter Herr! 

Das unterzeichnete Komitee hat sich die Aufgabe gestellt, 
einige Fragen auf dem Gebiete der Sexualpsychologie wissen- 
schaftlich zu erforschen. 

Die Ergebnisse unserer Enquete werden voraussichtlich nicht 
nur von theoretischem Interesse, sondern auch von praktischer 
Bedeutung sein, da sie früher oder später auf die Gesetzgebung, 
auf das soziale Urteil und somit auf das Schicksal eines erheblichen 
Teiles unserer Bevölkerung von Einfluß sein werden. 

Da es sich um eine statistische Feststellung handelt, so kann 
die Aufgabe nur auf dem Wege der Sammelforschung gelöst 
werden, und da das Objekt der beabsichtigten Feststellung im 
subjektiven Empfindungsleben liegt, so muß eine für die Zwecke 
der Statistik hinreichende Zahl von Personen zu freiwilliger und 
wahrheitsgemäßer Auskunft über den Inhalt ihres intimen Trieb- 
lebens gewonnen werden. 

Wenn wir uns mit dieser Rundfrage zuvörderst an die aka- 
demische Jugend wenden, so geschieht es, weil wir bei ihr den 
sittlichen Ernst, die Bereitwilligkeit und die Fähigkeit sicher 
voraussetzen dürfen, auf welche wir bei dieser Enquete unbedingt 
rechnen müssen. 

Die Hauptfrage, welche wir Ihnen vorlegen, ist folgende: 

Richtet sich Ihr Liebestrieb (Geschlechtstrieb) auf 
weibliche (W), männliche (M) oder weibliche und männ- 
liche (M + W) Personen? 

Wir bitten Sie, diese Frage auf einliegender Postkarte 
durch bloßes Durchstreichen und Unterstreichen der Buchstaben 
W und M möglichst bald und vor allem streng wahrheits- 
gemäß zu beantworten. Namen bitten wir nicht zu nennen, da- 
gegen das Alter durch Unterstreichen der zutreffenden Zahl zu 
bezeichnen. 

Zu besonderem Dank würden Sie uns durch anderweitige 
briefliche Mitteilungen aus Ihrem Sexualleben verpflichten, be- 
sonders wenn Sie glauben, daß dieses von der Norm abweicht 
und daher von wissenschaftlichem Interesse ist. Wir bitten jedoch 
auch in diesem Falle um baldigste Ausfüllung und Äbsendung 
der beigefügten Karte. 



— 138 — 



Indem wir hoffen, daß Sie die kleine Mühe nicht scheuen 
werden, zur wissenschaftlichen Lösung dieser Probleme beizutragen, 
zeichnet, auf Wunsch gern zu weiteren Auskünften erbötig, unter 
Zusicherung strengster Diskretion 

Hochachtungsvoll 
für 

das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee 
'Dr. med. Hirschfeld. 

Die beigefügte Antwortkarte, welche weder auf der 
Vorder-, noch auf der Rückseite mit geheimen Zeichen 
versehen war, hatte . folgendes Aussehen: 



W. M. w. + M ; 



16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 



Von den 3000 Briefen kamen 103 als unbestellbar 
(„unbekannt verzogen", „nicht zu ermitteln") zurück, von 
den 2897 Herren, welche in den Besitz der Anfrage ge- 
langten, trafen 1756 Antwortkarten ein; von diesen 
mußten 60 als fraglich oder unbrauchbar ausgeschieden 
werden, von den übrigen 1696 hatten 1593 das W., 26 
das M., 77 das W. + M. in völlig einwandfreier Weise 
unterstrichen; das W. + M. war von den meisten gleich- 



— 139 — 



mäßig unterstrichen, von einigen wenigen war, ohne daß 
danach gefragt war, das W. oder das M. durch zwei 
oder mehrere Striche stärker hervorgehoben worden. Es 
erklärten sich demnach als 



heterosexuell 


1593 


von 


1696 = 


94,0%, 


homosexuell 


26 




1696 = 


1,5 „ 


bisexuell 


77 




1696 - 


4,5 „ 


abweichend 


103 




1696 = 


6,0 „. 



Es mußte uns von vornherein klar sein, daß trotz 
größter Vorsicht unser Schritt — der einzig gangbare 
und mögliche Weg zur Erhaltung zuverlässiger Resultate 
— auf Verkennungen und Widerstände stoßen würde. 
In der Tat blieben Anfeindungen nicht aus. Namentlich 
die reaktionäre Presse schleuderte heftige Angriffe gegen 
uns, bezeichnete die Rundfrage als eine „Unverschämt- 
heit", als eine „Beleidigung", „Belästigung", „Verführung" 
der akademischen Jugend. Die „Staatsbürgerzeitung" 
(vom 11. Dezember 1903) schrieb: „Dr. Hirschfeld er- 
dreistet sich in dem Rundschreiben, die jungen Leute, 
die Gott sei Dank bisher gar keine Ahnung von solchen 
widernatürlichen Dingen hatten, erst darauf zu bringen, 
sie zum Nachdenken anzureizen, und die weiteren Folgen 
kann man sich dann wohl von selbst ausmalen." Die 
„Deutsche Tageszeitung" (12. Dezember 1903) schrieb: 
„Wir sind der Meinung, daß in einer solchen Anfrage 
eine Beleidigung enthalten ist und daß die Studenten 
gegen das „Wissenschaftlich-humanitäre Komitee" Klage 
erheben sollten, damit diesem unerhörten Unfug ein 
Ende bereitet werde." Dabei kam es den Blättern auf 
sachliche Unrichtigkeiten wenig an, so berichteten sie, 
die Rundfrage sei „anscheinend in Hunderttausenden 
von Exemplaren", ferner, sie sei „der Billigkeit wegen 
natürlich in offenem Umschlag" verschickt worden. Ein 



— 140 — 



Volksredner drückte sein Erstaunen aus, daß „die 
Studenten nicht dem Dr. Hirschfeld die Fenster einge- 
worfen hätten", das Stärkste aber leistete sich ein Pastor 
Philipps, welcher in einer von ihm zum Kampfe gegen 
die Unsittlichkeit einberufenen Studentenversammlung im 
Langenbeckhause (dem Hause, das nach dem Arzte seinen 
Namen fuhrt, welcher sich mit Virchow als einer der 
ersten und eifrigsten gegen die Bestrafung der Homo- 
sexuellen gewandt hatte) „zwei Attentate auf die studen- 
tische Ehre" zur Sprache brachte; das eine rühre von 
einem gewissen Dr. Hirschfeld her, welcher an die 
Studentenschaft einen Fragebogen verschickt habe, auf 
dem die Adressaten angeben sollten, ob sich ihre Neigung 
in natürlicher oder nicht vielmehr in unnatürlicher 
Richtung bewege, das andere Attentat sei das massen- 
hafte Angebot einer Firma, welche ein Vorbeugungs- 
mittel gegen ansteckende Krankheiten fabriziere. „Die 
Versammlung erhebt" — so heißt es in dem veröffent- 
lichten Protest — „gegen die Zusendung solcher Schänd- 
lichkeiten einmütig und feierlich den allerentschiedensten 
Widerspruch und fordert sämtliche Kommilitonen, denen 
solche ehrenrührige Sendungen zugegangen sind, dringend 
auf, dem Vorstand des Akademischen Vereins Ethos, 
Charlottenburg, Schlüterstraße 70, ihre Namen mitzuteilen, 
um dann gemeinschaftlich bei der Kgl. Staatsanwaltschaft 
gegen die Urheber der Sendungen die Beleidigungsklage 
zu erheben, damit in Zukunft solchem schnöden Treiben 
wirksam vorgebeugt werde." 

Es waren diese und ähnliche Angriffe gewiß recht 
schmerzhafte Nebenwirkungen, doch durfte ich mir nicht 
verhehlen, daß sich Wahrheitssucher oft zur Erreichung 
ihres Zieles ungleich größeren Widrigkeiten aussetzen 
mußten. Was haben Forschungsreisende auf sich ge- 
nommen, um ein neues Stück Land dem Wissen zu er- 
schließen, und war nicht auch unser Vorgehen eine 



— 141 — 



Forschungsreise in ein bisher der Kenntnis entzogenes 
Gebiet? Vor allem dachte ich an Semmelweis (1818 
bis 1865), dessen statistische Ermittelungen über 
die Ursache des Kindbettfiebers — eine Veröffentlichung, 
die Tausenden das Leben rettete — als „Denunziation" 
erklärt wurden. Die Hebeammen und Ärzte, deren 
schlecht gereinigten Händen und Instrumenten er die 
Hauptschuld an der großen Verbreitung der Krankheit 
beimaß, ruhten nicht eher, als bis der kühne Forscher 
seines Amtes entsetzt wurde. Als er tot war, erkannte 
man das außerordentliche Verdienst des Mannes an, die 
Fachgenossen setzten ihm ein Denkmal und Hegar 1 ) 
prägte auf ihn das Trostwort: „Der Wert und das Verdienst 
einer jeden neuen Wahrheit ist um so größer, je weiter 
sie über das Niveau der zur Zeit ihrer Entdeckung 
herrschenden Ansichten und Lehren hinausgeht." 2 ) 

Ich gestehe offen, daß mich diese und ähnliche Er- 
innerungen weniger emporhoben als niederdrückten. Wohl 



*) A. Hegar, I. P. Semmelweis, Sein Leben und seine 
Lehre, Freibarg i. B., 1882. Vgl. auch Bruck, Ignaz Philipp 
Semmelweis, Wien u. Teschen,.1887, sowie vor allem Semmel- 
weis' viel angefeindetes Hauptwerk Die Ätiologie, der Be- 
griff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers, 1861. 
Seine Fachgenossen gelangten erst durch die Pasteur sehen Ent- 
deckungen und Lister sehen Lehren dahin, Semmelweis' groß- 
artige wissenschaftliche Leistungen voll zu würdigen. 

*) Als ich Obiges schrieb, war ich noch nicht wegen der 
Enquete in Anklagezustand versetzt worden. Erst nach Fertig- 
stellung des Manuskripts, dessen Text daraufhin nicht geändert 
ist, hat die Staatsanwaltschaft auf Antrag der Studenten Walter 
Goetze, E. Lange, B. Senkpiel, W. Jakobi, Hans Heinze und 
Hans Wrede (6 von 8000 Befragten) die Anklage erhoben, indem 
sie in dem mitgeteilten Rundschreiben eine Beleidigung und Ver- 
breitung unzüchtiger Schriften erblickte. Wie das Urteil aus- 
fallen wird, weiß ich nicht, das aber weiß ich, daß dieses Urteil 
nicht bloß mir, sondern auch dem entscheidenden Gerichtshof und 
der Zeitepoche gesprochen wird. 



— 142 — 



wußte ich zur Ehre meiner Widersacher, daß ihre Trieb- 
feder nicht böser Wille, sondern mangelnde Erkenntnis 
ist, aber ich wußte auch, daß nur zu oft Ignoranten und 
Obskuranten die Werke der Wahrheitssucher störten und 
zerstörten. Ich will aus den Beschimpfungen meiner 
G-egner herauslesen, was an tatsächlichen Einwendungen 
in ihnen enthalten ist, um zu zeigen, wie ungerechtfertigt 
ihre Schlüsse sind. 

Die Bundfrage soll eine Beleidigung sein. 

Schließt nicht der ernste und wissenschaftliche 
Charakter unserer Fragen, ihre sorgsame Begründung, 
schließt nicht der Name und die Tätigkeit des wissen- 
schaftlich-humanitären Komitees diese Annahme von vorn- 
herein aus? Wir fragten auch nicht nach der Betätigung, 
nach einer strafbaren Handlung, sondern lediglich nach 
der Richtung des Geschlechtstriebes, nach der wirk- 
lichen Zuneigung. Es kommt hinzu, daß die Ant- 
wortkarten auf die geschlossen versandten Briefe ohne 
Namennennung, ohne jedes Schriftzeichen zurück- 
erbeten wurden, sodaß vollkommen die Möglichkeit ge- 
nommen war, die abweichend gearteten Persönlichkeiten 
herauszukennen. Nahm trotzdem und alledem der eine 
oder andere Herr ein Ärgernis, so war dies gewiß zu 
bedauern; wie kleinlich mußte aber dieses Gefühl der 
Kränkung gegenüber einer Arbeit erscheinen, von der 
ein Biologe sagte — ob mit Recht, wage ich nicht zu 
entscheiden — daß ihre Ergebnisse in der Geschichte 
der Anthropologie — der Wissenschaft vom Menschen — 
eine dauernde Stätte behalten werden. Eine besondere 
Freude gewährte es uns, daß viele studentische Kreise, 
vor allem auch die „Allgemeine deutsche Universitäts- 
zeitung", die Bedeutung der Rundfrage voll anerkannten; 
so schrieb in No. 3 derselben (1. Februar 1904) ein Jurist 
unter anderem: „Laut der Charlottenburger Enquete er- 
klärten sich über 4 1 / a °/ 0 für bisexuell und über 17s% 



— 143 — 



für homosexuell, also 6,0 °/ 0 ft* anormal oder fast 1 / 16 
der Auskunftgeber. Bei ungefähr 60 Millionen Ein- 
wohnern des Deutschen Reiches, wovon knapp 30 Millionen 
männlich sind, ergäbe 1 / 1Q fast 2 Millionen. Nach Abzug 
der Kinder und alten Leute verbliebe eine Million, sogar 
reichlich. 1 ) Soll diese warten, bis die hinter die Re- 
vision der neueren Strafprozeßordnung wunderbarerweise 
zurückgesetzte viel nötigere Revision des viel älteren 
Strafgesetzbuchs den § 175 verbessert oder beseitigt? 
Man schätzt diese Zeit auf 15 Jahre. Inzwischen wandern 
Tausende ins freiere Ausland, Holland, Frankreich, 
Italien usw. aus oder sterben Hunderttausende im geheimen 
Groll gegen das sie knechtende Vaterland. Mein Vor- 
schlag geht daher dahin : „Inzwischen möge die juristische 
Theorie und Praxis, vor allem das Reichsgericht, seine 
weite Auslegung des § 175 aufgeben und zu derjenigen 
engeren des früheren höchsten preußischen Gerichtshofes, 
des Obertribunals, über denselben § 175 zurückkehren, 
wie sie in den Entscheidungen des Obertribunals vom 
6. und 28. November 1873 ersichtlich ist. (Zu finden in 
„Deutsche Strafrechtspraxis von Pezold, Stiegele und Köbn", 
Stuttgart 1877, Bd. I, S. 152, Note 2 zu § 175.)"« Wenn der 
akademische Verein Ethos inCharlotenburg seinen Protest 
gegen die Enquete im Namen der „Berliner Studenten- 
schaft" erhebt, so ist das um so unverständlicher gegen- 
über solchen Zustimmungen und gegenüber der Tatsache, 
daß weit über die Hälfte der angefragten Studenten 
(1696 von 2897 = 58,5%) unsere Frage in völlig sach- 
gemäßer, korrekter Weise beairtwortete und nur von 60 



*) Hier fügt der Herausgeber, Geh. Sanitätsrat Dr. Rod r ad 
Küster, hinzu: „Die Zahl der Gleichgeschlechtlichen ist noch 
eine viel größere, da das weibliche Geschlecht außer Betracht 
gelassen ist. Auch bei diesem sind viele Homosexuelle vorhanden. 
Die Gesetzgebung hat sie glücklicherweise, wohl aus Unkenntnis, 
unberücksichtigt gelassen." 



- 144 — 



(3,4 % der Auskunftgeber = 60 von 1756 und 2,0 °/ 0 
der Angefragten = 60 von 2897) unbrauchbare Ant- 
worten einliefen, darunter nur wenige ungeziemenden 
oder unanständigen Inhalts. 

Die Umfrage soll eine Verführung der Jugend in- 
volvieren, junge Leute sollen durch die Enquete erst auf 
die Homosexualität gebracht werden. 

Ob wohl durch eine Statistik über die Verbreitung 
der Farbenblindheit schon jemand farbenblind geworden 
ist? Solange dies nicht der Fall, halte ich es für aus- 
geschlossen, daß jemand durch die Frage, ob er homo- 
sexuell sei, homosexuell geworden ist. Man muß sehen, 
mit welcher Bestimmtheit und Sicherheit die 94°/ 0 der 
Studenten und die 96°/ 0 der Metallarbeiter ihr TT unter- 
streichen, wie viele ihr äußerstes Erstaunen über die 
bloße Denkbarkeit einer anderen Richtung äußern, mit 
welcher Entschiedenheit und Einfachheit auf der anderen 
Seite die 6% bezw. 4°/ 0 das M oder M+W markieren, 
um inne zu werden, daß es die Stimme der Natur ist, 
die uns hier entgegentritt 

Wäre tatsächlich die Richtung des Geschlechtstriebes 
etwas so Schwankendes, daß sie durch eine Anfrage um- 
gewandelt werden könnte, so wäre wohl niemand froher, 
als der Homosexuelle, der dann gewiß alle Aussicht 
hätte, seine ihm so beschwerliche Triebrichtung loszu- 
werden. In Wirklichkeit aber verhält es sich anders, 
in Wirklichkeit ist die Heterosexualität etwas absolut 
Konstantes, ebenso wie die Homo- und Bisexualität, 
konstant nicht nur für die Einzelperson, sondern höchst- 
wahrscheinlich auch für die Gesamtbevölkerung. 

Die Tatsache, daß bei unserer zweiten Enquete die 
Fragestellung im Perfectum („Hat sich Ihr Trieb ge- 
richtet?") den Prozentsatz derjenigen, welche sich für 
beide Geschlechter bekannten, nicht vermehrte gegenüber 
unserer ersten Enquete, bei der im Präsens („Richtet 



— 145 - 



sich Ihr Trieb ?") angefragt war, dieses Ergebnis ist ein 
weiterer Beweis dafür, daß der sexuelle Ergänzungstrieb 
eine in ihrer Richtung der Persönlichkeit von Geburt 
an adhärente, unveräußerliche Eigentümlichkeit ist, welche 
weder dadurch, daß man sie erklärt, noch dadurjh, daß 
man sie statistisch feststellt, geändert wird. 

Die Antworten sollen unzuverlässig, der Wahrheit 
nicht entsprechend, nicht ernst zu nehmen sein. 

Wir bemerken hierzu, daß sämtliche Karten, die 
auch nur im geringsten zweifelhaft erschienen, außer 
Berücksichtigung gestellt worden sind. Es wurden nur 
diejenigen in Berechnung gezogen — und das war 
die übergroße Mehrzahl, 96,4 °/ 0 — welche die Buch- 
staben in gewünschter Weise mit Strichen versehen 
hatten, ferner solche, welche das Zeichen ihrer Neigung 
— und zwar war dieses fast ausnahmslos das W — an- 
statt einfach doppelt bis zehnfach unterstrichen oder 
umrahmt hatten, endlich auch die, welche Zusätze bei- 
fügten (etwa: „Vivant omnes virgines!" oder „3f mir 
einfach unverständlich"), aus denen die beabsichtigte 
Antwort sicher hervorging. Wer sich einen Witz er- 
lauben wollte, gab dies auch in mehr oder minder 
gelungener Form deutlich zu erkennen, ein Spaß, der 
lediglich darin bestanden hätte, auf einer anonymen Karte 
den Strich unter einem nicht der Wahrheit entsprechenden 
Buchstaben anzubringen, erscheint schon deshalb aus- 
geschlossen, weil einem solchen Scherz jedes charakteri- 
stische Zeichen eines Witzes mangeln würde und der Zweck, 
Heiterkeit zu erzielen, unmöglich erreicht werden könnte. 
Die völlig sachgemäße und ernste Art der Beantwortung 
bei 58,5 °/ 0 entsprach nicht nur der ernsten Art der Frage, 
sondern auch der Aufnahme, welche nach unseren ein- 
gehenden Erkundigungen die Rundfrage bei der über- 
großen Majorität der Studenten gefunden hatte. Gerade 
die Karten heterosexueller Studenten enthielten häufig 

Jahrbuch VI. 10 



— 146 — 



Zusätze, wie „Den menschenfreundlichen Bestrebungen 
wünsche vollen Erfolg!" oder „Wünsche Ihrer humanitären 
Enquete die besten Erfolge 44 ; in ähnlichem Sinne äußerte 
sich auch eine Reihe von Zuschriften aus den Kreisen 
der Befragten, vor allem aber teilten uns zahlreiche 
Studenten, in erster Linie zwei Assistenten der Techni- 
schen Hochschule mit» daß in den Hör- und Zeichensälen, 
innerhalb der Verbindungen, an Stammtischen, in Kneipen 
und Studentenheimen die Rundfrage sehr viel besprochen 
wurde/ und zwar häufig scherzhaft, daß aber doch fast 
überall auch der Ernst des Gegenstandes und die Pflicht 
hervorgehoben wurde, wahrheitsgemäße Antworten zu er- 
teilen. x ) 



*) Wie die Enquete in Arbeiterkreisen aufgenommen wurde, 
zeigt n. a. der Brief eines Metallarbeiters, ans dem ich die Haupt- 
stelle gleich hier wiedergeben möchte: 

„Nun habe ich in diesen Tagen durch die Tageszeitungen 
erfahren müssen, daß die Enquete zu einer Klage gegen Sie Ver- 
anlassung gegeben hat, weil die Leute durch Ihre diskrete Anfrage 
in ihrem Sittlichkeitsgefuhl verletzt sein wollen. Ich möchte hier 
als Arbeiter mit Huß sagen: „O heilige Einfalt!". Wie glücklich 
in dieser Beziehung sind doch wir „einfältige" Arbeiter; denn 
ich kann wohl sagen, daß die Enquete unter den Arbeitern durch- 
wegs als das gewürdigt wurde, was sie sein soll und ist, nämlich : 
Eine wissenschaftliche Forschung. 

Mein Bekanntenkreis unter den von der Enquete betroffenen 
Arbeitern ist ein ziemlich großer und ich kann wohl sagen, daß 
unter diesen allen sich auch kaum einer gefunden hat, der nach 
dem übersandten Anschreiben der Enquete so verständnislos 
gegenübergestanden hätte, daß er diese nicht als eine wissenschaft- 
liche Arbeit angesehen und bezeichnet hätte. Wohl fanden sich 
einige, welche es für die Arbeiterschaft als überflüssig be- 
zeichneten, solche Feststellungen vorzunehmen, jedoch haben Ihre 
] / s stündigen Ausfuhrungen in der Dreherversammlung, sowie kurze 
erläuternde Diskussionen von den Kollegen, welche von der 
Wichtigkeit der homosexuellen Frage schon einmal rauschen horten, 
diese Zweifler in fast allen Fällen, die mir zu Gehör kamen, 
schnell überzeugt, so daß ich wohl behaupten kann, die denkende 



— 147 — 



Wenn gleichwohl ein verhältnismäßig nicht kleiner 
Teil der Studenten, nämlich 1141 von 2897 = 39,3 °/ 0 , 
überhaupt keine Antwort erteilte, so läßt sich dies aus 
Indifferenz, Abneigung, Unverständnis, Nachlässigkeit 
( — wollten antworten, aber kamen nicht dazu, verlegten 
die Karte, vergaßen, sie in den Kasten zu stecken usw. — ) 
und vor allem aus dem Mißtrauen der Befragten erklären, 
Eigenschaften, mit denen bei jeder Enquete gerechnet 
werden muß. Ein erfahrener Statistiker teilte mir mit, 
daß bei den harmlosesten Umfragen — es gilt dies bei« 
spiels weise auch bei Arbeitslosen- Statistiken — bei nicht 
wenigen der Beteiligten ein unüberwindlicher Verdacht 
besteht, es könnten ihnen aus der Antwort Weiterungen 
irgend welcher Art erwachsen. Das anonyme Verfahren 
schließt diesen Argwohn nicht aas; so meinten Ver- 
schiedene, die Karten könnten in unauffälliger Weise 
gekennzeichnet, etwa nummeriert sein. Ein Herr schrieb: 
„Das Wasserzeichen in Ihrer geehrten Postkarte werden 
wohl manche als geheimes Erkennungszeichen ansehen." 
Tatsächlich hatten alle unsere Karten das gleiche von 
der Behörde vorgesehene Wasserzeichen. Ein urnischer 
Student schrieb am Tage nach der Versendung sehr 
verängstigt, wer uns denn seine Adresse und Anlage 
verraten hätte. Will man die Möglichkeit einer gelegent- 
lichen falschen Angabe aufrecht erhalten, so ist es jeden- 
falls naheliegender, daß einmal ein Homosexueller in 
seiner Furcht das W unterstreicht, als daß ein Normal- 
sexueller sich für mannliebend erklärt. 

Man kann aus der Scheu und Ängstlichkeit, die bei 
den Homosexuellen ganz sicher ungleich größer ist, als bei 

Arbeiterschaft Berlins versteht, was wissenschaftliche Arbeit ist, 
und wird stets geneigt sein, die Wissenschaft durch ihre Mitarbeit, 
soweit dies möglich ist, zu unterstützen, und das dürfte nicht zu 
unterschätzen und speziell für Sie und Ihr humanitäres Streben 
nicht ohne Interesse sein." 

10* 



— 148 — 



den Normalen, mit Recht folgern, daß sich auch unter 
den Schweigsamen noch eine ganze Anzahl verschämter 
UrDinge befindet; einen, der die Bundfrage nicht beant- 
wortete, weil er seinen Argwohn nicht überwinden konnte, 
haben wir später persönlich kennen gelernt. 

Es ist dieser Umstand wohl zu beachten gegenüber 
dem Einwand, der erhoben wurde, daß die Zahl der 
Nichtbeantworter den Wert der Enqueten erheblich 
herabdrücke und daß es nicht angängig sei, die gefundene 
Prozentziffer auf die, welche keine Auskunft gaben, zu 
übertragen. 

Auf den ersten Blick will es allerdings scheinen, 
als ob die Nichtbeantworter sämtlich heterosexuell sein 
dürften, da die Homosexuellen, in deren Interesse die 
Enquete veranstaltet wurde, gewiß alle freudig die Ge- 
legenheit wahrnehmen würden, sich einmal in so ungefähr- 
licher Weise zu ihrer Natur zu bekennen. Wäre dieses 
der Fall, wären also alle Nichtbeantworter normal, dann 
müßten wir die Zahl der Abweichenden mit der Gesamt- 
zahl der Befragten verrechnen. Auch so kämen noch 
erkleckliche Prozentzahlen heraus, nämlich: 

Homosexuell 26 von 2897 = 0,89%, 
bisexuell 77 „ 2897 = 2,65 „ 
abweichend 103 „ 2897 = 8,54 „ . 

Gegen diese Art der Berechnung spricht aber außer 
der obigen Erwägung noch eine weitere Beobachtung. 
Würden sich die Homosexuellen in der Tat so unbe- 
denklich an unseren Feststellungen beteiligen, so müßte 
der Prozentsatz der M sowie der M + W in den ersten 
Tagen nach Versandt der Karten, deren umgehende 
Rücksendung erbeten wurde, besonders hoch sein; er 
müßte dann nach und nach entsprechend dem zu- 
nehmenden Übergewicht der W bis zum Ende des Ein- 



— 149 — 



laufes der Antworten sinken. Dies ist nun aber ganz 
und gar nicht der Fall, wie sich aus folgender Vergleichung 
ergibt: 



I. Enquete. 
(Versandt erfolgte am 3. XII. 1903.) 



Datum 


Zahlet. 
Antw. 


M 


M 


M+ W 


Abnorme 


bisl4.Xn.03. 
bis 1. I. 04. 


1566 
1696 


1474 = 94,1% 
1593 = 94,0% 


22=1,4% 
26 = 1,5% 


70 = 4,4% 
77 = 4,5% 


99 = 5,8% 
103 = 6,0% 



Der besseren Übersicht halber fügen wir hier gleich 
eine spezialisierte Tabelle bei, welche das Steigen und 
Sinken der Prozentzahlen bei unserer zweiten Enquete 
veranschaulicht. 



II. Enquete. 
(Versandt erfolgte am 27. II. 1904.) 



Datum 


Zahl der 
Antworten 


% d. Homo- 
sexuellen 


% der 
Bisexuellen 


% der Ab- 
weichenden 


29. IL 


492 


1,42 


2,84 


4,26 


1. III. 


918 


1,10 


2,42 


3,52 


2. III. 


1244 


1,04 


2,64 


3,68 


4. III. 


1568 


0,89 


2,93 


8,82 


8. III. 


1800 


0,94 


2,98 


3,92 


11. III. 


1845 


1,03 


2,98 


4,01 


15. ra. 


1884 


1,17 


8,08 


4,25 


22. III. 


1912 


1,15 


3,19 


4,34 



Betrachten wir diese Tabellen, so sehen wir, wie 
beide Male vor Abschluß der Enquete die Anzahl der 
Abweichenden etwas in die Höhe geht; namentlich bei 



— 150 — 



den Metallarbeitern — und bei den Studenten, wo nicht so 
genaue Vergleichszahlen aufgenommen wurden, war es nicht 
anders — zeigt es sich deutlich, daß der Prozentsatz der 
Abweichenden zuerst ein verhältnismäßig hoher ist, daß er 
dann längere Zeit abnimmt, um gegen Ende wieder er- 
heblich zu steigen. Daraus geht hervor, daß wir bei den 
Homo- und Bisexuellen zwei Gruppen unterscheiden 
können, eine, die in der Tat sofort ihre Karte ausfüllt 
und absendet, eine andere, die zögert, zaudert und 
zweifelt, bis sie nach tagelangem Schwanken zu einem 
positiven Entschluß gelangt. Dürfen wir danach nicht 
annehmen, daß es noch eine Reihe von Homosexuellen 
gibt, bei denen die Entscheidung schließlich nach der 
negativen Seite ausschlägt? 

Man wird nach allem schwerlich einen Fehler be- 
gehen, wenn man die Prozentsätze der abweichend ver- 
anlagten Personen von den Auskunft gebern auf die 
Befragten überträgt Im übrigen mag gern zugegeben 
werden, daß die Genauigkeit der Feststellungen durch 
die Zahl der Nichtbeantworter leidet. Wer aber darauf- 
hin unseren Enqueten den Vorwurf der Ungenauigkeit 
macht, dem ist zu antworten, daß es hier auf so genaue 
Resultate gar nicht ankommt. Ein recht beherzigenswertes 
Motto, das den fünfstelligen Logarithmentafeln Theodor 
Wittsteins vorgedruckt ist, lautet: „Der Maugel an mathe- 
matischer Bildung gibt sich durch nichts so auffallend 
zu erkennen, als durch maßlose Schärfe im Zahlenrechnen." 
Für den vorliegenden Fall ist es ziemlich gleichgültig, 
ob sich der Prozentsatz der Homosexuellen etwas über 
oder unter 172 0 /o befindet, ob der der Bisexuellen ein 
Geringes über oder unter 5°/ 0 Hegt. 

Hätte man früher die Frage aufgeworfen, ob die 
Zahl der Homosexuellen nach Hunderten oder Tausenden 
betrage, so hätte niemand darauf eine Antwort geben 
können, die mehr als eine unsichere oder höchst will- 



— 151 — 



kürliche Annahme gewesen wäre. Jetzt wissen wir, daß 
wir das Verhältnis der Abweichenden zu den sogenannten 
Normalen nicht nach Promillen, sondern nach Pro- 
zenten zu beziffern haben. Das Ergebnis, daß bei allen 
Rundfragen und Stichproben stets eine Zahl gefunden 
wird, die innerhalb derselben Größenordnung, 
sogar immer in der Nähe von 1,5 °/ 0 , gelegen ist, diese außer- 
ordentliche Übereinstimmung kann unmöglich auf einem 
Zufall beruhen, sondern muß von einem Gesetz abhängig 
sein, von dem Naturgesetz, daß nur 90— -95°/ 0 der 
Menschen als normalsexuell geboren werden, daß ca. l 1 ^ 
bis 2°/ 0 Homosexuelle — also in Deutschland ungefähr 
eine Million — , eine für die Fortpflanzung der Art unge- 
eignete besondere Gruppe der Bevölkerung bilden und daß 
als Übergang zwischen den Hetero- und Homosexuellen 
etwa 4°/ 0 Bisexuelle restieren. 



n. Dr». v. Römers Amsterdamer Enquete. 

Ganz besonders auffallend ist die Übereinstimmung 
unserer Rundfrage mit den Resultaten einer Enquete, 
welche bereits zwei Jahre zuvor Dr 8 . v. Börner, als er 
selbst noch in Amsterdam studierte, in etwas anderer 
Form und bedeutend kleinerem Umfange unter seinen 
Kommilitonen veranstaltete, v. Römer legte 595 Studenten 
fünf Fragen vor, unter denen die vierte lautete: Fühlen 
Sie geschlechtlich für Weiber, Männer oder beide? Die 
übrigen Fragen bezogen sich auf das Alter der Befragten, 
sowie darauf, ob sie der Onanie ergeben waren, ob sie 
im Pubertätsalter gleichgeschlechtliche Akte verübt hatten, 
endlich ob die Neigung bestand, Freunde zu küssen. 
Hierzu ist zu bemerken, daß der Kuß unter männlichen 
Personen in Holland ein viel selteneres und daher be- 



— 152 — 



deutungsvolleres Vorkommnis ist, als in Deutschland. 
Die Antworten waren mit denselben Ziffern wie die 
Fragen versehen und sollten durch Unterstreichen be- 
stimmter Antwortsmöglichkeiten (wie „ja", „nein" usw.) 
gegeben werden. 

Von 595 antworteten 308 - 51,7%, bei uns 58,5%. 

Von diesen erklärten sich für 

heterosexuell 290 = 94,1%, bei uns 94,0% oder 0,1% 

weniger, 

homosexuell 6 = 1>9%> bei uns 1,5% oder 0,4% 

weniger, 

bisexuell 12 = 3,9%, bei uns 4,5% oder 0,6% 

mehr, 

abweichend 18 = 5,8%, bei uns 6,0% oder 0,8% 

mehr. 

Würde man annehmen, daß alle Schweigenden 
heterosexuell wären, was aber bestimmt nicht zutrifft, 
wie denn auch v. Römer selbst später unter den Nicht- 
beantwortern Urninge kennen gelernt hat, so wäre das 
Zahlen Verhältnis : 

Homosexuell 1,02%> bei uns 0,89% oder 0,2% weniger, 
bisexuell 2,01%, bei uns 2,65% oder 0,6% mehr, 
abweichend 3,03 %> bei uns 3,54% oder 0,5% mehr. 

Die Übereinstimmung zwischen der Charlottenb arger 
und Amsterdamer Studentenenquete beträgt somit über 
99%, die Abweichungen an keiner Stelle 1,0%, bei den 
meisten Zahlen kaum %%. Ich meine, wer hier von 
einem Zufall sprechen wollte, könnte mit dem gleichen 
Recht die Ähnlichkeit eineiiger Zwillinge für eine bloße 
Zufälligkeit erklären, welche von dem Naturgesetz der 



— 153 — 



Vererbung unabhängig sei. Dabei legen wir natürlich 
kein Gewicht darauf, daß die Abweichungen so außer- 
ordentlich geringfügig, noch nicht einmal 72% 8 * n< *- 
Das wird wohl Zufall sein. Die Gesetzmäßigkeit bliebe 
bestehen, selbst wenn die Abweichungen zehnmal so 
groß wären. Auch bei dem von Oesterlen an 59351000 
Geburten ermittelten Sexualverhältnis 1 ) von 106,3 
Knaben zu 100,0 Mädchen kamen in den verschiedenen 
europäischen Staaten Schwankungen von 107,2 bis 105,2 
zu 100,0 vor. Was will dieser kleine Spielraum von 
2°/ 0 besagen gegenüber der imposanten Konstanz dieser 
so bedeutsamen, in ihren Grundursachen uns noch so 
völlig unverständlichen Verhältniszahl! 



ED. Metallarbeiterenquete. 

Hatten wir uns mit unserer ersten Rundfrage an 
akademische Kreise gewandt, so traten wir mit unserer 
zweiten Enquete an die Arbeiterklasse heran. Wir 
wünschten, eine Bevölkerungsschicht zu untersuchen, 
von der man im allgemeinen annahm, daß in ihr das homo- 
sexuelle Element nur schwach, 2 ) jedenfalls sehr viel 
weniger vertreten sei, als in mittleren und höheren Volks- 



*) Als Sexualverhältnis bezeichnet man das durch die Sta- 
tistik festgestellte Verhältnis der geborenen Knaben und Mädchen. 
Man vgl. besonders Oesterlen, Handbuch dqr medizinischen 
Statistik; Goehlert, Über das Sexualverhältnis der Ge- 
borenen, Sitzungsbericht der k. Akademie der Wissen- 
schaften, XII, Wien 1854; auch Sadler, Law of population, 
London 1830. Eine gute Literatur Übersicht über den Gegenstand 
findet sich in dem Artikel Sexualverhältnis, in Eulenburgs 
Real-Encyklopädie, III. Aufl., Bd. XXII, S. 417. 

*) Vgl. u. a. Näcke, Jahrbuch V, I, S. 197—198. 



— 154 — 



schichten. Aus der Klasse der Lohnarbeiter in Marxschem 
Sinne griffen wir die in Berliner Fabriken beschäftigten 
Eisen-, Metall- und Revolverdreher heraus. Wir 
wollten eine Abteilung nehmen, deren Arbeit so be- 
schaffen ist, daß sie der durchschnittlichen urnischen 
Konstitution und Individualität nicht besonders verlockend 
erscheinen kann. Beispielsweise wäre in dieser Hinsicht 
der Goldarbeiter ganz anders zu bewerten gewesen, als 
der Eisenarbeiter. Gewerkschaftlich organisierte Männer 
hatten zudem den Vorzug, daß bei ihnen eine ernstere 
Lebensauffassung vorausgesetzt werden durfte. 

Ein bemerkenswerter Unterschied gegenüber unserer 
ersten Enquete lag in dem Umstände, daß es sich dieses 
Mal nicht um eine eng begrenzte Gruppe ziemlich alters- 
gleicher, fast ausnahmslos lediger Personen, wie bei den 
Studenten, handelte, sondern um verheiratete und un- 
verheiratete Leute jeden Alters, vom achtzehnten bis 
über das sechzigste Lebensjahr hinaus. 

Ferner fragten wir bei dieser zweiten Umfrage — 
es geschah dies nach sehr eingehenden Überlegungen — 
nicht wie bei der ersten im Präsens nach der Richtung 
des Geschlechtstriebes, sondern zogen die Vergangenheit 
mit in die Frage hinein, um zu ermitteln, ob sich da- 
durch etwa die Zahl derer, welche W + M unterstrichen, 
erheblich steigern würde, wie das von denjenigen unserer 
Freunde, welche der Bisexualität eine besonders große 
Rolle zuschreiben, vorausgesetzt wurde. 

So richteten wir denn an 5721 Eisendreher, deren 
Adressen uns von dem Verbände deutscher Metallarbeiter 
in sehr dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt 
waren, das folgende Anschreiben: 



— 155 — 



Rundschreiben des Wissenschaftlich-humanitären 
Komitees. 

Charlottenburg, im Februar 1904. 

Sehr geehrter Herr! 

Hiermit erlaubt sich das unterzeichnete Komitee, Sie höflichst 
um Ihre Mitwirkung bei der Beantwortung einer wissenschaftlichen 
Frage zu bitten. 

Es ist Ihnen vermutlich bereits bekannt, daß sich der Liebes- 
trieb (Geschlechtstrieb) zahlreicher Männer nicht ausschließlich auf 
Frauen, sondern teilweise und mitunter sogar ausschließlich auf 
männliche Personen richtet. Man bezeichnet solche Männer als 
teilweise oder gänzlich „homosexuell" (gleichgeschlechtlich ver- 
anlagt) und nennt die Veranlagung selbst „Homosexualität" (gleich- 
geschlechtliche Veranlagung). Die entsprechende Erscheinung 
kommt auch unter Frauen vor. 

Während wir heute wissen, daß die Homosexualität eine an- 
geborene Eigentümlichkeit darstellt, welche ebenso unverschuldet 
wie im Allgemeinen auch unschädlich ist, und während im Alter- 
tum diese Liebe mehr oder minder öffentlich anerkannt und bei- 
spielsweise von griechischen und römischen Dichtern ebenso un- 
befangen besungen wurde wie die Frauenliebe, hat sich im Mittel- 
alter der Aberglaube der Sache bemächtigt und sie völlig ver- 
dunkelt. Die unwissenschaftlichen Anschauungen jener Zeit bildeten 
den Ausgangspunkt für eine ganz übertriebene Verpönung der 
gleichgeschlechtlichen Liebe (Homosexualität), deren gröbere 
Formen nach dem Aberglauben jener Jahrhunderte Erdbeben, 
Pest und andere Himmelsstrafen, wie besonders dicke, gefräßige 
Feldmäuse, erzeugen sollten. Daher standen auf dem homosexuellen 
Verkehr, dem sogenannteu „Verbrechen wider die Natur", die 
allerschwersten Strafen, in Frankreich der Feuertod, der sonst 
nur noch wegen zweier anderer eingebildeter Verbrechen, nämlich 
wegen Ketzerei und wegen Hexerei verhängt wurde. Nach dem 
friesischen Rechte wurde zwischen Selbstentmannung, Lebendig- 
begraben und Verbrennen die Wahl gelassen. 

Die Aufklärung der französischen Revolution hat mit jenen 
Paragraphen aufgeräumt. Sie fehlen bereits in den Strafgesetz- 
büchern derjenigen Länder, in denen das bleibende gesetzgeberische 
Ergebnis der großen Revolution, der „Code Napoleon (das Napo- 
leonische Gesetzbuch), Eingang gefunden oder Einfluß ausgeübt 
hat In anderen Ländern, wie auch in Deutschland, finden sich 



— 156 — 



jedoch noch Uberreste jener vom Aberglauben erzeugten Straf- 
androhungen vor, obwohl es doch klar ist, daß durch den homo- 
sexuellen Verkehr selbst in seinen gröbsten , nur selten vor- 
kommenden Formen — wenn es sich um freiwillige Handlungen 
erwachsener Personen handelt — Niemandes Eechte verletzt 
werden und der in Wirklichkeit angerichtete Schaden sogar ge- 
ringer ißt, als der durch den außerehelichen Geschlechtsverkehr 
mit Frauen entstehende. Denn dieser vernichtet, in Verbindung 
mit unseren Sittlichkeitsanschauungen, zahlreiche Frauenexistenzen 
und ist ferner die Hauptquelle für die Verbreitung der Geschlechts- 
krankheiten. 

Die Strafandrohung des § 175 l ) hat praktisch nur die Folge, 
daß ein besonderes Erpressertum großgezüchtet worden ist und 
daß jährlich zahlreiche Männer aller Bevölkerungeklassen — Männer, 
die Niemandem Etwas zu Leide getan haben — durch Furcht 
vor Schande und entehrender Gefängnisstrafe in Verzweiflung und 
nicht selten in den Tod getrieben werden. 

Mit Hecht sind daher viele Blätter, unter ihnen auch die 
gesamte Arbeiterpresse, für die endliche Ausmerzung jenes mittel- 
alterlichen Überbleibsels eingetreten. 

Das unterzeichnete Komitee, welches sich die Aufgabe ge- 
stellt hat, das Liebes- und Geschlechtsleben des Menschen, ein- 
schließlich der Homosexualität, allseitig und vorurteilsfrei wissen- 
schaftlich zu erforschen, wünscht nun gegenwärtig vor allem die 
ungefähre Zahl der Homosexuellen in Erfahrung zu bringen. Es 
ist klar, daß der Prozentsatz nur durch statistische Enqueten ge- 
funden werden kann und daß diese nur durch Rundschreiben 
nach Art des vorliegenden ausführbar sind, da es sich ja um die 
Feststellung von Zuständen des inneren Empfindungslebens handelt. 
In Anbetracht der Vorurteile, weiche noch vielfach auf dem Gegen- 
stande lasten, muß sich die Forschung zur Erlangung brauchbaren 
statistischen Materials an solche Volkskreise wenden, bei denen 
die moderne Aufklärung durchschnittlich am weitesten vorge- 
schritten ist. 

Das unterzeichnete Komitee hat vor einigen Monaten ein 
ähnliches Rundschreiben mit Antwortkarten an ungefähr 3000 



x ) Der § 175 des Reichsstrafgesetzbuchs lautet: „Die wider- 
natürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Ge- 
schlechts oder von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit 
Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen 
Ehrenrechte erkannt werden." (Note des Fragebogens.) 



— 157 — 



Studierende der Technischen Hochschule zu Charlottenburg ver- 
sandt, mit dem Ergebnis, daß etwa 1700 geantwortet haben, von 
denen sich nicht weniger als 25 oder 1,5% als re ^ n homosexuell, 
77 oder 4,5% als teilweise homosexuell, zusammen also 102 oder 
6% als abweichend von der Regel bekannt haben. So wichtig 
dieses Ergebnis auf alle Fälle ist, so wird es doch ein wenig durch 
den Umstand beeinträchtigt, daß immerhin mehr als ein Drittel 
der Ange fragten (fast 1S00 von 3000) nicht geantwortet hat und 
daß man natürlich nicht mit Sicherheit wissen kann, ob das Pro- 
zentverhältnis unter den Nichtbeantwortern dasselbe ist, wie unter 
den Beantwortern. Man darf annehmen, daß die meisten der 
Nichtbeantworter nur auf Grund gewisser prüder Vorurteile ihre 
keinerlei Mühe oder Kosten verursachende Mitwirkung an einem 
Unternehmen verweigert haben, welches doch offenbar nur der 
Wissenschaft, der Aufklärung und der Gerechtigkeit zu Gute 
kommen kann. 

Das unterzeichnete Komitee hat nunmehr beschlossen, sich 
an die freidenkende Arbeiterschaft Berlins zu wenden, in der Er- 
wägung, daß das Vorurteil dort durchschnittlich am geringsten 
und die Zahl der Nichtbeantworter demgemäß am kleinsten sein 
dürfte. Den Beruf der Dreher haben wir deswegen für unsere 
diesmalige Enquete ausgewählt, weil die Zahl der organisierten 
Dreher in Berlin — zwischen 5000 und 6000 — unseren Zwecken 
am besten entspricht. 

Wir bitten Sie, zu bedenken, daß die Lösung dieser Aufgabe 
einem wissenschaftlichen Zwecke dient und auf keinem anderen 
Wege möglich ist, als auf dem hier eingeschlagenen der direkten 
Befragung, daß sich Niemand zu genieren oder Bedenken zu 
tragen braucht, die Antwortkarte auszufüllen, da dies nur durch 
einfaches Unterstreichen des Zutreffenden erfolgt und somit die 
völlige Verschwiegenheit schon durch diese äußere Ein- 
richtung unserer Enquete gewährleistet ist. Die Antwortkarten 
sind ein gänzlich unpersönliches statistisches Material; die von 
Ihnen abzusendende ist nur eine unter tausenden, und Niemand 
kann erfahren, daß diese Karte gerade von Ihnen abgesandt 
worden ist. 

Um völlig unbeeinflußte, ernste und streng wahrheits- 
gemäße Antworten zu erzielen, bitten wir Sie, die Karte nicht 
in Gegenwart anderer, sondern allein auszufüllen und abzusenden. 
Die Frage, welche wir Ihnen vorlegen, ist fol- 
gende: Hat sich Ihr Liebestrieb (Geschlechtstrieb) 
immer nur auf weibliche (W.), immer nur auf männ- 



— 158 — 



liehe (M.) oder sowohl auf weibliche wie auf männ- 
liche (W. + M.) Personen gerichtet? 

Wir bemerken hierbei noch ausdrücklich, daß sich unsere 
Frage nur darauf bezieht, ob Sie eine wirkliche sinnliche Zu- 
neigung empfunden haben, und nicht darauf, ob und in wie 
weit Sie derselben nachgegeben haben. 

Wir bitten Sie nun, die obige Frage auf einliegender fran- 
kierter Postkarte durch bloßes Unterstreichen der vorgedruckten 
Buchstaben W., M. oder W. + M. in folgender Weise zu beant- 
worten: 

W. M. W. + M. 

bedeutet, daß sich Ihr Trieb immer auf weibliche Personen ge- 
richtet hat. 

W. W. + M. 

bedeutet, daß sich Ihr Trieb immer auf männliche Personen ge- 
richtet hat. 

W. M. W. + M. 

bedeutet, daß sich Ihr Trieb sowohl auf weibliche wie auf männ- 
liche Personen gerichtet hat. 

Sollte das Letztere zutreffen und sollten Sie dabei die Be- 
obachtung gemacht haben, daß die eine der beiden Triebrichtungen 
entschieden zu überwiegen pflegt, so bitten wir folgendermaßen 
anzustreichen : 

W. M. W. + M. 

bedeutet, daß sich Ihr Trieb zwar auf Personen beiderlei Ge- 
schlechts richtete, der Trieb zum Weibe aber entschieden überwog; 

W. M. W. + M. 

hingegen bedeutet, daß sich Ihr Trieb auf Personen beiderlei 
Geschlechts richtete, daß aber die Neigung zu männlichen Per- 
sonen entschieden überwog. 

Wir bitten Sie also, die beigefügte Postkarte möglichst bald 
und vor allem streng wahrheitsgemäß in der angegebenen Weise 
durch Unterstreichen des Zutreffenden zu beantworten und abzu- 
senden. Namen bitten wir nicht zu nennen, dagegen Ihr 
Alter durch Unterstreichen der zutreffenden Zahl zu bezeichnen. 

Indem wir hoffen, daß Sie die kleine Mühe nicht scheuen 
werden, zur Lösung einer wissenschaftlichen Frage und mittelbar 



— 159 — 



auch zur Ausmerzung eines naturrechtswidrigen und gemein- 
schädlichen Gesetzes beizutragen, zeichnet 

Hochachtungsvoll 

Die statistische Kommission 
des Wissenschaftlich-Humanitären Komitees. 
Im Auftrage 

Dr. med. Hirschfeld. 



Die in keiner Weise gekennzeichnete Antwortkarte 
hatte folgendes Aussehen: 



w. 


M. 


W. + M. 


18. 


19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 


28. 29. 


80. 


Zwischen 30 und 40. Zwischen 40 und 50. 


Zwischen 




50 und 60. Über 60 Jahre. 





Von den 5721 abgesandten Briefen kamen 1137 
(503 mit dem Vermerk „unbekannt verzogen", 634 mit 
„nicht ermittelt" etc.) zurück, das sind 19,8°/ 0 , und zwar 
rührte diese große Zahl der Retouren zumeist von jüngeren 
oder älteren Arbeitern ledigen Standes her, die sich in 
Schlafstellen befanden. In die Hände der Adressaten 
gelangten 4594 Briefe, die Gesamtzahl der Antworten 
betrug 1912 = 41,6 °/ 0 , nach den Erfahrungen, die man 
mit anderen Enqueten in Arbeiterkreisen gemacht hat, 
und den Voraussagen, die uns von geübten Statistikern 
gegeben waren, eine verhältnismäßig hohe Zahl. 



— 160 — 
Es erklärten sich fttr 



w 


1802 




94,25% 


M 


22 




1,15 „ 


W + M 


14 




0,73 „ 


W + M 


36 




1,88 „ 


W + M 


11 




0,58 „ 


Fraglich 


27 




1,41 „ 


Summa 


1912 




100,0%. 



Es bekannten sich somit 1 ) als 

heterosexuell 95,7%, gegen 94,0°/ 0 bei der I. Enquete, 
also 1,7 % mehr, 
homosexuell 1,1 %, gegen 1,5 °/ 0 ^ei der I. Enquete, 
also 0,4% weniger, 
bisexuell 3,2°/ 0 , gegen 4,5°/ 0 bei der I. Enquete), 
also 1,3% weniger, 
abweichend 4,3%, gegen 6,0°/ 0 bei der I. Enquete, 
also 1,7% weniger. 

Vorwiegend oder rein homosexuell sind 

M = 22 = 1,15% 
W + M = 11 = 0,58 „ 

im Ganzen 33 = 1,73%. 

Für die Nichtbeantworter dieser Enquete gilt das- 
selbe, was ich bei der Studentenenquete bereits aus- 
einandersetzte, wobei ich besonders auf die Tabelle ver- 



*) Bei dieser Berechnung sind wie bei der I. Enquete die 
„fraglichen" den Heterosexuellen zugezählt, was, wie ersichtlich, 
bei den Abnormen erst eine Änderung in der 2. Dezimale bewirkt 



— 161 — 



weise, welche das Sinken und Steigen der Prozent Ziffern 
ausdrückt. Recht bezeichnend war in dieser Hinsicht 
eine Bemerkung, welche mir ein Urning überbrachte: 
„Ein ihm bekannter homosexueller Arbeiter habe ihm 
gesagt, er antworte nicht, sein Geschlechtstrieb ginge 
keinen etwas an." Ich bemerke übrigens, daß sowohl 
dieser Nichtbeantworter, als auch der Student, welcher 
sich später mündlich als homosexuell bekannte, bei der 
Berechnung außer Acht gelassen wurden, da bei dieser 
nur die ordnungsmäßig ausgefüllten Karten berücksichtigt 
werden sollten. 

Vergleichen wir die beiden Rundfragen, so läßt sich 
das Plus von 0,4 °/ 0 der rein Homosexuellen und 1,3 °/ 0 der 
Bisexuellen, welches die Studenten gegenüber den Metall- 
arbeitern aufweisen, in verschiedener Weise erklären. 
Es kann davon herrühren, daß tatsächlich, wie es von 
Näcke und anderen behauptet wurde, die Homosexualität 
in den höheren Schichten der Bevölkerung etwas stärker 
verbreitet ist, als in der unteren Volksklasse, es kann 
darauf beruhen, daß ceteris paribus der akademische 
Beruf von urnischen Individualitäten, meistens wohl ohne 
Kenntnis ihrer eigentlichen Sexualpsyche, mehr auf- 
gesucht wird, als der Schlosserberuf, es kann das Minus 
bei den Metallarbeitern vielleicht aber auch nur auf die 
Menge der Retouren zurückzuführen sein, in der sehr 
begründeten Voraussetzung, daß unter den in Schlafstelle 
befindlichen ledigen Leuten, namentlich auch den älter eD, 
der Prozentsatz der Abweichenden höher ist, als unter 
den verheirateten Personen, endlich aber kann auch eine 
zufällige Divergenz vorliegen, da dieselbe in keinem Falle 
2°/ 0 > den Homosexuellen sogar noch nicht l j 2 °l 0 be- 
trägt, die gefundenen Zahlen also nicht nur in dieselbe 
Größenordnung fallen, sondern innerhalb dieser sogar nur 
in kleinen Grenzen variieren. 

Auffallend ist es, daß die Anzahl der Bisexuellen 

Jahrbuch VI. H 



— 162 — 



bei beiden Enqueten sich fast genau dreimal so groß 
erweist, als die Menge der Homosexuellen, indem sich 
bei der I. Enquete 1,5 °/ 0 Homo- und 4,5 °/ 0 Bisexuelle, 
bei der IL 1,1% un< ^ 3,2 °/ 0 ergaben. Bei der v. Römerschen 
Enquete steht das Verhältnis dagegen wie 1 : 2, nämlich 
l,9°/ 0 Homo- und 3,9 °/ 0 Bisexuelle. Die Übereinstimmung 
zwischen unseren beiden Rundfragen ist um so beachtens- 
werter, als die Fragestellung im Perfectum die Präsenz- 
stärke nicht verändert hat, ja, trotzdem es sich durch- 
schnittlich um ältere Personen handelte, nahm die Zahl 
derjenigen durchaus nicht zu, welche erklärten, daß ihr 
Geschlechtstrieb sich während ihres Lebens auf beide 
Geschlechter erstreckt habe. Es ist das ein weiterer und 
äußerst wichtiger Beweis dafür — ein Beweis übrigens, 
welcher nur durch diese Änderung der Fragestellung er- 
reicht werden konnte — daß auch die bisexuelle Richtung 
des Geschlechtstriebes eine eingeborene, nicht durch äußere 
Einflüsse bestimmbare Eigentümlichkeit darstellt, daß 
auch die Bisexualität durch einen konstitutionellen Kom- 
plex von Eigenschaften gebildet ist, welcher seine Er- 
gänzung eben in Typen findet, die in mehr oder minder 
großer Ähnlichkeit unter dem männlichen und weiblichen 
Geschlecht vorkommen. 

Es ist in dieser statistischen Arbeit nicht der Platz, 
in das an sich gewiß ganz außerordentlich interessante 
Gebiet der Bisexualität einzutreten. Daß zwischen den 
Heterosexuellen und Homosexuellen auch noch Ubergänge, 
nämlich Bisexuelle, vorkommen würden, war a priori zu 
erwarten. Daß sie re verä existieren, haben die drei 
Enqueten außer Zweifel gestellt. Ich habe in meiner 
ersten Arbeit über sexuelle Zwischenstufen die Kate- 
gorie der psychischen Hermaphroditen, wie man früher 
die Bisexuellen zu nennen pflegte, in einem Schema zu 
veranschaulichen gesucht, habe aber dann in der ersten 
und noch mehr in der zweiten Auflage meines Buches: 



— 163 — 

„Der urnische Mensch" *J betont, daß die zu beiden Ge- 
schlechtern neigenden Persönlichkeiten Gegenstand eines 
ebenso eingehenden Spezialstudiums werden sollten , wie 
die rein Homosexuellen, daß auch hier eine große Reihe 
sorgfältiger Einzelbeobachtungen nicht zu entbehren ist, 
um zu der richtigen Beurteilung zu gelangen. So drückte 
sich ein recht femininer Student, welcher M + W unter- 
strichen hatte, als er sich mir persönlich vorstellte, selbst 
in der Weise aus, „er fühle zu 99°/ 0 für den Mann, 
höchstens zu l°/ 0 das Weib". 

Praktisch sind solche Bisexuelle, die so weit nach 
rechts stehen, ebenso zu bewerten, wie die Homosexuellen, 
sie sind auch annähernd denselben Leiden, Kämpfen und 
Konflikten ausgesetzt. Die weiter links — den Hetero- 
sexuellen näher — stehenden Bisexuellen können sich 
im allgemeinen leichter in das Leben der Normalsexuellen 
fügen und sollten es gewiß tun, ebenso auch diejenigen, 
welche in der gleichen Weise heterosexuell und homo- 
sexuell fühlen und verkehren können. Man geht schwerlich 
fehl, wenn man in diesen beiden letzten Gruppen der 
Bisexuellen die stärksten Widersacher der Homo- 
sexuellen sucht; weil sie die homosexuelle Quote 
ihres Geschlechtstriebes unterdrücken können, 
nehmen sie dasselbe auch von den rein und vor- 
wiegend Homosexuellen an. 

Die 94 — 96 °/ 0 der drei Enqueten, welche das W 
unterstrichen, stellen ein imposantes Bekenntnis der 
Liebe des Mannes zum Weibe dar, eine kraftvolle Kund- 
gebung der Art für die Erhaltung der Art, sie zeigen, 
wie unbegründet die Befürchtungen sind, daß je das 
urnische Element eines Volkes Wesen und Wert der großen 
Mehrheit beeinträchtigen könnte, sie machen für jeden, 
der weiß, daß Instinkten Konträinstinkte entsprechen. 



l ) S. 35—41. 



11* 



— 164 — 

das große Mißverständnis begreiflich, welches so lange 
in urnischen Menschen Verbrecher sah. Diese 95°/ 0 be- 
weisen, daß die Theorien, ubiquitäre äußere Ursachen 
könnten Homosexualität erzeugen, Theorien, aber keine 
Tatsachen sind, ebenso wie die Behauptung, die Bi- 
sexualität sei das eigentlich Normale. 



Ziehen wir nun aus unseren Stichproben, bei denen 
aus naheliegenden Gründen nur die rein oder doch sehr 
vorwiegend Homosexuellen berücksichtigt werden konnten, 
und aus den Bundfragen den Durchschnitt, so ergeben 
sich folgende Ziffern: 

A. Zahl der Heterosexuellen: 

Bei der Charlottenb. Studentenenquete 94,0 °/ 0 , 
„ „ Amsterdamer Enquete 94,1 „ 

„ „ Metallarbeiterenquete" 95,7 „ 

283,8 = 94,6%. 
3 

B. Zahl der Abweichenden: 

JBei der Charlottenb. Studentenenquete 6,0 °/ 0 , 
„ „ Amsterdamer Enquete 5,8 „ 

„ „ Metallarbeiterenquete 4,3 „ 

164= 5,4%. 
3 

C. Zahl der Homosexuellen: 

Bei der Charlottenb. Studentenenquete l>5°/ 0 , 
„ „ Amsterdamer Enquete 1,9 „ 

„ „ Metallarbeiterenquete 1,1 „ 

3 



— 165 — 



D. Zahl der Bisexuellen: 



Bei der Charlottenb. Studentenenquete 
„ „ Amsterdamer Enquete 
„ „ Metallarbeiterenquete 



4,5%, 
3,9 „ 
3,2 „ 



11,6 = 3,9»/ 0 . 



« 



E. Zahl der vorwiegend Homosexuellen: 

Bei der Metallarbeiterenquete bekannten sich von 
3,2% Bisexuellen 0,58% oder der 5. Teil als über- 
wiegend homosexuell. Nehmen wir diesen Satz auch bei 
den Studenten an, was sicher nicht zu hoch, so finden wir: 

Bei der CharL Stud.-Enquete % von 4,5 = 0,9%, 
„ „ Amsterdamer Enqu. „ „ 3,9 = 0,8 „ 
„ „ Metallarbeiter Enqu. „ „ 3,2 = 0,6 „ 



F. Zahl der rein und vorwiegend Homosexuellen: 

Wenn wir als sehr wahrscheinlich annehmen, daß 
«ich unter den bei den Stichproben ermittelten Homo- 
sexuellen auch einige finden, die nur überwiegend homo- 
sexuell sind, ergeben sich folgende Ziffern: 



Bei 30 Stichproben 132 von 6611 = 1,99%, 
Charl. Stud.-Enqu. 1,5% Jf + 0, 9W+M= 2,4 „ 

Amsterdam. Enqu. 1,9 „ M + 0, 8W+m" = 2,7 „ 

Metallarb. „ 1,1 „ M + 0,6W+M = 1,7 „ 



2^ = 0,8%. 



3 



8^8 
4~ 



v 



— .166 — 



Es bleibt nun die wichtige Frage zu erörtern übrig, 
ob und inwieweit die gefundenen Prozentzahlen für die 
Gesamtbevölkerung Gültigkeit beanspruchen dürfen. 

Daß eine Übertragung auf die verschiedenen Alters- 
klassen zulässig ist, kann nach folgender Überlegung 
unbedenklich bejaht werden. Wir wissen, daß die homo- 
sexuelle Naturanlage ebenso wie die heterosexuelle und 
bisexuelle eine dem Menschen von dem ersten bis zum 
letzten Atemzuge anhaftende Grundeigenschaft ist; die 
Sexualität prägt der Individualität den charakteristischen 
Stempel auf, welchen weder Mediziner noch Juristen ab- 
zulösen vermögen. Würden wir aus allen Personen einer 
bestimmten Altersklasse die sexuell Abweichenden er- 
mitteln, so würde stets, der dieser Menge etwa ent- 
sprechende Prozentsatz herauskommen. 

Diese theoretische Erwägung findet ihre volle Be- 
stätigung in folgendem praktischen Ergebnis unserer En- 
queten. Das Alter der von uns befragten Studenten er- 
streckte sich vom 16. bis 30. Lebensjahre, also über 
15 Jahre. 

Das genaue Durchschnittsalter würde nur durch eine 
sehr zeitraubende Berechnung zu ermitteln sein. Es 
beträgt nach einer für unsern Zweck hinreichend genauen 
Schätzung etwas weniger als 23 Jahre. Nun war das 
Gesamtalter der 26 homosexuellen Studenten 581, sodaß 
deren Durchschnittsalter 22,3 Jahre betrug. 

26 in 581 = 22,34. 

Das Gesamtalter der 77 Bisexuellen betrug 1 728 Jahre, 
hier kamen auf jeden 22,4 Jahre — 

77 in 1728 = 22,44. 

Bei den Metallarbeitern ergab eine ähnliche lang- 
wierige Berechnung, daß nicht nur das Durchschnitts- 
alter derjenigen, welche W, M und W+M, sondern 



— 167 — 



auch derer, die W + M, W + M und W + M unterstrichen 

hatten, stets zwischen 27 und 30 fiel. 

Aus allen diesen Zahlen geht mit Sicherheit hervor, 
daß die Eichtung des Geschlechtstriebes — die Sexualität 
— eine konstitutionelle, daher der Lebensdauer zu- 
kömmliche, mithin vom Lebensalter unabhängige Er- 
scheinung ist. 

Können wir die für das männliche Geschlecht ge- 
fundenen Zahlen beiden Geschlechtern zuerkennen? 

Bei der großen Gesetzmäßigkeit, die auf dem Ge- 
biete der Sexualität überall da herrscht, wo das Verhältnis 
bisher hat nachgewiesen werden können — eine Gesetz- 
mäßigkeit, die, ursächlich so verschleiert, in ihrer Macht 
und Weisheit jeden Denkenden mit höchster Bewunderung 
erfüllen muß — ist es wohl anzunehmen, daß wie Männer 
und Frauen überhaupt auch die für die Fortpflanzung 
in Wegfall kommenden urnischen Personen beiderlei Ge- 
schlechts in nahezu konstanter Proportion geboren werden. 
Nach Ansicht und Erfahrung vieler Experten ist die Ge- 
samtmenge homosexueller Männer und Frauen kaum 
von einander verschieden, allerdings handelt es sich hier 
bisher mehr um Vermutungen und Schätzungen, als um 
Bestimmungen und Berechnungen. 

Inwieweit sind wir nun aber berechtigt, die ge- 
fundenen Prozentsätze von der Stadt auf das Land, vom 
Norden auf den Süden, von den unteren und mittleren 
auf die oberen Volksschichten zu übertragen, von auf- 
steigenden auf absteigende, von Kultur- auf Naturvölker, 
von der germanischen auf slavische, romanische und 
andere Kassen? 

Hier müssen wir uns erinnern, daß viele weitgereiste 
Gewährsmänner angeben, daß sie die Homosexualität 
überall gleich verbreitet gefunden haben, daß Männer 



— 168 — 



wie Schopenhauer und Hößli 1 ) gerade aus der gleich- 
mäßigen Verbreitung der Homosexualität zu allen Zeiten 
und bei allen Völkern gefolgert haben, auch diese Liebe 
sei Natur. Reiseschriftsteller und Ethnographen haben 
uns allerdings von Völkern berichtet, bei denen gleich- 
geschlechtliche Handlungen besonders stark verbreitet 
sein sollen. Soweit ich sehe, handelt es sich aber bei 
diesen Mitteilungen stets um südländische oder orien- 
talische, zumeist asiatische Völker, bei denen das sexuelle 
Leben überhaupt und dementsprechend auch das homo- 
sexuelle viel auffälliger zu Tage tritt wie bei uns. Es 
ist vorderhand noch eine offene Frage, ob tatsächlich 
dieses stärkere Hervortreten einer stärkeren Verbreitung 
der Homosexualität entspricht oder ob die homosexuellen 
Globetrotter im Recht sind, welche mir mehrfach davon 
sprachen, daß Berlin und London sich von Teheran und 
Peking, New- York und Rio de Janeiro wohl in den Er- 
scheinungsformen, aber nicht in Bezug auf die Ausdehnung 
homosexuellen Lebens unterscheiden. Auffallend ist es 
jedenfalls, wie sehr die Ziffern zwischen den so ver- 
schiedenen Kategorien entstammenden Stichproben über- 
einstimmen, wie außerordentlich sich dieProzentverhältnissc 
bei den deutschen und holländischen Studenten gleichen. 
Für Italien berichten uns zwei zuverlässige Gelehrte, daß 
sich nach ihrer Meinung auch dort die Zahl der Ab- 
weichenden zwischen 4 und 6°/ 0 bewege. 

Um größere und kleinere Unterschiede zu eruieren, 
wird es gewiß noch vieler sorgfältiger Untersuchungen 
bedürfen, doch ist es nach allem Bisherigen mehr 
als wahrscheinlich, daß diese Unterschiede nur von 
sekundärer Bedeutung sein werden, daß es sich nur 
um Nüancen handeln wird, die das Gesamtbild im 



l ) Hößli, Eros, II, p. 237—239, 1838, wiedergegeben im 
Jahrbuch V, Abteil. I. S. 532 u. 533. 



— 169 — 

einzelnen ergänzen, im wesentlichen aber nicht ändern 
werden. 

Das gilt auch namentlich für eines der wichtigsten 
Unterscheidungsmerkmale der Enqueten, das auch wir 
zur Unterlage unserer Erhebungen wählten, für die ver- 
schiedenen Berufszweige. 

Es ist zweifellos und besonders von Dr. Georg 
Merzbach im IV. Jahrbuch f. sex. Zw. (S. 185) nachge- 
wiesen, daß der Urning in manchen Berufen zahlreicher 
vertreten ist, als in anderen. Wir können aus diesem 
Gesichtspunkt die Berufe in suspekte, indifferente 
und extrem männliche oder weibliche einteilen. Zu den 
suspekten, bei denen wir ein Durchschnitts plus erwarten 
dürfen, wären beispielsweise die Schauspieler, Damen- 
schneider, Schriftstellerinnen, Zirkusreiterinnen etc. zu 
zählen, zu den extrem männlichen oder weiblichen, bei 
denen ein Durchschnittsminus anzunehmen wäre, müßten 
wir unter anderen die Eisenarbeiter, Pflasterer, Putz- 
macherinnen, Weißnäherinnen rechnen, während die 
große Mehrzahl verschiedenartigster Berufsgruppen in 
die indifferente Gruppe fallen würde. Es ist eine wich- , 
tige Aufgabe weiterer Erhebungen, nachdem wir im In- 
teresse der Objektivität zuvörderst suspekte Gruppen 
ganz ausschalteten, nun auch solche zu untersuchen, um 
dann aus den Resultaten das Mittel zu ziehen. 

So sicher es aber nun ist, daß bei den verschiedenen 
Berufskategorien nicht unerhebliche Differenzen vor- 
kommen werden, ebenso sicher erscheint es mir, daß 
diese aus der bisher gefundenen Größenordnung von 
1 — 10°/ 0 kaum je herausfallen und sich bei allen ins- 
gesamt um einen innerhalb dieser Größenordnung 
liegenden Mittelpunkt bewegen werden, welcher sich für 
die Homosexuellen zwischen 1 und 2°/ 0 > für die Bi- 
sexuellen zwischen 3 und 5°/ 0 zu befinden scheint 



— 170 — 



Was aber bedeuten diese Ziffern? Sie besagen, daß 
sich unter 100000 Einwohnern durchschnittlich nur 
94600 Normalsexuelle befinden, dagegen 5400 abweichend 
Veranlagte, daß von diesen 1500 rein homosexuell, 3900 
bisexuell, von letzteren wieder 700 überwiegend homo- 
sexuell sind, sodaß auf 100000 Deutsche 2200 rein und 
vorwiegend homosexuell Veranlagte entfallen; diese Ziffern 
besagen, daß unter uns jeder 66ste rein, jeder 45ste rein 
oder vorwiegend homosexuell ist, daß jeder 25ste zu 
beiden Geschlechtern neigt und jeder 18te von der Norm 
abweichend veranlagt igt, diese Zahlen bedeuten, daß 
in unserm deutschen Vaterlande 1800000 (2,2% v( >n 
56367178 nach der letzten Volkszählung von 1900), daß 
in der Stadt Berlin 56000 (2,2% von 2584140 am 
31. Dezember 1903) Personen rein oder überwiegend 
homosexuell veranlagt sind. 

Diese hohen Ziffern werden gewiß manchen in Er- 
staunen setzen und ich gestehe, daß ich selbst, als ich 
mich vor 8 Jahren, durch den Selbstmord eines Patienten 
veranlaßt, dem Studium der sexuellen Zwischenstufen zu- 
wandte, sehr überrascht gewesen wäre, wenn ich diese 
Zahlen gehört hätte, heute, wo ich das Leben und Treiben 
von so vielen hundert Homosexuellen persönlich kenne, 
befremden sie mich nicht mehr; habe ich mich doch zu 
oft überzeugen können, mit welchem Geschick, Eifer und 
Erfolg die Homosexuellen selbst ihrer unmittelbaren Um- 
gebung, den nächsten Verwandten und Freunden gegen- 
über ihre Naturanlage zu verbergen wissen. 

Ein Vergleich, den der geistvolle Biologe und Sozio- 
loge Dr. Benedict Friedlaender l ) in Bezug auf unsere 

*) Außer Herrn Dr. B. Friedlaender, welcher mich bei der 
Berechnung und Bearbeitung des eingegangenen Antwortenmate- 
rials wesentlich unterstützte, bin ich wegen ihrer Beihilfe beson- 
ders zu Dank verpflichtet Herrn A. v. Römer, welcher mir seine 
Amsterdamer Ziffern zur Verfügung stellte, den Herren Dr. Tilger 



— 171 — 



Enqueten anwandte, gibt eine treffliche Deutung der er- 
mittelten Zahlen. 

Bekanntlich gibt es im Naturreich Lebewesen, die 
sich durch Schutzfarben und Schutzformen ihrer Um- 
gebung so anpassen, daß sie ganz außerordentlich schwer 
zu finden sind („Mimikry"). Manche Falter ahmen das 
gesprenkelte Aussehen der Granitblöcke, auf denen sie 
ruhen, so genau nach, daß selbst das geübte Auge des 
Sammlers sie nicht erkennen kann; manche Käferarten 
ziehen beim Herannahen eines Gegenstandes Fühler und 
Beine an und gleichen dann vollkommen den kleinen 
Erdklümpchen, zwischen welche sie sich fallen lassen; 
bei vielen Heuschrecken ist die Ähnlichkeit mit Form 
und Farbe der Blätter oder Zweige,* zwischen denen sie 
sich aufhalten, so groß, daß man tatsächlich Insekt und 
Pflanze nicht von einander unterscheiden kann. Genau 
so passen sich die Homosexuellen den Formen ihrer Um- 
gebung derart an, daß selbst geschulte Beobachter sie 
als besonders geartete Menschen sehr schwer heraus- 
erkennen. Infolgedessen erscheinen sie als ebensolche 
Raritäten, wie die geschilderten Insekten. Sobald aber je- 
mand bei diesen Insekten auf den Gedanken kommt, sich 

und Buh mann, welche mir wertvolle Hinweise gaben, den Herren 
Prof. Dr. Karsch, Dr. Burchard und Schriftsteller Bertz, welche 
mir literarische Angaben machten, dem leitenden Beamten eines 
großen statistischen Instituts, den Herren Dr. jur. Baron Schorer 
und Dr. Meienreis, welche mich ebenfalls bei den Berechnungen 
unterstützten, zwei Assistenten der technischen Hochschule, welche 
mir bei der Studentenenquetc mit Rat und Tat zur Seite standen, 
Herrn Wilhelm Miethke, welcher mir bei der Metall arbeiter- 
enquete behilflich war, sowie endlich den Gewerkschaftssekretären 
des Verbandes der Metallarbeiter, den Herren Pawlowitsch, 
Wiesen thal, Cohen, durch deren Vermittlung mir für diese 
wissenschaftliche, dem eigentlichen Zweck der Gewerkschaft fern- 
liegende Arbeit die Adressen der Eisen-, Metall- und Revolver- 
dreher überlassen wurden. 



— 172 — 



nicht mehr auf das Auge zu verlassen, sondern gewisse 
Kunstgriffe, beispielsweise Schüttelungen, zu Hilfe zu 
nehmen, stellt sich alsbald heraus, daß sie viel, viel häu- 
figer sind, als man es je zuvor geglaubt hätte. Ein ähn- 
licher Kunstgriff ist die von uns eingeschlagene Methode, 
durch welche die vorher unsichtbaren Homosexuellen und 
Bisexuellen aus der Menge herausgeschüttelt worden sind. 

Bedient sich der abweichend veranlagte Mensch aus 
begreiflichen Gründen schon im gewöhnlichen Leben 
dieses Selbstschutzes in hohem Maße, so naturgemäß in 
sehr verstärktem Grade bei Begehung einer Handlung, 
deren Bekanntwerden ihn nicht nur in größte Ungelegen- 
heiten bringen kann, sondern die von allen, auch den 
Normalsexuellen, in größter Heimlichkeit vorgenommen 
wird. Ich habe oft, wenn ich in Urningsprozessen als 
Gutachter zu fungieren hatte, die Empfindung gehabt, 
daß wir, die sachverständigen Richter und Ärzte, welche 
herausbekommen sollten, ob der Akt in einer noch nicht 
oder schon strafbaren Art geschehen sei, mehr die na- 
türliche Scham und Sittlichkeit verletzten, als der un- 
glückliche Mann auf der Anklagebank, dessen Vita 
sexualis aus dem Dunkel der Nacht in die Helle des 
Tages, aus der Stille des Schlafzimmers vor das Forum 
des Gerichts gezogen wurde. 

Zieht man außer dem so überaus diskreten Charakter 
der Tat noch in Betracht, daß die beiden Täter nicht 
die Rechte anderer Personen antasten, sondern die Tat 
unter und an sich vornehmen, sodaß mit ganz ver- 
schwindenden Ausnahmen die beiden Täter zugleich die 
einzigen Zeugen sind und nur ganz außerordentliche 
Nebenumstände das Delikt zur Kenntnis Dritter bringen 
können, so wird das in seiner Art wohl einzige Miß- 
verhältnis begreiflich, welches auf diesem Gebiet zwischen 
„Schuldigen" und Beklagten, zwischen begangenen und 
inkriminierten Handlungen besteht. 



— 173 — 

Ich will dieses Mißverhältnis durch einige Zahlen 
veranschaulichen, welche ich den Zusammenstellungen 
des Reichsjustizamts und des kaiserlich statistischen 
Amtes für das Jahr 1900 — neueres Material war mir 
noch nicht zugänglich — entnehme. 

Es wurden aus § 175 RStr.G.B. wegen „wider- 
natürlicher Unzucht" in ganz Deutschland hestraft: 



Im Jahre 1900: 535 Personen 
1899: 491 
1895: 484 
1890: 412 „ 
1885: 391 



Von den 535 Personen wurden zum 

ersten Mal bestraft: 351 Personen, 
vorbestraft waren 184, davon einmal 

vorbestraft: 81 „ 
zweimal „ 35 „ 

drei- bis fünfmal „ 42 „ 

sechsmal und öfter „ 26 „ 

535 Personen. 



Nach Berufen verteilt gehörten von den Ver- 
urteilten an: 



Der Land- und Forstwirtschaft: 203 Personen, 

Industrie, Bergbau und Bauwesen: 198 
Handel und Verkehr: 76 
Dem Arbeiter- und Tagelöhnerstand: 38 
Freien Berufsarten: 12 
Ohne Beruf waren: 8 



535 Personen. 



Ihrer Religion nach waren: 



— 174 — 



Christen 529, davon evangelisch: 301 Personen. 

katholisch: 228 „ 
jüdisch: 4 „ 
unbekannter Religion: 2 „ 

535 Personen. 

Nach Alter und Geschlecht waren 
unter 15 Jahren: 13] 

von 15 — 18 „ 102 > sämtlich männlich und ledig 
„ 18-21 98 J 

„ 21—25 „ 59, davon 54 ledig, 1 weiblich, 
„ 25-30 „ 63, „ 52 „ 1 
vom 30. Jahre ab nur noch männliche, und zwar: 
von 30—40 Jahren 91, davon 57 ledig, 3 geschieden od. 

verwitwet, 

„ 40—50 „ 61, „ 27 
487 

der Rest über 50 Jahren. 

Im Jahre 1900 betrug nun — wie oben berechnet — 
die Zahl der rein und vorwiegend* Homosexuellen: 

2,2 °/ 0 von 56367178 Einwohnern = ca. 1200000 Homo- 
sexuelle. 

Schalten wir davon die Hälfte als weiblich aus und 
nehmen wir an, daß von den übrig bleibenden nur 2 / 5 
strafmündig sind, so ergeben sich 248000 strafmündige 
Homosexuelle. Nehmen wir an, daß von diesen er- 
wachsenen Urningen der dritte Teil, also 82666, völlig 
keusch lebe und daß alle Bisexuellen, die M + W in 
gleicher Weise oder W stärker als M lieben, nur mit 
dem Weibe verkehren, so ergeben sich — die Zahl ist 
ganz sicher nicht zu hoch berechnet — : ca. 165000 
männliche Personen, welche in dem zu Grunde liegenden 



— 175 — 



Jahre mit Personen desselben Geschlechts sexuellen Um- 
gang gehabt haben. 

Wenn wir nun noch annehmen, daß sämtliche Per- 
sonen, die aus § 175 bestraft wurden, sich wegen des 
ersten Teils dieses Paragraphen zu verantworten hatten, 
also mit Männern verkehrt haben (außer den beiden 
Frauen, die sich offenbar mit Tieren vergingen, da ja 
der homosexuelle Frauenverkehr in Deutschland straffrei 
ist), so ist ersichtlich, daß von 165333 Tätern 533 oder 
0,3 °/ 0 der festgesetzten Strafe verfielen. Es blieben 
also von 165333 Tätern straffrei 164800. 

Noch viel krasser tritt die Wirksamkeit oder besser 
Unwirksamkeit dieses Gesetzes hervor, wenn wir die vor- 
genommenen und geahndeten Handlungen vergleichen. 

Es gelangten nach § 175 R.Str.G.B. zur Verurteilung: 

1900: 666 Handlungen 
1899: 637 „ 
1895: 647 
1890: 611 „ 
1885: 817 „ 

Nehmen wir wieder an, daß von den 248000 straf- 
mündigen Homosexuellen sich nur 2 / 3 sexuell betätigten, 
und legen wir die oben angeführte Rechnung des Ver- 
fassers von 㤠143" (vgl. Seite 112) zu Grunde, was so- 
wohl für die „monogam" in festen Verhältnissen lebenden, 
als auch für die „polygamen" — nach meiner Erfahrung 
etwas seltneren — unter den Urariiern gewiß nicht zu 
hoch geschätzt ist, so stellt sich heraus, daß von 

52 x 165333 = 8597316 homosexuellen Akten 

664 bestraft wurden, wobei wir wieder nur die 2 weib- 
lichen Delikte, als mit Tieren begangen, in Abzug bringen. 
Mithin gelangten zur Aburteilung: 



— 176 — 



664 von 8597316 = 0,007%. 

Es blieben also von 8597316 Handlungen un- 
geahndet 8596652. 

Untersuchen wir weiter, wie die Verhältnisse in den 
verschiedenen Gegenden Deutschlands liegen, so finden 
wir folgende Zahlen, die für sich selbst sprechen. 

Strafbare Handlungen aus § 175 führten herbei: 

I. Oberlandesgerichtsbezirk Augsburg: 

23 Verurteilungen, 0 Freispr. bei 1012777 Einges. u. 22281 H.-S. 

II. Oberlandesgerichtsbezirk Bamberg: 

15 Verurteilungen, 6 Freispr. bei 1233083 Eing. u. 27 128 H.-S. 

III. Kgl. Preuß. Kammergericht Berlin: 1 ) 
62 Verurteilungen, 12 Freispr. bei 4988367 Eing. u. 109744 H.-S. 

IV. Oberlandesgerichtsbezirk Braunschweig: 
5 Verurteilungen, 1 Freispr. bei 464 333 Eing. u. 10215 H.-S. 

V. Oberlandesgerichtsbezirk Breslau: 
78 Verurteilungen, 19 Freispr. bei 4 668857 Eing. u. 102715 H.-S. 

VI. Oberlandesgerichtsbezirk Celle: 
26 Verurteilungen, 6 Freispr. bei 2 766624 Eing. u. 60865 H.-S. 

VII. Oberlandesgerichtsbezirk Darmstadt: 
11 Verurteilungen, 3 Freispr. bei 1119893 Eing. u. 24637 H.-S. 

VIII. Oberlandesgerichtsbezirk Dresden: 
35 Verurteilungen, 0 Freispr. bei 4202216 Eing. u. 92448 H.-S. 

IX. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurta. M.: 
2 Verurteilungen, 0 Freispr. bei 1267532 Eing. u. 27886 H.-S. 

X. Oberlandesgerichtsbezirk Hamburg: 

16 Verurteilungen, 2 Freispr. bei 1127346 Eing. u. 24802 H.-S. 

XI. Oberlandesgerichtsbezirk Hamm: 
45 Verurteilungen, 2 Freispr. bei 4052 347 Eing. u. 89152 H.-S. 

XQ. Oberlandesgerichtsbezirk Jena: 
16 Verurteilungen, 8 Freispr. bei 1441579 Eing. u. 31715 H.-S. 

*) Zu dem Oberlandesgerichtsbezirk Berlin, welches den 
Namen Kgl. Preuß. Kammergericht fuhrt, gehören die Land- 
gerichte Berlin I und II, Cottbus, Frankfurt a. O., Guben, Lands- 
berg a. W., Neu-Ruppin, Potsdam und Prenzlau. 



XIII. Oberlandesgerichtsbezirk Karlsruhe: 
87 Verurteilungen, 2 Freispr. bei 1867944 Eing. u. 41095 H.-S. 

XIV. Oberlandesgerichtsbezirk Kassel: 
8 Verurteilungen, 1 Freispr. bei 898148 Eing. u. 19759 H.-S. 

XV. Oberlandesgerichtsbezirk Kiel: 

15 Verurteilungen, 0 Freispr. bei 1387968 Eing. u. 30535 H.-S. 

XVI. Oberlandesgerichtsbezirk Köln: 

40 Verurteilungen, 6 Freispr. bei 4 705 353 Eing. u. 103517 H.-S. 

XVII. Oberlandesgerichtsbezirk Königsberg: 
52 Verurteilungen, 7 Freispr. bei 1996626 Eing. u. 43925 H.-S. 

XVIII. Oberlandesgerichtsbezirk Kol mar: 
8 Verurteilungen, 1 Freispr. bei 1719470 Eing. u. 37828 H.-S. 

XIX. Oberlandesgerichtsbezirk Marienwerder: 
21 Verurteilungen, 6 Freispr. bei 1499449 Eing. u. 32988 H.-S. 

XX. Oberlandesgerichtsbezirk München: 
27 Verurteilungen, 14 Freispr. bei 1758239 Eing. u. 38681 H.-S. 

XXI. Oberlandesgerichtsbezirk Naumburg: 

? Verurteilungen, ? Freispr. bei 3023826 Eing. u. 66 513 H.-S. 

XXII. Oberlandesgerichtsbezirk Nürnberg: 

10 Verurteilungen, 2 Freispr. bei 1338521 Eing. u. 29447 H.-S. 

XXIII. Oberlandesgerichtsbezirk Oldenburg: 
3 Verurteilungen, 0 Freispr. bei 361566 Eing. u. 7954 H.-S. 

XXIV. Oberlandesgerichtsbezirk Posen: 
29 Verurteilungen, 6 Freispr. bei 1951484 Eing. u. 42932 H.-S. 

XXV. Oberlandesgerichtsbezirk Rostock: 

3 Verurteilungen, 0 Freispr. bei 710372 Eing. u. 15628 H.-S. 

XXVI. Oberlandesgerichtsbezirk Stettin: 

11 Verurteilungen, 4 Freispr. bei 1634832 Eing. u. 35966 H.-Sj, 

XXVII. Oberlandesgerichtsbezirk Stuttgart: 
44 Verurteilungen, 13 Freispr. bei 2169480 Eing. u. 47 728 H.-S. 

XXVHI. Oberlandesgerichtsbezirk Zweibrücken: 
8 Verurteilungen, 5 Freispr. bei 831 533 Eing. u. 18293 H.-S. 

Einstellungen von Verfahren aus § 175 fanden in 
keinem der Oberlandesgerichtsbezirke statt. 

Jahrbuch VI. 12 



— 178 — 



Zum Schluß noch die Zahlenverhältnisse in der 
Stadt Berlin. In der Reichshauptstadt wurden 1900 
18 Personen aus § 175 R.Str.G.B. rechtskräftig verurteilt 
wegen 40 Handlungen von „widernatürlicher Unzucht". 
Von diesen 18 waren 3 vorbestraft, 3 waren unter, 15 
über 18 Jahren, 16 waren evangelisch, 2 katholisch, keiner 
jüdisch. Die Gesamtzahl der Homosexuellen betrug nach 
unseren Voraussetzungen 56000, davon waren straf- 
mündige männliche Uranier 11200; rechnen wir wieder, 
daß nur 2 / 8 oder 7466 davon sich betätigten, so ergeben 
sich wieder 52 x 7466 = 388232 Fälle gleichgeschlecht- 
lichen Verkehrs. 

Es wurden bestraft in Berlin: 

18 von 7466 Tätern oder 0,2°/ 0 , 
40 von 388232 Taten oder 0,001%. 

Es blieben also von mindestens 7466 Tätern 7448 
straffrei, von mindestens 388232 Taten 388192 un- 
geahndet. 

So furchtbar die Ungerechtigkeit ist, die darin liegt, 
einzelne wenige für eine Tat zu strafen, die viele 
Tausende in gleicher Weise täglich ungestraft begehen, 
so sind es doch nicht diese Fünfhundert, denen unsere 
Arbeit gilt, auch nicht die Zehntausende, deren Natur- 
anlage zahlreichen Erpressern ein willkommenes Aus- 
beutungsobjekt bietet, sondern es sind die Hundert- 
tausende, es ist die Million in unserm deutschen 
Vaterlande, deren Menschenrechte, deren Lebensglück 
und Lebenswahrheit durch Vorurteile, Nachurteile und 
Mangel an naturrechtlichem Sinn verkürzt, verkümmert,, 
vernichtet werden. 



Die physiologische Freundschaft 
als normaler Grundtrieb des Menschen 
und als Grundlage der Sozialität. 

Von 

Benedict Friedlaender. 



Vorbemerkung des Herausgebers: Trotzdem der 
Artikel Dr. Friedlaenders in dem Hauptpunkte von der 
Anschauung abweicht, wie sie in den Jahrbüchern für 
sexuelle Zwischenstufen vertreten wird, daß nämlich der 
homosexuelle Geschlechtstrieb eine nur einer bestimmten 
Personengruppe zukommende Eigenschaft ist, so haben 
wir doch geglaubt, diese interessante Arbeit unseren 
Lesern nicht vorenthalten zu sollen, einmal, weil wir 
gern auch von den unsrigen abweichende Gesichtspunkte 
bringen, dann aber vor allem, weil diese Erörterungen 
über den Soziabilitätstrieb des Menschen auch für die 
„Zwischenstufentheorie" sehr viele fruchtbare und an- 
regende Gedanken enthalten. 



Die folgenden Ausführungen bilden im wesentlichen 
einen Teil des fünften Abschnittes eines umfassenden 
Werkes, welches im Verlage Renaissance in Berlin- 
Schmargendorf im Frühjahr 1904 erscheinen wird. 1 ) 

Eine Anzahl von Einwänden und Fragen, die bei 
dem Leser aufsteigen mögen, wird in dem erwähnten Buche 
Beantwortung finden. 

x ) Der vollständige Titel lautet: Die Renaissance des 
Eros Uranios. Die Physiologische Freundschaft als 
normaler Grundtrieb des Menschen und als Frage der 
männlichen Gesellungsfreiheit. In naturwissenschaft- 
licher, naturrechtlicher, kulturgeschichtlicher und 
sittenkritischer Beleuchtung. 



— 182 — 



Die vorherrschende Theorie über Wesen und Ur- 
sprung der Homosexualität lehnt sich an die Aufstel- 
lungen von K. H. Ulrichs an. Die andersartigen Er- 
wägungen G. Jägers haben wenig Nachfolger gefunden, 
und die eifrigsten Bekämpfer der Zwischenstufentheorie, 
wie besonders Kupffer, sind über das instinktive Gefühl, 
daß irgendwo etwas mit der Theorie in Unordnung sein 
müsse, nicht hinausgekommen. Insbesondere hat Kupffer 
die medizinische Theorie auf dem historisch-philologischen 
Wege als unrichtig oder mindestens als nicht in allen 
Fällen zutreffend nachweisen wollen. — Vielleicht wird 
gerade jene Richtung, welche in der sogenannten Homo- 
sexualität — den Begriff etwas weiter als gewöhnlich 
gefaßt — eine allgemein menschliche Engenschaft ver- 
mutet, in dem folgenden die lange gesuchte, streng 
wissenschaftlich-biologische Grundlage finden. 

Man kann die Tiere ganz unabhängig von ihrer 
systematischen Zusammengehörigkeit in die sozial leben- 
den und die nicht sozialen einteilen. Erstere leben in 
Gruppen, Kolonien, Nestern, Herden oder sogenannten 
Tierstaaten, in mehr oder weniger festem Verbände und 
mit einer mehr oder weniger innigen, dauernden oder 
periodischen Annäherung der einzelnen Individuen. Es 
gibt hier eine große Zahl von Abstufungen des Grades 
und der Art der Vergesellschaftung; von der gelegent- 
lichen Vereinigung zu gemeinsam jagenden Rudeln, wie 
bei den hundeartigen Tieren, bis zur Bildung eines 



') Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei besonders hervor- 
gehoben, daß die hier entwickelte und die Zwischenstufentheorie 
einander keineswegs ausschließen, sondern einander vielmehr 
ergänzen. Es ist mir sogar kürzlich gelungen, aus der Literatur 
der Zoologie, welche ursprünglich mein Hauptfach war, neue und 
sehr interessante Illustrationen gerade zur Zwischenstufentheorie 
ausfindig zu machen. Diese werden jedoch erst in meinem ge- 
nannten Werke erörtert werden können. 



— 183 — 



Staates, wie bei den Bienen, oder gar bis zu dem Zu- 
sammenwachsen der „Personen" zum Tierstock, wie bei 
den Siphonophoren. Innerhalb einer und derselben Tier- 
klasse finden wir oft soziale und nicht soziale Spezies; 
und die Form der Soziabilität ist für jene Spezies typisch. 
Es hätte keinen Zweck, hier einen Uber blick über die 
sozial lebenden Tiere der verschiedenen Gruppen zu 
geben; sind doch besonders die sozial lebenden Insekten, 
die Ameisen, Bienen, Wespen und Termiten, all- 
gemein bekannt. Zwischen den Individuen einer solchen 
Tiergemeinschaft besteht ein Zusammenhalt, der sich in 
der mannigfachsten Weise äußert, und zugleich sehr oft 
eine Feindschaft gegen die Individuen einer anderen Art 
oder sogar nur einer anderen Kolonie oder eines anderen 
Staates derselben Art. Früher war man zur „Erklärung" 
dieser Verhältnisse mit dem Worte „Instinkt" bei der 
Hand; jedoch ist dieses Wort „Instinkt" nur ein Lücken- 
büßer unserer Unwissenheit und erklärt Nichts. Der 
freundschaftliche Zusammenhalt wie die Feindschaft muß 
auf irgend welchen Attraktions- und Repulsivkräften 
beruhen; welcher Art diese sind, wissen wir noch nicht 
vollständig, jedoch ist es sicher, daß großenteils und 
vielleicht sogar vorwiegend chemotaktische Erschei- 
nungen, oder subjektivistisch gesprochen, Duftwahr- 
nehmungen zugrunde liegen. Ich stehe nicht an, die 
Überzeugung auszusprechen, daß sich Gustav Jäger hier 
ein für alle Zukunft bleibendes Verdienst erworben 
hat, und daß seine Entdeckung, der er durch die aller- 
dings etwas sonderbare Namengebung und überdies durch 
den unvermeidlichen Konflikt mit der Zimperlichkeit ge- 
schadet hat, dereinst als eine der allerwichtigsten bio- 
logischen Tatsachen allgemein anerkannt werden wird. 
Übrigens halte ich den Ausdruck „Chemotaxis" oder 
Chemotropismus für entschieden besser, als „Duftwahr- 
nehmung". Denn erstens entspricht er der objektivistischen 



— 184 — 



Forschungsmethode, und zweitens sind, auch nach Jäger 
selbst, die fraglichen Wirkungen oft unter der Schwelle 
des Bewußtseins und noch öfter unter derjenigen des 
reflektierenden Bewußtseins; sodaß wir dann von un- 
bewußten Wahrnehmungen zu reden hätten, was offenbar 
mißverständlich ist. Jedoch sind das mehr Formalien, 
und es liegt mir Nichts ferner, als auf solche Äußerlich- 
keiten gegenüber der originalen und genialen Entdeckung 
Jägers irgendwie pochen zu wollen. 

Auch unter den Säugetieren gibt es soziale und 
einzeln lebende Arten; viele Pflanzenfresser gehören zu 
den ersteren, wohl die meisten Raubtiere zu den letz- 
teren, obwohl hier die in Rudeln jagenden Caniden eine 
teilweise Ausnahme bilden. Daß die einzeln lebenden 
Tiere nicht sozial leben, ließe sich einfach dadurch er- 
klären, daß zwischen den Individuen keine Attraktions- 
kräfte bestehen; vielleicht aber auch durch das Vorhanden- 
sein positiver Repulsivkräfte, d. h. einer negativen 
Chemotaxis. Die Feindschaft zwischen Individuen ver- 
schiedener Ameisennester läßt sich wohl kaum anders 
deuten, als durch die letztere Annahme. Alle diese An- 
ziehungs- und Abstoßungskräfte, oder subjektivistisch ge- 
redet, die Liebe und der Haß, das einander Suchen oder 
vor einander Fliehen beruht, um es noch einmal zu 
sagen, in vielen Fällen sicher auf chemotaktischen Er- 
scheinungen. Aber es muß hinzugefügt werden, daß 
möglicherweise noch andere Faktoren, und vielleicht so- 
gar unbekannte Formen der Energie hinzukommen. 

Nun ist es klar, daß zwischen den Individuen 
einer jeden sozial lebenden Spezies physiolo- 
gische Attraktionskräfte bestehen müssen, die 
vom sexuellen Unterschiede unabhängig sind. 

Auch die einzeln lebenden Tiere, soweit sie über- 
haupt zweigeschlechtlich sind, bilden ja in sehr vielen 
Fällen wenigstens „Familien", indem das Gattenpaar 



auch nach dem Zeugungsakte zusammen bleibt, und in- 
dem eines der Eltern, meist die Mutter, mitunter aber 
auch der Vater, die Brutpflege übernimmt Diese beiden 
Arten der Liebe oder der Anziehung, die zwischen den 
Geschlechtern und die zwischen Eltern und Kind, führen 
noch nicht zur Sozialität: *wir finden sie auch bei 
den großen, einsam schweifenden Raubbestien, wie etwa 
denen vom Genus Felis. Der Familiensinn ist somit 
eine der allerprimitivsten Regungen, welche der Mensch 
mit allerhand Getier der verschiedensten Ordnungen, 
darunter mit dem höchst unsozialen Raubzeug teilt. 

Zu jenen beiden Arten der Liebe kommt aber bei 
den sozialen Spezies eine dritte hinzu, die sich dadurch 
von den beiden anderen unterscheidet, daß sie mit der 
Fortpflanzung und Brutpflege Nichts, um so mehr aber 
mit der Sozialität zu tun hat, indem die letztere ganz 
und gar auf ihr beruht. Wenn man einen Augenblick 
aus einem beliebigen Tierstaat oder einer beliebigen Tier- 
herde diese dritte Art der Liebe, welche auch zwischen 
erwachsenen Geschlechtsgleichen wirksam ist, entfernen 
könnte, so würde der Tierstaat in lauter Familien zer- 
stieben. Ferner ist es sicher, daß diese Liebe zwischen 
Individuen desselben Geschlechts eine, wie man früher 
sagte, instinktive, d. h. eine „fleischliche", „sinnliche" 
oder physiologische, wenn auch deswegen nicht eben 
eine sexuelle ist. Es ist möglich, aber sehr problema- 
tisch, bei den höheren sozial lebenden Tieren auch so 
etwas wie eine seelische Liebe oder Freundschaft voraus- 
zusetzen; es ist damit aber wenig gesagt, und bei den 
niederen Tieren wird schwerlich jemand, am wenigsten 
ein naturwissenschaftlich Gebildeter, sich mit solchen 
Vorstellungen auch nur vorübergehend abgeben. 

So hoch auch der Mensch über den anderen Tieren 
stehen mag, so wenig bedeutet das doch, daß ihm irgend 
eine der animalen Grundlagen abgehe. Der Mensch ist 



— 186 — 



vielmehr unzweifelhaft ein Tier, und zwar ein Säugetier, 
sogar ganz speziellst ein Mitglied der sogenannten Pri- 
matengruppe. Er ist ein Säugetier in jeder Beziehung 
und ohne den geringsten Abzug; wohl aber mit Hinzu- 
fügung der spezifisch-menschlichen Eigenschaften körper- 
licher und insbesondere psychischer und intellektueller Art. 

Nun ist eines der allerwichtigsten Merkmale des 
Menschen gerade seine Sozialität; ohne diese würde es 
keine Kultur geben. Denn erst durch den engen An- 
schluß zahlreicher Individuen wird die höhere Produktiv- 
kraft, die Beherrschung der Natur und die Steigerung 
der geistigen Kräfte möglich. Es kann gar keinem 
Zweifel unterliegen, daß die Grundlage der menschlichen 
Sozialität, unbeschadet • aller psychischen und intellek- 
tuellen Bestandteile, wesensgleich ist mit dem „sozialen 
Instinkt" der anderen sozialen Tiere, und daß sie, wie 
dieser, auf einer solchen Beschaffenheit der physiologi- 
schen Reizbarkeiten beruht, daß die sympathischen An- 
ziehungen mit derjenigen zwischen den beiden Geschlech- 
tern und derjenigen zwischen Eltern und Kind nicht 
erschöpft sind, sondern daß eben hier jene dritte, die 
„instinktive", d. h. trotz aller Verfeinerung auch in der 
animalen Natur wurzelnde Liebe zwischen Individuen des 
gleichen Geschlechts hinzukommt. J. J. Rousseau irrt, 
wenn er im „Contrat Social" sagt, daß die Familie die 
einzige „natürliche" Gesellschaft sei. Das ist für den 
Menschen ebenso unrichtig, wie etwa für die Bienen. Die 
Soziabilität des Menschen ist eine „natürliche" Eigen- 
schaft und beruht, ebenso wie die Sozialität anderer 
sozialer Lebewesen, auf einem Instinkt, oder, moderner 
geredet, auf einer physiologischen Grundlage. Es hat 
seine Richtigkeit mit dem £wov nohnxov des Aristoteles. 
Eine besondere, wahrscheinlich spezifisch -menschliche 
Eigenart ist hier nur die besonders ausgeprägte Indi- 
vidualisierung, die in ähnlicher Weise auch in der 



— 187 — 



Liebe zwischen Geschlechtsungleichen vorkommt und bei 
den höheren Naturen die Regel ist. So gewiß nun aber 
jedes noch so vergeistigte Liebesverhältnis zwischen Ge- 
schlechtsungleichen, wenn anders es ein echtes Liebes- 
verhältnis ist, mit seinen Wurzeln bis in die eigentliche 
sexuelle Liebe hinabreicht, so sicher entspringt jede echte, 
naturentsprossene Freundschaft aus den physiologischen 
Tiefen eben jenes sozialen Triebes. Die gleichgeschlecht- 
liche Liebe, wie wir sie verstehen, ist . daher geradezu 
identisch mit dem sozialen Instinkt selbst oder doch nur 
eine individuelle Ausprägung derselben allgemein mensch- 
lichen physiologischen Reizbarkeit, welche die Grundlage 
der menschlichen Sozialität und somit der Kultur und 
auch der Moral ist; denn ohne Vergesellschaftung ver- 
liert die Moral Zweck und Sinn. 

Die Sozialität der niederen Tiere ist überhaupt gar 
nicht anders zu verstehen, und was den Menschen an- 
betrifft, so gilt hier wieder der Satz, daß er in keiner 
Richtung weniger, wohl aber in einigen mehr als ein 
Tier ist. Dieses Mehr liegt auf dem Gebiete der schärferen 
Individualisierung und vor allem auf dem des Geistigen. Die 
echte, warme, und nicht nur kalt-abstrakte Anteilnahme 
an dem Geschick nicht nur der Gattin und der eigenen 
Kinder, sondern auch an dem der Freunde, der Be- 
kannten, ja beliebiger Menschen; die erhabenen Leiden- 
schaften des wahren Patriotismus und der allumfassenden 
Menschenliebe haben ihre natürlichen Wurzeln in dem- 
selben physiologischen Untergrund, wie die „instinktive", 
d. h. physiologisch begründete Liebe zu einem bestimmten 
Individuum und zwar wie deren gleichgeschlechtliche 
Variante; denn die andere Liebe beherrscht ja auch 
die nicht sozialen Wesen. 

Dieses Ergebnis vergleichend physiologischen und 
vergleichend biologischen Denkens haben Manche ge- 
ahnt, aber es hat es meines Wissens bisher Niemand 



— 188 — 



scharf und klar ausgesprochen; wahrscheinlich des- 
wegen, weil hierzu der selten verwirklichte Zufall des 
Zusammentreffens einer modern biologischen Schulung 
mit soziologischer Bildung und vor allem auch mit einer 
unabhängigen Denkart erfüllt werden mußte. 

So sagt schon Piaton: . . . „und dafür ist ein starker 
Beweis", daß solche Jünglinge — (nämlich solche, die 
sich gern mit Männern umschlingen) — nachdem sie 
ganz ausgebildet sind, besonders „für die Angelegen- 
heiten des Staates gedeihen". — Daß die gleich- 
geschlechtliche Liebe, oder wie wir lieber sagen, die 
physiologische Freundschaft, ein besonderer, an- 
geborener, spezifisch -menschlicher Affekt sui generis ist, 
wird auch sehr schön ausgedrückt im Gastmahl, in der 
berühmten Stelle in der Rede des Pausanias: „Wie sollten 
aber nicht der Göttinnen (Aphrodite) zweie sein? Die 
eine ist ja die ältere, die mutterlose Tochter des Uranos, 
welcher wir auch den Beinamen der himmlischen geben, 
und dann die jüngere, des Zeus und der Dione Tochter, 
welche wir auch die gemeine nennen. Notwendig wird 
also auch der eine Eros, der Gehilfe der letzteren, mit 
Recht der gemeine genannt, der andere der himmlische." 

Jetzt verstehen wir auch, warum gerade unter den 
großen Künstlern, Dichtern und Staatsmännern, 
bei denen ein großer, umfassender, menschlicher, über 
die egoistischen und bloßen Familieninteressen hin aus- 
reichender Affekt vorausgesetzt werden muß, der Pro- 
zentsatz entschieden „Homosexueller" besonders groß ist. 

Hierhin gehört auch Schopenhauers Ansicht, daß 
amor und Caritas dieselbe Wurzel haben. Eine in- 
stinktive, echte Caritas ist nämlich ohne die animale, 
physiologische Grundlage nicht denkbar. Und daß in 
der Gegenwart daran jemand Anstoß nehmen kann, das 
liegt nur an dem unseligen historischen Umstände, daß 
wir geneigt sind, alles Körperliche mit scheelen Augen 



— 189 — 



anzusehen und als etwas Unreines und Unwürdiges zu 
betrachten, was eine unmittelbare Folge des asketischen 
Geistes und der zugehörigen Jenseitigkeit des Mittel- 
alters ist. Dadurch, daß man die physiologische Natur 
des Menschen in Acht tat, in dem Wahn, durch Preis- 
gabe der Grundlage für den Oberbau des Geistigen 
mehr Raum zu gewinnen, ist man, wie die Kultur- 
geschichte beweist, umgekehrt auch gerade im Geistigen 
einer Barbarei verfallen, welche dem Altertum fremd ge- 
wesen ist, und die erst nach Erschütterung eben jenes 
unheilvollen Grundwahns, d. h. seit der Renaissance, teil- 
weise rückgängig gemacht werden konnte. 

Selbst Dühring, der in neuerer Zeit so blind gegen 
die Venus Urania wütet, daß er sich sogar in den voll- 
kommensten Widerspruch zu seiner früheren, soliden 
Strafrechtstheorie gesetzt hat, ist der Wahrheit ein- 
oder zweimal recht nahe gekommen. Er sagt in seinem 
Kursus der Philosophie vom Jahre 1 875, auf Seite 247—248 : 
„Obwohl uns die Liebe hier zunächst in ihrer Bedeutung 
für das schöpferische Ebenmaß der Erzeugungen ent- 
gegengetreten ist, so hat sie doch ihren Wert in sich 
selbst und ist keineswegs darauf angelegt, vorzugsweise 
eine Rolle als Mittel für einen außer ihr liegenden Zweck 
zu spielen. In der natürlichen Liebe ist der einzelne 
Gegenstand, auf den sich diese Art der Gemütsbewegung 
richtet, das Band, durch welches auch der geistige Zu- 
sammenhang mit der Gattung geknüpft, und durch welches 
die Vereinzelung des Wollens aufgehoben wird. Die Ge- 
schlechtsliebe und die sich daran knüpfende Liebe zu 
dem Erzeugnis ist der Grundtypus für alle Affektionen 
aufrichtigen und sympathischen Wohlwollens. In den 
Elementen der menschlichen Natur findet sich nichts, 
was eher zu einer echten Menschenliebe führen könnte, 
als diejenige Gesinnungsrichtung, welche sich unter dem 
Eindruck des höheren Naturantriebs entwickelt und nicht 



— 190 — 



bloß für den Entstehungsfall, sondern auch in den all- 
gemeinen Übertragungen des Wohlwollens ihre Wirkung 
übt. Wenigstens läßt sich die Tatsache der enthusiastischen 
Menschenliebe, die doch nie ganz weggeleugnet werden 
kann, nicht anders erklären, als aus einer Gemütsrichtung, 
in welcher sich das, was sonst Geschlechtsliebe sein würde, 
in einer unbestimmteren Gestalt als Liebe zum Menschen- 
geschlecht kundgibt Auch darf diese Annäherung von 
zwei verwandten Affekten nicht überraschen, da ja in 
beiden Fällen die Gattung als solche und ein geistiges 
Hinausstreben über die Vereinzelung des Daseins in 
Frage kommt". 

Diese Erwägung ist ausgezeichnet; wenn man aber 
dabei ausschließlich an die Liebe zum Weibe denkt, so 
wird sie teilweise geradezu unrichtig, während sie ent- 
schieden verbessert wird, wenn man sogar ausdrücklich 
die Venus Urania, also die Fähigkeit zur wahren, natur- 
entsprossenen, physiologischen Freundschaft auch mit 
Geschlechtsgleichen als dasjenige „Element in der 
menschlichen Natur" ansieht, welches am ehesten zu 
einer „echten Menschenliebe führen könnte". Denn 
wenn wirklich der Trieb und die Fähigkeit zum Lieben 
ganz einseitig auf die Richtung zum minderen Geschlechte 
beschränkt wäre, so würde doch dabei höchstens eine 
allgemeine Weiberliebe, aber nimmermehr eine echte, 
allumfassende Menschenliebe herauskommen können. 
Daß die Geschlechtsliebe im Dühringschen, also hetero- 
sexuell beschränkten Sinne, der Grundtypus für alle 
AfFektionen des aufrichtigen und sympathischen Wohl- 
wollens sei, ist falsch. Denn selbst die Vereinigung 
der Geschlechtsliebe in diesem Sinne mit der auch 
überaus starken Mutterliebe ist ja noch immer nicht 
imstande, eine Spezies zu einer sozialen zu machen: 
„Affektionen des aufrichtigen und sympathischen Wohl- 
wollens" oder deren äußere Merkmale wird man in 



— 191 — 



der ganzen Natur, trotz des Vorhandenseins von Ge- 
schlechtsliebe und Mutterliebe, also z. B. bei Tigern 
und bei Geiern, bei denen Gatten- und Mutterliebe sehr 
stark ausgeprägt sind, vergeblich suchen. Erst die 
von uns als dritte, ebenso wichtige Hauptart der physio- 
logischen Liebe erkannte und aufgestellte Art der Zu- 
neigung, welche in ihren individuellenZuspitzungen erotische 
Liebe genannt wird, ist wirklich der Erweiterung zu einer 
Liebe zur Spezies, also zur echten Menschenliebe fähig. 
— Endlich ist noch betreffs jener Stelle hervorzuheben, 
daß jeder, der wie Dühring erkennt, daß die Liebe „ihren 
Wert in sich selbst", also abgesehen von dem Zweck 
oder Erfolg der Fortpflanzung hat, sich logischer Weise 
den Weg zu einer grundsätzlichen Verurteilung der 
gleichgeschlechtlichen Liebe eigentlich schon hierdurch 
abgeschnitten hat. — Auch einer Stelle im „Wert des 
Lebens" ist hier zu gedenken. Auf Seite 225— 226 der 
5. Auflage dieses Werkes gibt Dühring an, daß die so- 
genannte hellenische Liebe keineswegs auf das Altertum 
beschränkt sei, sondern auch in der Gegenwart in den 
verschiedensten Formen vorkomme. Einerseits sieht 
Dühring darin freilich „fehlgreifende ^Tendenzen der 
Natur" (gehört also hier zu der großen Klasse der für- 
witzigen Besserwisser), muß dann aber sogleich zugeben, 
daß diese „fehlgreifenden Tendenzen" „bei einiger Alters- 
verschiedenheit in der Jugend so manches Freundschafts - 
band" knüpfen, „für dessen geschlechtlich sinnlichen Cha- 
rakter die Beteiligten zunächst nicht einmal ein Verständnis 
zu haben brauchen." Dühring fährt dann fort: „Es geht 
hierbei noch unwillkürlicher zu, als in den ersten früh- 
zeitigen Regungen der normalen Jugendliebe, deren Be- 
deutung und weitere Entwickelung gerade bei den un- 
befangensten und unschuldigsten Naturen am spätesten 
begriffen wird." Hiermit gibt Dühring zu, daß diese 
Regungen vollkommen unwillkürlich, demgemäß also 



— 192 — 



auch im engsten und prägnantesten Sinne des Wortes 
„natürlich" sind, „daß sie so manches Freuijdschafts- 
band knüpfen" und daß sie „sinnlicher", also physio- 
logischer Natur sind. Bemängeln würde ich hier nur 
den Ausdruck, demzufolge diese Sinnlichkeit ohne weiteres 
mit der Geschlechtlichkeit konfundiert wird, was nicht 
ganz zutreffend ist, obwohl die Grenze allerdings einiger- 
maßen fließend, und eine genauere Begriffsbestimmung 
eigentlich erst auf Grund der Jägerschen Erwägungen 
und der begrifflichen und sachlichen Zerlegung der 
Sexualität in Kontrektationstrieb und Detumeszenztrieb 
durch Moll ermöglicht worden ist. 

Dühring fährt an jener Stelle fort: „Offenbar hat 
es die Natur nicht vermeiden können, die geschlechtliche 
Reizbarkeit so einzurichten, daß nur ausschließlich der 
Geschlechtsunterschied eine Wirkung übe. In der Kund- 
gebung des sinnlich blühenden Lebens hat sie Reize ver- 
körpern müssen, die auch in der falschen Richtung eine 
irreführende Anziehungskraft entwickeln" usw. Hierauf 
ist zu erwidern, daß die Natur, so weit wir sie kennen, 
es sehr wohl hätte so einrichten können, wenn sie gewollt 
hätte; sie hat es offenbar bei den meisten, wenn nicht 
bei allen nichtsozialen Tieren wirklich so eingerichtet 
Ich glaube nicht, daß Löwen, Tiger oder Geier jemals an 
sogenannter Psychopathia sexualis in dem fraglichen Sinne 
leiden oder — in der Freiheit — in homosexueller 
Richtung von den Bahnen strengster Askese abweichen. 
Ein soziales Wesen hingegen ohne physiologische, d.h. 
sinnliche Anziehungskräfte auch zwischen Geschlechts- 
gleichen hat die Natur in der Tat nicht schaffen können; 
die genauere Überlegung zeigt, daß ein solches soziales 
Wesen sogar — nicht einmal vorstellbar ist. 

Kurz, Dühring hat die notwendige, physiologische 
Basis der Soziabilität nicht veranschlagt. 

Auch der Schillersche Hymnus an die Freude 



— 193 — 



gehört hierher und spricht sogar für das empfängliche 
Gemüt eine besonders deutliche Sprache. Man bedenke, 
wie von dem Dichter die Freundesliebe, also die Liebe 
zwischen Geschlechtsgleichen, ausdrücklich mit der 
Gattenliebe auf dieselbe Stufe gestellt wird, und wie 
sich dann das Gefühl der Sympathie: 

„Seid umschlungen Millionen! 
Diesen Kuß der ganzen Welt!" 

zur Menschenliebe erweitert. Eine solche Erweiterung 
wäre offenbar unmöglich, wenn sich das natürliche, d. h. 
physiologische Sympathiegefuhl des Mannes wirklich aus- 
schließlich auf die weibliche Hälfte der Menschheit 
richtete; denn dann könnte es doch etwa nur heißen: 

„Seid umschlungen, alle Frauen! 
Diesen Kuß der Weiblichkeit!" 

Man fühlt deutlich, wie die Venus Urania hier ge- 
radezu notwendig, und wie ein Absehen von ihr zu einer 
komisch und, selbst in unsern feministischen Zeiten, zugleich 
auch niedrig wirkenden Verflachung fährt. Die Erweite- 
rung der Einzelliebe zur echten, umfassenden Menschenliebe 
wäre eben bei einer wirklich ausschließlich auf das 
andere Geschlecht gerichteten Liebe so gut wie un- 
möglich, und ebenso würde natürlich die allgemeine 
Menschenliebe kein wahrer und starker Affekt, sondern 
eine bloße Abstraktion oder Affektation sein, wenn 
dieser Liebe das physiologisch-sinnliche, das urkräftig- 
natürliche Element abginge. Sehr mit Eecht bringt 
endlich Schiller die Liebe in ihren verschiedenen Formen 
der Gatten-, Freundes- und Menschenliebe mit der Freude 
zusammen; denn die Freude gebiert die Liebe, und um- 
gekehrt gibt es ohne Liebe auch keine wahre Freude. 
Und die Freude ist nicht nur ein Gut, sondern, durch 
die Erhöhung der Schaffenskraft, so recht ein Gut, das 

Jahrbuch VI. * 13 



— 194 — 



fortzeugend Gutes muß gebären. Der asketische Geist 
ist freilich anderer Meinung und müßte, wenn er seine 
wahre Physiognomie einmal ungeschminkt und un ver- 
schleiert zur Schau stellen wollte, den Schillerschen 
Hyinuus etwa also umdichten: 

„Freude, arger Teufelsköder, 
Tochter aus dem Höllenpfuhl" .... 

Man setzt sich leicht dem Verdachte der Über- 
treibung aus, weil nämlich glücklicherweise die gegen- 
wärtige Gestalt des Christentums, unter dem heilsamen 
Zwange der humanistischen, der philosophischen 
und besonders der naturwissenschaftlichen Auf- 
klärung, jene mittelalterlichen Verkehrtheiten bis auf 
wenige, halbverwischte Spuren ausgemerzt hat. Wer sich 
aber über die ursprüngliche und ungemilderte Anschauung 
der Vertreter des Christentums im frühen Mittelalter 
unterrichten will, der muß sich herbeilassen, die Kirchen- 
vater zur Hand zu nehmen, oder wenigstens die ent- 
sprechenden Kapitel in Gibbons Römischer Geschichte 
durchzusehen, wie besonders das 37. im 7. Buche, wo 
das ältere christliche Mönchs wesen dargestellt wird. 
„Vergnügen und Schuld waren in der Sprache 
der Mönche gleichgeltende Ausdrücke", 1 ) heißt es 
da; und ferner: „Selbst der Schlaf, die letzte Zuflucht 
des Unglücklichen, war strenge bemessen; die leeren 
Stunden des Mönches entrollten langsam ohne Be- 
schäftigung wie ohne Vergnügen, und vor dem Schlüsse 
jedes Tages hatte er wiederholt den trägen Lauf der 
Sonne angeklagt. In diesem trostlosen Zustande verfolgte 
und quälte fortwährend der Aberglaube seine bedauerns- 
werten Anhänger. Die Ruhe, welche sie in dem Kloster 
gesucht hatten, wurde durch zu späte Reue, weltlichen 



l ) Von mir gesperrt. 



— 195 — 



Zweifel und schuldvolle Begierden gestört, und während 
sie jeden Trieb der Natur als eine unverzeihliche Sünde 
betrachteten, zitterten sie beständig am Rande des boden- 
losen Flammenabgrundes. Zuweilen wurden diese un- 
glücklichen Opfer von den qualvollen Kämpfen der Krank- 
heit und Verzweiflung durch Tod oder Wahnsinn erlöst, und 
im sechsten Jahrhundert ward zu Jerusalem ein Hospital 
für einen kleinen Teil jener strengen Büßer begründet, 
welche ihren Verstand verloren hatten". — Wenn man 
wissen will, was das Christentum in älteren Zeiten ge- 
wesen, so muß man eben etwas Geschichte treiben; 
und nur dann kann man ermessen, eine wie fürchter- 
liche Pest der asketische Geist ist, so lange und so fern 
er ganz ernst genommen wird. Zugleich wird sich dann 
aber . auch das Herz mit Hofihung füllen: Ja, es ist in 
der Tat sehr viel besser geworden, und auch die christ- 
lichen Kirchen der Gegenwart sind doch mit jenen Aus- 
geburten ganz und gar nicht mehr zu vergleichen; 
man darf daher hoffen, daß, wo die Aufklärung mit 
dem allergrößten Teile des asketischen Geistes fertig 
geworden ist, auch die kleinen Reste ausgeschieden werden 
können. — 

Ich glaube es vorauszusehen, daß in Zukunft die 
physiologische Liebe — und jede echte Liebe bedarf 
eines physiologischen Bestandteils — geradezu in die 
drei gleichwichtigen Arten der a) Gattenliebe, b) Mutter- 
liebe und c) der gleichgeschlechtlichen Liebe oder physio- 
logischen Freundschaft eingeteilt werden wird, mit der 
Hinzufügung, daß letztere nur bei sozial lebenden Arten 
vorkommt und eben die physiologische Basis der Sozia- 
bilität und hierdurch die Vorbedingung der Kultur und 
der Moral selbst — (natürlich der echten, natur- 
rechtlichen Moral) — bildet; weswegen sie nicht tiefer, 
sondern, wie das ja auch Piatons Ansicht gewesen ist, 
eine Stufe höher steht, als die beiden andern Arten, 

13* 



— 196 — 



welche auch bei nicht sozialen Tieren vorhanden sind 
Hierzu käme als eine vierte Art noch diejenige Liebe, 
auf der die sogenannte Symphilie, das Gastverhältnis 
zwischen zwei verschiedenen- Arten beruht, worüber das 
Nähere in der zoologischen Fachliteratur nachzulesen ist 

Schon seit einiger Zeit wird nun wohl bei Manchem 
ein Einwand und ein Gefühl der Unbehaglichkeit auf- 
gestiegen sein. Gegen die gleichgeschlechtliche Liebe in 
diesem Sinne, sogar allenfalls gegen die physiologische 
Freundschaft mit bewußten sinnlichen Elementen, — wie 
der ästhetischen Freude an der Jugendschönheit — hat, 
so wird man behaupten, ja niemand etwas einzuwenden. 
Sie ist als „Freundschaft" anerkannt, wird man sagen; 
etwas anderes, hiervon ganz verschiedenes, liegt aber, 
so wird man entrüstet hinzufügen, in dem Augenblick vor, 
wo diese Liebe — horribile dictu — einen „geschlecht- 
lichen" Charakter annimmt. 

Hierauf ist zunächst und beiläufig zu bemerken, daß 
gegenwärtig eigentlich die Vorstellung irgend welcher 
Sinnlichkeit in der Freundschaft, und nicht nur die 
„Geschlechtlichkeit" verpönt ist; sucht man ja sogar das 
sinnliche Element der Freundschaft geradezu wegzu- 
lügen, sodaß Dühring mit seiner Anerkennung desselben 
bereits als rühmliche Ausnahme dasteht! 

Auf den Einwand selbst ist aber der Hauptsache 
nach Folgendes zu erwidern: 1. Nimmt die physiologische 
Freundesliebe, der Eros, in der Regel eben keineswegs 
einen „geschlechtlichen" Charakter an. 2. ist die Grenze 
zur eigentlichen Geschlechtlichkeit allerdings von der 
Natur nicht ganz so scharf gezogen worden, wie die 
Prüderie wohl wünschen möchte; da eben der Natur 
asketische Rücksichten gänzlich fern liegen. 3. ist eine 
zweifellose Grenzüberschreitung zwar entschieden zu 
mißbilligen — aus Gründen, die hier nicht ausein- 
andergesetzt werden können — ; aber 4. keineswegs eine 



— 197 — 



so fürchterliche Angelegenheit oder überhaupt etwas so 
ganz Besonderes, wie wir infolge unserer Tradition, die 
auf den asketischen Geist und den Aberglauben des 
Mittelalters zurückgeht, anzunehmen pflegen. 5. endlich 
gab und gibt es eine Anzahl von Männern, bei denen 
allerdings die Freundschaft sehr leicht jenen spezifisch 
sexuellen Charakter im engsten Sinne des Wortes an- 
nimmt: und bei einem wiederum kleinen Teile 
derselben ist das in so hohem Grade der Fall, 
daß dieser „konträre Geschlechtstrieb" ganz an 
die Stelle desjenigen zum andern Geschlechte 
tritt. 

Zu dem ersten Punkte ist nochmals an Jäger zu 
erinnern, der auf Seite 251 des ersten Bandes seiner 
„Entdeckung der Seele" ausführt, daß es eine auf Che- 
motaxis beruhende Liebe gibt, die trotzdem eine direkte 
Berührung verbietet, weil nämlich die positive Chemotaxis 
bei allzu großer Nähe in negative Chemotaxis übergeht. 
„Ein solcher Platoniker weilt zwar gern in der Nähe 
seines Freundes, aber küssen wird er ihn nicht". — 
„Fleischliche Liebe dagegen", fährt Jäger fort, „ist stets 
dadurch charakterisiert, daß sie möglichste Annäherung, 
z. B. das Küssen, erzwingt. Die Liebe, welche Mutter 
und Kind verbindet, ist fleischlich, aber keineswegs 
sexuelle Liebe; denn dem Kind fehlen ja die Sexualdüfte 
völlig; aber die Mutter liebt das Fleisch des Kindes, 
deswegen küßt sie dasselbe oft am ganzen Leibe und 
schmiegt sich innig an dasselbe und umgekehrt: das 
Kind saugt am Fleisch der Mutter." — 

Hiernach ist nun ohne weiteres klar, daß physio- 
logisch-sinnliche Liebe durchaus nicht mit eigentlicher 
Geschlechtsliebe identisch zu sein braucht, und selbst 
dann nicht, wenn sie zu den intimsten körperlichen An- 
näherungen fährt. Eine zweite Stelle aus Jäger, die 
jeder aus eigener Erfahrung bestätigen wird, lautet 



— 198 — 



folgendermaßen: „Besteht nun instinktive Fleischesliebe" 
— (nach unserer Bezeichnung positive Chemotaxis) — 
„zwischen Geschlechtsreifen verschiedenen Geschlechts, so 
wird sie zwar gewöhnlich zur sexuellen Liebe, d. h. man 
benutzt sie zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, 
allein es ist dies, wie wir später sehen werden, durchaus 
keine notwendige Konsequenz". Wenn dies, wie Jäger 
sehr richtig angibt, schon zwischen Geschlechtsver- 
schiedenen, deren Organe zu einander passen, keine not- 
wendige Konsequenz ist, so ist es das natürlich noch 
viel weniger zwischen Geschlechtsgleichen. Daher gibt 
es viel öfter sogar die allerleidenschaftlichste erotische 
Liebe, ohne Befriedigung des Geschlechtstriebes, als in 
der heterosexuellen Liebe; die Venus Urania ist von 
Natur die bei weitem keuschere von beiden, und es wird 
diese Tatsache nur durch den doppelten Umstand ver- 
schleiert, daß in der prüden Gegenwart die sinnlichen 
Gefühle nicht . eingestanden werden, weswegen sogar die 
leidenschaftlichsten Liebesbündnisse, so lange sie nur 
keusch bleiben, als Freundschaften figurieren; daß aber, 
sobald einmal eine Unkeuschheit in dieser Richtung 
yorgekommen ist, sie mit einem gewaltigen Aberglaubens- 
faktor multipliziert wird und daher, nach dem irrtümlichen 
Maßstabe der Menge, etwa zehntausend gynäkerastische 
Exzesse an Schändlichkeit aufwiegt. 

Im Übrigen gibt es innerhalb der Venus Urania alle 
denkbaren Gradunterschiede und Varianten. Vom ein- 
samen Monosexualen — häufig genug einem traurigen 
Kunstprodukt des christlichen Askeseprinzips — der 
keinen Freund braucht, der des sozialen Instinkts so gut 
wie baar, überhaupt, wie Jäger angibt, eine Art Eunuch 
und vor allen Dingen, da ihm eben die Liebe fehlt, 
moralisch von Haus aus minderwertig ist oder dies mit 
der Zeit doch wird, bis zum Platoniker, der „gern in 
der Nähe des Freundes weilt", ist ein enormer Schritt; 



— 199 — 



von da geht die Reihenfolge zu demjenigen, der seine 
Freunde gern umarmt und küßt, oder dem Liebhaber, 
der gern in einem dem Wortsinn entsprechenden Gym- 
nasium mit ihnen ringen würde, aber dennoch sich des 
eigentlich Sexuellen ohne Zwang enthält, bis zu den- 
jenigen, welche auch zu dem Letzteren Neigung verspüren. 
Piese kann natürlich alle erdenklichen Grade der Heftigr 
keit haben, welcher dann wiederum, je nach Charakter, 
Umständen und Lebensgewohnheiten, die verschiedensten 
Grade des Widerstandes entgegengesetzt werden mögen. 
Sehr mit Recht hat Moll den Sexualtrieb in den Kon- 
trektations- und den Detumeszenztrieb zerspalten; es ist 
ersterer, welcher objektiv die Annäherung bewirkt und 
subjektiv als Liebe empfunden wird; es ist letzterer, der 
für gewöhnlich eigentlich Geschlechtstrieb heißt. Nun 
ist eine Trennung beider sehr wohl möglich und in der 
Natur nicht selten. Der dauernd oder gelegentlich Mono- 
sexuale befriedigt den Detumeszenztrieb ohne Rücksicht 
auf den Kontrektationstrieb oder in völliger Abwesenheit 
desselben; und jeder, der in seinem Leben in der einen 
oder in der anderen Richtung geliebt hat, weiß, daß der 
Kontrektationstrieb, also die Neigung zu körperlichen 
Annäherungen, lange Zeit in erheblichem Grade bestehen 
kann, ohne daß sich der Detumeszenztrieb regte oder gar 
befriedigt würde. 

Dem Kontrektationstrieb, welcher ja nur eine An- 
näherung, und zwar eine Annäherung in verschiedenen 
Graden hervorruft, ist nun bei den sozialen Arten eine 
doppelte Aufgabe zugefallen: erstens nämlich die Ver- 
einigung der Geschlechter einzuleiten, und zweitens einen 
physiologischen Kitt auch zwischen den Geschlechter 
gleichen zu bilden. Hierbei hat es die Natur, um mit 
Diihring zu reden, allerdings vielleicht nicht vermeiden 
können, oder aber vielleicht auch nicht vermeiden 
wollen — da der Natur jeder asketische Aberglaube 



— 200 — 



und selbst unsere bemessene, aus moralphilosophischen 
Überlegungen abgeleitete Mißbilligung der Päderastie 
völlig fern liegt — daß der Kontrektationstrieb in den 
Fällen, in denen er sich einmal in stärkerem Grade aui 
ein Individuum des gleichen Geschlechts richtet, auch 
den Detumeszenztrieb wachruft. Das ist um so begreif- 
licher, als in dem normalen Verlaufe der eigentlichen, 
* heterosexuellen Geschlechtsliebe die Glieder der Reflex- 
kette eben auch in dieser Weise an einander hängen. 
Deswegen ist die Grenze zwischen Liebe und Sexualität 
oftmals schwankend. Eine solche Grenzüberschreitung 
von der bloßen sinnlichen Liebe zur eigentlichen Ge- 
schlechtlichkeit wird von den Meisten als eine Abnormität 
empfunden; sie würden selbst, sogar im Falle einer echten, 
physiologischen Freundschaft und bei Abwesenheit aller 
und jeder abergläubischer, ja auch bloß moralischer An- 
triebe, hierzu denn doch keine Neigung verspüren und, 
wenn jemals eine solche Entgleisung stattgefunden hätte, 
dies nachträglich als eine solche empfinden und in Zu- 
kunft eher vermeiden. Daß uns aber eine solche ge- 
legentliche, gewohnheitsmäßige oder physiologisch begrün- 
dete Abnormität als eine so überaus fürchterliche 
Abnormität erscheint, das ist, wie sich historisch nach- 
weisen läßt, nur der Nachhall des allgemeinen und 
einer Anzahl von Spezialaberglauben der mittelalterlichen 
Nacht. 

Was ist denn schließlich der vielberufene homo- 
sexuelle Verkehr in allen seinen Varianten? Zwei Men- 
schen, die einander gern haben, bereiten einander eine 
angenehme Empfindung I Liegt das nicht so recht von 
Natur wegen ziemlich nahe, so lange die angeborenen 
Instinkte und Triebe nicht entweder vom asketischen 
Aberglauben angekränkelt, oder aber, nach Maßgabe 
unserer Gründe für die wirkliche Mißliebigkeit des 
homosexuellen Verkehrs, gezügelt und modifiziert 



— 201 — 



sind? Deswegen ist es auch nichts weniger als über- 
raschend, sondern vielmehr selbstverständlich, daß gerade 
bei Naturvölkern dasjenige in Blüte steht, was die Priester 
des Mittelalters, aus Motiven raffinierter Herrschsucht, als 
das Verbrechen wider die Natur gebrandmarkt haben. — 
Man hat sich in neuester Zeit auch bei Tieren nach 
etwas umgesehen, das der erotischen Liebe des Menschen 
ähnlich sieht, worüber man in dieser Zeitschrift im 
II. Bande den Aufsatz von Karsch nachlesen mag. 
Meines Erachtens hat hier Karsch aber insofern einen 
Fehler begangen, als er den Kreis seiner Feststellungen 
zu eng gezogen und sich auf solche extreme Fälle be- 
schränkt hat, bei denen es tatsächlich zu „Päderastie" 
oder zu „Tribadie", d. h. zu einer sexuellen Vereinigung 
zwischen Geschlechtsgleichen gekommen ist. Freilich ist 
durch den gelungenen Nachweis einer stattlichen Anzahl 
solcher Fälle, k plus forte raison, anzunehmen, daß die 
Venus Urania auch bei Tieren, und zumal bei mehr oder" 
minder sozialen Tieren, nicht die Ausnahme, sondern die 
Kegel ist. Denn nach unserer Definition ist das wahre 
Analogon zur Venus Urania die Neigung zu innigen Be- 
rührungen, ja zur Annäherung zwischen Geschlechts- 
gleichen überhaupt; und die Frage, ob es hierbei zu 
eigentlich sexuellen Akten kommt oder nicht, ist in der 
Tat eine akzidentelle Nebensache. Wir können doch un- 
möglich die Tiere mit den Augen eines Keichsgerichtsrats 
unter Zugrundelegung des § 175, mit den Augen eines 
mittelalterlichen Asketen oder auch nur eines Moralisten 
ansehen; sobald wir das aber nicht tun, verliert auch 
die Frage, ob es dabei zu eigentlich sexuellen — fast 
möchte man sagen „strafbaren" — Akten gekommen, 
wenn nicht alle, so doch die hauptsächlichste Bedeutung. 
Nach unserer Auffassung liegt ein Analogon zur homo- 
sexuellen Liebe des Menschen überall da vor, wo es zu 
Anschmiegungen, zu Liebkosungen und anderen Beweisen 



physiologischer Liebe kommt, — ohne Rücksicht auf die 
verhältnismäßig gleichgültige Frage, ob auch eine Be- 
rührung und Reizung der Sexualorgane stattgefunden hat. 
Eine genauere Prüfung muß sogar ergeben, daß bei jeder 
sozialen Art eine der menschlichen Venus Urania ana- 
loge Anziehungskraft auch zwischen Geschlechtsgleichen 
besteht, und eine solche Untersuchung würde wahrschein- 
lich auch zu dem weiteren Ergebnis führen, daß kein 
Individuum einer sozialen Art die physiologische Ab- 
lösung von seinem Artstamme, also die Einsamkeit, ohne 
Schaden erträgt. 

Der große Fehler, den wir bei der Beurteilung 
menschlich-soziologischer Beziehungen zu begehen pflegen, 
besteht darin, daß wir alles aus reingeistigen und psy- 
chisch-immateriellen Ursachen zu erklären suchen. Dieser 
Fehler rührt daher, daß uns die materiellen Ursachen 
oftmals nicht recht zum Bewußtsein kommen, und daß 
sie uns ferner, soweit dies doch der Fall ist, aus den 
schon angeführten Gründen anstößig erscheinen. Am 
sichersten erkennt und vermeidet man diesen Trug, wenn 
man sich immer von neuem ins Gedächtnis ruft, daß der 
Unterschied zwischen dem Menschen und den anderen 
Tieren nicht darin besteht, daß dem Menschen das Ani- 
male in irgend einer Beziehung fehlt, sondern daß zu 
dem Animalen noch etwas spezifisch Geistiges hinzu- 
kommt, welches den Tieren entweder abgeht oder, was 
wahrscheinlicher ist, bei ihnen nur weniger entwickelt ist. 
Sobald man diesen wirklich wissenschaftlichen, ver- 
gleichend physiologischen Standpunkt gewonnen hat, 
wird man beispielsweise auch nicht einen Augenblick 
daran zweifeln, daß die Freundschaft eine physiolo- 
gische, also sinnliche Basis hat; denn etwas der Freund- 
schaft vollkommen Analoges kommt bekanntlich bei vielen 
Tieren vor und hat daselbst doch sicherlich einen phy- 
siologischen Grund; also wird sich die Sache beim Men- 



— 203 — 



sehen ebenso verhalten, nur kommt bei ihm zu dem 
Physischen noch etwas Geistiges hinzu. Die allgemeine, 
sehr begreifliche Tendenz geht dahin, das letztere zu 
überschätzen und das erstere zu unterschätzen, wo nicht 
gar zu verkennen. Damit soll übrigens nicht behauptet 
sein, daß es rein oder fast rein geistige Freundschaften 
nicht gebe; nur werden solche niemals wirklich intim 
und herzlich geraten, sondern mehr abstrakt und kalt 
bleiben. 

Der Unterschied der hier vertretenen Anschauung 
^von der Ulrichsschen, welcher die Mediziner gefolgt sind, 
besteht darin, daß ich die gleichgeschlechtliche Liebe 
nicht durch die Annahme einer Beimischung von Cha- 
rakteren des anderen Geschlechts erkläre und nicht mit 
der zwittrigen Anlage des menschlichen Embryos, son- 
dern mit der Tatsache zusammenbringe, daß der Mensch 
ein soziales Lebewesen ist, und daß bei allen sozialen 
Tieren eine physiologische Anziehungskraft, d. h. Sub- 
jektivistisch gesprochen, physiologische, also^ sinnliche 
Liebe auch zwischen Individuen desselben Geschlechts 
vorhanden sein muß. Freilich ist es nicht notwendig, 
daß diese sinnliche Liebe speziell sexueller Art sei; 
das ist sie in der Regel auch nicht; jedoch ist der 
Ubergang von der bloßen Sinnlichkeit zur Geschlecht- 
lichkeit leicht vollzogen und ist auch gar* kein so 
wichtiger und besonderer Schritt, wie dies auf Grund 
des aketischen Wahns erscheint. — Ich sollte meinen, 
daß die hier entwickelte Theorie die große Wahrschein- 
lichkeit auf ihrer Seite hat; denn die physiologische 
Anziehung zwischen den Individuen auch desselben Ge- 
schlechts ist bei allen sozial lebenden Arten eine offen- 
bare Notwendigkeit, und der Übergang von der An- 
ziehung zur eigentlichen Sexualität ein vielleicht von 
der Natur sozusagen unbeabsichtigtes, minder wichtiges, 
übrigens aber ziemlich naheliegendes, und, wenn nicht 



— 204 — 



mit den Augen des Asketen betrachtet, auch ziemlich 
harmloses Nebenergebnis. 

Dennoch läßt sich eine Brücke von unserer Auf- 
fassung zur Zwischenstufentheorie schlagen, und dies 
wird durch die höchst merkwürdige Tatsache ermöglicht, 
daß die Natur gerade bei einer Anzahl exquisit sozialer 
Arten mitunter wirblich eine Art dritten Geschlechts ge- 
schaffen hat, d. h. Individuen, welche normalerweise 1 } 
nicht zur Fortpflanzung gelangen, sondern die vermöge 
eines besonders hoch entwickelten sozialen Instinkts (d. h. 
besonderer Reizbarkeiten) der Kolonie, dem Stocke oder 
Staate nützen, indem sie sozusagen asexuelle, aber im 
höchsten Grade soziale Organe der Kollektivität sind. 
Solche Formen finden sich bei manchen Insekten, wie 
den Bienen, den Ameisen und den Termiten, dann aber 
auch bei den durch förmliches Zusammenwachsen zu 
einer höheren, auch körperlichen Einheit verschmolzenen 
Siphonophoren. Ein wirkliches „drittes Geschlecht " 
finden wir sonst nirgends in der Natur und ebenso- 
wenig regelmäßig, d. h. anders denn als seltene Miß- 
bildungen vorkommende Zwischenstufen zwischen Männ- 
chen und Weibchen. Auch die Arbeiter der Bienen 
sind keine solchen Zwischenstufen zwischen den Ge- 
schlechtern, sondern entschiedene, wenn auch sexuell 



l ) Der Vergleich des Menschen mit den Bienen und anderen 
sozialen Tieren ist sehr alt; er findet sich in Aristoteles (Aristo - 
telis Politicorum Libri Octo, cum vetusta Transla- 
tione Guilelmi de Moerbeka rec. Fr. Susemihl, Lipsiae, 
Tb. MDCCCLXXII) S. 7—8. Des großen Interesses wegen lasse 
ich die Stelle aus dem I. Buche im Urtext folgen: 

„diou de noXiuxbp f<yoj> 6 äv&ganog nav/jg fieXUxtjg xai nav- 
xbg ayekaiov Qcoov fiaXXov, drjXov." — Und vorher: „. . . xai ou & 
äv&qomog yvaet, noXixixbv £c5oj> eari, . . 

„Es ist klar, daß der Mensch ein in höherem Grade soziale» 
Tier ist, als jede Biene und jedes Herdentier." — Und vorher i 
„. . . daß der Mensch ein von Natur soziales Tier ist . . ." 



— 205 — 



nicht voll entwickelte Weibchen. Wenn schon die 
embryonale Anlage der Keimdrüsen bei allen Säuge- 
tieren, um von anderen abzusehen, allerdings zwittrig 
ist, so ist der Entwickelungsmechanismus eben in 
der Art eingerichtet, daß, mit Ausnahme einer ganz 
verschwindend geringen Anzahl von Fällen, die Ent- 
wicklung der einen Drüse die der anderen unterdrückt. 
Im Entwickelungsverlauf gibt es demnach sozusagen 
eine Weggabelung in zwei, aber nicht in drei sexuelle 
Entwickelungsmöglichkeiten. Auch ist festgestellt, daß 
die sekundären Sexualcharaktere demselben Gesetz ge- 
horchen; die Entwicklung der primären Keimdrüse för- 
dert die Ausbildung der sekundären Charaktere des ent- 
sprechenden Geschlechts und unterdrückt gleichzeitig die 
des anderen. Sogar nach vollzogener gänzlicher Aus- 
bildung kann unter Umständen, nach Fortfall der pri- 
mären Funktion, der sekundäre Sexualcharakter des andern 
Geschlechts auftreten; wie, um nur ein kleines, aber 
jedermann geläufiges Beispiel zu erwähnen, die Weiber 
nach Erlöschen ihrer Sexualfunktion oft einen entschie- 
denen Anflug von Bart bekommen; nicht weil sie auf 
dem Wege sind, Männer zu werden, sondern weil sie 
aufgehört haben, Weiber im engsten physiologischen 
Sinne zu sein, und vielmehr etwas sozusagen sexuell In- 
differentes sind. Aus demselben Grunde bekommen alte, 
nicht mehr legende Weibchen mancher Vögel gelegent- 
lich ein zum Teil männliches Gefieder. Es sind das die 
hahnenfedrigen Hennen. 1 ) 

Wenn eine größere Anzahl der Homosexuellen in 
der Tat eine Reihe spezifisch weiblicher Merkmale 
aufweist, so würde dies nicht, auf einer wirklichen 



*) Eine vorzügliche kritische Zusammenstellung der hierhin 
gehörigen Tatsachen findet man bei Curt Herbst, Formative 
Beize in der tierischen Ontogenese, Leipzig 1901, Georgi. 



— 206 — 



Beimischung positiv weiblicher Elemente zu beruhen 
brauchen, sondern könnte möglicherweise nur auf eine 
geringere Entwickelung der männlichen Sexualität zu- 
rückzuführen sein. Hand in Hand damit würde der 
Komplex der Reizbarkeiten, welcher bei der Mehrzahl so 
geordnet ist, daß er zur Fortpflanzung führt, in der 
Richtung abweichen, daß der soziale, d. h. gleich- 
geschlechtliche Liebestrieb in verschiedenen Graden den 
eigentlich geschlechtlichen tiberwiegt. Daß hierbei den- 
noch hin und wieder spezifische Sexualakte, also die 
Entladung von Geschlechtsprodukten und die Befriedigung 
des Detumeszenztriebes, und zwar zwischen Individuen 
des gleichen Geschlechts, vorkommt, stört zwar die Ana- 
logie zum dritten Geschlecht, wie wir es bei Insekten 
kennen; jedoch ist bei der Mannigfaltigkeit der lebenden 
Natur eine völlige Gleichmäßigkeit von vornherein nicht 
zu erwarten. 

Es ist jedenfalls eine sehr bemerkenswerte Tatsache, 
daß eine Art wirklichen dritten Geschlechts — mitunter 
sogar in noch weitergehender Differenzierung in mehrere 
„Kasten" — gerade bei den Arten und nur bei den 
Arten vorkommt, bei welchen der „soziale Instinkt" 
(wie man früher sagte) besonders hoch entwickelt ist und 
zur Bildung von Tierstaaten geführt hat. Es liegt 
hier eine Art von Arbeitsteilung zwischen den Erforder- 
nissen der Fortpflanzung und den neu hinzukommenden 
Erfordernissen der Sozialität vor, deren Vereinigung in 
denselben Individuen zu viel gewesen wäre. Eine physio- 
logische „homosexuelle Liebe" ist, wie nachgewiesen, für 
jede soziale Art notwendig; die am meisten sozialen, 
wie die Termiten, die Ameisen, die Bienen und 
einige Wespen, besitzen aber außerdem in der Tat ein 
wirkliches „drittes Geschlecht". 

Übrigens ist, wenigstens bei den Bienen, oben- 
drein eine höchst entwickelte homosexuell-chemo- 



— 207 — 



taktische Anziehung zwischen dem vollentwickelten, 
der Fortpflanzung dienenden Weibchen, der sogenannten 
„Königin", und den sexuell verkümmerten Weibchen, 
den Arbeitern, bekannt; die letzteren folgen, zweifel- 
los auf Grund chemotaktischer Reizbarkeiten, beim Aus- 
ziehen eines jeden neuen Schwarms der Königin und 
lassen sich dort in der bekannten Träubenform nieder, 
wo sich die Königin gesetzt hat, welche für alle übrigen 
eine Art von Attraktionsmittelp ünkt abgibt; ja, wo sich 
die Königin auch nur vorübergehend niedergelassen hat, 
bildet sich ein kleiner Klumpen von Arbeitsbienen, die 
offenbar durch die von der Königin zurückgelassenen 
chemotaktisch wirksamen Substanzen angezogen werden. 
Bei der ungeheuren systematischen Kluft zwischen In- 
sekten und Säugetieren wird man natürlich eine bis ins 
Einzelne gehende Analogie selbst dann nicht erwarten 
dürfen, wenn auch der Vergleich im übrigen zutreffend 
sein sollte, was sich beim gegenwärtigen Stande der Kennt- 
nis der menschlichen Sympathieverhältnisse, besonders 
auch homosexueller Art, noch nicht entscheiden läßt. 
Jedenfalls aber dürfte durch diese vergleichend bio- 
logischen Gesichtspunkte auf das umstrittene und von 
so großen Vorurteilen umlagerte Gebiet der menschlichen 
homosexuellen Liebe ein neues Licht geworfen sein. 1 ) 



l ) Ahnungen dieser Wahrheit finden sich gelegentlich auch 
bei den Vertretern der Zwischenstufentheorie. Ob Hößli, dem 
Vorgänger des Schöpfers jener Auffassang, etwas Ähnliches vor- 
schwebte! als er sein Werk dem „Schutzgeist des menschlichen 
Geschlechts" widmete, mag dahingestellt bleiben. Dagegen kommt 
eine Stelle in Hirschfelds „Urnischem Menschen 1 ' der von 
mir vertretenen Anschauung jedenfalls nahe, wenn auch Hirse Il- 
feld die entscheidenden Überlegungen noch nicht mit voller 
Klarheit und Schärfe ausgesprochen hat. Auf S. 155 — 156 seiner 
Schrift lesen wir: 

„Von den beiden Komponenten des Geschlechtstriebes, dem 
Kontrektations- und Detumeszenztriebe Molls, dem Ergänzungs- 



— 208 — 



Jedenfalls wird jeder Kundige, welche spezielle 
Theorie er auch aufstellen mag, zugeben müssen, daß 
in der gleichgeschlechtlichen Liebe oder der physio- 
logischen Freundschaft des Menschen, wie wir sie ver- 
stehen, ein Naturtrieb vorliegt. Es ist eine Neigung, 
die wir alle, mit ganz wenigen bedauernswerten Aus- 
nahmen, 1 ) wenn auch in recht verschiedenen Nuancen 
und Abstufungen von der Natur empfangen haben, und 
die bei einigen geradezu an die Stelle der normalen Ge- 
schlechtsliebe tritt, diese gleichsam ersetzt, und in diesem 
Ausnahmsfalle jenen spezifisch-sexuellen Charakter an- 

und Geschlechtsbefriedigungstriebe, hat der erstere mit der Fort- 
pflanzung direkt Überhaupt nichts zu tun. Dabei ist er für den 
Charakter und die Richtung des sexuellen Triebes das wesent- 
lichere. Es ist auch sehr wahrscheinlich, daß, wenn die Fort- 
pflanzung beim Menschen, wie bei so vielen Lebewesen, unge- 
schlechtlich wäre, der Gefühlskomplex, der in der geschlechtlichen 
Zuneigung zum Ausdruck gelangt, nicht völlig aus der Welt 
verschwände. Das, was wir im' weiteren Sinne Herdentrieb, im 
engeren Sinne Ergänzungetrieb ( Kontrektal ionstrieb) nennen, würde 
sicherlich auch dann noch fortbestehen. Denken wir uns den 
Ergänzungstrieb vom Geschlechtstriebe losgelöst, so wird es uns 
nicht mehr so rätselhaft erscheinen, daß das Objekt dieses Er- 
gänzungstriebes, der Gegenstand der Liebe, auch eine Person sein 
kann, mit der ein neues Wesen zu zeugen nicht möglich ist. 
Andererseits wird es uns auch verständlicher werden, daß sich 
der Geschlechtsbefriedigungstrieb (Detumeszenz trieb) demjenigen 
Objekt zuwendet, auf das der Kontrektations trieb gerichtet ist. 
Der Detumeszenztrieb ist, so groß seine praktische Bedeutung sein 
mag, dabei doch nur untergeordnet, sekundär, und man sollte ihm 
daher bei einer objektiven Beurteilung der Homosexualität nicht 
die erste Rolle zuweisen, wie es vielfach geschieht." — Wie man 
sieht, erhebt sich hier Hirsch feld entschieden über die Zwischen- 
stufentheorie und nähert sich, durch die Erwähnung des Herden- 
triebes, bereits eben derjenigen Anschauung, die in diesem Ab- 
schnitt von mir ausdrücklich begründet worden ist. 

x ) Hiermit sind diejenigen Extreme — vorwiegend wohl 
Monosexuale im Sinne Jägers — gemeint, welche nicht einmal 
einer Freundschaft fähig sind. 



— 209 — 



nimmt, der ihr für gewöhnlich abgeht, und der nur auf 
Grund der asketischen Forderungen von buddhistischer 
Herkunft und judäisch-unduldsamer Zastutzung ein so 
furchtbarer Stein des Anstoßes geworden ist — 

Diesem, wie allen elementaren Naturtrieben gegen- 
über, gibt es bei reflektierenden Wesen drei Verhaltungs- 
möglichkeiten: erstens den Versuch der Unterdrückung, 
zweitens die gleichsam indifferente Haltung des „laisser 
faire, laisser aller", und drittens den Versuch der Ver- 
feinerung oder der positiven Pflege durch Sitte oder gar 
durch Gesetz. Den ersteren Standpunkt hat in einigem 
Umfange, soweit wir wissen, nur diejenige Kulturge- 
staltung eingenommen, welche durch den Import eines 
asiatischen, vorwiegend indojudäischen Religionsgemisches 
in die zersetzten Fäulniszustände des römischen Welt- 
reichs zustande kam und das eigeutliche Mittelalter 
völlig beherrschte, aber auch jetzt, trotz Renaissance, 
Revolution und moderner Wissenschaft noch nicht ganz 
, überwunden ist. 

Der zweite Standpunkt, der der Indifferenz, scheint 
der am meisten verbreitete zu sein. Das ist auch 
einigermaßen begreiflich. Denn selbst im Falle einer 
wirklich sexuellen Zuspitzung des physiologischen Freund- 
schaftstriebes hat Sitte und Staat doch nicht das un- 
mittelbare Interesse eines ordnenden (oder auch ver- 
pfuschenden) Eingreifens, wie bei der mann weiblichen 
Liebe, wegen der physischen Fruchtbarkeit der letzteren. 
Uberall, wo kein übermäßiger Weiber- und Priester- 
einfluß besteht, wird man in der Regel diese Indifferenz 
gegenüber dem Eros, und selbst gegenüber seinen tadelns- 
werten, sexuellen Formen eine ziemlich milde Beurteilung 
vorfinden. 

Zur positiven Pflege, zur sozialen Anerkennung und 
teilweise sogar zur staatlichen Ordnung ist e? bekanntlich 
bei den Hellenen gekommen; die griechische Liebe fährt 

Jahrbuch VI. 14 



— 210 — 



diesen ihren Namen zu Recht, nicht etwa weil sie allein 
oder auch nur vorzugsweise bei den Griechen vorhanden 
gewesen wäre; sondern nur deshalb, weil die Griechen 
sie positiv gepflegt, verfeinert und systematisiert haben. 
Aber selbst hiermit stehen sie nicht ganz allein da, 
und Ansätze zu einer solchen positiven Ordnung finden 
sich auch bei andern Völkern. Einige Angaben findet 
der Leser in dem Aufsatze von Karsch über die „Päde- 
rastie und Tribadie bei den Naturvölkern" im III. Jahr- 
gange des Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen. Aber 
auch hier hat nach unserer Auffassung Karsch das 
Thema entschieden zu eng gefaßt und hat der spezifisch 
sexuellen Wendung eine höhere, abgrenzende Bedeutung 
beigemessen, als derjenige ihr beilegen wird, der die 
Sache wirklich ganz unbefangen betrachtet und die 
letzteü Reste des asketischen Wahns abgestreift hat; 
denn hierdurch wird die spezifisch sexuelle Wendung 
der physiologischen Freundschaft zwar nicht etwas 
schlechthin Gleichgültiges, wohl aber etwas relativ 
recht Nebensächliches. Es würden nach unserer Auf- 
fassung alle diejenigen Sitten herbeizuziehen sein, 
durch welche spezielle Freundschaftsbündnisse unter 
Männern, zumal unter Männern ungleichen Alters, als 
solche sanktioniert werden; alle Waffenbrüder- 
schaften, Blutsbrüderschaften und ähnliches gehört 
hierhin; ganz unabhängig von der sekundären Frage, 
ob spezifisch sexuelle Akte hierbei verboten, still- 
schweigend geduldet oder etwa gleichfalls ausdrücklich 
sanktioniert waren; denn die Hauptsache ist die Liebe, 
objektivistisch gesprochen, der Kontrektations- oder Er- 
gänzungstrieb, und nicht der „Detumeszenztrieb", da die 
Liebe etwas relativ Dauerhaftes und etwas Wichtiges, die 
gröbere Sinnlichkeit hingegen eine verhältnismäßig neben- 
sächliche und eine gar flüchtige Sache ist. Auch diese 
gewiß schon recht subtile Überlegung finden wir in 



— 211 — 



Piatons Grastmahl angestellt, in welchem überhaupt 
zehnmal mehr enthalten ist, als der durchschnittliche 
moderne Leser versteht. 1 ) 

Nach dieser Betrachtungsweise einer vergleichenden 
Ethnologie und kritisch -vergleichenden Sittenkunde ist 
es ohne weiteres klar, daß es eine für die ganze Kultur 
hochwichtige Frage ist, was die Menschen mit diesem 
ihren Naturtriebe anfangen. Leider gilt hier gar oft 
der Satz: 

„Ein wenig besser würcT er leben, 
Hättet Du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; 
Er nennt's Vernunft und braucht's allein, 
Nur tierischer als jedes Tier zu sein." 



l ) So heißt es in der Rede des Aristophanes im Plato- 
nischen Gastmahl im Zusammenhange mit der Allegorie der 
verlorenen Hälften — des schönsten Symboles des Ergänzungs- 
triebes — : „Wenn aber einmal einer seine wahre eigene Hälfte 
antrifft, ein Enabenfreund oder jeder andere, dann werden sie 
wunderbar entzückt zu freundschaftlicher Einigung und Liebe, 
und wollen, sozusagen, auch nicht die kleinste Zeit von einander 
lassen; und die ihr ganzes Leben lang mit einander verbunden 
bleiben, diese sind es, welche auch nicht einmal zu sagen wüßten, 
was sie von einander wollen* Denn dies kann doch wohl nicht die 
Gemeinschaft des Liebesgenusses sein, daß um deswillen jeder mit 
so großem Eifer trachtete, mit dem anderen zusammen zu sein; 
sondern offenbar ist, daß die Seele beider, etwas anderes wollend, 
was sie aber nicht aussprechen kann, es nur andeutet und zu 
raten gibt." — Es wird dann ausgeführt, daß, wenn vor ein 
solches Paar Hephaistos träte, die Liebenden darum flehen 
würden, an einander geschmiedet zu werden. — Es ist dies, in 
moderner Ausdrucksweise, eine allegorische Einkleidung der im 
Text erläuterten Wahrheit, daß für den unbefangenen Sinn — 
wie es eben derjenige der Griechen war — die Liebe die Haupt- 
sache und das Bischen etwaiger Wollust eine Nebensache ist. Erst 
der asketische Priestertrug des Mittelalters hat aus der allerdings 
immer mehr oder minder mißliebigen Nebensache eine, ja 
geradezu die Hauptsache gemacht. 

14* 



— 212 — 



Denn ohne Vernunft hätte der Mensch wenigstens 
nicht auf die Idee eines grundsätzlichen Wütens gegen 
seine physiologische Natur verfallen können. Die Erfahrung 
hat gelehrt, und es ist außerdem auch aus deduktiven 
Schlüssen klar, daß der Versuch der Unterdrückung 
eines mächtigen Naturtriebes niemals gelingt, wohl 
aber hinreicht, ihn partiell zu schädigen und im übrigen 
zu korrumpieren. Wenn es möglich wäre, daß irgend 
ein Volk nicht nur alle Formen der Ehe beseitigte, 
sondern auch die echte Liebe zwischen den Geschlechtern 
überhaupt in jeder Form grundsätzlich verpönte, so 
würde offenbar die — heimliche Prostitution allein übrig 
bleiben« Ganz schwache Ansätze hierzu mögen sich hier 
und da finden, wo für eine bestimmte Kaste Ehelosigkeit 
vorgeschrieben war; im übrigen hinkt der Vergleich aller- 
dings insofern, als eine solche allgemeine Verpönung 
selbst von den ausschweifendsten Formen des Aber- 
glaubens nicht durchgesetzt werden konnte. In Bezug 
auf die homogene Liebe hat aber das Mittelalter den 
analogen Fehler wirklich gemacht; und das ist der 
einzige Grund, weswegen in der gleichgeschlechtlichen 
Liebe, der physiologischen Freundschaft, in der Gegen- 
wart prostitutive und korrupte Beziehungen relativ so 
häufig sind, während die edelsten, ganz keusch bleibenden, 
unter dem lauen Namen der Freundschaft verschwinden 
und lange nicht die Bedeutung haben, wie ehedem. 

Es ist möglich, die physiologische Freundschaft 
sozial anzuerkennen und das spezifisch Sexuelle zu miß- 
billigen, oder doch höchstens in den ca. 2°/ 0 betragenden 
Fällen einer extremen Veranlagung zu entschuldigen. 
Das ist der Standpunkt, den ich in meinem Werke ver- 
trete, und welcher sich ungefähr mit demjenigen des 
Sokrates decken dürfte. Er ist der edelste, nützlichste 
und menschenwürdigste. Unmöglich hingegen ist es, die 
Liebe gut zu heißen und ihre sexuelle Entgleisungs- 



— 213 — 



möglichkeit als eine Sache zu betrachten, welche den 
Feuertod verdiene, Pestilenz nebst Mäusen erzeuge und 
das Allerschrecklichste sei, oder doch mit Gefängnis zu 
„bestrafen" sei und die soziale Stellung mit Eecht ver- 
nichte. Denn dem Rande eines so fürchterlichen Ab- 
grundes wird sich Niemand auch nur auf respektvolle 
Entfernung nähern mögen. Sobald also eine solche Wen- 
dung eingeschlagen ward, wie im europäischen Mittel- 
alter, so mußte mit dem Übermaße der Verpönung des 
Sexuellen auch die reine, d. h. die des Sexuellen sich 
enthaltende Liebe der Männer unter einander, und somit 
die gesellige Koalitionsfreiheit der Männer, eine Vor- 
bedingung der gesellschaftlichen und politischen Frei- 
heit, unfehlbar mitbetroffen werden. 



103 Beobachtungen von mehr 
weniger hochgradiger Entwickelung 
eines Uterus beim Manne 

(Pseudohermaphroditismus masculinus internus) 

nebst Zusammenstellung der Beobachtungen von 

periodischen regelmäßigen Genitalblutungen , 
Menstruation, vikariierender Menstruation, 
Pseudomenstruation, Molimina menstrualia u. s. w. 
bei Scheinzwittern. 

Mitgeteilt von 

Dr. Franz von Neugebauer, 

Vorstand der gynäkologischen Abteilung des Evangelischen Hospitals in Warschau. 



„Nulla autem est alia pro certo nos- 
cendi via, nisi quam plurimas et mor- 
borum et dissectionum historias, tum 
aliorum, tum proprias, collectas habere 
et inter se comparare." 

Morgagni 

(De sedibusetcausis morborum,Lib.IV, Prooemium.) 

Die Frage des Zwittertumes hat in letzter Zeit ein 
mehr aktuelles Interesse gewonnen, namentlich angesichts 
der Tatsache, daß es Herrn v. Salön und Professor 
Garr6 gelungen ist, den mikroskopischen Nachweis 
gleichzeitiger Anwesenheit von charakteristischem Ovarial- 
und charakteristischem Hodengewebe in derselben Ge- 
schlechtsdrüse eines Menschen zu finden. Wie bekannt, 
standen bis vor kurzem die meisten Forscher nicht an, 
das Vorkommen eines echten Zwittertumes beim Menschen 
absolut zu leugnen, indem die früher beschriebenen Fälle 
von echtem Zwittertum einer mikroskopischen Kontroll- 
forschung nicht Stand gehalten hatten. Diese frühere 
apodiktische Leugnung des Vorkommens echten Zwitter- 
tumes beim Menschen muß jetzt aufgegeben werden und 
müssen wir die Möglichkeit gleichzeitiger Existenz von 
Ovarialgewebe und Hodengewebe typischer Art bei dem- 
selben Individuum jetzt zugeben. Wenn v. Salön und 
Garr6 jeder in seinem Falle eine Zwitterdrtise — Ovo- 
testis — fanden, die in einem Anteile alle Anzeichen eines 
Hodens, in dem anderen alle Anzeichen eines Eierstockes 
trug, so ist nicht einzusehen, warum nicht auch eine Ge- 
schlechtsdrüse sich als Hoden entwickeln kann, die andere 



- 218 — 



als Eierstock. Bestehen bleibt nur der Vorbehalt, daß 
wir bis jetzt nicht einen einzigen Fall kennen, wo beiderlei 
typisches Gewebe tatsächlich auch zu einer Funktion 
gelangte, also einen solchen Entwickelungsgrad erreichte, 
daß es funktionsfähig war. Wer weiß, wie lange es noch 
dauern wird, bis wir endlich einmal absolute Klarheit in 
dieser Frage gewinnen, jedenfalls rücken wir dem Ziele 
näher und näher, weil wir immer mehr zuferlässige 
mikroskopische Untersuchungen erlangen und so mancher 
operative Eingriff uns unverhofft Material liefert, wo es 
früher meist für die Wissenschaft verloren ging, weil 
weder intra vitam eine Operation noch post mortem eine 
Nekropsie zur Ausfuhrung kam. 

Wenn es wahr ist, daß beim Menschen die Men- 
struation von einer stattfindenden Ovulation bedingt ist, 
so darf man erwarten, daß ein menstruierendes Indi- 
viduum Ovarien besitzt. Katharina Hohmann hatte no- 
torisch periodische, von charakteristischem Symptomen- 
komplex in der Art der Molimina menstrualia begleitete 
Genitalblutungen, aus dem Canalis urogenitalis sich aus- 
scheidend, alle drei bis vier Wochen je zwei Tage lang, 
und zwar vom 20. bis zum 30. Lebensjahre mehr weniger 
regelmäßig, vom 30. bis zum 42. Jahre unregelmäßiger 
und seltener, Andererseits ist es absolut sicher fest- 
gestellt, daß Katharina eigenes Sperma produzierte. 
Hatte Katharina die Menstruation im wahren Sinne des 
Wortes, also auch Ovulation, so muß sie, darf man folgern, 
außer dem tastbaren Hoden, im Sero tum fissum einer- 
seits gelegen, mindestens auch ein Ovarium und zwar 
ein funktionierendes gehabt haben! Bernhard Schultz e 
sprach denn auch einen von ihm im Becken linkerseits 
getasteten, mehrere Zentimeter großen, stark druck- 
empfindlichen Körper als Ovarium an. Es liegt auf der 
Hand, welch unendlichen Wert es besäße, das Ergebnis 
einer Nekropsie in einem so wichtigen Falle zu erfahren! 



— 219 — 

Katharina Hohmann, die nachträglich als Karl Hohmann 
in New- York heiratete und sogar einen Sohn gezeugt haben 
soll, starb in New -York. Ob eine Nekropsie gemacht 
wurde und wie das Ergebnis war, darüber ist nichts 
bekannt Sehen wir uns nun in der Kasuistik des 
Zwittertumes um nach Beobachtungen, wo ein Schein- 
zwitter, sei es ein hodentragender, sei es ein Schein- 
zwitter unbekannten Geschlechtes, regelmäßige periodische 
Genitalblutungen hatte, so zeigt sich, daß die Zahl der- 
artiger Beobachtungen eine nicht gar so geringe ist als 
gemeinhin angenommen wird. 

Es erwächst aus der Betrachtang dieser Fälle eine 
Reihe von Fragen. Sind periodische Genital- 
blutungen bei hodentragenden Scheinzwittern 
als menstruelle Blutungen aufzufassen? Sind 
periodische Blutungen aus der Nase oder dem 
Mastdarm, die sich regelmäßig wiederholen, in 
der Lebensperiode zwischen dem 15. und 40. Jahre, 
sagen wir, als Menstruatio vicaria anzusehen? 
Weisen solche Blutungen darauf hin, daß das Individuum 
mindestens ein Ovarium besitzt? Stammt das per urethram 
entleerte Blut aus einem Uterus oder kann es sich um 
eine vikariierende Blutung aus der Blasenschleimhaut 
gehandelt haben? Wie sind endlich die regelmäßigen 
allmonatlich sich zwei bis drei Tage lang wiederholenden 
Beschwerden in der Art des Symptomenkomplexes der 
sogenannten Molimina oder Tormina menstrualia zu er- 
klären? 

Persönlich bin ich weit davon entfernt, diese Fragen 
beantworten zu wollen; denn wir verfügen noch lange 
nicht über ein genügend zahlreiches, authentisch gesichertes 
Material aus der Kasuistik, um irgend eine Schlußfolgerung 
zu machen. Diese Fragen sind heikel und vorläufig noch 
nicht zu beantworten. Das will aber nicht besagen, daß 
sie nicht einst ihre wissenschaftliche Erledigung finden 



— 220 — 

werden. Es gibt Forscher, welche diesen Fragen auf 
die einfachste Weise aus dem Wege gehen, indem 
sie erklären: „Der als Mädchen erzogene männliche 
Scheinzwitter X., der sich als Hermaphrodit ftlr Geld 
sehen lässt, gibt an, mit beiden Geschlechtern kohabitieren 
zu können, Spermaejakulation zu haben und auch regel- 
mäßig die Periode. Das ist Lüge! Niemand hat diese 
Periode gesehen. Das Individuum hat ein Interesse 
an dieser falschen Aussage, um sich den Ärzten und Be- 
suchern interessanter zu machen!" Für viele Fälle ist 
dies richtig. Zephte Akaira, welche notorisch gar keinen 
Uterus besitzt, gab sogar an, sie habe einmal abortiert 
in ihrer Ehe, trotzdem dies Individuum ein Mann ist. 
Schon Virchow schenkte der Angabe dieses Abortes 
keinen Glauben mehr. Die Hebamme Märker, ein 
männlicher Hypospade, gab anfangs an, sie habe früher 
regelmäßig aus der Harnröhre menstruiert, später zog sie 
diese Angabe zurück und gab zu, gelogen zu haben. In 
einem anderen Falle zeigte sich, daß Blutungen, welche 
als Menstruation eines männlichen Scheinzwitters, eines 
Mönches, gegolten hatten, einfach Blutungen aus einem 
Ulcus cruris waren. 

Solche Fälle sind selbstverständlich auszuschließen 
aus der Kasuistik und höchstens als warnendes Beispiel 
anzuführen, nicht alles kritiklos zu glauben, was die be- 
treffenden Personen erzählen. Abel wittert auch bei 
Katharina Hohmann Betrug: Sie soll jedesmal vor der 
angeblichen Periode Nasenbluten gehabt haben und sich, 
wie ein Autor schreibt, mit diesem Blute die Genitalien 
beschmiert haben. Hier muß diese Skepsis fallen, indem 
einzelne der Untersucher selbst mit einem Katheter das 
Blut, mit Schleim gemischt^ aus dem Urogenitalkanai 
entleert und mikroskopisch untersucht haben, vor allem 
darauf hin, ob es überhaupt menschliches Blut sei. Abel 
vermutet, daß in dem von ihm beschriebenen Falle die 



— 221 — 



periodischen Blutungen von einem Harnröhrenpolypen 
stammten, der operativ entfernt wurde. Er vermutet, 
auch in dem Falle Dohms sei ein Harnröhrenpolyp 
die Ursache der periodischen Blutungen gewesen, die 
Molimina menstrualia will er erklärt wissen etwa durch 
Beschwerden, welche ein inkompleter Descensus testiculi 
hervorrief, z.B. in dem von Potier-Duplessy beschriebe- 
neu Falle, oder aber die Ursache der Schmerzen soll ein 
Trauma gewesen sein. Ich gebe zu, daß Skepsis in der 
Beurteilung dieser Kasuistik unbedingt nötig ist, aber 
sie soll nicht blind sein, sondern kritisch. 

Professor Eduard Hofmann schrieb: „Das Be- 
stehen menstrualer Blutungen beweist nicht so absolut 
das weibliche Geschlecht des betreffenden Individuums, 
als es auf den ersten Blick scheinen dürfte. Seitdem 
man weiß, daß die Menstruation nicht unbedingt an die 
Gegenwart von Ovarien geknüpft ist — Fortbestehen 
der Menstruation nach Kastration — ist man nicht un- 
bedingtf berechtigt, aus dem Vorhandensein einer solchen 
Erscheinung bei einem Scheinzwitter auf die Existenz 
von Ovarien, noch weniger aber, auf die Nichtexistenz 
von Hoden zu schließen." Will („Ein Fall von Pseudo- 
hermaphroditismus masculinus", In.- Diss., Greifs wald, 
1896) schreibt: „Die Angaben über die Regel sind oft 
falsch. Die Frauen bezeichnen jede Blutung aus den 
Genitalien als Kegel und wissen mit geschickter Be- 
rechnung immer eine vierwöchentliche Pause herauszu- 
deuten," Er schreibt aber zugleich: „Auch die Men- 
struation ist nicht als sicheres Zeichen für weibliches 
Geschlecht anzusehen, es sind auch bei Männern regel- 
mäßige Blutungen beobachtet worden, die ihre Erklärung 
nach Waldeyer darin finden sollen, daß primitive Ovula 
wie im Ovarium noch in späteren Zeiten im Hoden vor- 
kommen und ihren Einfluß auf den Organismus ausüben; 
außerdem soll nach Friedreich bei Männern mitunter 



— 222 — 

durch eine Summation von Reizungen und nervösen Er- 
regungen eine reflektorische Blutanwallung und eine 
Hämorrhagie bedingt werden." Meine Aufgabe soll es 
nur sein, die in der Kasuistik der Welt zerstreute» 
Einzelfalle zusammenzustellen und die Aufmerksamkeit 
der Fachgenossen auf die hier angeregten Fragen zu 
lenken. 

Ich beginne mit einer Zusammenstellung von 103 
Fällen, wo eine mehr oder weniger hochgradige Ent- 
wicklung eines Uterus bei hodentragenden Individuen, 
also insofern sie nicht auch Ovarien besaßen, bei männ- 
lichen Scheinzwittern, beobachtet wurde. Mit Absicht 
habe ich nicht gesagt, „der Müllerschen Gänge", denn 
ich hätte dann auch alle die Fälle mit aufnehmen müssen, 
wo eine mehr oder weniger entwickelte Vagina bei einem 
männlichen Hypospaden sich fand. Solcher Fälle gibt 
es jedoch so außerordentlich viele, daß sie als bekannt 
vorausgesetzt werden können. 

Bezüglich der älteren Literatur des sogeffannten 
Uterus ma8culinus erwähne ich die Arbeiten von 
E. H. Weber („Über das Rudiment eines Uterus bei 
männlichen Säugetieren", 1846), R. Leuckart („Das 
Web er sehe Organ und seine Metamorphosen", Illustrierte 
medizinische Zeitung, 1852), Wahlgren(„Bidrag tillGene- 
rations-Organerna Anatomie och Physiologie hos Menniskan 
och Dagdjuren", Lund 1894), Peters-Wahlgren („Über 
den Web er sehen Uterus masculinus bei dem Menschen und 
den Säugetieren", Müllers Archiv, 1849, Übersetzung) 
und N. Rüdinger („Zur Anatomie der Prostata, des 
Uterus masculinus und der Ductus ejaculatorii beim 
Menschen, München, 1883). 

Rudolf Leuckart („Das Webersche Organ und 
seine Metamorphosen", Ein Beitrag zu der Lehre von 
den Zwitterbildungen, Münchner Illustrierte Medizinische 
Zeitung, 1852, Bd. I, S. 69) schreibt: „C. H. Weber 



— 223 — 



hatte als Uterus masculinus ein Gebilde bezeichnet, 
welches bereits Alb in und Morgagni bekannt war, 
dessen bedeutende Vergrößerung schon Malacarne und 
Steglehner beschrieben hatten. Nach Weber soll 
dieses Organ der Vagina des Weibes entsprechen, nach 
Meckel und Steglehner jedoch dem Uterus, nach 
Leuckart dem Uterus und der Vagina, nach neueren 
Forschungen soll dieses Gebilde der Vagina samt Uterus 
und Tuben entsprechen, also dem gesamten Ausführungs- 
kanale für die Produkte der Ovarien! 

Bezüglich der detaillierten Beschreibung, mikro- 
skopischen Untersuchung für die einzelnen Fälle und 
Abbildungen verweise ich auf meine beiden Arbeiten 
von 1902 und 1903 in diesem Jahrbuche sowie auf die 
Originalaufsätze der genannten Autoren. 

1. Ackermann („Infantis androgyni historia et 
ikonographia", Jena, 1805) beschrieb einen sechswöchent- 
lichen männlichen Hypospaden; zwischen den kleinen 
Schamlippen lag die Mündung einer Vagina, angeblich 
in fundo vaginae die Ausmtindung der Urethra; offenbar 
handelte es sich um Hypospadiasis peniscrotalis und einen 
Canalis urogenitalis, der sich in der Tiefe in Vagina und 
Urethra teilte: „Ductus deferentes non ad pelvis fundum 
descendentes, sed potius ad altiora ascendentes inventi 
sunt; hi ductus deferentes, ubi duplicatum peritonaei 
processum, qui ligamento lato uteri respondet, ingredie- 
bantur, vario modo convoluti componebant glomera. 
Quibus glomeribus formatis ductus deferentes in uterum 
cystoidem transibant, proprium ejus textum perforantes 
et versus utrumque uteri latus ad inferiora reflexi usque 
ad uteri sie dicti orificium progressi ostio perexiguo ter- 
minabantur. Uterus cystoides dictus situm naturalem 
obtinebat, tarnen neque ex tela singulari tarn dense con- 
flatus erat quam uterus normalis, neque compactis 



— 224 — 



parietibu8 organon tarn firmum constituebat, quam uterus 
in statu normali offert, sed potius antrum extenuatum 
vesiculae simile exhibebat." Es ist in dem mir zu Ge- 
bote stehenden Eeferate nicht gesagt, ob hier Kryptor- 
chismus vorlag. 

2. Ackermann (1805). Descenstis incompletus 
testiculorum ; breite Vasa deferentia, nach unten sich 
verengernd, liegen in der Wand des Uterus; Mündungen 
der Ductus ejaculatorii normal. Der Uterus enthält eine 
Höhle und besitzt ein deutliches Orificium externum. 
Die oben schmale, unten breite Vagina mündet in vesti- 
bulo nach außen, Penis hypospadiaeus, Labia minora vor- 
handen. 

3. Adams (1852). Uterus von einem Zoll Länge, 
im Fundus erweitert, Prostata vorhanden, Harnröhre 
männlich, Scrotum nicht gespalten. 

4. Aranyi (Ungarische Zeitschrift, 1855, S. 4, 15) und 
später Langer (Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der 
Ärzte zu Wien, IL Jahrgang, 1855, S. 422) beschrieben 
das Leichenpräparat eines Mannes von 63 Jahren, welches 
eine hochgradige Entwickelung des Uterovaginalkanales 
bei einem Manne beweist. 

Langer-Aranyi (1855). Der linke Hoden in Hernia 
scrotali, der rechte in der Bauchhöhle. Die Vasa de- 
ferentia verlaufen konvergent zu dem Isthmus uteri und 
dringen in seine vordere Wand ein. Das rechte Vas 
deferens mündet in die Harnröhre, das linke in den 
Uterus. Keine Samenblasen gefunden. Uterus masculinus 
bicornis, die Uterusschleimhaut gut ausgebildet, drüsen- 
haltig im Fundus, drüsenlos im unteren Abschnitte. 
Die Vagina mündet in die Harnröhre, Prostata hyper- 
trophisch. Die Vagina endet in der Tiefe blind, kom- 
muniziert also nicht mit der Uterinhöhle. Hypospadiasis 
peniscrotalis, kleine Schamlippen nicht vorhanden. Es 



— 225 — 



liegt ein Sinus urogenitalis vor mit den isolierten Mün- 
dungen der Harnröhre und der Vagina. 

5. Arn au d erwähnt (1. c., S. 283) die Sektion eines 
Mönches im Pariser Hotel Dieu aus dem Jahre 1726 
durch Boudon; Hypospadiasis peniscrotalis ohne Spur 
einer Vagina. Die Vasa deferentia schwanden zwischen 
Blase und Mastdarm in einem Gebilde, das Boudon für 
einen Uterus ansah. Der Mönch hatte allmonatlich Blut- 
entleerungen aus varikösen Geschwüren am Unterschenkel, 
die fälschlich für eine vikariierende Menstruation ange- 
sehen wurden. (Dieser Fall auch von Osiander er- 
wähnt.) 

6. Arnold („Ein Fall von Uterus masculinus, an- 
geborener Striktur der Harnröhre und Harnleiter", 
Virchows Archiv, 1869, Bd. XVII, S. 38) beschrieb ein 
Präparat, welches er Meier und Molitor verdankte. Hy- 
pospadiasis peniscrotalis, Kryptorchismus. Nebenhoden 
und Vasa deferentia vorhanden, letztere, ohne Lumen, 
verliefen sich blind endend in der Tiefe des Beckens. 
Uterus vorhanden und Vagina, weder Prostata noch Samen- 
blasen gefunden bei diesem siebenmonatlichen Fötus. 

Arnold hatte im Ganzen 26 Fälle von Uterus mas- 
culinus tabellarisch zusammengestellt und kam zum 
Schluße, daß gemäß der mehr weniger hochgradigen Ent- 
wickelung eines Uterus beim Manne seine äußeren Geni- 
talien entsprechend in der Entwickelung zurückblieben. 

7. Klebs (Handbuch der pathologischen Anatomie* 
4. Lieferung, Berlin, 1873, S. 725) zitiert eine Be- 
obachtung von Bannon, eine 26jährige Frau betreffend 
mit männlichem Aussahen und männlichem Gebahren 
seit der erreichten Geschlechtsreife. Brüste und Becken 
weiblich. Penis hypospadiaeus, große und kleine Scham- 
lippen und Hymen vorhanden. Der Uterus besitzt eine 
rechte Tube, in ein cystisches Gebilde ausgehend, die 
linke Tube hat ein offenes Abdominalende mit Fimbrien. 

Jahrbuch VI. 15 



— 226 — 

Angeblich dort ein Ovarium gefunden. Anderthalb Zoll 
tiefer unterhalb des vermeintlichen Ovarium, vor der 
Synchondrosis sacroiliaca, liegt linkerseits ein Hoden, 
Nebenhoden und ein Vas deferens ; letzteres anfangs nach 
dem Leistenkanale hin gerichtet ändert später seine Rich- 
tung und schwindet im Ligamentum latum. In dasselbe 
injiziertes Quecksilber ergießt sich in die Uterushöhle. 
Linkerseits auch eine Samenblase gefunden, Prostata und 
Cowpersche Drüsen fehlen. Der Hoden enthält Samen- 
kanäle, aber keine Spermatozoiden. In dem vermeint- 
lichen Ovarium finden sich nur Bindegewebsstroma und 
Fettzellen, aber keine Spur von Follikeln. Die Deutung 
als Ovarium dürfte also sicher eine ganz willkürliche 
sein, wahrscheinlich hervorgerufen durch die Gegenwart 
eines Uterus am Präparat. 

Bannon (Dublin Medical Journal, 1852, Vol. XIV, 
S. 73). Kind, Anna getauft, nach einem Jahre Andreas 
genannt. Allgemeinaussehen männlich. Hypospadiasis 
peniscrotalis. Prostata vorhanden, ebenso die Samen- 
blasen, aber keine Glandulae Cowperi. Große und 
kleine Schamlippen vorhanden. Vagina mündet unter- 
halb der Urethra nach außen. Hymen vorhanden. Uterus 
unicornis vorhanden mit fimbrienversehener linker Tube 
und angeblich ein linkes Ovarium, das aber auf den 
Durchschnitten nur Bindegewebe und nirgends Follikel 
aufweist. Rechterseits Hoden und Vas deferens. Hinter 
dem Uterus berühren sich die linksseitigen Uterusadnexa 
und der rechterseits gelegene Hoden, Kryptorchismus 
bilateralis. Hoden sicher erkennbar als solcher. (Mög- 
licherweise sind diese beiden Beobachtungen identisch; 
Originalaufsatz B an nons mir nicht zugänglich). 

8. Barkow („Uber einen wahren menschlichen 
Zwitter", Anatomische Abhandlungen, Breslau, 1851, S. 60). 
54 jähriger, verheirateter Mann, dessen Frau ein Kind 
geboren hatte, aber laut Ansicht von Barkow nicht von 



— 227 — 



dem Gatten stammend, der befruchtungsunfähig gewesen 
sein soll. Hypospadiasis peniscrotalis. In der rechten 
Schamlefzen-Hernie vermutete man» zu Lebzeiten zwei 
Hoden, bei der Sektion aber fand man in hernia den 
Uterus sowie einen normal funktionierenden Hoden und 
angeblich ein Ovarium, welches aber nur aus Bindege- 
webe, Fettzellen und Blutgefäßen bestand, ohne Spur von 
Follikelbildung. Absoluter Mangel eines Vas deferens. 
Das angebliche Ovarium war l*/ 4 Zoll lang und durch 
zwei Furchen in drei Teile geteilt; von dem vorderen 
Ende des angeblichen Ovarium zog ein strangartiges 
Gebilde zur Basis der Schamlefze, resp. des gespaltenen 
Sero tum, von dem zentralen Ende ging ein Strang zur 
Seitenwand des Uterus. Der rechte Hoden hatte neben 
dem Uterus im Scrotum gelegen, die linke Scrotalhälfte 
war leer; Penis drei Zoll lang. Vagina und Uterus 
normal auch Prostata vorhanden. 

9. Barth („Anomalie de döveloppement de Tutricule 
prostatique", Bulletin de la Soctete Anatomique de Paris, 
1878). 

10. Carl Beck (Medical Record, 25. July 1896, 
No. 1342, S. 135 und 694, und Medical Eecord, 20. Fe- 
bruary 1897, S. 260) entfernte durch Bauchschnitt bei 
einem 21jährigen Individuum, das bis zum 19. Jahre 
als Mädchen gegolten hatte, später aber als Mann ge- 
kleidet ging und schon seit dem 15. Jahre als Mann 
kohabitierte, sich auch syphilitisch infizierte, zwei 
Tumoren, die er als Hodensarkome bei beiderseitigem 
Kryptorchismus angesprochen hatte. Hypospadiasis peni- 
scrotalis. Tod an Pneumonie am 18. Tage. Penis hypo- 
spadiaeus. Scrotum gespalten, die 4 Zoll lange Vagina 
weist Hymenaleinrisse auf, im Scheidengrunde tastet man 
die Portio vaginalis uteri. Niemals Menstruation, aber 
sub coitu Ejakulation einer klebrigen Flüssigkeit aus 
zwei seitlich vom „Infundibulum" gelegenen Öffnungen. 

15* 



— 228 — 



Der Penis wird bei Erektion doppelt groß. Allgemein- 
anssehen, Gesichtsausdruck, Stimme und Behaarung 
weiblich. Bei der Nekropsie fand man einen Uterus von 
2 1 / 4 Zoll Länge, dessen Höhle im oberen Teile von 
Flimmerepithel, im unteren von Plattenepithel ausge- 
kleidet war. Tuben ohne Lumen, aber mit Ampullae. 
Brooks erklärte die Tumoren für Teratome mit Aus- 
sehen eines Teiles der Tumormassen, einem Sarkom 
gleichend. Becken und Schambehaarung männlich. Weder 
Cowpersche noch Bartholinische Drüsen gefunden. 
Mundä erklärte das Individuum für einen kryptor- 
chistischen Hypospaden mit hochgradig entwickelten 
Müllerschen Gängen. 

11. Berthold („Seitliche Zwitterbildung beim Men- 
schen", Abhandlungen der Königlichen Gesellschaft der 
Wissenschaften zu Göttingen, 1845, Bd. II, S. 104). 
Neonat, bald verstorben. Hypospadiasis peniscrotalis, 
Sinus urogenitalis l x / 2 Zoll lang. Uterus unicornis, 
links Tube, Ovar und Ligamentum rotundum vorhanden. 
Der Uterus, gut ausgebildet, mündet in den Sinus uro- 
genitalis. In der rechten Schamlefze Hoden und Neben- 
hoden, das Vas deferens zieht durch den Leistenkanal 
zum Uterus hin und verläuft in dessen Wand herab bis 
zum Sinus urogenitalis, wo es eine halbe Linie nach 
auswärts von der Urethralmündung sich nach außen er- 
öffnet. Prostata und Samenblasen fehlen. Das Mikroskop 
erwies normalen Bau des Hodens; die linksseitige Ge- 
schlechtsdrüse war von Berthold als Ovarium ange- 
sprochen worden. Ob mit Recht? Ich zweifle und habe 
deshalb die Beobachtung hier aufgenommen. 

12. Betz (Müllers Archiv, 1850, S. 65) fand einen 
Uterus unicornis bei einer männlichen, in der 32. Woche 
geborenen Frucht mit normal-männlichen äußeren Geni- 
talien. Der Uterus mündete in dem Veru montanum. 
Samenblasen fehlten. Beide Vasa deferentia traten in 



— 229 — 



die seitlichen Uteruswände ein, aber nur das rechte war 
viabel. Nur der linke Hoden lag im Scrotum, der rechte 
in der Bauchhöhle unterhalb der rechten Niere. Der 
Uterus unicornis besaß die zugehörige Tube. 

13. Die von Klotz beschriebene interessante Be- 
obachtung Billroths habe ich in meiner Arbeit: „Chi- 
rurgische Überraschungen auf dem Gebiete des Schein- 
zwittertumes", 1903, ausführlich wiedergegeben. Siehe 
auch die Abbildungen dort: Herniotomie bei einem männ- 
lichen Hypospaden, dessen linker Hoden in dem ge- 
spaltenen Scrotum lag, während in der rechten Scrotal- 
hälfte das Corpus eines ektopischen Uterus lag. Uterus 
unicornis hohen Entwicklungsgrades mit Vagina und 
Hymen, Mangel eines Vas deferens. 

Der 24jährige Israel Jaroszewski kam wegen einer 
Leistenhernie. Links in dem gespaltenen Scrotum Hoden, 
Nebenhoden und Samenstrang. Der rechtsseitige Bruch 
soll schon seit vielen Jahren existieren, fing jedoch erst 
im 16. Jahre an, sich zu vergrößern, und von eben 
diesem 16. Jahre an bekam Israel alle vier Wochen 
periodisch starke Schmerzen im Ereuz und di- 
verse Molimina, welche jedesmal 3 — 4 Tage an- 
hielten. Während dieserSchmerzperiode entleerte 
sich stets Blut, sowohl aus der Harnröhre, als 
auch aus einer Fistel im rechten Labium pu- 
dendi majus. Melancholie angesichts der genitalen 
Mißbildung bis zu Selbstmordgedanken. Billroth ver- 
mutete ein Neoplasma des rechten Hodens und machte 
die rechtsseitige Herniotomie. Im Bruchsacke ein cystisches 
Gebilde, dessen Stiel in den Leistenkanal reichte. Der 
Stiel wurde abgebunden unter teilweiser Eröffnung der 
Bauchhöhle vom Leistenschnitte aus. Nach zwei Tagen 
Collaps und Tod als Folge einer Verblutung in die Bauch- 
höhle hinein, hervorgerufen durch Abgleiten einer Ligatur. 
Sektion durch Professor Chiari: Brüste groß, weiblich, 



— 230 — 



Henna .inguinoscrotalis uteri unicornis. Der im Leisten- 
kanal eingeschnürte Uterus hatte Sanduhrform. Billroth 
hatte das Corpus uteri teilweise amputiert. Die von 
einem Hymen garnierte Vagina öffnete sich in die Urethra, 
resp. der Uterovaginalkanal und die Harnröhre öflheten 
sich in einen Canalis urogenitalis. Das linke Vas de- 
ferens mündete neben der vaginalen Mündung auch dort. 
Neben dem Uterus lag ein cystisches Gebilde, wahr- 
scheinlich der entartete rechte Hoden. Hypospadiasis 
peniscrotalis. Schambehaarung weiblich. Mangel des 
rechten Vas deferens, der Samenblasen und der Prostata. 
G-eschlechtsdrang männlich, obgleich Israel auch mit 
Männern zu kohabitieren versucht hatte. Eine Erklärung 
der allmonatlichen Blutungen ex Urethra und der Fistel 
im rechten Labium majus steht aus. Klotz vermutete, 
daß jenes rechtsseitige cystische Gebilde ein entartetes 
rechtes Ovarium sein könnte. 

14. W. Bittner (Prager Medizinische Wochenschrift, 
1895, Nr. 43, S. 491) beschrieb eine Beobachtung aus 
Bayer 8 Klinik in Prag: Man schlug das Verlangen der 
Mutter ab, eine angebliche vergrößerte Klitoris der 13- 
jährigen Tochter abzuschneiden, weil man in den Scham- 
lefzen getastete Gebilde für Hoden ansah. In der Glans 
des Geschlechtsgliedes, welches ö 1 ^ cm lang war, mündete 
ein Kanal, welcher eine Sonde 5 cm tief eindringen und 
aus dem sich ein Schleim ausdrücken ließ, der dem 
Prostataschleime ähnelte. Der Penis war gleichwohl an 
seiner unteren Fläche gespalten, die Harnröhrenmündung 
anscheinend weiblich. Unterhalb lag die Scheiden- 
mündung. Per rectum tastete man ein Gebilde, welches 
für einen rudimentären Uterus angesehen wurde. Falls 
es richtig ist, daß die in den Schamlefzen getasteten 
Gebilde Hoden waren, so läge auch hier eventuell ein 
Uterus masculinus vor, aber es handelt sich nur um Ver- 
mutungen. 



— 231 — 



15. Blacker und Lawrence („A case of true uni- 
lateral hermaphroditism with ovotestis occurring in man, 
with a summary and criticism of the recorded cases of 
true hermaphroditism", Transactions of the Obstetr. Soc. 
of London, 1896, Vol. XXXIII). Totgeborene Frucht 
von 8 J / B Monaten. Penis hypospadiaeus mit langer Vor- 
haut, unterhalb die Öffnung des Sinus urogenitalis. Das 
Scrotum sieht aus wie zwei zusammengewachsene grobe 
Schamlefzen. Keine Spur von kleinen Schamlippen zu 
entdecken. In den Sinus urogenitalis mündet die Ure- 
thra und eine Vagina von 8 mm Länge mit ausge- 
sprochener Faltenbildung ihrer Schleimhaut. Uterus 
11 mm lang und ß 1 ^ mm breit Uterus unicornis: Nur 
das rechte Horn samt Tube vorhanden. Die Tube ist 
12*/ 2 m m lang und 1% mm dick. Rechterseits fand sich 
eine Tube, ein Ovarium, ein Parovarium, ein Ligamentum 
latum und rotundum und infundibulopelvicum. Linker- 
seits fand sich nur eine rudimentäre Tube, außerdem 
linkerseits ein Wolf f scher Gang, in die Vagina mündend. 
Die rechtsseitige Geschlechtsdrüse soll ein normales 
Ovarium gewesen sein, die linksseitige aber gemischten 
Bau aufgewiesen haben, in einem Teile den Bau eines 
Hodens, in dem anderen den Bau eines Ovariums: Also 
eine Ovotestis. Nagel, welcher Kontrolluntersuchungen 
ausführte, wies nach, daß die rechtsseitige Geschlechts- 
drüse irrtümlich als ein Ovarium angesprochen worden 
war. Diese Drüse soll nach Nagel ein in der Ent- 
wickelung zurückgebliebener Hoden gewesen sein, die 
linksseitige Geschlechtsdrüse war richtig von Blacker 
und Lawrence als Hoden erkannt worden. Nach der 
Auffassung Nagels handelt es sich hier also mehr 
um die Gegenwart eines rudimentär ausgebildeten Uterus 
bei einem hodentragenden Individuum, also um männ- 
liches Scheinzwittertum und Gegenwart einer Vagina bei 
gleichzeitigem Kryptorchismus und Defekt der Prostata. 



— 232 — 



16. Boeckel („Exstirpation (Tun uterus et d'une 
trompe herni6e chez un homme", Acadömie de M6decine 
de Paris, 19. Avril 1892, Semaine mödicale, 1892, Vol. 
XII, S. 146) fand sub herniotomia bei einem Manne in 
der Hernie einen Uterus bicornis, mit Höhle versehen, 
eine Tube, einen Hoden samt Nebenhoden und Vas de- 
ferens, welche letzteren Gebilde im Ligamentum latnm 
gelagert waren. 

17. Boogarde („Persistance des canaux de Müller 
chez un homme adulte", Journal d' Anatomie et de la 
Physiologie, 1877, S. 200) fand bei einem 66jährigen 
Manne beide Müllerschen Gänge neben den Harnleitern 
nach abwärts verlaufend, wo sie in utriculo masculino 
mündeten. 

18. Gustav Brühl („Über Hermaphroditismus im 
Anschluß an einen Fall von Pseudohermaphroditismus 
masculinus completus", In.-Diss., Freiburg 1894). Pro- 
fessor v. Kahlden sezierte am 24. Juli 1893 ein 2*/ 2 
Jahre alt verstorbenes Mädchen. Äußere Genitalien 
normal weiblich, aber die großen Schamlippen sehr wenig 
entwickelt Blonde Härchen auf dem Möns Veneris. 
Klitoris 0,4 cm lang. Kleine Schamlippen normal. Hymen 
gelappt Uterus arcuatus 1,3 cm lang und 0,9 cm breit. 
Tuben ohne Lumen. Kommunikation der Vagina mit 
dem Uterus nicht nachweisbar. Die Hoden liegen an 
Stelle der Ovarien. Uterus ohne Lumen. Zwei von 
dem Uterus zu den Hoden ziehende Stränge stellen viel- 
leicht rudimentäre Vasa deferentia dar, vielleicht rudi- 
mentäre Tuben. Es handelt sich also um Gegenwart 
eines Uterus und normaler äußerer weiblicher Genitalien 
bei einem hodentragenden Individuum. 

19. Carle (siehe Gruner, „Utero e trombe di 
Fallopio in un uomo", wiedergegeben in meiner vorjährigen 
Arbeit: „Chirurgische Überraschungen auf dem Gebiete 
des Scheinzwittertumes", 1903, S. 71) operierte einen 36- 



— 233 — 



jährigen Telegraphisten wegen vor kurzer Zeit ent- 
standenen linksseitigen Leistenbruches. Bei der Opera- 
tion fand man in hernia die linke Tube, der Uterus 
samt rechter Tube lag in der Bauchhöhle, der linke 
Hoden, pathologisch entartet, wurde abgetragen. Neben 
der linken Tube verlief das linke Vas deferens. Die 
Bauchhöhle wurde bei der Operation mit eröffnet, der 
Uterus lag auf der rechten Fossa iliaca. Der Uterus 
bicornis wurde mit der ganzen linken Tube und dem 
zentralen Ende der rechten Tube abgetragen. Die Frau 
des Mannes, der nachher infolge eines Abdominaltumors 
verstarb, gab an, ihr Mann habe normalen Verstand 
gehabt, sei gutmütig gewesen, habe regelmäßig kohabitiert, 
aber die Ehe sei kinderlos geblieben ; genitale Blutungen 
soll der Mann niemals gehabt haben. Gruner gibt an, 
die entfernte linksseitige Geschlechtsdrüse sei ein Teratom 
gewesen und er sei außer Stande, zu sagen, ob aus einem 
Hoden oder aus einem Ovarium hervorgegangen. Der 
vorher erwähnte spätere Abdominaltumor dürfte wohl 
aus der anderen Geschlechtsdrüse hervorgegangen sein, 
einer Kryptorchis, vermute ich. Die äußeren Geschlechts- 
teile waren normal männlich gebildet bis auf beider- 
seitigen Kryptorchi8mus. 

20. RealdoColombo („De re anatomica", Venetiis, 
1559, Lib. XV, S. 268) vollzog die Nekropsie eines 
Zwitters und fand Hypospadiasis peniscrotalis mit dem 
Anscheine einer Vulva. In der Bauchhöhle fand man 
an Stelle der Ovarien die Hoden liegend: Ad haec, uti 
communis est fabrica muliebris, vasa spermatica fere- 
bantur, sed, quae ex iisdem prodibant, vasa deferentia 
duplicia erant, quorum unum ex utroque latere sese uteri 
fornici inseruit, alterum vero ad penis radicem, qui 
glandularum prostatarum expers erat, properabat in 
eodemque aperiebatur. Hic ergo ex ovariis testiformibus 
peculiares ductus sub tubarum specie in uterum, alii 



— 234 - 



ductibus deferentibus non absimiles peculiares ductus 
sub tubarum specie in urethram patuerunt." Auch hier 
haben wir also einen hochgradig ausgebildeten Uterus 
bei einem hodentragenden Individuum. Leider ist kein 
Wort bezüglich einer Anamnese vorhanden. 

21. Derveau (Cercle möd. de Bruxelles, 5. IV. 1901, 
„Utörus, trompes et testicules contenus dans une hernie 
inguinale congänitale chez un homme") fand bei Hernio- 
tomie an einem 69jährigen Manne, Vater von sechs 
Kindern, im Leistenbruche Uterus und beide Tuben. 
Die Vagina mündete in capite gallinaginis. Die Hoden 
lagen an Stelle der Ovarien. Keine Hypospadie. D. er- 
wähnt nichts von etwaiger Menstruation, syndromalen 
Beschwerden dysmenorrhoischen Charakters. Uterus und 
Kryptorchismus bilateralis. 

22. A. Dienst (Virchows Archiv, Bd. CLIV, Heftl) 
beschrieb einen Uterus masculinus bei einem kryptor- 
chistischen Neonaten, verstorben nach einer wegen Atresia 
ani vollzogenen Operation. 

23. Durham (1860). Beide Hoden lagen vor den 
Leistenkanalmündungen. Die Vasa deferentia hatten 
normalen Verlauf, aber ibre peripheren Enden nicht 
gefunden. Samenblasen klein. Uterus masculinus. Die 
Scheide mündete nach außen. Hypospadiasis peniscrotalis. 

24. Eppinger (Prager Vierteljahrsschrift, Bd. CXXV) 
fand bei einem 52jährigen Manne einen Uterus unicornis 
und eine Vagina. Penis und Scrotum normal. 

25. Giuseppe Fantino, Professor in Bergamo, 
vollzog am 5. III. 1902 eine Herniotomie bei einem 
Manne und fand in dem Bruchsacke einen Uterus mit 
beiden Tuben und beiden Hoden. Der linke Leisten- 
kanal war leer. Leider ist nichts erwähnt über etwaige 
genitale periodische Blutungen, Tormina etc. 

26. Feiler („Über angeborene menschliche Miß- 
bildungen im Allgemeinen und Hermaphroditen ins- 



— 235 — 



besondere", Landshut, 1820, S. 104), ebenso Mayer 
(C asp er s Wochenschrift, 1835, Nr. 50), ebenso Heppner 
(Reicherts Archiv, 1870, S. 68, S. 687) beschrieben die 
bekannte Marie Dorothea, den späteren Karl Duerrge, 
auch Derrier genannt, 1780 in Potsdam geboren, den 
Hufeland und Mursinna für ein Weib erklärt hatten, 
aber Stark und Martens für einen Mann. Stark 
untersuchte dieses Individuum, als es 23 Jahre zählte, 
und hielt es dem allgemeinen Aussehen nach für einen 
Mann. Tenorstimme, männliche allgemeine und männ- 
liche Gesichtsbehaarung. Erektiler Penis von 2 — 3 Zoll 
Länge. Hypospadiasis peniscrotalis, Geschlechtstrieb 
rein männlich, nur einmal eine Blutung ex Urethra 
nach einem Trauma. 1835 starb Duerrge in Mainz, wo 
Mayer die Sektion vollzog: Canalis urogenitalis von 
8 Linien Länge. Prostata vorhanden, Scheide in der Höhe 
von 2 1 / i Zoll blind endend. Oberhalb ein Uterus, ebenso 
lang wie die Vagina, aber ohne Lumen. Beide Tuben 
viabel. Eechterseits liegt am peripheren Tubenende der 
Hoden mit nachweisbaren Samenkanälchen, linkerseits 
liegt ein Gebilde, äußerlich mehr einem Ovar ähnelnd, 
aber von Peritoneum überzogen, ohne mikroskopische 
Untersuchung für ein Ovarium angesehen. Es bestand 
indessen nur aus Granulationsgewebe und Fettklümpchen. 
Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß Duerrge 
ein männlicher Hypospade war mit Kryptorchismus bi- 
lateralis, Uterus, Vagina und rudimentärer Entwicklung 
des linken Hodens, der irrtümlich für ein Ovar ange- 
sehen worden war. Zum mindesten ist die ovarielle 
Natur dieser Geschlechtsdrüse nicht erwiesen. Uber die 
Vasa deferentia fand ich in den mir zugänglichen Re- 
feraten keine Angaben. 

27. Feldmann („Ein Fall männlichen Schein- 
zwittertumes" [Russisch: Wracz ebnaja Gazeta, 1902, 
Nr. 39, Referat: Centr. f. Gyn., 1903, Nr. 47]). Ein 62- 



— 236 — 



jähriger Israelit wurde von .Szalita wegen Bruchein- 
klemmung operiert und starh. Der Mann war von 
niedrigem Wuchs und hatte eine Tenorstimme besessen. 
Penis (11 cm lang) und Scrotum gespalten, spärliche 
Schambehaarung. Beide Hoden lagen vor den Leisten- 
kanalöffnungen und waren taubeneigroß. Vaginalmündung 
ohne Hymen. In der Umrandung der Vaginalmündung 
jederseits eine Öffnung, welche eine dünne Sonde in die 
seitliche Scheidenwand einließ. In der Bauchhöhle fand 
man einen Uterus, von dem besonders das linke Horn 
besser ausgebildet war, der Uterus mündete in die Vagina. 
Ligg. lata schwach ausgebildet, rechterseits sieht man 
ein peripheres Tubenende mit Fimbrien. Keine Ovarien. 
Die Samenleiter gehen von den Leistenkanälen auf die 
Ligg. lata über, treten dann in die Uteruswände ein, 
verlaufen darin und in den seitlichen Scheidenwänden 
abwärts und münden mit den oben genannten Öffnungen 
nach außen. Vagina § l f 2 cm, Uteruskörper 7 cm, linkes 
Uterushorn 4,2 cm, rechtes Vas deferens 27 cm, rechter 
Hoden 2 l / 2 , linker 3 cm lang. Vasa deferentia stellenweise 
ohne Lumen. Eine Hufeisenniere quer vor der Wirbel- 
säule gelagert und zwei Ureteren. Das Foramen ovale 
im Herzen klafit. Leider ist keine Anamnese vorhanden 
bezüglich des sexuellen Empfindens. 

28. Fillipini (II Morgagni, Dicembre 1900) fand 
bei der Herniotomie an einem 23 jährigen Manne in 
einem rechtsseitigen Leistenbruche einen Uterus, eine 
Tube und ein bohnengroßes Gebilde, das er fiir ein Ovar 
ansah, während linkerseits in scroto ein Hoden getastet 
wurde. Die äußeren Genitalien normal männlich. Wahr- 
scheinlich dürfte hier eine irrtümliche Beurteilung der 
rechtsseitigen in hernia liegenden Geschlechtsdrüse vor- 
liegen. War dieselbe ein Hoden, so handelte es sich um 
hochgradige Entwickelung der Müll er sehen Fäden bei 
einem Manne. 



— 237 — 

In dem Referate: Münchner Medizinische Wochen- 
schrift, 1901, Nr. 10, S. 403, ist von einer etwaigen 
mikroskopischen Untersuchung nichts erwähnt. 

29. Fjodorow in Moskau (Referat: Centr. f. Gyn., 
1882, S. 20) sezierte eine 6 monatliche Frucht Scham 
weiblich mit starker Klitorishypertrophie anscheinlich. 
Penis hypospadiaeus, große und kleine Schamlippen vor- 
handen, Vaginalmündung unterhalb der Urethralmündung. 
Große Schamlippen leer, rechts im Leistenkanal ein 
Gebilde wie ein Hoden aussehend. Normaler dreieckiger 
Uterus mit abgerundeten Ecken, dessen Portio vaginalis 
in die Scheide eindringt Keine Prostata gefunden. Die 
rechte Tube tritt in den Leistenkanal hinein und tritt 
in Verbindung mit dem rechten Hoden. Ligamenta lata 
und rotunda vorhanden. Das rechtsseitige Vas deferens 
tritt aus dem im rechten Leistenkanale liegenden rechten 
Nebenhoden heraus. Links Tube mit Fimbriae in dem 
Ligamentum latum. Der Uterus hatte einen drüsigen 
Bau ähnlich der Prostata. In den Hoden fand man 
Samenkanälchen, eine scheinbare Erweiterung der linken 
Tube erwies sich als Nebenhoden. Der ursprünglich als 
linke Tube aufgefaßte Strang erwies sich später als das 
linke Vas deferens. Die Vasa deferentia mündeten in 
den Uterus. 

30. Flothmann („Ein Fall von ganz rudimentären 
Generationsorganen", Deutsche Medizinische Wochen- 
schrift, 1889, S. 67, und: „Geburt eines Anencephalus 
mit Pseudohermaphroditismus masculinus", Archiv für 
Gynäkologie, 1888, 33. Bd., S. 311). F. extrahierte mit 
dem stumpfen Haken den Rumpf eines Kindes, nachdem 
der Kopf schon geboren war. Das Kind wog 4000 g. 
Die Sektion, von Professor Arnold vollzogen, erwies: 
Innere und äußere Geschlechtsteile männlich, aber der 
rechte Hoden in der Bauchhöhle retiniert. Außerdem 
aber fand sich ein ziemlich großer Uterus, hinter den 



— 238 — 



Samenblasen gelegen, dessen Vagina in colliculo seminali 
der männlichen Harnröhre mündete und sondierbar war. 
Keine Tuben gefunden. 

31. A. Foges {fiEiu Fall von Hermaphroditismus 
spurius masculinus internus", Beiträge zur Geburtshülfe 
und Gynäkologie, Rudolf Chrobak gewidmet, I. Bd., 
Wien 1903). Gersuny machte den Leibschnitt bei einem 
kinderlos verheirateten normal kohabitierenden 50jährigen 
Manne M. T. Seit zwei. Jahren Schmerzen im Unterleibe 
linkerseits, seit 6 Monaten Tumor, kindskopfgroß, höckrig, 
hart, wenig beweglich, nicht schmerzhaft auf Druck! 
Der rechte Hoden fehlte in scroto, linkerseits ein Leisten- 
bruch. Penis normal. Der linke Hoden in scroto klein. 
Man diagnostizierte: Tumor testiculi sinistri bei Kryptor- 
chismus. Gersuny fand beim Bauchschnitt einen oben 
mit den Därmen verwachsenen Tumor, über welchem eine 
Tube verlief mit freiem abdominalen Ende, mit Fimbrien 
versehen. Der Tumor hatte sein Gekröse und sah ab- 
solut aus wie ein vielkämmeriges Ovarialkystom. Man 
fand nach Herausheben des Tumors aus der Bauchhöhle 
einen Uterus bicornis und tastete auch die Vaginalportion. 
Rechte Tube ebenfalls normal, der rechte Hoden lag an 
der Stelle, wo das rechte Ovarium bei Weibern liegt. 
Der rechte Hoden war 5 cm lang. Man fand das rechte 
Vas deferens nach dem Leistenkanale zu verlaufend. 
Sarcoma carcinomatodes testiculi sinistri bei beider- 
seitigem Kryptorchismus; man fand auch den linken 
Nebenhoden, aber keine Samenblasen. Die Natur des 
in der linken Hodensackhälfte liegenden bohnengroßen 
Gebildes blieb unaufgeklärt Die Vagina dürfte in capite 
gallinaginis gemündet haben. Es ist in dem Aufsatze 
nichts davon erwähnt, ob dieser Mann jemals periodische 
genitale Blutungen hatte. 

32. v, Franquö („Beschreibung eines Falles von 
sehr hochgradiger Entwickelung des We b e r sehen Organe s " 



— 239 — 



Beiträge zur Geburtshülfe und Gynäkologie, herausgegeben 
von v. Scanzoni, 1859, IV. Bd., S. 4) beschrieb ein 
Leichenpräparat eines männlichen Scheinzwitters mit 
hochgradig entwickeltem Uterovaginalkanale. Kryptor- 
chismus duplex, Penis und Scrotum un gespalten. Pro- 
stata normal, Samenblasen normal; zwischen ihnen liegt 
ein normal entwickelter Uterus; die Vagina mündet in 
colliculo seminali. Vagina 3 cm lang; in ihrer hinteren 
Wand liegen die blind abgeschlossenen peripheren Aus- 
führungsgänge der Samenblasen und Vasa deferentia. 
Uterus 2% Zoll lang mit ausgesprochenem äußeren 
Muttermund; Corpus- und Cervixhöhle unterscheidbar. 
Tuben, über 3 Zoll lang eine jede, hier und da ohne 
Lumen. Die rechte Tube fast durchwegs unwegsam, in 
die linke dringt eine Sonde vom Abdominalende aus ein 
Stück weit ein. Die Fimbriae sind beiderseits verwachsen 
mit dem Uberzuge eines jeden Nebenhodens; Ligamenta 
rotunda uteri vorhanden. Nebenhoden und Vasa de- 
ferentia normal. Die Vasa deferentia unterhalb der 
Tuben verlaufen zu den Uteruskanten hin, treten etwas 
tiefer in die seitlichen Uteruswände ein und verlaufen 
darin bis zu den Samenblasen herab. Nur das rechte 
Vas deferens hat hier und da ein Lumen, das linke ist 
ganz obliteriert. Ductus ejaculatorii fehlen! Es fehlen 
die Ausmündungen der Vasa deferentia in capite galli- 
naginis, die Hoden liegen an Stelle der Ovarien. 

33. Arnold zitiert folgende Beobachtung: Giraud 
fand 1796 Hoden im gespaltenen Scrotum, Samenblasen, 
Vasa deferentia, in der Prostata mündend, Vagina nach 
außen mündend, vom Uterus geschieden durch eine 
quere Membran. 

34. Godard („Eecherches töratologiques sur l'ap- 
pareil söminal de Thomme", Paris 1860) fand bei einem 
erwachsenen männlichen Hypospaden einen Uterus von 
normaler Größe und Gestalt; zwei Stränge verliefen von 



— 240 — 



ihm in die Leistenkanäle. Linkerseits fand sich Hoden, 
Nebenhoden und ein obliteriertes Vas deferens, rechter- 
seits Hoden nicht gefunden; jene Stränge waren die 
Ligamenta rotunda uteri. 

35. Griffith („Hermaphroditismus transversus virilis", 
Journal of Anatom, and Phys., January 1894) entfernte 
durch beiderseitige Herniotomie bei einem 23jährigen 
Individuum, das weibliche Brüste hatte, beide Hoden: 
Er fand eine Vagina und in deren Grund ein Gebilde, 
das er für einen Uterus ansprach, mit seitlichen Gebilden, 
wie die Beckenaustastung bewies. Kremasterreflex vor- 
handen, aber keine Samenstränge konstatiert Die Vagina 
endete in der Tiefe blind. 

36. Gruber (Mämoires de TAcad&nie Imperiale 
des Sciences de St P6tersbourg, 1859, Tome 11, 41, 
Nr. 13, siehe meine Arbeit im vorigen Jahrgange „Chirur- 
gische Überraschungen auf dem Gebiete des Schein- 
zwittertums", Gruppe IV, Fall 12). Kryptorchismus mit 
Carcinom einer Geschlechtsdrüse. Hypospadiasis peni- 
scrotalis, Uterus und Vagina von 8 cm Länge, die Va- 
gina unterhalb der Urethra im Sinus urogenitalis mün- 
dend: 22 jähriger Mann, infolge des Hodencarcinoms 
gestorben. (Siehe die Abbildung Fig. 18.) 

37. Günther („Commentatio de hermaphroditismo, 
Lipsiae, 1846) beschrieb den Genitalbefund der 39jährigen 
Johanne Christine Schlegel. Allgemeinaussehen männ- 
lich. Hypospadiasis peniscrotalis ; die Hoden im ge- 
spaltenen Scrotum. Im Sinus urogenitalis mündeten Ure- 
thra und Vagina. Hinter der Harnblase fand sich ein 
infantiler Uterus ohne Lumen, ohne runde Bänder, aber 
mit Ligamenta lata, der nach unten zu in die Vagina 
überging; ein Collum uteri nicht ausgesprochen. Das 
linke Vas deferens schwand im Bindegewebe unterhalb 
der Harnblase. Vagina 5 l / 2 Zoll lang mit sichtbaren 
Columnae rugarum. Hymen vorhanden. Vagina von 



— 241 — 



Prostata umgeben in ihrem unteren Teile. Penis ent- 
hielt drei Corpora cavernosa, aber keine Harnröhre. 
Samenblasen fehlten. 

38. Günther (1846). Hoden und Nebenhoden in 
scroto, das linke Vas deferens tritt in das linke Uterus- 
horn ein, das rechte schwindet in der Tunica subserosa 
vesicae. Uterus masculinus tricornis, zwei Hörner gehen 
in die Vasa deferentia über, das dritte in die Tunica 
subserosa vesicae (?). Die Vagina mündet nach außen; 
Prostata vorhanden; Hypospadiasis penis. Die Vasa 
deferentia liegen den Seitenwänden der Vesicula prosta- 
tica an und münden in collicolo seminali. Der Uterus, 

Zoll lang, mündet in vaginam. Scrotum nicht ge- 
spalten. 

39. Guldenarm (siehe meinen Aufsatz „Chirur- 
gische Überraschungen auf dem Gebiete des Schein- 
zwittertums", dieses Jahrbuch 1903, S. 73) amputierte 
an einem Manne bei einer Herniotomie einen Uterus 
bicornis und entfernte dabei auch Hoden und Neben- 
hoden, die in inniger Verbindung mit den peripheren 
Tubenenden standen, und zwar aus der linken Leiste. 
Rechterseits lag Kryptorchismus vor. Die Vagina mün* 
dete in dem Corpus gallinaginis urethrae; es gelang, sub 
operatione auch den rechten Hoden durch die Ope- 
rationswunde aus der Bauchhöhle herauszuziehen. Die 
Hernie hatte das rechte Horn eines Uterus bicornis ent- 
halten bei einem hodentragenden Individuum. Penis 
normal. Leider ist in der Beschreibung durch Siegen- 
beck van Heukelom, welche nur der anatomischen 
Seite dieser Beobachtung Rechnung trägt, nichts darüber 
gesagt, ob irgendwelche genitale periodische Blutungen 
usw. in diesem Falle vorlagen. 

40. Harvey (erwähnt von Steglehn er, S. 90) be- 
schrieb einen Fötus mit Uterus, Tuben und Vagina, 

Jahrbuch VI. 1$ 



— 242 — 



scheinbar weiblicher Scham infolge von Hypospadiasis 
peniscrotalis und an Stelle der Ovarien liegenden Hoden. 

41. Henriette (1855). Hoden in den Leistenkanälen. 
Die Vasa deferentia münden in die Urethra; keine Samen- 
blasen gefunden; Uterus ohne Höhle und ohne Cervix. 
Vagina endet in der Tiefe blind. 

42. Heppner („Uber den wahren Hermaphroditismus 
beim Menschen", Archiv für Anatomie und Physiologie, 
herausgegeben von Reichert und Dubois-Reymond, 
1870, S. 679, Tafel XVI) will bei der Nekropsie des 
zweimonatlichen Paul Bogdanow im Petersburger Findel- 
hause die gleichzeitige Anwesenheit von Ovarien und 
Hoden in der Bauchhöhle konstatiert haben, die an- 
geblichen Ovarien hielten aber später ausgeführten mi- 
kroskopischen Kontrolluntersuchungen anderer Forscher, 
namentlich Slawjanskis, nicht Stand: Es fand sich keine 
Spur von Follikeln, für das Ovarium charakteristischem 
Gewebe. Wenn diese Kontrolluntlprsucher Recht haben, 
so wäre dieser Fall aufzufassen als hochgradige Ent- 
wicklung der Müllerschen Gänge bei einem männlichen 
Hypospaden, mit Kryptorchismus behaftet. Penis hypo- 
spadiaeus. Scrotum, nicht gespalten, aber leer, prominiert 
auffallend stark nach vorn. Unterhalb des hypospadischen 
Penis die Mündung des Canalis urogenitalis, der sich in 
der Tiefe in Urethra und Vagina teilt. Die Prostata um- 
gibt den gesamten Canalis urogenitalis. Man fand wohl 
die Mündungen der Prostataausführungsgänge, aber keine 
Samenblasen. Uterus mit Vaginalportion und sichtbarem 
Arbor vitae vorhanden, beide Tuben viabel und normal 
geformt. Ligamenta lata und rotunda normal, die unter- 
halb der peripheren Tubenenden liegenden Gebilde sollten 
jederseits Hoden, Ovarium und Parovarium sein. 

43. Hesselbach („Beiträge zur Natur- und Heil- 
kunde" von Friedreich und Hesselbach, Würzburg, 
1825, Bd. I, S. 154) machte die Sektion eines 26jährigen 



— 243 — 



Gefangenen, an Schwindsucht verstorben. Trotz Gegen- 
wart von Hoden fand sich ein Uterus mit viablen Tuben, 
mit einem Muttermunde versehen. Details fehlen mir 
zur Zeit. 

44. Hyrtl (Österreichische Medizinische Wochen- 
schrift, 1851) beschrieb einen Mann mit normalen äußeren 
männlichen Geschlechtsteilen, keine Samenblasen, die Vasa 
deferentia eröffnen sich in einen Uterus bicornis. 

Hoden und Nebenhoden in scroto. Die Hörner des 
Uterus fließen in einen Kanal zusammen, der in capite 
gallinaginis mündet. Uterusschleimhaut gefaltet. Keine 
Vagina vorhanden, wohl aber eine Prostata. 

45. J ardine (Obstetrical Society of Glasgow, 26. XI. 
1902 — Referat: Centr. f. Gyn., 1903, Nr. 40). Die Sek- 
tion eines neugeborenen, bald nach der Geburt ver- 
storbenen Mädchens erwies einen hypospadischen Penis, 
ein nicht gespaltenes Scrotum, cystische Entartung beider 
Nieren, Fehlen eines Ureters, Vorhandensein von Hoden 
und Nebenhoden, Uterus samt Eileitern, breiten und 
runden Mutterbändern, Kryptorchismus. 

46. Kapsammer (Centralblatt für die Krankheiten 
der Harn- und Sexualorgane, 1900, Nr. 1). Nitze ent- 
fernte bei einem 30 jährigen Manne einen Phosphatharn- 
stein von 162 Gramm Gewicht aus einem Utriculus mas- 
culinus. Der Stein hatte Gänseeigröße. 

47. B. O. Kellner (Deutsche Medizinische Wochen- 
schrift, 1902, Nr. 1). Ein Fall von Hermaphroditismus 
lateralis aus dem Krankenhause in Bloemfontein. Ein 
etwa 22 jähriger Kaffer verstarb infolge von Typhus. Als 
der Kranke in das Hospital gebracht wurde, hielt ihn 
die Wärterin, welche ihn auskleidete, wegen der weiblichen 
Brüste für ein Weib; der Arzt konstatierte jedoch die 
Gegenwart eines Penis mit Vorhandensein des rechten 
Hodens in scroto. Der rechte Hoden taubeneigroß, die 
linke Hodensackhälfte leer. Hypospadiasis peniscrotalisj 

16* 



— 244 — 



Bei der Nekropsie fand man einen Uteras mit linker 
Tube und angeblich auch linkem Ovarium. Der Mann 
war als Kind der Kaffernsitte gemäß beschnitten worden. 
Man hielt ihn also offenbar für männlich, als er zur 
Welt gekommen war. Der Verstorbene verdiente sich den 
Unterhalt als Bereiter. Körperbau grazil, Gesichtszüge 
weiblich. Der rechte Hoden sehr klein, aber mit Epidi- 
dymis versehen, weder Samenbläschen nochVas deferens 
gefunden. 

Die linke Tube war vom peripheren Ende aus nur 
S cm weit wegsam für die Sonde. Das angebliche linke 
Ovarium, das sogar Follikel aufgewiesen haben soll, soll 
über der Tube gelegen haben, auf der Abbildung ist ein 
Ligamentum rotundum gezeichnet, welches vom Ovarium 
zum peripheren Tubenende zieht (??). Brüste gut ent- 
wickelt, aber die rechte kleiner als die linke. Persönlich 
möchte ich die Deutung Kellners anzweifeln, da eine 
mikroskopische Untersuchung nicht gemacht wurde, ich 
würde annehmen, daß es sich hier um einen Mann 
handelte mit hochgradiger Entwickelung der Müllerschen 
Fäden — ob eine Vagina existierte, ist nicht gesagt — 
die Beschreibung läßt an Genauigkeit leider viel zu 
wünschen übrig; eine Anamnese irgend welcher Art war 
in diesem Falle nicht zu erlangen, da Patient fast schon 
im Sterben begriffen in das Hospital gebracht wurde. 

48. Klebs (Lehrbuch der pathologischen Anatomie, 
Bd. I, S. 738, 1876) fand bei einem männlichen Neu- 
geborenen ein Gebilde, welches er als rudimentären 
Uterus deutete, ein Bläschen, welches mit feiner 
Mündung in capite gallinaginis urethrae sich eröffnete, 
in dessen engerer Partie er Plicae palmatae gesehen 
haben will. 

49. Klein (Münchner Med. Woch., 1898, Nr. 22) 
und Zimmermann („Ein Beitrag zur Lehre vom mensch- 
lichen Hermaphroditismus", In.-Diss., München 1901) und 



— 245 — 



Hengge (Monatsschr. für Geburtsh. und Gyn., 1902, 
S. 270) beschrieben die gleiche Beobachtung aus der 
Praxis des Dr. Katzenstein: Eine 35jährige Frau 
hatte erst neun normale Kinder geboren, dann ein Kind, 
dessen Geschlecht fraglich erschien, sodaß man einen 
Arzt holte behufs Geschlechtsbestimmung. Letzterer 
holte Dr. Klein hinzu, welcher auf männliches Geschlecht* 
erkannte. Das Kind starb nach 2 1 / 2 Jahren. Die Ne- 
kropsie ergab im rechten Leistenkanale ein mikrosko- 
pisch als Hoden erwiesenes Gebilde, den dazugehörigen 
Samenstrang, linkerseits eine atrophische Geschlechtsdrüse, 
welche weder die morphologischen Anzeichen eines Hodens, 
noch eines Ovariums bot; es fand sich ein 2,5 cm langer 
Uterus von Bleistiftdicke mit der linken Tube, welche 
mit einem Morsus diaboli versehen war. An Stelle des 
linken Eierstockes lag jene atrophische linksseitige Ge- 
schlechtsdrüse, welche sowohl mit dem Uterus durch ein 
Ligament verbunden war, als auch mit dem peripheren 
Tubenende. Excavatio vesicouterina und rectouterina vor- 
handen. Die rechte Tube verlief nach dem Leisten- 
kanale zu. Große Schamlippen vorhanden, kleine 
fehlten, Penis hypospadiaeus 2 1 /^ cm lang mit Glans, 
Vorhaut usw. Unterhalb des hypospadischen Penia 
lagen in der scheinbaren Schamspalte zwei Öffnungen, 
eine über der anderen, die Öffnung der Harnröhre über 
der Öffnung resp. Mündung der Vagina. Was aber be- 
sonders interessant ist, jederseits von der Mittellinie lag 
noch je eine kleine Öffnung seitlich von der Vaginal- 
mündung nahe zur Urethralmündung hin; diese beiden 
Öffnungen waren die Mündungen der Vasa deferentia. 
Ferner fand man noch rechterseits dicht oberhalb der 
Vaginalmündung die Mündung eines Kanales eines. 
Prostatalappens. Die Vagina war 47 mm lang. 

50. Kocher („Die Krankheiten der männlichen Ge- 
schlechtsorgane", Stuttgart, 1887, S. 577) erwähnt ein 



— 246 — 



anatomisches Präparat aus Wlirzburg, Nr. 1105, X: 
Bauchhoden beiderseits, wo die Ausbildung des untersten 
Endes der Müllerschen Gänge zu einer Vagina mit 
Uterus ein Hindernis für den Descensus abgegeben hat. 
Der obere Teil des Müllerschen Ganges, welcher vom 
Uterus ausgehend sich an den Kopf der Epididymis an- 
legt, die Verbindung des Vas deferens mit dem ganzen 
Seitenrande des Uterus, die Anheftung des den Neben- 
hoden versorgenden Gefäßstranges (Arteria deferentialis) 
an die obere Uterusecke, endlich die Verschmelzung des 
Gubernaculum testis mit dem wohl ausgebildeten Liga- 
mentum rotundum uteri bilden ebensoviele Hindernisse 
für das Herabtreten der Hoden. 

51. Krull („ Pseudohermaphroditismus masculinus 
internus", Centralblatt für Gynäkologie, 1903, Nr. 18) 
beschrieb ein totgeborenes, mehrfach mißgebildetes Kind: 
Pes varus duplex, Hernia umbilicalis, Ascites, Hydro- 
thorax, Atelektasis pulmonum, Erweiterung der Harn- 
blase bis Apfelgröße, Hydronephrose und kleinfingerweite 
Erweiterung der Ureteren, Duplizität des linken Ureters. 
Die Harnverhaltung war durch den Uterus bedingt Ute- 
rus wohl gebildet, die Vagina mündete in capite gallina- 
ginis der männlichen Harnröhre. Scrotum normal und 
Penis. An Stelle der Ovarien fanden sich TestikeL 
Jederseits ein Nebenhoden und Vas deferens und Guber- 
naculum Hunteri gefunden; man fand aber keine Ductus 
ejaculatorii. Die Vasa deferentia endigten blind inner- 
halb der Uterinwände. 

52. Langer (Archiv für Anatomie und Physiologie, 
1881) beschrieb einen neuen Fall von Uterus masculinus 
bei Erwachsenen. Junger Soldat mit beiderseitigem 
Leistenbruch, normalem Penis und Scrotum, aber Krypt- 
orchismus. Durch den Sinus pocularis gelangte eine 
Sonde in einen Uterus bicornis mit teilweise viablen 
Tuben und offener Ostia derselben. 



53. Leuckart („Über das Webersche Organ und 
dessen Metamorphosen", Illustrierte Medizinische Zeitung, 
herausgegeben von Rubner, 1852, Bd. I, S. 89, Fig. 18, 
19) beschrieb ein Präparat aus der v. Sömmering sehen 
Sammlung (Katalog derselben Nr. 49, Präparat L. N. I. 
384). Hypospadiasis peniscrotalis, Vagina 6 cm lang, 
blind endend; in vagina münden die beiden Vasa defe- 
rentia, Samenblasen gefunden in der Nähe. Die Ductus 
ejaculatorii verlaufen in Falten der Vaginalschleimhaut. 
Columna rugarum anterior ausgesprochen. Prostata fehlt. 
Ein Hoden mit Nebenhoden außerhalb des Leistenkanals 
in einer Hydrocele. 

54. Leuckart (1852). Beide Hoden in den Leisten- 
kanälen, Nebenhoden, Samenblasen und Vasa deferentia 
normal. Ductus ejaculatorii auf der Vorderfläche der 
Vesicula prostatica. Der Uterus eröffnet sich in capite 
gallinaginis urethrae. Scrotum rudimentär , Prostata 
ebenfalls, Penis sehr klein, Scrotum nicht gespalten. 

55. Lukomskij '(Russkaja Medicina, 1887, Nr. 43). 
30jährige8 Individuum, als Weib erzogen, von männ- 
lichem Aussehen. Andromastie, männliche Gesichts- 
behaarung. Haupthaar lang, in Zöpfe geflochten. Ob- 
wohl die Person weibliche Kleider trägt, vollzieht sie 
männliche Arbeiten. Nach ihrer Verheiratung wurde sie 
untersucht, weil der Mann behauptete, sie sei ganz anders 
gebaut als andere Weiber. Penis hypospadiaeus ohne 
Praeputium glandis, das Glied richtet sich bei der lei- 
sesten Berührung auf, das gespaltene Scrotum enthält 
zwei Hoden von Taubeneigröße; große und kleine Scham- 
lippen vorhanden, angeblich unterhalb der Harnröhren- 
mündung das Vaginalostium; Scheide 7 cm lang, in der 
Tiefe entdeckte man die Vaginalportion des Uterus. 
Hymen eingerissen. Niemals Periode, Geschlechtstrieb 
sehr stark, aber rein männlich. Beim Kohabitieren mit 



— 248 — 



Frauen fließt eine klebrige, weißliche Flüssigkeit aus. 
Die Person haßt den Beischlaf mit Männern. 

56. Luksch („Üher einen Fall von weit entwickeltem 
Hermaphroditismus spurius masculinus internus hei einem 
45jährigen Individuum", Neue Zeitschrift für Heilkunde) 
beschrieb das Sektionspräparat eines geisteskrank ver- 
storbenen Mannes mit sehr gut entwickeltem Uterus, an 
Stelle der Ovarien liegenden Hoden und einer Vagina, 
welche in capite gallinaginis urethrae mündete. Tod in- 
folge von Tuberkulose. Hoden rudimentär entwickelt, 
Eryptorchismus. Eine Brust weiblich gebildet, eine männ- 
lich, sonst alle sekundären Geschlechtscharaktere männ- 
lich. Niemals Erektionen des Gliedes, keine Hypospadie. 
Vasa deferentia, Samenblasen, Cowpersche Drüsen vor- 
handen, aber keine Spermatozoiden gefunden (siehe die 
Einzelheiten und die instruktive Abbildung in meinem 
Aufsatze „Interessante Beobachtungen aus dem Gebiete 
des Scheinzwittertum8", dieses Jahrbuch, Jahrgang IV, 

1902, S. 15—18, Fig. 3). 

57. F. Luksch (Prager Medizinische Wochenschrift, 

1903, Nr. 37) fand bei. der Nekropsie eines Mannes 
zwischen den beiden Vasa deferentia oberhalb ihrer Mün- 
dungen in die Prostata ein cystisches Gebilde, welches 
als Scheiden-, resp. Uterusrudiment angesehen wurde. 

58. Reuter (1. c.) erwähnt eine Beobachtung von 
Lilienfeld („Beitrag zur Morphologie und Entwicke- 
lungsgeschichte der Geschlechtsorgane", D. I., Marburg, 
1856, S. 57), betreffend die 22 Jahre alt im Wiener 
Krankenhause am 17. IX. 1850 verstorbene Anna Petro- 
vich. Linkerseits fand man vor der Mündung des Leisten- 
kanals liegend Hoden, Nebenhoden und Yas deferens, in 
der Beckenhöhle einen Uterus, der nur eine linke Tube 
besaß, und unterhalb derselben das Parovarium, daneben 
soll eine Geschlechtsdrüse gelegen haben, die keine Fol- 
likel enthielt, also wohl der zweite Hoden war. 



— 249 — 



59. Malacarne (1805). Kryptorchismus: Vasa de- 
ferentia, Vesicalae seminales gefunden. Die Ductus eja- 
culatorii münden an der Stelle, wo die kleinen Scham- 
lippen sich vereinigen. Die Vesicula prostatica öffnet 
sich in die Harnröhre, die Vagina in vestibulum. Penis 
hypospadiaeus, Labia minora vorhanden. 

60. Marchand („Ein neuer Fall von Hermaphro- 
ditismus spurius masculinus", Virchows Archiv, 1883, 
Bd. XCII, S. 286—295) beschrieb die 29 7 2 jährige Marie 
Raab, in Hessen geboren. Schon in der Schule, beson- 
ders aber vom 16. Jahre an, empfand Marie starken 
männlichen Geschlechtsdrang und kohabitierte oft mit 
Frauen; sie bemerkte auch oft Ejakulation einer weiß- 
lichen Flüssigkeit, hatte aber niemals eine genitale Blu- 
tung. Sie wurde angeblich wegen psychischer Anomalien 
unter Kuratel gestellt, eigentlich aber mehr deshalb, weil 
die ganze Gemeinde Kenntnis hatte von der Mißgestal- 
tung der Geschlechtsorgane der Marie Raab. 

Infolge der Beeinträchtigung ihrer persönlichen Frei- 
heit verlangte Marie Zuerkennung männlicher Rechte. 
Sie reichte eine Klage wegen schlechter Behandlung 
gegen ihren Bruder beim Gericht ein und es kam zu 
einer gerichtlich - medizinischen Begutachtung durch 
Marchand, Ahlfeld und Brettel. Allgemeinaussehen 
weiblich. Gesichtsausdruck männlich, aber keine männ- 
liche Gesichtsbehaarung vorhanden. Stimme männlich 
seit Stimmbruch im 17. Jahre, Hypospadiasis peniscro- 
talis. Penis 3 cm lang und 1 */ 2 cm did*. Vagina 9 cm 
lang, am Ausgang verengt, oberhalb weit, Spuren eines 
Hymen vorhanden. Urethra und Vagina münden in 
einem Sinus urogenitalis, Kryptorchismus beiderseits. Die 
Scham sieht aus wie eine weibliche, mit Hypertrophie 
der Klitoris und teilweiser Verwachsung der kleinen 
Schamlippen mit einander. Raphe vorhanden, Vestibulum 
und Frenulum labiorum. Man fand keine Prostata, wohl 



— 250 — 



aber sub narcosi ein Gebilde, das den Eindruck eines 
Uterus machte, sowie Zeitlich davon rechts ein Gebilde, 
das vielleicht ein Ovarium sein konnte. Marchand ver- 
mutete, Marie Eaab sei ein männlicher Scheinzwitter. 

61. Henricus Matthes („Specimen anatomico- 
pathologicum de vitiata genitalium genesi, quae herm- 
aphroditica dicitur", In.-Diss., Amstelodami, 1836) be- 
schrieb eine Beobachtung Vroliks aus dem Jahre 1835: 
Eine Frau hatte nach der Reihe zwei gleich mißgestaltete 
Kinder geboren. Hernia cerebri, Meningocele occipitalis, 
Labium leporinum, Palatum fissum, Polydaktylie aller 
vier Extremitäten, Scrotum fissum, Hoden nach Eröffnung 
der Bauchhöhle vor den inneren Offnungen der Leisten- 
kanäle liegend. Die Yasa deferentia ziehen von hier zur 
hinteren Wand der Harnblase und treten hier ein in 
einen Uterus bicornis. Die Urethra hat keine äußere 
Öffnung, trotzdem keine Harnstauung, weil der Urachus 
offen geblieben war. Der Magen liegt vertikal, statt 
transversal, der Blinddarm liegt linkerseits in der Bauch- 
höhle. Situs partim inversus viscerum. Denselben Fall 
hat auch Vrolik beschrieben. 

62. Mayer (1831). Linker Hoden und Nebenhoden 
in der Bauchhöhle dicht an der inneren Mündung des 
Leistenkanals. Die Vasa deferentia verlaufen seitlich 
längs des Uterus, Samenblasen vorhanden; der linke 
Ductus ejaculatorius mündet in die Urethra, rechter 
nicht gefunden. Uterus besitzt ein Collum, aber keine 
ausgesprochenen Muttermundslippen. Die Vagina mündet 
mit der Urethra in den Canalis urogenitalis nach außen. 
Prostata gut entwickelt, Hypospadiasis peniscrotalis. 

63. Mayer (1831). Hoden und Nebenhoden nahe 
den Nieren gelegen. Das linke Vas deferens steigt bis 
zur Vagina herab, das rechte, fadenförmig, schwindet 
in der Nähe des Uterushornes. Die linke Samenblase 
rudimentär, die rechte fehlt ganz. Uterus masculinus 



— 251 — 



bicornis, die Cervix uteri mündet mit einem Muttermunde 
in vaginam, die Vagina mündet in die Harnblase. Die 
Mündung dort von einer Art Falte umgeben. Kein Vesti- 
bulum vaginae vorhanden, die vordere Harnblasenwand 
liegt in einer Omphalocele. Penis hypospadiaeus. 

64. Mayer (1831). Hoden und Nebenhoden in der 
Bauchhöhle, die Vasa deferentia verlaufen längs des Ute- 
rus zu den Samenblasen. Uterus masculinus bicornis, 
die Uterusljörner ohne Lumen vereinigen sich oberhalb 
der Mündung in vaginam. Die Vagina mündet in die 
Harnblase, Prostata vorhanden, Penis und Scrotum nor- 
mal, kein Vestibulum vaginae vorhanden. 

65. Mayer (1831). Descensus incompletus testicu- 
lorum; die Vasa deferentia verlaufen längs des Uterus 
und gehen in die Samenblasen über. Die Ductus eja- 
culatorii sollen in die Vagina münden. Der Uterus be- 
sitzt beide Tuben, eine Cervix und Vaginalportion mit 
Muttermund; die Vagina mündet in vestibulo nach außen. 
Hypospadiasis peniscrotalis. 

66. Mayer (1831). Der rechte Hoden in der Nähe 
des Anulus inguinalis, der linke fehlt. Uterus ziemlich 
groß mit gefalteter Schleimhaut der Cervicalportion. Die 
weite Scheide mündet nach außen, keine Prostata, Hypo- 
spadiasis peniscrotalis. 

Mayer (Icones selectae, Bonn, 1831, Tafel 11, 
Figur 4, und Tafel 3, Figur 2, S. 9) beschrieb drei 
Fälle von Gegenwart eines Uterus bei männlichen In- 
dividuen; zwei Fälle betrafen Föten von vier resp. sechs 
Monaten, der dritte Fall einen jungen Mann von 26 Jahren. 
Hypospadie. 

67. H.Merkel (Beiträge zur pathologischen Anatomie 
und allgemeinen Pathologie, XXXH, I, S. 157, 1902) fand 
bei der Sektion eines 51jährigen an Mastdarmkrebs ver r 
storbenen Mannes einen Leistenbruch einerseits, welcher 
einen gut entwickelten Uterus neben einem Hoden ent- 



— 252 — 



hielt. Uterus und Vagina waren zusammen 20 cm 
lang. Die Vagina mündete in capite gallinaginis urethrae 
masculinae. Prostata normal; statt zwei fanden sich vier 
Samenblasen. Das Vas deferens sinistrum war in seiner 
ganzen Länge viabel, das rechtsseitige aber nur in seinem 
oberen Anteile. Normales Sperma in den Samenblasen 
gefunden. Der Mann, von durch und durch männlichem 
Aussehen, Behaarung usw., kohabitierte normal und konnte 
seine Frau schwängern; die Ehe war jedoch steril; die 
Ursache der Sterilität der Ehe lag auf Seiten der Frau! 
Der Uterus enthielt weder Blut noch Schleim und ging 
unter stetig nach unten zunehmender Verdünnung seiner 
Wände ohne eine eigentliche Portio vaginalis in die 
Scheidenwände über. Das Lumen der Scheide war 
bleistiftdick Die Hoden lagen an der Hinterfläche der 
Ligamenta lata, wo bei Weibern die Ovarien liegen. 
Man fand auch jeder seits ein dem Ligamentum ovarii 
proprium entsprechendes Band. 

Merkel gibt an, er habe im ganzen 16 Fälle von 
hoher Entwicklung eines Uterus beim Manne in der 
Literatur gefunden. 

68. H. v. Meyer („Ein Fall von Hermaphroditismus 
lateralis", Virchows Archiv, Bd.II, S. 420, 1857) beschrieb 
ein bereits vonCramer beschriebenes Präparat, der Leiche 
eines Neugeborenen entnommen. Penis hypospadiaeus, 
Scrotum nur in der oberen Hälfte gespalten. Urethral- 
mündung weiblich, Urethra von einer Prostata umgeben, 
die Ausmündungen der Prostatagänge liegen sichtbar auf 
dem Colliculus seminalis. Man sieht auf dem Colliculus 
zwei Offnungen, den Mündungen der Ductus ejaculatorii 
scheinbar entsprechend, sie entsprechen jedoch letzteren 
nicht, denn durch die linksseitige, näher der Mittellinie 
gelegene Öffnung gelangt eine dünne Sonde in die Vagina. 
In die rechte Öffnung dringt eine Sonde nur 2 mm 
tief ein. Auf der Rückfläch e der Harnblase liegen Uterus 



— 253 — 



und Vagina. Die vaginale Mündung in capite gallina- 
ginis urethrae ist 3 mm lang.« Scheide und Uterus 
getrennt schon für das Auge durch eine Art Falte. 
Uterus mehr dickwandig, mit Palmae plicatae, Scheide 
dünnwandiger mit ausgesprochenen Columnae rugarum. 
Jene Querfalte stellt den äußeren Muttermund dar. 
Rechte Tube 61 mm lang, ohne Hydatide, die linke 
106 mm lang, mit einer solchen versehen. Eechterseits 
hängt ein Ovarium an einem 13 mm langen Ligamentum 
ovarii, zwischen Ovar und Tube das Parovarium dextrum 
und eine Hydatide. Linkerseits liegt neben dem peri- 
pheren Tubenende ein Hoden mit seinem Ausführungs- 
gange, der 3 cm weit in der Richtung nach dem 
Uterus zu für eine haardünne Sonde viabel ist Dieser 
Strang kann verfolgt werden bis an das linke Uterus- 
horn, ist aber dort ohne Lumen, v. Meyer sieht in 
diesem Strang das linke Vas deferens, dessen unteres 
Ende dicht oberhalb seiner Mündung in parte prostatica 
urethrae obliteriert sein soll; es liegt aber die vorerwähnte 
Öffnung in capite gallinaginis rechterseits von der Mittel- 
linie und nicht linkerseits, was zu Zweifel an dieser 
Deutung berechtigt. Neben dem linken Hoden liegt ein 
parovariumartiges Gebilde mit einer Hydatide. Der linke 
Hoden liegt in einem breiten Sacke — Tunica vaginalis — 
in labio pudendi majori sinistro. Daher die linke 
Schamlefze größer als die rechte. In der Abbildung 
ist der Hoden «aus jenem Sacke herausgezogen dar- 
gestellt; vom Uterus zieht zu diesem Sacke ein Liga- 
mentum rotundum sinistrum; ein Gubernaculum Hun- 
teri hier auch vorhanden, v. Meyer deutet die rechts- 
seitige Geschlechtsdrüse als ein Ovarium, ohne jedoch 
Beweise für die ovarielle Natur dieser Geschlechtsdrüse 
beigebracht zu haben; es scheint vielmehr wahrscheinlich, 
daß es sich hier um Eryptorchismus duplex handelt mit 
Hypospadiasis des Penis und teilweiser Spaltung des 



— 254 — 



Scrotum bei Gegenwart eines hochgradig entwickelten 
Uterovaginalkanales, cfe Vagina in capite gallinaginis 
urethrae mündend. 

69. Moreau de Tours (Bulletin Mädical, 3. Avril 
1887. Referat: Repertoire universel d'Obstetrique et de 
Gyn6cologie, 1887, S. 311) verlangte Rektifikation der 
Metrik für ein Mädchen, das er für einen männlichen 
Hypospaden erklärte; Erektionen konstatiert und männ- 
licher Geschlechtstrieb, aber Hoden nicht getastet, Krypt- 
orchismus angenommen, ein zwischen Blase und Mast- 
darm getastetes Gebilde sprach er als Uterus masculinus 
an (für mich zweifelhafter Fall). 

70. Nuhn (1855). Die beiden Hoden, sehr klein, 
liegen vor den äußeren Mündungen der Leistenkanäle. 
Vesiculae seminales sehr klein, Vasa deferentia vorhanden. 
Die Ductus ejaculatorii verlaufen in der vorderen Wand 
der von gallertigem Schleim erfüllten Vesicula prostatica 
(Uterus), der rechte Ductus besitzt kein Lumen, der 
linke mündet in die Urethra. Prostata fehlt. Hypo- 
spadiasis peniscrotalis. (Illustrierte Medizinische Zeitung, 
Bd. HI, S. 93.) Leichenpräparat eines blindgeborenen 
Mannes von 22 Jahren. 

71. Obolonsky („Beiträge zur pathologischen Ana- 
tomie des Hermaphroditismus", Zeitschrift für Heilkunde, 
Bd. IX, S. 211, siehe meine Arbeit: „Chirurgische Über- 
raschungen auf dem Gebiete desScheinzwittertumes". Vierte 
Gruppe, Nr. 30) beschrieb die Nekropsie eines 50 Jahre alten 
Weibes, das vom 17. bis 49. Jahre regelmäßig menstruiert 
gewesen sein soll. Gleichwohl konstatierte die Sektion 
einen Hoden und männliche Hypospadiasis peniscrotalis: 
Vagina unterhalb der Urethra nach außen mündend, 6 cm 
lang mit Hymen; rudimentärer Uterus bicornis, linker- 
seits vom Uterus Hoden und Nebenhoden und Samen- 
strang; die rechte Geschlechtsdrüse wurde nicht gefunden, 
statt ihrer aber ein Tumor, ein Sarkom, welches den 



— 255 — 



Tod herbeigeführt hatte. Da man auch rechterseits ein 
Vas deferens fand, so erscheint der Schluß vollkommen 
berechtigt, daß dieses Sarkom ein Sarkom der rechten 
Kryptorchis war. Schon Wrany hatte behauptet, die 
Verstorbene sei ein Mann gewesen, und er hatte Recht. 
Becken und Brüste weiblich. Allgemeinaussehen und 
Skelett rein weiblich. Der Uterus hatte eine Höhle. 
Der Skeptiker wird hier gleich bei der Hand sein: die 
regelmäßige Periode beruht auf falscher Angabe; ob aber 
mit Recht? 

72. Odin (Lyon Mödical, 21. Juin 1874). Im Hotel m 
Dieu in Lyon verstarb an Apoplexie der 63 jährige Ar- 
beiter Nat. Matthieu Perret: Penis hypospadiaeus von 
10 cm Länge, Scrotum fissum, Raphe perinaei 7 cm 
lang. Im rechten Leistenkanal ein taubeneigroßes Ge- 
bilde. Andromastie, Becken männlich, mangelhafte 
Schambehaarung, Urethra und Vagina münden in einem 
gemeinsamen Ausgange, dem Canalis urogenitalis, zwischen 
den Schamlefzen. Vagina 8 cm lang und 6 cm breit. 
Die großen Schamlefzen sind hinten unten nicht durch 
ein Frenulum verbunden. Ein Katheter, in die vor- 
genannte Öffnung eingeführt, kann sowohl in die Blase 
gelenkt werden wie in die Vagina. Hymenartige Klappe 
vor der Vaginalmündung, Uterus rudimentär entwickelt, 
mit 8 cm tiefer Höhle, nach links geneigt; die linke 
Tube zieht gegen den Leistenkanal hin und endet blind 
ohne Morsus diaboli; dort liegt der linke Hoden und 
Nebenhoden. Ein daneben liegendes Gebilde mit Bläschen 
könnte vielleicht ein Ovar sein, sein ovarieller Charakter 
wurde aber nicht nachgewiesen. Die rechte Tube dicker 
als die linke, der rechte Hoden liegt vor der äußeren 
Mündung des Leistenkanales. Von den Hoden ziehen die 
Vasa deferentia zu den Samenblasen herab, die rechte 
Samenblase größer als die linke, die Ductus ejaculatorii 
sollen vermutlich münden in den seitlichen Umrandungen 



— 256 — 



der Harnröhrenmündung. Jegliche anamnestische Daten 
betreffs Periode, Geschlechtsdrang etc. fehlen, nur soviel 
ist bekannt, daß der Mann niemals verheiratet gewesen 
war. Odin selbst spricht sich zweifelhaft über das Ge- 
schlecht aus, die Hoden sollen zur Spermatogenese fähig 
gewesen sein. Es dürfte sich hier wohl um männliches 
Scheinzwittertum handeln mit einseitigem Eryptorchismus 
bei Hypospadiasis peniscrotalis und hochgradiger Ent- 
wickelung der Müllerschen Gänge. 

73. Palma (, } Zur pathologischen Anatomie der Bil- 
% dungsanomalien im uropoetischen System", Prager Medi- 
zinische Wochenschrift, 1891, Nr. 32, 33, S. 367). 

Professor Chiari fand bei der Sektion der Leiche eines 
58 jährigen an Schwindsucht verstorbenen Mannes die 
rechte Niere normal, die linke atrophisch, den linken 
Ureter im unteren Teile obliteriert. Ein Uterus unicornis 
kommunizierte durch eine feine Öffnung mit dem Caput 
gallinaginis partis prostaticae urethrae. Es fand sich nur 
das linksseitige Uterushorn mit einer von Schleimhaut 
ausgekleideten Höhle. Uterushorn 5 cm lang und 4 mm 
dick. Der linke Ureter trat mit seinem unteren obli- 
terierten Teile in die Wand des Uterus ein. Klebs ver- 
mutete, der Ureter sei mit dem einen Müllerschen 
Faden verschmolzen, vielleicht hat sich in diesem Falle 
der linke Ureter aus einem Müllerschen Faden ab- 
gespalten, statt aus einem Wo lff sehen Gange. 

74. Percy Paton („A case of vertical or complexe 
hermaphroditi8m with pyometra and pyosalpinx; removal 
of the pyosalpinx", Lancet, 1902, Nr. 4116, S. 148) vollzog 
den Bauchschnitt bei einem Manne wegen eines ver- 
muteten Blasentumors. Die Operation ergab, daß dieses 
hodentragende Individuum einen Uterus besaß mit beiden 
Tuben, in Pyosalpinxsäcke verwandelt, und eine Vagina, 
welche in scroto fisso mündete; die männliche Urethra 
mündete mit einer sehr engen Öffnung in die Vagina. 



— 257 — 



Der vor der Operation getastete Unterleibstumor war 
einfach die harnerfüllte Blase gewesen. Paton gibt 
nichts darüber an, ob dieser Mann irgendwelche genitale 
Blutungen periodischer Art gehabt, Tormina menstrualia, 
ob Ejakulationen vorlagen und welcher Art der Ge- 
schlechtstrieb war. 

75. Pelvet (1865). Hoden und Nebenhoden neben 
den Nieren gelegen, die Vasa deferentia kreuzen sich 
mit den Harnleitern und münden in einer Bauchspalte. 
Uterus masculinus bicornis von weicher Konsistenz mit 
ausgesprochenem Lumen eröffnet sich gleichfalls in der 
Bauchspalte. Scheide fehlt. Ektopia vesicae urinariae. 
Äußere Genitalien verraten Spaltung; man sieht nur 
jederseits eine Hautfalte; aus einer jeden geht ein Ge- 
bilde wie ein Corpus cavernosum hervor. 

76. Petit (Histoire de TAcadömie des Sciences, 
Ann6e 1780, S. 38) teilte der Akademie das Sektions- 
ergebnis eines im 22. Jahre verstorbenen Soldaten mit. 
Allgemeinaussehen männlich, Scrotum leer, beide Testikel 
in der Bauchhöhle, Samenblasen vorhanden; die Vasa 
deferentia mündeten regelrecht in parte prostatica urethrae, 
außerdem fand sich aber auf dem Colliculus seminalis 
auch die Ausmündung eines Uterus, welcher beide Tuben 
besaß, aber ohne Lumen und Morsus diaboli. Die Hoden 
und Zubehör lagen an Stelle der Ovarien. 

77. Pfannenstiel (siehe Emil von Swinarski, 
„Beitrag zur Kenntnis der Geschwulstbildungen der Geni- 
talien bei Pseudohermaphroditen", In.-Diss., Breslau, 1900). 
Amputation des myomatösen Uterus bei einer 55jährigen, 
unverehelichten, niemals menstruierten Person, als Weib 
erzogen. Die sekundären Geschlechtscharaktere durchwegs 
männlich: Knochenbau, Muskelsystem, Behaarung. Das 
äußere Genitale sieht aus wie Hypospadiasis peniscrotalis 
mit Kryptorchismus, das Geschlechtsglied, 3 cm lang, 
sub erectione 5 cm, besitzt eine lange bewegliche Vor- 

Jahrbuch VI. 17 



— 258 — 



haut, eine große Eichel. Die großen Schamlefzen sind 
im unteren Teile durch eine Raphe vereint, oberhalb liegt 
die Öffnung des Sinus urogenitalis, in dessen Grunde die 
Urethralmlindung und die von einem Hymen umsäumte 
Vaginalmündung. Der Sinus urogenitalis läßt den Finger 
2 cm tief ein, die Vagina läßt den kleinen Finger ein- 
treten. Im Scheidengrund tastet der Finger etwas wie 
eine minimale Vaginalportion eines Uterus. Absoluter 
Mangel irgend eines Geschlechtsgeflihles. Pfannenstiel 
sprach einen Tumor als Uterusmyom an und vollzog die 
Amputation des Uterus und der Adnexa. In den als 
Ovarien angesprochenen Gebilden fehlte jede Spur von 
für ein Ovarium charakteristischen Gewebselementen. 
Diese Gebilde, langgestreckt vergrößert, mit absolut glatter 
Oberfläche, bestanden nur aus einem bindegewebigen 
Stroma und einigen Blutgefäßen, ließen eine Rindenschicht 
von einer inneren unterscheiden, wiesen aber keine Spur 
von essentiellem Eierstocksgewebe auf.. Nehmen wir an, 
die Person war weiblich, so läge rudimentäre Entwickelung 
der Ovarien vor bei Klitorishypertrophie, Erektilität der 
Klitoris und Persistenz des Sinus urogenitalis und ab- 
soluter Amenorrhoe, nehmen wir an, die Geschlechts- 
drüsen waren verkümmerte Hoden, so hätten wir mit 
hochgradiger Entwickelung der Müllerschen Gänge bei 
einem männlichen Hypospaden zu tun. Die Frage bleibt 
unentschieden. 

78. Pinel (Mömoires de la Sociöte mödicale d'ömu- 
lation, Vol. IV, Ann. VIII, S. 340) beschrieb einen 
18jährigen Soldaten: Kryptorchismus, an Stelle der 
Prostata soll ein Uterus vorgelegen haben „cum tubis 
angustis ad corpora ambigua testiformia decurrentibus 
iisque adhaerentibus , quae corpora dubia epididymide 
vasculo deferente ad vesiculam seminalem magnam abeunte 
instructa erant". 

79. Pozzi (siehe meine Arbeit „Chirurgische Über- 



— 259 — 

raschüngen auf dem Gebiete, des Scheinzwittertumes", 
Separat-Abdruck, S. 33) fand sub herniotomia bei einem 
Mädchen in dem Bruchsacke einen Hoden und das linke 
Horn eines Uterus bicornis. Peyrot hatte früher bei 
diesem 32 jährigen Dienstmädchen einen beiderseitigen 
Leistenbruch konstatiert und Ektopie der beiderseitigen 
üterusadnexe bei fehlendem Uterus diagnostiziert. Beider- 
seitige Herniotomie, linkerseits eine Cyste, für Hydrosal- 
pinx angesehen, ein anderes Gebilde für ein ektopisches 
Ovarium, ein drittes für einen rudimentären Uterus. 
€yste reseziert, Uterus und das vermeintliche Ovarium 
in die Bauchhöhle geschoben. Rechterseits zwei nicht 
reponible Gebilde abgeschnitten: eine Cyste und ein für 
da9 rechte Ovarium angesehenes Gebilde. Nach einem 
Jahre Bruchrecidiv linkerseits, jetzt von Pozzi operiert: 
Das Mikroskop wies nach, daß Peyrot rechterseits einen 
Hoden entfernt hatte, linkerseits Pozzi einen Hoden. 
Vagina und Uterus vorhanden, Scham absolut weiblich, 
ohne auch nur im geringsten Grade einen Verdacht auf 
«rreur de sexe zu erwecken, da die Klitoris absolut 
nicht vergrößert war. Es handelt sich also um Hypo- 
spadiasis peniscrotalis mit Kryptorchismus und hochgra- 
diger Entwickelung der Müll ersehen Gänge. Nach der 
•ersten Operation erwachte weiblicher Geschlechtstrieb, bis 
•dahin latent, und kam Melancholie zum Ausbruch, welche 
nach der zweiten Operation noch zunahm. Hymen ein- 
gerissen bei einer Stupration im 8. Lebensjahre. All- 
gemeinaussehen und sekundäre Geschlechtscharaktere ab- 
solut weiblich. Geschlechtstrieb weiblich. Vom ^.Lebens- 
jahre an oft Nasenbluten, zuweilen mehrmals an einem 
Tage, einmal sogar zwölfmalig binnen 24 Stunden.- Diese 
Blutungen wiederholten sich niemals länger als zwei Tage 
nach der Reihe, wiederholten sich aber allmonatlich in 
gewissen Zeitabständen und wurden von Schmerzen in 
der Lendengegend begleitet, im Unterleibe und den 

17* 



— 260 — 



Beinen, dem Gefühl von Hitze, Atemnot und Kopf- 
schmerzen; in demselben Jahre traten die Erscheinungen 
der Geschlechtsreife auf, die Behaarung des Möns Vene« 
ris und Stimmbruch. Im 14. Jahre einmal nach einem 
Spaziergange während jener prämenstrualen Beschwerden 
ein dreimaliger Anfall von Somnambulismus mit nächt- 
lichem Spazierengehen im Hause. Die Nasenblutungen 
samt dem gesamten Komplex der Geleiterscheinungen 
dauerten bis zum 22. Jahre. Vom Januar bis Juni des 
32. Lebensjahres wiederholten sich drei- bis viermal Mast- 
darmblutungen bei Verstopfung — wohl auf Hämorrhoiden 
zu beziehen. Die Nasenblutungen hatten sich seit dem 
22. Jahre ganz verloren. Trotzdem dauerten die all- 
monatlich sich wiederholenden obengenannten Molimina 
an. Amenorrhoe mit periodisch sich wiederholenden 
Kongestionserscheinungen. Von Zeit zu Zeit wurden die 
Brüste für 2 — 3 Tage schmerzhaft. Mammae groß, gut 
entwickelt, mit gut entwickelter Drüsensubstanz, Becken 
breit, weiblich, Atmungstypus männlich. 

Scheide sehr eng und empfindlich, kein Uterus per 
rectum getastet, die periodischen Nasenblutungen hatten 
sich 10 Jahre lang wiederholt; Testikel atrophisch, ohne 
nachweisbare Spermatogenese. Es scheint also, daß in 
diesem Falle, obwohl notorisch Hoden vorlagen, gleich- 
wohl eine vikariierende Menstruation vorlag, mit dem 
Symptomenkomplexe, welcher als Tormina menstrualia 
bezeichnet wird, dabei ist auffallend der rein weibliche 
Geschlechtsdrang, die Melancholie nach ausgeführter 
Kastration. 

80.. Primrose („A case of Uterus masculinus",. 
British Medical Journal, 1897, Vol. II, S. 881). Bauch- 
schnitt an einem 25jährigen Kryptorchisten bei Diagnose 
eines Hodentumors: Man fand ein Hodensarkom und kon- 
statierte nach dem Tode post operationem die Gegenwart 



— 261 — 



«ines Uterus und einer Vagina; letztere mündete in capite 
gallinaginis urethrae. 

81. Römy beschrieb die Persistenz eines Müll er sehen 
Fadens bei einem Knaben; derselbe verlief parallel dem 
rechtsseitigen Harnleiter und endete oben mit einer 
Gruppe Blä3chen von Hirsekorngröße. R6my erblickte 
in diesen kleinen Cysten ein Überbleibsel des Wol ff sehen 
Körpers. Das untere Ende des Müllerschen Fadens 
eröffnete sich in capite gallinaginis partis prostaticae 
urethrae. 

82. Hubert Roberts („Pelvic viscera showing Pseudo- 
hermaphroditism", Transact of the Obstetrical Society of 
London for the Year 1901, Vol. XLIII, S. 928). Bei 
der Sektion eines 44jährigen, im Bartolomews Hospital 
infolge von Apoplexie verstorbenen Mannes, dessen se- 
kundäre Geschlechtscharaktere sämtlich männliche waren, 
der in seiner Ehe zwei Kinder gezeugt haben soll, fand 
man zunächst Kryptorchismus bilateralis, in der Bauch- 
höhle einen gut ausgebildeten Uterus mit Tuben und 
Ligamenta lata; zwei an Stelle der Ovarien liegende Ge- 
bilde erwiesen sich unter dem Mikroskop als Hoden. 
Nebenhoden normal. Keine Samenblasen gefunden. Va- 
gina rudimentär gebildet. Der linke Hoden war doppelt 
so groß als der rechte, der Uterus so groß wie normal 
bei einer Erwachsenen. Die Hoden sollen von dem 
hinteren Blatte des Ligamentum latum bedeckt gewesen 
sein. Aus dem Körper eines jeden Hodens treten eine 
Reihe Vasa deferentia heraus, um jederseits den Globus 
major epididymidis zu bilden; aus jedem Globus minor, 
oberhalb des Globus major gelegen, tritt stark geschlängelt 
ein Vas deferens aus. Die Vasa deferentia gelangen bis 
an die Seitenkanten des Uterus, mehr nach vorn zu ge- 
legen, und schwinden innerhalb der Wände der Vagina. 
Uterushöhle normal. Ligamenta rotunda gut ausgebildet. 
Die Tuben, ohne Lumen, enden jederseits in dem Globus 



— 262 — 



major des Nebenhodens, dort, wo bei dem normale» 
Manne die Hydatis Morgagni liegt, also Persistieren 
des peripheren Endes eines jeden Müllerschen Fadens. 
Keine Cervix uteri ausgesprochen. Die Uterinhöhle ver- 
engt sich nach unten zu, um dann wieder weiter zu 
werden. Die Höhle 2 Zoll lang und l 1 /, Zoll breit. 
Diese »Höhle scheint die Vagina zu sein: Eine von 
obenher in diese Vagina eingeführte Sonde kommt 
heraus in der Harnröhre in sinu poculari partis pro- 
staticae. Prostata der Quere nach abgeflacht, aber sonst 
normal. Penis normal, groß, Scrotum leer. Uterus- 
schleimhaut ganz normal, die Membrana propria tubu- 
lorum seminiferorum sehr verdickt. Dasselbe Präparat 
ist auch von Edgar Willett in der Pathological Society 
demonstriert worden 1894. In der Arbeit ist nichts er- 
wähnt von etwaigen periodischen Genitalblutungen, Men- 
struatio vicaria, Tormina usw. 

83. Ruhräh(Med. News, New-York, 1902, Vol. LXXXI r 
S. 1095). Die Sektion des Leichnams eines idiotischen 
3 jährigen Knaben erwies die Existenz eines wohlgebildeten 
Uterus und einer engen Scheide. Angeblich waren die 
Hoden in den Leistenkanälon tastbar und auch Ovarien 
vorhanden. (?) 

84. Rydygier (Czasopismo lekarskie, 1903, S. 380) 
vollzog bei einer 44 jährigen Frau eine Herniotomie und 
exstirpierte dabei den Bruchinhalt: Uterus, beide Eier- 
leiter und ein Hoden. Hernia iüguinolabialis dextra; 
trotz Vorhandenseins von Uterus und Vagina absolute 
Amenorrhoe. Eechts vom Uterus lag ein Hoden und 
Samenstrang, linkerseits eine dickwandige Cyste. 

85. Sänger (siehe meinen Aufsatz „Chirurgische 
Überraschungen auf dem Gebiete des Scheinzwittertums", 
dieses Jahrbuch, Jahrgang V, 1903, S. 43) konstatierte 
nach Herniotomie mit Exstirpation einer Geschlechts- 
drüse männliches Geschlecht einer 32jährigen Lehrerin: 



— 263 — 



Bei der Herniotomie wurde ein Uterus samt einer Tube, 
einem Hoden und einer Parovarialcyste entfernt Diese 
Person, als Mädchen erzogen, hatte niemals die Men- 
struation, aber sie litt gleichwohl alle 3 — 4 Wochen 
regelmäßig an Unterleibsschmerzen, es sind hier noto- 
risch Molimina menstrualia angegeben bei einem männ- 
lichen, also hodentragenden Individuum, bei dem infolge 
hochgradiger Entwickelung der Müll er sehen Gänge ein 
gut entwickelter Uterus vorhanden war. Die Scheide 
endete in der Höhe von 7 — 8 cm blind, schien also außer 
Zusammenhang mit dem in hernia inguinolabiali befind- 
lichen Uterus zu stehen. 

86. Schneider-Sömmering (Kopps Jahrbücher 
der Staatsarzneikunde, 1847, Bd. X, S. 134) beschrieben 
einen 74jährigen männlichen Hypospaden mit Hydrocele 
tunicae vaginalis communis testiculi und einem sack- 
artigen Uterus. 

87. Schneider-Sömmering (1817). Hoden in den 
Leistenkanälen. Die Vasa delerentia lagen dem Uterus 
an und mündeten im Sinus urogenitalis, Samenblasen 
gefunden, Scheide oben weit, unten eng, Uterus mascu- 
linus vorhanden, aber keine Prostata. Penis hypospa- 
diaeus, Scrotum gespalten, Labia minora vorhanden. 

88. Shattock („A male foetus showing reptilian 
characters in the sexual duets", Journal of Pathology 
and Bacteriology, July 1895, III, S. 237). Sektionsproto- 
koll: Ektopia vesicae urinariae, Hernia umbilicalis, rechte 
Niere verlängert, das rechte Vas deferens eröffnet sich 
in den rechten Ureter. Persistenz der Müll er sehen 
Gänge, welche unten nach außen sich eröffnen. Hoden 
in der Bauchhöhle. 

89. J. Christian Stark (Neues Archiv für Geburts- 
hilfe, Jena, 1803, Bd. II, S. 544) beschrieb die Nekropsie 
eines 27jährigen Mannes: Man fand neben dem Hoden, 
an Stelle eines Ovarium liegend, einen wohlgebildeten 



— 264 — 



Uterus, die andere Geschlechtsdrüse, von Bauchfell über- 
zogen, soll vermutlich ein Ovarium gewesen sein (letztere 
Vermutung dürfte wohl unbegründet sein, zum mindesten 
aber willkürlich). 

90. Steglehner (1807). Kryptorchismus: Neben- 
hoden vorhanden, die Vasa deferentia liegen dem Uterus 
an. Uterus von eiförmiger Gestalt, die Vagina mündet 
in capite gallinaginis urethrae und endet oben blind. 
Prostata vorhanden. Penis hypospadiaeus. 

91. Stimson (siehe meine Arbeit „Chirurgische 
Überraschungen auf dem Gebiete des Scheinzwitter- 
tums", S. 134 des Separatabdruckes) exstirpierte bei 
einem 48jährigen, zum zweiten Male verheirateten Neger, 
Vater eines Sohnes, eine Kryptorchis sarcomatosa und 
fand in der Bauchhöhle einen Uterus bicornis von mitt- 
lerer Größe mit beiden Tuben. Das Verhältnis des 
Uterus zum Beckenboden konnte sub operatione nicht 
untersucht werden; nur der rechte Hoden lag in scroto, 
Penis und Scrotum normal. 

92. Stonham („Complex or vertical Hermaphro- 
dism", Transactions of the Pathological Society of Lon- 
don, British Med. Journal, 1888, I, S. 416). Tod eines 
Kindes nach Herniotomie. Äußere Geschlechtsteile männ- 
lich, aber Kryptorchismus und teilweise Hypospadie, Pro- 
stata vorhanden. Man fand eine Vagina, einen Uterus 
bicornis mit beiden Tuben; die Hoden und Nebenhoden 
lagen an Stelle der Ovarien, keine Samenbläschen ge- 
funden. 

93. H. Ströhe (siehe meinen Aufsatz „Chirurgische 
Überraschungen auf dem Gebiete des Scheinzwitter- 
tums", Gruppe IV, Fall 40, Fig. 20 u. 21) beschrieb ganz 
vorzüglich eine sehr lehrreiche Nekropsie eines 63jährigen 
Mannes, infolge von Carcinoma oesophagi verstorben. 
Normale äußere männliche Genitalien, aber beiderseits 
Jfryptorchismus. In der Bauchhöhle ein gut ausgebildeter 



— 265 — 



Uterus mit allem Zubehör, die Hoden an Stelle der 
Ovarien liegend. (Siehe die Abbildungen.) Die Vagina 
mündete in capite gallinaginis urethrae masculae. Die 
Vasa deferentia, welche in den seitlichen Uteruswan- 
dungen nach abwärts verliefen, mündeten an normaler 
Stelle, Samenblasen vorhanden. Ströhe vermutet, die 
von ihm in utero gefundene gelbe, teigige Masse könnte 
von Blut abstammen, da sie von Salzsäure und Ferro- 
cyankalium blau gefärbt wurde. Der Mann* war lange 
kinderlos verheiratet. Leider nichts bekannt darüber, 
ob Erektion, Pollutionen, Menstruation vorhanden ge- 
wesen. 

94. Thiersch (siehe Schmorl, „Ein Fall von Herm- 
aphroditismus", Virchows Archiv, Bd. CXI, 1888, 
S. 229 — 244) versuchte an einem 22 jährigen Kunst- 
schüler eine Plastik bei peniscro taler Hypospadie, wo 
rechterseits ein Leistenbruch vorlag. Unterhalb desselben 
Hoden und Nebenhoden getastet, linke Hodensackhälfte 
leer. Linkerseits vermutete Thiersch einen Hoden in 
einer Leistenanschwellung, machte den Bruchschnitt und 
amputierte ein 5 cm langes Gebilde von 2 cm Dicke. 
Tod an Peritonitis: Man fand bei der Nekropsie einen 
Uterus bicornis und eine Vagina; der Uterovaginalkanal 
15 cm lang. Das amputierte Stück aus der linken Weiche 
war das periphere Ende der linken ektopischen Tube 
mit zwei kleinen Cysten. Das abdominale Ende der 
rechten Tube lag im rechten Leistenkanale, die rechts- 
seitige Hernie enthielt das Netz. Bei dem rechtsseitigen 
Hoden fehlten Nebenhoden und Vas deferens. Kryptor- 
ehismus sinister bei hochgradiger Entwickelung der 
Mül ler sehen Gänge. Die Vagina mündete in die Harn- 
röhre. 

95. Vaughan (New-York Medical Journal, 1891, 
Vol. V, S. 125) beschrieb einen 21jährigen Neger, welcher 
männlichen Geschlechtsdrang empfand. Hypospadiasis 



— 266 — 



peniscrotalis, Stimme, Brüste, Becken weiblich, Möns 
Veneris fett, in der rechten Hälfte des gespaltenen 
Scrotum zwei Eörperchen über einander gelegen, deren 
oberes allmonatlich anschwoll und alsdann druckempfind- 
lich and schmerzhaft wurde. Kleine Schamlippen vor- 
handen. Per rectum tastete man drei härtere Gebilde, 
deren mittleres man für einen Uterus ansprach. In dem 
gespaltenen Scrotum fand man keine Vaginalmündung. 
Man beobachtete aber eine dreitägige Blutung aus der 
Harnröhre und es gelang endlich, von der Harnröhren- 
Öffnung aus, welche also wohl die Öffnung des Sinus 
urogenitalis war, zwischen Harnblase und Mastdarm in 
den Uterus einzudringen. Die Vagina war sehr eng. In 
diesem Falle, wo man eine periodische Harnröhrenblutung 
bei einem Manne, der wirklich männlichen Geschlechts- 
drang hatte, sah, dürfte man eo ipso geneigt sein, zu ver- 
muten, daß diese Blutungen zufällige waren, und doch 
macht der spätere Untersuchungsbefund es in hohem 
Grade wahrscheinlich, daß dieser Neger einfach ein ver- 
kanntes Weib war mit Atresia vulvae bis auf die Öffnung 
des Canalis urogenitalis und eine Klitorishypertrophie. 
Die im Becken getasteten Gebilde wurden für Uterus 
und Zubehör angesprochen. 

96. Virchow („Vorstellung eines Hermaphroditen", 
Berliner klinische Wochenschrift, 1872, Nr. 49, S. 585) 
beschrieb hier die berühmte Katharina, den späteren 
Karl Hohmann, für mich die allermerkwürdigste Be- 
obachtung von Zwittertum beim Menschen. Die Hebamme 
hatte gleich nach der Geburt das Kind für ein Mädchen 
erklärt, obgleich das Genitale nichts Mädchenhaftes darbot, 
sie schämte sich in der Folge dieser Bestimmung so r 
daß sie von Mellrichstadt fortzog. Katharina erreichte 
im 15. Jahre die Reife, es stellten sich Pollutionen ein 
und sie begann alsbald mit Weibern zu kohabitieren. 
Die Immissio penis blieb aber eine unvollständige wegen 



— 267 — 



Abwärtskrümmung des Gliedes; die Ejakulation erfolgte 
stets sehr schnell. Bis zum 20. Jahre verriet sich nur 
•das männliche Geschlecht, später aber traten die an- 
geblich menstruellen Blutungen ein und zwischen dem 
20. und 30. Jahre zeigte sich Colostrum in den Brüsten. 
Damals begann Katharina weiblichen Geschlechtsdrang 
zu empfinden und kohabitierte jetzt mit Männern. Während 
eines solchen Beischlafes hatte sie selbst keine Erektion, 
auch hatte sie mehr Geschlechtsgenuß beim Coitus mit 
Frauen. Der männliche Geschlechtsdrang war bei ihr 
am stärksten^ in den ersten 2 — 3 Tagen nach der Periode. 
Diese Periode, vom 20. — 30. Jahre regelmäßig, soll dann 
seltener geworden sein, aber bis zum 42. Jahre gedauert 
haben. Katharina ist von den hervorragendsten Spezia- 
listen untersucht worden und wurde ihr Geschlecht von 
dem einen als männlich, von dem andern als weiblich be- 
zeichnet 

Vircho w konstatierte ganz zweifellos normales Sperma 
der Katharina, welche mehr als 40 Jahre als Frau gelebt 
hatte; dann heiratete sie in New-York als Mann und soll 
einen Sohn gezeugt haben. Penis hypospadiaeus, rechter- 
seits Hoden, Nebenhoden und Samenstrang in dem ge- 
spaltenen Scrotum getastet. Das Scrotum war aber nur 
in seiner oberen Hälfte gespalten; unterhalb der Harn- 
röhre mündete die Vagina, durch die der untersuchende 
Finger eine Portio vaginalis uteri tasten konnte, als 
Katharina, zur Zeit 40 Jahre alt, untersucht wurde. 
Der linke Hoden lag unterhalb der äußeren Öffnung des 
Leistenkanales. Katharina starb 1881 in New-York als 
Mann verheiratet. 

v. Franquä, v. Scanzoni, v. Recklinghausen 
garantierten dafür, daß die von Katharina gemachten An- 
gaben von regelmäßigen periodischen Blutausscheidungen 
aus dem Genitale auf strikter Wahrheit beruhten, die 
Blutungen dauerten jedesmal 2 Tage und war das Blut 



— 268 — 

mit Schleim vermischt. Alle diese Autoren behaupten, 
das Blut sei aus der Harnröhre ausgeflossen. Friedreich 
konstatierte mikroskopisch, daß menschliches Blut ge- 
funden wurde, also kein Betrug vorlag. Virchow sagt, 
die Blutungen seien nicht absolut periodische gewesen, 
sollen sich aber von Zeit zu Zeit wiederholt haben. 
Wenn die menstruelle Blutung einer Eireifung entspricht, 
wo soll man hier den Eierstock suchen? Schultze be- 
hauptete, es sei ihm gelungen, im kleinen Becken ein 
Gebilde zu tasten, das er für ein Ovarium ansprach, 
welches relativ an richtiger Stelle liegen sollte. Virchow 
und Friedreich konnten diesen Körper nicht tasten. 
Eigentlich befand sich bei Katharina unterhalb der 
Basis des hypospadischen Penis die Mündung des Canalis 
urogenitalis, des gemeinsamen Ausführungsganges für 
Harnröhre und Vagina. Keine Samenblasen und keine 
Prostata getastet, dagegen die linke Tube angeblich. 
Mammae stark entwickelt. Bezüglich aller anderen De- 
tails verweise ich auf meinen Aufsatz „Chirurgische 
Überraschungen auf dem Gebiete des Scheinzwittertumes", 
1832, S. 175 des Separatabdruckes. 

In diesem hochwichtigen Falle ist also normales 
Sperma konstatiert, was nach den heutigen Begriffen ge- 
nügen sollte, um männliches Geschlecht zweifellos zu 
behaupten. Wie sind nun jene sicher festgestellten 
periodischen Genitalblutungen zu erklären, die sich 
ziemlich regelmäßig vom 20. — 30. Jahre wiederholten, 
später seltener, aber bis zum 42. Jahre? Stammte das 
Blut aus dem Uterus? Besaß Katharina wirklich außer 
den Hoden auch Ovarien, und obendrein funktionsfähige 
Ovarien mit statthabender Ovulation? 

Bezüglich Katharina Hohmann gibt Ahlfeld an, sie 
habe stets 3 Tage vor Beginn der angeblichen Periode 
Nasenbluten gehabt und sollte sich betrugshalber mit 
diesem Blute die äußeren Genitalien beschmiert haben, 



— 269 — 



dagegen sprechen sich sämtliche anderen Forscher dafür 
aus, daß Katharina nicht betrog, sondern daß sie wirk- 
lich 22 Jahre lang alle 3 — 4 Wochen eine mehrtägige 
Genitalblutung aus dem Canalis urogenitalis hatte. Diese 
Hämaturie war von Molimina menstrualia begleitet und 
erschien auch Colostrum in den Brüsten, v. Franquö 
wagt es nicht, zu entscheiden, ob diese genitalen Blutungen 
von einer etwaigen Ovulation abhingen, was also die 
Gegenwart von Ovarien voraussetzen würde. Andere 
Forscher geben an, das ausgeschiedene Blut hätte aus der 
Blasenschleimhaut gestammt; denn einen Uterus konnte 
man absolut per rectum nicht konstatieren. 

In einem von Professor v. Becklinghausen, 
Professor v. Kölliker und v. Scanzoni am 3. De- 
zember 1866 in Würzburg unterschriebenen Unter- 
suchungsprotokolle heißt es unter anderem: „Jedenfalls 
ist von größtem Interesse der Nachweis, daß in männ- 
licher wie weiblicher Richtung Funktionen vorhanden 
waren. Eine von ihr entnommene Flüssigkeit, welche im 
Jahre 1863 Herr Gerichtsarzt Vogt untersuchte, ergab 
die Anwesenheit von Spermatozoen. Wir Unterzeichnete 
konnten in diesen Tagen wiederholt die Entleerung von 
Blut aus der Harnröhre beobachten, welche 2 Tage an- 
dauerte und auch nach der mikroskopischen Unter- 
suchung durch die vollkommen frische Beschaffenheit 
der Blutkörperchen und die Beimischung von Schleim 
eine menstruale Natur bot." Ebenso hat später auch 
Friedreich sowohl Spermatozoen im Ejakulat gefunden, 
als auch die Blutungen ex Urethra bestätigt, welche sich 
periodisch wiederholten. Friedreich vermutete bei 
Katharina Hohmann die Gegenwart eines Uterus mascu- 
linu8, weil die Sonde an der unteren Harnröhrenwand 
entlang gleitend etwa einen Zoll zentralwärts von der Ure- 
thralmündung in ein sackartiges Gebilde eintrat. Schultze 
konnte einen Uterus nicht palpieren. v. Franquö hielt 



— 270 — 



die periodischen Blutungen bei Katharina Hohmann 
positiv flir eine Art Menstruation wegen ihrer typischen 
periodischen Regelmäßigkeit, 22 Jahrelang alle 3 — 4 Wochen, 
und wegen des gesamten Symptomenkomplexes, welcher 
diese Blutungen begleitete, Molimina menstrualia und 
Colostrumausscheidung aus den Brüsten. 

97. Voll („Über eine seltene Mißbildung", Ver- 
handlungen der physikalisch -medizinischen Gesellschaft 
in Würzburg, N. F., Bd. XXIII). Fötus von 40 cm 
Länge mit Atresia ani et urethrae, rudimentärem Penis 
und Uterus masculinus. Zwischen Mastdarm und Harn« 
blase bestand eine kanalförmige Kommunikation. 

98. Vrolik („Tabulae ad illustrandam embryogenesim", 
Lipsiae, 1854, Tab. XCIV, S. 95) beschrieb die Nekropsie 
eines Individuums, welches, 1788 geboren, als Mädchen 
getauft worden war; später wurde die Person flir einen 
Mann erklärt und lebte in männlicher Stellung bis zu 
dem 1846 erfolgten Tode. Männlicher Bart, Hypospa- 
diasis peniscrotalis, Vagina und Urethra münden in den 
Canalis urogenitalis, haben also eine gemeinsame Aus- 
mündung unterhalb des hypospadischen Penis. Die 
enge Vagina geht nach oben zu ohne ausgesprochene 
Grenze in den Uterus über. Die Tuben haben keine 
abdominalen Ausmündungen, linkerseits will Vrolik 
unterhalb des peripheren Tubenendes sowohl einen 
Hoden als ein Ovarium gefunden haben, rechterseits 
lagen zwei ebensolche Gebilde in einem Scrotalbruch; 
Samenblasen fehlten. Die Hoden enthielten keine Samen- 
kanälchen, sondern erschienen cystisch mit einer dem 
Samen ähnlichen Flüssigkeit gefüllt Vasa deferentia 
wohl gebildet; das Mikroskop konnte in den vermeint- 
lichen Ovarien keine Graafschen Follikel konstatieren. 
Es dürfte sich wohl um einen männlichen Hypospaden 
handeln, mit einseitigem Kryptorchismus und hoch- 
gradiger Entwickelung der Müll ersehen Gänge. 



— 271 — 



99. Weber (J. Nep. Rusts Magazin für die ge- 
samte Heilkunde, Bd. XIV, Berlin 1823, S. 535) be- 
schrieb die Sektion einer achtmonatlich geborenen Frucht: 
Labium leporinum, Abdomen fissum, Kryptorchismus, 
Nierenanomalie; Penis sehr groß, zwischen Blase und 
Mastdarm lag ein Uterus, der in den Blasenhals mündete. 
Uterus bicornis mit einer vier Linien langen und eine 
Linie breiten Höhle. Ein Sonde drang von obenher in 
den aufgeschnittenen Uterus eingeführt in den Blasen- 
hals resp. die Pars prostatica urethrae ein. Jederseits 
vom Uterus lagen Hoden und Nebenhoden; die Vasa 
deferentia liefen abwärts längs der Seitenkanten des 
Uterus und verloren sich in der Tiefe. 

100. C. W. J. West ermann („Over een geval van 
Hermaphroditisme", Nederl. Tijds. v. Geneesk., 1902, 
2. Deel, Nr. 11). Die Sektion eines 30jährigen infolge 
von Appendicitis verstorbenen Mädchens ergab männliches 
Geschlecht trotz Gegenwart von Uterus und Vagina. Die 
Mutter war stets über das Geschlecht dieser Tochter in 
Zweifel gewesen wegen mangelnder Periode. Hypospadiasis 
peniscrotalis. Mangel der Brustdrüsen, Vaginalmündung 
von Hymen umrahmt. Männliche Schambehaarung, 
Labia majora auch an der Innenfläche behaart, leer. 
Linke Tube 7 cm lang, mit Fimbrien am freien Ende. 
Ligamenta rotunda vorhanden, sowie die Ligamenta lata. 
An Stelle, wo das Ovarium liegen sollte, nur ein Gebilde 
aus dichtgedrängtem .Bindegewebe bestehend mit einigen 
Blutgefäßen und einigen blutgefüllten Hohlräumen! 
Keine Spur von Follikeln oder Pflüg ersehen Schläuchen. 
Uterus 5 cm lang, Vagina 8 cm. Der gesamte Utero- 
vaginalkanal war für eine Sonde viabel. Die rechte 
Tube war im Gegensatz zur linken 22 cm lang, aber 
nur im peripheren Anteile fiir eine Sonde viabel. Rechter- 
seits im Leistenkanale ein offener Processus vaginalis 
peritonaei und darin ein bohnengroßer Hoden mit Tunica 



— 272 — 



albuginea und zahlreichen Tubuli contorti. Keine Sper- 
matozoiden gefunden. In mesosalpinge fand man rechter- 
seits die entartete Epididymis. In der Beschreibung ist 
nichts erwähnt von etwaigen periodischen Genitalblutungen, 
Tormina, Ejakulation usw. 

101. Edgar Willett („Transverse hermaphrodism 
in adult man", Lancet, 10. November 1894). Ein 
44 jähriger Mann, Vater von 2 Kindern, verstarb an 
Apoplexie. Bei der Nekropsie fand man einen zwischen 
2 Blättern des Bauchfells liegenden rudimentären Uterus 
sowie auch unterhalb des Uterus eine Vagina. Das 
Scrotum enthielt jederseits eine Tunica vaginalis, aber 
keine Hoden; letztere lagen kryptorchistisch an Stelle 
der Ovarien auf der Rückseite des Ligamentum latum. 
Die Vasa deferentia liefen abwärts und verloren sich in 
der Tiefe seitlich von der Vagina; ihre Ausmündungen 
wurden nicht gefunden. Nebenhoden vorhanden. Die 
mit Hydatiden versehenen Tuben ohne Lumen verliefen 
vom Uterus zu dem Lobus major eines jeden Neben- 
hodens. Uterus ohne Lumen. Die nach unten zu sehr 
verengte Vagina mündete mit feiner Öffnung in parte 
prostatica urethrae. Prostata normal, aber keine Samen- 
blasen gefunden. Becken weiblich, Hoden mikroskopisch 
erhärtet. Von etwaigen Molimina menstrualia anam- 
nestisch nichts angegeben. 

102. Winkler („Über einen Fall von Pseudoherma- 
phroditismu8 masculinus internus", In.-Diss., Zürich, 1893, 
siehe meinen Aufsatz „Chirurgische Überraschungen auf 
dem Gebiete des Scheinzwittertums", im Jahrgang 1903 
dieser Zeitschrift, Gruppe III, Fall Nr. 13). Bei der 
Sektion eines 52jährigen Mannes, verstorben an Perito- 
nitis nach Bauchschnitt wegen Darmunwegsamkeit, kon- 
statierte Bibbert die Gegenwart eines Utero vaginal- 
kanals von 17 cm Länge. Uterus bicornis mit Vagina. 
Das periphere Ende der linken Tube lag im linken 



— 273 — 



Leistenkanal. Uterushöhle 8 cm lang, Vagina 9. Das 
linke Yas deferens mündete in die Vagina, die linke 
Samenhlase lag seitlich von der Vagina. Fundus uteri 
2 cm breit. Kryptorchismus. Die Hoden lagen an der 
Stelle, wo normal die Ovarien liegen. Die Vagina mün- 
dete in parte prostatica urethrae, in capite gallinaginis. 
Penis klein, aber normal gebildet. Das periphere Ende 
der Tube lag der Bauchwand an, hatte kein Ostium, 
keine Fimbriae, nur das linke Ligamentum rotundum 
vorhanden (siehe auch die Abbildung 1. c). Spermato- 
zoiden wurden nicht gefunden. Der Mann war kinderlos 
verheiratet gewesen. Leider ist anamnestisch nichts be- 
kannt, ob etwaige Molimina vorgelegen hatten. 

103. Zahorski (siehe meinen Aufsatz „Chirurgische 
Überraschungen auf dem Gebiete des Scheinzwittertums", 
dieses Jahrbuch^ 1903, Bd. V, S. 146). Ein 25 jähriges 
Dienstmädchen erlag einem Sarkom einer Geschlechts- 
drüse. Niemals Menstruation, Allgemeinaussehen, Stimme, 
Brüste, Behaarung durchaus weiblich. Rudimentärer 
Uterus kaum 2 cm lang. Klitoris, 3^ cm lang, sah aus 
wie ein hypospadischer Penis. Vagina vorhanden; die 
rechte Geschlechtsdrüse war zu einem wahrscheinlich 
sarkomatösen Tumor entartet, die linke Geschlechtsdrüse, 
in der Bauchhöhle liegend, wurde makroskopisch für ein 
Ovarium angesehen, aber mikroskopisch nicht untersucht 
Geschlecht unentschieden. Entweder handelte es sich 
um Amenorrhoe bei einem weiblichen Scheinzwitter oder 
aber um einen männlichen Eiyptorchisten mit hoch- 
gradiger Entwicklung der Müll er sehen Gänge und 
Hypospadiasis peniscrotalis. (?) 

Nicht aufgenommen in diese Zusammenstellung, weil 
allzu zweifelhaft in der Deutung der Geschlechtsdrüsen, 
sind die Beobachtungen von Baccaloglu und Fos- 
sard, Borkhausen, Chevreuil, Gast, Howitz, 
Keiffer, 1 Fall von Obolonsky-Wrany, Rudolphi, 

Jahrbuch VI. 18 



— 274 — 



y. Säxinger, Schmidt, Schreit, Sorel und Ch6rot, 
Towsend, Unterberger, Varole (Varoler). 

In den beiden Fällen von v. Sal6n und von Garr6 
(Simon) bestand notorisch je eine Zwitterdrtise, sodaß 
hier nicht von männlichem oder weiblichem Geschlecht 
in sensu strictiori gesprochen werden kann. 

Die, was die Deutung einer Geschlechtsdrüse an- 
betrifft, fraglichen Fälle sind mit einem Fragezeichen 
ausgestattet 

Sehr interessant ist die Tatsache, daß verhältnis- 
mäßig häufig der Uterus simplex uni- oder bicomis oder 
eine Tube bei männlichen Scheinzwittern in inguinaler, 
inguinoscrotaler oder inguinolabialer Ektopie sich befand, 
also in einer Leistenhernie lag, so in den 14 Fällen von: 

Barkow, Uterus und ein Hoden ii* einem Leisten- 
bruche. 

Billroth, Uteruskörper, eine Tube und eine cystisch 
degenerierte Geschlechtsdrüse in einem rechtsseitigen 
Leistenbruche. 

Bö ekel, Uterus und eine Tube in einem Leisten- 
bruche und Hoden. 

Carle, Uterus, linke Tube und linker Hoden in 
einem Leistenbruche. 

Derveau, Uterus, beide Tuben und beide Hoden 
in einem Leistenbruche. 

Fantino, Uterus, beide Tuben und beide Hoden in 
einem Leistenbruche. 

Fillippini, Uterus, rechte Tube und rechte Ge- 
schlechtsdrüse in einem Leistenbruche. 

Garrö, rechte Tube, Ovotestis, Parovarium und 
Epididymis in einem rechtsseitigen Leistenbruche. 

Guldenarm, Horn eines Uterus bicornis, eine Tube 
und ein Hoden in einem Leistenbruche. 



— 275 — 



Merkel, Uterus und ein Hoden in einem Leisten- 
bruche. 

Pozzi, ein Horn eines Uterus bicornis und Hoden 
in einem Leistenbruche» 

Rydygier (junior), Uterus und ein Hoden in einem 
Leistenbruche. 

Sänger, Uterus, eine Tube, eine Parovarialcyste 
und ein Hoden in einem Leistenbruche. 

Thiersch, linke Tube eines Uterus bicornis bei - 
linksseitigem Kryptorchismus in einem Leistenbruche. 

Wie schon Kocher (1. c.) 1887 es betonte, steht die 
Gegenwart eines Uterus beim Manne in kausalem Nexus 
mit ein- oder beiderseitigem' Kryptorchismus, indem sie 
rein mechanisch einem oder beiden Hoden den Descensus 
unmöglich macht, wie dies auch Siegenbeck van Heu- 
kelom sehr klar erwiesen hat (siehe meine Arbeit „Chirur- 
gische Überraschungen auf dem Gebiete des Scheinzwitter- 
tums", 1903, Gruppe III, Fall 8). In der Tat ist die 
Koinzidenz von Pseudohermaphroditismus masculinus in- 
ternus mit ein- oder beiderseitigem Kryptorchismus ver- 
hältnismäßig oft angegeben. 



Uterus beim Manne 
mit einseitigem Kryptorchismus resp. Descensus 
incompletus. 

19 Fälle von: Nr. 4. Aranyi-Langer, Nr. 8. Bar- 
kow, Nr. 11. Berthold, Nr. 12. Betz, Nr. 30. Floth- 
mann, Nr. 31. Foges, Nr. 34. Godard, Nr. 39. Gulden- 
arm, Nr.47. Kellner, Nr.53. Leuckart, Nr.67,Merkel, 
Nr. 68. H. v. Meyer, Nr. 72. Odin, Nr. 84. Rydygier, 
Nr. 85. Sänger, Nr. 91. Stimson, Nr. 94. Thiersch, 
Nr. 96. Virchow, Nr. 98. Vrolik. 

18* 



— 276 — 



Uterus beim Manne 
mit beiderseitigem Kryptorchismus resp. 
Descensus incompletus. 

56 Fälle von: Nr. 2. Ackermann, Nr. 6. Arnold, 
Nr. 7. Bannon, Nr. 8. Barkow, Nr. 10. Beck, Nr. 18. 
Brühl, Nr. 19. Carle, Nr. 20. Colombo, Nr. 21. Der- 
veau, Nr. 22. Dienst, Nr. 23. Durham, Nr. 26. Feiler, 
Nr. 27. Feldmann, Nr. 29. Fjodorow, Nr. 32. von 
Franquä, Nr. 36. Gruber, Nr. 40. Harvey, Nr. 41. 
Henriette, Nr. 42. Heppner, Nr. 45. Jardine, Nr. 49. 
Klein, Nr. 50. Kocher, Nr. 51. Krull, Nr. 52. Langer, 
Nr. 54. Leuckart, Nr. 56. Luksch, Nr. 58. Lilien- 
feld, Nr. 60. Marchand, Nr. 61. Vrolik, Nr. 62. Mayer, 
Nr. 63. Mayer, Nr. 64. Mayer, Nr. 65. Mayer, Nr. 66. 
Mayer, Nr. 69. Moreau(?), Nr. 70.Nuhn, Nr. 71. Obo- 
lonsky, Nr. 74. Paton, Nr. 75. Pelvet, Nr. 76. Petit, 
Nr. 77. Pfannenstiel(P), Nr. 78. Pinel, Nr. 80. Prim- 
rose, Nr. 82. Roberts, Nr. 83. Ruhräh, Nr. 87. Schnei- 
der-Sömmering, Nr. 88. Shattock, Nr. 89. Stark, 
Nr. 90. Steglehner, Nr. 92. Stonham, Nr. 93. Ströhe, 
Nr. 99. Weber, Nr. 100. Westermann, Nr. 101. Wil- 
lett, Nr. 102. Winkler, Nr. 103. Zahorski. 

Zusammen also finden sich 75 Fälle von Koinzidenz 
eines Uterus beim Manne mit ein- oder beiderseitigem 
Kryptorchismus resp. Descensus incompletus, es liegen 
jedoch auch einige wenige Fälle vor, wo trotz Gegen- 
wart eines Uterus der volle Descensus beiderseits er- 
folgt war. 



58 Beobachtungen 
von periodischen genitalen Blntnngen 
menstruellen Anscheins, pseudomenstru- 
ellen Blutungen, Menstruatio vicaria, 
Molimina menstrualia usw. hei Schein- 
zwittern. 

Mitgeteilt von 



Dr. Franz ron Neugebauer, 

Vorstand der gynäkologischen Abteilung des Evangelischen Hospitals in Warschau. 



Es sind in dieser Zusammenstellung nicht sämtliche 
Fälle berücksichtigt, wo sogenannte Molimina menstrualia 
angegeben wurden, sondern nur die hervorragendsten. 
Ganz besonders sei auf die Beobachtungen von Messner 
und von Virchow aufmerksam gemacht, sowie auf die 
Deutung der Molimina menstrualia durch Suggestion im 
Falle Hengges. 



1. Abel („Ein Fall von Hermaphroditismus masculinus 
mit sarkomatöser Kryptorchis sinistra", Virchows Archiv, 
€XXVI, Berlin, 1891, siehe meinen Aufsatz „Chirur- 
gische Überraschungen auf dem Gebiete des Schein- 
zwittertums", dieses Jahrbuch, 1903, Gruppe IV, Fall 1). 
Tod der 33 jälirigen Albertine K. an Peritonitis, 36 Stunden 
nach vaginaler Paracentese eines Bauchhöhlentumors, 
irrtümlicherweise als Haematometra angesprochen, der 
sich als Sarcoma kryptorchidis sinistrae bei der Sektion 
erwies. Patientin, früher stets gesund, hatte ihre Pe- 
riode allmonatlich 3 Tage lang ohne Beschwerden 
vom 20. Jahre an. Die letzte Regel fand statt 
14 Tage vor Aufnahme in die Klinik. Patientin 
verlangte Operation behufs Entfernung eines Bauchhöhlen- 
tumors, weil sie, verlobt, von ihren Freundinnen ge- 
hänselt wurde wegen des stetig an Größe zunehmenden 
Leibes. Vagina blindsackartig in der Tiefe geschlossen, 
vom unteren Bande der Urethralmündung hängt ein bohnen- 



— 280 — 



großer Urethralpolyp herab. Tumor gleicht an Größe 
einem 8 Monate schwangeren Uterus. Vulva sieht aus 
wie bei einem 12jährigen Mädchen, ohne jede Spur von 
Vergrößerung der Klitoris ; große und kleine Schamlippen 
normal. Hymen vorhanden. Der rechte Hoden und ein 
ihm aufsitzendes Leiomyom liegen im rechten Leisten- 
kanal, letzteres wohl aus dem Nebenhoden entstanden. 
Abel vermutet, daß die von Patientin als Men- 
struation aufgefaßten allmonatlichen dreitägigen 
Blutungen durch den Harnröhrenpolypen veran- 
laßt waren. Der Polyp war damals operativ entfernt 
worden. Abel gibt an, man habe im Speculum eine 
kleine Portio vaginalis uteri gesehen mit Muttermunds- 
grübchen. 

2. C. W. Allen („Report of a case of psychosexual 
Hermaphrodism", . Medizinische 'Akademie in New -York, 
9. III. 1897, siehe Medical Record, 8. V. 1897, From- 
meis Jahresbericht für 1897, S. 930). Viola Estella 
Angell bat um Aufnahme in das Institut für moralisch 
gefallene Weiber in der Florence Mission. 1874 in 
Nuova Scotia geboren als das letzte von 17 Kindern 
ihrer Eltern, erzählte die Person, die Mutter sei zur 
Zeit der Schwangerschaft erschrocken infolge der Ver- 
folgung durch einen fremden Mann; der Vater aber habe 
einen teuflischen Charakter gehabt. Bis zum 14. Jahre 
wurde Viola als Mädchen erzogen, dann aber als Knabe, 
angesichts verschiedener Veränderungen in ihrem Äußeren 
und angesichts der Ansicht der Mutter, Viola werde 
leichter als Mann ihr Fortkommen finden denn als 
Mädchen. Angell wurde damals für drei Jahre in einer 
männlichen Schule untergebracht in Truro, wo er eine 
sehr unangenehme Situation hatte, da er wegen seines 
weiblichen Aussehens von den Mitschülern ausgelacht 
und verspottet wurde; man nannte ihn nicht anders als 
Sissy! Sogar Passanten auf der Straße hielten den 



1 



— 281 — 

Knaben für ein verkleidetes Mädchen. Vom 14 Jahre 
an hatte Angell alle vier Wochen eine drei bis vier 
Tage andauernde Blutung aus dem Mastdarme; 
diese periodische Mastdarmblutung wiederholt 
sich auch heute noch im Alter von 23 Jahren. 
Von Zeit zu Zeit fließt das Blut statt aus dem 
Mastdarme aus der Harnröhre aus. Zu dieser 
Zeit hat Angell besonders starke Schmerzen, 
gegen welche die Ärzte verschiedene Antidys- 
menorrhoica anwendeten mit gutem Erfolge. Schon 
ein Jahr vor dem Auftreten dieser Blutungen litt Angell 
an Bleichsucht, Kopfschmerzen und wurde öfters ohn- 
mächtig und hustete stark, in den letzten drei Mo- 
naten hatte er jedesmal vor Auftreten der perio- 
dischen Blutungen starke Leibschmerzen. Der 
Harn soll stets durch eine Harnröhrenmtindung, in dem 
Penis gelegen, abgegangen sein und gleichzeitig per 
anum. 

Angell empfand stets nur rein weiblichen Geschlechts- 
drang ohne Spur einer Erektion des Geschlechtsgliedes 
oder einer Ejakulation. Angell hat mehrmals kohabitiert, 
aber stets nur mit Männern, empfand niemals den Drang 
zu einer Kohabitation mit Frauen. 

Angell konnte es nicht ertragen, ständig zu Hause 
in der Bolle eines Mannes zu leben, da er nur für weib- 
liche Beschäftigungen Sinn hatte; er verließ also das 
Elternhaus und vermietete sich als Dienstmädchen und 
bat schließlich um Aufnahme in jenes weibliche Asyl. 
Gewicht 150 Pfund, Körperhöhe 5 Fuß und 10 Zoll, Ge- 
sicht nach dem Typus von Goethe infolge der Frisur 
des struppigen Haupthaares, Barthaare offenbar ausge- 
rissen, Gesichtsausdruck weiblich, Stimme Sopran. Die 
rechte Brust ist größer als die linke, Hand und Fuß 
einerseits männlich gebildet, andererseits weiblich. Becken 
männlich. Charakter weiblich, ebenso die Neigungen. 



— 282 — 



Verstand mittelmäßig entwickelt, große Liebe zur Poesie 
und Müsik, Hysterie. Mangel eines Kremasterreflexes. 
Sehr langer Damm. Aus der Analöffnung entleerte 
sich bei der Aufnahme Blut; nach Angaben Angells 
handelte es sich um die letzten Tage einer Menstrua- 
tionsperiode. Der Sphincter ani internus, ver- 
dickt, erinnerte an eine Portio vaginalis uteri. Es 
gelang nicht, eine Kommunikation zwischen Mastdarm 
und Harnblase zu konstatieren. Man tastete keine Spur 
von inneren weiblichen Geschlechtsorganen. Man hatte 
kaum Gelegenheit, Angell einige Tage lang zu beobachten, 
da er aus Furcht, man werde ihn wieder für einen Mann 
erklären und männlich kleiden, sofort aus der Anstalt 
entfloh. Er hinterließ nur einen Brief, in dem er er- 
klärte, er werde gutwillig männliche Kleider anlegen 
und schon irgendwie einen Modus finden, sich einzu- 
richten. 

3. Arnaud („Sur les Hermaphrodites", Dissertation, 
Paris, 1766) zitiert S. 308 eine Beobachtung: Mämoires 
de l'Acadämie des Sciences de Paris, ein Individuum 
betreffend mit normalem Penis und Kryptorchismus und 
regelmäßiger allmonatlicher Blutentleerung aus 
der Harnröhre. — Es dürfte sich wohl hier um einen 
weiblichen Scheinzwitter gehandelt haben. (?) 

4. Billroth (siehe Klotz, Nr. 13 in der vorstehenden 
Kasuistik eines Uterus bei hodentragenden Individuen). 
Vom 16. Jahre an Größenzunahme eines rechtsseitigen, 
das Corpus uteri enthaltenden Leistenbruches, gleichzeitig 
von dieser Zeit an alle vier Wochen periodische 
Schmerzen im Kreuz und diverse Molimina von je 
drei- bis viertägiger Dauer, gleichzeitig entleerte 
sich jeden Monat 4Tage lang Blut aus einer Fistel 
in den Hautdecken der Uterushernie und durch 
die Harnröhre. Seit zwei Jahren steigerten sich diese 
Molimina zu einer enormen Intensität, dauerten jedesmal 



— 283 — 



vier bis zehn Tage und trotzten jeder Behandlung, sodaß 
deshalb J. operative Abhilfe suchte. An dem postope- 
rativen Präparat zeigte sich die Uterushöhle mit braun- 
roter Masse (Blut und Zylinderepithel) erfüllt, die äußere 
Fistel hatte in den Uterus geführt. Klotz bezeichnet 
die periodischen Blutungen bestimmt als menstruelle und 
vermutet, die neben dem Uteruskörper in hernia liegende 
cystisch entartete Geschlechtsdrüse sei eher ein Ovarium 
als ein degenerierter Hoden gewesen. 

5. Reuter („Ein Beitrag zur Lehre von dem Herma- 
phroditismus", Würzburg, 1885) zitiert eine Beobachtung 
von Blackmann aus dem Jahre 1853 (Müllers Referat 
in Canstatts Jahrbuch, 1884, Bd. IV, S. 12). Ein 30- 
jähriger Mann mit Kryptorchismus soll allmonatlich 
aus der Harnröhre Blut entleert haben: Uterus mit 
zwei viablen Tuben, angeblich zwei Hoden und zwei 
Ovarien gefunden. Prostata normal. 

Hoffmann behauptet, dieser Man» sei während einer 
solchen Blutung gestorben und man habe die Vagina, 
welche sich in urethram eröffnete, mit Blut angefüllt 
gefunden. 

6. Blondel (siehe meine Arbeit „Chirurgische Über- 
raschungen auf dem Gebiete des Scheinzwittertums", 
Gruppe V, Fall 8). 45jährige verheiratete Frau, niemals 
menstruiert, hatte gleichwohl im Alter von 12 — 13 Jahren 
alle Symptome an sich beobachtet, welche dem Eintritt 
der Regel vorauszugehen pflegen: Schmerzen in der 
Lendengegend, Schweregefühl im Unterleibe, Schwindel- 
anfälle, sodaß der Hausarzt verschiedene Emmenagoga 
anwandte: Senf, Blutegel, Apiol usw. Seit 18 Monaten 
verheiratet, leidet die Frau stets sehr beim Beischlaf 
wegen Dyspareunie. Hymen rigid und bis jetzt keine 
Immissio membri gelungen. Nach einem Sturze aus der 
Höhe von 4 m Armbruch und Descensus testiculorum in 
die Schamlefzen. Hypospadiasis peniscrotalis, Erektionen 



— 284 — 



und Ejakulationen. Vagina in der Höhe von 5 cm blind 
geschlossen. Die Molimina menstrualia hörten bei 
dieser Person, einem verkannten männlichen 
Scheinzwitter, zwei Jahre nach ihrem Eintritt 
auf, aber sie hatte mensuelle Nasenblutungen im 
Alter der Menopause. 

7. Bonjour („Pseudohermaphrodisme mäle", Gazette 
M6d. de Nantes, 1888, S. 95) beschrieb als männlichen 
Scheinzwitter ein als Weib lebendes Individuum, das 
regelmäßig menstruiert sein sollte nach eigener Aus- 
sage und sich sogar eine Zeitlang für schwanger ge- 
halten hatte, trotzdem er die Gegenwart von Hoden 
nicht konstatieren konnte. Peniscrotale Hypospadie 
ohne kleine Schamlippen. Vagina in der Höhe von 
4 cm blind geschlossen; nichts von einem Uterus zu 
tasten. Das Geschlecht muß hier zweifelhaft bleiben. 
Wie aber die regelmäßigen Genitalblutungen erklären, 
wenn kein Uterus vorhanden war? 

8. C. J. Borge („En misdannelse-hypospadi", Norsk 
Magaz. for Laegevidenskab, 1876, Reihe III, Bd. VI, 
S. 342). B. M. 0., 32jährig, irrtümlich als Mädchen er- 
zogen bei peniscrotaler Hypospadie, hatte niemals die 
Periode, soll aber an Tormina menstrualia ge- 
litten haben. Jederseits Hoden, Nebenhoden und 
Samenstrang in dem gespaltenen Scrotum tastbar, außer- 
dem bestand links ein reponibler Leistenbruch. Der 
hypospadische Penis war nur 4 cm lang und 15 mm 
dick an der Eichel. Weder Uterus noch Ovarien per 
rectum tastbar. Körperhöhe 162 cm. Langes Haupt- 
haar, in zwei Zöpfe geflochten. Weibliche, hängende 
Brüste, aber welk. Becken, Extremitäten und Stimme 
männlich. 0. empfindet weiblichen Geschlechtsdrang und 
hat den Beischlaf mit Männern versucht, um „das kennen 
zu lernen". Niemals Ejakulation bemerkt, wohl aber 
Erektion des Gliedes; sie fragt, ob sie einen 50jährigen 



— 285 — 



Junggesellen heiraten kann. Sie kam zum Arzte wegen 
Herzklopfens. 

9. Hector Cläre Cameron („Notes on a Case of 
Herrn aphrodism", The British Gyn. Journal, February 1904, 
S. 347) beschreibt folgende höchst merkwürdige Opera- 
tion. Ein 27 jähriger Ingenieur, seit drei Jahren kinder- 
los verheiratet, meldete sich wegen Schmerzen, deren 
Sitz genau der Gegend der Appendix vermiformis ent- 
sprach. Der erste Anfall derselben hatte im 13. Lebens- 
jahre stattgehabt. Patient mußte eine Woche das Bett 
hüten. Im 24. Jahre etwa kam ein zweiter Schmerz- 
anfall: Die Schmerzen traten ohne Fieber und Schwel- 
lung auf und dauerten stets zwei bis drei Tage, dann 
war Patient wieder gesund. .In der letzten Zeit sind die 
Anfälle häufiger geworden, zusammen hatte Patient bis 
jetzt etwa 13 oder 14 solcher Anfälle. Man dachte an 
Appendicitis , obgleich eigentlich nichts dafür sprach, 
außer der Lokalisation der Schmerzen-, und fand denn 
auch Cameron bei der Operation im Mai 1901 den 
Wurmfortsatz ganz gesund aussehend, nur übermäßig 
lang. Keine Spur von entzündlichen Erscheinungen ge- 
funden. Er trug den Wurmfortsatz ab und Patient 
wurde entlassen, kam aber im November wieder, da seit 
der Operation sich die Schmerzanfälle regelmäßig einmal 
in jedem Monat wiederholt hatten, 24 Stunden dauernd. 
Im Dezember hatte Cameron Gelegenheit, Patienten 
während einer solchen Krise zu beobachten: Er warf sich 
von Schmerzen gequält auf dem Bette hin und her und 
sagte, so ein Leben lohne sich gar nicht. Kein Fieber, 
keine Schwellung, nur Spannung der Bauchdecken in der 
rechten Unterbauchgegend. Am 16. XII. 1901 öffnete 
Cameron den Leib in einer Linie parallel dem äußeren 
Rande des rechten Musculus abdominis rectus, führte die 
Hand in die Bauchhöhle ein und extrahierte einen wohl- 
geformten virginalen Uterus, nur etwas schmäler als 



— 286 — 



sonst, samt der rechten, mit Fimbrien versehenen Tube 
und dem rechten Ovarium, das an der Oberfläche hier 
und da kleine Dellen trug. Er resezierte die rechts- 
seitigen Adnexa und versenkte den Uterus wieder; linker- 
seits konnte er keine Adnexa uteri tasten. Am nächsten 
Tage nach der ersten Operation konnte der Mann nicht 
harnen und der katheterisierende Arzt entdeckte, daß in 
dem Hodensacke, der schlaff und welk herabhing, der 
rechte Hoden fehlte. Cameron kam auf die Idee, ob 
nicht der kryptorchistische rechte Hoden die Schmerz- 
anfälle verursache, und machte die zweite Operation, um 
diesen Hoden aufzusuchen. Penis normal gestaltet, aber 
eher zu groß als zu klein, mit guten Erektionen und 
Retraktion der Vorhaut. Die Brüste erwiesen sich groß, 
weiblich, mit tastbarer Drüsensubstanz, erhabenen Brust- 
warzen, Areola usw. Die Brüste sollten bei jedem 
Schmerzanfall anschwellen und so empfindlich werden, 
daß selbst der Druck der Bettdecke nicht vertragen 
wurde. Die Frau sagte aus, ihre Ehe sei sehr glücklich 
und ihr Mann vollziehe den Beischlaf normal; in früheren 
Zeiten vor der Hochzeit wollte er manchmal im Schlafe, 
aber selten nur, Pollutionen gehabt haben. Nachdem die 
Operation die Existenz eines rechtsseitigen Ovarium kon- 
statiert hatte, mußte man wohl annehmen, daß die Ge- 
schlechtsdrüse- in der linken Hodensackhälfte das ekto- 
pische linke Ovarium sei; dagegen sprach jedoch/ wie 
Cameron schrieb, erstens der Umstand, daß diese Ge- 
schlechtsdrüse während der Schmerzattacken nicht an- 
schwoll, während sogar die Brüste anschwollen, sowie 
daß man eine Epididymis tastete und den Samenstrang. 
Per rectum tastete Cameron ein Gebilde, das er für 
eine sehr tief liegende Prostata annahm. Das Mikroskop 
(Professor Muir) konstatierte Graafsche Follikel in dem 
bindegewebszellenreichen Stroma des Ovarium und sogar 
ein sklerosiertes Corpus luteum. Muir erklärte mit aller 



— 287 — 



Bestimmtheit die entfernte Geschlechtsdrüse für ein Ova- 
rium; sonach waren jene monatlich auftretenden heftigen 
Schmerzen nichts anderes als Molimina menstrualia, 
welche nach der Operation sich nicht wieder einstellten. 
Die Tube hatte normale Schleimhaut. 

In der Beschreibung ist mit keinem Worte irgend 
eine periodische Blutung nach außen erwähnt. Der 
Fall bleibt rätselhaft, so lange nicht die Natur der 
linksseitigen Geschlechtsdrüse festgestellt sein wird — 
ob dies je geschehen wird, ist natürlich nicht zu sagen, 
da der Mann, falls er sich jetzt beschwerdefrei fühlt, 
sich selbstverständlich nicht wieder einer Operation unter- 
ziehen wird. Auf Grund der Beobachtung dürfte man 
wohl annehmen, daß der Mann kein Mann ist, sondern 
ein Weib mit Ausbildung der äußeren Genitalien nach 
männlichem Typus, männlicher Behaarung im Gesicht 
und am ganzen Körper und labialer Ektopie des linken 
Ovarium; dies vermute ich wenigstens. 

10. Castellana (siehe meinen Aufsatz „Interessante 
Beobachtungen aus dem Gebiete des Scheinzwittertums", 
dieses Jahrbuch, 1902). Die 15jährige Carmela Capo- 
netto, die sich später als männlicher Scheinzwitter mit 
Hypospadiasis peniscrotalis erwies, mit einer Vagina du- 
plex, hatte niemals die Menstruation, wohl aber 
jeden Monat periodische Kongestionen zu den 
Genitalorganen. Kryptorchismus bilateralis. 

11. Centinon (Berliner Klinische Wochenschrift, 
1876, Nr. 1). Im Jahre 1875 wurde in Barzelona ein 
Kekrut eingezogen, ein Bauer aus der Provinz Cuenza, 
und einem Schützenbataillon eingereiht. Da der Mensch 
aber für schwerere Arbeit nicht zu gebrauchen war, so 
verwandte man ihn im Kasernendienst, schließlich erließ 
man ihm die militärische Arbeit ganz und überwies ihm 
den Hausdienst bei einem Obersten. Im 17. Jahre 
waren regelmäßige allmonatliche Blutungen aus 



— 288 — 



dem After eingetreten, welche sich 2 Jahre lang 
wiederholten mit gleichzeitigen Leibschmerzen, 
Bluterbrechen und Übelkeiten. Gegenwärtig wieder- 
holen sich die Blutungen ex ano weniger regelmäßig und 
bleiben manchmal selbst zwei Monate lang aus. Schon 
die Allgemeinerscheinung dieses Menschen ist so eigen- 
tümlich, daß es schwer zu verstehen ist, wie er zum 
Militär genommen werden konnte. Die Extremitäten 
weiblich gerundet, Brüste weiblich, aber mit männlieh 
flachen Warzen. Langes Haupthaar, sonst fast keine 
Behaarung am Körper zu sehen. Penis nicht hypospa- 
disch, nur 8 cm lang, kaum 1 cm dick, mit Glans und 
Vorhaut Die Eichel kaum halbbohnengroß. Die Harn« 
röhrenmündung in der Glans ist so schmal, daß man gar 
nicht erst versuchte, einen dünnen Katheter einzuführen; 
das Harnen dauert jedesmal sehr lange. Scrotum rudi- 
mentär gebildet und leer. Der Mastdarm läßt ohne 
weiteres den Finger 2 cm tief ein, weiter kann der Finger 
nicht eingeführt werden wegen großer Schmerzhaftigkeit 
dieser Untersuchung. Mit Hilfe eines Speculum gelang 
es, im Mastdarm eine Öffnung zu entdecken, welche 
wahrscheinlich die Rektalmündung einer Vagina ist Beim 
Abschiede weinte das Individuum bitterlich in seines- 
Nichts durchbohrendem Gefühl. Auf die Frage nach der 
Ursache der Thränen antwortete der Rekrut, es wäre so 
traurig, so nichts in der Welt zu sein, nicht Mann und 
nicht Frau. Wahrscheinlich die sogenannte Atresia 
vaginae rectalis und Ovarien vorhanden. 

12—14. Chopin (New York Medical Journal, 6. IV. 
1889) beschrieb ein allmonatliches periodisches 
Bluten eines Mannes aus der Harnröhre. Er 
kennt nur zwei analoge Beobachtungen, die von Roy er 
zitiert sind; der eine Fall betrifft einen Fleischer in 
Sedan, der andere einen auch von Chopart erwähnten 



— 289 — 



Soldaten. (Referat durch Simon und Duplay in den 
Archives g6n6rales de Midecine, Oktober 1680, S. 464.) 

15. Clark (siehe meinen Aufsatz „Chirurgische Uber- 
raschungen auf dem Gebiete des Scheinzwitter tums"> dieses 
Jahrbuch, 1903, Bd. V, S. 8) konstatierte durch beider- 
seitige Herniotomie mit Exstirpation der Hoden das männ- 
liche Geschlecht einer Witwe. Die Frau gab vor, vom 
12. Lebensjahre an anfangs unregelmäßige, später 
regelmäßige Blutungen aus dem Genitale gehabt 
zu haben, vom 25. — 28. Lebensjahre regelmäßig 
alle vier Wochen je 24 Stunden dauernd. Die 
42jährige Frau hatte vor 16 Jahren geheiratet. Ober- 
halb einer jeden Schamlefze tastete man je einen Hoden; 
dieselben waren erst vor wenigen Tagen nach dem Heben 
einer schweren Last aus den Leistenkanälen ausgetreten. 
Clark erkannte auf männliches Geschlecht, wurde aber 
schwankend angesichts der Angabe bezüglich der regel- 
mäßigen Genitalblutungen; er beschloß, eine solche ab- 
zuwarten, sie kam jedoch nicht; es schien ihm also die 
Angabe der Frau bezüglich jener Genitalblut angen auf 
Unwahrheit zu beruhen, umsomehr als die Vagina blind 
endete und kein Uterus abzutasten war. 

16. Delageniere (Progres M^dical, 1899, Nr. 2) fand 
bei einer 27jährigen Frau eine normale Vulva, aber die 
Vagina in der Höhe von 5 cm blind geschlossen und 
jederseits eine kleine inguinale Hernie; von Zeit zu 
Zeit traten menstruale Phänomene auf, aber keine 
Blutung. Delageniere schlug der Frau den Bauch- 
schnitt vor, um den Uterus aufzusuchen und mit der 
Vagina zu vernähen, aber beim Bauchschnitt fand er 
keinen Uterus, sondern exstirpierte die beiden Geschlechts- 
drüsen, welche sich als Hoden erwiesen. Sie lagen an 
den inneren Offnungen der Leistenkanäle. Das Mikro- 
skop erwies, daß es Hoden waren. 

Jahrbuch VI. 19 



— 290 — 



17. Dohm (Archiv für Gynäkologie, 1877, Bd. XI, 
S. 208) beschrieb einen verheirateten Zwitter: N. N., als 
Mädchen getauft, 28 Jahre alt, bemerkte im Anfang 
der zwanziger Jahre ein allmonatlich wieder- 
kehrendes lästiges Druckgefühl im Leibe. Die 
Mutter vermutete ein Menstruationshindernis und führte 
die Tochter zum Arzt Die Ärzte vermuteten eine Ste- 
nose des Hymen, sagten, ein Menstruationshindernis sei 
nicht da; aber wenn das Mädchen heiraten werde, werde 
ein kleiner Einschnitt notwendig sein! Die Regel kam 
jedoch überhaupt nicht. Die allmonatlichen Moli- 
mina hörten allmählich auf und es stellten sich Pol- 
lutionen ein; Verlobung; der Bräutigam verlangte eine 
neue Untersuchung. Man sagte, die Braut sei kohabi- 
tationsfähig, werde aber keine Kinder haben. Heirat; 
aber schon nach wenigen Tagen verlangte der Gatte eine 
abermalige Untersuchung wegen Unmöglichkeit des Bei- 
schlafs. Dohrn konstatierte Hypospadiasis peniscrotalis 
mit rudimentärer Vagina ohne Spur von Uterus; jeder- 
seits im gespaltenen Scrotum Hoden und Zubehör, also 
männliches Scheinzwittertum. Wie sind hier die 
Molimina vom 20. Jahre an zu erklären? 

18. Fournier (Dictionnaire des sciences mödicales, 
Article „Cas rares", S. 165) ^beschrieb Marie Walkiers, 
welche als Weib galt und behauptete, die Periode 
regelmäßig zu haben. Fournier hielt sie für einen 
männlichen Scheinzwitter und glaubte, die angebliche 
Periode beruhe auf einer Lüge, von der sich die Person 
momentanen Nutzen verspräche. 

19. Fowler („True Hermaphroditism", American 
Journal of Obstetrics, 1887, S. 423) soll einen echten 
Zwitter beschrieben haben, bei dem sowohl der Harn als 
die regelmäßige menstruelle Blutung per urethram 
ausgeschieden wurden. Dieses Individuum soll Ovarien 
und Hoden besessen haben. — Leider bin ich nicht im 



— 291 — 



Besitz der Originalarbeit, welche jedenfalls eine kritische 
Sichtung verdiente. 

20. Günther (I.e.) beschrieb einen männlichen Hypo- 
spaden von 25 Jahren, als Mädchen erzogen, beobachtet 
von Dr. Frenzel in Sachsen: Hypospadiasis peniscro- 
talis; in scroto fisso die Hoden, Nebenhoden und Samen- 
stränge. Vaginalmündung unterhalb der Urethralmündung, 
kleine Schamlippen vorhanden, kein Uterus gefunden. 
Gleichwohl im 16. und 17. Lebensjahre starke 
Molimina menstrualia, die erst in den letzten Jahren 
fortgeblieben sind. Das Mädchen war verlobt, aber bis- 
her intakt. 

21. Garr6 („Fall von echtem Hermaphroditismus", 
Deutsche Medizinische Wochenschrift, 1903, Nr. 5, S. 77; 
siehe auch Simon, „Hermaphroditismus verus", Virchows 
Archiv, 1903, Bd. CLXXH, und Zander, Anatomischer 
Anzeiger, 1903). Ein 20jähriger junger Mann verlangte 
eine Operation, welche seine Verunstaltung so modifiziere, 
daß niemand mehr an seinem männlichen Geschlecht 
zweifeln könne! Schon in frühem Alter wuchsen die 
Brüste stark, weiblich, namentlich die linke Brust. Seit 
drei Jahren vergrößern sich die Brüste perio- 
disch, zugleich treten regelmäßig periodische 
Leibschmerzen ein und eine mehrtägige Blutung 
aus der Scham. Diese Erscheinungen wieder- 
holen sich allmonatlich!!! Seit mehreren Jahren 
schon hat X. Erektionen seines Gliedes und bei libidi- 
nösen Träumen Ejakulationen einer weißlichen, klebrigen 
Flüssigkeit. Der 158 cm hohe Mann ist gut genährt. 
Die äußeren Körperkonturen erscheinen weiblich infolge 
üppigen Panniculus adiposus. Kaum eine Behaarung 
der Oberlippe zu sehen; der Kehlkopf springt nicht her- 
vor. Becken breiter als die Schultern. In der linken 
Brust tastet man bestimmt Drüsengewebe, die Warzen 
eingezogen, wenig pigmentiert Becken breit, weiblich, 

19* 



— 292 — 



flach. Der hypospadische Penis ist 4 cm laug, hat 6,5 cm 
im Umfang. Große Schamlippen leer, zwischen ihnen 
liegt die Urethralmündusg. Vor der äußeren Öffnung 
des rechten Leistenkanals ein in den Kanal reponibles 
Gebilde, welches alsbald wieder vorfällt Per rectum 
tastet man etwas wie eine membranöse quere Scheide- 
wand des kleinen Beckens und linkerseits ein verschieb- 
liches längliches Gebilde, von dem ein Strang ausgeht, 
welcher in die Harnröhre zu münden scheint. Man 
tastet diesen Strang nur, wenn man jenes Gebilde 
nach oben verschiebt. Oberhalb dieses Gebildes tastet 
man ein zweites, größeres mit höckeriger Oberfläche. 
Beide Gebilde scheinen durch ein 2 cm langes Band 
mit einander verbunden. In der Mittellinie nichts von 
einem etwaigen Uterus getastet, Bechterseits tastet 
man nur etwas wie ein Ligamentum latum. Der 
aus der Harnöffnung entnommene Schleim erwies kein 
Sperma, sondern nur flache Zellen und Detritus. Wäh- 
rend des Hospitalaufenthaltes konstatierte man in der 
vierten Woche eine eintägige Blutung aus der Harn- 
röhre. Allgemeinaussehen weiblich, Aussehen des Geni- 
tale männlich. Penis nicht nach abwärts gekrümmt, wie 
gewöhnlich bei Hypospadie; es ist bereits einmal an 
diesem Penis plastisch operiert worden. Da das Ge- 
schlecht absolut fraglich erschien, proponierte Garr6 
einen diagnostischen Einschnitt in die eine Leiste. Pa- 
tient ging darauf ein, verlangte aber gleichzeitige Ampu- 
tation beider Brüste, worauf er indes später verzichtete. 
Rechtsseitiger Leistenschnitt: Man fand innerhalb de* 
dünnwandigen Bruchsackes einen Hoden, dem ein klei- 
neres Gebilde aufsaß, einen Samenstrang, Vas deferens; 
eine 7 cm lange Tube wurde aus dem Leistenkanale 
herausgezogen, mit Fimbrien am Abdominalende ver- 
sehen; man fand auch ein Parovarium und ein Liga- 
mentum latum. Man amputierte die Tube, sowie da* 



— 293 — 



Parovarium und resezierte aus den übrigen Gebilden je 
ein Stückchen für mikroskopische Forschung. Nach Re- 
sektion des Bruchsackes Vernähung der Wunde. Ge- 
nesung. Die Hernie hatte einen Hoden enthalten, der 
in seinem oberen Anteile ovarielle Struktur aufwies, also 
eine gemischte Geschlechtsdrüse (Ovotestis), einen Neben- 
hoden samt Vas deferens, eine Tube und ein Parovarium. 
Simon zieht aus der mikroskopischen Untersuchung den 
bestimmten Schluß, daß hier wahres Zwittertum vorliege. 
Da nun notorisch menstruelle Blutausscheidungen ex Ure- 
thra bestehen, so dürfte man annehmen, daß das Ova- 
rialgewebe funktionsfähig sei. Dunkel bleibt aber, wie 
die andere Geschlechtsdrüse beschaffen sein mag. Zweifel- 
los dürfte hier die Annahme gerechtfertigt sein, daß 
nicht nur die rechte Tube vorhanden war, sondern ein 
Uterus mit gesamtem Zubehör. Ausdrücklich betone ich 
hier, daß Garrö allmonatliche Molimina in der 
Art der menstruellen angibt, ziehende Schmerzen 
in den Lenden und dem Unterbauch, Anschwellen 
der Brüste usw. 

22. J. J. Riddle Goffe („A Pseudohermaphrodite 
in which female Characteristics predominated; Operation 
for Rem oval of the Penis and the Utilization of the 
Skin covering it for formation of a vaginal canal", Ame- 
rican Journal of Obstetrics, 19Ö3, Vol. XLVIII, Nr. 6) 
beschrieb folgende merkwürdige Beobachtung: Ein 28- 
jähriges, in New-York geborenes Mädchen irländischer 
Herkunft, dessen Eltern und je vier Brüder und vier 
Schwestern normal gebildet sind, ist in letzter Zeit stark 
abgemagert. Das Mädchen hatte eine höhere Schule be- 
endet und befand sich stets lieber in Gesellschaft von 
Männern als von Mädchen. Geschlechtstrieb ganz weib- 
lich, niemals eine Liebschaft mit einer Freundin. Schon 
im 14. Jahre bemerkte E. C. eine rasch zunehmende Be- 



— 294 — 



haarung der Scham und gleichzeitig Erektionen ihres Ge- 
schlechtsgliedes. Bei diesen Erektionen, welche sie anfangs 
oft willkürlich hervorrief, empfand sie zuerst ein angeneh- 
mes Gefühl, später aber wurden ihr diese Erektionen lästig 
und wünschte sie dringend die operative Beseitigung des 
Gliedes, weil es ihre Gestaltung derjenigen anderer Mäd- 
chen unähnlich mache. Wegen ihres starken männlichen 
Bartwuchses stark verschleiert, kam sie zu Goffe. Gang, 
Stimme und Gesichtsausdruck weiblich, die Extremitäten 
stark behaart .Andromastie. Behaarung des Unterleibes 
männlich, ebenso Schambehaarung sehr üppig männlich. 
Klitoris, 3 Zoll lang und 3 l / 2 Zoll im Umfang messend, 
richtet sich bei der leisesten Berührung auf, Bei der 
Erektion retrahiert sich das Präputium stark nach hinten. 
Zwischen den Schamlefzen sieht man eine Öffnung — 
die Mündung des Sinus urogenitalis; eine Harnröhren- 
mündung zunächst nicht sichtbar. Eine Sonde dringt 
durch diese Öffnung 4 ] / 2 Zoll tief in eine Vagina ein. 
Per rectum tastete man weder einen Uterus noch Ova- 
rien, dagegen oberhalb des oberen Endes der Vagina 
eine Art Strang. Auf die Frage, ob E. C. ein Mann sein 
wolle oder ein Weib, antwortete E. C. mit aller Be- 
stimmtheit, sie wolle ein Weib sein und bat um die Ent- 
fernung des ihr lästigen Wuchses. Am 11. III. 1903 
amputierte Goffe unter Äthernarkose das Glied, nach- 
dem er vorher mit stumpfer Gewalt sich einen Weg in 
die Vagina gebohrt, mit anfangs einem, dann zwei Fin- 
gern — er diktierte stumpf den Canalis urogenitalis so 
weit, daß er schließlich den Mittelfinger bis an den 
Scheideogrund in vaginam einführen konnte; dabei machte 
er zwei seitliche Einschnitte, welche ziemlich stark blu- 
teten; es waren natürlich bei diesem Vorgehen Einrisse 
in den Wänden des Canalis urogenitalis resp. der Vagina 
entstanden, und diese tapezierte Goffe auf eine eigen- 
tümliche Weise mit Haut. Da die inneren Flächen der 



— 295 — 



Schamlefzen zu stark behaart waren, um sie zur Aus- 
polsterung des Kanals zu benützen, so machte er je einen 
Längsschnitt an dem Dorsum der hypertrophischen Kli- 
toris resp. des hypospadischen Penis, präparierte die 
Hautdecken von dem Gliede bis an die Wurzel von der 
Corona glandis beginnend ab und implantierte diese beiden 
Hautlappen in die Wundflächen, die bei der forcierten 
Dilatation entstanden waren; es gelang später, im Grunde 
der Vagina eine kleine Vaginalportion zu entdecken, 
deren Muttermund eine Sonde beinahe 2 Zoll tief ein- 
dringen ließ. Wegen Blutung sub operatione wurde Adre- 
nalin verwandt, da man kein blutendes Gefäß direkt 
fassen konnte; ein Gazetampon wurde eingeführt und der 
Verweilkatheter; es war gelungen, in dem erweiterten 
Canalis urogenitalis die Harnröhrenmündung aufzufinden; 
nach vier Tagen Gaze entfernt und Glasspeculum k de- 
meure eingeführt, um die implantierten Hautlappen an 
die Wundflächen angepreßt zu erhalten. Linkerseits 
gelang es, in der Beckenhöhle ein Gebilde zu tasten, das 
eher wie eine geschwollene Lymphdrüse erschien, denn 
als ein Ovar. Nach einem Monat verließ das Mädchen 
sehr zufrieden mit dem Erfolg der Operation die Klinik 
und unterzog sich dann einer Kur, um auf elektrischem 
Wege die männliche Gesichtsbehaarung vernichten zu 
lassen. — Am 19. III. 1904 erhielt ich von Dr. Reich 
in New- York einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß 
diese Person jetzt nach der Operation bereits 
dreimal ihre Periode gehabt haben soll. Gerade 
in dieser Tatsache liegt das Merkwürdige dieser Be- 
obachtung. Wenn das Mädchen die Periode bekam 
so muß es doch wohl funktionierende Ovarien 
besitzen und einen Uterus, der nicht allzusehr 
hypoplastisch sein dürfte, also nicht infantil, 
geschweige denn fötal. Wie kommt es nun, daß 
Goffe bei der Untersuchung per rectum einen Uterus 



— 296 — 



nicht tastete, der funktionsfähig und später menstruierend 
sich erwies? 

Im Anfang seines Aufsatzes spricht Goffe den Satz 
aus, Katharina Hohmann sei aus der Liste der Herma- 
phroditen zu streichen; denn ihre angebliche Periode 
sei den Ärzten vorgetäuscht worden, da die Person bei 
Nasenbluten entleertes Blut benutzt habe zu einer Täu- 
schung, indem sie sich die Genitalien mit diesem Blute 
beschmierte. Goffe beruft sich hierbei auf Pozzi und 
letzterer auf Ahlfeld; es müßte sich sodann Schultze 
getäuscht haben, der die Menstruation bei Katharina 
Hohmann beobachtet haben will, und Rokitansky, der 
diese Angabe wiederholte. 

23. Guyot und Laubie (Journal de Mödecine de 
Bordeaux, 1897, T. XXVII, S. 558). Ein Kind wurde 
bis zum 11. Jahre als Knabe erzogen, dann aber, 
als die Periode eintrat, für ein Mädchen erklärt! 
Clitoris erectilis 6 cm lang, große und kleine Scham- 
lippen vorhanden. Unterhalb der Urethralmündung eine 
Öffnung, aus der alle zwei Wochen unter Schmerzen Blut 
ausgeschieden wurde, die Menstruation. Ein per rec- 
tum getastetes Gebilde wurde als Uterus angesprochen. 
Nirgends Geschlechtsdrüsen getastet. Brüste groß an- 
gelegt. Extremitäten von weiblichem Aussehen. Neigungen 
und Beschäftigungen durchweg männlich. Das Indivi- 
duum behielt nach wie vor männliche Kleidung und 
arbeitete als Maurer; erst jetzt gab es seine Beschäf- 
tigung auf und reist nun in der Welt umher, um sich 
öffentlich als Hermaphrodit für Geld sehen zu lassen. 
Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte doch hier das Ge- 
schlecht weiblich sein. (?) 

24. W r . Hall (siehe meine Arbeit „Chirurgische 
Überraschungen auf dem Gebiete des Scheinzwittertums", 
dieses Jahrbuch, Jahrgang V, 1903, S. 102) exstirpierte 
Jbei einem weiblichen Scheinzwitter ein carcinomatös ent- 



— 297 — 



artetes Ovarium, der andere Eierstock erschien atrophisch. ' 
Klitoris Zoll lang, obwohl sonst die gesamte Vulva 
Hypoplasie verriet. Die sekundären Geschlechtscharak- 
tere waren sämtlich männlich und doch soll im 14. Lebens- 
jahre einmal eine Blutausscheidung aus dem Genitale 
stattgehabt haben. 

Von einer mikroskopischen Untersuchung ist in dem 
Referate nichts gesagt, das Geschlecht muß also fraglich 
bleiben. 

25. Heinrichsen („Pseudohermaphroditismus mas- 
culinus externus completus", Virchows Archiv, 1883, 
Bd.XCIV, S.211) beschrieb die 27jährige Elisabeth Wul- 
fert aus der Umgegend von Odessa, die, als Weib erzogen, 
sich mit weiblichen Arbeiten befaßte, aber durch ungemein 
große Körperkraft auszeichnete. Im 21. Lebensjahre 
hatte sie eine zwei Tage andauernde Genital- 
blutung, angeblich Menstruation, die jedoch in der 
Folge nicht wieder erschien. Dagegen empfand 
die Person vom 17. Jahre an regelmäßig allmonat- 
lich zwei Tage lang starke Molimina menstrualia. 
Von Zeit zu Zeit stellten sich Pollutionen ein. Elisabeth 
empfand stets nur auf Männer gerichteten, also weib- 
lichen Geschlechtsdrang, niemals zu den Frauen, mit 
denen zusammen sie nächtigte. E. W. hält sich für ein 
unglückliches Wesen, weder Mann noch Weib. Schon 
vom Kindesalter an hatte sie in jeder Leiste eine Ge- 
schwulst. Vor einem Jahre traten nach einem Sprunge 
von einem Heuschober plötzlich starke Schmerzen in der 
linken Leiste auf, während die Geschwulst stark an Größe 
zunahm; allmählich ließ der Schmerz nach, aber der 
Tumor blieb größer als früher. Jetzt vor einer Woche 
war abermals nach Aufheben einer Last starker Schmerz 
links eingetreten; der Tumor war noch größer geworden 
und hatte sich nach unten gesenkt; sie ist deshalb in 
das Hospital eingetreten wegen Fieber, Übelkeiten und 



— 298 — 



Erbrechen. Seit sechs Tagen kein Stuhlgang; man 
konstatierte zeitweilige Darmunwegsamkeit mit starker 
Schwellung der linken Schamlefze und vermutete Bruch- 
einklemmung. Man diagnostizierte ex consilio mit 
Dr. CzaussaÄskij, Donat und Fricke eine Epididy- 
mis, Funiculitis und Vaginalitis. Unter Ruhe, Opium, 
Eis und Bädern Besserung, sodaß die Kranke bereits 
nach zehn Tagen darauf bestand, das Hospital zu ver- 
lassen. Allgemeinaussehen, Stimme, Gesichtsausdruck, 
Brüste weiblich. Im rechten Leistenkanal, der den Finger 
passieren läßt, Hoden und Samenstrang getastet, unter- 
halb Ödem der Schamlefze; Penis rudimentär, niemals 
eine Erektion bemerkt. Hypospadiasis peniscrotalis; Sinus 
urogenitalis l l / 2 Zoll breit. Der Finger dringt mit Schwie- 
rigkeit 5 cm tief ein und trifft dort auf einen Wider- 
stand. Der Katheter trifft in Urethra, 6 cm tief ein- 
geführt, auf eine Öffnung an deren hinterer Wand und 
dringt hier in eine blind geschlossene Höhle, einen Sack, 
ein. Weder Uterus noch Prostata getastet Da man 
zwei Hoden getastet hatte und deren Vasa deferentia, 
die linke Samenblase, da ferner Pollutionen konstatiert 
waren, männliches Skelett, so schloß Heinrichsen, daß 
dieses Mädchen ein männlicher Hypospade sei; jener 
blind endende Sack, in die Urethra mündend, dürfte 
doch wohl ein Uterus masculinus gewesen sein; die Er- 
scheinung der genitalen zweitägigen Blutung im 
21. Jahre und die regelmäßigen Molimina men- 
strualia vom 17. Jahre an bleiben ohne Deutung, 
geschweige denn Erklärung. 

26. A. Hengge („Pseudohermaphroditismus und se- 
kundäre Geschlechtscharaktere", Monatsschrift für Ge- 
burtshilfe und Gynäkologie, Januar 1903) beschreibt eine 
Beobachtung aus Martins Klinik, zwei Schwestern von 
32 und 19 Jahren betreffend, die als männliche Hypo. 
Spaden erkannt wurden. Die jüngere, 19jährige 



— 299 — 



Schwester litt vom 14. Jahre an alle Monate einen 
Tag lang an Kopfschmerz mit Wallungen und 
Übelkeiten und soll dann bis 1. X. 1901 stets 
gleichzeitig Nasenbluten gehabt haben. Vom 
1. X. 1901 bis zur Aufnahme in die Klinik am 28. I. 
1902 blieb das Nasenbluten aus, aber seit vier Mo- 
naten treten jene Anfälle alle acht Tage auf, so 
quälend, daß die Arbeitsfähigkeit darunter leidet. 
Hoher Körperwuchs, weibliche Brüste, weibliches Becken, 
durchaus weibliche Scham, aber Vagina blindsackförmig 
ohne Uterus. In jeder Schamlefze je ein Hoden, die 
Hoden wurden wegen andauernder Allgemeinbeschwerden 
und großer lokaler Schmerzempfindlichkeit entfernt. Die 
ältere, kinderlos verheiratete Schwester ist ebenso be- 
schaffen, aber der Descensus testiculorum weniger vor- 
geschritten. Sie kohabitiert mit Wollust und ist bis auf 
ganz unregelmäßig auftretende Kopfschmerzen gesund. 
Bei der jüngeren Schwester schwanden nach der Kastra- 
tion die Allgemeinbeschwerden, die Wallungen zum Kopfe 
schwanden nicht. Die sekundären Geschlechtscharaktere 
waren sämtlich weibliche. Das Merkwürdige dieser 
Beobachtungen liegt weniger in der Erreur de 
sexe bezüglich zweier Geschwister, als darin, daß 
der jüngere der beiden verkannten Hypospaden 
an dysmenorrhoischen Beschwerden litt mit pe- 
riodischem Nasenbluten, also quasi vikariieren- 
der Menstruation. Wie kommt dieses Hoden tra- 
gende Individuum zu jenen spezifisch weiblichen 
Beschwerden? Hengge erklärt die Sache durch Sug- 
gestion: Die 19jährige Martha wuchs zugleich mit einer 
vier Jahre älteren Schwester auf, welche allmonatlich 
ihre Regel hatte und zwar unter großen Schmerzen. 
Martha hielt sich für ein Mädchen, erwartete von 
Monat zu Monat vergeblich ihre Periode und 
glaubte, Zeugin der Dysmenorrhoe ihrer Schwe- 



— 300 — 



ster, schließlich selbst gleiche Beschwerden zu 
empfinden. Die dysmenorrhoischen Erschei- 
nungen des verkannten Hypospaden sollen also 
die Folge einer Suggestion, einer psychischen 
Beeinflussung der normal weiblich gebauten, an 
starker Dysmenorrhoe leidenden Schwester sein. 

27. J. Henrotay in Anvers („Hypospade pöniscrotal 
6lev6 en femme jusqu'ä 24 ans", Extrait du Journal: 
Bulletin de la Sociöte Beige de Gyn6cologie et d'Obstö- 
trique, 1901, Nr. 4). Am 2. IX. 1901 besuchte Fräulein 
Filomene X. mit ihrer verheirateten Schwester Herrn 
Henrotay und bat um Aufschluß darüber, weshalb 
ihre Periode noch nicht eingetreten sei, nur ein- 
mal im 17. Lebensjahre soll eine genitale Blut- 
ausscheidung stattgehabt haben, jedoch seien 
nicht mehr als 5 — 6 Tropfen Blut ausgeschieden 
worden. Sie leidet übrigens nicht unter dem Mangel 
der Periode. Gegenwärtig ist das Mädchen verlobt. 
Patientin klagt nur über weißen Fluß. Wegen eines 
vermuteten Leistenbruches hat ihr ein Arzt das Tragen 
eines Bruchbandes oder aber sich einer Hemiotomie zu 
unterziehen geraten. Patientin konsultierte damals den 
Arzt deshalb, weil sie beabsichtigte, sich zu verheiraten. 
Um sicher zu gehen, wandte sich Patientin jetzt an 
Henrotay. Trotz langen weiblichen Haupthaares All- 
gemeinaussehen durchaus männlich. Der Gang erschien 
durchaus männlich, und wie Patientin vor Henrotay 
stand, den Sonnenschirm in der Hand, machte sie auf 
ihn ganz den Eindruck eines verkleideten Mannes, wie 
auf einem der skandalösen Maskenbälle. Die Unter- 
suchung erwies männliches Geschlecht ; Hypospadiasis 
penoscrotalis mit Descensus incompletus und Retardatus 
testiculorum. Unterhalb der scheinbar weiblichen Ure- 
thralmündung eine Grube, welche eine Sonde nicht ganz 
1 cm tief einläßt. Sämtliche sekundären Geschlechts- 



— 301 — 



Charaktere männlich. In psychischer Beziehung fühlte 
sich diese Person vollständig als Weib und gab an, den 
Bräutigam zu lieben ; sie gestand auch ein, bei libidinösen 
Träumen Ejakulationen zu haben. Während der Chloro- 
formnarkose rief sie mehrmals den Vornamen ihres Bräuti- 
gams. Henrotay ließ der Person die Wahl, ob sie als 
Mann oder als Frau gelten wolle, erklärte ihr aber, sie 
dürfe sich nicht als Mädchen verheiraten, da eine solche 
Ehe für ungültig gelten müßte. Auf die Erörterungen 
von Seiten Henrotays erwiderte die Mutter: „Mein 
Gott! Gibt es denn nicht genug Frauen, die nicht ganz 
so beschaffen sind, wie es sein sollte !" 

28. Geoffroy Saint Hilaire („Histoire g£n6rale 
et particuliere des anomalies de Torganisation chez 
Thomme et les animaux", etc., ou „Traitö de Teratologie", 
Paris, 1826, Tome II, S. 171) erwähnt die von Giraud 
im Pariser Hotel Dieu vollzogene Nekropsie der aus San 
Domingo stammenden, an Schwindsucht verstorbenen 
Adelaide Pröville, eines lange Zeit als Weib verheiratet 
gewesenen männlichen Scheinzwitters mit Hoden, Neben- 
hoden, Samensträngen und peniscrotaler Hypospadie 
(siehe auch Osiander, „Neue Denkwürdigkeiten", Göt- 
tingen, 1799, S. 245). Die Hoden lagen in* dem gespal- 
tenen Scrotum, eine Prostata war vorhanden und eine 
unterhalb der Urethra nach außen mündende kurze, in 
der Tiefe blind endende Scheide, aber kein Uterus. 
Amazie. Die von Adelaide Pröville als Menstrua- 
tion gedeuteten Blutungen will Osiander als 
Hämorrhoidalblutungen ansprechen. 

29. Steglehner erwähnt eine Beobachtung von 
Julien, Hypospadiasis penoscrotalis mit zwei Hoden in 
scroto fisso; zugleich Labia minora konstatiert. Regel- 
mäßige Periode; das Individuum soll mit Männern 
und mit Weibern kohabitiert haben. Aller Wahrschein- 
lichkeit nach waren hier ektopische Ovarien irrtümlich 



— 302 — 



für Hoden angesehen worden und eine hypertrophische 
erektile Klitoris für einen hypospadischen Penis. 

30. Kutz (Centralblatt für Gynäkologie, 1898, Nr. 15, 
S. 389) beschrieb folgende hochinteressante Beobachtung 
Sängers: Ein 23jähriges Dienstmädchen meldete sich 
in der Poliklinik erstens wegen bisheriger Amenorrhoe, 
zweitens, weil es alle vier Wochen mehrere Tage 
lang von starken Schmerzen im Unterleibe, in 
den Weichen und in den Brüsten geplagt wurde 
— also lagen Molimina menstrualia vor. Diese 
allmonatlichen Schmerzen haben in letzter Zeit 
so zugenommen, daß Patientin arbeitsunfähig 
wurde. Allgemeinerscheinung weiblich, Gesichtsfarbe ge- 
sund, rote Wangen, Haupthaar lang, in Zöpfe geflochten, 
Brüste weiblich, aber wenig entwickelt, Achselhöhlen 
reichlich rot behaart. Vulva und Perinäalgegend schwach 
behaart. Klitoris nicht vergrößert. Hymen intakt, die 
Vagina, von normaler Länge, endet in der Tiefe blind. 
Weder Uterus noch Ovarien per rectum getastet. In 
der rechten Leiste ein hühnereigroßes, glattwandiges, 
druckschmerzhaftes, hartes, irreponibles Gebilde, welches 
als inguinale Sktopie eines Ovarium angesprochen wurde. 
In der linken Leiste eine reponible Hernie mit weichem 
Inhalt, in deren Tiefe jedoch auch etwas Härteres ge- 
tastet wurde. Der rechtsseitige Bruch soll schon von 
Kindheit an bestehen, der linksseitige erst nach Be- 
endigung der Schule aufgetreten sein. Angesichts der 
Schmerzen entschloß sich Sänger zur Herniotomie, um 
das ektopische Ovarium in die Bauchhöhle hineinzu- 
schieben. Bei der Operation stellte es sich heraus, daß 
eine Tunica vaginalis communis testis vorlag mit einem 
Hoden, dem rechten Hoden. Der Processus vaginalis 
peritonaei erwies sich oberhalb obliteriert, sodaß man in 
die Bauchhöhle nicht einzudringen vermochte. Sänger 
entfernte also Hoden, Nebenhoden und Samenstrang und 



— 303 — 

vernähte die Wunde. In der linksseitigen Hernie fand 
sich ein Harnblasendivertikel, Hernia extraperitonaealis 
vesicae, wie der per urethram eingeführte Katheter nach- 
wies. Der exstirpierte rechte Hoden enthielt in der Mitte 
ein kleines Adenofibrom, der linksseitige Hoden mußte also 
in der Bauchhöhle zurückgehalten sein. Es wirft sich 
hier unwillkürlich die Frage auf, was haben die 
allmonatlich periodisch sich wiederholenden 
Schmerzen, zu bedeuten, hingen sie von der Her- 
nie ab, so würden sie jedenfalls konstant sein, 
oder sollte der rechte Hoden allmonatlich an- 
schwellen wie ein Ovarium? Da Letzteres doch nicht 
wahrscheinlich ist, so muß man unwillkürlich an Moli- 
mina menstrualia denken. Und das umsomehr, als ein 
Mann wie Sänger hier ausdrücklich das allmonat- 
lich periodische Wiederkehren der Schmerzen 
betonte! 

81. Leopold (Archiv für Gynäkologie, 1877, Bd. XI, 
S. 357) beschrieb eine Beobachtung aus der Praxis seines 
Vaters: Eine Frau von 46% Jahren war angeklagt, an 
einem 15jährigen Mädchen unzüchtige Handlungen in der 
Kolle eines Mannes vollzogen zu haben. Leopold kon- 
statierte Hypospadiasis penoscrotalis mit Gegenwart eines 
Hodens in scroto fisso, 5 cm langer, in der Tiefe blind 
endender Scheide. Bei der Untersuchung erigierte sich 
der hypospadische, 6 cm lange Penis. Die Person gab 
an, sie habe vom 17. Jahre an regelmäßig, wenn 
auch nicht stark, alle vier Wochen drei bis vier 
Tage lang ihre Menstruation bis jetzt. Männlicher 
Körperwuchs, männliche Stimme, Behaarung, Brüste usw. 
Weder Uterus noch Ovarien im Becken getastet. Es 
sind also in diesem Falle trotz Gegenwart eines Hodens 
regelmäßige menstruelle Blutungen angegeben, obgleich 
kein Uterus konstatiert wurde. Irgend ein Schluß ist 
daraus nicht zu ziehen, weil kein Beweis für die Richtig- 



— 304 — 

keit der Angabe der Periode vorliegt, aber auch kein 
Beweis dafür, daß das in scroto fisso getastete Gebilde 
wirklich ein Hoden war und kein Ovarium. Leopold 
fügt seiner Beschreibung hinzu: „Gegen das männliche 
Geschlecht spricht nicht, daß die Person, wenn die An- 
gabe wahr ist, seit ihrem 17. Jahre regelmäßige Menses 
gehabt hat, da, wie Klebs angibt, periodische Blu- 
tungen nicht allein bei wohlgebildeten männ- 
lichen Geschlechtsorganen (Bayer), sondern na- 
mentlich auch bei männlichen Hypospadiaeen 
(Th. Allen, Morand) und bei rudimentären Keim- 
drüsen vorkommen." 

Parmly zitiert eine Ehe in Nordamerika, aus der 
zwei Kinder hervorgegangen waren. Der Mann, ein 
männlicher Scheinzwitter, besaß eine Vagina und einen 
Uterus und hatte eine regelmäßige Menstruation. (The 
American Journal of Obstetrics, 1881, S. 931.) 

32. Löffler („Zur Kasuistik der Zwitter", Berliner 
klinische Wochenschrift, 1871, Nr. 26, S. 308) vertrat 
einst einen Militärarzt: Bei der Eekrutenmusterung bat 
ihn ein Bauer aus Regenwalde, er möge seinem Pflege- 
sohn Gustav Bartelt aus dem Dorfe Kutzen erlauben, das 
Hemd erst im Revisionszimmer auszuziehen, damit er 
nicht von den anderen Rekruten ausgelacht werde, 
Gustav fühle sich weder als Mann noch als Frau und 
habe gerade in diesem Augenblick seine monatliche Blu- 
tung bekommen. Individuum von mittlerer Höhe, ohne 
Bartwuchs, mit kurz geschorenem Haupthaar, bietet weder 
männliches, noch weibliches Allgemeinaussehen. Brüste, 
ein wenig voller, als sonst bei Männern, scheinen Drüsen- 
gewebe zu enthalten. Becken schmal, die Oberschenkel 
voller als sonst bei Männern. Schambehaarung weiblich 
üppig. Große Schamlippen halb so groß als normal, 
Penis hypospadiaeus l l / 2 cm lang, kleinfingerdick, mit 
gut gebildeter Glans und frei verschieblichem Praeputium. 



— 305 — 



Unterhalb des Ansatzes des Penis eine 2 mm lange Spalte, 
welche jedoch auch die dünnste Sonde nicht einläßt. 
Statt einer Vaginalmündung nur eine feine Öffnung, 
welche aber eine Knopfsonde nicht einläßt. Die Scham 
mit Blut besudelt. Die Periode soll regelmäßig 
alle vier Wochen auftreten schon vom 14. Jahre 
an. Von Abtasten von Hoden oder Ovarien, Uterus usw. 
ist in der Beschreibung nichts gesagt. Der Mensch weinte 
ständig bei der Untersuchung, gab an, im Felde als Mann 
zu arbeiten, aber sehr schnell zu ermüden, sobald er ein 
Stück Weges gegangen sei. Bs scheint doch, daß hier 
weibliches Geschlecht vorlag. 

33. Mabaret du Basty („Absence d'une partie des 
organes gänitaux externes chez deux soeurs", Progres 
Mädical, 1890—91, S. 503). Zwei Schwestern, die 42- 
jährige Marie G. und die 35jährige Katharina G., kamen 
zu Mabaret mit der Bitte, die jüngere Schwester zu 
untersuchen und zu bestimmen, ob nicht eine Operation 
nötig sein werde, um heiraten zu können, denn die Ge- 
schlechtsorgane seien ungewöhnlich geformt. Katharina 
G., von hohem Wuchs, männlichem Allgemeinaussehen, 
männlichen Gesichtszügen, Stimme und Thorax, ist sehr 
stark behaart und muß sich täglich rasieren. Andro- 
mastie, weibliches Becken mit deutlichem Möns Veneris. 
Klitoris 4 cm lang, erektil, mit retrahiertem Praeputium; 
unterhalb der Harnröhrenmündung liegt noch eine Öff- 
nung, die in einen 5 cm tiefen Kanal führt und aus der 
allmonatlich ohne Beschwerde sich etwas Blut 
ausscheiden soll. Absoluter Mangel der großen und 
kleinen Schamlefzen. Die ältere Schwester ist genau so 
mißgestaltet, nur die Klitoris kleiner. Mabaret hielt die 
beiden Personen für Mädchen. Prof. Stumpff spricht 
sich in seinem Referat für männliches Geschlecht aus. 
Wie dann die angeblich allmonatlich sich wieder- 

Jahrbuch VI. 20 



— 306 — 



holende periodische Blutung aus dem Genitale 
erklären? 

34. Magitot (Le Progres Mödical, 1881, Nr. 26) 
•stellte in der Pariser Anthropologischen Gesellschaft eine 
Person vor, welche sehr verschiedenartige Lebensschicksale 
durchgemacht hatte: Als Mädchen erzogen, hatte sie im 
13. Jahre zum ersten Male ihre Periode, welche 
sich aber in der Folge nur noch zweimal zeigte. 
Gleichzeitig entwickelten sich die Brüste und stellte sich 
rein männlicher Geschlechtstrieb ein; das Mädchen hei- 
ratete und lebte lange Jahre in glücklicher Ehe mit 
ihrem Manne, obgleich ein Beischlaf, rite vollzogen, nicht 
möglich war. Als der Gatte starb, knüpfte die Witwe 
ein Liebesverhältnis mit einem Weibe an und hatte von 
jetzt an ständig Maitressen, mit denen sie als Mann den 
Beischlaf vollzog. Die 174 cm hohe Person, aus dem 
niederen Volke stammend, mußte sich alle zwei Tage 
rasieren. Gesichtsausdruck, Becken männlich. Hypospa- 
diasis peniscrotalis; Penis 5 cm lang, Hoden, Nebenhoden 
und Samenstrang jederseits im gespaltenen Scrotum. 
Dieser Mann war 12 Jahre lang als Weib verheiratet 
Woher stammten die anfangs regelmäßigen Genital- 
blutungen, handelte es sich in der Tat um solche? Falls 
ja, wie sind sie zu erklären? 

35. v. Mars („Ein operativ behandelter Fall von 
Scheinzwittertum", [Polnisch], Przegl^d lekarski, 1903, 
Nr. 40). Eine 23jährige, seit drei Jahren verheiratete 
Jüdin wandte sich an v. Mars wegen Unmöglichkeit des 
Beischlafs infolge Mißgestaltung der Genitalien. Vorher 
hatte ihr ein anderer Arzt erklärt, sie sei ein männ- 
licher Hypospade. Als Mädchen erzogen, bemerkte sie 
im 16. Jahre ihre Mißbildung, sie fürchtete, wenn sie 
für einen Mann erklärt werde, so werde ihre Ehe ge- 
schieden werden und sie werde dann verhungern, weil 
sie alsdann keinen Lebensunterhalt besitze. Im 18. Jahre 



— 307 — 

heiratete sie. Sie gibt an, vom 15. Jahre an men- 
struiert zu sein, aber es sollen sich jedesmal 
nur einige Tropfen blassen Blutes unter großen 
Schmerzen entleeren. Diese Blutausscheidung 
soll niemals länger als einen Tag gedauert haben. 
Seit fünf Jahren männliche Gesichtsbehaarung. Ständiges, 
wöchentlich mehrmaliges Rasieren. Ob Erektionen des 
wie ein hypospadischer Penis aussehenden Gliedes vor- 
handen sind, will die Frau nicht angeben, sie scheint zu 
fürchten, man werde sie dann doch für einen Mann er- 
klären. Geschlechtstrieb angeblich vorhanden und zwar 
weiblich. Niedriger Körper wuchs, Aussehen männlich, 
weil alle sekundären Geschlechtscharaktere männlich. 
Peni8 6cmlang, mit entblößter Glans, darunter eine Imsen- 
große Öffnung, aus welcher der Harn fließt Starke 
Schambehaarung, die großen Schamlefzen sind unten 
nicht durch ein Frenulum verbunden, sondern gehen 
gleichsam allmählich in den Damm über. Per rectum 
tastet man ein 2 cm langes Gebilde in der Mittellinie, 
von dem jederseits eine Art Strang zur lateralen Becken- 
wand zieht> lateral liegt jederseits ein härtliches Gebilde, 
v. Mars vermutete, es handle sich um ein Weib mit 
Verwachsung der Schamlefzen unter einander und Klitoris- 
hypertrophie, und suchte Beweise ; er glaubte, den Beweis 
darin zu finden, daß eine Sonde, an der Vorderwand des 
Harnröhrenkanals entlang geführt, in die Blase gelangte, 
wenn man aber an der unteren, resp. hinteren Wand 
des Harnröhrenkanals mit der Sonde entlang tastete, so 
geriet dieselbe in einen anderen Kanal, die vermutete 
Scheide. Daraufhin spaltete er, da die Frau durchaus 
Ermöglichung des Beischlafs als Weib verlangte, die 
Verwachsung der Schamlefzen und damit auch die untere 
Wand des Canalis urogenitalis durch einen vertikalen 
Längsschnitt; es gelang ihm auch tatsächlich, die ge- 
trennten Mündungen von Urethra und Vagina bloßzu- 

20* 



— 308 — 



legen; er erweiterte nachträglich die sehr enge Vagina 
mit Hegars Diktatoren so weit, daß es ihm gelang, ein 
Fergusson-Speculum in die Vagina einzuführen und 
die Portio vaginalis uteri bloßzulegen. Der Schnitt war 
5 cm lang. Es wurden dann zur Vereinigung der Scham- 
lefzenhautdecken und der Schleimhaut des Sinus uro- 
genitalis einige Knopfnähte angelegt; die Narbe des 
Längsschnittes war also eine U-formige mit Öffnung des 
U nach oben zu. Nach einiger Zeit meldete sich die 
Frau abermals und bat um Amputation des Gliedes; 
offenbar hinderte dieses eigene Glied die Einführung des 
Gliedes des Gatten. Es ist möglich, daß diese Person 
wirklich Ovarien beherbergt, aber erwiesen ist es nicht 
und von v. Mars nur vermutet. Meines Erachtens würde 
das weibliche Geschlecht sehr wahrscheinlich, wenn es 
gelänge, sich davon zu überzeugen, ob jene Angaben von 
stattgehabter regelmäßiger allmonatlicher Genitalblutung 
auf Wahrheit beruhen. 

36. Messner G>Ein neuer Fall von Hermaphrodi- 
tismus verus unilateralis", Virchows Archiv, Berlin 1892, 
Bd. CXXIX, S. 203—213) beschrieb das gleichzeitige 
Vorkommen von Menstruation resp. menstruellen 
Molimina und Ejakulation von Sperma. Der 31- 
jährige N. N. war schon mehrmals von Ärzten (Fried- 
reich, Koch in Frankfurt und anderen) untersucht 
worden und lebte seit sieben Jahren in glücklicher Ehe; 
das einzige Kind starb drei Jahre alt. So lange N. N. 
Kind war, war den Eltern an dem Körperbau nichts 
aufgefallen, erst N. N. selbst wurde aufmerksam, als er 
bemerkte, daß seine Brüste so groß seien, daß die Kame- 
raden ihn deshalb im Bade verlachten, er habe weibliche 
Brüste. Er vermied von Stunde an das gemeinsame 
Baden. Im 19. Jahre kohabitierte er zum ersten Male 
mit einer Frau; zu Männern fühlte er sich nicht ge- 
schlechtlich hingezogen, verweilte aber sehr gern in männ- 



— 309 — 



licher Gesellschaft und wurde in dem Männergesangverein 
hochgeschätzt wegen seines schönen Tenors; eigentlich 
besaß er jedoch keinen Tenor, sondern eine Sopran- 
stimme. Als Messner ihn zum ersten Male im Neben- 
zimmer sprechen hörte, war er sicher, es. spreche dort 
eine Frau. Vom 21. Jahre an hatte N. N. alle 
Monate vier Tage lang Blutungen aus der Ure- 
thra. In den ersten J ahren waren diese Blutungen 
so abundant, daß er Badehosen tragen mußte, um 
seine Leibwäsche nicht zu beschmutzen, später 
verringerte sich die Quantität des menstruellen 
Blutes so, daß gegenwärtig nur einige Tropfen 
bis zu einem Theelöffel voll entleert werden. 
Messner hat diesen Mann viermal während seiner 
Periode beobachtet und schreibt darüber: „Man sieht 
.es dem Manne sofort an, wenn er seine Menstruation 
hat, und auf der Höhe derselben macht er geradezu 
den Eindruck eifies Schwerkranken!!! 23 — 24 Tage im 
Monat ist er vollständig gesund, und da er von leb- 
haftem Temperament ist, sehr redselig und mobil, wäh- 
rend Vier bis fünf Tagen aber in jedem Monat ist er 
deprimiert und verhält sich sehr ruhig. Seine Augen 
sind matt und glanzlos, der Gesichtsausdruck schlaff und 
leidend. Man sieht ihm an, daß er Schmerzen aushält. 
In den ersten zwei Tagen, wenn sich die Menstruation 
einstellt, klagt er über Unbehaglichkeit und ein Gefühl 
von Zerren und Abwärtsdrängen im Leibe und über 
leicht spannende und stechende Sensationen in den 
Brüsten. Ein Anschwellen der Brüste war nicht zu kon- 
statieren." — Während dieser Zeit kann N. N. noch 
seinen Unterhalt als Zeitungsausträger verdienen, aber 
schon am dritten Tage nehmen die Schmerzen im Leibe 
an Intensität zu, er beginnt zu schwitzen und verliert 
jeglichen Appetit. Am vierten Tage werden die Schmerzen 
so stark, daß, wie die Frau aussagt, ihr Mann mit dem 



— 310 — 



Kopfe gegen die Wand schlägt und sich wie unzurech- 
nungsfähig gebärdet. Bald legt er sich zu Bett, bald 
springt er auf und rennt im Zimmer umher. Nur heiße, 
feuchte Umschläge, alle zehn Minuten auf den Unterleib 
appliziert, bringen ihm einige Linderung. Von Morphium- 
einspritzungen will N. N. absolut nichts wissen. Die 
Akme dieser Art dauert gewöhnlich sechs bis zehn Stun- 
den und endigt gewöhnlich damit, daß nach Harnlassen 
sich aus der Harnröhre einige Tropfen Schleim mit Blut 
gemischt ausscheiden. Zugleich tritt Erbrechen ein und 
von dem Moment an bessert sich der Zustand. Die 
Schmerzen schwinden allmählich, aber der Kranke hat 
noch immer 12 — 24 Stunden lang das Gefühl, als ob 
ihm etwas im Leibe herumgehe, wie er sich ausdrückt. 
Der ganze Prozeß dauert vier bis fünf Tage. Der sonst 
normale Harn erscheint während der Menstruation trübe, 
ist mehr braunrot und von scharfem Geruch, dem Schweiß- 
geruch ähnlich. Albuminurie wurde nicht konstatiert. 
Während der Periode sind die Schweiße so abundant, daß 
N. N. naß erscheint, als ob man ihn mit Wasser be- 
gossen hätte. In dem Harnsatz findet man Schleimhaut- 
fetzen mit verfetteten Platten und zylindrischen Epithel- 
zellen, roten und weißen Blutkörperchen und Schleim. 
Das Blut wird aus der Harnröhre ausgeschieden am 
Schlüsse des Menstruationsprozesses nach der Entleerung 
des Harnes. Es besteht aus roten und farblosen Blut- 
körperchen und Schleim. Kopfschmerz ist konstant wäh- 
rend der beiden letzten Menstruationstage. Nach der 
Periode erscheint der Geschlechtstrieb stets besonders 
gesteigert. Als Patient einmal zu früh diesem Geschlechts- 
drange nach der Periode Folge gab, kam die Periode 
wieder und er mußte zum zweiten Male die gleichen 
Leiden durchmachen. Allgemeinaussehen weiblich, keine 
Spur männlicher Gesichtsbehaarung. Brüste weiblich, 
groß, hängend, ohne Colostrum. Muskelkonturen nicht 



— 311 — 



sichtbar, Hände und Füße klein, weiblich, Möns Veneris 
mit weiblicher Behaarung, Penis hypospadiaeus 6 cm laiig, 
sub erectione 9 — 10 cm, zwei Finger dick. Der Sinus 
urogenitalis öffnet sich 3 cm nach hinten und unten von 
der Stelle, wo sonst die männliche Harnröhre mündet. 
Der Harn wird in starkem Strahle entleert; Corpora 
cavernosa penis und das Corpus cavernosum urethrae 
existieren, eine Eaphe zieht von der Basis penis hypo- 
spadiaei zu dem Damme hin, ein eigentliches Sero tum 
wölbt sich nicht vor, weil beiderseits Descensus incom- 
pletus der Hoden vorliegt; die Hoden liegen oberhalb 
des Penisansatzes, der linke Hoden liegt noch im Leisten- 
kanal, der rechte schon etwas tiefer. Kremasterreflex 
wurde nicht beobachtet. Man kann beide Hoden in die 
Bauchhöhle hineinstoßen, aber sie treten sofort wieder 
heraus. Der rechte Hoden erscheint von normaler Größe, 
ebenso der Samenstrang und Nebenhoden ; linkerseits er- 
scheint die Untersuchung erschwert durch die Lage des 
Hodens im Leistenkanal. Deshalb will Messner es nicht 
entscheiden, ob die linke Geschlechtsdrüse nicht doch, 
wie Koch in Mainz es vermutete, ein Ovarium ist Per 
rectum tastete man eine Prostata. Messner tastete 
rechterseits ein empfindliches Gebilde im Becken, welches 
er nach Form, Größe und Lage für ein Ovarium an- 
sprechen möchte; linkerseits tastete er ein ähnliches Ge- 
bilde nicht, ebensowenig einen rudimentären Uterus. 
Messner hatte Gelegenheit, den Samen dieses Mannes 
zu untersuchen; er fand weder den charakteristischen 
Geruch, noch Spermatozoiden, wohl aber zahlreiche Rund- 
zellen, zahlreiche glänzende, freie Kerne, verfettete Epi- 
thelien und große, polygonale Zellen mit zahlreichen 
Kernen (Spermatoblasten). Messner vermutet, daß dieser 
männliche Hypospade auch Ovarien besaß, wenigsten» 
ein Ovarium, und bezeichnet deshalb seine Beobachtung 
als einen Fall von Hermaphroditismus verus unilateralis. 



— 312 — 



Selbstverständlich bleibt hier der Diskussion ein weites 
Feld offen; diese Diskussion ist aber nutzlos, denn Be- 
weise lassen sich nicht beibringen; wir können nur das 
Faktum notieren und müssen uns aller Kommentare ent- 
halten: Es ist ein Mann beschrieben, der sogar ein 
Kind gezeugt hat trotz seiner Mißbildung, welcher 
allmonatlich ex Urethra blutete unter dem Symp- 
tomenkomplex der Molimina menstrualia des 
Weibes. 

37. Fr. v. Neugebauer (Centralblatt für Gynäko- 
logie, 1904, Nr. 2). Ein 25 jähriges Dienstmädchen mit 
durchwegs männlichen sekundären Geschlechtscharakteren, 
namentlich sehr starker Gesichtsbehaarung , verlangte 
Amputation des männlichen hypospadischen Gliedes und 
Schaffung einer Vagina pro coitu. Das Mädchen hielt 
sich für ein Weib und gab weiblichen Geschlechtsdrang 
an. Ich verlangte zunächst einen diagnostischen Bauch- 
schnitt, konstatierte Anwesenheit eines normalen Uterus 
samt Zubehör und normale Ovarien, ein Stückchen ward 
zur mikroskopischen Diagnose exzidiert. Amenorrhoea 
absoluta, trotz normal gebauter und gut entwickelter 
Ovarien! Daraufhin wurde das Membrum, mittelfingerdick 
und kleinfingerlang, angeblich nicht erektil, amputiert; 
dann spaltete ich die untere Wand des Harnröhrenkanals 
resp. Canalis urogenitalis, und gelang es mir, genau wie 
v. Mars in seinem Falle, die getrennten Öffnungen von 
Urethra und Vagina bloßzulegen. Die Vaginalportion 
des Uterus mündete in vaginam. Von einer Erweiterung 
der engen Scheide sah ich ab, da dieselbe sich von selbst 
ergeben wird, wenn das Mädchen einmal heiratet, ob 
aber jemals die Periode eintreten wird, wer könnte dies 
bestimmen? Interessant ist die absolute Amenor- 
rhoe, trotz relativ gut ausgebildeter Ovarien, Uterus 
und viabler Scheide. Ohne die diagnostische Köliotomie 
hätte dies Mädchen unbedingt für einen männlichen 



— 313 — 



Hypospaden erklärt werden müssen, wie es z. B. in dem 
Falle von Gunckel geschah; ein Mädchen wurde für 
«inen Mann mit peniscrotaler Hypospadie erklärt, und 
nach vielen Jahren erwies die Nekropsie, daß der ver- 
meintliche Hypospade doch ein Weib war. 

38. Obolonsky (siehe im Vorhergehenden Fall 71). 
Die Nekropsie eines 50jährigen Scheinzwitters, der vom 
17. — 49. Jahre regelmäßig menstruiert gewesen 
sein soll, ergab Hypospädiasis peniscrotalis und Gegen- 
wart eines Hodens; Uterus bicornis rudimentarius, Vagina 
nach außen mündend. Der linke Hoden lag nebst Zu- 
behör an Stelle eines Ovarium, die rechte Geschlechts- 
drüse sarkomatös entartet. Da auch rechterseits Vas 
deferens vorhanden, dürfte das Sarkom aus dem rechten 
Hoden hervorgegangen sein. 

39. Sushton Parker („A menstruating man, a 
curious form of hermaphroditism", Brit. Med. Journ., 
1899, Nr. 1988, S. 272). Der 24jährige A. B. lebte 
schon seit 12 Monaten im Konkubinat mit einem Mäd- 
chen; in dieser ganzen Zeit hatte er sie nur ein einziges 
Mal geküßt. Später heiratete er dieses Mädchen und 
versuchte einmal, eine Woche nach der Hochzeit, nach 
zwei Monaten ein zweites Mal den Beischlaf mit seiner 
Frau. Die Kohabitation gelang jedoch nicht, da A. B. 
weder einen Geschlechtstrieb empfand, noch eine Erek- 
tion hatte, geschweige denn eine Ejakulation. A. B. ver- 
reiste jetzt für vier Monate, verweilte darauf einige Tage 
zu Hause ohne Versuch des Beischlafes und verreiste 
abermals für längere Zeit. In der ersten Nacht nach 
seiner Heimkehr versuchte die Frau, ihn zu einem Bei- 
schlaf anzureizen, jedoch vergeblich; der Mann blieb un- 
empfindlich und kalt gegen alle Reizversuche. Die Frau 
bemerkte in der Folge, daß ihr Mann alle vier Wochen 
periodische genitale Blutungen habe, welche 
jedes Mal drei Tage andauerten, und begann sich 



— 314 — 



den Termin dieser Blutungen zu notieren. Ihr Mann 
hatte seine Periode am 24. IV., 22. V., 19. VI., 21. VIL, 
14. VIII., 10. IX., 9. X., 1. XI. Sie ging alsdann zu 
einem Arzt, mit der Frage, ob ihr Gatte ein Mann sei 
oder eine Frau, ob ein Hermaphrodit oder geschlechts- 
los? Dr. Parker gibt an, kleine Hoden getastet zu 
haben im Hodensack, Penis, Hoden und Harnröhre sollen 
normal gebildet sein. Der Mann gab an, niemals einen 
Geschlechtstrieb empfunden zu haben, auch von Onanie 
nichts zu wissen. Da er sich zum Beischlaf ungeeignet 
fühlte, so ging er gern auf die Scheidung der Ehe ein. 
Parker vermutet, der Gatte sei ein Mann, der einen 
Uterus besitze. Leider ist die ganze Beschreibung so 
wenig eingehend, daß der Leser sich eigentlich gar kein 
Urteil bilden kann. Es ist nicht einmal gesagt, ob eine 
genaue Untersuchung der Harnröhre stattgefunden hat 
und ob die genitale Blutung ex Urethra ausgeschieden 
wurde, ob eine Untersuchung per rectum ausgeführt 
wurde usw. Persönlich würde ich hier weibliches Schein- 
zwittertum für wahrscheinlich halten, mit Concretio la- 
biorum majorum und penisartiger Bildung der Klitoris, 
ähnlich wie in den Fällen von de Crecchio, v. Engel- 
hardt, Gunckel und anderen. 

40. Pech („Auswahl einiger seltener und lehrreicher 
Fälle, beobachtet in der chirurgischen Klinik der medico- 
chirurgischen Akademie zu Dresden", Dresden, 1858, 
siehe meinen Aufsatz „Chirurgische Überraschungen auf 
dem Gebiete des Scheinzwittertums", in diesem Jahrbuch, 
1903, Gruppe I, Fall 21). Konstatierung männlichen 
Scheinzwittertums mit Hypospadiasis peniscrotalis und 
beiderseitigem Leistenbruch bei einer Prostituierten, 
Maria Rosina, dem späteren Gottlieb Göttlich. Coitus 
mit Frauen, aber lieber mit Männern, unter Benützung 
der Urethra. Vom 16. bis zum 24. Jahre regel- 
mäßig alle Monate drei Tage lang diverse Be- 



— 315 — 



schwerden nach Art der Molimina menstrualia, 
niemals Periode, aber oft Nasenbluten. Kohabi- 
tation lieber mit Männern, obgleich Maria Rosina Hoden 
besaß und keine Ovarien. Wie sind diese Molimina zu 
erklären? 

41. Petit („Malformation des organes g6nitaux, con- 
stituant peut-etre un cas d'hermaphrodisie vrai", Le Pro- 
grös Mädical, 1902, S. 22). 20 jähriges Individuum mit 
männlicher Stimme, ohne Bartanflug, mit weiblichen 
Brüsten; Penis hypospadiaeus 4 cm lang. Scham be- 
haart In jedem Leistenkanal ein eiförmiges Ge- 
bilde, welches bei jeder seit dem 16. Jahre sich 
wiederholenden Menstruation druckempfindlich 
wurde. Ein per rectum getastetes Gebilde machte eher 
den Eindruck einer Prostata, als eines Uterus. Rechter- 
seits eine angeborene Leistenhernie. Petit wollte die 
Herniotomie ausführen, um das Geschlecht zu bestimmen. 
In dem kurzen Bericht ist leider nichts gesagt von einem 
Vaginalbefunde, auch ist nichts über etwaigen Geschlechts- 
drang angegeben und ob das Individuum als Mann oder 
als Weib erzogen wurde. 

42. Potier und Duplessy (siehe Virchow und 
Hirsch, Jahresbericht für 1867, Bd. I) beschrieben einen 
21jährigen Hypospaden mit regelmäßigen perio- 
dischen Blutungen aus dem Genitale. (Leider konnte 
ich die Originalbeschreibung nicht erhalten.) 

* 43. Pozzi stellte 1889 in der Pariser Anthropolo- 
gischen Gesellschaft ein weiblich gekleidetes Individuum 
vor, das er für einen männlichen Scheinzwitter erklärte. 
Im 14. Jahre Geschlechtsreife, sieben- bis achtmal 
jährlich die Periode. Vom 18. — 20. Jahre männlicher 
Geschlechtstrieb mit Ejakulation unterhalb des Penis 
hypospadiaeus, nach dem 30. Jahre wurde das Indi- 
viduum die Maitresse eines Mannes, kohabitierte aber 
außerdem nach wie vor auch mit Weibern. 



— 316 — 



44. v. Säxinger (siehe Levy, Hegars „Beiträge ZU r 
Geburtshilfe und Gynäkologie", Leipzig, 1901, Bd. IV, 
Heft 3, S. 347 — 360) vollzog den Bauchschnitt an einem 
20jährigen, niemals menstruierten Mädchen, wel- 
ches jedoch vom 19. Jahre an alle drei Wochen 
vier bis fünf Tage lang über Leibschmerzen klagte 
unter gleichzeitiger Temperatursteigerung. Gleich 
nach der Geburt hatte die Hebamme das Geschlecht für 
weiblich erklärt, weil der Harn unterhalb des Gliedes 
ausfloß. Vor drei Monaten hatte das Mädchen einen 
stetig wachsenden Tumor in der rechten Unterleibshälfte 
bemerkt, sie magerte dabei stark ab und wurde arbeits- 
unfähig. Allgemeinaussehen echt weiblich, ohne männ- 
liche Gesichtsbehaarung, aber Stimme und Kehlkopf 
männlich, Andromastie. Schambehaarung weiblich. Penis 
erektil, hypospadisch, 5,7 cm lang. Die Rinne der ge- 
spaltenen Penisharnröhre verbreitert sich nach unten zu 
und reicht bis 2 cm vor der Analöffnung. Dort am Ende 
dieser Rinne liegt die Harnröhrenmündung. Praeputium 
retrahiert, läßt sich nicht soweit nach vorn ziehen, um 
die Glans zu bedecken. Man sieht nirgends eine Vaginal- 
mündung, wohl aber große Schamlefzen und Spuren der 
kleinen seitlich von der Harnröhrenmündung. Jederseits 
ein festweiches Gebilde vor dem Leistenkanal getastet, 
das sich leicht in die Bauchhöhle schieben läßt, druck- 
empfindlich. Per rectum fand der Finger keinen vagina- 
artigen Schlauch zwischen dem Finger in recto und dem 
Katheter in Urethra. In der Bauchhöhle zwei sehr 
schmerzhafte, große Tumoren, in das kleine Becken 
hinabreichend. Während des Hospitalaufenthaltes 
hatte das Mädchen allmonatlich die schon ge- 
nannten Schmerzen und wuchsen die Tumoren. Nach 
Eröffnung der Bauchhöhle zeigte sich eine Exstirpation 
der Tumoren nicht ausführbar; wegen ständiger Blutung 
aus einer Stelle wurde eine Druckdrainage eingeführt 



— 317 — 



und der Leib darüber geschlossen. Tod am nächsten 
Tage. Die beiden großen Tumoren erwiesen sich als 
Rundzellensarkome der Geschlechtsdrüsen. Es fand sich 
aber keine Spur ovariellen Gewebes vor. Es fand sich 
ein Uterus mit sehr lang gedehntem Collum und eine 
Vagina, welche sich, nach unten zu sehr verengert, dicht 
unterhalb der Harnröhrenmündung nach außen öffnete, 
18 cm lang. Außerdem fand sich zwischen Vagina und 
Mastdarm auf der Höhe des äußeren Muttermundes eine 
Cyste mit gespannten Wänden, mit Flimmerepithel aus- 
gekleidet; ein faustgroßer Sack, von seröser Flüssigkeit 
ausgefüllt. Tuben vorhanden, ebenso die runden Bänder. 
Die festweichen Gebilde an den äußeren Mündungen der 
Leistenkanäle waren Metastasen des Sarkoms der Ge- 
schlechtsdrüsen. Die Cervix uteri war ganz eingewachsen 
in die malignen Tumoren. Hoden wurden nirgends ge- 
funden. Döderlein vermutet, es habe hier Sarkom der 
Ovarien vorgelegen. Da sich keine Spur von ovariellem 
Gewebe nachweisen ließ, so darf man mit dem gleichen 
Recht vermuten, daß es sich um Sarkom in der Bauch- 
höhle retinierter Hoden gehandelt habe bei einem männ- 
lichen Hypospaden mit hochgradiger Entwickelung der 
Müll ersehen Gänge. Falls letztere Vermutung die rich- 
tige ist, wirft sich von selbst die Frage auf, wie soll man 
die allmonatlich sich wiederholenden Unterleibsschmerzen 
von je vier- bis fünftägiger Dauer deuten? Hingen 
diese Schmerzen vielleicht einfach von dem Sar- 
kom ab oder waren es Molimina menstrualia? Da 
das Geschlecht hier ganz entschieden zweifelhaft bleiben % 
muß, so gibt es auch keine Antwort auf diese Frage. 

45. Sänger (siehe meine Arbeit „Chirurgische Über- 
raschungen auf dem Gebiete des Scheinzwittertums", 
Gruppe I, Fall 26) stellte durch Herniotomie und Ex- 
stirpation eines Hodens bei einem 23jährigen Mädchen 
männliches Scheinzwittertum fest. Amenorrhoe, aber 



— 318 — 



alle vier Wochen einige Tage lang andauernde 
Schmerzen im Unterleibe, den Leisten und den 
Brüsten. Diese Schmerzen wurden in der letzten 
Zeit so stark, daß das Mädchen arbeitsunfähig 
wurde. Es war zunächst die irrtümliche Diagnose: 
Rechtsseitige Ovarialhernie gestellt worden. 

Normale Vulva, Scheide in der Tiefe blind ge- 
schlossen, kein Uterus getastet Links Kryptorchismus 
vermutet. 

46. Sänger (siehe ibidem) entfernte bei einer 32- 
jährigen Lehrerin durch linksseitige Herniotomie aus dem 
Leistenbruch Uterus, rechte Tube, Parovariumcyste und 
Hoden, rechts Kryptorchismus vermutet. Die Operation 
ergab Erreur de sexe. Amenorrhoe, aber alle drei 
bis vier Wochen regelmäßig Unterleibsschmerzen. 
Vulva normal weiblich. Vagina endete in der Tiefe von 
7— 8 cm blind. 

47. E. v. Sal6n („Fall von Hermaphroditismus verus 
unilateralis beim Menschen", Verhandlungen der deut- 
schen pathologischen Gesellschaft, Berlin, 1900) vollzog 
1899 mit gutem Ausgange eine utero-ovarielle Ampu- 
tation wegen eines Uterusmyoms, das cystisch degeneriert 
war, bei einer 43jährigen Frau, welche vom 17. Jahre 
an menstruierte und ohne Geschlechtsgenuß mit Män- 
nern kohabitierte. Unverehelichte Person. Allgemein- 
aussehen weiblich, Klitoris 5 cm lang, große und kleine 
Schamlippen normal. Die sehr enge Scheidenöflhung 
läßt eine Sonde 8 cm tief ein. Tuben und Uterusliga- 

'mente normal. Links fand sich ein normaler Eierstock, 
die rechte Geschlechtsdrüse soll eine Zwitterdrüse ge- 
wesen sein, also sowohl Graafsche Follikel, als auch 
Hodengewebe enthalten haben, aber ohne daß es gelang, 
Spermatogonien nachzuweisen. Der Ovarialteil der rechten 
Geschlechtsdrüse ist grobhöckerig, von gelber Farbe und 
derber Konsistenz, weist Graafsche Follikel auf und 



— 319 — 



ganz typische Eizellen, in einem spindelreichen Stroma 
eingebettet; der Hodenteil ist eben, von ziemlich weicher 
Konsistenz, mit weißglänzender Tunica albuginea, Paren- 
chym locker, von braungrauer Farbe und von weißen 
Bindegewebssepta durchzogen, weist Tubuli seminiferi auf, 
die in einem lockeren, von größeren und kleineren An- 
häufungen fett- und pigmentreicher Zwischenzellen durch- 
setzten Bindegewebe liegen. Struktur wie bei einem ek- 
topischen Hoden nach erreichter Pubertät. 

48. Sampson („ Eph6m6rides de l'Acad&nie des 
Curieux de la Nature", 1772, erwähnt von Arnaud, 
1. c, S. 276) beschrieb die 1674 in Ringwood (Middlesex) 
geborene Hanna Wilde: Im 6. Jahre plötzlich Descensus 
testiculorum bei Hypospadiasis peniscrotalis erkannt. Va- 
gina mit zwei Carunculae myrtiformes. Bis zum 13. Jahre 
galt Hanna als Mädchen, dazumal trat ein Penis aus 
der Vulva hervor, 4 Zoll lang. Die Regel soll im 
16. Jahre eingetreten sein und sich regelmäßig 
alle vier Wochen wiederholt haben. Männliche 
Gesichtsbehaarung und männliche Brüste. Hanna zeigte 
sich für Geld in England und Holland und gab an, mit 
Männern und mit Frauen zu kohabitieren; sie kohabi- 
tierte aber lieber mit Frauen, weil alsdann ihr eigenes 
Glied sich erigierte, welches schlaff blieb beim Beischlaf 
mit Männern. 

49. Steglehner („De hermaphroditorum natura", 
Bamberg und Leipzig, 1817, S. 120). Fräulein N. v. B., 
1792 geboren, von hohem Wuchs und angenehmem 
Äußeren, hatte niemals die Periode, aber ziemlich 
regelmäßig Molimina menstrualia. Im 23. Jahre 
Tod an Phthisis pulmonum. Die Mutter verlangte die 
Sektion, um zu wissen, warum die Tochter die Regel 
niemals hatte, wahrscheinlich hatte sie selbst das Ge- 
schlecht der Tochter angezweifelt. Allgemeinaussehen 
und Scham absolut weiblich, die Vagina endete in der 



— 320 — 



Tiefe blind. Hymen vorhanden, weder Uterus noch Ova- 
rien gefunden, wohl aber fand Steglehner zu seinem 
größten Erstaunen linkerseits — „mehercule sane mi- 
rum et inauditum!" — in der Nähe des Leistenkanals 
einen Hoden, ein Vas deferens und Nebenhoden. Der 
Bau dieser Gebilde war normal. 

50. Swasey und Mund 6 konstatierten bei einer 
46jährigen Köchin Hypospadiasis peniscrotalis mit dem 
Anschein einer normalen V\jlva. Man tastete weder einen 
Uterus, noch Ovarien. Niemals Regel, aber perio- 
disch wiederholte sich eine Flüssigkeitsausschei- 
dung aus einer Fistelöffnung der Hautdecken in 
der Sternalregion. Zwei in den großen Schamlefzen 
getastete Körper erklärte Swasey für ektopische Ovarien, 
Mund 6 für Hoden. Die Frau ging auf einen diagnosti- 
schen Einschnitt nicht ein. Andere Autoren faßten die 
Flüssigkeitsausscheidung als Seborrhoe auf. 

51. Targett („Two cases of spurious hermaphro- 
ditism", Obstetrical Society of London, Transactions 
3. X. 1894, Vol. XXXVI, S. 272). Individuum von weib- 
lichem Aussehen, aber kleinen Brüsten und männlicher 
Stimme; Membrum virile 3 Zoll lang. Das Scrotum fis- 
sum enthält in jeder Hälfte eine Geschlechtsdrüse. Penis 
hypospadiaeus, Harnröhrenöffhung weiblich, regelmäßige 
Menstruation aus der Vagina. Geschlechtstrieb rein 
männlich. Das Individuum lebt in wilder Ehe mit einem 
Frauenzimmer und kohabitiert als Mann. Während des 
Orgasmus ergießt sich ex vulva eine Flüssigkeit, welche 
aber keine Spermatozoiden enthält. Targett hält dieses 
Individuum für ein Weib mit beiderseitiger Ovarial- 
ektopie. 

52. Tortual {„Ein als Weib verheirateter Zwitter 
vor dem kirchlichen Forum", Vierteljahrsschrift für ge- 
richtliche Medizin, Bd. X, 18). F. heiratete ein 37jäh- 
riges Dienstmädchen, überzeugte sich aber gleich in der 



— 821 — 



Hochzeitsnacht davon, daß ein Beischlaf mit seiner Frau 
unmöglich sei wegen Enge der Scham, sofortigen Aus- 
fließens des Samens, endlich, weil seine Frau auch ein 
männliches Organ besaß. Er entschädigte sich also an 
anderen Frauen. Seine Frau, darüber erbittert, machte 
ihm Szenen. Seit zwei Jahren hatte er seine Frau da- 
her verlassen. Das bischöfliche Ordinariat veranlaßte 
eine Untersuchung der Frau: Sie hat sich stets für ein 
Weib gehalten und behauptete, vom 19. Jahre an 
alle fünf bis sechs Wochen die Periode zuhaben. 
Allgemeinaussehen eher männlich. Der Physikus erklärte 
sie für dauernd untauglich zum Beischlaf. Jederseits in 
der Schamlefze Hoden und Samenstrang getastet Kleine 
und große Schamlefzen vorhanden. Penis hypospadiaeus 
erektil, 2 / 3 Zoll lang. Unterhalb der Harnröhrenmündung 
die enge Mündung einer in der Tiefe von \ l J 2 Zoll blind 
endenden Scheide. Es scheint mir die Angabe der regel- 
mäßigen Periode unwahrscheinlich angesichts der blind 
endenden Scheide und des Umstandes, daß nichts er- 
wähnt wird von einer Abtastung eines Uterus. 

53. Unterb erger („Ein Fall von Pseudohermaphro- 
ditismus femininus externus mit Koinzidenz eines Ovarial- 
sarkoms, Laparotomie", Monatsschrift für Geburtshilfe 
und Gynäkologie, April 1901, S. 436). Ein Hjähriges 
Mädchen wurde in die Klinik gebracht behufs Exstir- 
pation eines Tumors aus der Bauchhöhle. Das Aussehen 
der äußeren Genitalien sprach für männliche Hypospadie. 
Da die Hebamme das Kind für ein Mädchen erklärt 
hatte, wurde es als solches erzogen. Das Kind spielte 
wohl mit anderen Mädchen, half aber am liebsten dem 
Vater bei dessen Arbeit und zeichnete sich durch un- 
gemein kräftigen Körperbau aus. Vor acht Monaten 
hatte einmal eine achttägige Blutung aus dem 
Genitale stattgehabt, welche sich aber später 
nicht mehr wiederholte. Seit jener Zeit klagte das 

Jahrbuch VI. 21 



— 322 — 



Mädchen über Leibschmerzen und der Tumor im Bauche 
wuchs und wurde sehr schmerzhaft auf Berührung. Sämt- 
liche sekundären Geschlechtscharaktere männlich, bis auf 
Mangel männlicher Gesichtsbehaarung — das Mädchen 
war ja erst 14 Jahre alt — Schambehaarung aber weiblich 
und sehr spärlich. Der Tumor überragte den Nabel. 
Das Geschlechtsglied, wie ein hypospadischer Penis aus- 
sehend, so lang und dick wie der Mittelfinger. Zwischen 
den Schamlefzen eine Spalte, in deren Grunde die Harn- 
röhrenöfihung lag; nichts von einer Vaginalmündung zu 
sehen, Rechterseits Leistenhernie mit Darminhalt, linker- 
seits in der Leistenhernie außer Darm noch ein Gebilde 
tastbar, welches weder ein Hoden, noch ein Ovarium zu 
sein schien. Per rectum tastete man ein Gebilde, welches 
mit dem Tumor in Verbindung stand. Unterberger 
sah es für einen Uterus an, den Tumor für einen Ovarial- 
tumor, und machte den Bauchschnitt. Den entfernten 
linksseitigen mannskopfgroßen Tumor sah er für ein 
Ovarialsarkom an, obgleich keine Spur von ovariellem 
Gewebe mikroskopisch nachweisbar. Die Blutung vor 
acht Monaten sah er für eine menstruelle an mit 
Ausscheidung des Blutes aus der Harnröhre, in 
welche vermutlich die Vagina münde. Es fand 
sich ein kleiner Uterus mit beiden Tuben, rechterseits 
fand sich an der Hinterfläche des Ligamentum latum ein 
Gebilde, welches Unterberger makroskopisch für einen 
rudimentären Eierstock ansah. Man fand beide runden 
Bänder und glaubte Unterberger unterhalb der Cervix 
uteri gleichsam eine Gewebsduplikatur zu tasten, in der 
er eine Vagina vermutete, welche entweder in urethram 
münden sollte oder mit der Urethra zugleich in den 
Sinus urogenitalis. Meines Erachtens beruht* die Ge- 
schlechtsdiagnose hier nur auf Vermutungen, ebensowohl 
kann man den Tumor für eine Kryptorchis sarcomatosa 
ansehen. Unterberger hätte angesichts der bösartigen 



— 323 — 



Degeneration der einen Geschlechtsdrüse unbedingt auch 
die andere entfernen sollen. Das Mikroskop hätte dann 
vielleicht Aufschluß über das Geschlecht gegeben. Ich 
erwähne diesen Fall hauptsächlich wegen jener Blutung 
aus dem Genitale, deren Bedeutung absolut unklar bleibt. 

54. Vaughan (siehe im Vorhergehenden Fall 45). 
Ein hypospadischer Neger mit nur teilweise gespaltenem 
Scrotum, 21 Jahre alt, hatte' alle Monate eine drei- 
tägige Blutung aus der Harnröhrenmündung. Bei 
genauerer Untersuchung ergab sich, daß die vermeint- 
liche Harnröhrenmtindung die Mündung des Canalis uro- 
genitalis war; es gelang nämlich, mit einer Sonde von 
diesem Kanäle aus in einen zwischen Mastdarm und 
Blase gelegenen Sack zu dringen, in einen Uterus. In 
der rechten Hälfte des nur oben gespaltenen, Scrotum 
zwei Gebilde tastbar, . deren oberes allmonatlich an- 
schwoll und druckempfindlich wurde. Kleine Scham- 
lippen vorhanden. Geschlechtsdrang männlich. Dürfte 
dieser angebliche Hypospade nicht eher ein Weib sein 
mit inguinolabialer Ektopie eines Ovarium? Dies er- 
scheint am wahrscheinlichsten. 

55. Virchow (siehe im Vorhergehenden Fall 96). 
Die berühmt gewordene Katharina, der spätere Karl 
Hohmann besaß, wie zweifellos festgestellt ist, eigenes 
Sperma, trotzdem fand bei ihr periodisch alle drei bis 
vier Wochen unter charakteristischen Beschwer- 
den und mit Colostrumgegenwart in den Brüsten 
vom 20. bis zum 30. Jahre regelmäßig, dann bis zum 
42. Jahre unregelmäßig eine zweitägige Blutausscheidung 
a,u8 den Genitalien statt. Ahlfeld vermutete, es handle 
sich um Betrug, sie habe stets einige Tage vor der an- 
geblichen Genitalblutung Nasenbluten gehabt und sich 
mit diesem Blute die Genitalien beschmiert. Diese Skep- 
sis scheint etwas zu weit zu gehen, denn unter den vielen 
Forschern, welche Katharina untersucht haben, sind auch 

21* 



— 824 — 



solche, welche mit dem Katheter das Blut aus der schein- 
baren Harnröhrenmündung entleert haben, welche die 
Ausmündung des Canalis urogenitalis war. Ich sehe 
keinen Grund, die Behauptung der diesbezüglichen 
Forscher, die Angabe der periodischen Genitalblutungen 
Hohmanns beruhe auf strikter Wahrheit, anzuzweifeln. 

56. Walker (,,A case of Pseudohermaphroditism", 
New York Med. Journal, Vol. LX, S. 434; siehe auch 
Denver Med. Times, 1894, Vol. XIV, S. 139; desgleichen 
Denver Colorado Med. Soc, 1894, S. 362, und Referat: 
Frommeis Jahresbericht für 1894, S. 878). Wahrschein- 
lich männlicher Hypospade, jederseits in dem gespaltenen 
Scrotum Gebilde getastet, die für Hoden und Nebenhoden 
angesprochen werden. Rudimentäre Vulva mit kleinen 
Schamlippen. Brüste weiblich, außerdem besteht eine 
genau vierwöchentlich auftretende Epistaxis, 
auch soll früher zeitweilig der Harn blutig ge- 
wesen sein. Im ganzen hat der Körper mehr männ- 
liche Form und das Individuum männlichen Geschlechts- 
drang. 

57. Walther (Bulletins et M&noires de la Soci6t6 
de Chirurgie de Paris, 14. X. 1902, Tome XXVIII, 
Nr. 31, S. 938, u. Nr. 32, S. 972). Der 24jährige Sattler 
X. X. trat am 3. IX. 1902 in das Hospital de la Piti6 
ein, mit dem Verlangen einer plastischen Operation be- 
hufs Behebung der Verunstaltung seiner Genitalien. Nach 
der Geburt war sein Geschlecht als weiblich bestimmt 
worden, später jedoch wurde auf das Verlangen eines 
Arztes hin das Geschlecht für männlich erklärt. Die 
Scham sah aus wie bei peniscrotaler Hypospadie oder 
aber wie eine weibliche Scham bei Klitorishypertrophie. 
Das scheinbar gespaltene Scrotum erwies sich leer, aber 
in der Mündung des rechten Leistenkanals tastete man 
ein Gebilde von der Größe eines kleinen Eies, druck- 
empfindlich, an eine Geschlechtsdrüse erinnernd. Eine 



1 



— p5 — 

ähnliche Hernie mit ähnlichem Inhalt fand sich auch 
linkerseits. Per rectum tastete man keinerlei charakte- 
ristische Gebilde. Das allgemeine Aussehen war ein 
zwischen männlichem und weiblichem in der Mitte 
stehendes, also weder ausgesprochen männlich, noch aus- 
gesprochen weiblich. Der Mensch verriet aber einen ge- 
wissen Grad von Infantilismus in seiner Entwickelung; 
trotz seiner 24 Jahre besaß er keine Spur eines Bart- 
anfluges. Becken und Brüste weiblich. Stimme indiffe- 
rent. Harnröhrenöffnung anscheinend weiblich. Seit 
dem 16. Jahre entleeren sich allmonatlich un- 
gefähr 150 ccm Blut aus der anscheinenden Harn- 
röhrenöffnung. Diese allmonatliche Blutung 
dauert stets zwei bis drei Tage. Gleichzeitig 
schwellen die Leistengegenden an, die in Leisten- 
hernien angeblich vorhandenen Ovarien. Trotz 
dieser anscheinenden menstruellen Blutungen 
fühlt sich das Individuum als Mann und verrät 
absolut männlichen Geschlechtstrieb. Es treten 
jedesmal, wenn sich dieses Individuum in weiblicher Ge- 
sellschaft befindet, sehr energische Erektionen dee Penis 
ein. Penis hypospadiaeus. Angeblich soll nur die Ab- 
wärtskrümmung des erigierten Gliedes die Ursache sein, 
weshalb ein Coitus mit einer Frau bisher nicht versucht 
wurde. Während der Erektionen erfolgte eine Ejaku- 
lation, in dem Ejakulat konnte jedoch Legnail Lava- 
stin e keine Spermatozoen nachweisen. Einige Tage nach 
der Vorstellung dieses Individuums in der Pariser Ärzt- 
lichen Gesellschaft vollzog Walther die beiderseitige 
Herniotomie: Er fand in der rechtsseitigen Hernie einen 
atrophischen Eierstock und eine Tube, welche er in die 
Bauchhöhle hineinschob; linkerseits jedoch trug er den 
Bruchinhalt ab: der linksseitige Bruch enthielt den mitt- 
leren Anteil der linken Tube, deren uteriner und peri- 
pherer Teil in der Bauchhöhle lagen. Sactosalpinx mit 



— 826 — 



dem sklerotischen Ovarium verbacken, das cystisch ent- 
artet und mit dem Netz verbacken war. Die Entfernung 
der degenerierten linksseitigen Adnexa samt Netz durch 
die Wunde des Leistenschnittes war schwer. Waith er 
fügte den Bauchschnitt hinzu, um sich zu überzeugen, 
daß bei der Operation nichts versäumt war behufs Blut- 
stillung an den vier Amputationsstümpfen des Omentum 
und den zwei Amputationsstümpfen der Tube und des 
linksseitigen Ovarium. Er fand bei dieser Gelegenheit 
in cavo abdominis einen Uterus, welcher klein erschien. 
Dieses Individuum war also, trotzdem aller Anschein für 
männliches Geschlecht sprach, ein Weib. Vor Ausfüh- 
rung dieser Operation hatten sowohl Lucas-Champion- 
ni&re als auch Fölizet in der Diskussion ihre Ansicht 
dahin geäußert, daß es ein Mann sei. 

58. B. Will („Ein Fall von Hermaphroditismus 
masculinus", In.-Diss., Greifswald, 1896) beschrieb eine 
beiderseitige Herniotomie bei der unverehelichten 54- 
jährigen Kristine W., einem männlichen Hypospaden. 
Bei der Operation wurden beide Hoden entfernt Nie- 
mals Periode und doch gleichwohl vom 17. bis 
zum 40. Jahre allmonatlich periodische Schmerzen 
ziehenden Charakters im Unterleibe. Kristine be- 
saß eine schon in der Höhe von 1 1 / 2 Zoll blind endende 
Scheide, kohabitierte nur mit Männern, und zwar benutzte 
sie hierfür die Urethra, welche jetzt für den zweiten 
Finger eingängig war. Den Beischlaf mit Männern voll- 
zog sie ohne jegliche Libido, empfand selbst männlichen 
Geschlechtsdrang, hat aber niemals einen Beischlaf mit 
einem Weibe versucht 



Vorläufige Mitteilungen 

über 

die Darstellung eines Schemas 

der 

Geschlechtsdifferenzierungen. 

Von 

L. S. A. M. t. Römer, 

med. doct 8 . Arzt, Amsterdam. 



1 



I 



I 




I 



I 



] 



Es ist zweifellos von Bedeutung für wissenschaft- 
liche Forschungen, die möglichen und existierenden Diffe- 
renzierungen zwischen Vollmann und Vollweih, d. h. die 
sexuellen Zwischenstufen, übersichtlich anzuordnen. 

Wir haben versucht, in folgenden Tabellen ein 
Schema zu entwerfen, das vielleicht wissenschaftlich ver- 
wendbar ist. 

Um Mißverständnissen vorzubeugen, haben wir völlig 
neu gebildete Wörter gebraucht, welche, wie wir glauben, 
die Begriffe genau bezeichnen. 

Nach unserer Ansicht kann man die Geschlechter 
nur genau bestimmen, wenn man bei jedem Individuum 
betrachtet: 

I. Geschlechtsdrüse, 
II. Körperbau, 

III. Psychische Eigenschaften, 

IV. Richtung des Geschlechtstriebes. 

Um bei der absoluten Geschlechtsbestimmung mög- 
lichst wenig Fehler zu machen, wird man mit derselben 
bis nach der Pubertät zu warten haben. 

Wir haben das Leben in drei Perioden geteilt: 
I. Prohebetisch (abgeleitet von %q6 = vor und fjßrj 

= Reife), bis zu 15 Jahren, 
IL hebetisch (abgeleitet von %ßrj), von 15 bis 
20 Jahren, 

III. methebetisch (abgeleitet von pkra = nach und 
9lßn\ nach 20 Jahren x ) 

l ) Diese Alterszahlen gelten als Durchschnittszahlen und 
sind natürlich cum grano Balis zu verstehen. 



— 330 — 



Wenn die Art der Geschlechtsdrüse genau schon in 
der prohebetischen Periode zu bestimmen ist, so beginnt 
der Körper doch erst in der hebetischen sich zu diffe- 
renzieren, und die Richtung des sogenannten Geschlechts- 
triebes ist erst in der methebetischen Periode, wenn wir 
so sagen dürfen, konsolidiert 

Nach der Beschaffenheit der Geschlechtsdrüsen 
können wir die Menschen in zwei große Gruppen ein- 
teilen. (Die eigentlichen Hermaphroditen beachten wir 
hier nicht.) 

I. Orchiphore (abgeleitet von öqxis 33 Hoden und 
cpiQco = ich trage), 

II. Metraphore (abgeleitet von fi^rgcc = Gebärmutter 
und (psQco). 

Der Körper kann bei einem vollkommen geschlechts- 
reifen Menschen sich zeigen als: 

A. Arrenop (abgeleitet von &QQW(on6q = mit 

männlichem Äußeren), 

B. Diphyetisch (abgeleitet von Siyv/jg = von dop- 

pelter Natur), 

C. Thelyphan (abgeleitet von &rjlvg>ccv7jg = mit 

weiblichem Äußeren). 

Die ausgesprochene Form des thelyphanen Orchi- 
phoren ist der männliche Scheinzwitter, des arrenopen 
Metraphoren aber der weibliche Scheinzwitter. Der 
absolute Vollmann ist also der arrenope Orchiphor 
xa& t£ozriv, das absolute Vollweib der thelyphane Metra- 
phor. 

Die Mehrzahl der Menschen wird aber zu den 
Diphyetischen gerechnet werden müssen. 

Diese Diphyetischen lassen sich nun wieder in fol- 
gende Typen teilen: 



— 331 — 



(abgeleitet von tiq&tos = erster 
und fiogq>7j = Gestalt), d. h. ein 
Körper, der in der äußeren Form 
im großen und ganzen überein- 
stimmt mit dem Typus der Ge- 
schlechtsdrüse, obwohl die Mino- 
rität der Körperteile dem Typus 
der anderen Geschlechtsdrüse 
zukommen würde. 

(abgeleitet von laog = gleich und 
lioQcpri), d. h. ein Körper, den 
man mit Außerachtlassung der 
Geschlechtsteile zum einen wie 
zum anderen Typus rechnen 
könnte. 

CC. Deuteromorph (abgeleitet von SevzeQog = der 
zweite und (JLOQyfy, d. h. ein 
Körper, dessen Geschlechtsdrüsen 
den einen Typus, dessen übrige 
Körperteile aber in Majorität oder 
ganz den anderen Typus haben. 

Das schönste Beispiel der Isomorphie bietet jeder 
menschliche Körper in der prohebetischen Periode. Die 
meisten Dionysos- und Apollostatuen verkörpern die Iso- 
morphie der hebetischen Periode. 

Von Protomorphie in der prohebetischen Periode 
könnte man vielleicht sprechen, wenn z. B. ein „Knabe" 
(also ein prohebetischer Orchiphor) durch angestrengte 
Gymnastikübung eine für sein Alter zu stark ausge- 
sprochene Muskulatur besäße; doch wird man ernstlich 
diesen Fall kaum erwähnen müssen. 

Protomorph in der hebetischen und methebetischen 
Periode sind die meisten griechischen Jünglingsstatuen. 
— Protomorph sind ferner alle Gynäkomasten, welche, 



AA. Protomorph 



BB. Isomorph 



— 332 — 



mit Ausnahme der Brustdrüse, einen vollständig gut ge- 
bildeten „männlichen" Körper haben. 

Deuteromorph, d. h. fast vollständig weiblich, ist der 
junge Mann auf Figur II und III zu nennen, der an 
Becken, Brust und Kehlkopf weibliches Gepräge, auch 
völlige BarÜosigkeit aufweist. 1 ) 

Noch stärker tritt die Deuteromorphie in Figur I 
hervor; hier ist der Penis das einzige Zeichen der Männ- 
lichkeit Wir würden den Abgebildeten als thelyphanen 
Orchiphoren bezeichnen, wenn das Glied weniger deut- 
lich und weniger normal reproduziert wäre. 

In ausgesprochenem Maße protomorph ist der Typus, 
dessen Schulter- und Beckengürtel Dr. Hirschfeld in seinem 
„Urnischen Menschen" (Bd.V dieses Jahrbuchs) beschreibt. 

Arrenop ist er noch nicht, da seine Schambehaarung 
nicht männlich zu nennen ist. — Ich hoffe dieses Jahr 
noch eine sozusagen vollständige Skala dieser Nuancen 
der Körperform zusammenstellen zu können. Vorläufig 
mögen die eben genannten Bilder meine Auffassung ver- 
ständlicher machen. 

In Tabelle II haben wir die Variationen zusammen- 
gestellt, die uns bei der Untersuchung der Körperformen 
in den verschiedenen Lebensperioden entgegentreten. 

Die Zusammenstellung wird wohl für sich selber 
sprechen. Die dreizehn vorkommenden Typen haben wir 
wieder in zwei Gruppen geteilt, deren Grundtypus proto- 
morph oder deuteromorph ist, wenn wir die vollkommen 
entwickelte Form als Kriterium nehmen. Selbstredend 



*) Der Herausgeber hat gemeint, aus Rücksicht auf die allem 
Anschein nach schon auf die äußerste Spitze getriebene Prüderie 
der Deutschen, die Figuren II und III nicht veröffentlichen zu dürfen. 
Es ist ein charakteristisches Zeichen, daß ernste wissenschaftliche 
Forschung bereits darauf verzichten muß, die unverhüllten Formen 
des Menschenleibes zum Zweck der Aufklärung und Belehrung 
im Bilde vorzuführen. (L. S. A. M. von Börner.) 



— 333 — 



wird dann beim Orchiphor wie beim Metraphor der proto- 
morphe Typus mehr getroffen, als der deuteromorphe. 

Der wirklich normale Mann wird also ^dargestellt 
durch Gruppe I — III. 

Der vollständige männliche Scheinzwitter (ein Indi- 
viduum, dessen Körper mit Ausnahme der Geschlechts- 
drüse weiblich gebildet ist) fällt unter Gruppe XI — XIII. 

Gruppe IV hat zwar als Endform einen Arrenopen, 
aber da in der hebetischen Periode ein deuteromorphisches 
Stadium durchgemacht wurde, kann man die Repräsen- 
tanten dieser Gruppe nicht mehr „normale Männer" nennen. 

Grupe IV — X bilden die körperlich-sexuellen Zwi- 
schenstufen mit einer ungemein fein nuancierten Auf- 
einanderfolge. 

Bei den Protomorphen wie bei den Deuteromorphen 
ist speziell die Bildung der äußeren Geschlechtsteile zu 
beachten. 

Es gibt doch Scheinzwitter, die mit Ausnahme der 
äußeren Geschlechtsteile völlig arrenop sind; diese können 
also nicht zu den Thelyphanen gerechnet werden; wir 
müssen sie unter die Protomorphen reihen. Sie stehen 
also auf der gleichen Linie wie der Orchiphor, der nur 
einen thelyphanen Kehlkopf hat. 

Wenn wir nun die psychischen Eigenschaften der 
Individuen näher betrachten, erhalten wir eine sehr be- 
trächtliche Anzahl von Variationen, die man (sit venia 
verbo!) geistig-sexuelle Zwischenstufen nennen könnte. 

Die absolut „männliche" Psyche (Psyche im wei- 
testen Sinne: alle nicht direkt körperlichen Eigenschaften) 
nennen wir: 

1. Epandrisch (abgeleitet von 'inavSgoq = mannhaft). 
Die absolut „weibliche" Psyche aber: 

3. Gynäkophron (abgeleitet von yvvaixötpQtov = mit 
weiblichem Gemüt). 



— 334 — 



Dazwischen befindet sich wieder: 

2. Der Diphron (abgeleitet von Si = zwei und tpQwv). 

Beim Diphron unterscheiden wir aber wieder: 

AA. Gynandrophron (abgeleitet von yvvavdgog = 

Weibmann und (pgcov). 

BB. Isophron (abgeleitet von Yaog = gleich 

und tpQcov), 

CC. Androgynäkophron (abgeleitet von dvSgöyvvog = 

Mannweib und (ppav). 

Auch hier werden wir die meisten Menschen zum 
diphronen Typus rechnen. 

Der von Geburt an körperlich „absolut männlich" 
geartete Mensch ist ja wie der geistig „absolut männ- 
liche", wenn nicht einfach eine Abstraktion, so doch ein 
Unikum. 

In Tabelle III ersehen wir die verschiedenen Kom- 
binationen, welche möglich sind, wenn man die Psyche 
in den verschiedenen Lebensaltern untersucht — Wir 
finden aber fünf Gruppen, von denen jede wieder in fünf- 
undzwanzig Untergruppen zerfällt. Höchst unwahrschein- 
lich sind, wie sofort einleuchtet, in I die Untergruppen 
21 — 25; in V die , Gruppe 1 — 5. Diese psychische Ta- 
belle ist so aufzufassen, daß jeder der dreizehn körper- 
lichen Typen von Tabelle II psychisch zu einer dieser 
Untergruppen gehören kann, sodaß im ganzen beim Orchi- 
phor 13 x 125 = 1625 Nuancen vorkommen können, und 
zwar in allgemeinen Typen. 

Wir werden nun nach dem Vorhergehenden den 
„normalen Mann" klassifizieren zu: körperlich I, II oder 
III; psychisch aber zu: I, 1, 2, 3, 6, 7, 8, 11, 12, 13. 

Der absolut „Effeminierte" gehört unter: körper- 
lich X; psychisch V, 23, 24, 25, 18, 19, 20, 14, 15, 16. 



— 335 — 



Zwischen diesen beiden „Endpunkten" der Orchi- 
phoren finden sich die übrigen Zwischenstufen. 

Tabelle IV zeigt uns die Kombinationen, welche im 
Konjunktionstrieb auftreten. — Konjunktionstrieb nennen 
wir den jedem Menschen eingeborenen Trieb, sich mit 
dem Objekte, welches in ihm eine Lustempfindung aus- 
löst, zu vereinigen. Dieser Trieb liegt den sozialen, wie 
auch den sogenannten sexuellen Vereinigungen der Men- 
schen zu Grunde. 

Der Konjunktionstrieb kann nun gerichtet sein auf 
einen der beiden Grundtypen der Menschen oder auf 
beide. 

Die Ausdrücke, welche wir zur Bezeichnung dieser 
Triebrichtungen gewählt haben, lauten: 

1. Heterophil (abgeleitet von Zregog = der andere 

und (piXuv = lieben). 

2. Amphiphil (abgeleitet von äfjb(pi = nach beiden 

Seiten und (pilelv), 

welche Art wieder zerfällt in: 

a) Deuterophil (abgeleitet von devrepog = der an- 

dere von zweien und tpiXelv). 

b) Hekaterophil (abgeleitet von hcarzQos = jeder von 

zweien). 

c) Protophil (abgeleitet von tzq&toq = der erste). 

3. Homoiophil (abgeleitet von öfioiog = der gleiche 

und (piheTv). 

Wir haben diese Ausdrücke von tpiXsTv abgeleitet, 
nicht von ko&v, da in diesem allgemeinen Begriffe von 
Leidenschaft oder Sexualität nicht die Rede ist. 

Dem Konjunktionstrieb (abgeleitet von Conjunctio, 
Vereinigung in jeder Beziehung) können wir nun folgende 
Qualitäten zuschreiben: 



— 336 — 



1. somatisch, 

2. psychisch, 

3. pterophyetisch, 

4. apterotisch. 

Um die beiden letzten Ausdrücke zu verstehen, lese 
man folgende Stellen aus Piatons Phädrus nach, Kap. 34 
bis 37. Ich gebe die deutsche Übersetzung von Prantl 
(Langenscheidtsche Bibliothek). 

„34. Sowie wir im Anfange dieser von uns erzählten 
Kunde dreifach eine jede Seele teilten, nämlich in irgend 
zwei Gestalten in der Form von Kossen und in die des 
Wagenlenkers als dritte Gestalt, so möge auch jetzt uns 
all dieses bestehen bleiben. Von den Rossen aber nun 
ist das eine, sagten wir, gut, das andere nicht; worin 
aber die Vortrefflichkeit des guten oder die Schlechtig- 
keit des schlechten bestehe, haben wir nicht auseinander- 
gesetzt, sondern müssen dies jetzt erst angeben. Das 
eine der beiden demnach, welches an der schöneren Seite 
sich befindet, ist von Gestalt gerade und wohlgegliedert* 
hochnackig, von gebogener Nase, weiß von Farbe, schwarz- 
äugig, ehrliebend mit Besonnenheit und Scham, ein Ge- 
fährte der wahren Meinung, ohne von einem Stachel ge- 
trieben zu sein, wird es bloß durch Zuruf und Vernunft 
gelenkt; das andere aber hinwiederum ist krumm, plump, 
unordentlich zusammengestellt, starknackig, kurzhalsig, 
stumpfnasig, schwarz von Farbe, katzenäugig, blutunter- 
laufen, ein Gefährte des Frevels und Ubermutes, an den 
Ohren zottig, taub, der Peitsche samt dem Stachel mit 
Mühe gehorchend. 35. Wenn aber also der Wagenlenker 
beim Anblick der zur Liebe reizenden Erscheinung in 
seiner ganzen Seele vermittelst der sinnlichen Wahrneh- 
mung durchwärmt von den Stacheln des Kitzels und der 
Sehnsucht erfüllt ist, so hält jenes der zwei Rosse, 
welches im Gehorsam gegen den Wagenlenker stets und 



— 337 — 

auch jetzt von Scham beherrscht wird, sich selbst zu- 
rück, daß es nicht auf den Geliebten springe; das an- 
dere aber kehrt sich weder an den Stachel dös Wagen- 
lenkers mehr, noch an die Peitsche, sondern in einem 
Satze stürmt es mit Gewalt fort, und indem es sowohl 
seinem Gespanngenossen als auch dem Wagenlenker alles 
Mögliche zu schaffen macht, nötigt es sie, zu dem Lieb- 
lingsknaben hinzugehen und eine Erwähnung zu machen 
von der Gunst des Lieblingsgenossen. Jene beiden aber 
streben anfangs entrüstet entgegen, da sie zu Argem und 
Gesetzwidrigem gezwungen werden, zuletzt aber, wenn kein 
Ende des Unheils ist, lassen sie sich leiten und gehen 
mit, indem sie nachgeben und es zugestehen, das Ver- 
langte zu tun. Und ihm nun nähern sie sich und sehen 
das blitzende Antlitz des Lieblingsknaben, und sowie der 
Wagenlenker es gesehen, so wird seine Erinnerung zur 
Natur des Schönen geführt, und er erblickt dieselbe 
wieder, wie sie zusammen mit der Besonnenheit auf einer 
heiligen Schwelle ruhig steht; sowie er sie aber erblickt 
hat, schrickt er zusammen und von heiliger Scheu er- 
griffen sinkt er rückwärts nieder und wird dabei zugleich 
genötigt, die Zügel so heftig zurückzuziehen, daß beide 
Bosse sich auf die Hüften setzen, das eine freiwillig, weil 
es nicht widerstrebt hatte, das frevelhafte aber sehr un- 
freiwillig; nachdem aber hierdurch die beiden weiter hin- 
weggekommen waren, benetzt das eine vor Scham und 
Entsetzen die ganze Seele mit Schweiß, das andere aber, 
nachdem der Schmerz nachgelassen, welchen es durch 
den Zügel und den Fall gehabt hatte, atmet kaum wieder 
auf, als es sogleich im Zorn zu schmähen beginnt, den 
Wagenlenker und den Gespanngenossen arg scheltend, 
daß sie aus Feigheit und Unmännlichkeit ihrem Platze 
und ihrem Versprechen ungetreu geworden, und indem 
es sie noch einmal zu zwingen versucht, wider ihren 
Willen hinzugehen, gibt es mit Mühe ihren Bitten nach, 

Jahrbuch VI. 22 



— 338 — 



dies auf ein anderes Mal zu verschieben. Wenn aber 
der so übereingekommene Zeitpunkt eingetreten ist, so 
erinnert ete jene, da dieselben sich stellen, als hätten sie 
es vergessen, daran, und indem es gewaltig sich geberdet, 
wiehert und sie mit sich fortzieht, zwingt es sie, dem 
Lieblingsknaben sich wieder zu nähern zum Behufe der 
nämlichen Reden; und sobald sie in der Nähe sind, 
nimmt es den Kopf zwischen die Beine, streckt den 
Schweif aus, beißt in den Zügel und zieht sie schamlos 
mit sich fort; der Wagenlenker aber, welchem noch in 
höherem Grade das Vorige widerfährt, stürzt gleichsam 
wie von einer Schranke rücklings, und indem er in noch 
höherem Grade den Zügel des frevelhaften Bosses mit 
Gewalt aus den Zähnen desselben nach rückwärts reißt, 
macht er die schmähsüchtige Zunge und die Backen des- 
selben blutig und, die Schenkel und Hüften zur Erde 
niederstoßend, bereitet er ihm Schmerzen. Wenn aber 
dem bösen Rosse dies Nämliche oft widerfahren ist und 
hierdurch seine Frechheit nachgelassen hat, so folgt es 
jetzt bereits gedemütigt dem vorsichtigen Denken des 
Wagenlenkers und vergeht vor Furcht, wenn es den 
schönen Knaben sieht. Demnach ergibt sich erst jetzt, 
daß die Seele des Liebhabers dem Lieblingsknaben in 
Scham und Furcht folge. 36. Insofern also dieser nun 
in jeder Weise wie in einem Gotte Gleicher gepflegt wird 
von einem, welcher die Liebe nicht etwa bloß heuchelt, 
sondern in Wahrheit in diesem Zustande sich befindet, 
und insofern er selbst von Natur aus ein Freund seines 
Liebhabers ist, so vereinigt er seine Freundschaft mit 
jenem, welcher ihn pflegt, selbst wenn er auch in der 
früheren Zeit durch Altersgenossen oder irgend andere, 
welche sagten, es sei schändlich, einem Liebhaber sich 
zu nähern , hiergegen aufgebracht worden war und 
daher den Liebhaber von sich gestoßen hatte; im Ver- 
laufe der Zeit hat ihn jetzt sowohl das Jugendalter als 



— 339 — 



auch das Bedürfnis dahin geführt, daß er jenen zum 
Umgange zulasse; denn es ist ja vom Schicksal bestimmt, 
daß niemals ein Schlechter einem Schlechten feind und 
niemals ein Guter einem Guten nicht freund sei. Nach- 
dem er ihn aber zugelassen und Rede und Umgang von 
ihm auf sich wirken ließ, durchzuckt das nun aus der 
Nähe kommende Wohlwollen des Liebhabers den Ge- 
liebten, indem dieser inne wird, daß alle übrigen Freunde 
und Verwandten zusammen gar nichts an Freundschaft 
ihm bieten im Vergleiche mit diesem gottbegeisterten 
Freunde. Wenn er aber in solcher Weise längere Zeit 
verfährt und er sich ihm zugleich in körperlicher Be- 
ziehung sowohl in den Gymnasien .als auch bei dem 
übrigen Umgange nähert, 1 ) dann erst fließt die Quelle 
jener Ausströmung, welche Zeus, als er den Ganymedes 2 ) 
liebte, Liebesreiz nannte, reichlich auf den Liebhaber 
über, und der eine Teil derselben dringt in ihn ein, der 
andere aber fließt, wenn jener schon voll ist, wieder ab, 
und sowie ein Windhauch oder ein Schall von glatten 
und festen Körpern abprallend wieder dahin zurück sich 
bewegt, von wo er ausgegangen war, ebenso geht die 
Ausströmung der Schönheit wieder in den Schönen ver- 
mittelst der Augen zurück, durch welche in die Seele zu 
kommen sie von Natur aus bestimmt ist, und indem sie 
dort zu neuem Fluge antreibt, benetzt sie die Öffnungen 
des Gefieders und veranlaßt das Hervorwachsen des- 
selben und erfüllt jetzt hinwiederum die Seele des Ge- 



l ) Also das sinnliche Betasten und Betatschen, wie es auch 
heutzutage gewisse wohlbekannte „Freunde der Jugend" sehr 
fleißig üben, war doch auch bei der platonischen Knabenliebe 
«in wesentliches Erfordernis. (Anmerkung von Prantl.) 

*) Dies ist ein deutliches Bekenntnis dafür, daß die griechische 
Päderastie ihren symbolischen Ausdruck auch in der Götter- 
geschichte an dem Verhältnis zwischen Zeus und Ganymedes fand. 
{ Anmerkung von Prantl.) 

22* 



— 340 — 



liebten mit Liebe. Dieser liebt also nun, ist aber ratlos 
darüber, wen er liebe, und er weiß weder, was ihm wider- 
fahren ist, noch kann er es aussprechen, sondern wie 
jemand, welcher von einem anderen eine Augenkrankheit 
geerbt hat, kann er die Veranlassung nicht sagen, sieht 
aber, ohne es selbst zu merken, in dem Liebhaber sich 
selbst wie in einem Spiegel; und wenn jener anwesend 
ist, läßt in gleicher Waise wie bei jenem der Schmerz 
nach, ist aber jener abwesend, so ist dieser hinwiederum 
in gleicher Weise sehnsüchtig und Gegenstand der Sehn- 
sucht, weil er eben als Abbild der Liebe die Gegenliebe 
in sich hat; er nimmt und bezeichnet aber diese nicht 
als Liebe, sondern als Freundschaft. Aber in ähnlicher 
Weise wie jener, nur schwächer, verlangt er darnach, ihn 
zu sehen, zu berühren, zu liebkosen, an seiner Seite zu 
liegen, und hernach nun, wie erklärlich, tut er dies letz- 
tere denn auch wirklich. Bei diesem Zusammenliegen 
nun kann das zügellose Boß des Liebhabers wohl manches 
zum Wagenlenker sprechen und es verlangt für viele 
Mühsale einen kleinen Genuß; das des Lieblingsknaben 
hingegen kann allerdings nichts sagen, aber in Wollust 
und Ratlosigkeit umarmt und liebkost es den Liebhaber, 
indem es ihn als einen so gar wohlwollenden herzt, und 
wenn sie nun wirklich beisammen liegen, ist es im stände, 
sich gar nicht dagegen zu weigern, daß es nicht seiner- 
seits dem Liebhaber zu Gefallen wäre, falls jener um 
diese Gunst bäte. Aber der Gespanngenosse hinwiederum 
zugleich mit dem Wagenlenker widerstrebt diesem mit 
Scham und Vernunft. 37. Und wenn also nun das 
Bessere des Denkens siegt, indem es zu einer geordneten 
Lebensweise und zur Philosophie hingeleitet hat, so 
führen sie auf Erden ein seliges und einträchtiges Leben, 
sich selbst beherrschend und sittsam, indem sie jenes 
unterjochen, wodurch Schlechtigkeit der Seele, jenes aber 
befreien, wodurch Vortrefflichkeit erwuchs; nach ihrem 



— 341 — 



Tode aber sind sie befiedert 1 ) und leicht geworden und 
haben in einem der drei wahrhaften olympischen Kämpfe 
gesiegt, und es kann weder Besonnenheit noch göttlicher 
Wahnsinn irgend ein größeres Gut als dieses dem Men- 
schen verschaffen. Wenn sie aber ja eine niedrigere und 
unphilosophische, dabei aber ehrgeizige Lebensweise üben, 
so möchten bald wohl bei Trinkgelagen oder in irgend 
einem anderen Zustande der Sorglosigkeit ihre beiden 
zügellosen Rosse die Seelen unbewacht treffen und auf 
einen Punkt zusammenfuhren und hierdurch die von 
der Menge seliggepriesene Richtung wählen und ihren 
Zweck erreichen ; und haben sie diesen erreicht, so üben 
sie von nun an auch fürder diese Richtung, jedoch nur 
selten, insofern sie Dinge tun, welche nicht von der ge- 
samten Seele beschlossen waren. Freunde nun sind auch 
diese beiden, weniger aber als jene anderen beiden führen 
diese wechselseitig sowohl in als außerhalb der Liebe 
das Leben, indem sie der Ansicht sind, daß sie die 
größten Versicherungen wechselseitig gegeben und em- 
pfangen haben, welche zu lösen und hiermit jemals in 
Feindschaft zu kommen verpönt sei. Bei ihrem Tode 
aber treten sie zwar unbefiedert, 2 ) jedoch mit dem Triebe 
nach Befiederung aus dem Körper, so daß sie keinen 
geringen Kampfpreis dfes Liebeswahnsinns davontragen; 
denn in Finsternis und zur Wanderung unter der Erde 
kommen nach dem Gesetz diejenigen nicht mehr, welche 
bereits die himmlische Wanderung begonnen haben, son- 
dern ein hellglänzendes Leben führend sind sie beglückt, 
indem sie mit einander wandern, und zugleich befiedert 
werden sie, wenn sie es werden, um der Liebe willen." 

Wir ließen diese Stellen vollständig abdrucken, da 
es zweifellos für die Leser des Jahrbuches von Interesse 



l ) Pterophyetisch, abgeleitet von TtisQogyvrjg = befiedert. 
s ) Apterotisch, abgeleitet von ämegog = unbefiedert. 



— 342 — 



ist, die griechische, d. h. Piatons Auffassung der Homo- 
sexualität zu kennen. 

Unter somatischem Konjunktionstrieb verstehe ich 
den Trieb des Menschen, sich körperlich einem Lust er- 
weckenden Objekt zu nähern, ohne irgend welche sexuelle 
Beimischung, d. h. ohne den bewußten oder unbewußten 
Wunsch, sich körperlich zu vereinen 

Psychisch nenne ich den Konjunktionstrieb, welcher 
vom Körperlichen absolut abstrahiert; man nennt ihn 
Freundschaft, wenn er sehr ausgesprochen ist; im all- 
gemeinen Sinne heißt er Geselligkeitstrieb. 

Pterophyetisch heißt nach Piatons Zitat der Trieb, 
der wohl eine sexuelle Beimischung enthält, die dann 
jene eigentümliche Wärme erzeugt, welche das Gefühl 
der Freundschaft in Liebe verwandelt; die Psyche hemmt 
aber eine sexuelle Betätigung bezw. körperliches Eins- 
werden. — Wir möchten den Ausdruck „pterophyetisch" 
da anwenden, wo die erwähnte sexuelle Beimischung als 
solche unbewußt bleibt, sich aber doch in ihren Äuße- 
rungen zeigt. Diese schreiten nie bis zum körperlichen 
Eins werden fort, es sei denn, daß verschiedene andere 
Gründe zu einer Auslösung des Detumeszenztriebes 
führen. 

Apterotisch endlich nenne ich den Trieb, der be- 
wußt oder unbewußt zum körperlichen Einswerden treibt; 
es wird dann der Konjunktionstrieb zum Geschlechts- 
trieb. 

Von dem Standpunkte aus, von dem ich den Ge- 
schlechtstrieb betrachte, hat dieser mit einem Triebe, in 
dem das Verlangen nach Detumeszenz (nach Moll) 1 ) das 
Primäre ist, nichts gemein. 

Ist der Detumeszenztrieb das Primäre, so kommt 



*) „Detumeszenztrieb", vide Moll, Libido sexualis. 



— 343 — 



nicht eine Äußerung des Konjunktionstriebes in Betracht, 
sondern nur ein Drang nach Despermation, ganz analog 
dem Drange nach Defäkation. 

Beim apterotischen Konjunktionstriebe steht die Äuße- 
rung des Detumeszenztriebes auf derselben Stufe wie der 
Kuß oder die Umarmung. — So lange die anderen 
Qualitäten rein bleiben, kommt der Detumeszenztrieb 
nicht in Betracht. Wenn er sich aber in Gestalt des 
körperlichen „Einswerdentriebes" diesen Qualitäten bei- 
fügt, werden dieselben apterotisch. 

Tritt aber der Detumeszenztrieb in Form eines 
bloßen Genußtriebes hinzu, so hat dieser Komplex der 
Erscheinungen mit dem Konjunktionstriebe apterotischer 
Qualität nichts gemein. Der hinzugetretene Trieb ist 
dann einem kulinarischen Genuß triebe analog, der in 
Gesellschaft Anderer befriedigt werden will. 

Tritt die Äußerung des Detumeszenztriebes unter 
der bewußten Motivierung hinzu, ein Kind zu bekommen, 
so können wir diesen Komplex auch nicht als eine 
Äußerung des Konjunktionstriebes betrachten; sie ist 
vielmehr eine solche des Disjunktionstriebes. In diesem 
Falle strebt ja das Individuum danach, einen lebenden 
Teil seines Selbst abzulösen, der fähig sein wird, selb- 
ständig weiter zu leben. Diesen Disjunktionstrieb lassen 
wir hier außer Acht. 

Wir glauben nun den Konjunktionstrieb hinreichend 
genau umschrieben zu haben, um eventuellen Irrtümern 
in dieser Arbeit vorzubeugen. 

Tabelle IV wird fast ohne weiteres zu verstehen sein. 

Wir haben darin die verschiedenen Triebrichtungen 
in ihrer Qualität zusammengestellt, analysiert und in 
den verschiedenen Lebensperioden untersucht. 

In der prohebetischen Periode ist eine Beimischung 
der 3. und 4. Qualität unmöglich, da dieselben erst ent- 



— 344 — 



stehen können, wenn die Funktion der Geschlechtsdrüsen 
beginnt Es bestehen jedoch auch in der prohebetischen 
Periode somatische und psychische Qualitäten, wie ja 
schon das kleinste Kind Körper und Seele hat. 

In der hebetischen Periode treten die pterophye- 
tischen und apterotischen Qualitäten hinzu. 

Wenn in der hebetischen Periode 3 und 4 nur in 
heterophiler Richtung entstehen, so ist der betreffende 
Orchiphor in dieser Periode: heterosexuell; wenn in 
beiden Richtungen: bisexuell; wenn in der homoiophilen: 
homosexuell. 

Im ersten Falle sind dies also ß 1, 2, 3, 4. 
Im zweiten Falle ß 5, 6, 7. 
Im dritten Falle ß 8, 9, 10, 11. 

Die Variationen ß 1 und ß 11 sind natürlich sehr 
selten, da in denselben selbst die psychischen Qualitäten 
in homoio- resp. heterophiler Richtung fehlen. 

Am meisten kommen die Variationen in heterophiler 
Richtung ß 3, 4 und in homoiophiler ß 8, 9 vor; doch 
werden gerade ß 5 und ß 7 noch häufiger gefunden. 
Hierher gehören doch z. B. alle die schwärmerischen 
Jugendfreundschaften der späteren Heterosexuellen und 
die Schwärmerei ohne sexuelle Beimischung für Mädchen, 
welche sich oft bei späteren Homosexuellen findet. — 
Nicht selten wird auch ß 6 sein; so gehört u. a. das 
Beispiel hierher oder zu ß 7, das Dr. Hirschfeld im 
Jahrbuch V, Bd. I, S. 28—30 gegeben hat. 

Wovon diese Variationen der hebetischen Periode 
abhängen, wollen wir vorläufig nur in allgemeinen Zügen 
skizzieren. 

Zuerst bringt offenbar dies nun eintretende Funk- 
tionieren der Geschlechtsdrüsen einen stärker ausge- 
sprochenen Konjunktionstrieb hervor. 



— 345 — 



Es werden nun äußere Umstände, sozialer oder 
speziell gesellschaftlicher Natur, die Äußerung des ver- 
stärkten Konjunktionstriebes bestimmen. Diese Äuße- 
rungen können denen der prohebetischen Periode völlig 
entgegengesetzt sein. So kann bei früher und auch später 
(in der methebetischen Periode) völlig normal „Hetero- 
sexuellen" durch das Verweilen in Knabeninstituten usw. 
in dieser Periode eine fast ausschließlich „homosexuelle" 
Äußerung auftreten, da. der Konjunktionstrieb in seiner, 
jedem jungen Menschen bewußten, größeren Intensität 
zur kräftigen Äußerung treibt und andere Objekte 
nicht vorhanden sind. Die unter diesen Umständen am 
häufigsten vorkommenden Variationen sind ß 5, 6, 7, wie 
jedem einleuchten wird. 

Abgesehen aber von diesen eigentlich als Zwangs- 
zustände aufzufassenden Umständen haben die reifenden 
Geschlechtsdrüsen zweifellos die Fähigkeit, früher in so- 
matischer und psychischer Beziehung Heterophile in 
normal Bisexuelle [y 7) und selbst in eine Spezies der 
normal Homosexuellen (y 8) zu verwandeln, d. h. in einen 
Homoiophilen , der in homoiophiler Richtung die vier 
Qualitäten des Konjunktionstriebes besitzt, in heterophiler 
Richtung aber immer noch die ursprünglich bestehenden 
Qualitäten 1 und 2 hat. — Daß die sonst völlig normal 
entwickelten Geschlechtsdrüsen in einem bestimmten Falle 
diesen Einfluß haben können, ist eine Folge des Ent- 
wickelungsganges des Körpers und der Seele. Wie alle 
oder nur einzelne sekundäre Geschlechtscharaktere sehr 
oft (z. B. in den drei gegebenen Abbildungen) den Typus 
der Metraphorie haben, obwohl die Geschlechtsteile voll- 
ständig zum Typus der Orchiphorie gehören, so tritt 
auch dieser sekundäre Geschlechtscharakter bezüglich des 
sexuellen Teiles des Konjunktionstriebes vereinzelt oder 
mit anderen gemischt in einer dem Typus der Genitalien 
nicht entsprechenden Richtung auf. 



— 346 — 



In der methebetischen Periode nun sind die Varia- 
tionen 1 — 4 die eigentlich Heterosexuellen; hier ist das- 
selbe zu bemerken, wie in der hebetischen Periode. Die 
Variationen y 5, y 6, y 7 sind die Bisexuellen (die aus- 
gesprochen Bisexuellen werden durch y 6 dargestellt) 
und die Variationen y 8 — 11 die Homosexuellen. Das 
oben angeführte Beispiel von Hirschfeld läßt sich für die 
hebetische und methebetische Periode als ß 7, y 1 — 5 
oder vielleicht ß 6, y 1 — 5 darstellen. Jede Variation 
der prohebetischen Periode läßt sich mit jeder der hebe- 
tischen und jede der hebetischen wieder mit allen met- 
hebetischen kombinieren. 

Dabei werden natürlich einige höchst unwahrschein- 
liche Kombinationen zu Tage treten. So kann z. B. 
jede Kombination als unwahrscheinlich erklärt werden, 
in der Qualitäten der prohebetischen Periode in der met- 
hebetischen Periode verschwunden sind, z. B. a 1, ß 1, 
y 11; aber auch a 7, ß 11, y 1. 

In Tabelle V haben wir die normaliter möglichen 
Kombinationen eingetragen. 

Die unwahrscheinlichen oder unmöglichen Kombi- 
nationen haben wir durch Flächenfüllung der Unterpartien 
in der prohebetischen Periode bezeichnet. 

Die Zahlen stimmen mit denjenigen auf Tabelle IV 
überein, die Buchstaben a, ß, y geben wie auf den an- 
deren Tabellen die Perioden an. — In der letzten Kolonne 
führen wir die gebräuchliche Nomenklatur auf. Die Wich- 
tigkeit dieser neuen Einteilung für genau wissenschaft- 
liche Forschung ist einleuchtend. Wir sehen zuerst, daß 
beim normal Heterosexuellen und beim normal Homo- 
sexuellen drei gut differenzierte Variationen existieren, 
wenn man nur das methebetische Individuum in Betracht 
zieht. Berücksichtigt man auch das Vorleben, so erhält 
man 109 sehr gut differenzierte Varietäten. 



— 347 — 



Die hebetische Periode, welche nur ziemlich kurze 
Zeit dauert , ist wohl imstande , die prohebetischen 
Qualitäten, welche man doch als eingeboren betrachtet, 
zeitweise zu modifizieren, ja selbst umzuwandeln. Das 
letztere ist auf die Dauer unmöglich und vielleicht beruht 
hierin der bleibende Wert unserer Tabelle, daß dies ad 
oculos demonstriert wird. — Im ganzen können wir für 
den Konjunktionstrieb 423 Variationen aufstellen, sofern 
wir nämlich als Objekt des Triebes nur die zwei Grund- 
typen des Menschen nehmen: den orchiphoren und den 
metraphoren Typus. Mit diesen Variationen können nun 
wieder die Verschiedenheiten der körperlich-psychischen 
Variationen kombiniert werden, und so finden wir als 
mögliche Variationen, d. h. als sexuelle Zwischenstufen, 
die ungeheuere Anzahl von 

1625 x 423 = 687375 Variationen. 

Natürlich werden darunter auch absolut undenkbare 
Kombinationen zu finden sein, aber wenn auch nur Yiooo 
davon wirklich besteht, so wären das doch schon 687 
Zwischenstufenformen. 

Wie es uns möglich war, in jedem Individuum neben 
dem Grundkriterium die körperlichen und psychischen 
Eigenschaften zu rubrizieren, um damit die Nuance der 
Geschlechtscharaktere zu eruieren, so können und müssen 
wir auch im Konjunktionstrieb verschiedene Variationen 
annehmen bezüglich der Eigenschaften des Objekts. Den 
eigentlichen Fetischismus , d. h. die Bevorzugung ge- 
wisser Haarfarben usw., lassen wir außer Acht. Wir 
wollen nur die allgemeinen Variationen aufstellen, 
welche auf die Geschlechtsbestimmung des Objekts Be- 
zug haben. 

Zuerst das Alter. — Normal ist doch, daß der 
heterosexuelle Mann ein Weib liebt, das jünger ist äIs 
er; nur ausnahmsweise liebt er ein älteres Individuum, 



— 348 — 

was dann beim Weibe das Normale ist — mutatis 
mutandis. 

Die Ausdrücke, welche wir dafür gebrauchen möchten, 

sind: 

1. Neoterophil (abgeleitet von vecSrepog = jünger 

und cptXBlv\ 

3. Presbyterophil (abgeleitet von nQtaßvr&Qoq = älter 

und (ptteiv); 

dazwischen steht dann: 

2. Helikophil (abgeleitet von rjhg = gleichalt und 

dann noch: 

4. Brotophil (abgeleitet von ßporög = sterblich 

und (piXslv), für die Individuen, 
welche kein bevorzugtes Alter 
kennen. 

Ferner: Es ist normal, daß der Mann ein zartes, 
weiches Weib liebt, es kommt aber ausnahmsweise vor, 
daß er eine kräftige, muskulöse Frau vorzieht; gerade so, 
mutatis mutandis, beim Weibe. 

Die bezüglichen Ausdrücke sind: 

1. Habrophil (abgeleitet von äßgog = weiblich, zart), 

3. Karterophil (abgeleitet von xd^regog = kräftig), 

und dazwischen: 

2. Mesophil (abgeleitet von /xecrog = mittel). 

Diejenigen, welche keine besondere Körperform be- 
vorzugen, nennen wir: 

4. Meropophil (abgeleitet von fiepoifj = Mensch). 

Die Tragweite dieser Unterscheidung fällt sofort auf, 
wenn man bedenkt, daß der heterophile Orchiphor, der 



— 349 — 



karterophil und presbyterophil ist, in der methebetischen 
Periode doch eigentlich näher beim homoiophilen Orchi- 
phoren, der presbyterophil und karterophil ist, oder beim 
normalen heterophilen Metraphoren steht als beim aus- 
gesprochen normalen heterophilen Orchiphoren, usw. 

Was nun die psychischen und intellektuellen Eigen- 
schaften des Objekts betrifft, so können wir unterscheiden: 

1. Manthanophü (abgeleitet von fjLav&dvovveg = 

Schüler), d. h. derjenige, der Indi- 
viduen liebt, welche geistig weniger 
hoch stehen als er und die gern 
von ihm lernen möchten. 

Diese wichtige Richtungsqualität kommt allen Men- 
schen zu, welche pädagogisches Talent haben. Das Wort 
„lernen" wird hier natürlich im weitesten Sinne ver- 
standen, und so auch im Folgenden: 

3. Didaskalophil (abgeleitet von SidaaxdXog = Leh- 
rer), der Entgegengesetzte von 1., 
also derjenige, der den Weisern 
liebt und von ihm lernen möchte. 

Dazwischen steht dann der: 

2. Homotropophile (abgeleitet von öfiör^onog = von 

gleichem Charakter). 

Nun können bei allen diesen Richtungsqualitäten 
des Konjunktionstriebes die verschiedenen Lebensperioden 
berücksichtigt werden, so daß auch hier eine große An- 
zahl von Kombinationen entsteht. 

Unsere Meinung geht dahin, daß im vorgelegten 
Schema wirklich alle möglichen sexuellen Zwischenstufen 
unterzubringen sind, sofern diese nämlich normal sind. 
Abnormalitäten sind eigentlich nur dann angeführt, wenn 
sie für den Abschluß der verschiedenen Serien nötig 
waren. 



— 350 — 



Als abnormal betrachten wir sadistische, masochisti- 
sche und fetischistische Formen des Konjunktionstriebes; 
dieselben sind völlig außer Acht gelassen. 

Wie ich hoffe, wird diese vorläufige Mitteilung einen 
deutlichen Einblick in meine Auffassung ermöglichen und 
zu besserem Verständnis und feinerer Analyse der so 
komplizierten Verhältnisse der sexuellen Zwischenstufen 
beitragen. 



— 351 — 



Tabelle I. 
Allgemeiner Überblick. 



Ge- 
schlechts- 
drüse 



Körper 



Psyche 



Konjunktions- 
trieb 



Orchiphor 



A. Arrenop 



B. Diphyetisch 



C. Thelyphan 



a) Epandrisch 

b) Diphron 

c) Gynäkophron 

a) Epandrisch 

b) Diphron 

c) Gynäkophron 

a) Epandrisch 

b) Diphron 

c) Gynäkophron 



1. Heterophil 

2. Amphiphil 

3. Homoiophil 

1. Heterophil 

2. Amphiphil 

3. Homoiophil 

1. Heterophil 

2. Amphiphil 

3. Homoiophil 

1. Heterophil 

2. Amphiphil 

3. Homoiophil 

1. Heterophil 

2. Amphiphil 

3. Homoiophil 

1. Heterophil 

2. Amphiphil 

3. Homoiophil 

1. Heterophil 

2. Amphiphil 

3. Homoiophil 

1. Heterophil 

2. Amphiphil 

3. Homoiophil 

1. Heterophil 

2. Amphiphil 

3. Homoiophil 



der ab- 
solute 
Mann 



— 352 — 
(Tabelle I.) 



Ge- 
schlechts- 
drüse 



Körper 



Psyche 



C. Arrenop 



B.Diphyetisch 



Metraphor 



A. Telyphan 



c) Epandrisch 



b) Diphron 



a) Gynäkophron 



c) Epandrisch 



b) Diphron 



a) Gynäkophron 



Konjunktions- 
trieb 



3. Homoiophil 

2. Amphiphil 

1. Heterophil 

3. Homoiophil 

2. Amphiphil 

1. Heterophil 

3. Homoiophil 

2. Amphiphil 

1. Heterophil 

3. Homoiophil 

2. Amphiphil 

1. Heterophil 

3. Homoiophil 

2. Amphiphil 

1. Heterophil 

3. Homoiophil 

2. Amphiphil 
1. Heterophil 



3. Homoiophil 

2. Amphiphil 
c) Epandrisch 1. Heterophil 

3. Homoiophil 

2. Amphiphil 
b) Diphron 1. Heterophil 

3. Homoiophil 
2. Amphiphil 

a) Gynäkophron 1. Heterophil 



das ab- 
solute 
Weib 



— 353 — 



VI 
Isomorph 
Isomorph 
Protomorph 








V 

Isomorph 
Protomorph 
Protomorph 




X 

Isomorph 
Isomorph 
Deuteromorph 


XIII 
Isomorph 
Isomorph 
Thelyphan 


IV 
Isomorph 
Deuteromorph 
Arrenop 








III 
Isomorph 
Isomorph 
Arrenop 


VII 
Isomorph 
Deuteromorph 
Protomorph 


IX 
Isomorph 
Isomorph 
Deuteromorph 


XII 
Isomorph 
Deuteromorph 
Thelyphan 


II 

Isomorph 
Arrenop 
Arrenop 








1 

Isomorph j 
Protomorph 
Arrenop 




VIII 
Isomorph 
Protomorph 
Deuteromorph 


XI 
Isomorph 
Thelyphan 
Thelyphan 


Prohebetisch 

Hebetisch 
Methebetisch 









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Jahrbuch VI. 



23 



— 854 — 



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355 — 



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— 856 — 



Tabelle IV. Konjunktionstrieb. 
Qualitäten: 1. Somatisch. 2. Psychisch. 3. Pterophyetisch. 4. Apterotisch. - 





a 




fl 


Amphiphiie 


fl 






| Variatione 


A. He- 
tero- 
phil 


| Variation* 


B. Deuterophil 


S 


C.Hekaterophil 




D.-Protophii 


1 Variatione 


E. Ho- 
moio- 
pnll 


Peric 


He- 
tero- 
phü B' 


Ho- 
moio- 
philB" 


§ 

'■S 
'S 


He- 
tero- 
philC' 


Ho- 
moio- 
philC" 


§ 

'S 


He- 
tero- 
phii D' 


Ho 
moio- 
philD" 


bet. a 


I 

(1) 


1 


I 

(2) 


1 
2 


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(4) 


1 


1 


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(5) 


1 


1 

2 


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(3) 


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(6) 


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(2) 


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(11) 


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II 

(3) 


1 
2 
3 
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2 


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1 
2 


1 
2 
3 
4 




2 


Hebetisch 


























3 


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111 

(4) 


1 
2 
3 
4 


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2 




3 


3 


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(9) 


2 


1 
2 
3 
4 




3 






4 


IV 

(5) 


1 
2 
3 
4 


1 
2 
3 




4 


4 


IV 

(10) 


1 


1 
2 
3 
4 




4 




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(2) 


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(3) 


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2 
3 
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2 


2 


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(8) 


1 

2 


1 
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65 Variationen 



22 Variationen 



22 Variationen 



11 Variationen 



423 Variationen 



Gew. Nomen- 
klat.d. metheb. 
Persönlichkeit 



Absoluter 
Hetero- 
sexueller 



Normale 
Hetero- 
sexuelle 



Normaler 
Bisexueller 



Absoluter 
Bisexueller 



Normaler 
Bisexueller 



Normale 
Homo- 
sexuelle 



Absoluter 
Homosexueller 



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I 



Aus dem 

Seelenleben des Grafen Platen. 

Fortsetzung zu dem gleichnamigen Artikel im 
ersten Jahrgang des „Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen". 



Von 



Professor Ludwig Frey. 



Vorwort. 



Motto: „Da aber siehst mich in 
vertrauterm Lichte." 

Platen an G. J. (Gustav Jacobi.) 

Im Jahre 1896 erschien der erste Band „Tage- 
bücher des Grafen Platen" 1 ) im Drucke und durch 
diese Tagebücher ist ein unbehinderter Einblick in die 
Geschlechtspsyche des homosexuellen Menschen er- 
schlossen. Mit peinlicher Gewissenhaftigkeit, man darf 
sagen, mit selbstquälerischer Strenge hat Platen darin 
die geheimsten Regungen seines Herzens verzeichnet und 
die tiefsten Falten desselben aufgedeckt. In seinen 
Memorabilien, wie er sie nennt, ist nicht nur der 
Schlüssel zum Verständnis seiner Dichtungen, sondern 
auch zur Erkenntnis seiner psychischen Sonderveran- 
lagung gegeben. Sie verraten, wie wir bereits in einem 
vorausgehenden Aufsatz (siehe Ersten Jahrgang des Jahr- 
buchs für sexuelle Zwischenstufen, S. 159 ff.) bemerkt 
haben, schon äußerlich die Spuren eines schmerzlich 
bewegten, unglückseligen Menschendaseins, indem die 
Blätter des Originals häufig Flecken zeigen, die durch 
reichliche, auf das Buch hinabrollende Tränen ent- 
standen sind. 
♦ 

*) Vergi. Die Tagebücher des G-rafen August von 
Platen. Aus der Handschrift des Dichters herausgegeben 
von G. von Laubmann und L. von Scheffler, Bd. II, Stutt- 
gart 1900, bei Cotta. 



— 360 — 



Obwohl nun bereits der erste Band des herausge- 
gebenen Memoirenwerkes den Beweis erbrachte, daß ein 
Mensch homosexuell empfinden und dennoch den Ruf 
eines ehrenhaften Mannes beanspruchen könne, so hat 
dieser Beweis in der Öffentlichkeit noch nicht den Erfolg 
gehabt, der aufs dringendste zu wünschen ist. Und man 
darf leider nicht erwarten, daß dieser Erfolg in nächster 
Zukunft eintreten werde. Man kann deshalb nicht oft 
genug betonen, was in den Tagebüchern zum Ausdruck 
gekommen ist, und der im Jahre 1900 erschienene 
zweite Band des Memoiren werkes bietet hiezu einen 
dankenswerten Anlaß. Freilich muß auch dieser Band 
in Hinsicht auf jenes Ziel auszugsweise behandelt werden, 
schon wegen des außerordentlich großen Umfanges, der 
das Buch nicht jedem zugänglich macht, mehr noch des- 
halb, weil dasselbe viele anderweitige, auf den äußeren 
Lebensgäng des Dichters, sowie auf die Literatur- 
geschichte bezügliche Partien enthält, wobei das homo- 
sexuelle Moment nicht im Zusammenhang hervortreten 
kann. Deshalb haben wir nach diesem Gesichtspunkt 
auch den zweiten Band bearbeitet, und indem wir das 
Ergebnis im heurigen Jahrbuch für sexuelle Zwischen- 
stufen veröffentlichen, glauben wir jenes Moment, in 
welchem wir eine wichtige, für das ganze soziale Leben 
bedeutsame Tatsache erblicken, einem größeren Leser- 
kreise nahe gerückt zu haben. 

Die Periode in Platens Seelenleben, welche hier in 
Betracht kommt, ist geeignet, ein noch höheres Interesse 
als die frühere zu erwecken. Wir nehmen in ihr eine 
Steigerung des sinnlichen Bedürfnisses, eine vertiefte 
Kenntnis der Herzensrechte, insbesondere ein Heraus- 
treten aus der persönlichen Passivität wahr. Dies gilt ins- 
besondere von jener Epoche, die uns nach Italien führt, 
auf einen Schauplatz also, wo über die Geschlechtsnatur 
des Homosexualen andere Anschauungen herrschen und 



— 361 — 



wo der Entfaltung homosexueller Eigenart ein freierer 
Spielraum gestattet ist als im nüchtern nordischen Deutsch- 
land. Jedenfalls erscheint der Einblick in Platens Seelen- 
leben als ein ganz unschätzbares Material für die Beant- 
wortung der Frage nach der Sittlichkeit eines homo- 
sexuellen Menschen und nach der Natürlichkeit seines 
geschlechtlichen Empfindens. 



I. 



Als Platen im April des Jahres 1818 die Uniform 
des Offiziers ablegte und von München wegging, um als 
Student an der Universität Würzburg sich den Wissen- 
schaften zu widmen, da hatte er den Ausspruch getan: 
„Ich zweifle, ob Federigo" — der von ihm angebetete, aber 
erfolglos geliebte Rittmeister Friedrich von Brandenstein 
— „der Letzte sein wird, in dem ich das Ideal eines 
Freundes suche.' 4 Platen hatte diesen Zweifel nicht 
grundlos ausgesprochen. Allerdings in der ersten Zeit 
des Würzburger Aufenthaltes ergriff ihn keine ähnliche 
Leidenschaft wie die zu Federigo. Der fremde Ort, die 
neue Umgebung, die Kollegien an der Universität be- 
schäftigten ihn, dem der Fleiß ein Lebenselement war, 
vollauf. Am 9. Juni des gleichen Jahres noch glaubte 
er, über sich und seine Natur Herr zu sein. Er schreibt 
in das Tagebuch: „Nach und nach hoffe ich von dieser alten 
Chimäre geheilt zu werden. Hier ließ ich mich noch nickt 
durch eine einladende Physiognomie so sehr hinreißen, um 
daraus auf eine schöne Seele zu schließen" 

Allein schon am 14. Juni meldet das gleiche Tage- 
buch: „Unter allen diesen Menschen (Universitätsstudenten) 
zieht mich eine Physiognomie mehr als alle andern an. Dies 
würde nur wenig zu dem stimmen, was ich am Neunten 
niederschrieb; allein diese Neigung ist nur ein Werk der 
Phantasie. Mein Alter, mein ganzes Wesen bedarf der Liebe. 



— 363 — 



Da ich sie in der Wirklichkeit nicht finden kann noch mag, 
so such 1 ich sie im Ideale, Ich glaube nicht, daß jener Jüng- 
ling, den ich (weil er den Namen nicht kannte) einstweilen 
Adrast nennen will, mir etwas sein könne. Ich vermeide 
sogar seine Bekanntschaft, um mir die schöne Täuschimg 
nicht xu rauben. Ich ward schon vor mehreren Tagen auf 
ihn aufmerksam u/nd hätte gestern sowie heute Gelegenheit 
finden können, mit ihm xu sprechen. Ich tat aber hier nicht, 
was ich bei Federigo mit Hast würde ergiffen haben. Viel- 
leicht aber wird Adrast selbst mir zuvorkommen und mich 
anreden, da dies bei den ungezwungenen Verhältnissen des 
akademischen Lebens leicht ist. Dann freilich möchte die 
Illusion bald xu Grabe gehen. Vor ein paar Tagen richtete 
ich sogar spanische Verse, u/nd zwar Redondüien, an Adrast. 
Sie beginnen: Vuestra fiente es radiante u. s. w., und atmen 
Leidenschaft, aber mehr für einen Gegenstand, der nicht ist, 
als für jemand, der darin geschildert wird. ee 

Wir werden sehen, wie stark der gute Wille war, 
mit dem Platen widerstehen wollte. Vor allem trat nicht 
ein, was er im stillen hoffte. Adrast redete ihn nicht 
an; die guten Vorsätze Platens gerieten ins Wanken. 
Er machte sich nun mit dem Gedanken vertraut, selbst in 
persönlichen Verkehr mit dem jungen Manne zu treten. 
Gelegen kam ihm die Nachricht, daß sein Freund 
Massenbach, welcher ebenfalls zu wissenschaftlicher Aus- 
bildung sich in Würzburg aufhielt, zu den Bekannten 
Adrasts zählte. Massenbach, schon früher in München 
mit einer ähnlichen Mission betraut, wurde nun beauf- 
tragt, die Vermittlung der Bekanntschaft zu übernehmen. 
Platen hatte unterdessen den Namen des jungen Mannes 
erfahren; derselbe hieß Eduard Schmidtlein, war der 
Sohn eines höhern Beamten in München und studierte 
zu jener Zeit in Würzburg die Rechte. Geboren 1798, 
war er damals 21 Jahre alt, groß und kräftig gebaut, 
gleich allen von dem kleinen, schmächtigen Grafen ge- 



— 364 - 



liebten Männern, „ein schöner, großer Kerl", wie ihn der 
naturwüchsige Massenbach nannte. 

Der von Platen erhofften Gefühle sollte indes 
Schmidtlein nicht fähig sein, ein so guter Kamerad und 
Freund er den Universitätsstudenten war, mit denen er 
zwanglos und lebensfroh verkehrte. Sentimentalität war 
seine Sache überhaupt nicht. Als ihm Massenbach 
Platens Wunsch, mit ihm bekannt zu werden, eröffnete, 
hatte er zur Antwort nur die konventionelle Redensart: 
„Es wird mir viel Vergnügen sein." Bald vergaß er da- 
rauf, dieses „Vergnügen" kennen zu lernen, und kümmerte 
sich nicht weiter um den sich anfreundenden Herrn, und 
auch Massenbach verlor die Angelegenheit aus dem Auge. 
Mittlerweile verzehrte sich Platen, der für weitere Schritte 
zu schüchtern war, vor Sehnsucht, schrieb an Adrast 
überschwengliche Gedichte, die nicht abgeschickt wurden, 
und schmückte im Geiste den flotten Burschen mit all den 
Eigenschaften aus, die er an ihm wünschte. Er besuchte, 
in der Hoffnung und — in der Furcht, ihn zu sehen, 
die Promenaden. Wenn er ihn nicht sah, wurde er be- 
trübt; wenn er ihn erblickte, glaubte er auf den Mienen 
desselben ein satirisches, oft sogar verächtliches Lächeln 
zu entdecken. Diese Wahrnehmung beruhte sicher bloß 
auf Einbildung und war nichts anders als der Reflex 
eines durch leidenschaftliche Gemütsbewegung beeinflußten 
Blickes. Kurz, Platen, wie er einmal war, fühlte sich 
tief verletzt und suchte wieder die Waffen seiner Hart- 
näckigkeit hervor. Am 12. August, ähnlich wie bei seiner 
Ankunft in Würzburg, schreibt er: „Von heute sage ich 
mich feierlichst los von meinen neu erwachten Thorheiten. 
Ich erwähne Adrast nicht mehr; es sei mein fester Vorsatz/ ( 

Alles war jedoch eitel Selbstbetrug und Selbst- 
peinigung. Schon am 23. Oktober heißt es im Tage- 
buch: „Was aber soll ich von Adrast sagen? Nachdem ich 
so lange frei von leidenschaftlichen Anwandlimgen geblieben 



— 365 — 



war, wie konnte ich mich tvieder so ganz allen Regungen der 
Phantasie (sie!) hingeben? Die schöne Täuschung ist vorüber." 
Und in unsicherem Tasten nach Wahrheit fügt er den 
gegen sich ungerechten Vorwurf hei: „Warum rufst Du 
die Liebe zurück? Und warum nicht eher für ein 
sanftes , edles Mädchen? <e Er hereut, jenen Schritt 
durch Massenbach getan zu haben, und überschüttet sich 
mit den heftigsten Anklagen. „Bei Gott, ich bin frech ge- 
worden mit der Zeit! Einem Menschen meine Bekanntschaft 
anzubieten, den ich gar nicht kenne, der mir wahrscheinlich 
so unähnlich ist wie möglich!" — Die Sehnsucht, den 
jungen Mann kennen zu lernen, war jedoch viel mächtiger 
als die Furcht, sich eine Blöße zu geben. Platen sollte 
bitter erfahren, daß es kein Spiel der „Phantasie" war, 
was in ihm vorging. Er konnte es kaum erwarten, bis 
sich eine Gelegenheit zur Annäherung bot. „Er weicht 
mir aus", heißt es am 4. Januar 1819, „ich muß es end- 
lich glauben, daß er mir ausweicht. Womit hab 1 ich das ver- 
dient? Daß ich zerfließen könnte in ein ewiges Weinen! O, 
daß er mich haßte, aber mich tötete! Zum erstenmal fühle 
ich, daß es eine Seligkeit sein müßte, von einer theuren Hand 
zu sterben. O hohe Vorsicht, regiere Du mich, regiere sein 
stolzes Herz! Wenn ich ausrufen darf mit jener Prophetin 
(Kassandra): 

„Und auch ich hab ihn gesehen, 
Den das Herz verlangend wählt" — , 

warum kann ich sie nicht hinzusetzen, die reimvollendenden 
Worte: 

„Seine schönen Blicke flehen, 
Von der Liebe Glut beseelt"? 

Vielmehr die meinigen wären's, wenn sie schön wären. Aber 
was sind Blicke des thränenschweren blauen Auges gegen die 
Augen wie Feuer?" Seine Ungeduld wuchs. Am 8. Januar 



schreibt er ins Tagebuch: „Hat es Massenbach vergessen? 
Hast Du es abgeschlagen, Adrast? Bist Du ferne von hier? 
Bist Du krank? — Grausame Alternative! Wie wenig ist 
Dir an mir gelegen; ich sehe Dich nirgends. Welche Unruhe 
treibt mich auf und nieder! Ich kenne mich selbst nicht 
mehr. Mein Herz pocht beständig. Nein — nein — der 
Meine wirst Du nie werden. Mein — Endymion? Nimmer- 
mehr! Ich war nie glücklich und werde es nie sein." 
— Dann folgen Verse, in denen er sein Leid ausgießt 
und in denen er klagt, daß er Alles getan habe, um ein 
Bekanntwerden mit Adrast herbeizuführen, ohne daß die 
leiseste Gegenwirkung eingetreten sei. 

0 

„Hat auch nicht mit leisem Triebe 
Das Verlangen Dich verführt, 
Mich zu suchen, sanft gerührt, 
Und zu tauschen Lieb' um Liebe? 
Meiner häuslichen Penaten 
Gottheit wird Dich nicht umringen, 
Fremd der Name , Freund 1 Dir klingen, 
Ewig fremd der Name Platen." 

Kurze Zeit nach dem Eintrag dieser Verse bot sich 
Gelegenheit, daß sich der Eine dem Anderen näherte. 
Sie ging wieder nutzlos vorüber. „Gestern (13. Januar) 
begegnete ich Adrast allein auf der Straße beim Kollegien- 
Wechsel. Er sah mich sehr ernst an. Doch grüßte er nicht 
einmal, was er getan (hätte), wenn ihm an mir nur im 
geringsten gelegen wäre. Ich selbst ließ diese Gelegenheit vor- 
übergehen, wiewohl ich fühlte, daß Jahre verstreichen können, 
ehe ich ihm wieder und auf diese Art allein begegne. Ich 
konnte aber nicht mehr thun, als was ich gethan hatte, ihm 
meine Bekanntschaft anbieten. Da er mir nicht entgegen- 
kommt, so weiß ich wohl, wie ich dies auslegen muß. Wenn 
er auch nur das Haupt zum Gruße bewegt hätte, so wären 
wir vereinigt gewesen. Nicht einmal Das! Und doch sah 
er mich so wundersam an. 0, er ist mir ein Rätsel! Ja 



— 367 — 



ich hoffte sogar noch etwas Besonderes vom heutigen Tag — 
aus Aberglauben Wir haben den Vierzehnten. Reute vor 
sieben Monaten war's, als ich seiner zum erstenmal im Tage- 
buch erwähnte. Sieben ist aber die Hälfte von Vierzehn, das 
Produkt also * zwei, und zwei sind wir beide. Dieser Zahlen- 
aberglaube ist vielleicht thörichter als ein anderer. Es hat 
nun einmal Jeder den seinigen. — Alles ist nun geendeter 
als jemals." 

Eine völlige Mutlosigkeit griff in ihm Platz und es 
war Gefahr vorhanden, daß der unglücklich 
Liebende geradezu den Verstand verliere. Er 
machte einsame Spaziergänge und klagte seinen Schmerz 
dem Winde. Am 30. Januar befand er sich an einem 
Orte in der Umgebung Würzburgs, wo Buschwerk von 
Epheu wächst. Platen pflückte von letzterem und flocht 
sich daraus eine Guirlande, die er um seinen Hut legte. 
„Es sahen mir freilich alle Leute auf der Straße nach", be- 
kannte er; „sie werden sich aber daran gewöhnen; denn 
diesen Epheu will ich nicht ablegen. Ich trag' ihn nicht 
etwa als Vorbild poetischen Ruhms, sondern als einen Talis- 
mann , mich zu stärken, sobald mir das Selbstvertrauen fehlt 
und ich ganz an mir verzweifle. Zugleich soll er aber auch 
ein Talismann sein gegen die Schüchternheit, wenn ich Adrast 
sehe; eine Schüchternheit, die ich oft auch auf andere aus- 
dehne, weil ich schlecht in die Ferne sehe und oft manche 
Gestalt von ähnlicher Weise, die auf mich zukommt, für 
Adrast halle. — Wie wird mir fast angst und bange mit 
meinem Epheu! Wie mich heute die Leute anstaunten und 
auslachten, als ich mit Döllinger über das Olaeis ging! Und 
was ist am Ende der kalte, kalte Ruhm gegen die warme 
Liebe, die ich verlor, ohne sie besessen zu haben? Denn ich 
habe es nun klar erkannt, daß ich Adrast nicht zuvorkommend 
anreden darf. Ich weiß gewiß, daß er längst meine Zuneigung 
bemerkte; er könnte sich also, wenn er gewollt hätte, ohne Scheu 
mir nähern, selbst eh! ich meinen Wunsch ihm äußerte." 



— 368 — 



Platen schwankt nun wieder zwischen Mutlosigkeit 
und Hoffnung; er faßt Entschlüsse, nur um sie wieder 
zu verwerfen. Schließlich, am 5. Februar, nimmt er sich 
fest vor, Eduard anzureden. „Mag es nun führen, wozu 
es will; ich muß mich beruhigm. Meinen Stolz hob 1 ich 
ohnedem schon mit Büßen getreten; zum Gerede habe ich 
mich ohnedem schon durch meinen Kranz gemacht Ich fühle 
meine Absichten rein und edel; ich legte sie immer in den 
Schoß Gottes." Platen malt es sich (Eintrag vom 9. Februar) 
im Schmerze der Entsagung aus, welch' heilsamen Ein- 
fluß der Umgang mit einem solchen Freunde auf sein 
ganzes schüchternes, menschenfeindliches Wesen ausüben 
könnte. „Er würde mich wieder ins Leben führen. Es ist 
so notwendig. Sein Umgang würde mir die Studien leicht 
machen. Ohne mich zu rühmen, würde ich viel zu seiner 
geistigen Ausbildung tun können. Er würde mir einen Teil 
seiner litterarischen und ästhetischen Kenntnisse danken. Er 
würde an Humanität und an Ideen gewinnen." Tags darauf: 
„Was ich darum gegeben hätte, wenn ich ihn heute kennen 
gelernt hätte, kann ich nicht aussprechen. Heute am 10. Februar, 
ein Tag, der mir immer der merkwürdigste im Jahre schien, 
der Tag meiner ersten, wahren, reinsten, unvergeßlichen 
Liebe, wo ich zum erstenmale den Grafen von M{ercj) sah, 
den ich nicht, wie später, liebte aus Nachahmung, aus Be- 
dürfnis des Herzens und im Laufe der Zeit und Gewohn- 
heit, sondern plötzlich, auf den ersten Blick, im ersten Moment 
so warm wie im letzten. Denkmale dieser Neigung bewahrt 
noch das zweite Buch. Nicht bei ihm, wohl aber bei späteren 
Gegenständen meiner Neigung konnte ich sagen: 

De Vamour seulement nous sommes amoureux. 

(Piron, La Metromanie, Act II, sc. 8.) 

Ihn liebte ich aber und nicht die Liebe. Welch ein 
Zufall nun, wenn ich nach einem Verlaufe von sechs Jahren 
mannigfaltiger Thorheit, gerade als jener verhängnisvolle Tag 



— 369 — 



wieder auf einen Mittwoch zurückfiel, in den Hafen meiner 
so oft getäuschten Wünsche gekommen wäre/ Masseribach 
war damals und ist nun nach sechs Jahren abermals mein 
einziger Vertrauter. Merkwürdig ist noch, wie in diesem 
Zeiträume meine Liebe eine Stufenfolge durchlief von der 
höchsten Unwahrscheinlichkeit bei Qraf M., der nicht einmal 
meine Sprache verstand (und ich damals nicht die seinige), 
bis zur höchsten Wahrscheinlichkeit bei Adrast, einem Jüng- 
ling, der mir an Alter, Wohnort, Lebensumständen und gleichen 
gemeinschaftlichen Bekannten so nahe steht. Der Prinz 
W. (Wallerstein), Federigo und Wilhelm, vielleicht auch D. (De 
Ahna), waren die graduellen Glieder dieser Kette." 

Endlich, am 4. März, genau vier Monate, nachdem 
er mit Massenbach gesprochen, faßte Platen sich ein 
Herz und wagte den angebeteten Fremden, als er ihm 
auf der Straße begegnete, wenigstens zu grüßen. Dieser 
erwiderte höflich; zu einem Gespräch kam es indessen 
noch nicht Aber schon hierüber war die Freude des 
Liebenden eine unbegrenzte, wie es vordem sein Schmerz 
gewesen, und auch sein Gottvertrauen kehrte zurück. 
„0 mm humor melancolico" — das Tagebuch wurde um 
jene Zeit in portugiesischer Sprache geführt — „estd 
todo mutado. Estoy jovial e alegre, mais que jamais, tornada 
a esperanfao. A minha cdbbala de calmdario näo era in- 
teiramente sem significazäo. Logo amemos, o minha alma, 
e esperemos, e mais que isto agradegamos ao Dens omnipo- 
tente, a Providentia benigna! il (O, meine düstere Stimmung 
hat sich ganz geändert! Sie ist fröhlich und heiter, wie nie- 
mals, geworden und ist zur Hoffnung zurückgekehrt. Die 
Zahlenmystik in meinem Kalender hat sich vollständig als 
richtig erwiesen. Also lieben wir, o meine Seele, und hoffen 
wir; sagen wir Dank dem allmächtigen Ootte und der gütigen 
Vorsehung!) Vier Tage darauf heißt es (in Ubersetzung): 
„Was soll ich sagen! O Himmel, was soll ich sagen? Ich 
habe mit Adrast gesprochen! Also hat mich die Zahl 

Jahrbuch VI. 24 



— 370 — 



,vier' nicht getäuscht! Am 4. haben wir uns zum erstenmal 
gegrüßt, vier Tage darauf habe ich zum erstenmal mit ihm 
gesprochen. Die Zeichen waren uns günstig. Es war heute 
der schönste Tag von der Welt, ein wahrer Frühlingstag, 
Aber was war es, das wir gesprochen! Er kam von der 
Theaterstraße um 5 Uhr, als ich in die ,Harmonie' (Klub) 
ging. Er fragte, ob ich aus dem Kolleg komme; wir sprachen 
vom Wetter, vom Theater u. s. w." — Schmidtlein war von 
der Ansprache ziemlich überrascht gewesen; er hatte den 
ihn Anredenden gefragt, wie er heiße, und dieser fand es 
höchst verwunderlich, daß jener „tat", als ob er ihn 
heute zum ersten Male sehe. Platen war nämlich jetzt 
wieder der naiven Meinung, daß sich der Fremde genau 
so für ihn interessiert haben müsse, wie er für den 
Fremden, und glaubte an Verstellung! Die ersten Ent- 
täuschungen traten also gleichzeitig mit dem ersten Ent- 
zücken ein. — Die tragischen Momente der perversen 
Geschlechtsrichtung, die bei einer so sensiblen Natur, 
wie bei der Platens, doppelt schmerzlich sind, machten 
sich geltend: Der Geliebte fühlte normal und hatte keine 
Ahnung von Dem, was der Liebende erwartete. Zwar 
trat nun ein persönlicher Verkehr ein, Platen überbot 
sich an Artigkeiten, aber Schmidtlein wußte nicht, was 
er daraus machen sollte. Bald scheinen ihm die Beweise 
von Anhänglichkeit und Vertrauen — das Wort Liebe 
blieb noch unausgesprochen — lästig geworden zu sein. 
Oft vergaß er unabsichtlich, oft „gerne", was er dem sich 
Anfreundenden in seiner Güte zugesagt hatte; oft fand 
er sich nicht bei den kleinen Spaziergängen, die unter- 
nommen werden sollten, oder bei dem Thee ein, zu 
welchem ihn Platen auf seine Stube geladen hatte, und 
trieb sich unterdessen mit seinen Kommilitonen herum. 

Die Stimmung Platens wurde düsterer denn je. Noch 
im gleichen Monat, am 25. März, heißt es, nachdem der 
stolze Graf wieder einmal vergeblich auf den ihm ver- 



— 371 — 



sprochenen Besuch Schmidtleins gewartet hatte: „Meine 
Lage ist fürchterlich. Ich vergieße die bittersten Tränen. Haß 
und Liebe, in meiner Brust vereinigt, zerreißen mein ganzes 
Herz. Diese schneidende Kränkung, diese unverdiente Gering- 
schätzung von einem Menschen, dem ich mein Wohlwollen so 
sehr zu erkennen gab und der mich hintansetzt, während er 
mit einer Menge junger Leute umgeht, die, ich darf es sagen, 
unter mir stehen — diese Kränkung nagt wie ein körperlicher 
Schmerz an meinem Wesen. Ich fühle mich unfähig zu 
Allem. Während meine äußern Umstände so glücklich sind, 
gibt mir diese unselige Liebe Leiden zu tragen, die mein 
besseres Selbst aufzehren. Mich von ihm zu trennen, dünkt 
mich schrecklicher als Alles und — doch wieder einzig als 
wünschenswert. 1 1 

Dann heißt es weiter: „Er wollte um vier Uhr kommen. 
Es ist fünf Uhr. C( 

Später (am gleichen Tage): „Er kommt also wieder 
nicht. Wer ist jemals so beleidigt worden wie ich, so tief 
gekränkt worden? Warum geschieht nie, was man erwartet? 
Welche Sehnsucht und* welch' vergebliches Harren! < Welche 
Abreise! (Platen beabsichtigte für den andern Tag wegen 
des Semesterschlusses von Würzburg wegzugehen.) Wie 
froh selbst würde ich Würzburg verlassen haben, hätte ich die 
Gewißheit mit mir genommen, daß er mir wohl will. Und 
nun spottet er meiner augenscheinlich. Ich sah ihn diesen 
Morgen zum letztenmal. Diese Täuschung ist fürchterlich. Nur 
die Religion, nur der Gedanke an Gott und seine Vorsicht kann 
mich aufrecht erhalten. Die Welt ist leer ohne ihn. — — 
Es ist sechs Uhr. Was ich empfinde, ist unaussprechlich." 

Adrast kam nicht; Platen reiste anderen Tages ab. 

In Ansbach bei den Eltern angekommen, war das 
Erste, was er unternahm, daß er seinem Herzen durch 
einen wohlgesetzten Brief Luft machte. „Ich schrieb ihm, 
wie ich glaube, weder zu viel noch zu wenig, weder zu 
herablassend noch zu stolz. 11 Der Brief lautete: 

24* 



— 372 — 



„Wenn unter Ihren Bekannten derjenige, #en Sie von 
Allen am wenigsten schätzen, wenn er Sie gebeten hätte, den 
Tag vor seiner Abreise ihn noch zu besuchen, und Sie es zu- 
gesagt, so würden Sie ihm das Wort gehalten haben. Mir 
haben Siefs nicht gehalten. Womit verdiente ich um Sie diese 
Unaufmerksamkeit, diese offenbare Geringschätzung? Wenn 
ich ein solches Benehmen gewohnt wäre, so würde micKs nicht 
geschmerzt, ich würde es vielleicht gar nicht gemerkt haben. 
Aber alle Menschen, mit denen ich bis diesen Tag zu tun 
hatte, haben mich mit Achtung und Liebe behandelt. Im 
Falle ich Ihnen mißfiel, wie ich schon früher zu bemerken 
glaubte, warum haben Sie mir*s nicht gesagt? Warum geben 
Sie mir's zu verstehen auf eine kränkende Weise? Kränkend 
gewiß für Jeden, der sein Zartgefühl nicht verloren hat. 
Ohne Scheu und ohne Eitelkeit darf ich's vor Ihnen aus- 
sprechen, daß Sie leichtsinnig den Umgang eines Menschen von 
sich stießen, dessen Geist nicht ganz ohne Wirkung auf den 
Ihrigen möchte geblieben sein, dessen argloses und wohl- 
wollendes Herz vielleicht nicht unwürdig war, gekannt zu 
werden. Leben Sie wohl! Ich habe ein Recht, Sie zu bitten, 
daß Sie diesen Brief, den Sie nicht einmal beantworten werden, 
verbrennen, sobald Sie ihn lasen. Er kann Ihnen wenigstens 
zum Beweise dienen, daß ich gerne freimütig über jedes Ver- 
hältnis in klaren Worten mich ausspreche, um es auf einen 
festen Standpunkt zurückzuführen. Im schlichten Bewußtsein, 
daß ich mir keinen Vorwurf in Hinsicht meines Betragens 
gegen Sie machen darf und daß ich es immer herzlich gut mit 
Ihnen gemeint habe, schließe ich. u 

Dieser Brief — mit seiner halb enthüllten, halb ver- 
deckten Liebe — wurde von Schmidtlein beantwortet 
„Aber welche Antwort/ Härte und Kälte und nicht ein 
Funken Neigung!" Eduard Schmidtlein antwortete, wie 
er eben konnte und mußte: 

„ Wenn Sie geglaubt haben, ich würde Ihren von Empfind- 
lichkeiten strotzenden Brief unbeantwortet lassen, so haben 
Sie sich sehr geirrt; warum ich denselben vernichten soll, sehe 
ich gar nicht ein. Aber so viel ist mir aus demselben klar 
geworden, daß Sie es fühlen, ohne sich dieses Gefühls deutlich 
bewußt zu sein, wie vorschnell und übereilt Sie gehandelt haben. 
Wenn Sie ferner glauben, ich hätte Sie aus Unaufmerksamkeit 



— 373 — 



und Geringschätzung nicht besucht, so haben Sie sich ebenso 
sehr betrogen. Gründe, Sie davon zu überzeugen, habe ich 
genug, aber diese einem Menschen vorzulegen, der schon urteilt, 
ehe er noch einen Grund für sein Urteil hat, scheint mir über- 
flüssig. Was Sie übrigens berechtigt, zu sagen, Sie glaubten 
schon früher bemerkt zu haben, daß Sie mir mißfielen, weiß 
ich nicht. Wenn Sie in mir einen Jcomplimentö'sen Menschen 
suchten, so tut es mir leid, daß Sie sich an einen Unrechten 
gewendet haben. Sie sind Graf — das weiß ich; aber Sie 
sind Mensch, das bin ich auch. Sie sind Student, das bin ich 
auch, und hier fallen alle bürgerlichen Verhältnisse und Zere- 
monien. Dies zur Nachricht auf Ihre, wie Sie sagen, frei- 
mütigen, im Grunde aber sehr empfindlichen und voreiligen 
Äußerungen. Was wäre wohl natürlicher gewesen, als zuerst 
zu fragen: „Warum hast Du mich nicht besucht? 11 und sich 
erst dann, wenn ich es aus Nachlässigkeit getan hätte, über 
Geringschätzung zu beklagen? Dies haben Sie aber nicht für 
gut befunden und auf diese Weise fällt der Vorwurf, den Sie 
mir machen, daß ich leichtsinnig einen Freund von mir ge- 
stoßen hätte, ganz auf Sie selbst zurück. Diesen großen Grad 
von Empfindlichkeit und dabei noch so vorschneller Empfind- 
lichkeit hätte ich von Ihnen nicht erwartet. — Leben Sie wohl 
und bringen Sie Ihre Ferien recht vergnügt zu. 

S.« 

Dieser Brief ist deshalb merkwürdig, weil er zeigt, 
daß auch Schmidtlein nicht prüfend vorging und die 
Schuld auf einen Umstand bezog, der gar nicht vorlag, 
ein Mißverständnis, das für alle derartigen „Verhältnisse" 
symptomatisch ist. Die Empfindsamkeit Platens beruhte 
nicht auf seinem Standesbewußtsein. Dem Grafen war 
seine soziale Stellung gewiß nicht gleichgültig; aber höher 
als vornehme Geburt ging ihm stets der Adel des Geistes 
und, in bezug auf sich, sein Wert als Dichter. Er war, wie 
wir schon aus seinem früheren Leben wissen, in Sachen 
der Etikette völlig vorurteilsfrei; er hatte Sinn und Ver- 
ständnis wie für die Reize der Natur, so für die des 
Volkslebens, und gegenüber allen Menschen — wenn sie 
nur schöne „Bildung" des Körpers besaßen und dem 
männlichen Geschlecht angehörten — vergaß er ganz, 



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daß er Graf war. Von seinem Verhältnis zu Adrast gilt 
dies natürlich in erhöhtem Grade. Platens Empfindsam* 
keit beruhte eben deshalb auf dem schmerzlichen Gefühle, 
seine Liebe, die er für Freundschaft ausgab, unerwidert 
und abgelehnt zu sehen. Das ' ahnte der Angefreundete 
ebenso wenig, wie Platen sich bewußt wurde, daß ein 
Mann nach der Art Schmidtleins seine Gefühle aus Grün- 
den der Naturnotwendigkeit gar nicht teilen konnte. 
Aber der leidenschaftlich Verblendete zagte nicht; er 
hoffte, das Mißverständnis beseitigen zu können. Der 
„steinerne Brief" kränkte ihn, aber es freute den Lieben- 
den, daß er von dem Angebeteten nun wenigstens ein 
Schreiben besaß, das er beantworten konnte. Er benutzte 
sogar den Anlaß, mit seinen Absichten auf Eduards Herz 
noch mehr herauszurücken. 

Wir können es unterlassen, den Brief, in welchem 
dies geschah, mitzuteilen; es genüge die Andeutung, daß 
derselbe das Mißverständnis nur vergrößerte und daß er 
wieder nichts weiter als ein Versteckspiel war, indem er 
die vorhandenen Tatsachen unterdrückte und einen nicht 
zutreffenden Umstand vorschob, d. h. daß er auf der 
einen Seite die gebieterische Stimme des Herzens über- 
täubte und andererseits den konventionellen Gesetzen der 
Gesellschaft, mit denen er sich im Widerspruche fühlte, 
Rechnung trug. „Wie sehr habe ich ihm mein Herz ge- 
öffnet", heißt es nach Absendung des Briefes im Tage- 
buch, „meine Freundschaft ihm angeboten, ihm gesagt, welchen 
vorteilhaften Eindruck er auf mich gemacht, usw. Wenn sich 
nach diesem Briefe abermals keine Sympathie in seiner Brust 
regt, wenn er höchstens die polemischen Stellen in meinem Briefe 
auffaßt, um mich wieder barsch xu ho f meistern, dann wird 
doch endlich meine Eitelkeit zur ewigen Ruhe kommen, dann 
werde ich doch nicht mehr auf sein Mitgefühl hoffen. Er hat 
keine Ursache, zu heucheln", — setzt er mit gutmütiger 
Verblendung bei, — „und wenn er auch wollte, wie leicht 



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läßt sich die wahre Herzlichkeit erkennen! Daß es ein mir 
unerwartetes, fast allzu großes Glück wäre, wenn er mir mit 
Sympathie entgegenkäme, ist wahr. Unmöglich ist es aber 
doch nicht — — — Ich darf mich damit trösten, daß ich 
alles getan habe, was in meiner Macht stand. Wenn ich aber 
seinen Brief erhalte, woher soll ich den Mut nehmen, ihn zu 
öffnen, ihn, von dem Alks abhängt, worin ich seit zehn 
Monaten all mein Glück setze? 

Ach, ich fordre keines Bundes, 
Keiner Freundschaft dauernd Band; 
Ach, nur einen Bruck der Hand, 
Eine Silbe nur des Mundes. 

So viel hätte ich nun freilich erreicht; denn er hat mir 
mehr als einmal die Hand gedrückt und mehr als eine Silbe 
mit mir gesprochen", heißt es am 7. April. — Q-enügsamer 
kann die Liebe nicht sein. Aber die Genügsamkeit ver- 
ließ den Sehnsuchtsvollen, als eben jener Brief, auf den 
alle Hoffnung gesetzt war, unbeantwortet blieb. Platen 
möchte wieder, möchte alle Tage schreiben. Aber so 
weit, daß er diesen Wunsch ausführte, vergißt sich sein 
Stolz doch nicht und der Unglückliche wendet sich nun 
einzig an das Tagebuch, seinen stummen Vertrauten, in 
welchem er sich seinen Eduard persönlich vorstellt. „Ich 
weiß nicht, woher es kommt, mein liebenswürdiger Freund, 
und welche Magie Du über mich ausübst, aber ich bin immer 
in Gedanken bei Dir und fühle mich ohne Dich ganz und 
gar verlassen. — — Ich habe geliebt vor Dir, aber ich habe 
niemanden so sehr geliebt. Ist mein Brief keiner Antwort 
wert? Ich habe nie einen so warmen, versöhnenden Brief 
geschrieben wie diesen." 

Seine Gesundheit fing zu leiden an. Wenn 
Nervosität schon Normale nicht verschont, denen zur Be- 
friedigung oft launenhafter Wünsche alle Wege geebnet 
werden, wie soll der Homosexuale, dessen vitale Triebe 



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nicht weniger mächtig sind als die eines anderen Men- 
schen, die aher nicht befriedigt werden, wie soll der 
Homosexuale seine Gesundheit bewahren? „Mangel an 
Gesundheit und unerwiderte Freundschaft (d. i. hier un- 
gestillter Liebestrieb)", schrieb der einsam Leidende, 
„sind zwei Dinge, wovon schon eines im stände wäre, schwer- 
mütig bis mm Lebensüberdruß zu machen. Wie sehr wird 
jedes geistige Leiden durch physisches Wohlbefinden und jede 
Krankheit durch gerettete Geistesfreiheit erleichtert/ Guier, 
freundlicher Adrast, warum bist Du gegen mich so unfreund- 
lich? Wie gerne würde ich Dir schreiben, wenn ich könnte! 
Dies wäre noch das einzige Geschäft, welches ich ertragen 
möchte, ja — ich würde mit welcher Liebe daran gehen! Ist 
denn Alles umsonst gewesen? — — 

Durch des Leibs Organe wühlen, 
Durch die Nerven zucken Schmerzen, 
Doch die Kraft in meinem Herzen 
Wird nicht müde, Dich zu fühlen. 

Schwermut, uberläuft die Seele, 
Schauer überläuft die Glieder, 
Aber Töne find' ich wieder, 
Daß ich Dir mein Leid erzähle. 

Ach, umsonst in jenem Briefe 
Streb? ich, daß mein Herz versteckt', 
Was Dein Anblick in ihm weckt, 
Was es fühlt in tiefster Tiefe. 

Ach, in jenem Brief Du findest 
In ihm, wenn er Dich erreichte, 
Teurer, meine ganze Beichte, 
Wenn Du willst und mitempfindest. 

Schmilzt es Dich zur Sympathie, 
Welch* ein grenzenlos Entzücken! 
Aber kehrst Du mir den Rücken* 
Wie ertrag' ich' 8, wie, ach wie!" 



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Am 22. April reiste Platen vom elterlichen Hause 
in die Universitätsstadt zurück. Dort erfuhr er, daß 
Schmidtlein den Brief empfangen; er sah aber den 
Empfänger erst am vierten Tage. Es war im Lese- 
zimmer der „Harmonie". Platen näherte sich dem An- 
wesenden von rückwärts und klopfte ihm mit der Hand 
auf den Rücken. Schmidtlein wandte sich um, reichte 
die Hand, fragte, wann er angekommen und wann man 
ihn zu Hause treffen könne. „Als ich ihm Vorwürfe 
machte, daß er mir nicht mehr geantwortet, sagte er, er hätte 
mich selbst abwarten wollen. Also scheute er sich im besten 
Falle doch immer, es schriftlich in meiner Hemd zu wissen, 
daß er mir gut sei? Aber so ist es einmal. Ich fühle seine 
Lage zu mir. Sympathie fühlt er nicht für mich; er hätte 
es sonst nicht über sich gebracht, mich ohne Antwort zu 
lassen." — Man sieht, wie oft die Tiefen seines Wahnes, 
seiner „Torheit" wie durch einen Blitzstrahl erhellt werden, 
wie aber gleich darauf wieder die gewaltsame Beschwich- 
tigung der Vernunft und die naivste Selbsttäuschung ein- 
tritt. Es ist der Kampf der Vernunft mit der Natur, 
die immer wiederkehrende Tragik der Homosexualität, 
ein Kampf, der immer zum Nachteil des liebenden Herzens 
ausfällt. Je mehr Platen in sich hineingrübelt, desto 
gleichgültiger wird Schmidtlein. Nicht einmal der jetzt 
versprochene Besuch kommt zur Ausführung, eine Nach- 
lässigkeit, die übrigens in keinem Falle entschuldigt 
werden kann. „Es ist heute wieder nichts", ruft der Lie- 
bende am 28. April aus. „Ich sage nichts mehr, ich weine. 
0 Oott, gib mir Kraft und Resignation! Ich habe nie so 
sehr geliebt wie in diesem Augenblicke. Wenn alle Schätze 
der Erde mein wären, ich würde sie willig hingeben, wenn 
ich seine Gestalt nie gesehen hätte. 0 welche Folgen von 
einer einzigen unbewachten Stunde! 0 Oott, ein feierliches 
Gelübde schwor 9 ich, nie mehr zu lieben. Es hat mich in 
meiner Blüte zerstört. Es hat meinen Geist entnervt." — 



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Der Arme unterlag dem Wahne, daß die Ge- 
schlechtsliebe eine Sache des freien Willens sei 
und daß man sich ihr nach Belieben widmen oder 
entziehen könne. Aber die Natnr ist stärker als der 
Wahn und Wille. Am 1. Mai trieb es Platen in die Woh- 
nung Eduards, wo er denselben lesend fand. Er erfuhr 
über den Eindruck, den der (Liebes-) Brief gemacht, nichts 
weiter, als daß es weder Unaufmerksamkeit noch Ver- 
achtung gewesen sei, was die Nichtbeantwortung des 
Briefes verursachte; über alles andere ging Eduard mit 
Stillschweigen hinweg und auch Platen schwieg sich in 
seinem Grame vorläufig aus. Bald aber traf ihn wieder ein 
Hoffnungsstrahl, der ihn beseligte. Am 4. Mai wurde ein 
gemeinsamer Spaziergang unternommen, und es war das 
erste Mal, daß Platen ein lebhaftes Gefühl der Zufrieden- 
heit empfand; der Genügsame freute sich schon deshalb, 
weil er sich an der Seite des Geliebten sah nach so 
langer Zeit der Qual, weil er dessen Stimme hören, in 
seine vor Heiterkeit glänzenden Augen schauen konnte. 
Eduard Schmidtlein empfand nichts von Liebe für Platen; 
aber es ist ein Zeugnis seines guten Herzens, daß er 
nun suchte, ihm wenigstens ein Freund in seinem Sinne 
zu werden. Gegen Abend desselben Tages, wo der 
Spaziergang unternommen wurde, schlug Platen vor, 
noch Thee bei ihm zu trinken, und der Begleiter nahm 
die Einladung an. Der Abend verlief ohne Ereignis. 
Beim Weggehen versicherte Eduard den Liebenden seiner 
„Achtung" und sprach die Erwartung aus, daß er ihn 
eines Tages davon überzeugen könne. Der Liebende war 
schon hierüber glücklich. „Aimi le repos" — das Tage- 
buch wurde jetzt französisch geführt — „Vesp&rance ei 
Vamitie s'emparbrmt de mon ebne." Die Theeabende wieder- 
holten sich in der Folge und wurden in der Regel mit 
der Lektüre einer Dichtung ausgefüllt. Platen wählte 
übrigens meist solche Stücke, in welchen die Freund- 



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Schaft eine Rolle spielt, z. B. „Roiiradin", Trauerspiel 
von Friedrich von Heyden. (Dieser obskure Dichter 
wurde, vermutlich wegen solcher Stoffwahl, ganz besonders 
von Platen ausgezeichnet.) Gegenstand des sich an die 
Lektüre anschließenden Gespräches waren Pläne eines 
gemeinsamen Ausfluges ins bayrische Gebirge, für welches 
Platen noch immer eine starke Vorliebe hatte. Hierauf 
bezieht sich das uns aus den „Gesammelten Werken" 
bekannte Gedicht, welches beginnt: 

„Lockt es nicht auch Dich ins Weite, 
Wo kein Zwang das Herz entstellt? 
Wandern möchtf ich Dir zur Seite, 

Dir zur Seite durch die Welt. u 

Der Liebende schrieb das Gedicht für Eduard ab 
und überreichte es mit einer Widmung (ebenfalls in die 
„Gesammelten Werke" aufgenommen). Die wenigen, in 
echt Platenschem Wohllaut hinfließenden Verse dürfen 
hier nicht fehlen: 

„Lorbeer war dem höchsten Buhme 

Heilig einst auf Hellas' Flur; 

Eine künstlich gold'ne Blume 

Überkam der Trubadour. 

Mich belohne 

Weder Krone, 

Noch metalVne Hyazinthe, 

Mich der Freund, der treugesinnte, 

Mich Vertrau'n und Liebe nur. u 

Auch während der Spaziergänge wurde gelesen, nach- 
dem man sich auf einer Bank niedergelassen. Für Eduard 
müssen solche Situationen etwas Peinliches gehabt haben, 
weil Platen sie für die angemessenste Gelegenheit hielt, 
den Gefühlen seines Herzens Luft zu machen. Freilich 
kleidete er die Begriffe immer in einen fremden Aus- 
druck, sprach von „Wertschätzung", wo er die Freund- 
schaft, von „Freundschaft", wo er die Liebe meinte und 
wo ihn die glühendste Leidenschaft verzehren wollte. 



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Eduard selbst legte sich immer eine Reserve auf, gab 
unbestimmte Antworten und wollte die Freundschafts- 
bezeugungen entweder nur in anderem, im gewöhnlichen 
Sinne, oder gar nicht verstehen. Meist gab er eine aus- 
weichende Antwort. Auf die Frage z. B., ob er sich zu 
einem dauernden Freundschaftsbunde entschließen könnte, 
antwortete er nur: „Wie können Sie daran zweifeln ?" — 
Platen aber deutete, wenn er nur irgendwie konnte, 
Alles zum Guten und war auch mit einer solch' 
nichtssagenden Antwort zufrieden; ja er fand sich 
durch sie sogar beglückt, er betrachtete sie geradezu 
als eine „Erklärung". Das Gespräch, in welchem ihm 
diese Antwort zu teil wurde, fand am 7. Juni (1819) auf 
einer Bank am Würzburger Glacis statt. „Ce jour e'est 
eher d notre amitiel" heißt es im Tagebuch vom 8. Juni 
— — „Enfin je lui parle de mon journal, et qu'il y etait 
nomme souvent" „Das freut mich sehr", erwiderte Eduard, 
„daß Sie mir einen Platz in Ihren Memoiren gewähren." 
„Helas! il ne sait pas quelle place il y occupe, quel röle il y 
joue depuis bien de jours. II ne sait pas qu'il me coüte. 
Hier pour la premiere fois nous allämes nous pr omener les 
bras croises: il avait mis le sien autour de mon cou, et moi 
je tenais embrasse le milieu de son corps, dont le poids 
cheris pesait en meme temps sur mes epaules" Dann fügt 
er entschuldigend bei: „On pourrait observer que cela est 
pense sensuellemenL Mais pourquoi ne devrais-je jouir de 
Vaspect bienfaisant de sa beaute pourvu que mon dme soit 
pure." Platen verschwieg sich, daß zwischen dem Anblick 
der Schönheit und einer Umarmung des Körpers doch 
ein Unterschied sei. — Für sein körperliches Befinden 
waren diese Tage glücklichen Empfindens von heilsamstem 
Einfluß. „Meine Gesundheit' 1 , sagt er, „fühlt sich urieder 
hergestellt, seitdem ich mich glücklich fühle, seitdem meine 
Seufzer mich nicht mehr verzehren. Ich nehme an Körper- 
gewicht zu und guter Gesichtsfarbe/ ( 



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Schmidtlein, der Platens geistige Vorzüge bewunderte 
und Achtung vor dessen Charakter hegte, scheute sich, dem- 
selben wehe zu tun, zumal er seine Empfindlichkeit völlig 
kannte. Vielleicht auch glaubte er, daß es Platen wirklich 
bloß um sein (Eduards) geistiges Wohl, um die Vermehrung 
seiner Kenntnisse und die Ausbildung seines Geschmackes 
zu tun sei; jedenfalls hatte er, wie gesagt, ein gutes Herz, 
und ließ sich die Freundschaftsbeweise des Grafen mehr 
und mehr gefallen. So wurde am Morgen des 9. Juni 
wieder ein Spaziergang mit Lektüre des „Konradin" unter- 
nommen. „ Wir saßen", schreibt Platen voll sanguinischen 
Hoffens und zugleich selbstquälerischer Furcht, „auf einer 
einsamen Bank, eine liebliche Gegend im Angesicht Wir 
hielten uns umschlungen. Sein Haupt ruhte an meinem 
Busen, und unsere Wangen berührten sich häufig. Um dieses 
Glück vollständig zu machen, bot uns das Trauerspiel, welches 
von Freundschaft und Liebe handelt, so schöne, wahre und 
bezeichnende Verse, welche auf alle Seiten unseres Verhält- 
nisses Beziehungen hatten. So wird das Andenken an diesen 
Morgen uns (sie!) unauslöschlich sein. Wir begaben uns an 
die Stelle (am Glacis), wo unsere Erklärung stattgefunden 
hatte. Ich machte Eduard darauf aufmerksam und Eduard 
sagte, ,daß ihm diese Unterhaltung stets teuer sein werde'. 
Diese Aussichten sind ohne Zweifel günstig, aber sie entbehren 
von Einer Seite nicht der Gefahr. Das ist die Leidenschaft. 
Wir beide sind jung und lieben uns glühend. Aber ich hoffe, 
Gott wird uns beschützen und vor dem Abgrund bewahren." 
Diese Furcht vor den Gefahren der Sinnlichkeit hat 
etwas Rührendes; aber wenn man erwägt, daß sie zu 
einem Kampfe wurde, der aus einem ebenso hartnäckig 
festgehaltenen wie schlecht verstandenen Ehr- und Sitt- 
lichkeitsbegriff entsprang, so kann man sich eines ge- 
linden Unwillens nicht erwehren. Es wirkt auch beinahe 
komisch, wenn man sieht, wie Platen, einem wohlerzogenen 
Mädchen gleich, auf seine Tugend hält und doch im 



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nämlichen Augenblicke kein anderes Sinnen und Trachten 
kennt als mit dem Geliebten körperlich „vereint" zu sein. 
Das Menschliche im Menschen erhielt indessen jetzt die 
Oberhand, Obwohl Eduard jede Gelegenheit, sich Platens 
Anfreundungen zu entziehen, benutzte, so ergriff dieser 
doch den unbedeutendsten Anhaltspunkt, um sich ihm 
noch mehr zu nähern. Am 30. Juni wurde das trauliche 
„Du" eingeführt und bei dieser Gelegenheit war es, daß 
„nous nous embrassion» pour la premiere fois". Aus der 
Umarmung wurde ein Kuß, aus dem Kusse wurden un- 
gezählte Küsse. Für Platen stand es nun fest, eine 
Freundschaft in seinem Sinne genießen zu können. Er 
ging in seiner optimistischen Selbsttäuschung so weit, daß 
er an homosexuelle Neigung selbst bei Schmidtlein dachte! 
Dieser hatte nämlich, wohl nur, um auch seinerseits 
irgend einen Vertrauensbeweis zu geben, einmal von einem 
„Geheimnis" gesprochen, das ihn drücke, das er aber nicht 
mitteilen könne. In der Tat hatte dasselbe, wie sich 
später herausstellte, in ganz gewöhnlichen Familienver- 
hältnissen seinen Grund; Platen aber, in seiner Hoff- 
nungsseligkeit, war gleich der Meinung, das Geheimnis 
sei nichts anderes, als „die Unmöglichkeit, ein Weib zu 
lieben, und die unbezwingbare Neigung zum männlichen Ge- 
schlecht", wie das bei ihm selbst der Fall war! Diese 
Meinung wurde zwar dem Freunde gegenüber vorläufig 
nicht ausgesprochen, aber im vertrauten Tagebuch nieder- 
gelegt. „Eduard ist der erste Mann, der mir so sehr gleicht, 
daß es nichts mehr gibt, was ich ihm noch verbergen könnte" 
Sehr bald trat die Enttäuschung ein, welche die 
Hoffnung Platens zerstörte. Am anderen Tage morgens 
— ,Jour funeste" — besuchte er Eduard, welcher noch 
im Bette lag, in seiner Wohnung. „Ich zeigte ihm all meine 
Liebe, aber er war kälter als je." Platen sprach diesmal 
unumwunden von seiner Überzeugung, daß Eduard keine 
Weiber liebe. Eduard konnte dies zwar nicht leugnen; 



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aber „er versicherte mich, daß er noch niemals eine Neigimg 
zu einem Manne empfunden habe. Er antwortete kaum mehr 
auf meine Fragen und bat, daß ich mich entferne. Aber ehe 
wir uns trennten, umarmten wir uns nochmal mit unserer^) 
ganzen früheren Zärtlichheit: 

Je sentais m'entourant des plus aimdbles noeuds, 
S'äendre et s'arrondir ses bras voluptueux." 

„Dennoch wage ich es, zu behaupten" , fährt er nun 
aufrichtig weiter, „um mich zu rechtfertigen oder vielmehr 
mich darüber zu entschuldigen, daß ich (also nicht Eduard) 
so leidenschaftlich war: Daß, wenn Eduard so zärtlich wäre, 
tote ich es bin, ich an meiner Stelle ebenso zurückhaltend 
wäre wie er. Ich wünsche nicht das Laster, aber Eduards 
Kälte, (welche nicht immer die gleiche war), feuert mich an, 
während sie mich entmutigt. Ich habe diese Tage traurig ver- 
lebt und viel geweint. u — Welche Verwirrung von Gefühlen 
und Begriffen! Schon früher hatte es Szenen gegeben, 
welche ein Fingerzeig hätten werden können für die Aus- 
sichtslosigkeit der von Platen gehegten Wünsche und 
Hoffnungen. Wie er von jeder vermeintlichen Unauf- 
merksamkeit Anlaß nahm, sich schwer gekränkt zu fühlen, 
so benutzte Schmidtlein jede Empfindlichkeit, um sich 
von Platen zurückziehen zu können. Freilich kam es 
immer wieder, nachdem die gegenseitigen Vorwürfe ge- 
fallen, zu einer Art Verständigung; Platen konnte dann 
von dem „Vertrauen" und dem „Interesse" sprechen, 
welche ihm die „Physiognomie" des anderen einflößte, 
und schließlich gab es dann stets ein willkommenes Fest 
der Versöhnung mit Umarmung und Kuß. So am 21. Juni, 
von welchem das Tagebuch meldet: „Wir gingen im Hof- 
garten spazieren und hatten ein langwieriges Gespräch, un- 
glückseligerweise wieder am selben Orte, wo wir uns er- 
klärt hatten. Ich sprach, indem ich das freundschaftliche 
,Du ( umging, zum ersten Mal in einem gereizten und herben 



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Tone mit ihm, tmd er machte es nicht besser. Wir tauschten 
gegenseitig Vorwürfe am. Ich sagte u. a., daß er sich des 
Mittels eines Menschen, der sich gebrannt hat, bediene, tmd 
welcher sich noch einmal brennt, um den Sehmerz zu ver- 
treiben. So hat er mich einmal gekränkt und jetzt, um die 
Beleidigung gut z/u, machen, kränkt er mich noch einmal. — 
Indessen sagte mir Eduard heute das erste Mal offen, daß er 
mich liebe und daß er wohl wisse, wie er meinem Herzen, 
welches dies durch seine Empfindsamkeit bewies, durchaus 
nicht gleichgültig, sei. Er fragte: , Glauben Sie nicht, daß 
Sie mir wert sind?', wozu er gleich beifügte: , Antworten Sie 
nicht darauf! Ich hoffe, daß ich Ihnen eines Tages durch 
meine Handlungen beweisen werde und dann werde ich Sie 
wieder fragen.' u 

Dieser Tag kam freilich nicht; daftir trat anfangs 
Juli eine neue Spannung ein. Die Eifersucht, mit welcher 
Platen den Umgang Eduards, der noch immer seine 
Kommilitonen vorzog, betrachtete, riß ihn zu der un- 
gerechten Behauptung hin, daß der Geliebte ein frivoler 
und zur Libertinage geneigter Mensch sei. Es kam zu 
heftigen Auseinandersetzungen, in welchen Eduard mit 
Erfolg das Gegenteil bewies. „Ich konnte^, sagt Platen, 
„nicht anders als ihm glauben, ihn zärtlich umarmen und 
um Verzeihung bitten, indem ich ihn meiner ganzen Liebe 
versicherte. — Nous etions dejä prets de nous reconcilier, de 
nous tutoyer (de nouveau), nous nous tenions embrasses, mais 
un tour malheureux que prenait notre conversation allait nous 
perdre. Edouard fixait Videe que nos characteres fussent trop 
dissemblables , que je vecusse dans un autre sphere que lui 
meme, que notre amitie ne pourrait sübsister. e< Das war 
deutlich genug gesprochen; aber der Liebende konnte 
und wollte daran nicht glauben. „Je ne lui cdchait poini 
ce que je souffrirai de notre Separation." Endlich nach 
einer fünfstündigen Unterredung trennte er sich, Eduard 
nochmal die Hand reichend. Er sagte, daß er bloß Das 



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getan habe, was er habe tun müssen. „Ah", erwiderte 
Platen, „wenn Sie einen Mensehen mißhandeln, der Sie liebt, 
wenn Sie ihn aufs tiefste verletzen, so kommt dies Ihnen 
nicht schwer an; oh nein, oh nein! 11 — Er begab sich 
darauf an eine einsame Stelle und vergoß einen Strom 
von Tränen. „Ich bin tot für die Welt; denn ich bin es 
für ihn u , so verzeichnet das Tagebuch die Stimmung vom 
3. Juli. Der Schmerz ließ ihn nicht ruhen. Anderen 
Morgens begab er sich in Eduards Wohnung. Wieder 
eine Flut von Vorwürfen; Eduard sei ein Mensch ohne 
Herz, ohne Gefühl; er solle die Briefe, die er erhalten, 
herausgeben. Aber die Neigung trug den Sieg über den 
Stolz davon. „Je me mis sur ses genoux en le conjurant 
avec mille mots touchants et mitte baisers de ne separer pas 
oe-que le sort meme avait lü" (!). Eduard versicherte wieder, 
daß Platen ihn nicht genugsam kenne und daß zwischen 
den beiden Charakteren ein allzu großer Unterschied be- 
stehe. „Eben deshalb", sagte dieser, instinktiv das Richtige 
treffend, „sind wir für einander gemacht, bestimmt, durch 
unsere Ähnlichkeit zu sympathisieren, durch unsere Unähn- 
lichkeiten einander zu ergänzen." Hätte Platen diesen 
Standpunkt immer eingehalten und demselben auch offen 
Ausdruck verliehen, so würde ihm manche Enttäuschung 
erspart geblieben sein, und Eduard andererseits hätte in 
seiner Herzensgüte manche Schroffheit vermieden. Dies- 
mal aber zeigte sich letzterer entgegenkommend. „U m'em- 
brassa avec ardeur, le ,tu' revint se jouer sur ses levres et 
il me jura de redevenir mon ami, comme il le füt aupara- 
vant et de l'Ure pour toujours." Platen wollte einmal nicht 
als bloßer Gegensatz gelten, sondern sich für gleich- 
wertig gehalten wissen. Daher seine Vertauschung der 
Begriffe, seine Verheimlichung der wahren Gefühle und 
sein stets beleidigter Stolz. 

Am 11. Juli glaubte er sich wieder einmal kalt be- 
handelt und „noch mehr als das". Er sagte dem Freunde, 

Jahrbuch VI. 25 



— 386 — 



daß er Alles, was er besitze, geben würde, wenn er ihn 
nie kennen gelernt hätte. „Ich erblicke keinen anderen Aus- 
weg, als uns für immer zu trennen." Diesmal war es 
Eduard, der sich nicht entfernen wollte. Die Unterredung 
fand auf Platens Zimmer statt. Hundertmal gab sich der 
Freund den Anschein, wegzugehen, hundertmal blieb er 
zurück, „sei es, daß ich ihn zurückhielt, sei es, daß er selbst 
zögerte". Als es nochmal zu einer heftigen Erklärung 
kam und Eduard Miene machte, sich wirklich zu ent- 
fernen, wurde Platen von einem solchen Zorne erfaßt, 
daß er ihm zurief: „So geh 1 in Teufels Namen!" Eduard 
schwor, nie mehr das Zimmer zu betreten, und ging da- 
von. Platen suchte ihn natürlich des anderen Tages früh 
wieder auf, traf ihn aber nicht an und spielte nun selbst 
den Beleidigten, indem er auf einem Blatt Papier die 
Worte hinterließ: „P. pour la demiere fois". Die Wirkung 
war ein Brief, der bereits nachmittags bei Platen eintraf 
und in welchem es hieß, es sei auch auf Seite Eduards 
„la derniere fois" gewesen, daß er bei ihm war. „Es 
ist das Beste für uns; unsere Herzen werden sich nie ganz 
verstehen, und ich bedaure es wirklich, in Ihnen einen Men- 
schen gefunden zu haben, mit dem ich nicht freundschaftlich 
harmonieren kann, obschon ich Ihnen meine Achtung und Ver- 
ehrung in hofiem Grade zolle. Hassen Sie mich deswegen 
nicht, ich kann wahrhaftig nichts dafür, daß mich die Natur 
nicht so fühlend geschaffen wie Sie." — Das war auch 
jetzt wieder der Kampf zwischen Vernunft und Natur, 
der immer zugunsten Eduards ausschlug, während 
Platen in keinem Falle die Oberhand behielt. Der 
Kampf war ein ungleicher, da bei Schmidtlein die Ver- 
nunft der bereitwillige Bundesgenosse war und die Natur 
kein Wort mitzureden brauchte, während Platen gleich- 
zeitig mit beiden kämpfen mußte. Er erbleichte, als er 
das Schreiben bekam. Er wußte aber nicht, daß er erst 
noch den Gipfel des Elends zu ersteigen hatte. Sofort 



— 387 — 



begab er sich wieder in die Wohnung des Briefschreibers, 
fand ihn aber auch diesmal nicht vor. Dort richtete er 
folgenden Brief an Eduard: 

„ Auf demselben Tische, an dem Du mich das letzte Mal 
beleidigtest, empfange nun das letzte Andenken eines vorsätz- 
lich verkannten Freundes. Weit über jede Affektion erhaben, 
nenne ich Dich Du, wie ich Dich immer nannte, und wenn 
Du es heute nicht tatest, so konnte es mich nur wenig berühren, 

da das Maß Deiner Kränkungen bereits überfüllt war. 

Ich übergehe einige Unzartheiten Deines Briefes und ergreife 
nur den Hauptpunkt, um Dir ein Geheimnis ins Ohr zu sagen, 
das Du zu ignorieren scheinst. Du achtest, sagst Du, Du ver- 
ehrest mich, wohl; aber ein Drittes hast Du vergessen, Du 
lübtest mich. Du liebtest mich, oder Du wärest einer Ver- 
stellung fähig, die ich kaum dem schwärzesten aller Dämonen 
zutraute. Noch gestern spiegelte Deine Liebe in jedem Blicke, 
in jeder Silbe sich, mit jedem Kuß berührte sie meine Lippen. 11 
(Letzteren Satz hielt Platen wohlweislich zurück, da er offen- 
bar einsah, daß er nicht das Hecht hatte, aus einer not- 
gedrungenen Vergünstigung, die ihm ward, einen aus freiem 
Entschlüsse hervorgegangenen Beweis der Liebe zu kon- 
struieren.) Dann aber heißt es: „Je lui dis que je n'avais 
jamais cache mon amour et qu } il etait le seul homme du monde 
qui connut tout ma faiblesse (sie!). Je ne pouvais la defendre ni 

Vexcuser, il avait fallu suivre les sentiments de mon coeur. 

Je lui dis que dans ce moment j'etais tout-ä-fait incapable de 
me separer de lui." 

Kaum war der Brief beendet, so trat Eduard ins 
Zimmer. Platen entfernte sich auf der Stelle und wies 
bloß auf das Geschriebene hin, das auf dem Tische lag. 

Vierundzwanzig Stunden darauf folgte die Antwort, 
allzusehr das Spiegelbild der unseligen Wirkungen, welche 
die Liebe eines edlen Homosexualen in der Seele eines 
ehrenhaften Normalmannes hervorruft, als daß sie hier 
nicht vollständig wiedergegeben zu werden verdiente: 

„Deinen Brief habe ich gelesen und es hat mich sehr ge- 
schmerzt, darin wieder Vorwürfe zu finden, die ich, bei Gott, 
nicht verdiene. Daß ich Dich Sie nannte, geschah weit mehr 

25* 



— 388 — 



rüdesichtlich Deiner, als aus der Stimmung meines Herzens; 
daß Du mir aber vorwirfst, ich habe Dich noch zum letzten 
Male gekränkt, darin tust Du mir sehr Unrecht, und dies ver- 
doppelt sich noch, wenn, wie es allerdings aus Deinem Briefe 
scheint, Du glaubst, ich habe es absichtlich getan. Nimm von 
mir hier das feierliche Versprechen, daß dieses nie in Absicht 
geschah, am allerwenigsten in einer Stunde, in welcher ich 
wahrscheinlich mit Dir zum letzten Male sprach und in der 
ich selbst mit mir genug zu tun hatte, da ich fand, daß ich 
Dich achtete und ehrte und — wenn Du es im rechten Sinne 
nimmst — auch liebte und doch nicht Dein Freund werden 
konnte. (Der Briefschreiber gebraucht das Wort im Sinne 
Platens.) Wegen Dir je zugefügter vermeintlicher oder wirk- 
licher Beleidigungen bitte ich Dich hiemit um Vergebung und 
setze die Versicherung hinzu, die Du mir nie geglaubt hast, 
vielleicht auch jetzt wieder nicht glaubst: daß es nie meine 
Absicht war, Dich zu kränken, und daß ich mich immer nur 
so zeigte, wie ich war, und nur so handelte, wie ich mußte. 
(Der Verstand sagte freilich auch Platen, daß keine Kränkung 
vorlag; aber die Liebe, welche Gegenliebe verlangte, war da- 
mit nicht zufrieden und erblickte schon in dem Mangel der- 
selben eine schwere Kränkung.) Daraus ist mir leicht, meine 
ganze Handlungsweise zu rechtfertigen, da ich nie etwas 
Anderes geschienen habe, als ich bin, und noch leichter wird 
mir diese Rechtfertigung , da ich mit innigster Überzeugung 
aussprechen kann, daß wir anfangs auf verschiedenen Wegen 
ein Gleiches — die Freundschaft nämlich (im allgemeinen 
Sinne) — erstreben wollten und daß wir nie zum Ziele kom- 
men, weil wir einander, was mir in der letzten Zeit erst recht 
klar geworden, nie verstanden. (Der Irrtum beruhte auf dem 
Mißverständnis, dem Platen damals selbst unterlag: Daß man 
von Freundschaft sprechen könne, wo die Liebe wirkt, und 
daß es eine rein platonische Neigung gebe, wo die sinnliche 
Liebe Platz gegriffen.) In Deinem (Lebens-) Laufe stieß ich 
Dir auf und Du fühltest Dich, wie Du sagst, gleich im ersten 
Augenblick zu mir hingezogen; Du suchtest mich kennen zu 
lernen und, schon vom Schicksal hierzu bestimmt, mir Freund 
zu werden, kamst Du in meinen Arm. Nicht also ich. 

Gewöhnt, jeden Menschen zu achten, zu ehren, gut und 
freundlich gegen Jedermann, ging ich Deinem freundschaft- 
lichen Anerbieten freundschaftlich entgegen; ich habe es gleich 
im Anfang gewiß gut mit Dir gemeint. Du wardst mir zart- 



— 389 — 



lieh, Freund, und ich habe Dir Beine Zärtlichkeit erwidert, 
ich gestehe es, weniger aus innerem Antriebe, als in der 
Hoffnung, daß ich gewiß gegen Dich, den ich als einen edlen, 
wackeren Menschen erkannt habe, auch in kürzester Zeit Das 
fühlen werde, was Du gegen mich fühltest. Ach, leider hat 
es der Erfolg anders gezeigt und mich über mich selbst viel- 
fältig nachdenken gemacht Du wurdest immer zärtlicher gegen 
mich, und ich fühlte mit jedem Tage mehr, daß ich Dich zwar 
sehr achtete und liebte, aber nie ,Freund* werden könnte. Da 
hielt ich mich verpflichtet, mich Dir zu entdecken, und ich tat 
es jenes Mal im Hof garten (am 21. Juni); ich habe mich dort 
ganz aufgeschlossen. Du fandest die Verschiedenheit unseres 
inneren Lebens nicht so groß; Du glaubtest, es sei noch mög- 
lich, daß wir Freunde würden, und abermals gab ich Dir 
nach, wiewohl mit einem Gefühl der Unmöglichkeit, woraus 
Dir mein Sträuben, in das alte Verhältnis zurückzukehren, 
jetzt erklärlich wird. 

Viel hat es mich seitdem geängstigt, sowohl Deinetwegen 
als meinetwegen, daß ich immer nicht das heilige Feuer der 
Freundschaft (sie!) in meinem Busen fühlte. Gott, sagte ich 
oft zu mir, was bist Du für ein Mensch, daß Du einen edlen, 
aufrichtigen Menschen, der noch vom Schicksale gezwungen ist, 
Dir Freund zu sein, diese Freundschaft nicht erwidern kannst! 
Alles umsonst! Ich konnte nichts über mich gewinnen. Ich 
konnte mich nicht anders machen, als mich die Natur er- 
schuf. — Hier habe ich mich Dir ganz aufgeschlossen. Wenn 
Du mich nur verstehst! Und wenn Du mich verstehest, ver- 
damme mich, wenn Du kannst! Du weißt nun Alles, und 
nun entscheide Du, ob wir zusammenkommen wollen oder 
nicht. Leb' wohl! 11 

Wie viele Worte um einer einfachen Wahrheit 
willen! Hätte nur einer von beiden das Wesen der 
Homosexualität gekannt, so würde das ganze große Miß- 
verständnis nicht eingetreten sein. Aber nicht Platen 
einmal, der homosexuelle Teil, war mit dem Wesen der 
perversen Geschlechtsnatur vertraut. Wir werden mit 
schrecklicher Erkenntnis an die Worte Zschokkes er- 
innert: „So sehr ist seine (des Homosexualen) Gedanken- 
welt durch den Wahn der Welt verschroben, daß er sich 



— 890 — 



selbst für wahnsinnig und unnatürlich halten muß und 
wirklich dafür hält. Er erkennt weder Ursprung noch 
Zweck seiner heiligen Neigung. Ohne sie verbrecherisch zu 
finden, nimmt er sie auf Treu und Glauben der Welt für 
verbrecherisch." Wir erleben hier aber noch das Selt- 
same, daß nicht nur der Homosexuale, sondern auch der 
normale Teil an sich selbst irre wird und sich für un- 
natürlich hält, weil er „das heilige Feuer der Freund- 
schaft nicht in seinem Busen fühlt". Was bedarf es 
noch mehr, um das ganze Seelenelend zu schildern, das 
durch die ungerechte Beurteilung der perversen Ge- 
schlechtsnatur in der Welt hervorgerufen wird! 

Der Brief Eduards hatte auf Platen ganz vernichtend 
gewirkt und Verzweiflung bemächtigte sich wieder seiner 
Seele. „Es blieb mir nichts übrig als der Instinkt, der mich 
trieb, zu Eduard zu eilen — und ich eilte zu ihm. Ich zer- 
floß in Tränen vor ihm und überließ mich meiner grenzen- 
losen Verzweiflung. Anfangs behandelte er mich mit Härte. 
Er sagte, daß er diese Tränen nicht ertragen könne, er sagte 
noch andere Dinge, welche mein Inneres zerrissen. Später 
erschien er ein wenig gerührt. Ich erklärte ihm, daß ich 
mich nicht plötzlich von ihm entwöhnen könne und daß er 
mich aus Mitleid und Menschlichkeit nicht verlassen möge. 
Endlich ging er weg und ich begleitete ihn, gestürzt aus 
meinem Paradies, verwundet bis in die Tiefen meines Herzens, 
in Liebe entbrannt mehr denn je, durchdrungen von einem 
Gefühl, welches keine Sprache auszudrücken vermag. ' ;< Noch 
war der Bruch kein vollständiger, kein dauernder. Noch 
einmal belog sich Platen, daß seine Liebe über die Natur 
des anderen siegen könne; noch einmal gab der Edelmut 
des Angebeteten nach und ertrug aus Mitleid Alles, wo- 
gegen alle Sinne sich in ihm zur Wehr setzten. Platen 
sah dies Letztere in lichten Augenblicken selbst ein. 
Keine Täuschung, keine Lüge hielt denn mehr vor und 
die ganze Wahrheit seines unverschuldeten Unglücks 



— 391 — 



wurde ihm klar. „Ich leide schrecklieh", schreibt er am 
26. Juli, „und mehr als ich verdiene. 0 warum, warum 
hat mich die Vorsehung so gebildet/ Warum ist es mir 
unmöglich, Frauen zu lieben, warum muß ich diese 
unglückselige Neigung nähren, welche nie erlaubt 
sein und nie erwidert werden kann? Gibt es Men- 
schen, deren Leben nichts anderes sein muß als eine 
Schule der Tränen?" 

Platen mußte diese letzte Frage immer wieder durch 
seine eigene Erfahrung bejahen. Oft hat er in der 
Sprache der Dichtung, meist in Anklängen an Worte 
Schillerscher Frauen, seinem Schmerz Ausdruck ver- 
liehen, und es könnte zuweilen scheinen, als ob er sich 
darin gefiele, eine tragische Rolle zu spielen, und als ob 
der Inhalt seiner Herzensergüsse bloß anempfunden sei. 

Allein bei seinem gründlichen Studium der Dichter 
war es naheliegend, daß er deren Worte, welche ihm 
stets zu Gebote standen, für die Äußerung seiner so oft 
ihnen entsprechenden Gefühle verwendete. Wenn übrigens 
die Leidenschaft den höchsten Grad erreichte und das 
Unglück in seiner ganzen Ubermacht über ihn herein- 
brach, dann spricht er nicht mehr in den Formen fremder 
Dichtung und der Schmerz äußert sich mit der Unmittel- 
barkeit eigener Empfindung. Das ist nun auch der Fall 
in den letztangeführten Worten, die mit der Elementar- 
kraft der Wahrheit Wiederhall finden müssen. Eine 
feierlichere Manifestation der Menschennatur, die sich 
gegen ein unverschuldetes Unglück und eine ungerechte 
Verfolgung aufbäumt, kann die menschliche Sprache nicht 
mehr hervorbringen. 

Im Bewußtsein des Rechtes, das in seiner innersten 
Seele nicht erschüttert wurde, gab Platen seine Hoffnung 
nicht auf, und wieseine Liebe im Geliebten nur Kälte 
erzeugte, so rief in ihm selbst die Kälte nur eine noch 
heftigere Leidenschaft hervor. Diese erreichte eine solche 



— 392 — 



Glut, daß sie jede verschämte Rücksicht abwarf und end- 
lich in ihrer nackten Wahrheit dastand. Der alte Wahn, 
der jetzt mit Recht als Torheit erschien, kehrte zurück. 
Trotz jener unzweideutigen Erklärung Eduards hoffte 
Platen noch einmal auf Gegenliebe und seine Hoffnung 
steigerte sich bis zur Verblendung. Naturnotwendig 
führte dies zur Katastrophe. 

Die Herbstferien waren eingetreten; Eduard ging 
zu seinen Eltern nach München. Platen mochte sich 
nicht von Würzburg, wo er glückliche Frühlingstage ge- 
nossen zu haben vermeinte, vollständig losmachen, son- 
dern bezog eine Sommerwohnung im nahen Dorfe Ip- 
hofen. Die Trennung, welche sonst die Leidenschaft 
lindert, versagte hier ihre wohltätige Wirkung. Der 
Dichter schrieb an den Freund einen liebeatmenden 
Brief, auf welchen eine kurze, nichtssagende Antwort er- 
folgte. Er ergoß nun seine Gefühle, für welche er kein 
teilnehmendes Ohr fand, in Verse, die er in seinem Pult 
vergrub und welche lauteten: 

„Selbst in der Einsamkeit Asyl verfolgt 

Mich unversöhnt der scharfe, böse Pfeil! 

Beglückt, beruhigt saß ich, wandelf ich, 

Den Griffel und die Bücher in der Hand; 

Da kam Dein Brief — ein harter, kurzer Brief, 

Doch rief er mir Dein Bild zurück, ich sprach: 

Das sind die Züge Deiner schönen Hand, 

Der Hand, die liebevoll ich oft gedrückt. 

Ich sah Dein Aug* im Geist, weh mir, Dein Aug' — " 



(Drei Blätter mit Versen sind an der betreffenden 
Stelle des Tagebuchs herausgeschnitten. Sie enthielten 
wohl Gefühlsergüsse, die für keinen unberufenen Leser 
bestimmt waren.) Nicht mehr die beleidigte Vernunft, 
die lange unterdrückte, elementare Sinnlichkeit war 
es, die jetzt mit steigender Heftigkeit emporschlug und 



— 393 — 



sich in dem 23jährigen jungen Manne nun einmal nicht 
mehr mit Grundsätzen und Vernunftschlüssen niederhalten 
ließ. Platen selbst sagt — mit einigen Widersprüchen — 
im Anschluß an die ausgeschiedenen Verse: „Das sind 
meine Gefühle, und wohin sind sie gekommen? Aber es ist 
nicht die Wollust, welche die Verse hervorgebracht , sondern 
die Liebe. Es ist nicht allein die Seele, welche lieben kann; 
es ist unser ganzes Wesen, zusammengesetzt aus Seele und 
Leib, und- diese kann man nicht trennen. Hat der Leib nicht 
auch seine Rechte wie die Seele? Ich kann diese Verse nicht 
verdammen; sie scheinen mir so schön und wollüstig. 11 Er 
las jetzt mit besonderer Vorliebe die römischen Elegiker, 
welche die Freundesliebe besangen, und manches aus 
deren nicht gerade platonischer Anschauung ging in 
seine eigenen Poesien über. Und wie seine Poesie ero- 
tisch, so wurde seine Liebe poetisch in diesen Tagen. 
„Mon amour, n'est-il devenu plus poetique depuis qu'il est si 
ardent? u Eine Probe solcher elegischen Episteln, die 
zugleich ein Zeugnis seines glänzenden Talentes sind, 
darf auch hier nicht fehlen: 

„Gesellig wandern werd' ich nicht mit Dir 

Durch Feld und Au'n und ländlich Buschrevier, 

Das seine letzten Schatten, halb entlaubt, 

Uns schenkt' und Blätter schüttelt auf Dein Haupt: 

Dir, dem der Frühling seine Blüte gab, 

Tritt auch der Herbst den letzten Schmuck noch ab. 

Doch keine Blume werd' ich mehr gewahr, 

Den Kranz zu drücken in Dein dunkles Haar; 

Wie müßten lieblich Bosen und Jasmin, 

Sich schlingen, Freund, um Deine Schläfe hin! 

Doch blüh'n Kamillen nur noch um und um, 

Karthäusernelken, blasses Colchicum; 

Die kleine Bellis birgt sich sittsam hier, 

Sie ist des Lenzes wie des Herbstes Zier, 

Die Achillea steht noch weißlich grau, 

Und neben ihr der Skabiose Blau. 

Kaum würzt noch Münz 1 und Thymian die Luft, 



— 394 — 



Die andern alle spenden keinen Duft. 
Sie welken ungepflückt und unbegehrt, 
Doch scheint mir keine, Dich zu kränzen, wert. 

Komm, laß uns ruhen im Maßholderstrauch; 

Hier quillt ein Bach, hier schwillt der Basen auch • 

Und breitet seidenweich sein grünes Vließ, 

Hier schmecken Küsse noch einmal so süß. 

Und wir bedürfen ja nur uns allein, 

Um ganz vergnügt, ja — ganz beglückt zu sein." 

Und diese Epistel sandte der Dichter nun wirklich 
an den Freund; er sandte sie nicht ohne Besorgnis, daß 
demselben der Ton des Schlusses mißfallen könnte; des- 
halb fügte er im Tagebuch bei: „Si les trois lignes der- 
nieres ne lui plaisaient pas, il pourrait les ejfacer." Besser 
würde es freilich gewesen sein, Platen hätte sie selbst 
weggelassen ; aber die Leidenschaft war übermächtig ge- 
worden und schlug in hellen Flammen auf. „loh habe 
nie etwas ihm (Eduard) Ähnliches gesehen. Solohe Augen 
trifft man nur ein einziges Mal. Er ist der erste Mensch, 
den ich wahrhaft geliebt habe; denn man liebt nur halb, 
wenn nicht auch die Sinne entflammt sind." Die 
negative Wirkung, die Wirkung auf Seite Eduards, trat 
mit der Kraft eines Naturgesetzes ein. Die Worte 
glühender Sehnsucht fanden keinen Widerhall mehr, und 
Platen, statt sich nun zu mäßigen, geriet auf den un- 
seligen Einfall, seine erotischen Geschosse zu verschärfen. 
Was er in einem Briefe vom Anfang Oktober an Eduard 
schrieb, ist nicht bekannt; die einschlägigen Blätter im 
Tagebuch sind ebenfalls entfernt; es ist aber anzunehmen, 
daß die Worte ganz im Geiste eines Tibull und Katull 
gehalten waren und daß sie nicht — wie die Heraus- 
geber des Tagebuchs anzunehmen geneigt sind — als 
bloß poetische Vorstellungen betrachtet werden dürfen. 
Eduard sah nun vollständig ein, daß es sich nicht um 
Freundschaft, sondern um Liebe, um sinnliche Liebe 



— 395 — 



handle, und die zarte Rücksicht, mit der er sich sonst oft 
den Anschein gab, er glaube an Freundschaft in des 
Wortes allgemeinem Begriff, fand bei ihm keine Anwen- 
dung mehr. Im Gegenteil, mit schroffer Entrüstung und 
im rückhaltlosen Tone der Verachtung schrieb er folgen- 
den Brief von München nach Iphofen: 

11. Oktober. 

Herr Graf! 

Heute habe ich Ihr schimpfliches Schreiben erhalten und 
heute schicke ich es Ihnen samt Allem , was ich hier (in 
München) noch von Ihnen habe, zurück. Was ich noch von 
dergleichen in Wurzburg habe, erhalten Sie in den ersten 
Stunden nach meiner Ankunft daselbst; ebenso bitte ich mir 
all das Meinige zurück; denn weder will ich etwas von einem 
Menschen besitzen, den ich wegen seiner abscheulichen Gelüste 
verachten muß, noch soll er etwas von mir haben. Niemand 
hat Ihren schändlichen Brief gelesen; aber es sei Ihnen genug, 
zu wissen, daß ich Sie vollkommen verabscheue, wie es Jeder 
tun müßte, der diesen Ausfluß gräßlicher Verdorbenheit (!) 
lesen würde. Erkennen Sie, Herr Graf, an diesen Zeilen die 
Spuren meines höchsten Unwillens und meiner tiefsten Ver- 
achtung. Ich will absehen von der gräßlichen Beleidigung, 
die Sie mir durch jenen Brief angetan haben. Aber Bas sage 
ich Ihnen, ich werde es mir zur Ehre schätzen, wenn Sie mich 
ganz vergessen und keinem Anderen sagen, daß Sie mich je 
gekannt haben; und das sage ich Ihnen auch noch: Wagen 
Sie es nie mehr, mir auch nur eine Zeile zu schreiben, oder, 
wenn ich wieder in Ihre Nähe komme, nur ein Wort mit mir 
zu sprechen; was mich angeht, so werde ich Sie von nun an 
als ein pestartiges Übel meiden, und Sie könnten sich sonst 
wirklich der Gefahr aussetzen, behandelt zu werden, wie es 
derjenige verdient, welcher der menschlichen Würde ganz ent- 
sagt hat." 

• 

Das Maß war volL Nie ist ein Leidenskelch 
mit größeren Bitternissen gefüllt gewesen als 
jener, den Platen auszukosten hatte. Keine Dichtung, 
weder ein Roman noch eine Tragödie, hat je einen ähn- 
lichen Konflikt geschildert, und auch aus der Wirklich- 



— 896 — 



keit ist keine ähnliche durch Liebe verursachte Seelen- 
pein bekannt geworden. Hier, in der Wirklichkeit, wird, 
wie in der Dichtung, der Liebende oft auch seinem 
Schicksal überlassen, er wird auch zurückgestoßen; aber 
wenn er den Namen eines Unglücklichen verdient, dann 
ist die Schuld in der Regel auf anderer Seite, und wenn 
ihm Verachtung wird, hat er sie sich stets durch eigene 
Schuld zugezogen. Dagegen dort, bei Platen und seinem 
Freunde, sind beide Teile, der Verstoßende wie der Ver- 
stoßene, höchst achtenswerte Personen; der Verstoßende 
handelt in einem Wahne, den er mit fast allen Menschen 
teilt, und der Verstoßene, selbst im Sturze noch ein 
Held, unterliegt in einem Kampfe, der übermenschlich ist. 

Die Reinheit im Umgange ist bei Platens Liebe 
über allen Zweifel erhaben. Gerade das Tagebuch, in 
welchem er seine Erlebnisse rückhaltlos verzeichnete, ist 
hiefür ein Beweis, gegen den es keinen Einwand gibt. 
Und welche Vorwürfe mußte der Arme gleichwohl hören! 
„Abscheuliche Geltiste", „gräßliche Verdorbenheit", „Ent- 
sagung aller menschlichen Würde". Und was hat Platen 
denn getan? Worin liegt seine Schuld? Er hat sich 
in Sehnsucht verzehrt, hat es kaum gewagt, sich dem 
Gegenstande der Sehnsucht zu nähern, hat, nachdem ihm 
dies durch Hilfe eines Dritten gelang, seine Gefühle in 
geschriebenen Versen gestanden, die mehr verhüllten als 
aufdeckten, und endlich, indem er den stürmischen For- 
derungen des Herzens nachgab — nichts erreicht, als 
eine kühle Umarmung und einen noch kühleren Kuß! 
Uber eine Sinnlichkeit, zu welcher er sich vielleicht ge- 
trieben fühlte und gegen welche .jene Vorwürfe gerichtet 
sein könnten, war er vollständig Herr geblieben. 

Ubertrage man das ganze Verhältnis einmal auf das 
Gebiet der normalen Liebe und nehme man an, der ge- 
liebte Teil sei ein Mädchen gewesen. — Wenn Alles, 
was geschehen, seine Geltung für ein solches hätte, so 



— 397 — 



würde damit eine recht harmlose Liebesaffaire gezeichnet 
sein, mit der kein Romandichter etwas anzufangen wüßte 
und die im wirklichen Leben höchstens ein mitleidig 
spöttisches Lächeln hervorrufen könnte. Platen hätte 
sich gegen ein Mädchen aller Raffinements eines Lieb- 
habers bedienen dürfen, er würde kaum einen leisen 
Vorwurf erfahren haben. So aber handelte es sich um 
einen jungen Mann, und deshalb war der Liebende der 
tiefsten Verachtung verfallen und mußte es auch noch 
erleben, diese in einer maßlos derben Form ausgedrückt 
zu sehen. 

Jener Briefschreiber glaubte wohl, er allein wisse 
so zu fühlen, wie die Natur es ihm gegeben, und ein 
Anderer, den sie anders schuf, verkehre, aus bloßer Hart- 
näckigkeit und Lust an Verhöhnung der Natur, seine 
Gefühle in das Gegenteil. — Eduard Schmidtlein, der 
zu Würzburg in der Liebe Platens nie eine „gräßliche" 
Beleidigung erblickt hatte, der sogar von einem „heiligen 
Feuer der Freundschaft" sprechen und bedauern konnte, 
dasselbe nicht auch in seinem Busen zu fühlen, war in 
einer gewissen Hinsicht sehr vergeßlich; es scheint übri- 
gens, daß er während seines vorübergehenden Aufent- 
haltes in München einer Einflüsterung, die das Organ 
des landläufigen Wahnes und Hasses war, Gehör ge- 
geben hatte. 

„ Und dieser Brief hat mich nicht getötet?' 1 ruft 
der Empfänger aus, nachdem er ihn selbst noch ab- 
geschrieben und seinem Tagebuch einverleibt hat! Die 
Herausgeber desselben bemerken in einer Fußnote: „Wir 
haben nicht Anstand genommen, den Wortlaut auch 
dieses Briefes abzudrucken, da die Schwere der darin 
erhobenen Anklage durch das Folgende aufgehoben wird. 
Nur wer sich frei von der hier zum Vorwurf gemachten 
inneren , Verdorbenheit' fühlte, vermochte diese Zeilen 



— 398 — 



seinem Tagebuch einzurücken. Ein wirklich schuldiges 
Gemüt hätte sie ängstlich vernichtet. Aber nicht nur 
die Selbstquälerei Platens kostet hiebei mit einer Art 
Wonne die von geliebter Hand erteilten ungerechten 
Schläge; auch das bei ihm überall hervortretende ethische 
Feingefühl bereitet sich damit seine Sühne." 

Von einem weiteren Aufenthalt in Wtirzburg konnte 
nicht mehr die Rede sein; Platen siedelte, nachdem er 
die Briefe Schmidtleins, auch das Original des letzten, 
demselben zurückgeschickt und ihnen eine Rechtfertigung 
seiner Person beigegeben hatte, Ende Oktober nach der 
Universität Erlangen über. Dort warf er sich mit neuem 
Eifer auf die Studien, nahm sich fest vor, sein Auge vor 
einer neuen Schönheit zu hüten, und suchte sich mit 
seinem Schmerz über den Verlust der letzten — und den 
seiner Ehre — abzufinden. Platen hatte es aus Scham 
nicht mehr gewagt, einem seiner früheren Kameraden 
vor das Gesicht zu treten; aber jetzt drängte es ihn, die 
„Katastrophe dieser unglückseligen Geschichte" und sein 

„Verbrechen" (sie!) einen der Vertrautesten wissen 

zu lassen. Er wandte sich brieflich an Max von Gruber 
in Würzburg, den alten, bewährten Freund aus der 
Münchener Zeit, und teilte ihm alles mit, was vorgefallen, 
indem er ihm kurzerhand sein Tagebuch zu lesen gab. 
Es wurde hiermit mehr als der beabsichtigte Zweck er- 
reicht. 1 ) Max von Gruber antwortete wie ein Mann und 
Freund: 



*) Im Vorstehenden wird ein Passus des ersten Aufsatzes 
Aus Platens Seelenleben im Jahrbuch 1899, S. 174, richtig 
gestellt. Infolge der knappen Darstellung, welche in der Vorrede 
zum I. Bande von Platens Tagebuch dem Gegenstande gegeben 
war, bildete sich nämlich im Verfasser des Aufsatzes der Irrtum, 
als ob Gruber mit dem Inhalt des anvertrauten Tagebuchs einen 
Mißbrauch getrieben hätte ; das Gegenteil ist richtig, wie hier gern 
und mit Genugtuung konstatiert werden soll. 



— 399 — 



„Die Leidenschaft hat Bich verführt. Preise und segne 
Bein Geschick, wenn S. (Schmidtleina) Worte Bich so schauder- 
haft aufgeweckt haben. Sei ruhig! Auch S. — es ist nicht 
unmöglich — kann Bich noch achten und Alles vergeben, 
wenn auch vielleicht nicht mehr lieben. Auf mich hat Beine 
Leidenschaft (auch Graber war, wie ja Platen selbst, von 
dem Wahn der Welt suggeriert) nicht wie auf S. leidenschaft- 
lich eingewirkt. Ich kenne Bich nun so ziemlich und — bei 
Gott, so sehr ich das Laster verachte und verabscheue, ich ver- 
achte Bich im geringsten nicht. Es ist eine Verirrung, an der 
ich innige Teilnahme mitfühle. Wenn Bich S. so aus dem 
rechten Standpunkte sehen könnte wie ich, er würde nie und 
nimmer so von Bir fühlen, wie er geschrieben; denn Bu bist 
bloß noch versucht von diesen unnatürlichen Gefühlen, aber 
noch kannst Bu mit einem Male die Kette reißen, die Bich 
daran fesselt. 

Bies von ganzem Herzen, und ich mißbrauche nie Bein 
Vertrauen, denke im Ganzen von Beinern inneren Sein nicht 
schlechter und danke für Bein Vertrauen — 

Wollte Gott, der Brave hätte recht gehabt und man 
könnte sich vom perversen Geschlechtsgefühl losreißen 
wie von einer Kette, auch wenn sie noch so stark ist! 
Aber nicht genug anzuerkennen ist dessen Wahrnehmung, 
daß ein Mensch mit diesen „unnatürlichen" Gefühlen, 
d. h. jenen, welche die Natur ihren Gesetzen und Regeln 
zuwider einem Menschenkinde eingepflanzt, im „inneren" 
Sein, d. h. im wahren Grunde, auf volle Achtung An- 
spruch erheben kann. — Gruber begnügte sich übrigens 
nicht damit, den Freund zu trösten, sondern suchte ihm 
auch durch die Tat zu helfen. Am 18. November fügt 
er einem Briefe die verheißungsvollen, wenn auch noch 
etwas dunkeln Worte bei: 

„Mit dem nächsten Brief hoff' ich Bir auch Neuigkeiten 
schreiben zu können, Sachen, die jetzt noch im Werden, aber 
noch nicht ganz klar und gewiß sind!" 

„Himmel", ruft der von einer schweren Angst Auf- 
atmende aus, „sollen diese Sachen im Zusammenhang mit 



— 400 — 



Eduard stehen? Gott wolle es! Die Verzeihung Eduards 
allein könnte mir wieder die Buhe meines Herzens zurück- 
geben!" — Und so geschah es. Bereits am 26. November 
traf von Eduard ein Brief ein, den Platen zitternd öff- 
nete und der die Worte enthielt: „Ich vergesse und 
verzeihe Alles, (ich) behalte die Bücher als ein Zeichen 
• der früheren reinen Liebe und nicht der späteren 
Unlauterkeit und trage Leid wegen der Verirrung 
eines sonst guten Menschen. 

E. J. Schmidt lein" 

„Das ist mehr, als ich verdient habe", ruft Platen in 
charakteristischer Unterschätzung seines Wertes aus. Aber 
gleichzeitig fühlt er, daß er sich damit Unrecht tat. „Ich 
habe darüber viel geweint. Mußte Eduard die Worte, und nicht 
der späteren Unlauterkeit' hinzufügen? Ich habe mich mit 
der tiefsten Zerknirschung vor ihm gedemütigt, aber habe mich 
auch, so gut ich konnte, von dem Vorwurfe einer gräßlichen 
Verdorbenheit gereinigt. Was er von den Büchern sagt, be- 
zieht sich auf das, was ich ihm in Würzburg auf die Rück- 
seite . und den Rand seines schrecklichen Briefes geschrieben 
hatte. Ich habe ihm kein Wort über seine eigene Schuld 
gesagt und wie er meine Sinnlichkeit aufregte. Ich habe ihn 
beschworen, Mitleid zu haben mit meiner Verzweiflung und 
mir zu verzeihen, zu verzeihen meiner Jugend, meiner Leiden- 
schaft, dem Übermaß meiner Liebe und dem meiner leicht 
beweglichen Phantasie. — — O, ich wünschte nichts so sehr, 
als daß ich ohne Rückhalt sein Vorgehen verteidigen könnte! 
Aber mein Herz sagt mir, daß ein Mensch von wahrem 
Seelenadel einen verirrten Freund in sanfterer Weise auf den 
rechten Weg zurückführen könnte und nicht unter einer un- 
menschlich tugendhaften Deklamation die Vorwürfe verbergen 
würde, die er seinem eigenen Herzen oder vielmehr Vorgehen 
zu machen hätte. Eduard will sich den Anschein geben, als 



— 401 — 



ob er mich niemals liebte, und das ist nicht edel. Ich darf 
aus dem Gründe meines Herzens versichern, daß nie ver- 
botene Wünsche mich eingenommen haben würden, wenn er 
nicht meine Sinne durch allzu wirksame Mittel aufgestachelt 
hätte." — Es kann nicht mehr festgestellt werden, ob 
diese Anschauung Platens objektiv richtig oder nicht viel- 
mehr auf einen frommen Wunsch, es möchte so sein, 
zurückzuführen ist. Für den letzteren Umstand spricht 
die Stelle eines späteren Briefes von Max von Gruber: 
„Ich kenne Schmidtlein nicht näher persönlich, doch habe 
ich mich aus Deinem Tagebuch zur Genüge überzeugt, daß 
Du unendlich viel und das Meiste in ihn hineingelegt 
hast, wie ein Mann, der die hohen Ideen, von denen er voll 
ist, dem Liebchen mitzuteilen freudig bemüht ist und dann, 
wenn auch das Liebchen teils nur halb, teils auch gar nicht 
dafür Sinn hat, doppelt vom Liebchen entzückt ist. S. hat 
manche Vorzüge an Gemüt und Geist, aber Ihr paßt nicht 
zusammen. 11 — So viel scheint indessen doch richtig zu 
sein, daß Schmidtlein dem Liebenden weiter entgegen- 
gekommen ist, als es mit seinen in jenem Briefe aus- 
gesprochenen Grundsätzen vereinbar war. Dies mag auch 
ein Grund sein, daß Platen den Verlust lange nicht ver- 
winden konnte. Noch am letzten Tage des Jahres 1819 
vertraut er, der den Sylvesterabend einsam auf seiner 
Stube verlebt, seinem stummen Freunde, dem Tagebuch, 
an: „O, welch ein Jahr von Schmerzen ist vorüber! O mein 
Eduard, wenn Du jetzt im Kreis Deiner Kameraden beim 
Punschglas diesen Abend verbringst, Du ahnst nicht, wie zer- 
rissen der Busen Deines Freundes ist und wie er seine Neu- 
jahr sstunde feiert! Morgen sind es vier Monate t seit ich so 
zärtlich (bei seinem Weggang nach Iphofen) von ihm Ab- 
schied nahm, seit er so zärtlich von mir Abschied nahm. 
Wir sollten uns niemals wiedersehen, wir haben es nicht 
vermutet. Ich habe noch zwei Rosen von ihm, die ich 
heute fand, eine rote und eine weiße. Sie* sind vertrocknet, 

Jahrbuch VI. 26 



— 402 — 



aber sie duften noch. Und meine Tränen fließen 
noch." 1 ) 

So endete diese Episode im Liebesleben des Dichters. 
Wir haben uns bei derselben etwas lange aufgehalten, 
weil sie ganz besondere Proben enthält von dem Kampfe, 
der zwischen dem angeborenen natürlichen Empfinden 
und der künstlich erworbenen Anschauung von Sittlich- 
keit entsteht, so oft sich ein feinsinniger Homosexualer 
zu einem normalen jungen Manne hingezogen fühlt. 



l ) Die beiden jungen Männer haben sich übrigens, und zwar 
nicht spät darauf, wieder gesehen. Schmidtlein, der bei ruhigerer 
Betrachtung (vielleicht auch nicht mehr beeinflußt von gehässigen 
Einflüsterungen) es einsah, daß seine Abwehr doch etwas zu scharf 
ausgefallen, ist sogar zu einer Versöhnung bereit, als Platen im 
Mai des Jahres 1820 auf kurze Zeit nach Würzburg herüberkommt 
und mit ihm zusammentrifft. „Unmittelbar darauf erwidert er (S.) 
den Besuch Platens in Erlangen. Ja, er ist der Entgegen- 
kommende, der im September 1821 den vorübergehend in Göt- 
tingen sich aufhaltenden Platen aufsucht und ihn eine Strecke 
Wegs geleitet. Und noch im August 1824, als Schmidtlein be- 
reits Professor in Landshut geworden und den durchreisenden 
Platen dort trifft, drückt er dem alten Freunde mit ungeminderter 
Herzlichkeit die Hand." (Worte der Herausgeber.) Schmidtlein 
kam mit der Universität 1828 als Professor der Jurisprudenz nach 
München, wurde 1828 nach Erlangen berufen und starb erst 1872 
in München, wohin er sich zur Buhe gesetzt hatte. 



IL 

Die Friedensbotschaft Schmidtleins war noch nicht 
eingelaufen, in Platens Gemüt tobten die Stürme der 
Scham, Reue und Sorge noch fort, als er sich schon 
neuerdings von den Pfeilen des grausamen Gottes ge- 
troffen fühlte! Freilich hatte er sich vorgenommen, sein 
Auge strengstens zu bewachen und in seinem Herzen 
jeden Keim von Liebe zu ersticken. „Ich muß mich auf 
das strengste hüten vor jedem Augenblick von Selbstvergessen- 
heit C( , verzeichnet er in das Tagebuch; „denn ein einziger 
solcher würde Alles zu nickte machen, weil ich dadurch 
meinen Entschluß bloß als eine inkonsequente Laune charak- 
terisieren würde." — „Und dies ist unser (d. i. im Grunde 
nur der Homosexualen) trübseliges Menschenschicksal, daß 
wir uns freiwillig von Menschen losreißen müssen, deren Vor- 
trefflichkeit wir erkannt haben, und daß wir ein Glück, nach 
dem wir uns so lange sehnten, zurückstoßen müssen, sobald 
es uns wirklich entgegenkommt^ Platen konnte diesem 
Schicksal nicht entgehen. 

Schon am 2. November 1819, in Erlangen kaum an- 
gekommen, verzeichnet er Folgendes: „Mner der Studenten, 
die in meinem Hause wohnen, ist eingetroffen. Er hat mich 
gestern besucht. Es ist ein schöne/r junger Mann. u — Es 
war dies Hermann von Rotenhan, der Sohn eines 
fränkischen Gutsbesitzers, als Student der Burschenschaft 
angehörend. Die Wirkung, die er auf Platen ausübte, 

26* 



— 404 — 



war schon beim ersten Zusammentreffen eine tiefe: „Er 
ist jetzt 19 Jahre alt; aber sein Körper und seine Physio- 
gnomie sind so gestaltet und so männlich, daß man ihn für 
alter halten könnte, obwohl er ein sehr junges und frisches 
Aussehen hat. Seine Züge sind edel, seine Figur ist noch größer 
und kräftiger als selbst die von Eduard. Aber Eduard hatte 
doch eine, ich weiß nicht, welche Anmut und eine Zartheit 
des Geistes, welche zu dem meinigen stimmte, sich in dm 
Zügen seines Gesichts ausdrückte und ihm einen unbestimm- 
baren Beiz verlieh. Hermanns Physiognomie hat etwas 
Düsteres und Ernstes. Ich glaube, daß er hart sein kann 
und noch unverstellbarer ist als Eduard. Er hat mehr Ur- 
teil als dieser und besitzt, wie ich glaube, mehr wirkliche 
Kenntnisse. Er ist besonnener und weiß stets, was er will" 
Dies Letztere konnte Platen freilich nie von sich selbst 
sagen. „Ich weiß nicht u , bemerkt er gleichzeitig, „ob ich 
ihn fliehen oder suchen soll. Ich fürchte nicht, bei ihm in 
dieselbe Schlinge zu geraten wie bei Eduard. Ich könnte ihn 
nicht lieben wie ich Eduard geliebt habe, den ich nie ver- 
gessen werde, nachdem die wenigen Tage, die ich mit diesem 
ohne Tränen und Kummer verlebt habe, die schönsten meiner 
Jugend und, ich weiß es, meines Lebens waren" 

Dennoch blieb der Eindruck, den Rotenhan machte, 
unverwischbar. Platens Schönheitssinn , sein Liebes- 
bedürfnis ließen ihn nicht ruhen. Zwar fand er es für 
gefährlich, sich in Rotenhans unmittelbarer Nähe zu 
wissen, da ihn damals alles erschreckte, was mit seinen 
Gefühlen zusammenhing. Aber er konnte den schönen 
jungen Mann schon deshalb nicht meiden, weil dessen 
Zimmer bloß durch eine Tür von dem seinigen getrennt 
lag, und sein Herz war schon gefangen, als er sich vor- 
redete, daß er „nicht den mindesten Wunsch habe, dem 
Nachbar die Hand zu drücken oder ihn zu umarmen 11 . — 
„Gleichwohl 1 , fügt er bei, „muß ich auf meiner Hut sein. 
Schon die Freundschaft macht mich zittern." — Platen 



— 406 — 



kannte sich besser, als er es wünschte. Das gehetzte 
Wild mußte doch leben, und ein Leben ohne Liebe war 
ihm unmöglich. Rotenhan erschwerte ihm, allerdings ab- 
sichtslos, den Kampf gegen die Vernunft, indem er ihm 
den Weg zu seinem Herzen erleichterte. Er kam häufig 
abends auf Platens Stube und blieb stundenlang bei ihm. 
Platen versicherte ihm (und sich selbst), daß zwischen ihnen 
kein Freundschaftsverhältnis aufkommen könne, da sie 
beide für einander nicht taugten. Rotenhan „suchte mich 
zu widerlegen. Er gestand zwar, daß wir nickt in derselben 
Sphäre lebten, daß ich mehr intellektuell mich ausbildete und 
er sich xum praktischen Geschäftsmann oder überhaupt für 
das öffentliche Leben geboren fühle. Dies aber, weit entfernt, 
eine Trennung herbeizuführen, würde nur bezwecken, uns zu 
einer Wechselwirkung geschickt zu machen." Dies Argument 
war allerdings nicht das, welches Platen gern gehört 
hätte, aber er, der über sein eigenes Wesen im unklaren 
war, der sich damals sogar für einen Sünder gegen die 
Natur hielt, war schon hiemit zufrieden und lenkte das 
Gespräch auf ein ihm willkommeneres Gebiet, indem er 
von Sympathie und Physiognomik plauderte. 

Und so finden wir ihn denn am Abend des 9. Januar 
1820 bis spät in die Nacht auf der Stube bei dem Nach- 
bar, „ihm gerne zuhörend und auf seinen Knien sitzend". 
Beim betreffenden Tagebucheintrag heißt es: „Ich habe 
einen Schritt getan, der mich vielleicht noch sehr gereuen wird 
und der meine bisherigen Vorsätze über den Haufen warf," 
Vierzehn Tage darauf spricht er schon von einem „Ver- 
hältnis", das eine innige Wendung genommen. Am 
30. Januar: „Ich gewinne ihn täglich lieber. Ich möchte in 
sein tiefstes Herz hineinsehen. 11 Am 5. Februar: „Mein 
Verhältnis zu Rotenhan ward um vieles inniger und fester. 
Keinen einzigen jener qualvollen Umstände, die mir Eduard 
zu fühlen gab, habe ich bei ihm empfunden. Ich habe nie 
etwas verschuldet gegen ihn; ich will nichts Böses; ich darf 



— 406 — 



auch nicht klagen, daß unsere Verbindung einseitig sei, daß 
uns nicht wahre Sympathie vereine. Liebe bedarf mein 
Busen. Ich kann nicht ohne sie sein und Hermann gibt sie 
mir. Besonders schön war uns der gestrige Abend. Ich war 
noch spät bei ihm. Wir saßen oder lagen vielmehr 
Arm in Arm auf dem Sofa und ich verhehlte ihm nicht, 
wie sehr er mir teuer sei, wie schwer es mir werden wird, 
mich von ihm zu trennen." Der 13. Februar ward für 
Platen ein glücklicher Tag, weil an diesem ihn Rotenhan 
bat, „mit ihm Brüderschaft xu machen und sich mit ihm 
xu duzen". Bald loderte nun, wie in früheren Tagen, die 
Liebe in hellen Flammen auf. „Wir küßten, wir um- 
armten uns oft", heißt es von dieser Zeit. Freilich, zu 
einer offenen Liebeserklärung kam es auch dieses Mal 
nicht und durfte es nicht kommen; das alte Versteckens- 
spiel wurde wieder getrieben. Der Liebende sprach von 
dem Schmerz der Trennung, wo er die Pein der Gegen- 
wart meinte, von der Sympathie der Gemüter, wo rasende 
Liebe in seinem Herzen tobte, von Schönheit der Seele 
und Bildung des Geistes, wo ihn das erhitzte Blut nach 
einer körperlichen Umarmung trieb. 

Platen hatte wieder allen Grund, für sich selbst zu 
fürchten und seiner moralischen Stärke zu mißtrauen. 
Eine Abweisung, wie die in Würzburg, wollte er nicht 
mehr erleben. „Ich bin allzusehr gewarnt." Er beschloß 
daher, dem Fortgang seiner Leidenschaft gewaltsam Ein- 
halt zu tun und einen Bruch mit dem Freunde herbei- 
zuführen. Merkwürdig ist das Motiv, mit dem er u. a. 
diesen Schritt rechtfertigte. „Ich verdiene Rotenhan nicht." 
— Ist es schon furchtbar, sehen zu müssen, daß eine 
Liebe ohne Aussicht bleibt, ja daß sie sogar das höchste 
Gut eines Mannes, seine Ehre, gefährdet, so ist es noch 
viel tragischer, wenn ein edler, von den besten Absichten 
beseelter Mensch an sich selbst irre wird und eine 
Neigung für schlecht hält, die ihm so natürlich ist, 



— 407 — 



wie die Liebe überhaupt. — Platen mied nun den 
Nachbar, affektierte, wenn er ihn gleichwohl traf, Kälte 
der Gesinnung und sprach von Lösung der Freundschaft. 
Aber auf einen dauernden Zustand der Trennung mochte 
er es doch nicht ankommen lassen, so oft er dazu einen 
Versuch machte oder sich Gelegenheit bot Die Liebe, 
das Lebenselement auch beim Homosexualen, behielt stets 
die Oberhand im Kampfe mit dem Willen. Rotenhan 
hielt indessen das „Verhältnis" für wirklich gelöst. 

Es war spät am Abend des 29. Februar 1820, als 
der mit sich selbst kämpfende Graf zu Hause saß und 
plötzlich von einer unbesiegbaren Sehnsucht nach dem 
Geliebten übermannt wurde. „Ich nahm mir vor, wenn 
er nach Hause komme, zu ihm zu gehen, wollte aber erst das 
Schicksal um Bat fragen. Ich setzte also die elfte Stunde 
fest, weil er äußerst selten später nach Hause kommt Wäre 
er bis dahin nicht zu Hause, so hätte das Schicksal offenbar 
entschieden, und ich wollte nie an eine Versöhnung denken. 
Es waren nur noch drei Minuten auf elf Uhr. Ich hielt 
Alles für geendet, ich war sehr bewegt und kniete nieder, 
um mich in Gottes Willen zu ergeben. Und eben auf 
den Schlag elf Uhr, als ich wieder aufspringen wollte, hörte 
ich ihn kommen. Ich sprang auf und zu ihm. Er freute 
sich sehr, mich zu sehen, und sagte mir, wie leid ihm mein 
abstoßendes Betragen getan hätte. Er wollte durchaus die 
Ursache davon wissen. Ich versprach Besserung und daß ich 
ihm künftig blindlings folgen wolle (1), weil — er besser als 
ich. Wir blieben noch lange beisammen. iC 

Aber noch in der gleichen Nacht beschloß Platen 
abermals eine dauernde Trennung. „0 Gott", sagte er, 
„ich fühle, daß ich wieder schlecht werde!" Am anderen 
Tage vormittags, gerade als es wieder elf Uhr war, ging 
er zu Rotenhan hinüber und erklärte, daß er mit ihm 
dauernd brechen wolle. „Ich bebte, aber ich tat's. Ich 
trat hinein zu ihm. Er kam mir freundlich entgegen und 



— 408 — 



bot mir die Hand, Ich zog meine zurück. , Willst Du mir 
nicht die Hand reichen?' sagte er. y Nein', gab ich zur Ant- 
wort, .mein gestriger Schritt reut mich zu sehr und ich muß 
ihn wieder zurücktun. 1 — , Warum?' — Hierauf sagte ich 
nichts als: ,Ich will nicht mehr mit Ihnen umgehen.' (!!) Er 
wandte sich von mir, sein Auge war naß, ich verließ ihn." 

Das war nicht mehr Heroismus, womit der Arme 
kämpfte, das war Grausamkeit gegen sich selbst. Platen 
setzt der Geschichte seines Elends mit eiserner Härte 
hinzu: „Nun sind die Verse gedeutet, die ich einmal schrieb: 

Doch manchem erst entwölkt der Schmerz 
Den sanften Strom der Demut, 
D'rum blute das betörte Herz 
Und schlage bang vor Wehmut." 

Doch bald und trotz allem reute ihn sein ganzes 
Vorgehen und er schrieb mit seinem Herzblut die Verse : 

„Welch ein böser Trieb, o Seele, stachelt Dich ohn' Unterlaß? 
Kennst Du das Gesetz der Liebe? Zähme Deinen wilden Haß! 
War er Dir nicht einst so teuer? Denke jener Zeit im Geist, 
Daß sie nun den Groll ersticke, der Dich ihn vernichten heißt. 
0 Geduld! Nur wen'ge Tage und Du wirst ihn nicht mehr seh'n, 
Wie im Herzen so im Baume wird sein Bild Dir untergehen. 



Wann, o Tod, wirst Du verwandeln diesen schwachen Körper, sprich! 
Hermanns Haß und Eduards Liebe rüttelten ihn fürchterlich. 
Welch ein Wahnsinn faßt mich, Himmel! 0 vergib die wilde Glut, 
Warst Du nicht mir gut, o Hermann, war ich, Hermann, Dir 

nicht gut? 

Zwar vergessen will ich, muß ich; denn ich schwur's und halt' es 

treu — 

Doch zum Abscheu soll nicht werden, was da ward gerechte Scheu." 

Der unbeugsame Starrsinn ward gebeugt. Nach zwei 
Wochen, am 15. März, schon war Platen wieder mit dem 
unwiderstehlich Geliebten versöhnt. „Wie hätte es auch 
anders kommen können zwischen zwei Menschen, die sich so 



— 409 — 



sehr achten und lieben. (Achten und lieben/) Ich ging hin- 
über gegen zwei Uhr; er war sehr freundlich und liebens- 
würdig." 

Vor einem weiteren Umschwung der Gesinnung und 
einem Bruche seines „Schwurs" wurde Platen durch die 
räumliche Trennung bewahrt, die sich nicht lange darauf 
vollzog. Die ganze Episode war von kurzer Dauer und 
Rotenhan verließ die Universität Erlangen, am 19. März, 
an seinem 20. Geburtstage. Der Abschied war zärtlich. 
Hermann kam eine halbe Stunde vor Mitternacht heim 
und zu Platen aufs Zimmer. „Die letzte Nacht trennten 
wir uns nicht mehr, wir schliefen zusammen in Einem Bett 
und ich wünschte ihm in der Nacht noch Glück zu seinem 
Geburtsfeste. Aber der Morgen kam, der traurig bittere 
Morgen. Wir standen um fünf Uhr auf." Es erschienen 
noch sechs andere Freunde Hermanns, die ihm nach da- 
maliger Studentensitte das Geleite in die Ferne gaben. 
Einer derselben lenkte das Gespräch auf einen Umstand, 
der für Platens augenblickliche Lage nicht nur bedeut- 
sam, sondern geradezu erwünscht war. Er erzählte von 
der Sitte der Morlaken (eines serbo -kroatischen Volks- 
stammes in Dalmatien), daß sie die Freundschaft mit 
religiöser Innigkeit betrachten und daß dieselbe bei ihnen 
vom größten Einfluß auch auf das öffentliche Leben sei. 
Wenn dort zwei Freunde sich gewählt und gefunden 
haben, so weichen sie das ganze Leben nicht mehr von 
einander und jede Trennung in diesem Falle würde ihnen 
unnatürlich (!) erscheinen. „Ich weiß nicht", fügt Platen 
dem Berichte bei, „ob ich auch Rotenhan in diesem Augen- 
blicke wünschte, ein Morlake zu sein." — Nachdem die 
übrigen Kameraden eine Strecke Wegs uiitgegangen und 
sich dann getrennt hatten, begleitete Platen den Freund 
noch sechs Stunden weiter bis Bamberg. „Die Zeit ver- 
floß eilig. Meine Beklemmung wuchs von Stunde zu Stunde. 
Er tröstete mich, er bat mich, dem bloßen Gefühl nicht zu 



— 410 — 



viel Baum zu geben und es mehr der Herrschaft des Geistes 
zu unterwerfen. — — Aber kaum bezwang ich meinen 
Schmerz. Ich weinte. Wir tauschten unsere Stocke; er 
schnitt ein H (Hermann) in den seinigen, ich in den meinigen 
ein A (August). Wir umarmten uns noch einmal, dann 
stieg er in den ihm vom Vater entgegengeschickten Wagen und 
warf noch einen vollen, innigen Blick der Liebe und Wehmut 
auf mich." 

So klingt diese zweite Liebesepisode mit einem har- 
monischen Akkorde aus. Wie immer, so wuchs aber 
auch diesmal die Sehnsucht erst durch die Entfernung. 
Der Vorfrühling, den Platen auf dem Lande, im Wiesent- 
tale, zubrachte, trug mit seiner melancholischen Natur- 
stimmung dazu noch das Seinige bei. „Den letzten Abend 
spät erging ich mich noch einmal, besonders unten auf der 
Wiesentbrücke, und hier wurde Rotenhans Andenken wieder 
lebhafter als je in mir rege; ich brach in Ströme von Tränen 
aus und rief seinen Namen den Wolken des Abends zu." In 
fast jedem schönen Jünglingsantlitz, dem er in der Folge 
begegnete, suchte Platen eine Ähnlichkeit mit Rotenhan 
zu finden. Ein Bild Van der Werfts z. B., das er in 
der Gemäldegallerie auf Schloß Pommersfelden sah und 
das eine spröde Nymphe mit einem Hirten darstellte, 
zog ihn deshalb an, weil „in den Zügen dieses schönen 
sterblichen Jünglings" eine Ähnlichkeit mit Rotenhan lag. 

Freilich fiel auch auf das Erinnerungsbild in Platens 
Herzen noch ein trüber Schatten. Am 19. März, „des 
lieben Rotenhan einundzwanzigstem Geburtstag", hatte er 
an diesen einen (vermutlich mehr als sehnsuchtsvollen) 
Brief gerichtet, auf welchen eine „seltsame und fatale" 
Antwort erfolgte. Den Inhalt der letzteren legte er nicht 
im Tagebuche nieder, weil er die hierzu erforderliche 
Stimmung nicht fand. — Zu einer Feindschaft kam es 
übrigens, wie bei Schmidtlein, auch hier nicht; auch hier 
fand nochmal eine, allerdings zufällige, Begegnung statt, 



— 411 — 



als Hermann von Rotenhan anfangs Dezember 1823 seine 
Reise nach München machte, um dort in die Gerichts- 
praxis einzutreten: Platen schenkte ihm damals zum An- 
denken ein Exemplar seiner eben im Druck erschienenen 
Ghaselen. x ) 

Sa überströmend die Liebe war, welche den Grafen 
für Freunde wie Hermann von Rotenhan und Eduard 
Schmidtlein beseelte, so fanden doch noch Gefühle für 
andere schöne Jünglinge in seinem Herzen Raum. Dem 
Menschenkenner wird es nicht auffallen und nicht tadelns- 
wert erscheinen, daß neben den größeren Herzens- 
geschichten kleinere Liebesepisoden einhergingen. 
Wäre das Ergänzungsbedürfhis in Platen gestillt worden, 
gewiß würde er die ganze Macht seiner Empfindungen 
auf Einen Punkt konzentriert haben. So aber, wo sein 
mächtigstes Bedürfnis unbefriedigt blieb, sein bestes 
Empfinden mißverstanden, seine glühendste Liebe ab- 
gelehnt und sein schönstes Vertrauen zurückgestoßen 



*) Die Herausgeber der Tagebücher machen zu der Person 
Rotenhans und seinem späteren Lebenslauf folgende Bemerkung: 

Hermann von Rotenhan spielte in der Folgezeit, als er 
das vom Vater ererbte Gut übernommen, in der Politik des engeren 
wie weiteren Vaterlandes eine Rolle, wie er einst in der Burschen- 
schaft eines der geachtelten und gefeiertsten Mitglieder gewesen 
war. Die Schönheit seiner äußeren Erscheinung hatte ihn im 
Verein mit seinem selten tüchtigen, selbstlosen Charakter einst 
als „das Ideal deutscher Ritterlichkeit" preisen lassen. Er blieb 
es in anderem Sinne, indem er als Standesherr gegen alle Über- 
griffe von sozialer oder staatlicher Seite her energisch Front machte 
(1831 gegen die Demagogie, 1837 gegen die Regierung zugunsten 
der gefährdeten protestantischen Kirche). Seine patriotische Be- 
geisterung führte ihn 1848 in das Frankfurter Parlament; er gehörte 
zu den erwählten Sieben, die dem Erzherzog Johann die Reichs- 
verweserwürde antrugen, und gab später seine Stimme für ein 
preußisches Kaisertum. Rotenhan starb hochgeachtet auf seinem 
Gute Rentweinsdorf im Jahre 1858, nachdem er lange Jahre Präsi- 
dent der zweiten bayerischen Kammer gewesen. 



— 412 — 



wurde, darf man es dem Suchenden nicht verübeln, 
wenn er jeden Lichtstrahl, der in die Nacht seineB Da- 
seins fiel, hoffend begrüßte. Bei jedem Anblick einer 
schlanken Jünglingsgestalt, eines männlich schönen An- 
gesichts geriet Platen in Entzücken. Einen jungen Dänen 
z. R, der in Erlangen studierte, schildert er also: ,JHorts 
Äußeres ist das eines starken, jungen Mannes mit dunkel- 
blonden Haaren, einer sehr edlen Stirn, hohen Augenbrauen, 
mit regelmäßigen, großen 2fagen, das Gesicht mehr rund als 
oval." Von einem Studenten namens Krüger heißt es: 
„Er ist ein schöner, frischer, junger Mann/' Bald darauf: 
„Der Student Benner, ein Theologe, ist ein sehr hübscher 
Kerl" Persönlich näher tritt er einem Freiherrn August 
von Egloffstein, von dem er sagt: „Seine Schönheit 
fiel mir auf; . . . es konnte nicht fehlen, daß seine Gestalt 
meine Aufmerksamkeit vor allen Anderen auf sich zog. u Am 
29. Februar 1824 heißt es: „Ich fand einen Freund, den 
ich schon früher günstig bemerkt und oberflächlich gesprochen 
hatte, es ist ein Herr von Stachelhausen. Er hat eine 
entschiedene Gesichtsbildung und die schönsten schwarzen 
Augen von der Welt" Später, auf seiner Schweizerreise 
vom Jahre 1825, bemerkt Platen von einem Sohne seines 
Gastfreundes, des Ratsherrn Stürler von Müllimat bei 
Thun: „Weit mehr zog mich Moritz an, der mehr die 
Wissenschaften liebt, wiewohl er das Jagdvergnügen nicht ver- 
schmäht. Wenig Menschen haben mir eine so leise und doch 
so entschieden wirkende Neigung eingeflößt. Sein Äußeres ist 
kräftig und angenehm, ohne schön zu sein, das Auge nicht 
groß, aber ungemein geistreich. Wir haben uns nie ein 
schmeichelhaftes Wort gesagt, auch in dieser so kurzen Zeit 
nur wenig konversiert; aber es war eine unzerstörbare Sym- 
pathie zwischen uns, die fortwirken wird, ohne daß wir uns 
wiedersehen." 

In der Tat konnte es nicht ausbleiben, daß Platen, 
wie er selbst sich nach einem ihn ergänzenden Freunde 



— 413 — 



umsah, so zuweilen auch von anderen mit dieser 
Absicht aufgesucht wurde. Durch die bloße Ver- 
öffentlichung der Ghaselen erregte er in einem Studenten 
namens Friedrich Andrea den Wunsch, seine Bekannt- 
schaft zu machen, ähnlich, wie später der junge Ruhl in 
Kassel bloß durch die Kenntnis der Lyrischen Blätter 
„etwas für ihn empfunden, was nur wenige für wenige 
fühlten". Solche Erfolge, die sich mehrfach wiederholten, 
konnten freilich dem Homosexualen nur wenig nützen, 
da sich nur die Gegensätze anziehen und Platen, wie 
aus seinen Einträgen im Tagebuch klarstens hervorgeht, 
bei seinem muliebren, weichen Wesen sich zu entschie- 
denen Mannesnaturen mit energischem Gesichts- 
ausdruck und kräftigem Körperbau hingezogen 
fühlte. Aber gerade bei diesen letzteren Naturen hatte 
seine eigene Tendenz immer ihr Ziel verfehlt und die 
Wirkung war keine andere, als die eines unbefriedigten 
Triebes und eines zerrissenen Herzens, wie sich dies bei 
dem Verlust Rotenhans besonders deutlich kundgibt. 

Die Klage um den Verlust dieses Freundes, den er 
so kurze Zeit kannte, währte länger als die um Schmidt- 
lein. Sie minderte sich erst, als ein Bild vor Platens 
Augen trat, das einen noch stärkeren Eindruck als das 
des zuletzt Verlorenen auf ihn machte. Im Juli des 
gleichen Jahres (1821) erfüllte das Herz des Liebes- 
bedürftigen jener schmucke Dragoneroffizier aus Han- 
nover, von dem bereits im I. Teile unseres Aufsatzes 
(siehe Jahrbuch 1899, S. 207 ff.) die Rede war. Aber 
auch nachdem dieses Freundschaftsband, das ihn mit 
Otto von Bülow zwei kurze Monate verknüpfte, zer- 
rissen war, fand das arme Herz keine Ruhe und bereits 
im Februar des folgenden Jahres, also fünf Monate 
darauf, schmachtet Platen in neuen Banden. Während 
er nämlich bei einem Professor in Erlangen einen Be- 
such zum Zweck seiner Studien macht, trifft ihn ein 



— 414 — 



Blick, der ihn für lange Zeit in leidenschaftlichen An- 
spruch nimmt Am 5. Februar heißt es im Tagebuch: 
„Ich fand (bei Professor Kästner) einen Studenten, auf den 
dieser wegen seines Eifers für Naturstudien viel hält und der 
ein sehr schöner Junge ist." — Dieser Junge war kein 
anderer als der später so berühmt gewordene Forscher 
Justus von Liebig. Damals erschien er dem für 
männliche Schönheit leicht Empfänglichen als eine 
„schlanke Gestalt; ein freundlicher Ernst in feinen, regel- 
mäßigen Gesichtszügen, große braune Augen mit dunkeln, 
schattigen Brauen nehmen auf den ersten Blick für ihn ein. 
— — Er zeigte sich sehr offenherzig, vertraute mir manche 
Lebensverhaltnisse und gab mir — nach wenigen Tagen — 
Beweise einer so plötzlichen und entschiedenen Neigung, daß 
ich wirklich darüber in eine Art von Erstaunen geriet. So 
viel Ldebe hatte mir noch niemand, am wenigsten nach einer 
so kurzen Bekanntschaft, entgegengebracht." — Freilich ist 
auch hierbei zu beachten, daß Platen mehr in seine 
Freunde hineinlegte und wieder herauslas, als diese 
selbst fühlten. Dazu kam andererseits für Liebig die 
Wahrnehmung ernsten Strebens nach wissenschaftlicher 
Bildung und vielleicht auch der Hinblick auf die soziale 
Stellung des Grafen. Jedenfalls aber wurde dem letz- 
teren, der das Herz Liebigs zu gewinnen wußte, von 
diesem ein hoher Grad aufrichtiger Neigung entgegen- 
gebracht. Dafür spricht folgender Vorfall. Zwischen 
den beiden war eine Heise an den Rhein vereinbart 
worden für die Zeit, als Liebig — im Juni 1821 — von 
Erlangen abwesend war und im elterlichen Hause zu 
Darmstadt weilte. Platen besuchte ihn daselbst; die 
Reise konnte Liebig nicht antreten. Platens bekannte 
Empfindsamkeit regte sich wieder und zwar so, daß es 
zwischen Beiden zu heftigen Auseinandersetzungen kam. 
Da war es Liebig, der nachgab und gestand, er „ver- 
diene die Ldebe Platens gar nicht; er habe ihn unendlich 



— 415 — 



verkannt und bitte, wenn möglich, ihm zu verzeihen." Daß 
Platen verzieh, ist selbstverständlich, auch wenn die im 
Jahrbuch I, S. 206 erwähnte Episode nicht stattgefunden 
haben sollte, durch welche Platen zu Darmstadt in den Ruf 
eines verkleideten „Mädchens" kam. Übrigens hatte auch 
dieser Liebesfrühling ein rasches Ende, da Liebig seine 
Studien nicht mehr in Erlangen fortsetzte. 

Länger währte eine Episode des nächsten Sommers, 
die aber Platens Herz auch tiefer verwunden sollte. Als 
er am 11. Juli 1822 nachts von einem Belustigungsort 
in der Nahe Erlangens allein nach Hause ging und die 
ambrosische Nacht ihn noch zu einem Umwege einlud, 
erblickte er vor sich eine jugendliche, männliche Gestalt, 
die durch die Schönheit ihres Ganges ihn bezauberte. 
Platen schrieb in der Sprache des Hafis ins Tagebuch: 

„Schön bewegst Du Dich, mein holder Türke, 
Sterben will vor Deinem Wuchs ich hier." 

Er begnügte sich übrigens im Tagebuch hinsichtlich 
dieser Begegnung mit einer Andeutung der Person, aber 
es ist mehr als wahrscheinlich, daß aus diesem Zu- 
sammentreffen die Bekanntschaft, Freundschaft und 
Leidenschaft erwuchs, die ihn mit „Cardenio" (einem 
nicht näher bezeichneten Studenten namens Hoffmami) 
verband. Uber dessen Äußeres berichtet Platen im Ein- 
klang mit obigen Versen: „Es seheint, als ob das orienta- 
lische Bild der wandelnden Zypresse ganz eigens auf seinen 
Wuchs erfunden sei. Er ist sehr groß, ohne im mindesten 
plump oder allzu schlank zu sein. (( — Darauf führt er den 
Spruch des Hafis I, 14 an: „Möge jede der Zypressen, die 
wir auf der Wiese seh'n, Dem Elifa Deines Wuchses als ein 
Nun zur Seite steh'n." — „Die Stirne ist sehr edel und 
in der Mitte gegen die Nase zu sanft gespalten; die Augen 
mild und dunkelblau, die Nase groß und schön, der Mund 
üppig, ohne sinnlich zu sein. Seine Gesichtsfarbe ist bräun- 



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lieh, seine Stimme sehr sanft und angenehm." Dann fährt 
Platen weiter: „Nach diesem Steckbrief von Lieblichkeiten ist 
es nicht zu verwundern, wenn es ein großer Genuß genannt 
wird, so schöne Formen beständig vor sich zu sehen und das 
Auge, das so häufig verletzt wird, an das Edelste zu ge- 
wöhnen." In der Tat, kein Mann hatte bisher durch 
seine Schönheit einen solchen Zauber auf Platen aus- 
geübt. Bald war, bei den zahlreich sich bietenden Ge- 
legenheiten, die Bekanntschaft gemacht. Sanguinisch, 
wie Platen immer war, hoffte er das Beste von dieser 
Freundschaft. Die kleinste Achtungsbezeugung wurde 
gleich der größte Freundschaftsbeweis. Als beide einmal 
nachts nach einem Ausfluge auf dem Markte in Erlangen 
sich gute Nacht sagten und Platen die Hand des Freundes 
ergriff, ohne daß sie ihm dieser entzog, da „fühlte er zum 
ersten Male, daß er ihm wert geworden". Cardenio freilich 
ließ kein Mißverständnis entstehen, das dem Liebenden 
angenehm geblieben wäre. Sieben Tage lang nach jener 
Verabschiedung sollte dieser ihn nicht mehr sehen. Car- 
denio wich ihm aus. Schon am 7. August heißt es im 
Tagebuch: „So wird mir seit Jahren das Schöne entrissen, 
kaum daß ich es erblickt, nun das Allerschönste am aller- 
schnellsten. Mit Bülow konnte ich kaum ein paar Monate 
Ic^en, mit Lriebig wenige Tage und Cardenio darf ich noch 
nicht einmal meinen Freund nennen." — Wenn, was un- 
ausbleiblich war, Cardenio ihm dennoch einmal begegnete, 
so blieb er kühl und wechselte höchstens ein paar artige 
Worte. Der Liebende war aber nicht so leichten Kaufes 
loszubekommen; er machte immer neue Versuche, lud 
den jungen Mann zu Spaziergängen ein und besuchte ihn 
auf seinem Zimmer. Freilich alles vergebens; auf ein- 
mal war Hoffmann abgereist, ohne Lebewohl gesagt zu 
haben. „ Was bleibt mir nun anders" schrieb der oft Ge- 
prüfte, „als ein unsäglicher Schmerz und die ganze Uner- 
träglichkeit der Existenz? Ich würde beruhigter sein, wenn 



er mir ein einziges Lebewohl gesagt hätte. Schwerlich werden 
wir uns je wieder sehen. Und wenn auch ja, er liebt mich nicht. 
Die höchste Schönheit, die höchste Milde, die mir je begegnete, 
begegnete mir so unfreundlich. Wie soll mir etwas Anderes ge- 
nügen ? Muß ich mich wieder hinschleppen und lächeln mit zer- 
rissener Seele? 0 Gott! Nimm ein Leben von mir, das du 
mir unter fürchterlichen Bedingungen gegeben hast!" 

So verblendet Platen in Beurteilung seiner Lieb- 
linge war, so richtig wurden diese von Anderen ein- 
geschätzt, denen die Leidenschaft für einen Mann den 
Blick nicht trübte. Hoffmann, den Liebig von seinem 
Erlanger Aufenthalt her kannte, wird von diesem in einem 
späteren Briefe geschildert 9 ,als die trockenste Natur, die 
ihm je vor Augen gekommen 1 *. Cardenio war also nicht 
der Mann, mit dem Platen zum Ziele gelangen konnte, 
und ein Unglück war es für letzteren, daß jener wieder- 
holt in seinen Gesichtskreis trat. Im nächsten Semester 
tauchte Hoffmaun nämlich wieder in Erlangen auf und 
das Schicksal fügte es, daß er sogar, wie einst Rotenhan, 
der Zimmernachbar Platens wurde. Es entstand wieder 
ein Verkehr, zu welchem gemeinsame Lektüre vom Lie- 
benden als Gelegenheit oder vielmehr als Vorwand be- 
nutzt wurde. Auch bei Spaziergängen mit Bekannten 
konnte Platen in Hoffmanns Nähe weilen; auf einem 
Winterausflug gelang es ihm einmal, mit Cardenio allein 
den nächtlichen Heimweg zurückzulegen. Sie zündeten eine 
Holzfackel an, die Cardenio trug. Einzelne Sterne blinkten 
am dunkeln Himmel und die Deichsel des , Wagens' neigte 
dort dem Horizonte zu. Hierauf bezieht sich das tief- 
empfundene, formvollendete Sonett, welches, in die „Ge- 
sammelten Werke" nicht aufgenommen, hier am Platze ist: 

„Mehr als des Lenzes voll von Huld und Gnade, 
Gedenk? ich jener Winternacht, der kalten, 
Als ich geseh'n Dich eine Fackel halten, 

Mir vorzuleuchten auf dem öden Pfade. 

Jahrbuch VI. 27 



— 418 — 



Und folgend immer Beinern Tritt gerade. 
Sah ich unzähVge Funken sich entfalten, 
Umsprühende die schönste der Gestalten, 

Sobald Dm, Freund, die Fackel schwangst im Bade. 

Gestirne wurden neidisch aus der Ferne 

Dein Licht gewahr und liebend schien der Wagen 
Auf Dich zu senken seine sieben Sterne. 

Still warst Du selbst, ich wagte nichts zu fragen: 

In solchen Stunden schweigt man allzugerne; 
Doch was Du dachtest, wer vermag's zu sagen?"' 

Mochte Platen sich im stillen allen Täuschungen 
hingeben, alle Versuche, einen intimeren Verkehr herbei- 
zuführen, schlugen fehl. Es stand fest, je un verhüllter 
seine Liebe zutage trat, desto zurückhaltender wurde das 
Benehmen des anderen, der ihn zuletzt auf der Straße 
gar nicht mehr grüßte. 

Platen mußte bei solchen Wahrnehmungen nach- 
denklich werden. Er fürchtete, daß sich das Gerücht 
von seiner Neigung wieder herumsprach und daß seine 
soziale Stellung erschüttert sei. „Ich habe", schreibt er 
am 21. Oktober 1822, nachdem er sich auf einige Zeit 
nach Altdorf zurückgezogen hatte, „seitdem ich in Fr- 
langen bin, so viele dumme Streiche gemacht, mich in so 
Manches verwickelt, daß ich mich scheue, wieder dahin zu 
gehen. Auch hat man meiner Neigung zu Rotenhan, zu 
Bülow, zu IAebig, zu Cardenio selbst, gewiß eine Deutung 
gegeben, die, so ungerecht sie ist, mich doch in die größte 
Bedrängnis versetzen muß. Wenn nun vollends jener Brief 
von Iphofen jemals bekannt werden sollte, die größte Schmach 
und die größte Sünde (sie!) meines Lebens, so ist mein Ruf 
auf ewig verloren. Alles kann ich nicht vor der Vorsehung 
ausfechten, die mir diese Neigung eingepflanzt hat seit 
meiner frühesten Jugend, von den Anderen verdiente 
ich statt der Scheltworte eher Mitleid. Ich verlange 
nichts Unrechtes, nichts, was die Natur und das Gesetz ver- 



— 419 — 



dämmt, aber daß ich da nicht sollte lieben dürfen, wo mich 
Schönheit, Vorzüge, Gewohnheit fesseln, daß ich überhaupt 
gar nicht lieben sollte, dies ist eine härtere Forde- 
derung, als daß sie ein Mensch dem Menschen machen 
soll. Durch diese Neigung selbst bin ich schon unergründ- 
lich unglücklich, nie Erwiderung, noch weniger Befriedigung (!) 
hoffend, wird mein Zustand immer drückender. Hier (in 
Altdorf) kann ich mich zwar vor den Menschen verbergen, 
aber endlich muß ich doch wieder in die Welt hinaus, und 
wer sorgt für meine Zukunft, wenn ich mich nicht dafür an- 
strenge. 0 Gott, gib mir keine Zukunft!" 

Diese mit der elementaren Kraft der Wahrheit ge- 
sprochenen Worte sind wieder eine Kundgebung, wie sie 
wohl selten aus dem Herzen eines Homosexualen kam. Der 
Welt war diese entsetzliche Manifestation nicht bekannt, so 
lange sie im Tagebuch vergraben lag. Ob sie jetzt, nach- 
dem das Tagebuch veröffentlicht ist, den notwendigen 
Widerhall erfahren wird, ist eine Frage; gewiß aber ist, 
daß eine Zeit kommen wird, welche von ihr Kenntnis 
nimmt und sie als einen unwiderleglichen Beweis für die 
Natürlichkeit und Unverantwortlichkeit der Empfindung 
zum „eigenen" Geschlecht gelten läßt. Platen würde sich 
gewiß nicht in all die Bitterkeiten und Gefahren, die ihn 
mit Angst erfüllten, gestürzt haben, wenn es menschen- 
möglich gewesen wäre, sie zu vermeiden. Er wurde trotz 
seines Widerstandes in sie hineingedrängt. Schon am 
31. März 1823, nachdem sich die Aussichtslosigkeit aller 
Hoffnungen auf Cardenio . herausgestellt hatte, finden wir 
Platen nämlich abermals in unentrinnbaren Fesseln. Auf 
einem Ausflüge von Studenten, an dem er sich von Er- 
langen aus beteiligte, fiel ihm ein hübscher junger Jurist 
auf, an den er schon in Heidelberg von Liebig gewiesen 
war, der sich aber von ihm nicht antreffen ließ. Wie dort, 
so beobachtete der junge Mann — Knöbel war der be- 
zeichnende Name des rüden Menschen — auch in Er- 

27* 



— 420 — 



langen ein zurückhaltendes, fast ungefälliges Benehmen. 
Gleichwohl konnte es Platen, hingerissen von der kräftig 
schönen Männlichkeit, nicht unterlassen, sich auch ihm an- 
zufreunden. Er erreichte ein kurzes Wechselgespräch; als 
er aber anderen Tages den jungen Mann einlud, auf sein 
Zimmer zu kommen, wurde ihm dies unter einer frostigen 
Ausrede abgeschlagen. Jetzt wäre es für Platen an der 
Zeit gewesen, sich zurückzuziehen; statt dessen loderte 
die Neigung nur um so mächtiger wieder zur Leiden- 
schaft empor und dies blieb von Knöbel nicht unbemerkt. 
Rasch trat die Wirkung ein. Am 5. April schon meldet 
Platen im Tagebuch mit der offensten Gewissenhaftigkeit 
von der Welt: „Heute habe ich das Fürchterlichste 
meines Lebens erfahren. Der Abgrund, an dem ich seit 
Jahren schwindle , hat sich noch einmal mit gräßlicher Tiefe 
vor mir auf getan. Knöbel, gegen den ich, ich darf wohl sagen, 
die reinste, innigste Liebe empfand, sagte mir heute mit 
dürren Worten, daß ich ihm lästig sei, daß ich ihm meine 
Freundschaft habe aufdrängen wollen, daß ich jedoch meine 
Rechnung ohne den Wirt gemacht habe, daß er nicht die min- 
deste Neigung für mich empfinde und daß ich ihn sobald wie 
möglich verlassen solle. Ja, dies waren vielleicht noch die 
mildesten Ausdrücke (!). Ich sage nichts über das Nähere; 
denn was wäre hier noch zu sagen, nachdem dies gesagt ist ? 
Genug, daß ich den Tod in der Seele trage. — Ich werde 
einige Tage auf dem Lande zubringen; aber in welcher Stim- 
mung gehe ich dahin? Es ist nicht Knöbels Verlust allein 9 
es ist die ungeheure Gewißheit, daß mich die Natur 
bestimmt hat, ewig unglücklich zu sein." 

Solche und ähnliche Erfahrungen legten sich schwer 
auf das Gemüt des feinfühligen Mannes. Dazu kam, daß 
die Erfolge seines dichterischen Schaffens hinter den Er- 
wartungen zurückblieben, die er und andere damals von 
ihm hegten. Zwar wurde sein Schauspiel „Treue um 
Treue" (am 18. Juni 1825) in Erlangen aufgeführt; zwar 



— 421 — 



fanden seine Gedichte, die Ghaselen und später die 
Sonette, den Weg in die Öffentlichkeit und wurden zum 
Teil auch im Auslande gelesen; allein jener dramatische 
Erfolg galt mehr dem einheimischen akademischen Bürger 
als der Bühnenfähigkeit des Stückes und die Gedichte 
waren höchstens eine Kost für literarische Feinschmecker. 
Außerdem näherte sich der Urlaub, welcher dem Offizier 
bewilligt war, seinem Ende, und es erfüllte Platen mit 
Schrecken, als wirklich die Einberufung zu seinem Regi- 
ment nach München erfolgte. Allerdings wurde der 
Urlaub, auf Vorstellung einflußreicher Personen hin, ver- 
längert; aber es knüpfte sich an diese Vergünstigung die 
selbstverständliche Pflicht, auf dem Felde der Kunst nun 
einmal etwas Bedeutendes zu leisten. Der Philosoph 
Schelling, welcher damals an der Universität Erlangen 
wirkte und dem Dichter ein aufrichtiges Interesse zu- 
gewandt hatte, machte denselben darauf aufmerksam, 
daß ein Künstler bloß inmitten des großen Lebens etwas 
Großes zu schaffen vermöge, und so sah Platen ein, daß 
er in Erlangen, und überhaupt in Deutschland, nicht 
mehr an seinem Platze war. 

Die Wahl des Landes, in dem er sich niederlassen 
wollte, fiel auf Italien. Für dieses Land hatte er schon 
seit früher Jugend eine Vorliebe — nicht bloß wegen 
der reichen Literatur und der Pracht seiner Landschaften, 
sondern vielmehr — wegen der Menschen, von deren 
Schönheit er schon so manches Beispiel gesehen hatte. 
Insbesondere war es ein vorübergehender Aufenthalt in 
Venedig (vom Anfang September bis Anfang November 
des Jahres 1824), der ihm in dieser Richtung die Augen 
öffnete. „Feme von allem Staub der Schule, unter einem 
Volke, das voll Unbefangenheit dem Augenblick zu leben weiß, 
fange ich selbst erst an, das Leben zu erkennen und zu ge- 
nießen", meldet vom 13. Oktober jenes Jahres da9 Tage- 
buch aus Venedig. 



— 422 — 



Von seiner Leidenschaft für deutsche Jünglinge hatte 
ihn die Reise nach Venedig übrigens vorerst ebensowenig 
befreit, wie die Menge unliebsamer Erfahrungen, die er 
mit jenen gemacht Im Gegenteil, ein neuer Liebes- 
frühling schien erwachen zu wollen, ehe er die Heimat 
dauernd verließ. Am 9. März 1826 heißt es, abermals in 
Erlangen : „Jetzt rufen mich Frühling und Liebe wieder ins 
Leben. Die Tage sind unbeschreiblich schön, der Himmel 
blau, die Knospen brechen hervor. Ich habe in dieser schönen 
Zeit einen Freund gefunden. So oft ich mich in diesem 
Punkte getäuscht habe, so Iwffe ich diesmal mich nicht zu 
täuschen. Und wie könnte ich die Ideale (sie!) aufgeben, die 
mich seit meiner Kindheit begleiten ? — Gesehen habe ich Ihn 
schon im November vorigen Jahres, auf einem Balle im 
Januar zum ersten Mal mit ihm gesprochen; aber die Um- 
stände verhinderten uns, einander näher xu kommen, und 
näher kennen gelernt habe ich ihn erst gestern abend, wo ich 
ein paar Stunden bei ihm xubrachle. Da dieser Besuch zu- 
fällig war, so hat es mich hinterher gefreut, daß es am , Jona- 
thanstag' geschehen ist." — (Wir sehen, der einst so üppig 
wuchernde, dann mit der Zeit sichtlich abnehmende Aber- 
glaube trieb immer noch einzelne Schößlinge auf dem 
Boden der unbefriedigten Sehnsucht.) — „Heute morgen 
schickte ich ihm mehrere meiner gedruckten Sachen und legte 
ein gestern entstandenes Sonett über den ,Tod Pindars* bei, das 
an ihn selbst gerichtet ist, wiewohl ich ihn dies nicht erraten 
ließ. Es ist das zwanzigste Sonett, das ich an ihn geschrieben, 
und so habe ich ihn mehr als irgend einen früheren Freund 
gefeiert, und zwar durch Gedichte, die meine früheren hinter 
sich lassen. Gott mag wissen, warum dieser Mensch mich so 
begeistert; aber aus den Sonetten (in Redlichs Ausgabe 171 
bis 181 und 653 — 654) geht hervor, daß ich nie so ganz, 
nie so edel, so uneigennützig geliebt habe. Er heißt Karl 
Theodor German" — Platen selbst nannte ihn Jona- 
than — „und ist in Rheinbayern zu Hause. Er studiert 



— 423 — 



Theologie. Unglücklicherweise (!) hat er sich einer Lands- 
mannschaft angeschlossen, was unseren Umgang außerordent- 
lich erschwert." (Bei den Landsmannschaften befanden 
sich eben jene Charaktere, die am wenigsten Sinn für 
Platens Neigungen hatten, dafür aber als kräftige, lebens- 
frohe junge Männer diesem um so mehr gefielen; darin 
war das „Unglück" zu erblicken.) 

Es kam, wie zu erwarten stand. So lange German 
der Meinung lebte, daß es sich um eine Kameradschaft 
handle, wie sie unter Studenten gang und gäbe ist, ver- 
kehrte er freundlich mit dem Grafen, welcher sofort die 
Freundlichkeit in jene „Freundschaft" übertrug, wie er 
sie selbst empfand. Kaum aber hatte German bemerkt, 
daß ihm glühende Neigung entgegengebracht werde, so 
wurde er kühl bis ins Herz hinein und zog sich scheu 
zurück. Aber die Liebe ist nicht nur blind, sondern auch 
taub. Platen verfolgte den jungen Mann weiter mit 
Freundschaftsbeweisen, ohne daß er etwas anderes er- 
reichte als einen Brief, in dem er härter und liebloser 
behandelt wurde denn je. „Jonathan" erklärte kurz und 
bündig, daß er nicht Platens Freund sein wolle, keine 
Neigung für ihn verspüre und sich überhaupt um ihn 
nicht kümmere. Deutlicher konnte nicht gesprochen werden. 
„Ich habe die Nacht", heißt es mit einigem Widerspruch 
nach Empfang des Briefes, „in einem fürchterlichen Zustande 
zugebracht Endlich glaubte ich jenes von frühester Kind- 
heit ersehnte Ideal eines Freundes gefunden zu haben; nie hat 
mir ein Mensch besser gefallen als German. Nur M — y 
(Mercy) und B — n (Brandenstein) aus früherer Zeit kann 
ich mit ihm in eine Linie stellen. Auch diese liebte ich über 
Alles, und es ist merkwürdig, daß sie alle drei blond waren 
und eine entfernte Ähnlichkeit der Gesichtszüge unter ihnen 
obwaltet. Selbst Liebig kann ich nicht mit ihnen vergleichen, 
wiewohl (vielmehr weil) er der einzige Mensch in der Welt 
ist, der mich wahrhaft geliebt hat. — Eine so traurige Früh- 



— 424 — 



lings- und Rosenzeit wie dieses Jahr habe ich noch niemals 
zugebracht. — Nun ist alle Hoffnung auf Italien gerichtet." 

Am 22. August machte übrigens German noch eine 
Anstandsvisite, um sich für ein mittlerweile zum Geschenk 
erhaltenes Buch zu bedanken, wenigstens ein Beweis, daß 
Platen noch immer einen gewissen Grad von Achtung 
bei ihm genoß. Ein Gegenbesuch Platens aber wurde 
nicht angenommen, wenigstens fand der letztere seinen 
Nachbar bei wiederholten Besuchen „nicht zu Hause".- 

Diese neue Kränkung kam nicht unerwartet; aber 
sie verschlimmerte Platens Gemütszustand aufs äußerste ; 
eine solche Zerrissenheit, wie er sie in diesen Augen- 
blicken empfand, war selbst für ihn noch neu. „Es ist 
die höchste Zeit", schrieb er, »daß ich Deutschland verlasse; 
alle Bande sind gelöst; alle Liebe hat sich ins Innerste meiner 
Brust geflüchtet, um nie mehr hervorzutreten" In dieser 
Zeit entstand das bekannte ergreifende Sonett, welches 
mit den Worten bitterer Resignation schließt: 

„Wo mir zerrissen sind die zarten Bande, 
Wo Haß und Undank edle Liebe lohnen, 
Wie bin ich satt von meinem Vaterlande! " 



III. 

Am 13. Oktober 1825 starb König Maximilian I. von 
Bayern und sein kunstsinniger, begeisterungsfähiger Sohn 
folgte ihm in der Regierung des Landes. Von all den 
poetischen Huldigungen, die ihm anläßlich seiner Thron- 
besteigung wurden, fand Ludwig I. die (durch die „Ge- 
sammelten Werke iC ) bekannte Ode des Grafen Platen 
nicht allein für das beste Gedicht, sondern auch für das 
einzige, das ihm gefiel. Die Beurlaubung Platens ward 
nun auf die Dauer gewährt und ihm überdies der Fort- 
bezug der Offiziersgage bewilligt. Freiherr von Cotta in 
Stuttgart, der Verleger der Platenschen Werke, bot jeden 
beliebigen Wechsel auf ein Bankhaus in Rom an, wofern 
der Dichter nur von Zeit zu Zeit Korrespondenznach- 
richten für dessen „Morgenblatt" von dort aus einsendete. 
Für finanzielle Mittel war also hinreichend gesorgt und 
am 3. September 1826 bestieg der Vaterlandsmüde in 
Erlangen den Eilwagen, um über München und das ihm 
teure Innsbruck — wohin er schon einmal als elfjähriger 
Knabe gekommen — nach Italien zu reisen. Uber die 
Anziehungskraft dieses Landes gibt er sich während der 
Reise im Tagebuche Rechenschaft. Es ist jedoch von 
dem betreffenden Eintrag nur ein Bruchstück vorhanden, 
da ein Blatt mit dem größten Teil der Stelle aus dem 
Buche herausgerissen ist. Das Bruchstück (Parma, den 
20. September) lautet: „Es wäre schwer zu sagen, worin 
eigentlich die mächtigen Reize bestehen, mit denen Italien die 
Gemüter anlockt. Es ist nicht die reiche Natur allein, noch 



— 426 — 



die reichere Kunst, es sind nicht bloß die herrlichen Kirchen, 
die geschmackvollen Schauspielhäuser, in denen man umher- 
wandelt, die prächt — — ". Hier bricht der Eintrag ab. 
Wir glauben nicht fehlzugehen, wenn wir denselben 
dahin ergänzen, daß auch von den Menschen die Rede 
war und daß die Hoffnung ausgesprochen wurde, es möge 
ihm in der Fremde von diesen zuteil werden, was die 
Menschen in der Heimat ihm versagten. Jedenfalls war 
— wie immer da, wo eine Elimination im Tagebuch 
stattfand — von intimeren Geständnissen die Rede. 
Freilich auch das ist gewiß und geht mit Z'weifellosig- 
keit aus dem ungeschmälerten Wortlaut der nachfolgenden 
Einträge hervor, daß Platen nun mit der ängstlichsten 
Sorgfalt sein Auge behütete und sein Herz gegen den 
Zauber männlicher Schönheit zu panzern suchte. Aber 
bald ward ihm wiederum das Vergebliche all seiner Vor- 
sätze klar und er sah sich mit Bestürzung aufs neue in 
jenen Zustand versetzt, in den er nach den Erlebnissen 
mit German „nie mehr zu geraten hoffte". In Rom, 
dem Ziele seiner Sehnsucht, traf er am 24. Oktober, 
gerade an seinem 30. Geburtstage, ein. Schon am 
14. Januar 1827 lernte er daselbst „einen schönen, jungen 
Römer kennen, der ein Maler ist und den er schon öfters mit 
einem griechischen Maler, den er zuweilen sprach, gesehen 
hatte/' Gleichzeitig reizte ihn ein schönes männliches 
Modell, das er in einem Künstlerkreise erblickte, zu der 
bekannten Kalb sinnlichen, halb elegischen Ode: 

„Wenn Du, Natur, eine Gestalt bilden willst, 
Vor den Augen der Welt, wie viel Du vermagst, darzutun, 
Ja, dann trage der Liebling 
Deiner unendlichen Milde Spur. 

Alles an ihm werde sofort Ebenmaß, 
Wie ein prangender Lenz, von Blüten geschwellt, jedes Glied; 
Huldreich alle Geberden, 
Alle Bewegungen sanft und leicht. 



— 427 — 



Aber in sein Schwärmergesicht prägst Du 
Ben lebendigen Geist, und jene, wiewohl fröhliche, 
Doch kaltblütige Gleichmut, 

Wiegend in Buhe Begier und Kraft." 

Unterm 22. Februar heißt es: „Ich habe mich an den 
Torheiten und Maskeraden (des Karnevals) ergötzt; weit mehr 
aber freute mich's, eine Bekanntschaft gemacht xu haben, die 
ich immer wünschte, aber als eine schöne Unmöglichkeit an- 
sah. Es ist ein junger Maler aus Gremona, dessen 
Namen ich nicht weiß. Ich habe ihn schon einmal (im 
November des vorigen Jahres) in einer Trattoria gesehen, und 
seit jenem Augenblick schien er mir immer der schönste 
Mann und das nationalste Gesicht, das mir jemals in Italien, 
wo die Schönheit alltäglich ist, vorgekommen .... Ich lernte 
in diesem Freunde (!) einen Mann kennen, der, was Gelehr- 
samkeit anlangt, so wenig über seine Sphäre hinausgeht, wie 
es die Italiener überhaupt tun, aber nichtsdestoweniger ebenso 
geistreich und edel ist und, wie viele seiner Landsleute, eine 
große Beredsamkeit hat. Diese Gaben, (selbstverständlich) ver- 
eint mit einer unbeschreiblichen Wohlgestalt und jenen tiefen, 
-schwärmerischen Feueraugen, die ich nie in solcher Voll- 
kommenheit gesehen habe, würden mir nichts xu wünschen 
übrig lassen, wenn ich hoffen dürfte, die Freundschaft eines 
solchen Jünglings xu erwerben. Überhaupt bewundere ich die 
Italiener, je mehr ich sie kennen lerne. Ich habe in diesen 
letzten Tagen unter den Künstlern und anderen (ebenfalls 
selbstverständlich) jungen Leuten sehr interessante Bekannt- 
schaften gemacht." 

Noch weniger als in Rom gelang es dem Schön- 
heitsdürstenden in Neapel, wohin er am 26. April 1827 
weitergereist war, seinen Vorsätzen treu zu bleiben. Schon 
die Stadt als solche erregte sofort sein Wohlgefallen. 
„Alles ist Heiterkeit und Bewegung, und die Stadt ist wie das 
Meer offen und frei und geräuschvoll; die Bauart im all- 
gemeinen solid und edel, die Straßen breit und hell. u Dazu die 



— 428 — 



Umgebung mit ihren Gärten und Terrassen, ihrer reichen 
Vegetation, ihren Pinien und Palmen! Und erst die 
Menschen! Das Verwunderliche bleibt nur, daß es dies- 
mal kein Italiener war, der das Interesse des Liebe- 
bedürftigen auf sich zog, „wiewohl die Italiener so viel 
schöner sind als die Deutschen", sondern eben ein Deutscher. 
Platen weigerte sich, im Hinblick auf seinen Vorsatz, 
anfangs allerdings, auch mit diesem in Verkehr zu treten. 
Ein gemeinsamer Bekannter, der Philologe Gündel aus 
Sachsen, aber ruhte nicht, bis er ihn bei einer Mittags- 
tafel dem Schlesier August Kopisch, dem bekannten 
Maler und Dichter, entgegenführen konnte. „M erwartete 
wenigstens", schreibt Platen am 11. Juli, „eine trockene, ge- 
wöhnliche Bekanntschaft zu machen; aber es kam noch viel schlim- 
mer, da der schöne, heitere und liebenswürdige junge Mann 
einen nur zu tiefen Eindruck auf mich machte, einen Ein- 
druck, den ich eigentlich nie in Italien erfuhr . . . Kopisch 
las (bei der erwähnten Gelegenheit) einige scherzhafte Ge- 
dichte vor und nach Tische wurde eine Spazierfahrt am Meer 
hin gemacht, bis wo man die Insel Nisida im Gesicht hat. 
Diese zauberischen Gesichtspunkte, ihm gegenüber genossen, 
waren verführerisch; er selbst artig und zuvorkommend gegen 
mich (eine Wohltat, die Platen sonst selten erfuhr); ich 
aber hütete mich aufs äußerste, mich ihm bloß zu geben. 
Gestern aber ward mir ganz deutlich, daß ich ihn fliehen 
muß, da es noch Zeit ist." — 

Und vierzehn Tage später schon wird berichtet: 
„Mein Verhältnis zu Kopisch hat sich auf das schönste und 
freundlichste entwickelt Er ist einer der edelsten und liebens- 
würdigsten Charaktere, die mir jemals vorgekommen, voll 
mannigfaltiger Talente, äußerst unterhaltend im Gespräch und 
immer heiter scheinend, wiewohl er noch aus Deutschland, 
wohin er nach dreien Jahren Abwesenheit zurückzukehren 
denkt, einen stillen Kummer mit sich brachte, dessen Geschichte 
er mir vertraute und der in dem unglücklich verwickelten 



— 429 — 



Verhältnis zu einem Mädchen seinen Grund hat. Wenn er 
darauf %u reden kommt, so laufen diesem Menschen, der sonst 
die Lustigkeit selbst scheint, die Tränen über die Wangen. Da 
er bei allen seinen Vorzügen auch Dichter ist und zwar einer, 
der es ernsthaft mit sich selbst meint, so läßt sich leicht 
denken, daß dadurch tausendfache Berührungspunkte zwischen 
uns entstehen. Eine ähnliche Freundschaft kann im 
Leben kaum zweimal vorkommen." Platen hatte 
hier insofern richtig gesehen, als Kopisch, freilich 
ohne im Punkte der „ Freundschaft " mit ihm Eines 
Sinnes zu sein, die zu ihm einen Gegensatz bildende 
Geschlechtspsyche Platens gleichsam divinatorisch oder 
instinktiv erkannte und sich gewissermaßen durch die- 
selbe angezogen fühlte. Weit entfernt, den sich immer 
mehr Nähernden sobald wie möglich abzustoßen, kam 
Kopisch, ungleich einem German oder Knöbel, ihm 
mit der Liebe des Vertrauens entgegen und fiel ihm bei 
einem Besuche, den Platen machte, mit Tränen im Au&e 
um den Hals. Platen war davon überglücklich und dichtete 
jene Ode „An August Kopisch" (siehe „Gesammelte 
Werke", S. 246, Cotta, 1870), in welcher es u. a. heißt: 

„Mehr als Jedem, o Freund, kamst Du ein Trost mir selbst: 
Langher war so verwandt meinem Gefühle kein 
Augapfel und keine Stimme mir 
So erfreulich und süß dem Ohr." 

Von dieser Ode sagte Kopisch selbst in seiner Ant- 
wort, daß sie „dem Leib Ruhe nahm und Entzückung^ 
der Seele gab". Anderen Tages, als Beide wieder 
zusammenkamen, fingen sie ohne weiteres an, von 
dem freundschaftlichen „Du" Gebrauch zu machen. Die 
Zeit, da Platen mit Kopisch in Neapel zusammenlebte, 
bildete den Höhepunkt seines ganzen Aufenthalts in 
Italien, vielleicht seines ganzen Lebens. Die Beiden 
machten gemeinschaftliche Ausflüge zu Wasser und zu 
Lande, badeten mitsammen im Meere, speisten mit ein- 



— 430 — 

ander zu Mittag und verbrachten desgleichen die Abende 
bis spät in die Nacht. 

Freilich kam eine Eigenart Platens, der sich darin 
gefiel, mitten im friedlichen Verkehr durch Launen- 
haftigkeit zu kränken, auch hier in der Folge zum 
Durchbruch. Wie er selbst sonst von den Geliebten ab- 
gestoßen wurde, so stieß er jetzt den Freund-ab. Kopisch 
nahm sich die Sache so zu Herzen, daß er in heftige 
Tränen ausbrach, worüber Platen indes nicht wenig be- 
stürzt wurde. „Er (Kopisch) lebt noch xu sehr in jener 
früheren unglücklichen Liebe und das Gedächtnis daran miscM 
sich in Alles. Er glaubte in meiner Freundschaft eine Art 
von Ersatz xu finden; daher verletzt ihn der geringste Zweifel 
in die seinige." Aber der Stachel des Angriffs kehrte 
sich auch gegen Platen selbst. Dieser geriet, wie er im 
Tagebuch sagt, damals in einen Zustand von Leerheit 
und Langweile. Er suchte Ruhe in — der örtlichen 
Trennung von dem Freunde und ging auf einige Zeit 
nach Sorrent (20. August). Hier erhielt er von dem ver- 
söhnlich Gesinnten einen sehr freundschaftlichen Brief, 
„der die Mißverständnisse xiemlich beseitigt hat". Bei seiner 
Rückkehr nach Neapel empfing er noch einen weiteren 
Freundschaftsbeweis: Kopisch brachte ihm (nebst schönen 
Orangen) ein Gedicht, worin er „über des Freundes Kälte 
in der letzten Zeit klagt und die Zeit herbeiwünscht, die sie 
beide einmal wirklich vereinigen soll". 22. November. (Vergl. 
„Gesammelte Werke", Ode, S. 246, Cotta, 1870.) „In der 
Tat habe ich mir viel gegen ihn vorxuwerfen" , fügt der Tage- 
buchschreiber offenherzig bei, „und ich fühle in diesem 
Augenblick, was ein so treuer und xärtlicher Freund wert 
ist" — Man darf übrigens nicht annehmen, daß Platen 
hier lediglich den Eingebungen seiner Launen folgte; 
wäre Kopisch nicht von weicher Gemütsart, sondern von 
jener herben Männlichkeit gewesen, wie sie der Homo- 
sexuelle sucht und braucht, so würde Platen sich vor 



— 431 — 



jeder Laune des anderen gebeugt haben. So aber be- 
harrte seine Neigung auf jenem Punkte, wo sie vor Leiden- 
schaft bewahrt und zugleich verhindert wurde, daß sie 
zur gewöhnlichen Freundschaft herabsank. 

Es waren nicht immer Dichter, Künstler, Offiziere 
und dergl., welche in Italien des Grafen Auge fesselten 
und ihm die Seele verwundeten. Sein Sinn für das 
Natürliche und Schlichte im Volksleben hatte sich bereits 
in Deutschland gezeigt; aber erst im Süden, und zwar 
schon in Rom, vermochten einfache Leute aus dem 
Volke in ihm einen tiefen Eindruck hervorzurufen und 
die Glut der Liebe anzufachen. Bekannt ist die römische 
Ode, welche beginnt: 

„Warm und hell dämmert in Born die Winternacht; 
Knabe, komm! Wandle mit mir und Arm in Arm 

Schmiege die bräunliche Wang' an Deines 

Busenfreundes blondes Haupt! 11 

Solcher Motive fand der Dichter viele. Er selbst 
sagt z. B. mit Bezug auf dieses Gedicht: „Etwas Eigenes 
ist mir gestern passiert. Es war gerade ein Jahr, seit ich 
auf San Pietro in Montorio jenen Knaben gesehen hatte, der 
Veranlassung zu der Ode ,Warm und hell dämmert in Born 
die Winternacht' gab. Ich mußte den Klosterplatz auf dem 
Janiculus passieren, und ohne an etwas zu denken t ging ich 
in die Kirche hinein, um etwas von Michelangelo aufzusuchen. 
Da sah ich vor dem Altar einen wunderhübschen jungen 
Menschen knien, der meine ganze Aufmerksamkeit fesselte. 
Als wir (sie!) später die Kirche verließen, unterhielt ich mich 
mit ihm, und er begleitete mich eine weite Strecke Über den 
Ponte S. Bartolomeo, über das Forum gegen den Lateran zu 
und über den Monte Celio zurück. So ist mir an demselben 
Tag und Ort, ja zur selben Stunde ganz dasselbe widerfahren, 
nur so, daß das Abenteuer des vorigen Winters eine bloße 
Vorbedeutung des gestrigen schien; denn Innocenz — so heißt 



— 432 — 



der junge Mensch — ist weit hübscher, lieblicher, unschul- 
diger, als jener andere war, und ich habe auch Hoffnung, ihn 
öfters wiederzusehen. Er ist aus Sinigaglia und kam nach 
Rom, um hier Arbeit zu finden, hat auch in der Villa Cor- 
sini und anderwärts als Gärtnerjunge gearbeitet. Er ist 
fünfundzwanzig Jahre alt, sieht aber weit jünger aus." — 
Der Graf und der Gärtnerbursche! Der Erstere wirbt 
um den Letzteren, durchquert mit ihm halb Rom, freut 
sich auf einen zukünftigen Verkehr mit ihm und ver- 
zeichnet die Begegnung als ein Abenteuer, ja sogar als 
ein Ereignis. 

Ähnliche Ereignisse wiederholten sich noch oft. In- 
dem wir ihre Reihe berühren, heben wir von den ge- 
liebten Personen nur diejenigen hervor, die er auf einer 
Rückreise nach Deutschland kennen lernte. Bei seinem 
letzten Aufenthalt in Venedig (im Jahre 1833) attachierte 
sich der Graf an einen jungen Flötenspieler, den er 
im Theater sah und dessen hübsche Gesichtszüge ihm 
auffielen. Auch er ist 25 Jahre alt, ein weiterer Beleg 
dafür, was es mit dem von Heine (und Anderen) erhobenen 
Vorwurf der „Knabenliebe" für eine Bewandtnis hatte. — 
Schon zwei Tage, nachdem der Jüngling erblickt wurde, 
ist er ein guter Kamerad des Grafen. „Seitdem", heißt 
es im Tagebuch, „sehen wir uns fast alle Tage, und ich 
habe sogar angefangen, Flötenstunden bei ihm zu nehmen. 
Zweimal lud ich ihn ein, mit mir zu Mittag zu essen, und 
wir haben einmal eine Spazierfahrt im großen Kanal und 
einmal nach Murano gemacht." Als Platen die Inselstadt 
am 11. November verließ, um seine Reise nach Deutsch- 
land fortzusetzen, begleitete ihn Angelo — so hieß der 
geliebte Flötenspieler — bis Bassano im offenen Wagen 
und trennte sich dort „mit Tränen und mit allen Aus- 
drücken der Liebe und Dankbarkeit". — Gleich am nächsten 
Tage, im Eilwagen nach Innsbruck, war es wieder ein 
Mann aus dem Volke, ein bäuerlicher italienischer 



— 433 — 



Tiroler, der Platens Zuneigung gewann. Er war früher 
Soldat gewesen und wußte mit viel Herzlichkeit zu er- 
zählen. „Hiezu kam noch ein günstiges Äußeres, buschige 
Haare und eine ungemein schöne Stimme" Im übrigen muß 
er eine recht derbe Erscheinung gewesen sein; ein in 
seiner Begleitung befindlicher Soldat nannte ihn einen 
crudo villano (groben Bauern). Von Innsbruck bis 
München löste ihn ein Handwerker, Bildhauer aus 
Cremona, ab, der dem Grafen noch in München Ge- 
sellschaft leisten mußte. — Wer wird hier nicht an 
J. J. Winckelmann erinnert, dessen vertrauensselige Art, 
sich an ungebildete Welsche anzuschließen, ihm auf der 
letzten Reise ein so tragisches Ende bereitet hat? Platen 
allerdings war etwas vörsichtiger als Winckelmann; aber 
auch ihm hätte ein ähnliches Schicksal werden können. 
Denn entgegengesetzte Naturen ziehen sich gerade am 
meisten an und im gegebenen Falle wurden eben rauhe, 
oft rohe Mannesnaturen bevorzugt. 

So sind es nun zahlreiche, den verschiedensten Ge- 
sellschaftsschichten angehörige Männer, denen Platen auf 
seinem späteren Lebenswege eine tiefe Neigung entgegen- 
brachte. Berechtigt daher ist die Frage, ob denn das 
Frauengeschlecht, welches ihn in Deutschland so kalt 
gelassen, nicht wenigstens in Italien, wo es reizender als 
in Deutschland erscheint, einen Eindruck auf ihn gemacht 
habe. — Frauen vermochten, wie wir auf grund der 
Tagebücher antworten, auch in Italien keine Anziehung 
auf ihn auszuüben. Zwar machte er, nach Art Anderer, 
die daselbst reisten, den Versuch, die Frauen schön zu 
finden, und verzeichnete zuweilen Wahrnehmungen, die 
er hierin gesammelt. „Das schöne Geblüt der Vero- 
neserinnen", heißt es einmal, „ist berühmt; doch glaube ich, 
dürfen die Mantuanerinnen ihnen an die Seite gesetzt werden. 
Was eigentlich Schönheit und zumal was Anstand und An- 
mut vermögen, lernt man erst in Italien kennen. Wie höhere 

Jahrbuch VI. 28 



— 434 — 



Wesen erscheinen diese Gestalten, und ein unsichtbares Etwas 
umschwebt sie, das man fühlt, ohne es beschreiben xu können." 
(Mantua, 18. September 1826.) Aber diese Bemerkung 
im Tagebuch, welche das physische Empfinden ganz 
außer Acht läßt» sollte nicht den Sinn behalten, als ob 
sich Platen für das Frauengeschlecht interessiert hätte. 
„Auch unter den Männern", heißt es gleich darauf, „sieht 
man die schönsten Profile und Gesichtszüge bis xu den ge- 
meinsten Ständen herab, unter denen ich mich nicht entsinne 
schöne Frauen gesehen xu haben." — Wer Platens Be- 
ziehungen zu der Gräfin Pieri bloß aus der bekannten 
Ode ansieht, möchte glauben, daß dieselben intimer Natur 
gewesen seien, ähnlich wie die Lord Byrons zur Gräfin 
Guiccioli; das Tagebuch aber orientiert uns dahin, daß 
der Verkehr mit der Gräfin Pieri über die Linie des 
rein gesellschaftlichen Lebens nicht hinausging. „Zur 
Gräfin Pieri", schreibt Platen am 1. April 1829, „komme 
ich täglich, wo wir meistens Deutsch lesen. . . . Nach Tische 
und abends bin ich dann um so einsamer. Ich esse allein, 
gehe allein spazieren und tue Überhaupt Alles allein." Zum 
Uberfluß fügt er hinzu: „Ganz ohne eigentliche Freunde xu 
sein, ist eine harte Aufgabe." — Man sieht, in dem inneren 
Leben, in der abnormen Veranlagung der Geschlechts- 
psyche, änderte Platens italienischer Aufenthalt nichts. 

Angesichts einer stattlichen Reihe von Liebesepisoden, 
in welchen die Neigung für Mannesschönheit die führende 
Rolle spielte und Platens Leidenschaft zur höchsten Glut 
entflammt wurde, drängt sich die weitere Frage auf, wie 
es sich denn mit jener „platonischen" Liebe verhält, auf 
die der Dichter immer so großes Gewicht legt, oder die 
Frage, wie weit sich denn die Regungen der Sinnlich- 
keit in seiner Liebe geltend machten. 

Schon in der Einleitung zu vorliegender Studie ist 
gesagt worden, daß Platen bei aller Offenherzigkeit, die 
seine Geständnisse auszeichnet, einen sinnlichen Zug in 



— 435 — 

sich nicht zugeben wollte. Dank seinem unbändigen 
Starrsinn gelang es ihm denn auch in der Tat, wenigstens 
so lange er in Deutschland lebte, der Begierde nach 
physischem Genuß Herr zu werden. Nichtsdestoweniger 
strebte — und zwar noch in Deutschland — seine Natur 
der Sinnlichkeit zu. Es gibt, wenn man von der ganz 
anders gearteten Liebe zu den Eltern, Geschwistern usw., 
der sogenannten pietas, absieht, überhaupt keine Liebe 
ohne Sinnlichkeit. Wie die Liebe aus der Wahrnehmung 
eines Physischen, d. i. der körperlichen Schönheit am 
Objekt, entsteht, so wurzelt sie beim Subjekt un- 
bewußt und ungewollt im Physischen, nimmt aus dem 
Physischen ihre Nährkraft und erstarkt zur Sehnsucht 
nach sinnlichem Ausgleich, mit Einem Wort, nach körper- 
licher Annäherung. Das hat auch Platen erfahren müssen, 
sobald er seine eigensinnige Logik, seinen übertriebenen 
Begriff von Ehre und seinen unmotivierten Stolz aus dem 
Spiele ließ. Bei allen seinen Liebesaffären ist es im 
Objekt ein recht deutlich wahrnehmbares physisches 
Moment, was als Reiz auf sein Sensorium wirkte: Es ist 
dies immer und immer „die schlanke, kräftige Gestalt, 
das wohlgebildete Gesicht, das tiefe Auge, das üppige 
Haar". Nicht selten überrascht sich der die Sinnlichkeit 
sonst Bekämpfende auf dem Wunsche, die „duftenden 
Locken" des Freundes zu berühren, „dessen Knie zu 
umflechten", und als letztes Ziel seiner — nach Kräften 
gezügelten — Hoffnungen schwebt ihm stets der recht 
körperliche „Kuß" vor Augen. Wie es also sinnliche Ele- 
mente waren, die im Objekt als Erreger wirkten, so war 
es naturnotwendig subjektiv das Sinnliche, was in ihm 
erregt wurde. Platen mochte sich, wie er wollte, über- 
reden, daß es in den geliebten Personen nur seelische 
Vorzüge seien, die ihn fesselten: er mußte dies selbst 
bezweifeln, wenn er sah, daß ihm diese Vorzüge stets 
nur an Männern und nicht auch an den — doch gleich- 

28* 



— 436 — 



falls mit einer schönen Seele ausgestatteten — Frauen, 
stets nur an jungen Leuten, die oft nur über ein recht 
mäßiges Wissen verfügten, und nicht an gereiften Män- 
nern, wie Professoren und Gelehrten, gefielen, denen es 
an einer schönen Seele gewiß nicht gebrach. Diesen 
Nisus formosus hätte Platen besonders einmal in Er- 
langen verspüren können, als dort ein reisender Pariser 
Athlet plastische Vorstellungen gab. Dieselben bestanden 
in Nachahmung nackter Figuren aus dem klassischen 
Altertum, und Platen nennt den Darsteller „einen Mann 
von der höchsten Schönheit in seiner Art und das wirkliche 
Ideal einer Ajax>- und Gladiator engestalt" Für einen Hermes 
oder Antinous wären ihm gewiß Hymnen noch höheren 
Schwunges zur Verfügung gestanden. 

Platen hatte in der Tat Stunden, in denen die 
Natürlichkeit seines Empfindens in ihr ungeschmälertes 
Recht trat. Es entstand dann in ihm das bestimmte 
Gefühl, daß seine Liebe gleichwertig mit jener der Nor- 
malen sei, und er ahnte dann gar nicht, daß in ihr etwas 
Abnormes vorliege. Deshalb eben hielt er es für selbst- 
verständlich, daß er gerade so geliebt werden solle, wie 
er selbst liebte, und verfiel zuweilen andererseits, in 
bezug auf Frauenliebe, in den Irrtum, daß er bloß zu 
wollen brauche, um ein Mädchen auch lieben zu können. 
Über die physiologische Ursache seiner abnormen Seelen- 
verfassung hat er wohl nie nachgedacht und von der da- 
maligen Wissenschaft wurde er hiezu auch nicht an- 
geregt. Im allgemeinen aber stand es für ihn fest, daß 
seine Neigung zu jungen Männern eine ungewollte und 
von der Natur ihm auferlegte war. Allmählich wurde 
ihm das Wesen seiner Neigung klar und er schiebt die 
Verantwortung für dieselbe der schaffenden Natur zu: 
„0, wie ist dieser Widerspruch in mich gekommen?" 
ruft er einmal aus; „wenn die Natur diese Liebe ver- 
beut, warum hat sie mich also gebildet?" 



— 437 — 



Mit der Zeit setzte sich in ihm die Überzeugung 
fest, daß nicht die Natur, sondern die Torheit der Men- 
schen diese Neigung verbiete, daß er selbst von Natur aus 
ein Recht auf sie habe und daß eine rein platonische 
Liebe bloß ein moralisches Kunstgebilde sei. Seine Selbst- 
kritik war eine nur allzu scharfe, als daß er sich in 
diesen Punkten auf die Dauer hätte täuschen können. 
Schon während seines prüfungsreichen Iphofener Aufent- 
haltes (siehe S. 395) kam es ihm deutlich zum Bewußt- 
sein, daß seiner Neigung zu den Freunden ein physisches 
Bedürfnis zu gründe liege. Damals gestand er sich, 
„daß es nicht die Seele allein ist, welche lieben kann, sondern 
daß dies das ganze Wesen ist, zusammengesetzt aus Seele 
und Leib", und „daß man bloß halb liebt, wenn nicht auch 
die Sinne entflammt sind." Dies hätte er sich auch 
schon in München bekennen dürfen; allein damals war 
er noch vollständig von dem landläufigen Vorurteil be- 
herrscht, daß die Liebe zum Manne unsittlich und deren 
Betätigung ein Laster sei. Er hätte sich jenes Geständ- 
nis machen dürfen ganz besonders damals, als er im 
Drange nach Stillung seines Naturtriebes in eine Art 
Baserei verfiel und bald ein Bündel Kleider, bald ein 
Kopfkissen umarmte! Später, in Würzburg und Erlangen, 
wie er sich erinnerte, genügten ihm solche Mittel nicht 
mehr; er setzte sich ja dem Freunde auf den Schoß, 
hielt ihn mit den Armen umfangen und berührte dessen 
Mund mit den Lippen. Als er einmal mit Bülow badete, 
war er froh, daß, „obwohl er dessen Schönheit auch nackt 
bewundern mußte, doch nicht das geringste Verlangen 
in ihm aufstieg." Ein jeder Andere, nicht sinnlich 
Fühlende, würde an eine solche Gefahr gar nicht ge- 
dacht haben. 

Trotz Allem blieb es in Deutschland bei bloßer Be- 
wunderung, und die Sinnlichkeit wurde schon durch die 
dort herrschende Sitte möglichst im Zaume gehalten. In 



— 438 — 



Italien aber, wo Platens Neigung nicht jene gehässige 
Beurteilung erfuhr, die sie in Deutschland zu gewärtigen 
hatte, und wo auch ihrer Betätigung keine hohen Schranken 
gesetzt waren, muß seine heroische Enthaltsamkeit jeden- 
falls auf eine ganz besonders schwere Probe gestellt 
worden sein. Dafür spricht selbst manches seiner ver- 
öffentlichten Gedichte. In der Ode „Morgenklage" z. B. 
ruft er zu Gott: 

„Du aber, ein einzigmal vom Geist nimm die Last! 
Von Liebe wie außer mir, an gleichwarmer Brust 
Laß fröhlich und selbstvergessen 
Mich fühlen, Mensch zu sein!" 

Zuweilen scheint er solchem Ziele ziemlich stark 
sich genähert zu haben. Die Ode „In Genua" enthält 
hierauf einen deutlichen Hinweis. Platen wendet sich in 
apostrophierender Weise an die Stadt und klagt, daß er 
verlassen muß 

„Dich, Dein rauschendes Meer und den schönen Strandweg, 
Ja, was reizender ist! Ich erblickte kaum noch 
Je mich selbst in geliebteren 

Augen und in liebender en." 

In Italien fand er demnach Gegenliebe. Andere 
Menschen als in Deutschland, seiner „ Freundschaft " 
fähige Freunde, führte ihm hier das Schicksal in den 
Weg. Uber die Qualität der jungen Männer, die er in 
der Heimat angebetet hatte, war er sich noch während 
seines Aufenthaltes dortselbst klar geworden. Schon 
unterm 6. August 1824 hatte er geschrieben: „Einen 
Freund zu finden war immer der ideale Wunsch seit meiner 
Jugend in mir; welche Klötze ich jedoch dafür ge- 
halten habe, weiß der Himmel." — Wie freimütig 
man nicht nur in Genua, sondern in ganz Italien, be- 
sonders in Neapel, über seine Neigung dachte, erfuhr 
Platen gar wohl. Er berichtet einmal (11. Juli 1827) im 



— 439 — 



Tagebuch, „in Neapel sei die Liebe zwischen Männern 
so häufig, daß man selbst bei den kühnsten Forde- 
rungen keinen Korb zu gewärtigen habe" — Ob der 
liebebedürftige Graf unter solchen Verhältnissen allen 
Versuchungen widerstanden hat, muß also mindestens 
fraglich bleiben. Allerdings geben die Tagebücher hier- 
über keinen direkten Aufschluß; allein dieselben wurden 
in Italien nicht mehr mit jenem Fleiß und jener Ge- 
wissenhaftigkeit geführt wie früher in Deutschland. Oft 
fehlen Wochen, ja Monate hindurch die Einträge, wäh- 
rend in Deutschland kaum einmal ein Tag in dieser 
Hinsicht eine Lücke zeigt. Auch dieser Umstand spricht 
nicht für absolute Enthaltsamkeit. Denn das Bedürfnis, 
sich dem Tagebuche mitzuteilen, wuchs bei Platen stets 
mit dem Mangel eines geliebten Objektes und minderte 
sich in dem Grade, als er sich in seinen Liebesangelegen- 
heiten versorgt sah. 

Wenn daher ein Schluß erlaubt ist, so darf man 
behaupten, daß in gedachter Zeit Platens Ergänzungs- 
bedürfnis befriedigt war. Unterstützt wird diese An- 
nahme durch die Tatsache, daß viele beschriebene Blätter 
aus dem Tagebuch von der Hand des Verfassers entfernt 
wurden, ehe er dasselbe seinem Vertrauten (in München) 
übergab, und zwar gerade solche Blätter, welche, wie 
durch das Vorausgehende und Nachfolgende des Textes 
wahrscheinlich wird, von intimeren Erlebnissen gemeldet 
haben müssen. Jedenfalls ist so viel richtig, daß die 
Sinnlichkeit zuletzt den Sieg behauptete, auch wenn dieser 
in nichts anderem erblickt werden soll, als daß Platen 
das Ubergewicht der Sinnlichkeit anerkannte und daß 
er den prinzipiellen Widerstand gegen dieselbe aufgab. 

Aber richtig ist leider auch die Tatsache, daß sich 
in Italien des Dichters Gesundheit, welche ohnehin 
keine kräftige war, keineswegs gebessert hat, und mit 
dieser Feststellung nähern wir uns der Betrachtung seines 



— 440 — 



letzten LebenBStadiums, sowie einem Überblick über die 
Eigenart seiner ganzen Erscheinung. 

Schon in Erlangen hatte er an Eongestionen in der 
Brust, an Magerkeit und besonders an Blutandrang nach 
dem Kopfe gelitten; in Italien stellten sich nun auch die 
Hämorrhoiden ein. Daß diese Übel in ursächlichem 
Zusammenhang mit seinem abnormen Geschlechtsgefühl 
standen, dürfte deshalb zweifellos sein, weil Platen sich 
gesundheitlich stets gehoben fühlte, sobald er die Dinge 
seines Herzens in Ordnung fand, daß sich dagegen augen- 
blicklich ein physisches Unbehagen seiner bemächtigte, 
wenn, wie es so oft der Fall war, das Gegenteil eintrat. 
Jedenfalls war in Deutschland sein Nervensystem 
gewaltsam erschüttert worden, und die Folgen 
machten sich gleich im Anfang des italienischen Aufent- 
haltes bemerkbar. Bald nach der Ankunft in Born 
erlitt er, am 3. März 1827, auf der Straße einen kon- 
vulsivischen Anfall, so daß er zu Boden stürzte. Damals, 
wie auch später, • wurde er längere Zeit aufs Kranken- 
lager geworfen. Während seiner letzteren Krankheit 
hatte man ihm wegen der Hämorrhoiden eine große An- 
zahl Blutegel gesetzt, wodurch ein bedenklicher Schwäche- 
zustand herbeigeführt wurde. Gleichzeitig entwickelte 
sich eine Drüsengeschwulst in den Weichen, „die bedeu- 
tend zu werden drohte. Die Geschwulst mußte aufgeschnitten 
werden und die Wunde heilte wochenlang nicht" 

Kein Wunder, daß der ohnehin zur Schwermut Ge- 
neigte auch in Italien einer grenzenlosen Melancholie 
verfiel. Von ernster Beschäftigung mit der Poesie konnte 
fürderhin nicht mehr die Rede sein, obschon von Deutsch- 
land her ehrende Aufforderungen erschollen. „Der Un- 
bekannte im Morgenblatt" — es war der Philosoph Feuer- 
bach — „hatte in dithyrambischen Versen die Erwartung 
ausgesprochen, daß der zu Großem berufene Dichter nun 
nach dem Vaierlande kommen und dort Großes leisten werde." 



— 441 — 



Platen antwortete hierauf in überschäumend pathetischen 
Trochäen : 

„Rufe nicht, da mich das deutsche Chaos würde bloß ermüden. 
Rufe nicht zurück den Dichter aus dem vielgeliebten Süden, 
Welcher, bis mich Frost und Älter lüstern macht nach eurem Vließe, 
über jedes meiner Worte Ströme von Musik ergieße! 
Immer mehr nach Süden laß mich meines Auges Wünsche richten, 
Und, genährt von Hyblahonig, auf des Ätna Gipfel dichten! 
Laß mich Odysseen erfinden, schweifend an Homers Gestaden! 
Bald, in voller Waffenrüstung, folgen ihnen Riaden" U. s. f. 

Die Odysseen und Iiiaden blieben aus. Nicht ein- 
mal ein größeres Drama, mit dem er besser als. mit 
seinem „Gläsernen Pantoffel" den Beruf zum drama- 
tischen Dichter bekundet hätte, brachte seine Feder mehr 
hervor. „Die Liga von Cambrai" kann hiefür nicht in 
Betracht kommen; außer einigen Festgesängen, Oden und 
Gelegenheitsgedichten entstanden nur noch nüchterne 
historische Abhandlungen, wie „Geschichten des König- 
reichs Neapel" (1831) sowie „Ursprung der Carraresen 
und ihrer Herrschaft in Parma. Historisches Fragment" 
(1833). 

Nach solchen Anfängen ein solches Ende! Was 
würde aus Platen geworden sein, wenn ihn nicht sein 
herzloses Vaterland verstoßen, wenn nicht die leiden- 
schaftliche und törichte Gehässigkeit den Homosexualen 
in die Fremde getrieben hätte! Nicht seine homosexuelle 
Veranlagung war Schuld, daß dem Dichter die höchsten 
Höhen des Parnaß versagt blieben, im Gegenteil, diese 
wirkte, wie sein ganzer Werdegang dartut, gerade als 
der mächtigste Hebel zum dichterischen Schaffen, und 
seine höchste Kunstvollendung manifestiert sich dort, wo 
seine Liebe zu den Freunden spricht 

Nun in Italien, auf der Höhe des Lebens, da er den 
Flug zu den Sternen unternehmen sollte, war seine 
geistige wie körperliche Spannkraft gelähmt. Todes- 



— 442 — 



ahnungen beschlichen ihn, so in Neapel, als er im 
Jahre 1831 seinen 35. Gebartstag beging. Eine Ruhe- 
losigkeit, die ihn von einem Orte zum anderen trieb, 
bemächtigte sich des Geängstigten. Nachdem er am 
1. Juli des gleichen Jahres das schöne Neapel verlassen, 
zog er beständig zwischen dem mittelländischen und 
adriatischen Meere umher, bald in Sorrent, bald in Siena, 
bald auf der Insel Palmaria, bald in Genua und Venedig 
sich aufhaltend. Kaum war er an einem ersehnten 
Punkte angelangt, so sehnte er sich nach einem anderen. 
Endlich auf dem Eiland Sizilien, wo er am 28. April des 
Jahres 1835 landete, hoffte er dauernde Buhe zu ge- 
winnen. Und so geschah es. Schon im Dezember darauf 
fand er in Syrakus jenen Schlaf, von dem es kein Er- 
wachen gibt 

Und welches sind die Gefühle, die sich uns am 
Grabe Platens, die sich uns am Schluß unserer Betrach- 
tung aufdrängen? 

Für uns handelt es sich nicht um den Verlust, den 
durch die Verbannung des Dichters und durch dessen 
frühzeitigen Tod die deutsche Literatur erlitten. Was 
hier in Betracht kommt, das ist von höherer Bedeutung, 
von Bedeutung für alle Zweige der Wissenschaft, für die 
ganze bürgerliche Gesellschaft. 

Man wird aus unserer Darstellung ein ganz eigen- 
artiges Seelenleben, eine in ihren Äußerungen durchaus 
abnorme Geschlechtspsyche kennen gelernt haben. 
Der Zustand dieser Geschlechtspsyche war ein habitueller. 
Abnorm war in Platen das Kind, der Knabe, der Jüngling 
und der Mann, der ganze Mensch bis ans Ende. Kein 
Zwang und keine Gewöhnung vermochte hierin Wandel 
zu schaffen. Mit aller Macht des Willens suchte Platen, 
wie wir gesehen haben, es den Anderen gleichzutun und 
insbesondere die Liebe zum Weibe in sich zu wecken; 
mit übermenschlicher Anstrengung, ja mit Grausamkeit, 



— 443 — 



bekämpfte er seine von der Gesellschaft verpönte, von der 
Religion und dem weltlichen Gesetz verurteilte Neigung, 
ohne etwas anderes zu erreichen als eine Schädigung 
seiner vitalsten Interessen. Immer wieder tritt die ur- 
eigene Natur hervor, die einen durchaus muliebren Cha- 
rakter trägt. Es muß auffallen, daß Platen bei seiner 
sonst so scharfen Selbstkritik diesen Umstand so lange 
nicht erkannte. Freilich unbewußt verzeichnet er aus 
allen Perioden seines Lebens solche Züge, welche auf 
weiblichem Empfinden beruhen und in Widerspruch mit 
seinem sonst so männlich ernsten Gebaren stehen. Er 
ahnte, nicht, daß das letztere bloß anempfunden war; 
in der Tat fiel er so oft aus der Rolle, als er sich im 
sicheren Besitz eines Geliebten wähnte. Abgesehen von 
jenem Epheukranz, den er in Würzburg eine Zeitlang 
öffentlich auf seinem Hute trug, hätte es ihm doch eigen- 
tümlich vorkommen müssen, wenn er Blumen, die mit 
irgend einem Freundschaftsbunde zusammenhingen, noch 
jahrelang aufbewahrte, auch wenn sie schon verwelkt 
waren, oder wenn er gar einem jungen Manne, einem 
burschikosen Studenten, wie Eduard Schmidtlein, ein 
Blumenbukett überreichte! Platen liebte wie ein 
Weib. Es zeigten sich hiebei genau jene Erschei- 
nungen, welche die verschiedenen Arten des Begehrens 
im weiblichen Geschlecht kennzeichnen. Wie sanfte 
Frauen sich zu besonders kraftvollen Männern hin- 
gezogen fühlen, so machten auf Platen Männer mit kräf- 
tigem Körperbau und energischem Gesichtsausdruck den 
mächtigsten Eindruck. Es entspricht dieser Umstand 
dem allgemeinen Naturgesetz der antipolaren Anziehung. 
Hiezu stimmt bei Platen auch ein Wunsch, der sich 
durch all seine Herzenssachen hindurchzieht: Er mochte 
nicht der handelnde, der die Initiative ergreifende Teil sein; 
er hoffte und wünschte, daß man ihm zuvorkomme, daß 
er es sei, der gesucht werde. Er sieht zwar ein, daß 



— -444 — 



dieses Hoffen und Wünschen vergeblich sei, und „Tor- 
heit" nennt er seine Liebe, nicht bloß deshalb, weil sie 
mit Bezug auf den Geliebten an unerfüllbare Bedingungen 
geknüpft war, sondern weil er in sich selbst den Mut 
nicht fand, rechtzeitig den nötigen Schritt zu einer 
Annäherung zu tun. Diese Schüchternheit suchte er in 
Gleichgültigkeit umzudeuten und er trug eine solche 
auch tatsächlich zur Schau, selbst in Stunden, wo er um 
ein freundliches Wort auf die Knie gefallen wäre. 

In dieser angenommenen Gleichgültigkeit liegt ein 
für das Gesamtbild Platens wichtiges Moment Sie hängt 
mit seinem unbeugsamen Stolz zusammen, der zum Teil 
ein Erbstück der Familie gewesen sein mag und jeden- 
falls durch Wort und Beispiel anerzogen war. In der 
normalen Liebe bildet der Stolz kein Hindernis, da er 
beim Manne zur Kitterlichkeit , beim Weibe zur be- 
strickenden Koketterie werden kann. In der homo- 
sexuellen Liebe aber, wo die Rollen verwechselt sind, 
erschwert der Stolz das Liebeswerben und hängt sich 
wie ein Bleigewicht an die Bemühungen, mit welchen 
der Liebende in den Besitz des Geliebten gelangen will. 
Dies hat sich bei Platen in der fühlbarsten Weise ge- 
zeigt. Allerdings war es durchaus nicht Adelsstolz, was 
ihn beherrschte; er ließ sich bekanntlich in der Wahl der 
Freunde nie von Standesrücksichten leiten und nahm sich 
überhaupt das Recht heraus, stets und in allen Dingen 
seine eigenen Wege zu gehen. Im Punkte der Ehre 
aber, und diese war sein Stolz, wollte er sich vor nie- 
mand, auch vor dem Geliebten nicht, bloßstellen. Und 
was gab es der Ehre mehr Widersprechendes als sich 
einem unbekannten Manne zu nähern, ihm Liebe anzu- 
bieten und dabei eine Ablehnung zu gewärtigen? 

Aus Platens verfeinertem Ehrbegriff erklärt es sich 
auch, daß er das sinnliche Element in seiner leidenschaft- 
lichen Liebe niederhielt und sich zur Motivierung dessen 



— 445 — 



das schemenhafte Ideal erfand, das in allen, namentlich 
seinen früheren Herzensgeschichten eine so störende 
Rolle spielt. Er umgab das Wesen seiner angebeteten 
Freunde mit einer Gloriole, die ihnen gar nicht zu Ge- 
sicht stand, und glaubte damit seiner Ehre Genüge ge- 
tan zu haben. Freilich wurde er nach solchen Versuchen 
stets bitter enttäuscht. Es stellten sich in den Freunden 
regelmäßig recht menschliche Charaktere heraus, wäh- 
rend seine Sittlichkeit, die er auf eine höhere Stufe ge- 
hoben wissen wollte, immer mehr auf ein rein mensch- 
liches und natürliches Empfinden zurücksank. Und weit 
entfernt, daß es ihm gelungen wäre, seine Neigung vor 
der ihn umgebenden Gesellschaft zu verbergen, mußte er 
es erleben, daß ihm um ihretwegen die schimpflichsten 
Unbilden angetan wurden. 

Ein noch größeres Unrecht aber tat sich Platen 
selbst an. 

Es ist das Tragische im Leben eines jeden Homo- 
sexualen, daß er, überzeugt, einem unwiderstehlichen 
Triebe zu folgen, von der Welt diesen Trieb als un- 
natürlich gebrandmarkt sieht und sich zuletzt, Einer 
gegen Alle, von dieser Ansicht selbst gefangen nehmen 
läßt. „Er erkennt weder Ursprung noch Zweck seiner 
heiligen Neigung. Ohne sie verbrecherisch zu finden, nimmt 
er sie auf Treu und Glauben der Welt für verbreche- 
risch. Was Gebot der seelischen Natur ist, erfüllt ihn mit 
abergläubischem Entsetzen als Erscheinung einer ungeheuren, 
verruchten Unnatürlichkeit. Er bekämpft den Trieb und er- 
höht eben durch den Kampf die erste, ruhige Neigung zur 
— allzerbrechenden Leidenschaft. Der wilde Widerspruch 
seines inneren Wesens zerstört sein Inneres. Er verabscheut 
sich und die Natu/r und verabscheut darum die Welt, mit 
deren Leben er in unaussöhnbarem Widerspruch lebt." 

Diese Sätze Zschokkes treffen mit der wunderbaren 
Harmonie der Wahrheit in jedem ihrer Worte auf Platen 



— 446 — 



zu. Wenn Zschokke Platens Tagebuch gekannt hätte, 
würden sie gewiß nicht anders gelautet haben. Platen 
wußte wohl, wie die „Gesellschaft" von der Männerliebe 
dachte. Schon in seiner Garnison München, als er selbst 
über sittenloses Leben der damaligen Offiziere, ihren 
Besuch von Bordellen usw. zu klagen hatte, hörte er, 
daß es für einen Mann nichts Schimpflicheres geben 
könne, als der Liebe zu Männern zu „huldigen". Kein 
Wunder, daß er sich bei seinem subtilen Ehrgefühl 
diesem Urteil auf Kosten der Wahrheit unterwarf und 
es sich mehr zu Herzen nahm, als mit seiner seelischen 
und körperlichen Gesundheit vereinbar war. Ja, während 
er auf alle übrigen Urteile seiner Kameraden so viel wie 
nichts gab, legte er auf dieses allein noch Gewicht So 
wurde er, der immer auf die Reinheit seiner Absichten 
bedacht war, an sich selbst irre. Er vernachlässigte 
allen geselligen Umgang und verfiel in eine tiefe Schwer- 
mut, die allmählich in einen Zustand der Verzweiflung 
überging. So ruft er aus: „Zerschmettere mich denn, 
Gott, oder wie Du Dich nennen magst, wo oder wenn 
Du bist, nachdem Du mich schimpflich um mein 
ganzes Dasein betrogen!" Den Glauben an Gott, an 
dem er in früher Jugend einen Halt gefanden, hatte er 
verloren. Dafür verfiel er, der sonst mit so herrlichen 
Gaben des Verstandes Begabte, auf den Glauben an die 
Kabbala und trieb Zahlenmystik. Es war der Strohhalm 
des Ertrinkenden! — 

Wir begreifen, daß der normale Mann, der von 
Homosexualität nichts weiß, sich mit Widerwillen von 
einem solchen Elend abwendet. Aber Keiner, der nun- 
mehr den wahren Tatbestand kennen gelernt, wird gegen- 
über dem Lebensbild des Grafen Platen eine andere 
Empfindung als die des tiefsten Mitleids haben können, 
und jeder Kundige muß gegenüber der öffentlichen Mei- 
nung von höchster Entrüstung ergriffen werden. Sie, die 



— 447 — 



öffentliche Meinung, und nicht der Homosexuale, 
ist an jenem entsetzlichen Geschlechtselend 
schuld. Ließe man den Homosexualen leben und 
leiden, wie einen anderen Menschen, so würde er sich 
in seiner Art entwickeln und — vielleicht andere, gewiß 
aber — nicht schlechtere Früchte hervorbringen als der 
mit normaler Geschlechtsnatur Begnadete. Ehre ist das 
Lebenselement des Menschen, ist die Luft, die er atmet, ist 
der Boden, auf dem er steht, und diese notwendigen Vor- 
aussetzungen werden von dem normalen Gesellschaftskörper 
dem Homosexualen beharrlich versagt. Kein Wunder, 
wenn ein mit noch so herrlichen Gaben ausgestatteter 
Mensch unter diesen Umständen verkümmert und schließ- 
lich der Verzweiflung in die Hände fällt. Möge eine 
bessere Zeit es sich zur Pflicht machen, daß ein auf Un- 
verstand beruhendes Vorurteil falle und die Wahrheit 
auch in einer von der Natur weniger begünstigten 
Menschenklasse zu ihrem Becht gelange. 



Zwei Frauen 

der persönlichen Bekanntschaft 
des Herausgebers. 



Die 

Bibliographie der Homosexualität 

für das Jahr 1903. 

Von 

Dr. jur. Numa Praetorius. 



Jahrbuch VI. 



29 



Inhaltsangabe. 



Teil I. 

Homosexuelle Schriften mit Ausnahme der Belletristik. 

Kapitel I. 

Homosexualität und Angeborensein. 

Anonym, Der Fall Krupp. (München, Birk & Co.) 
Anonym, Die wichtigste Strafrechtsreform. (Im Alb-Boten vom 
21. November.) 

Anonym, Der Chevalier d'Eon. (In der Leipziger Volkszeitung 
vom 21. November.) 

Auer, Soziales Strafrecht. (München, Beck.) 

Bolgar, Zur homosexuellen Frage in Deutschland. (In der Ärzt- 
lichen Zentralzeitung, Nr. 35, 36.) 

Carpenter, Wenu die Menschen reif zur Liebe werden. (Deutsch, 
Leipzig, Seemanns Nachf.) 

Duviquet, H&iogabale. (Paris, Sociäte" du Mercure de France.) 

Fischer, Hans, Homosexualität eine physiologische Erscheinung? 
(Berlin, Gnadenfeld & Co.) 

Schneickert, Besprechung der Schrift von Fischer. (In Groß' 
Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalistik, Bd. XIII, 
Heft 1 und 2.) 

Fleischmann, Ungeahnte Verbrechen. (München, Fleischmann.) 
Fleischmann, Der Fall Krupp und der Caprese. (München, 
Fleischmann.) 

Fleischmann, Der Seelenforscher. (Psychologisch-erosophische 
Zeitschrift.) 

Friedlaender, Der Untergang des Eros im Mittelalter und seine 
Ursachen. (In der Juli-Nummer von Brands „Eigenem".) 

29* 



— 452 — 



Fuchs, Hanns, Richard Wagner and die Homosexualität (Berlin, 
Barsdorf.) 

Gaulke, Das mann weibliche Moment in der Kunst in religiöser 
Beleuchtung. (In der „Gegenwart" vom 13. Februar.) 

Gerling, Das Geschlecht. (Beilage zur Zeitschrift „Neue Heil- 
kunst".) 

Gley, Les aberrations de l'instinct sexuel. (In Etudes de Psycho- 
logie physiologique et pathologique, Paris, Alcan.) 

Groß, Besprechung der Jahrbücher Bd. IV und V. (Im Archiv 
für Kriminal -Anthropologie und Kriminalistik, Bd. XIV, 
Nr. 3, 4.) 

Grundmann, Wer ist der Mörder? Das Verbrechen des Sadisten 

Dippold. (Pöseneck, Schneiders Nachfolger.) 
Hafner, Unzucht (Wien. Verlag des Don Quixote.) 
Hermann, Libido und Mania (Leipzig, Strauch.) 
Hirschfeld, Das urnische Kind. (In der Wiener Med. Presse, 

Nr. 39 und 40, und der Zeitschrift für Kindererforschung: 

„Die Kinderfehler", Nr. 2.) 
Hoy, Senna, Das dritte Geschlecht. (Selbstverlag, Berlin.) 
Kurnig, Der Neo- Nihilismus, Antimilitarismus, Sexualleben. 

(Leipzig, 1901, Spohr.) 
La Cara, La base organica dei pervertimenti sessuali e la loro 

profilassi sociale. (Torino.)' 
Leuß, Aus dem Zuchthause. Verbrecher und Strafrechtspflege. 

(Berlin, Johannes Räde.) 
Lombroso, La psychologia di una uxoricida tribade. (In Archivio 

di psychiatria ed scienze penale, fasc. I— II, 1903.) 
Löwenfeld, Sexualleben und Nervenleiden. 3. vermehrte Aufl. 

(Wiesbaden, Bergmann.) 
Möbius, Geschlecht und Entartung. (Halle, Marhold.) 
Mühsam, Die Homosexualität. (Berlin, Lilienthal.) 
Näcke, Forensisch-psychiatrisch-psychologische Randglossen zum 

Falle Dippold, insbesondere über Sadismus. (In Groß' Archiv 

für Kriminal- Anthropologie u. Kriminalistik, Bd. XIII, Heft 4.) 
Näcke, Das dritte Geschlecht. (In der Politisch-Anthropologischen 

Revue, Jahrgang 2, Heft 4.) 
Pitres et R6gis, Les obsessions et les impulsions. (Paris, 1902, 

Dorn.) 

Rau, Liebesfreiheit. (Oranienburg, Orania- Verlag.) 
Rau, Der Geschlechtstrieb und seine Verirrungen. (Berlin, Stei- 
nitz.) 

Rau, Grillparzer und sein Liebesleben. (Berlin, Barsdorf.) 



— 453 — 



Poppenberg, Grillparzers Inferno. (In der Neuen Deutschen 
Bundschau, Oktoberheft.) 

Schneid t, Die Hundertfünfundsiebziger. (In der Welt am Mon- 
tag vom 4. Januar.) Ragout fin. (In der gleichen Zeitung 
vom 11. Januar 1904.) 

Sherard, Oskar Wilde. (Minden, Bruns' Verlag. Deutsch von 
Freiherr von Teschenberg.) 

Sper, Capri und die Homosexuellen. (Oranienburg, Orania- Verlag.) 

Tarnowsky, L'instinct sexuel et ses manifestations en double 
point de vue de la jurisprudence et de la psychiatrie. (Fran- 
zösische Übersetzung, Paris, 1904, Carrington.) 

Taruffi, Hermaphrodismus und Zeugungsunfähigkeit. (Berlin, 
Barsdorf.) 

Weininger, Geschlecht und Charakter. (Wien und Leipzig, 
Braumüller.) 

Möbius, Geschlecht und Unbescheidenheit. (Halle, Marhold.) 
West, Homosexuelle Probleme. (Berlin, Messer & Co.) 
Wilhelm, Ein Fall von Homosexualität (Androgynie). (In Groß 1 

Archiv für Kriminal- Anthropologie u. Kriminalistik, Bd. XIV, 

Heft 1 und 2.) 

Kapitel II. 

Die neueste Eichtling. 

Bab, Die gleichgeschlechtliche Liebe (Lieblingminne). (Berlin, 
Schildberger.) 

Bab, Frauenbewegung und männliche Kultur. (Im „Eigenen" von 
Brand, Juli-Nummer.) 

Gotamo, In die Zukunft. (Im „Eigenen" von Brand, Januar- 
Nummer.) 

Mayer, Eduard v., Männliche Kultur. Ein Stück Zukunfts- 
musik. (Im „Eigenen" von Brand, Januar-Nummer.) 

Kapitel HI. 
Homosexualität und Erwerbung. 

Caufeynon, La Päderastie. (Paris, Nouvelle librairie mädicale.) 
Dühren, Das Geschlechtsleben in England. Bd. in. (Berlin, 
Lilienthal.) 

Fuchs, Dr. Alfred, Zwei Fälle von sexuell er Paradoxie. (In den 
Jahrbüchern für Psychiatrie und Neurologie, Bd. XXIII, 
Heft 1 und 2.) 



— 454 — 



Gourmont, Physique de l'amour. (Paris, Soci6t6 du Mercure de 
France.) 

Jully, Perverser Sexualtrieb und Sittlichkeitsverbrechen. (Vor- 
trag, abgedruckt im Klinischen Jahrbuch, Bd. XI, Heft 1, 
Jena, Fischer.) 

Krticzka, Ein an Sadismus grenzender Fall. (In Groß 1 Archiv 
für Kriminal- Anthropologie und Kriminalistik, Bd. XIV, 
Nr. 1 und 2.) 

Melchers, Was soll das Volk vom dritten Geschlecht wissen? 
Auch # eine Aufklärungsschrift, herausgegeben gegen das 
Wissenschaftlich- Humanitäre Körnitz. (Flugblatt 3 des Or- 
dens für Regeneration.) 

Pelman, Strafrecht und verminderte Zurechnungsfähigkeit. (In 
der Politisch-Anthropologischen Revue, April-Nummer.) 

Puppe, Über larvierte sexuelle Perversität. (In der Ärztlichen 
Sachverständigen-Zeitung, Nr. 24, 1902.) 

Stern, Medizin, Aberglaube und Geschlechtsleben in der Türkei. 
(Berlin, Barsdorf.) 

Salgo, Die sexuellen Perversitäten vom psychiatrischen und 
forensischen Gesichtspunkt. (Vortrag, abgedruckt in der 
Pester Medizinisch- Chirurgischen Presse, Nr. 1, Januar 1903.) 

Schrenck-Notzing, Beiträge zur forensischen Beurteilung von 
Sittlichkeitsvergehen mit besonderer Berücksichtigung der 
Pathogenese psycho - sexueller Anomalien. (In Kriminal- 
psychologische und psychopathologische Studien. Leipzig, 
1902, Barth.) 

Spassoff, Contribution a l'etude de Tinstinct sexuel et de ses 
transformations dans les maladies mentales. (Toulouse, 1901.) 

Kapitel IV. 
Die Anhänger der Strafe. 

Anderson, Wider das dritte Geschlecht. (Berlin, 1903, Ber- 
mühler.) 

Quant er, Wider das dritte Geschlecht. (Berlin, 1904, Bermühler.) 

Fischer, Wilhelm, Die Prostitution, ihre Geschichte und ihre 
Beziehungen zum Verbrechen und die kriminellen Aus- 
artungen des modernen Geschlechtslebens. (Stuttgart, Leipzig, * 
Daser.) 

Gerland, Besprechung des Buches von Köhler, „Reformfragen des 
Strafrechts". (Im „Gerichtssaal", Bd. LXIII, Heft 1.) 



— 455 — 



Köhler, Reformfragen des Strafrechts. (München, Becksche Ver- 
lagsbuchhandlung.) 

Kuhlenbeck, Das Strafrecht als soziales Organ der natür- 
lichen Auslese. (In der Politisch- Anthropologischen Revue, 
Januar 1903.) 

Wüst, 1. Das dritte Geschlecht. 

2. Die Rede von Wüst über die Homosexualität, gehalten 
in der Halbjahresversammlung des Wissenschaftlich- 
Humanitären Komites. 

3. Die sexuellen Perversitäten in Deutschland. 

4. Herren und Ludewigs, Damen und Dirnen. 

(In den Nummern 10, 14, 17 und 23 der Zeitschrift 
Aristokratissimus.) 

Anhang zu Kapitel IV. 

Brunner, Abgrenzung der Übertretung gegen die öffentliche 
Sicherheit von dem Verbrechen der Unzucht wider die Natur 
zwischen Personen des gleichen Geschlechts. Entscheidung 
des Kassationshofs in Wien. (Im „Gerichtssaal", Bd. XLIII.) 

Reichsgerichtsentscheidung, Bd. XXXVI, Nr. 13, Was ist 
unter beisch laiähnlichem Akt zu verstehen? 

Kapitel V. 

Der Geschlechtstrieb an und für sich. (Ohne Berück- 
sichtigung der Homosexualität.) 

Elberskirchen, Die Sexualempfindung bei Weib und Mann. 
(Leipzig, Magazin- Verlag.) 

Ellis, Das Geschlechtsgefühl. (Deutsche Übersetzung. Würz- 
burg, Stüber.) 

Jastrowitz, Einiges über das Physiologische und über die außer- 
gewöhnlichen Handlungen im Liebesleben der Menschen. 
(Leipzig, Thieme.) 



Teil II. 
Belletristik. 

Der Eigene, Ein Blatt für männliche Kultur, Kunst und Lite- 
ratur. Herausgeber Adolf Brand. (Januar — Juli 1903.) 

Demolder, Le jardinier de la Pompadour. (Soci&e du Mercure 
de France.) 



Fazy, La nouvelle Sodome. (Paris, Edition moderne.) 

Fuchs, Hanns, Ciaire. (Berlin, Barsdorf.) 

Grün-Leschkirch, Lieder eines Einsamen. (Leipzig, Spohr.) 

Heller, Die Spiegel. (In der Freistatt, Nr. 44, 1902.) 

La Hire, L'Enfer du soldat. (Paris, 1902, Offenstadt) 

Ho che, Le vice mortel. (Paris, Librairie Illustr6e.) 

Ho che, La Carriere de Lucette. (Paris, Librairie Rlustree.) 

Janitschek, Mimikry. (Leipzig, Seemanns Nachfl.) 

Lepage, Les fausses vierges. (Paris, 1902, Offenstadt) 

Lorrain, Le vice errant. (Paris, 1902, Ollendorf.) 

Molza, Rodolfo de Florence. (In Oeuvres galantes des conteurs 
italiens, XIV, XV et XVI siecles. Französische Über- 
setzung von Bever et Sansot Orland.) 

Morel, Sappho de Lesbos. (Paris, Perrin & Co.) 

Ryner, La fille manquee. (Paris, Genonceaux & Co.) 

Siegfried, Freundesminne. (Druck Reich ar dt, Groitzsch.) 

Stadler, Die Freundinnen. (Im Magazin für Literatur, 2. Februar- 
Nummer 1904.) 

Stangen, Antinouslieder; mit Anhang: Die Insel der Seligen. 
(Zürich, Cäsar Schmidt.) 



Wedekind, Mine-Saha oder über die körperliche Erziehung der 

jungen Mädchen. (München, Langen.) 
Willy, Claudine s'en va. (Paris, Ollendorf.) 
Beyerlein, Jena oder Sedan? (Berlin, Vita.) 




(Beide Lemerre, Paris.) 



Teil III. 



Besprechungen. 1. Des Jahrbuchs. 



2. Des „Urnischen Menschen" von Dr. Hirsch- 



feld. 



Teil' I. 1 ) 

Homosexuelle Schriften mit Ausnahme 
der Belletristik. 

Kapitel I. 

Homosexualität und Angeborensein. 2 ) 

Anonym, Der Fall Krapp. Sein Verlauf und seine 
Folgen. Eine Tatsachensammlung. München, Druck 
und Verlag von G. Birk & Co., 50 Pf. 

Der erste Teil der Schrift: „Die Homosexualität und der 
§ 175" gibt zunächst eine Erläuterung von dem Wesen der Homo- 
sexualität. Erörterung der Begriffe „natürlich" und „widernatür- 



*) In dem I. Teil sind drei in den früheren Bibliographien 
fehlende Schriften aus dem Jahre 1902, zwei aus dem Jahre 1901, • 
in dem IL vier aus dem Jahre 1902 aufgenommen. Die Jahres- 
sahl ist jedesmal beigefügt. Die übrigen Schriften sind im Jahre 
1903 veröffentlicht 

*) Die Titel von Kapitel I und II passen nicht genau für 
alle in den beiden Kapiteln besprochenen Schriften. Sie wurden 
gewählt, da eine bessere Kollektivcharakterisierung nicht möglich er- 
schien. Von den Schriften, welche ein Angeboren- und Erworben- 
sein der Homosexualität annehmen, wurden unter Kapitel I diejenigen 
rubriziert, welche wenigstens häufiges oder oftmaliges Angeboren- 
sein anerkennen. Diejenigen Schriften, welche überhaupt die Frage 
der Entstehungsart der Homosexualität nicht berühren, wurden, je 
nachdem sie mehr zu den neueren oder mehr zu den älteren An- 
schauungen über Homosexualität neigen, unter Kapitel I oder 
Kapitel II klassifiziert. 



— 458 — 



lieh" in ihrer Anwendung auf den Geschlechtsverkehr. Trotzdem 
auch im Verkehr zwischen Mann and Frau viele Handlungen 
nicht der Fortpflanzung dienten, habe man die Begriffe „wider- 
natürlich" und „pervers" nur für den homosexuellen Verkehr auf- 
gespart. Aus dieser Anschauung heraus sei der § 175 entstanden. 
Widerlegung einer Anzahl früherer Irrtümer über die Homo- 
sexualität und die angeblichen Krankheiten als Folgen des gleich- 
geschlechtlichen Verkehrs. 

Erwähnung der von der Polizei der Großstädte geführten 
Listen über die bekannten Homosexuellen, um sie vor der Ver- 
folgung durch Erpresser zu schützen, sowie über die männlichen 
Prostituierten zwecks ihrer Überwachung. Die Homosexualität 
sei eine namentlich in den vornehmen Schichten der Bevölkerung 
verbreitete Krankheit; Verwandtenehe, geschlechtliche Erkran- 
kungen, Alkoholismus, nervöse Überreizung seien der beste Nähr- 
boden. Eine überlebte Gesellschaft erzeuge Krankheiten aus sich 
heraus. 

In dieser Erklärung zeigt sich das Bestreben, auch 
die Erscheinung der Homosexualität von den sozia- 
listischen Theorien aus zu deuten. Es wird jedoch 
übersehen, daß die Homosexualität im Volke ebenso ver- 
breitet ist, wie in vornehmen Kreisen. 

Verfasser führt des weiteren aus: Auch die Militärbehörde 
könnte überraschende Enthüllungen machen. In vielen Fällen habe 
man homosexuelle Offiziere aus der Armee entfernt, in durchaus 
schonender Weise, ohne jeden Eklat, ohne Erhebung einer Anklage. 
Es läge hier wieder einer jener merkwürdigen Fälle vor, in denen 
sich die Militärbehörden aufgeklärter als die Zivilbehörden er- 
wiesen. Die Unhaltbarkeit des § 175 wird scharf hervorgehoben. 
Es wird hingewiesen auf die korrumpierenden Denunziationen, die 
er veranlasse, auf die widerspruchsvolle und spitzfindige Aus- 
legung, auf die Tatsache, daß Pädikation zwischen Mann und 
Frau straflos sei. Von einem Schutz der allgemeinen Moral und 
Sittlichkeit durch den § 175 könne keine Rede sein. 

Die Abschaffung des § 175 müsse gefordert werden, weil 
dies Gesetz ein schweres Unrecht gegen eine große Anzahl ehr- 
barer Menschen bedeute. Er sei mit den Anschauungen der 
Wissenschaft nicht mehr in Einklang zu bringen. 

Infolge der allgemein herrschenden geschlechtlichen Heuchelei 



— 459 — 



habe sich bis heute die bürgerliche Presse wenig oder gar nicht 
an der Agitation für die Abschaffung des § 175 beteiligt, obgleich 
gerade der Adelsstand und die Bourgeoisie allen Grund hätten, 
sich von einem Gesetz zu befreien, das vor allem Angehörige 
ihres Standes träfe. Die Sozialisten hätten fast nur ein recht- 
liches Interesse an diesen „pikanten" Geschichten, nämlich, daß 
Kranke nicht als Verbrecher verfolgt würden und daß ein be- 
stehendes Gesetz entweder gegen alle gleichmäßig angewandt oder 
aber aufgehoben werde. Diese Motive hätten den „Vorwärts" ver- 
anlaßt, den Fall Krupp zur Sprache zu bringen. Die bürgerliche 
Presse hätte die Verpflichtung gehabt, selbst objektiv an die 
Prüfung des Falles heranzutreten, anstatt ein Kesseltreiben gegen 
den „Vorwärts" zu inszenieren. Kein bürgerliches Blatt habe 
sich getraut, auszusprechen, daß die Homosexualität kein Ver- 
brechen, daß der Vorwurf anormalen Geschlechtsempfindens keine 
Schande sei. 

Auf den theoretischen Teil über die Homosexualität folgt 
eine Darstellung des Falles Krupp. Neues über die behauptete 
Homosexualität Krupps findet sich in diesem Teile nicht. An- 
gesichts der Besprechung des Falles Krupp im vorjährigen Jahres- 
bericht durch Dr. Hirschfeld erübrigt sich daher eine Inhalts- 
angabe. Die Schrift bemüht sich, nachzuweisen, daß der Vor- 
wärtsartikel lediglich aus lauteren Motiven, nämlich um die 
Ungerechtigkeit des § 175 zu geißeln, erschienen und daß der 
„ Vorwärts'* zu seiner Veröffentlichung geradezu gezwungen ge- 
wesen sei. Gewöhnlich mache die sozialdemokratische Partei von 
dem ihr in Fülle zugehenden Anklagematerial über Privatpersonen 
nur einen sehr bescheidenen Gebrauch. Gerade in Bezug auf 
Verstöße gegen § 175 aber liefen bei den sozialdemokratischen 
Abgeordneten wie bei der sozialdemokratischen Presse fast täg- 
lich Mitteilungen über Männer in Amt und Würden ein, ohne 
daß bisher auch nur eine einzige Indiskretion darüber bekannt 
geworden wäre. So sei auch der „Vorwärts" erst an den Fall 
Krupp herangetreten, als es nichts mehr zu verschweigen gegeben, 
als von den verschiedensten Seiten auf eine Behandlung der An- 
gelegenheit gedrungen worden sei und dieses Drängen sich schon 
in dem Vorwurf geäußert habe, man wolle allem Anschein nach 
den ganzen Fall vertuschen. 

Es ist anzuerkennen, daß die sozialdemokratische 
Partei bisher überhaupt die einzige politische Partei 
ist, welche als solche sich vorurteilsfrei mit der homo- 



— 460 — 



sexuellen Frage beschäftigt und eine Reform des § 175 
gefordert hat. 

Den Kruppartikel jedoch halte ich, vom unparteiischen 
Standpunkt aus betrachtet, nicht für ein wandsfrei, da 
Handlungen Krupps aus seinem Privatleben, welche die 
Allgemeinheit nicht schädigten, an die breite Öffentlich- 
keit gezogen und Krupp durch die Veröffentlichung in 
Deutschland unnötigerweise gebrandmarkt wurde. Auch 
bin ich der Ansicht, daß es sich dem „Vorwärts" nicht 
allein um den Nachweis der Notwendigkeit, den § 175 auf- 
zuheben, handelte, sondern daß auch ein parteipolitischer 
Zweck — Bloßstellung eines Hauptvertreters des Kapi- 
talismus — mitspielte, worauf Form und Inhalt des 
Artikels deuteten. Allerdings will ich gern anerkennen, 
daß die Versuchung, die Gerüchte der italienischen 
Zeitungen zu veröffentlichen, eine sehr starke war und 
daß der „Vorwärts" jedenfalls den Sturm der Entrüstung 
nicht verdiente, mit dem die Zeitungen der anderen 
Parteien das sozialdemokratische Organ überschüttet 
habep, 

Das, was der „Vorwärts" gegenüber Krupp gefehlt, 
hätten sicherlich Zeitungen anderer Richtungen, nament- 
lich der konservativen und klerikalen, sozialdemokra- 
tischen Führern gegenüber ebenfalls getan, nur mit dem 
Unterschiede, daß sie kaum so lange gewartet hätten 
wie der „Vorwärts", um mit offenen Anschuldigungen, 
die in auswärtigen Blättern zu lesen gewesen wären, 
hervorzutreten. Man setze nur den Fall, Bebel oder 
Singer hätten mit jungen Leuten in einer den Verdacht 
der Homosexualität erregenden Weise verkehrt und würden 
im Auslande allgemein als Homosexuelle gelten. Würden 
nicht die Zentrumsblätter und die feudalen Zeitungen 
die sozialdemokratischen Führer an den Pranger stellen 
und als die lebendigen Beispiele für die Wirkungen ihrer 
Lehren geißeln? 



— 461 — 



Anonym, Die wichtigste Strafrechtsreform, im Alb- 
Boten, Münsingen, vom 21. November 1903. 

Warme Befürwortung der Beseitigung des § 175, die aus 
juristischen, wissenschaftlichen und menschlichen Gründen geboten 
sei. Der § 175 sei ein ungerechtes Ausnahmegesetz. Diejenigen, 
welche für die Aufhebung arbeiteten, kämpften für und nicht 
gegen die Sittlichkeit. Die Homosexuellen seien den Normalen 
gleichzuwerten. Die Homosexualität sei eine notwendige Über- 
gangsbtufe zwischen den Geschlechtern. Das Recht der freien 
Selbstbestimmung, das man gewöhnlich für jedermann verlange, 
müsse auch den Homosexuellen für ihre in gegenseitiger Ein- 
willigung vorgenommenen geschlechtlichen Handlungen zuerkannt 
werden. 

Anonym, Der Chevalier d'Eon, in der Leipziger Volks- 
zeitung vom 21. November 1903. 

Die Petition wird als vollauf begründet anerkannt; bei § 175 
müsse allerdings der hartnäckige Widerstand der Geistlichkeit und 
der zünftigen Juristen überwunden werden. — Hierauf Besprechung 
des bekannten Chevalier d'Eon und seines Lebens nach dem 
Jahrbuch. 

Auer, Fritz, Soziales Strafrecht. Ein Prolog zur Straf- 
rechtsreform. München, 1903, Becksche Verlags- 
buchhandlung. 

In diesem, von warmem sozialen Geist und modernen An- 
schauungen erfüllten Schriftchen wird auch die Abschaffung des 
§ 175 empfohlen, der die schwärzeste Ecke des Strafgesetzes bilde. 
Aus blindem Fanatismus und Unverständnis für die traurigen, in 
den allermeisten Fällen krankhaften Verirrungen des sexuellen 
Lebens heraus geboren, richte der § 175 infolge des unfehlbar 
mit ihm verbundenen Erpressertums namenloses wirtschaftliches 
und gesellschaftliches Unheil an, ohne zum Schutz eines Hechtes 
notwendig zu. sein. Gegen gewerbsmäßige männliche Unzucht 
könne, wenn dies Gewerbe zur öffentlichen Gefahr werde, die 
Strafvorschrift gegen die weibliche Prostitution (§ 366 6 ) angewendet 
werden. 



— 462 — 



Bolgar, Dr. Georg, Zar homosexuellen Frage in 
Deutschland, in der Ärztlichen Zentralzeitung, Nr. 35 
nnd 36. 

Bemerkungen über das besondere Hervortreten der Homo- 
sexualität in Berlin (homosexuelle Restaurants, Bäder, Prostitution). 
— Bericht über eine der Halbjahresversammlungen des Komites. 
In der Diskussion habe es ein Gegner der Anschauungen Hirsch- 
felds durch seine gehässige Aggressivität bei absoluter Ignoranz 
des Themas in der sonst wohlgeschulten, gut disziplinierten Ver- 
sammlung so weit getrieben, daß ihm schließlich das Wort habe 
entzogen werden müssen. 

Sowohl auf Seiten der Homosexuellen als der Heterosexuellen, 
meint Bolgar, müsse aufgeklärt werden. Die Homosexuellen 
müßten zur Ansicht gelangen, daß ihr Zustand eine Abnormität, 
in vielen Fällen eine Krankheit des Geechlechtszentrums, darstelle. 
Freilich, noch mehr müsse der Allgemeinheit, die durch ihre An- 
schauungen und die dadurch hervorgerufenen Gesetze hunderte 
und tausende von Homosexuellen gesellschaftlich, körperlich und 
geistig ruiniert habe, begreiflich gemacht werden, daß es sich hier 
zumeist um Unglückliche, nicht aber um Wüstlinge oder Ver- 
brecher handle. Jedenfalls sei es eine Ungerechtigkeit, die Homo- 
sexuellen einzusperren, während man zahllose Lumpen von ge- 
wissenlosen , aber sexuell normalen Lebemännern ruhig und 
straflos ihre Syphilis, ihre Ulcera, ihre Gonorrhoe auf dem 
vaginalen Wege weiter verbreiten und unberechenbares Unglück 
anrichten lasse. Auch sei es gewiß grundfalsch, Homosexuellen 
Perversitäten besonders vorzuwerfen, wo doch in der normalen 
Liebe Perversitäten in Hülle und Fülle vorkämen und als 
„Geschmacksdifferenzen" nicht nur stillschweigend geduldet und 
straflos gelassen, sondern womöglich noch als „hohe Schule 
der Liebe" proklamiert würden. Hier sei es Pflicht der popu- 
lären medizinischen Wissenschaft, aufzuklären, denn daß bei 
der großen Verbreitung der Homosexualität unter der germa- 
nischen , sowie der jüdischen Rasse , weniger unter Slaven 
und Bomanen, eine homosexuelle Frage wirklich und nicht nur 
in den Köpfen einiger Psychiater existiere und daß die jetzige 
Gesetzgebung nach dieser Seite hin veraltete, im Widerspruch 
zum heutigen Stande der Wissenschaft stehende Härten auf- 
weise, könne nur jemand leugnen, der nichts sehe oder nichts 
sehen wolle. 



— 463 — 



Carpenter, Edward, Wenn die Mensehen reif zur 
Liebe werden. Eine Reihe von Aufsätzen über das 
Verhältnis der beiden Geschlechter. Übersetzt von Carl 
Federn. Leipzig, Hermann Seemanns Nachfg. 

Carpenter deckt die vielen Unklarheiten und die große 
Heuchelei in den Beziehungen der beiden Geschlechter auf und 
erörtert die Möglichkeit einer gesunderen und besseren Entwicke- 
lung der Geschlechtsverhältnisse. Das homosexuelle Problem ist 
in diesen von idealem Ernst erfüllten Aufsätzen nicht berührt, 
Carpenter hat es an anderer Stelle ausführlich und sehr schön 
behandelt (in der Broschüre „Die homogene Liebe und ihre Be- 
deutung in der freien Gesellschaft", deutsch in Leipzig bei Spohr). 
Nur einmal (S. 234) erwähnt er die Homosexualität: 

Als eine der großen Schwierigkeiten, die einer allgemeinen 
Verständigung über sexuelle Fragen im Wege ständen, bezeichnet 
Carpenter die außerordentliche Verschiedenheit der Empfindungs- 
weise und des Temperaments. So z. B. vermöge ein Mann von 
Welt einen Asketen kaum zu verstehen und jedenfalls nicht mit 
ihm zu sympathisieren. Der Durchschnittsmann und das Durch- 
schnittsweib träten an die große Leidenschaft von ganz verschie- 
denen Seiten heran und mißverständen einander infolgedessen 
unaufhörlich. Und diese beiden großen Klassen des Menschen- 
geschlechts wären wieder außer Stande, jene andere scharf um- 
rissene Klasse von Menschen zu verstehen, deren Liebesneigungen 
von Geburt an nur dem eigenen Geschlecht gälten, ja sie wollten 
die Existenz einer solchen Gattung von Menschen kaum an- 
erkennen, obgleich sie tatsächlich eine große und wichtige Gruppe 
in allen Schichten der Gesellschaft darstelle. Alle diese Ver- 
schiedenheiten seien bisher so wenig der Gegenstand unvorein- 
genommener Forschung gewesen, daß wir uns in einem ganz 
erstaunlichen Grad darüber im Dunkel befänden. 

Duviquet, Georges, H61iogabale. Racontä par les histo- 
riens grecs et latins. Pröface de Remy de Grour- 
mont 9 Paris, 1903, Soci6t6 du Mercure de France. 
Dix-huit gravures d' apres les monuments originaux. 

Sämtliche über Heliogabal vorhandenen Quellen in französi- 
scher Übersetzung, nebst Besprechung der Gold- und Denkmünzen, 



— 464 — 



sowie der Inschriften und Bilderbeschreibungen, die auf Helio- 
gabal Bezug haben. Am Schluß eine Bibliographie von Werken 
über Heliogabal. In dieser fehlt auffalligerweise der schöne Auf- 
satz von Scheffler aus dem Jahrbuch III. 

Aus dem Buche von Duviquet lernt man absolut 
nichts Neues über Heliogabal, dagegen wird man beim 
Durchlesen der gesamten Quellen gewahr, wie meister- 
haft Scheffler in seinem relativ kurzen Aufsatze alles 
Charakteristische und Wichtige zusammen zu fassen 
wußte. Und dies obendrein in einem glänzenden künst- 
lerischen Gemälde. 

Eigene Bemerkungen von Duviquet über Heliogabals Natur 
finden sich nur an zwei Stellen: S. 143 betont er die ganz weibische 
Anlage des Kaisers, die ihn dazu geführt habe, im Verkehr mit 
Männern stets die weibliche Rolle zu übernehmen. Ferner S. 147, 
wo Duviquet Heliogabal, der an seinem „Manne" Hierokles trotz 
seiner Schläge und Beschimpfungen mit heftigster Leidenschaft 
gehangen, mit der Dirne vergleicht, welche nur ihren Zuhälter 
liebt, den sie unterhält und der sie schlägt. 

Fischer, Dr. Hans, Homosexualität eine physio- 
logische Erscheinung? Berlin, Verlag Gnaden- 
feld & Co. 

Bekämpfung des §' 175. Man hätte ebensogut den körper- 
lichen Hermaphroditismus oder den Situs inve.rsus, d. h. die um- 
gekehrte Lage der Eingeweide im Körper, mit Gefängnis bestrafen 
können; sei doch der homosexuelle Trieb eine Art von psychi- 
schem Situs inversus. Hinweis auf den gleichgeschlechtlichen 
Verkehr in Griechenland. Hätte in Athen ein § 175 bestanden, 
so wären die obersten Leiter der Geschichte Athens wohl selten 
aus den Gefangnissen herausgekommen. Die vielen Unter- 
abteilungen zwischen Hetero- und Homosexualität erklärten un- 
gezwungen das häufige Vorkommen von Homosexualität im klassi- 
schen Altertum bei Männern, welche die Weiberliebe keineswegs 
verschmähten. Der Normale tue die ganze Erscheinung einfach 
mit dem Worte „Schweinerei" ab, ohne zu erwägen, ob es denn 
vom sittlichen Standpunkt aus weniger Schweinerei sei, eine Dirne 
gegen klingendes Entgelt zu beschlafen. Und doch sei die Prosti- 



— 465 — 



tution in allen Ländern geduldet Prostitution, Alkoholismus und 
Morphinismus usw. seien widernatürlich und könnten unter anderen 
Verhältnissen bei echter und wahrhaft fortschreitender Kultur all- 
mählich bis auf kleine Reste verschwinden. Der gleichgeschlecht- 
liche Verkehr dagegen sei tief in der Natur begründet und habe 
seit den ältesten Zeiten bei allen Völkern bestanden; auch bei den 
Tieren begegne man ihm oft — Man könnte unsere hygienischen 
und ethischen Verhältnisse ganz erträglich finden, wenn an den- 
selben nichts weiter auszusetzen wäre, als das Vorhandensein eines 
größeren oder kleineren Prozentsatzes von Homosexuellen, die in 
sozialer Hinsicht nicht im entferntesten den gleichen Schaden an- 
richteten wie die Prostitution. 

Fischer verwahrt sich dagegen, daß er „pro domo" spräche. 
Seine frühere Verachtung der Homosexuellen habe bei Vertiefung 
in die Psychiatrie einer gerechteren Beurteilung Platz gemacht 
Der Homosexuelle stehe in sittlicher Hinsicht hoch über den ver- 
derbten heterosexuellen Lüstlingen, die im Verkehr mit dem Weibe 
sich alles Mögliche erlaubten. Die Homosexualität sei eine an- 
geborene abnorme Erscheinung, aber nicht widernatürlich; sie sei 
wohl als eine Selbsthilfe der Natur aufzufassen gegen die Über- 
völkerung in denjenigen Gegenden, in denen die Dichtigkeit der 
Menschen eine solche befürchten lasse. In Deutschland sei bei 
dem fortschreitenden Bevölkerungszuwachs bald Übervölkerung zu 
befürchten. Ein gewisser Prozentsatz von Homosexuellen werde, 
weit entfernt, den Staat zu schädigen oder die Anzahl der Rekruten 
unter den Bedarf herabzudrücken, im Gegenteil ein gesunder 
Hemmschuh gegen Übervölkerung sein. Eine Beschränkung der 
Übervölkerung dadurch, daß die Natur Urninge in größerer An- 
zahl hervorbringe, sei jedenfalls erwünschter, als wenn Krieg, 
Seuchen oder Hungersnot die Menschheit dezimierten. Die Gesetz- 
gebung solle endlich die vielleicht geradezu nützlichen Homo- 
sexuellen unbehelligt lassen. Die Härte des unsinnigen Ketzer- 
paragraphen habe einst Spanien seiner besten Bürger beraubt und 
seinen Wohlstand untergraben; möge Deutschland dafür sorgen, 
daß nicht der § 175 eine ähnliche Wirkung erziele. 

Das Schriftchen hebt nicht nur einige Gründe für 
die Aufhebung der Strafbestimmung hervor, sondern — 
und das erscheint besonders bemerkenswert — der hetero- 
sexuelle Verfasser erkennt auch die Berechtigung der 
Homosexualität an. 

Jahrbuch VI. 30 



— 466 — 



In einer Besprechung der Broschüre von 

Schneickert, Hans, Rechtspraktikant, im Archiv für 
Kriminal -Anthropologie und Kriminalistik, Bd. XIII, 
Heft 1, 2, S. 186—187, 

wird als das Neue der Schrift der Versach bezeichnet, die Homo- 
sexualität als Korrektionsmittel der Natur gegen die Übervölke- 
rung hinzustellen. 

Daß dieser Gedanke neu wäre, ist nicht zutreffend. 
Wenn auch Fischer ihn etwas eingehender entwickelt 
und an der Hand einer ziemlich anschaulichen Schilde- 
rung der in Deutschland drohenden Übervölkerung seine 
Richtigkeit plausibel gemacht hat, so finden sich doch 
ähnliche Anschauungen in verschiedenen früheren Schriften. 
Recht hat dagegen Schneickert, der übrigens auch mit 
der Aufhebung des § 175, welcher zum Schutz und zur 
Förderung der Sittlichkeit nichts tauge, einverstanden ist, 
wenn er die Behauptung Fischers, die Homosexualität 
sei eine Selbsthilfe gegen Übervölkerung in Gegenden, 
in denen die Dichtigkeit der Menschen eine solche 
befürchten lasse, als eine unerwiesene, nicht wahrschein- 
liche Hypothese bezeichnet. In der Tat spricht dagegen 
die Ubiquität des Homosexualismus, der ebenso an spär- 
lich, wie an dicht bevölkerten Orten vorkommt. 

Ich stimme Schneickert durchaus bei, daß Fischer 
richtiger gesagt hätte: „Der Homosexualismus ist geeignet, 
eine schädlich wirkende Übervölkerung zu verhindern, 
auch darum sollte er nicht mit Strafe bedroht werden." 

Fleischmann, August, Ungeahnte Verbrechen. Ent- 
hüllte Geheimnisse der Erpresserwelt Beiträge zur 
Naturgeschichte der gleichgeschlechtlichen Liebe. Druck 
und Verlag von Fleischmann, München, 1903. 

Schilderung von einigen Erpressungsfällen. Ein verheirateter 
Major wird von einem jungen Burschen, mit dem er sexuell ver- 



— 467 — 



kehrt hat, in den Tod getrieben. Ein homosexueller Künstler 
wird von einem gewissenlosen Menschen, der ihm Modell gestanden 
und des Künstlers Natur erraten hat, ausgeplündert unter Drohung 
mit Anzeige, obgleich der Künstler nicht die geringste homo- 
sexuelle Handlung versuchte. — Einige weitere Fälle raffinierter 
Erpressung. — Verfasser sagt zum Schluß, daß es zur Zeit der 
Münchener Polizei gelungen sei, das Überhandnehmen des Er- 
presserwesens einzudämmen. 

Fleischmann, August, Der Fall Krupp und der 
Caprese. Eine zeitgemäße Betrachtung. Druck und 
Verlag von Fleischmann, München, 1903. 

Es wird das törichte Vorurteil gegeißelt, dem Krupp zum 
Opfer gefallen. Ohne diese veralteten Anschauungen hätte er sich 
seiner Liebe nicht zu schämen brauchen. Kein Fall habe so über- 
zeugend gewirkt für die Haltlosigkeit und Ungerechtigkeit des 
§ 175. 

Meine Beurteilung der früheren Schriften von Fleisch- 
mann (vgl. Jahrbuch V) gilt auch für diese beiden Bro- 
schüren. 

Fleischmann, August, Der Seelenforscher. Psycho- 
logisch- erosophische Zeitschrift, Nr. 10, 11, München. 

Nur zwei Nummern dieser homosexuellen Zeitschrift sind mir 
zu Gesicht gekommen. Die vierte Seite jeder Nummer enthält 
zahlreiche homosexuelle Angebote und Nachfragen. Im übrigen 
füllen das Blatt Gedichte, sowie verschiedene, im Geiste Fleisch- 
manns gehaltene Prosastücke aus, darunter ein Aufsatz von Georg 
Hofmann, „Von der vollkommensten Welt", welcher die urnische 
Liebe, weil sie Selbstzweck sei, als. die eigentliche, wahre Liebe 
und das dritte Geschlecht als das „durch die Wand der 
Tiergeschlechtlichkeit hindurchgedrungene einzige Weltseelen- 
geschlecht" (! ?) darsteUen will. 

Friedlaender, Benedikt, Der Untergang des Eros 
Im Mittelalter und seine Ursachen. Aus dem 
angekündigten Buch „Die Renaissance des Eros Ura- 
nios". In der Juli-Nummer des „Eigenen" von Brand. 

30* 



— 468 — 



Die Ursachen der mit der Verbreitung des Christentums auf- 
gekommenen Unterdrückung der gleichgeschlechtlichen Liebe seien 
in dem asketischen Geiste des Christentums zu suchen. Die Askese 
habe die Sündhaftigkeit der natürlichen Lüste und Triebe ver- 
kündet, besonders die Geschlechtslust verpönt. Der mannweib- 
liche Verkehr sei der Fortpflanzung des Menschengeschlechts wegen 
nicht unter allen Umstanden als etwas völlig Verwerfliches hin- 
gestellt und seine Zulässigkeit von der Genehmigung der Priester 
abhängig gemacht, der mannmännliche Verkehr dagegen als bloße 
Sinnenlust und deshalb nach der asketischen Schrulle als arge, 
durch den Zweck der Arterhaltung nicht entschuldigte Sünde ganz 
verurteilt worden. Aber nicht nur in dem Geist der Askese sei die 
Ursache der Verfolgung homosexueller Liebe zu erblicken, sondern 
auch in der Monopolisierung der Liebe durch die Weiber und die 
Priester. Die Weiber hätten das ausdrückliche Monopol der Liebe 
erhalten und* die Priester das ihrer Einsegnung. Daher die Macht 
beider und daher die homosexuelle Liebe als Verletzung dieser 
Monopole aufgefaßt. Da man andererseits eingesehen habe, daß 
es sich um die Unterdrückung eines Grund triebes des Menschen 
handle, habe man die Monopolverletzung so außerordentlich grau- 
sam bestraft. 

Auch heute noch seien Frauen und Priester die ärgsten 
Gegner einer Renaissance des Eros, da sie von ihr eine Gefahr- 
dung ihrer Macht und ihrer Interessen fürchteten. Die Grund- 
anschauung der Priester von der Sündhaftigkeit der sinnlichen 
Liebe — eine wahre Wahnidee, eine geistige Seuche — habe das 
ärgste Unheil in der Entwickelung der Menschheit angerichtet; 
sie habe an Stelle der Wahrhaftigkeit des erotisch Gedachten und 
Gefühlten Konvention und größte Heuchelei in allen Gestalten 
erzeugt. An Stelle des maßvollen Genießens sei heimliche Lüstern- 
heit und Versteckspielen mit dem Geschlechtlichen getreten. 

Das Übel sei an der Wurzel zu bekämpfen. Es müsse der 
Grundsatz verfochten werden, daß die natürlichen Triebe nicht 
sündhaft seien, daß insbesondere der Liebestrieb und seine Be- 
friedigung kein Verbrechen darstelle, wenn niemand dabei un- 
gerecht verletzt werde. 

Der Aufsatz, welcher in besonders geistreicher und 
interessanter Weise die kulturell-psychologischen Ge- 
sichtspunkte untersucht, läßt uns Gutes von dem an- 
gekündigten Buche erwarten. 



— 469 — 



Fuchs, Hanns, Richard Wagner und die Homo- 
sexualität. Mit besonderer Berücksichtigung der 
sexuellen Anomalien seiner Gestalten. Berlin, 1903, 
Verlag von H. Barsdorf, 278 S. 

Erstes Kapitel. „Das häufige Vorkommen der Homosexualität 
bei bedeutenden Männern und die geistige Homosexualität." Die 
völlige Kenntnis eines Menschen setze die Kenntnis seiner Sexualität 
voraus, daher sei die Erforschung der Geschlechtlichkeit der Geistes- 
heroen von besonderer Wichtigkeit Dabei werde man finden, 
daß bei vielen bedeutenden Männern neben den sogenannten nor- 
malen Liebesempfindungen sogenannte perverse einhergingen oder 
auch ausschließlich vorhanden seien. 

Fuchs bespricht dann die Homosexualität einiger großen 
Geister und teilt des weiteren die homosexuellen Stellen mit, die 
sich in Goethes Werken finden. (Sie sind auch sämtlich in dem 
Jahrbuch III, S. 511 und 512 angeführt) Goethe sei in den Kern 
des homosexuellen Problems absolut nicht eingedrungen und habe 
in dem gleichgeschlechtlichen Verkehr stets nur eine Spielart des 
sexuellen Genusses gesehen. Trotzdem habe er die sittliche Kraft 
der Homosexualität erkannt, wie einige Stellen aus dem Buche 
„Winckelmann und sein Jahrhundert" bewiesen. 

Fuchs will außer der eigentlichen Homosexualität eine 
sogenannte geistige Homosexualität unterscheiden. 

Die geistige Seite der Homosexualität setze sich zusammen 
aus den folgenden Eigenschaften: Aufmerksamkeit, Gefälligkeit, 
Dienstbeflissenheit, Interesse für die Kunst, Interesse für Putz und 
Ausstattung, Vorliebe für Blumen, Hang zur sogenannten natur- 
gemäßen Lebensweise, Eigenschaften, die an Schwächen des Weibes 
erinnerten, Freude am Klatsch, Kleinlichkeit usw. Fuchs teilt die 
geistig Homosexuellen in drei Arten: 

1. Diejenigen, die ihr Leben hindurch geistig homosexuell 
blieben, 

2. diejenigen, die ein Bedürfnis nach schwärmerischer Freund- 
schaft hätten, 

3. diejenigen, bei denen einmal der Trieb durchbräche, mit 
Personen des eigenen Geschlechter zu verkehren, um bald wieder 
— " vielleicht auf Nimmerwiederkehr — zu verschwinden. 

Ein; Beispiel für den geistig Homosexuellen sei Brackenburg 
in Goethes „Egmont". Ein geistig Homosexueller der dritten 
Gruppe sei Wagner. 



— 470 — 



Zweites Kapitel. „Richard Wagners Leben bis zu seiner 
Berufung nach München durch König Ludwig II. von Bayern." 
Schon in dem jungen Wagner will Fuchs eine Anzahl weiblicher 
Züge entdecken. Auch in den Gestalten der Wagnerschen Werke, 
die Fuchs eingehend und meist eigenartig analysiert, findet er 
geistig Homosexuelle. Der energielose Erik im „Fliegenden Hol- 
länder" sei Zwischenstufe, Tannhäuser kein echter Mann, kein 
Held und zu schwach, das Leben zu ertragen. Lohengrin gehöre 
zu den weichen Männern Wagners, die unfähig seien, Kinder zu 
erzeugen. 

Die Männerliebe erwähne Wagner zuerst in seiner Schrift 
„Die Kunst und die Revolution", dann im „Kunstwerk der Zu- 
kunft". . Wagner sei danach nicht nur von der Natürlichkeit, 
sondern von der großen ethischen Bedeutung der griechischen 
Liebe überzeugt gewesen. Aufopfernder Freundschaft begegne 
man in seinem „Tristan" (Isolde und Brangäne; Tristan, Kur- 
wenal). In Marke sieht Fuchs einen Homosexuellen ; nur dadurch 
sei sein Verhalten begreiflich. 

Drittes Kapitel. „Richard Wagner und König Ludwig II. 
von Bayern." Den eigentlichen Grund der Berufung Wagners 
nach München zum König erblickt Fuchs in Ludwigs Homo- 
sexualität. Ludwig habe in Wagners Schriften wohl zum ersten 
Male in verständnisvoller Weise von der ihn beherrschenden 
Männerliebe gelesen. Ohne Welt- und Menschenkenntnis habe er 
nicht wissen können, daß zahllose Menschen seine Veranlagung 
mit ihm teilten. Er sei nun bei Wagner Empfindungen begegnet, 
wie sie ihn selbst bewegten, und habe nun mit doppelter Leb- 
haftigkeit einen gleichgearteten Freund ersehnt. Auch lange nach 
seinem Zusammenleben mit Wagner sei Ludwig noch nicht völlig 
über seine Natur aufgeklärt gewesen; dies beweise seine Ver- 
lobung. Die Ursache der Auflösung seines Verlöbnisses sei sicher 
in der endlichen Erkenntnis Ludwigs von seiner wahren Natur- 
anlage zu suchen. 

Wagner selbst habe in Ludwig seine höchste, tiefersehnte 
Ergänzung gefunden; König Ludwig sei ihm der Freund, nicht 
ein Freund unter Freunden, gewesen, dem er das erste, höchste 
Glück im Leben verdankt habe. 

Das Verhältnis Wagners zu Nietzsche berührend, hält Fuchs 
die Ansicht, Nietzsche sei homosexuell gewesen, für unrichtig. 
Nietzsche sei überhaupt aller Erotik fern geblieben und auch 
seine Verhältnisse zu Freunden hätten des eigentlich erotischen 



— 471 — 



Elementes entbehrt. Dagegen könne man wohl Nietzsche an- 
gesichts der .Weichheit seiner Seele, der Tiefe und Zartheit seiner 
Empfindungen, wie sie uns seine Biographie von Frau Nietzsche- 
Förster und seine Briefe offenbarten, zu den geistig Homosexuellen 
rechnen. 

Viertes Kapitel. „Der Parsifal und die Erotik in Wagners 
Musik." Fuchs gibt eine Erläuterung und Deutung des tieferen 
Sinnes des letzten Werkes Wagners. 

Bei Grurnemanz hebt Fuchs dessen tiefes Gefühl für jugend- 
frische Männlichkeit hervor, das sich in seinem Verhalten gegen- 
über den Knappen, mit denen er im Tone väterlicher Freund- 
schaft verkehre, und gegenüber Parsifal, an dessen Seite er, seinen 
Leib mit einem Arme umschlungen haltend, zur Gralsburg empor- 
steige, offenbare. 

Parsifal sei nicht eigentlich homosexuell. Er verschmähe 
das Weib nicht, weil er es nicht lieben könne, sondern weil er 
die Liebe zum Weibe als unedel erkannt. Hoch über der Liebe 
zum Weibe sehe er die rein geistige Gemeinschaft der Gralsritter, 
der Männer, und er zwinge sich, ihnen gleich zu werden, um in 
ihre Mitte aufgenommen werden zu können. 

Diesen Gedanken von dem Edeltum der idealen Männer- 
gemeinschaft habe nur ein Mensch denken können, der zum min- 
desten geistig homosexuell gewesen. 

Die geistige Homosexualität des alten Wagner beweise der 
Parsifal unzweifelhaft, aber aus dieser geistigen Homosexualität 
sei der Schluß zu ziehen, daß Wagner in seinen jüngeren Jahren 
sinnlich - geistige homosexuelle Empfindungen gekannt haben 
müsse. 

Der Grundgedanke einer „geistigen Homosexualität*' 
enthält einen richtigen Kern, wenn auch die Umgrenzung 
und Definition des Wesens dieser psychischen Kategorie 
nicht befriedigt. Schon Westphal hat von der „wirk- 
lichen" Homosexualität eine „unvollkommene" unter- 
schieden, wo der Geschlechtstrieb zwar auf das ent- 
gegengesetzte Geschlecht gerichtet ist, aber in Neigungen 
und Gebaren weibliche Art (z. B. namentlich Sucht, 
Weiberkleider anzulegen, und überhaupt mehr oder 
minder stark entwickelte Effemination) hervortritt. 



I 



— 472 — 



Die geistige Homosexualität im Sinne Fuchs' ist nun 
etwas Anderes, als die unvollkommene konträre Sexual- 
empfindung Westphals. Fuchs geht weiter als Westphal 
und zählt eine Anzahl von Eigenschaften als angeblich 
typisch för eine besondere Klasse von Menschen auf, 
die jedoch viel zu wenig charakteristisch und allzu will- 
kürlich gewählt erscheinen, als daß ihr Vorhandensein 
zur Annahme einer sexuellen Zwischenstufe berechtigen 
könnte. 

Einen Hauptfehler begeht Fuchs, indem er schon 
aus einer einzelnen Eigenschaft auf weibliche Art, auf 
sexuelle Zwischenstufe schließt. 

Weil Wagner gegen die Jagd eine Antipathie ge- 
zeigt und insofern Weichheit an den Tag gelegt, will ihn 
Fuchs Zwischenstufe nennen! Würde man diesen oder 
jenen gefühlvollen, weichen Zug am Mann, diese oder 
jene entgegengesetzte Eigenschaft . am Weibe für ge- 
nügend erachten, um eine Zwischenstufe anzunehmen, so 
würde man überhaupt von Mann und Weib nicht mehr 
sprechen können. Viel eher ließe sich als ein Zeichen 
weibischer Artung die Vorliebe Wagners für seidene, 
farbige Schlafröcke, überhaupt sein großes • Interesse für 
äußeren Prunk und Toilettesachen anfuhren, Einzel- 
heiten, die Fuchs gar nicht berührt. 

Dagegen ist es nicht statthaft, mit Fuchs die Sehn- 
sucht des jungen Wagner nach Freundschaft an und für 
sich als Merkmal einer sexuellen Zwischenstufe anzu- 
sehen. Sehr richtig sagt Fuchs: „Der Künstlermensch, 
der Mensch mit einer verfeinerten Kultur gibt sich dem 
Zauber der schönen Natur in der Gemeinschaft mit 
einem Freunde hin. Der Durchschnittsmensch, der Nor- 
malmensch, schwelgt in materiellen Genüssen." Sehr un- 
richtig folgert aber Fuchs, daß eine solche Sehnsucht 
nach geistigem Austausch mit einem Freunde das Merk- 



— 473 — 



mal einer sexuellen Zwischenstufe darstelle, insbesondere 
berechtigt nicht zu dieser Auffassung die von Fuchs an- 
geführte, nicht einmal überschwengliche oder auffällig 
sentimentale Stelle aus Wagners Jugendnovelle „Ein 
glücklicher Abend". Ebenso könnte man Homosexuelle, 
die z. B. gern mit Damen verkehren und die Gesellschaft 
geistreicher Frauen lieben, geistig Heterosexuelle nennen. 
Nur einmal findet man in Wagners Leben die Grenzen 
des Freundschaftsgefühls deutlich überschritten, nämlich 
in seinem Verhältnis zu König Ludwig. Hier möchte 
ich von einem Zwischengeftihl reden, das sich auf der 
Grenze von Liebe und Freundschaft bewegte; auch 
zwischen diesen Gefühlen kommen Übergänge vor, wie 
in allen Erscheinungen in der Welt. Derartige schwär- 
merische, aber nicht direkt homosexuelle Gefühle mag 
man geistig homosexuelle nennen und insofern kann die 
Bezeichnung Wagners als eines geistig Homosexuellen 
berechtigt sein. 

An der Überspannung des Begriffes „Geistige Homo- 
sexualität" leidet auch die Erklärung einiger . Wagner- 
schen Gestalten. Am meisten für sich hat die Deutung, 
Marke sei homosexuell, obgleich ich kaum glaube, daß 
Wagner ihn als solchen gedacht. 

Trotzdem manche Übertreibungen und zu gewagte 
Verallgemeinerungen in dem Buche von. Fuchs störend 
wirken, finden sich doch bemerkenswerte Gesichtspunkte 
darin entwickelt; besonders verdienstlich und geistreich 
ist die Analyse einzelner Wagnerschen Gestalten. Das 
Ganze hätte durch große Kürzungen, namentlich auch 
durch Vermeidung langer Auszüge aus fremden Werken 
gewonnen. 

ftaulke, Johannes, Bas mannweibliche Moment in 
der Kunst in religiöser Beleuchtung, in der 

„Gegenwart" vom 13. Februar 1904. 



— 474 — 



Gaulke weist auf die Verbindung männlicher und weiblicher 
Formen in den antiken Statuen hin. Die Geschlechtsgrenzen er- 
schienen bei den Götterstatuen fast verwischt. Der antiken Kunst 
fehlten die Typen Vollmann und Vollweib. Ähnliches begegne 
uns in der Mythe, die den Göttern ohne Unterschied des eigent- 
lichen Geschlechts bald männliche, bald weibliche Eigenschaften 
andichte. Von diesem Gesichtspunkte aus bespricht Gaulke ein- 
gehend den Aufsatz von Börner: „Über die androgynische Idee 
des Lebens". 

Gerling, Reinhold, Bas Geschlecht. Aufklärung über 
alle Fragen des Geschlechtslebens, 1903. Verlag von 
Möller & Borel, G. m. b. H., Berlin, Prinzenstraße 95, 
Gratisbeilage der Zeitschrift „Neue Heilkunst". 

Das Blatt „Das Geschlecht" will, wie es im Vorwort der 
ersten Nummer heißt, namentlich der Homosexualität besondere 
Aufmerksamkeit widmen und als populäres Organ über den Stand 
der Frage Aufklärung geben. Es beabsichtige keineswegs, das 
gleichgeschlechtliche Empfinden zu verherrlichen, sondern wolle 
nur um Duldung der homosexuellen Liebe werben. — Die homo- 
sexuelle Frage behandeln: 

Nr. 1. Bau, .Hans, Die geistige Homosexualität. Ein 
günstiger Bericht über das Buch von Hanns Fuchs: „Eichard 
Wagner und die Homosexualität". 

Hau, Hans, Sittlichkeitsverbrechen? Besprechung des 
Falles eines wegen Sittlichkeitsvergehens mit einem Schüler ver- 
urteilten Oberlehrers. Der Oberlehrer hätte als Kranker dem 
Psychiater und nicht dem Richter überantwortet werden sollen. 
Bau bekämpft die Anschauung, daß man Handlungen gegen die 
Sittlichkeit als Bosheit und Schlechtigkeit auffasse. Er führt den 
Fall des bekannten Sozialisten Dr. Schweitzer aus dem Anfang 
der sechziger Jahre an und zitiert zwei interessante Briefe von 
Lasalle, der trotzdem Schweitzer nicht habe fallen lassen und ihm 
auch nachher seine Hochachtung gezollt. 

In dem einen Briefe an den Frankfurter Bevollmächtigten 
des Arbeitervereins heißt es: 

„Auf einer wie unnatürlichen Verirrung auch das Dr. von • 
Schweitzer imputierte Vergehen beruht, so gehört es doch offenbar 
zu jenen, die mit dem Charakter, worunter ich aber die sittliche 



— 475 — 



Überzeugungstreue und Redlichkeit eines Menschen verstehe, die 
noch dazu — worauf es hier allein ankommt — mit seinem poli- 
tischen Charakter nicht das Geringste zu tun haben/' 

Und in einem Schreiben an Dr. Schweitzer sagt Lasalle: 
„Angenommen, daß das wahr gewesen sei, was damals die 
Zeitungen über den Grund Ihrer Verurteilung brachten, so weiß 
ich das Eine, daß jene bedauerliche und meinem Geschmack nicht 
begreifliche Liebhaberei, die man Ihnen imputiert, zu jenen Ver- 
gehen gehört, die nicht im geringsten mit dem politischen Cha- 
rakter eines Mannes etwas zu tun haben. 

Ein solches Auftreten (nämlich die infolge der Verurteilung 
eingetretene allgemeine Ächtung Schweitzers, namentlich auch 
seitens der Parteigenossen, Anm. d. Ref.) einem Manne von Ihrem 
Charakter und Ihrer Intelligenz gegenüber beweist nur, wie ver- 
wirrt und philiströs die politischen Begriffe unseres Volkes noch 
sind. " 

Anonym, Homosexuelle in der Ehe. Ein an Gerling 
gerichteter Brief einer an einen homosexuellen Mann verheirateten 
Ehefrau, die über die eigentliche Natur und die Ursache der 
zwischen ihr und ihrem Manne bestehenden geistigen Disharmonie 
durch einen Öffentlichen Vortrag Gerlings aufgeklärt worden. Seit- 
dem sie wisse, daß die Eigentümlichkeiten ihres Mannes Äuße- 
rungen einer natürlichen Anlage seien, sei ihr das Zusammenleben 
mit ihm leichter. Sie suche auch nicht mehr die Natur ihres 
Mannes zu bekämpfen oder sie ihm abzugewöhnen, da sie die 
Macht der Psyche anerkenne. 

Nr. 2. Müller, Dr. August, Homosexualität. Erklärung 
der Homosexualität vom Standpunkt der bekannten Geruchstheorie 
von Dr. Jäger. 

Die Disharmonie gegen weibliche Duftstoffe bringe bei den 
Homosexuellen einen Abscheu vor dem Weibe hervor und mache 
sie impotent. 

Nr. 3 u. 4. Schmidt, Dr. Alexander, Monosexualität. 
Uber die Schädlichkeiten des gleichgeschlechtlichen Verkehrs für 
den Körper existierten noch die unsinnigsten Anschauungen. Des- 
halb hauptsächlich wären auch die schweren Strafen gegen homo- 
sexuelle Betätigung bisher bestehen geblieben. 

(Dieser Grund spielt allerdings heute kaum mehr 
eine Rolle in der Frage des § 175. N. P.) 



— 476 — 



Es sei ein verhängnisvoller Irrtum, den Homosexualismus als 
Laster, anstatt als Verkehrung eines der mächtigsten Triebe zu 
behandeln. 

Die gewöhnliche Betätigungsform der Homosexuellen, die 
mutuelle Onanie, sei weniger schädlich, als die einsame Onanie. 
Aber sogar die Pygisten — so ekelhaft ihre Art auch dem Nor- 
malen erscheine — täten der Gesellschaft nichts Übles. 

Jedenfalls hätten die Mono- und Homosexuellen einen Vor- 
zug. Sie seien keine Weiterverbreiter der Syphilis. 

(Dieser letztere Satz ist nur bedingt richtig. N. P.) 

Nr. 4 u. 5. Fleischmann, Unterm § 175 des Reichs- 
strafgesetzbuchs. Abdruck aus dem Schriftchen von Fleisch- 
mann: „Ungeahnte Verbrechen". 

Nr. 5. Eingesandt. Beherzigenswerte Ratschläge eines 
Zuhörers hinsichtlich der bei der öffentlichen Aufklärung über 
Homosexualität zu befolgenden Taktik. 

Nr. 6 ist mir, weil angeblich vergriffen, nicht bekannt 
geworden. 

Nr. 7. Rau, Hans, Homosexualität und Darwinismus. 
Der Darwinismus beweise, daß die Homosexualität keine Ent- 
artungserscheinung, keine naturwidrige, den Zwecken der Natur 
entgegengesetzte Erscheinung sei, sonst wäre sie im Kampf ums 
Dasein wie hundert andere Schädlichkeiten schon längst ver- 
schwunden. 

Diese Rechtfertigung der Homosexualität steht wohl 
auf sehr schwachen Fußen. Denn sonst ließen sich ja 
auch alle wirklichen von jeher existierenden Schädlich- 
keiten und Entartungen gutheißen. 

Adolph, Dr., Der Geschlechtstrieb. Die geschlecht- 
liche Anziehung wird nach der Jägerschen Theorie aus der Aus- 
dünstung erklärt. Der Geschlechtstrieb sei Geruchssache. 

Gley, E,, Les abärrations de l'instinct sexuel, in 

Etudes de psychologie physiologique et pathologique. 
Paris, 1903, Alcan. 

Diesen Aufsatz hat Gley schon im Januar 1884 in der 
„Revue philosophique" veröffentlicht. 



— 477 — 



Er nahm an, daß die Homosexualität infolge Gewöhnung 
und Degeneration erworben werden könne, hat aber schon damals 
hervorgehoben, daß es Fälle gebe, wo ohne vorangehende homo- 
sexuelle Gewohnheiten der homosexuelle Trieb sich gleichsam 
natürlich und notwendig entwickele, wo es sich um Naturspiele 
handle. Das Bemerkenswerte an diesem Aufsatz ist besonders der 
Umstand, daß Gley zur Erklärung dieser Fälle bereits auf die 
doppelte Geschlechtlichkeit des Embryo hingewiesen und die Ano- 
malie auf eine Störung in den der anatomischen geschlechtlichen 
Konstitution entsprechenden nervösen Eigenschaften zurückgeführt, 
daß er schon damals von einem psychischen Herrn aphrodismus, 
von einer weiblichen Seele in einem männlichen Körper ge- 
sprochen hat. 

Da der Aufsatz im Januar 1884 veröffentlicht 
worden ist, gebührt Gley wohl das Verdienst, als Erster 
diese Theorie über die Entstehung der Homosexualität 
aufgestellt zu haben. Kiernan und Lydston haben später, 
Kraflft- Ebing, Hirschfeld und Ellis erst in den Jahren 
1894 — 1896 ähnliche Gedanken ausgesprochen. 1 ) 

In einem neu hinzugefügten Kapitel, in dem er verschiedene 
seitherige Arbeiten bespricht, bemerkt Gley, daß das Problem der 
Entstehung der Perversion immer noch nicht gelöst sei, daß man 
immer noch nicht wisse, wie die Umkehrung der mit der Ge- 
schlechtsfunktion korrespondierenden geistigen Eigenschaften mög- 
lich werde. 

Er verwahrt sich endlich dagegen, daß man, wie dies ge- 
schehen sei, seine Angabe vom „weiblichen Gehirn im männlichen 
Körper" buchstäblich auffasse. Er habe damit nur zum Ausdruck 



l ) Kiernan, in American Lancet, 1884, und in Medi- 
cal Standard, November — Dezember 1888. — Frank Lyd- 
ston, in Philadelphia Medical and Surgical Becorder, 
September 1888, sowie in Address es and Essays, 1892, S. 46 
und 246. — Krafft-Ebing, Zur Erklärung der konträren 
Sexualempfindung , in Jahrbücher für Psychiatrie und 
Nervenheilkunde, Bd. XIII, Heft 1, 1895. — Hirschfeld, 
Sappho und Sokrates, 1896. — Ellis, Die Theorie der 
konträren Sexualempfindung , im Centralblatt für Nerven- 
heilkunde und Psychiatrie, Februar 1896. 



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bringen wollen, daß die Geschlechtlichkeit nicht nur durch den 
Bau der Geschlechtsorgane, sondern auch durch eine Gesamtheit 
von psychischen und nervösen Eigenschaften bedingt werde. 

Groß, Hans, Besprechung der Jahrbücher IT und Y, 

im Archiv für Kriminal-Anthropologie und Krimi- 
nalistik, Bd. XIV, Nr. 3 und 4. 

Groß erkennt nunmehr direkt an, daß die Homosexuellen 
Übergänge vom Weib zum Mann darstellen, die je nach ihrer 
somatischen Entwickelung auf einer der unzähligen Stufen ständen, 
die zwischen den beiden Geschlechtern von einer, man möchte fast 
sagen, irrenden Natur aufgebaut worden seien. 

Man müsse eigentlich sagen, jedes Individuum habe die 
sexuelle Tendenz, zu welcher es durch seine Konstruktion getrieben 
werde; sei diese vorwiegend männlich, so werde das Individuum 
vom Weibe angezogen, und umgekehrt, und da diese Konstruktion 
nicht bloß vom Bau der Geschlechtsteile abhänge, so könne ein 
Individuum zwar nach diesem Bau dem einen Geschlecht, nach 
seiner sonstigen Konstruktion jedoch dem anderen angehören. 
Homosexualität sei also Konstruktionsergebnis; für seine 
von der Natur erhaltene Konstruktion könne der Einzelne aber 
nicht verantwortlich gemacht werden und so sei Homosexualität 
nicht strafbar, so lange sie nicht öffentliches Ärgernis errege oder 
Jugendliche verführe. Das sei die Konzession, die man den 
Homosexuellen sinngemäß machen müsse und die man ihnen auch 
machen wolle. Sie müßten aber den Normalen gestatten, ihr 
Wesen unnatürlich und abstoßend zu finden. Sie sollten auch die 
fortwährenden Beweisversuche unterlassen, daß sie besonders her- 
vorragende und liebenswürdige Menschen unter den Ihrigen be- 
säßen. 

Von diesem Gesichtspunkte aus die Jahrbücher beurteilend, 
stimmt Groß der Forderung auf Beseitigung des § 175 bei, da- 
gegen widerspricht er dem Verlangen nach Gleichstellung mit den 
Normalen. Letzteres würden die Homosexuellen nie erreichen: 
Das Unnormale stoße ab; wolle man dies ändern, so müsse man 
die Naturgesetze ändern; damit hätten sich die Homosexuellen 
abzufinden. 

Das Ziel der Homosexuellen und des Komitäs ist 
allerdings noch ein weiteres als dasjenige der Aufhebung 



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des § 175. Trotz der dieses weitere Ziel ablehnenden 
Haltung von Groß wird aber vielleicht doch eine Ver- 
ständigung möglich sein, wenn festgestellt wird, was mit 
dieser Gleichwertung gemeint sein soll. 

Auch ich verstehe darunter nicht übertriebene For- 
derungen exaltierter Homosexueller oder auch nur solche, 
wie sie die „neueste Richtung" auf ihre Fahne schreibt 
und wie ich sie weiter unten entschieden und in aus- 
führlicher Begründung zurückweise. Demnach bin auch 
ich der Meinung, daß Gedanken an Ehen zwischen Homo- 
sexuellen oder überhaupt an öffentlich anerkannte Liebes- 
verhältnisse, an offene Werbung Homosexueller um er- 
korene Lieblinge, an Umwälzung der Kultur auf Grund 
einer Anerkennung der homosexuellen Liebe Utopien sind 
und bleiben werden. Dagegen ist eine Gleichwertung 
der Homosexualität mit der Heterosexualität möglich 
und wünschenswert in dem Sinne, in dem sie schon jetzt 
Groß selber anerkennt, d. h. es gilt, die Auffassung zu 
verbreiten, daß die Homosexualität aus der angeborenen 
Natur des Homosexuellen resultiert, daß sie, wie Groß 
sich treffend ausdrückt, Konstruktionsergebnis ist und 
daß daher keinem Homosexuellen aus dieser seiner Natur 
und aus der innerhalb der auch dem Normalen gesetzten 
Grenzen erfolgenden sexuellen Befriedigung ein Vorwurf 
des Lasters und der Unsittlichkeit gemacht werden darf. 
Es gilt weiter dafür zu sorgen, daß auch im praktischen 
Leben aus dieser Anschauung die Konsequenzen gezogen 
werden, daß der Homosexuelle auch wirtschaftlich nicht 
wegen seiner homosexuellen Natur geschädigt und sozial 
geächtet wird, daß also der Homosexuelle, dessen anor- 
males Liebesleben ruchbar geworden, deswegen nicht 
aus der Gesellschaft ausgeschlossen, der homosexuelle 
Offizier nicht entlassen, der urnische Beamte nicht dis- 
zipliniert wird usw. 

Wird das wahre Wesen der Homosexualität all- 



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gemein anerkannt und in dem obigen Sinne die Gleich- 
wertung der Homosexualität mit der Heterosexualität 
erreicht, dann wird auch der bisherige Ekel der Nor- 
malen gegenüber den Homosexuellen beseitigt oder 
wenigstens stark vermindert Denn dieser Ekel beruht 
zum großen Teil auf der irrigen Voraussetzung, der 
Homosexuelle sei ein durch Ausschweifungen herab- 
gekommener Heterosexueller. Die instinktive, aus der 
anders gearteten Natur fließende Abneigung des Nor- 
malen gegen die Homosexualität an und für sich wird 
bleiben, aber deswegen braucht der Ekel der Normalen 
gegen den gleichgeschlechtlichen Verkehr als solchen sich 
nicht auf den homosexuellen Menschen zu erstrecken. 
Dieser Ekel vor dem homosexuellen Menschen wird mit 
der richtigen Erkenntnis des Wesens der Homosexualität 
bei den meisten Heterosexuellen schwinden. Mir ist 
schon jetzt eine Anzahl von Fällen bekannt, in denen 
Homosexuelle ihre Natur gewissen Heterosexuellen, zu 
denen sie volles Vertrauen haben konnten, geoffenbart 
haben. So weit ich Einblick in diese Fälle bekommen 
habe, steht für mich fest, daß der über das Wesen der 
Homosexualität aufgeklärte Heterosexuelle nicht das min- 
deste Gefühl des Abscheues oder Ekels gegenüber dem 
sich ihm anvertrauenden Homosexuellen empfindet. 

Auch die Behandlung historischer homosexueller Persönlich- 
keiten hält Groß nicht für angebracht. Diese Aufsätze könnten 
höchstens dem Zweck der Unterhaltung von Homosexuellen dienen, 
ob ein Hößli, eine Maupin usw. homosexuell gewesen, sei gleich- 
gültig. 

Hierin kann ich Groß nicht beistimmen. Zur rich- 
tigen Beurteilung historischer Persönlichkeiten und ihrer 
Psyche ist die Kenntnis ihrer sexuellen Natur von größter 
Bedeutung. Das Studium auch weniger berühmter Uranier 
ist von hohem psychologischen Interesse und kann die 
Wichtigkeit der Homosexualität auf den verschiedenen 



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Gebieten des Lebens zeigen. Die Berechtigung der Er- 
forschung merkwürdiger geschichtlicher Persönlichkeiten 
an und für sich — mögen sie nun mehr oder weniger 
berühmt sein — hat bisher wohl niemand geleugnet. 
Warum diese Berechtigung dem Studium über homo- 
sexuelle Persönlichkeiten aberkennen? 

Endlich wendet sich Groß gegen das Überhandnehmen der 
homosexuellen Literatur und wiederholt seine schon im vorigen 
Jahre ausgesprochene Befürchtung, Unentschiedene könnten durch 
den Einfluß dieser Literatur homosexuell werden. Er meint, auch 
bisherige Gegner des § 175 könnten bedenklich werden, wenn 
diese Produktion und deren literarische Unterstützung sich steigere. 

Ich kann in diesem Punkte nur auf meine vorjährige 
Erwiderung verweisen und gleichzeitig auf Näckes An- 
sicht, daß gegen eine anständige homosexuelle Literatur 
— und zwar auch belletristische, der gerade zahlreiche 
interessante und psychologisch bedeutsame Probleme ge- 
boten würden — nichts einzuwenden sei. 

Grundmann, Wer ist der Mörder? Das Verbrechen des 
Sadisten Dippold. Aufklärungen über Sadismus, 
Masochismus, Fetischismus und sonstige konträre 
Sexualempfindungen. Pößneck in Thüringen, Schnei- 
ders Nachf. 

Das Schriftchen gibt einen Bericht über die Verhandlung 
des Prozesses Dippold, dem einige kurze Bemerkungen über die 
geschlechtlichen Anomalien vorangehen , wobei Verfasser den 
Fehler begeht, die verschiedensten Anomalien, wie das schon- im 
Untertitel geschehen, unter dem Begriff der „konträren Sexual- 
empfindung" zusammenzufassen. 

Konträre Sexualempfindung bedeutet lediglich gleich- 
geschlechtliche Liebe und hat an und für sich mit Sadis- 
mus, Masochismus usw. nichts zu tun. 

Das Schriftchen hebt hervor, daß die Kenntnis über die Ver- 
breitung der sexuellen Anomalien mehr verallgemeinert werden 
Jahrbuch VI. 31 



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müsse, damit jedermann vor gemeingefährlichen Individuen, wie 
Dippold, auf der Hut sein könne. Der Prozeß Dippold habe ge- 
zeigt, daß sogar wissenschaftlich gebildete Leute eine grobe Un- 
kenntnis der einschlägigen Fragen und eine Unsicherheit des 
Urteils verrieten, die Staunen errege. 

Hafner, Hermann, Unzacht. Separatabdruck aus dem 
Don Quixote, Nr. 3. Verlag des Don Quixote, 
Wien I, Bauernmarkt. 60 Pfg. 

Das Schriftchen geißelt in beredten, oft etwas populär derben 
Worten die Verfolgung der homosexuellen Liebe und wendet sich 
besonders gegen die Anschauungen Wachenfelds, wie er sie in 
seinem Buche „Homosexualität und Strafgesetz" ausgesprochen. 
Wachenfeld sei dem Zuchtbullen zu vergleichen, der in blinder 
Wut sich auf die wehrlosen angeschirrten Zugochsen stürze, da 
ihm der Konträrsexuelle dasselbe Ärgernis gebe, wie der Ochse 
dem Bullen. Jurist und Bulle fanden sich auch in der prin- 
zipiellen Ignorierung des Nutzwertes solcher Mittelstufen von 
Mann und Weib zusammen. 

Die falsche Anschauung Wachenfelds von dem angeblichen 
Untergang der Volker infolge der Homosexualität sowie seine 
sonstigen unhaltbaren Theorien werden bekämpft. 

Die konträre Sexualempfindung entstehe ganz spontan als 
natürliches Mittel- und Übergangsglied von einem Geschlecht 
zum anderen. Es gebe aber auch eine durch elterliche Schuld 
angezeugte Homosexualität. Wenn nämlich zwei Eltern sich 
haßten, übertrage sich dieser Haß oft auf das Kind in Gestalt 
der konträren Neigung. Ähnlich könne Homosexualität ent- 
stehen , wenn z. . B. eine bigotte Ehefrau selbst den ehelichen 
Geschlechtsverkehr als Sünde betrachte, endlich auch aus Ehen 
Konträrer. Die angezeugte und die hereditäre Form der kon- 
trären Sexualempfindung seien nichts anderes als Heilungs versuche 
der gütigen Natur, um durch schmerzloses Aussterbenlassen die 
schlimmen Folgen menschlicher Habgier und widernatürlichen 
Hasses zu beseitigen. Jurist und Theologe störten in ihrer Blind- 
heit, die den heilsamen Willen der Natur nicht zu erkennen ver- 
möge, diesen raschen, in einer Generation schon zu Ende 
gehenden Heilungsprozeß und züchteten durch ihren Eingriff das 
Unheil weiter. 



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Her man, GL, Genesis. Bas Oesetz der Zeugung. 
5. Bd. Libido und Hanta. Untersuchungen über 
Sexualprobleme. Leipzig, 1903, Verlag von Arwed 
Strauch. 

Von der Behauptung ausgehend, daß die materialistische 
Naturforschung überwunden und nicht fähig sei, die Fragen des 
Sexualtriebes befriedigend zu lösen, will Herrn an zu ihrer Er- 
forschung nicht bloß den Intellekt, sondern besonders die Intui- 
tion zu Hilfe nehmen. Die sexuellen Anomalien, die er unter 
dem Begriff „Mania" — nach dem Verfasser ein ungesundes, un- 
heimliches Wesen — zusammenfaßt, hätten ihre Ursachen in dem 
Vorkommen aller möglichen Übergänge zwischen dem typischen 
Weibe und dem typischen Manne. 

In jedem Weibe seien männliche, in jedem Manne weibliche 
Keime und Eigenschaften enthalten. Jeder Mensch sei ein ver- 
steckter Zwitter und diese latente Androgynie aller mikrokosmi- 
schen Kreaturen sei wesenseins mit der Bipolarität des makro- 
kosmischen Universums. Diese Androgynie, die Herman wenig 
geschmackvoll „Beideinigkeit" nennt, sucht Verfasser schon in der 
Entstehung der Geschlechtsorgane nachzuweisen. 

Wo die sexuelle Differenzierung aus dem ursprünglich neu- 
tralen Embryo nicht genau sich vollzöge, entständen bisexuelle 
Mißbildungen. 

Die Libido sexualis erklärt Herman aus dem Gesetz der 
Polarität, der Anziehung. Alle Menschen könne man einteilen in 
Asexuelle, bei denen die geschlechtliche Polaritätsspannung noch 
derart neutralisiert sei, daß ein sexuelles Gleichgewicht bestände 
und sie keiner zweiten Person zur Befriedigung bedürften. In 
Bisexuelle, welche den embryonalen Zwitterzustand in irgend einer 
psycho-physischen Form schwankender Beidgeschlechtlichkeit ent- 
wickelt hätten, normal und anormal. In Suprasexuelle, die die 
Vita sexualis überwunden hätten. 

Zu dem Bisexualismus rechnet Herman einmal den Herm- 
aphroditismus verus und den Pseudohermaphroditismus. Zu letz- 
terem zählt er — hierbei völlig vom üblichen wissenschaftlichen 
Sprachgebrauch abweichend, welcher unter Pseudohermaphroditis- 
mus nur die Mißbildungen an den Geschlechtsteilen versteht — 
auch alle die Fälle, wo überhaupt, auch ohne solche Mißbildungen, 
sekundäre Geschlechtscharaktere des anderen Geschlechts oder 
konträrer Trieb auftreten. 

31* 



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Herman wirft die Frage auf, ob es überhaupt rein hetero- 
sexuelle Normalmenschen gebe, ob nicht etwa die Normalität 
lediglich darin bestehe, daß die latenten androgenen Spannungen 
nicht den geeigneten, die Reaktion auslösenden Reizen begegneten. 

Unter dem Asexualismus erörtert Herman die Infantilen und 
Wolfskinder, die Kastration, den Autoerotismus und die Masturbation. 

Unter dem Bisexualismus bespricht der Verfasser zunächst 
die normale Bisexualität. Schon beim normalen Menschen begegne 
man oft einer bisexuellen Geistesanlage. Beispiele : Das oft weib- 
lich zart anmutende Seelenleben großer Männer, der Emanzipations- 
kampf der modernen Frau. Die Bücher der Männer verrieten 
heutzutage immer mehr weibliches, ja weibisches Empfinden, die 
der Frauen immer mehr männliche Denkweise. Ein weiterer Be- 
weis für die normale Bisexualität sei beim Manne die Andeutung 
eines monatlichen Rhythmus des Pulses analog der monatlichen 
Funktion beim Weibe. Auch periodische Sexualblutungen seien 
beim Manne schon festgestellt worden. 

Im Gegensatz zur normalen Bisexualität unterscheidet Her- 
man die anormale, die aus einer gestörten Harmonie der normalen 
entstehe. Er zählt dazu nicht nur das physische Zwittertum, 
sondern beinahe alle sexuellen Anomalien, denen er spezielle Ab- 
schnitte widmet. 

Ein großes Kapitel behandelt den Uranismus und die Les- 
bomanie. Die Bestiebungen des Komitees billigt er und verlangt 
die Aufhebung des § 175. Auch bei männlichen äußeren Ge- 
schlechtsteilen handle es sich beim Homosexuellen um ein ver- 
stecktes Weib. Bei der Existenz der zahlreichen Zwischenstufen 
zwischen den sexuellen Polen könne man niemals mit Sicherheit 
behaupten, man habe es mit Liebe zwischen Personen gleichen 
Geschlechts zu tun. 

Die Entstehung des homosexuellen Triebes durch Vererbung 
wird verfochten auf Grund der Theorie Krafffc- Ebings von der 
auch im cerebralen Zentrum vorhandenen Doppelgeschlechtlich- 
keit. Jedenfalls finde sich unter den Vererbungstendenzen sowohl 
die Neigung zum männlichen als zum weiblichen Geschlecht, so 
daß für eine Grundlage dieser beiden Richtungen des Geschlechts- 
triebes von vornherein alles gegeben zu sein scheine. Ja, man 
könne noch weiter gehen. Da von der Mutter auch die Ver- 
erbungstendenzen von deren Vater stammten und vom Vater die 
von dessen Mütter, so würde selbst ein Individuum genügen, um 
Heterosexualität und Homosexualität auf die Nachkommen zu 
vererben. 



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Unter Benutzung der Theorie von Moll und derjenigen von 
Dessöir über das Stadium des undifferenzierten Geschlechtstriebes 
zur Zeit der Pubertät betont Herman, daß man psychische und 
somatische (d. h. Vorhandensein der körperlichen Zeichen dafür) 
Pubertät unterscheiden müsse und daß die Stadien des differen- 
zierten und undifferenzierten Geschlechtstriebes nur an die psychi- 
sche Pubertät anknüpfen könnten. Vor der somatischen Pubertät 
beständen mitunter schon Neigungen sexuellen Charakters; mit 
dem weiteren Fortschreiten der psychischen Pubertät erfolge oft 
eine Umwandlung der undifferenzierten sexuellen Neigungen, 
und zwar so, daß die bisherigen homosexuellen Triebe den 
heterosexuellen wichen. Dies geschähe zweifellos nicht infolge 
äußerer Einflüsse, sondern auf Grund ererbter Grundlage unter 
der Wirkung der Pubertät. Jedenfalls sei nicht in dem Um- 
stände, daß die Homosexualität sich vor der Pubertät zeige, der 
Hauptgrund dafür zu erblicken, daß sie ererbt sei, sondern mehr 
darin, daß zur Zeit der Pubertät die Homosexualität sich nicht 
in die Heterosexualität umwandle. 

Sämtliche Anomalien will Herman aus seinem Polaritäts- 
gesetz erklären, wonach der lebende Körper in allen Dingen ein 
elektro - chemisches polargespanntes System sei und bei manchen 
Individuen psychophysische Hemmungen und Isolationen weg- 
fielen. In dem gleichen Gesetz der polaren Wesensart des Ge- 
schlechtslebens, wie sie sich in der meistens latenten, oft aber 
phänomenalen Hermaphrodisie des Menschen kundgebe, sucht er 
auch den Schlüssel zur Deutung der Erscheinungen des Sexual- 
okkultismus (Incubi, Succubi, Vampyrismus, Satanismus), über die 
er sich des näheren verbreitet. 

Die Ausführungen Hermans über das Angeborensein 
der Homosexualität und ihre Entstehung auf Grund der 
bisexuellen Anlage des Menschen sind das Beste an dem 
Buche. Auch die besondere Behandlung der — bisher 
gewöhnlich vernachlässigten — normalen Bisexualität und 
der Hinweis auf ihre Bedeutung für das Verständnis der 
Vita sexualis verdient Beachtung. 

Der Versuch Hermans, für die sexuellen Probleme 
eine neue Lösung zu finden, ist anerkennenswert und 
sein „Polaritätsgesetz" bietet ein nicht unbedeutendes 
Interesse, doch wäre eine tiefere wissenschaftliche Er- 



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gründung und Klarlegung des Gesetzes am Platze ge- 
wesen. 

Das Buch enthält manchen anregenden Gedanken, 
aber die folgerichtige, systematische Durcharbeitung läßt 
zu wünschen übrig. Herman hat sehr viel von den ver- 
schiedensten Forschern zusammengetragenes Material be- 
nutzt, besonders in hohem Maße die Arbeiten Molls. 
Dies hat aber Herman nicht gehindert, im Vorwort zu 
behaupten, Moll entwickele in seiner „Libido sexualis" 
über Angeborensein und Erworbensein „derart verworrene 
philosophelnde Gedankenblüten, daß man erschaudern 
müsse über die Zerrüttung aller vernünftigen Reflexion, 
welche ein unverständiger und unverstandener Darwinis- 
mus in den Gehirnwänden unserer empirischen Natur- 
forscher angerichtet habe". 

In einem Buche, das kein Sachverständiger auch 
nur in den entferntesten Vergleich stellen wird mit Molls 
bedeutsamen, in bewundernswürdiger Klarheit, Logik und 
Schärfe gehaltenen Untersuchungen über die Libido sexua- 
lis, erscheint der Ausspruch Hermans als eine arge Uber- 
hebung und eine völlig falsche Beurteilung. 

Hirschfeld, Dr. Magnus, Das urnlsche Kind, in der 

Wiener medizinischen Presse, 1903, Nr. 39 und 40, 
sowie in der Zeitschrift für Kindererforschung, Die 
Kinderfehler, Nr. 2. Vortrag, gehalten auf der 75. Ver- 
sammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte zu 
Kassel. 

Der Vortrag ist fast ganz die Wiedergabe des gleichlautenden 
Kapitels aus „Der urnische Mensch". 

Eine erfreuliche Tatsache, daß auf der Versamm- 
lung der Naturforscher ein wirklicher Sachverständiger 
über Homosexualität gesprochen hat. 

In der dem Abdruck des Aufsatzes in der Zeitschrift „Die 
Kinderfehler" beigegebenen Nachschrift bezeichnet die Schrift 



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leitung die Ausführungen Hirschfelds als interessant und beachtens- 
wert, fügt aber etwas skeptisch hinzu, es frage sich, ob alle die 
Erscheinungen unbedingt homosexuell zu deuten seien, und be- 
merkt in einem durch die anscheinende Unkenntnis der Materie 
entschuldbaren, etwas gehässigen Tone, es frage sich auch, ob 
mancher haltlose Urning seine unverständigen widernatürlichen 
Handlungen nicht durch solche Ausdeutungen zu beschönigen 
trachte. 

Hoy, Senna, Bas dritte Geschlecht. Ein Beitrag zur 
VolksaufkläreiDg. Unter Mitarbeit von Aug. Sehnsen, 
Caesareon, Adolf Brand, Paul Enderling und mit 

Benutzung zweier im „Kampf" erschienenen Artikel 
herausgegeben von Senna Hoy. Selbstverlag des 
Herausgebers, Februar 1903. 10 Pf. 

Das Schriftchen will über das Wesen der Homosexualität 
aufklären und die Ungerechtigkeit des §115 nachweisen. 

Senna Hoy, „Das dritte Geschlecht**, hebt unter anderem 
hervor, daß das Gefühl des „Außer -dem -Gesetz -Lebens" das 
sexuelle Moment bei den Homosexuellen zu fast ausschließlicher 
Herrschaft gelangen lasse. Er bemerkt jedoch, daß er unter den 
Homosexuellen die begabtesten, edelsten Menschen gefunden habe. 
Bei den meisten sei das gesamte Wesen vom Gewohnten ab- 
weichend, nicht bloß die sexuelle Seite. Hoy betont, daß er nicht 
in eigener Sache spreche, aber nach reiflichster Überlegung sich 
entschlossen habe, für unschuldig Verfolgte einzutreten. 

B e h n s e n, „Homosexualität und Entwickelungslehre", zeigt die 
Homosexualität als natürliche Erscheinung, die auf Grund der in 
jedem Menschen vorhandenen Doppelnatur sich entwickle. Durch 
den § 175 würden viele nützliche Mitmenschen in die Finsternis 
einer geheimen Lebensführung gestoßen, der Lebensfreude beraubt 
und in ihrer Tatkraft gelähmt. Dadurch würden dem Staate zu 
seinem Nachteil wertvolle Kräfte auf allen Gebieten entzogen. 
Die Aufhebung des § 175 werde offenbar zur Reinigung sittlicher 
und zur Hebung wirtschaftlicher Verhältnisse beitragen. 

Paul Enderling wendet sich in dem Abschnitt „Die Homo- 
sexualität — eine Krankheit?" gegen die Auffassung, als sei die 
Homosexualität eine Krankheit, und beruft sich zum Beweis des 
Gegenteils auf die alten Griechen. Caesareon gibt einen Brief * 



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wieder, den er an die „Laterne" gesandt als Erwiderung auf den 
gehässigen Artikel von Alexis Schleimer, „Das perverse Problem". 
In diesem Schreiben bekennt sich Caesareon selbst als Homo- 
sexuellen und schildert seine eigenen Liebesgefühle. 

Diese Broschüre ist nicht eine der schlechtesten von 
den in den letzten Jahren zahlreich erschienenen Volks- 
und Auf klärungsschriftchen. An die beste dieser Schriften, 
Hirschfelds „Was soll das Volk vom dritten Geschlecht 
wissen?", reicht sie aber nicht heran, es fehlt ihr die 
wissenschaftliche Gediegenheit und der ruhige, von un- 
nützer Überschwenglichkeit freie Ton. An manchen 
Stellen finden sich Übertreibungen, z. B. in der Schil- 
derung der Homosexuellen als fast stets außergewöhn- 
lich begabter, mit besonders schönen Charaktereigen- 
schaften ausgestatteter Menschen. 

Kurnig, Der Neo- Nihilismus, Anti- Militarismus, 
Sexualleben. (Ende der Menschheit.) Leipzig, 1901, 
Spohr. 

Die Philosophie Kurnigs gipfelt in dem Satze, daß das Leben, 
der Wille, das Dasein selbst stets ein Leiden sei, daß Erzeugung 
von Nachkommen bedeute, Leben und Leiden anderen Wesen 
aufbürden, neue Menschen unglücklich machen, daß daher die 
Erzeugung zu verwerfen sei und der, welcher keine neuen Menschen 
zeugen wolle, moralischer handle als der, welcher Nachkommen 
in die Welt setze. Von dieser philosophischen Anschauung aus 
bewertet Kurnig das gesamte Geschlechtsleben und insbesondere 
die Homosexualität anders, als es gewöhnlich geschieht. Die 
Homosexualität wird berührt S. 61, 76—80, 137—140, 159. Viele 
Erscheinungen auf sexuellem Gebiete, insbesondere die Homo- 
sexualität, die heute als krankhaft, als anormal angeschrieben 
ständen, es aber durchaus nicht immer seien, verdienten keines- 
wegs Bekämpfung mit Grundsätzen und Hilfsmitteln, welche die 
Prokreation für das Höhere erklärten. Wenn sich die Ärzte ein- 
mal auf den hochmoralischen Standpunkt der Verneinung des 
Willens zum Leben aufschwingen würden, so würden sie die 
Homosexuellen nicht mehr „heilen" wollen, um aus ihnen Familien- 
väter zu machen. Auch die Selbstmorde, die Homosexuelle wegen 



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ihres Trieblebens begingen, seien kein Grund zu Heilungsver» 
suchen. Die Ärzte sähen nicht, Haß die eigentliche Triebfeder 
zum Selbstmord in diesen Fällen der Pessimismus des betreffenden 
Individuums und sein hochherziges Verschmähen der Prokreation 
gewesen sei. 

Rurnig verlangt gleichfalls Beseitigung des § 175 und be- 
gehrt in allen Fällen sexueller Delikte vollkommene Öffentlichkeit 
der Gerichtsverhandlungen, namentlich um das Publikum über die 
Erpresserschliche aufzuklären und die Erpresser besser zu ent- 
larven. Er will, daß bei Beurteilung von Sexualdelikten kein 
Unterschied gemacht werde, ob Homosexuelle oder Heterosexuelle 
daran beteiligt seien. 

In unserer optimistischen judäisierten ,,Kultur"-Umgebung 
stehe die Homosexualität in Mißkredit. Vielleicht weniger wegen 
des Charakters dieser oder jener sexuellen Handlung, als deshalb, 
weil ein „überzeugter" Homosexueller grundsätzlich nicht prokreiere, 
dies Nichtprokreieren ein Symptom von Pessimismus und der 
Pessimismus in unserer „Kultur" -Umgebung ganz verrufen sei. 

Einen kleinen, sehr kleinen Schopenhauer, einen 
winzigen Hartmann, eine blasse Abart der gewaltigen 
philosophischen Systeme dieser großen Geister wird man 
in Kurnigs Broschüre finden. Kurnig bietet nicht viel 
mehr als philosophische Variationen im Geiste eines 
ernsten Tagesjournalisten. Er sieht alles Heil für die 
Erlösung vom unseligen Willen zum Leben mehr in der 
Vermeidung seiner äußeren Wirkungen, als in der Ver- 
neinung dieses Willens selber. Daher seine höhere Be- 
wertung der die Kindererzeugung verhindernden Homo- 
sexualität. Aber gerade bei den meisten Homosexuellen 
tritt der Wille zum Leben an und für sich in der 
sexuellen Begehrlichkeit lebhaft zutage und der Selbst- 
mord der Homosexuellen ist nicht auf die Verneinung 
des Willens zum Leben, sondern auf eine Uberschätzung 
des Willens zum Leben, auf die Verzweiflung wegen der 
Schwierigkeiten und Hindernisse in der Bejahung des 
Willens zum Leben zurückzuführen. 

Allerdings leidet dieser Wille zum Leben beim Homo- 
sexuellen Schiffbruch, indem er nicht sein höchstes Ziel, 



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die Erzeugung von Nachkommen, erreichen kann. Dieser 
Schiffbruch, diese Unmöglichkeit, den Zweck des Willens 
zum Leben zu erfüllen, ist nun, wie Kurnig mit Recht 
ausfuhrt, eine Hauptursache der Verachtung, welche die 
diesen Zweck als das Höchste bewertenden Hetero- 
sexuellen den Schiffbrüchigen in der Erfüllung des Wil- 
lens zum Leben, den Homosexuellen, entgegenbringen. 

Philosophische Systeme werden den in der All- 
gemeinheit regen Willen zum Leben und die Hoch- 
schätzung seiner Wirkungen nicht beseitigen können, 
trotz aller Schilderungen von dem Unglück und Elend, 
die das Leben und der Wille zum Leben zur Folge 
haben. Aber sie werden immerhin dazu beitragen, durch 
Veranschaulichung dieses Elends den Wert des auf Er- 
zeugung von Nachkommen und Vermehrung des Elends 
hinzielenden Lebenstriebes herabzusetzen, sie werden mit- 
helfen, eine weniger verächtliche Anschauung über die 
zwar vom Willen zum Leben beseelten, aber zur Er- 
reichung seiner Wirkungen unfähigen Homosexuellen her- 
beizuführen. 

La Cara, La base organica del pervertimenti ses- 
suali e la loro Profilassi sociale. Torino, 1902, 
114 8., L. 2. 1 ) 

Diese geistreiche Schrift mit vielen ausgezeichneten Be- 
merkungen, besonders bez. der Familien- und Schulerziehung, geht 
weniger auf die klinische Darstellung der sexuellen Perversionen 
(Masochismus, Sadismus, Fetischismus, Inversion) ein, als vielmehr 
auf ihre ätiologische, indem zuerst die Meinungen der verschie- 
denen Hauptautoren erwähnt und kritisiert werden, dann die 
eigenen, sachlich meist sehr fragwürdigen, des Verfassers folgen. 
Da das Thema eigentlich ein rein ärztliches ist, hätte er des 
Juristen Nicetbro nicht zu erwähnen brauchen. Ziemlich über- 
flüssig ist, die Auffassungen Lombrosos anzuführen, der in sexuellen 

*) Die Bfsprechung rührt von Med.-Rat Dr. P. Nücke in 
Hubertusburg her. 



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Dingen, bei uns wenigstens, absolut nicht als Autorität gilt. Ver- 
fasser kennt keine scharfe Grenze zwischen Perversion und Laster, 
da beide für ihn angeboren sind (? Ref.). Die ersteren sind 
Geisteskrankheiten (immer? Ref.); heilbar sind alle, die daran 
leiden, wenn sie zum Arzt gehen und noch nicht „tief degeneriert" 
sind(?). — Die bleibende Onanie wird bewirkt durch die taktile 
und psychische Unempfindlichkeit des Penis (? Ref.), was fast 
nur bei großem Gliede eintritt (? Ref.). Eins der Anzeichen ist 
auch das Nägelkauen (immer? Ref.). Auch der Masochist hat 
einen relativ wenig empfindlichen Penis (Beweis? Ref.) und viel- 
leicht gibt der Nervus pudendus Reize an die nates ab (! Ref.). 
Der Sadismus ist eine Form der Epilepsie oder Hysteroepilepsie 
oder folgt ihr nach (? Ref.). Der Cunnilingus ist manchmal eine 
Art Fetischismus oder „Mixoskopie" oder des „erotischen Altruis- 
mus" usw. (? Ref.). Alle Homosexuellen lügen (?); es gibt nicht 
nur aktive Päderasten; die Päderastie kann man gut mit der 
Theorie von Mantegazza erklären (?). 

Verfasser hat von Homosexualität also recht selt- 
same Begriffe und auch sonst bietet das interessante 
Buch der Kritik viele Angriffspunkte dar. 

Leuß, Hans, Aus dem Zuchthause. Verbrecher und 
Strafrechtspflege. Berlin, Verlag von Johannes Rade. 

In dem bekannten beherzigenswerten Buche von Leuß, das 
— wenn auch etwas einseitig geschrieben — doch von jedem 
Strafrechtler gelesen werden sollte, findet sich eine homosexuelle 
Stelle. S. 104 erzählt Leuß von einem Mitgefangenen: 

„Ich sah mit Ekel, daß ihn der Geschlechtstrieb zu perversen 
Annäherungen an Mitgefangene reizte und in solchen Augenblicken 
sein Gesichtsausdruck vollkommen tierisch wurde. 

Ich kenne die Anstrengungen der Homosexuellen, sich Straf- 
losigkeit zu erkämpfen, und gönne ihnen diese; ich kenne Platens 
eigene Tragödie, die nur ein Unmensch ohne Erschütterung kennen 
lernen kann; aber ich bin so vollkommen anders organisiert, daß 
ich den Ekel gegen alles Homosexuelle und gegen die Unglück- 
lichen, die damit belastet sind, nicht überwinden kann; vielleicht 
würde ich anders urteilen, wenn persönliche Bekanntschaft mit 
Leuten von Platens Natur mich ebenso von dem Widerwillen 
gegen die Menschen solcher Neigungen heilte, wie mich die Be- 
kanntschaft mit den Verbrechern von den tief ins Gefühl ein- 
gebetteten Anmaßungen gegen diese geheilt hat." 



— 492 — 



Für eines der besten Mittel, Heterosexuelle von ihrem 
Ekel vor den Homosexuellen zu heilen, halte auch ich 
in der Tat die persönliche Bekanntschaft mit den besseren 
Elementen unter den Homosexuellen. 

Lombroso, La pslchologia di una uxoricida tribade. 

Archivio di psichiatria etc., 1903, fasc. I — IL 1 ) 

Eine 30jährige, an einen ungeliebten jungen Mann Ver- 
heiratete verkehrte geschlechtlich mit Männern und Frauen. Mit 
Hilfe eines jungen Menschen ward der Ehemann erst durch ein 
Narkoticum bewußtlos gemacht, dann versuchte sie ihn zu erwürgen, 
der Jüngling erstach ihn und beide zerstückelten den Toten usw. 
Das Motiv war gleichgeschlechtliche Liebe. Schon während ihrer 
Ehe hatte sie ihre Geliebte in der Kirche ehelichen wollen. Sie 
schliefen oft zusammen, nachdem sie den Mann aus dem Bette 
gejagt hatten. Die Madame hatte verschiedene männliche Gesichts- 
züge und dies neben einem mongoloiden Gesicht zeigte, daß sie 
eine „geborene Verbrecherin" war (? Ref.). Außerdem war sie 
hysterisch. Darin (trotzdem im Bericht Hysterie absolut nicht be- 
wiesen ist! Näcke) sucht Verf. die Ursache der Tribadie (hört! 
Ref.) und außerdem der klösterlicher Erziehung mit ihrem Mysti- 
zismus anhaftenden Gewohnheiten. Die Hysterie mit der Tri- 
badie erklärt den großen Haß gegen den Ehemann. So weit der 
Verfasser. 

Man sieht, daß von einer Psychologie der Tribadie 
hier so gut wie nichts gegeben ist, daß alle Bemerkungen 
des Verfassers vielmehr den üblichen Stempel des Ober- 
flächlichen und Unbeweisbaren an sich tragen. 

Löwenfeld, Dr. L., Sexualleben und Nervenleiden. 

Die nervösen Störungen sexuellen Ursprungs nebst 
einem Anhang über Prophylaxe und Behandlung der 
sexuellen Neurasthenie. Dritte, bedeutend vermehrte 
Auflage. Wiesbaden, 1903, Verlag von I. F. Berg- 
mann. 

*) Auch diese Besprechung hat in dankenswerter Weise Med.- 
Bat Dr. P. Näcke in Hubertusburg geliefert. 



— 493 - 



Diese dritte Auflage des im Jahre 1891 zum ersten Mal er- 
schienenen Werkes ist unter anderen auch durch ein Kapitel über 
„Die Anomalien des Sexualtriebes" vermehrt worden, in welchem 
auch die Homosexualität behandelt wird (S. 227—245). 

Löwenfeld unterscheidet drei Stufen: 

1. Psychosexuales Zwittertun), 

2. Zustand exklusiver Homosexualität, 

3. Effemination, wo die ganze Richtung des Denkens, Fühlens 
und Wollens den weiblichen Typus annimmt. 

Löwenfeld hebt dabei hervor, daß bei Gruppe 2 und 3 eine 
Annäherung der Körperform an den weiblichen Typus vorkommen 
könne. Er halte es für ausgeschlossen, daß es sich um eine An- 
passung des Körpers an den psychischen Habitus handle, da die 
Annäherung an den weiblichen Typus sich auch auf die Skelett- 
teile erstrecken könne. Die Abweichung der Körperformen vom 
männlichen Typus sei wohl ebenso wie die psychische Anomalie 
durch erbliche Veranlagung bedingt und beide seien koordinierte 
Erscheinungen. 

Entgegen Krafft-Ebings Anschauung, der die Androgynie als 
eine besonders hohe Stufe der Entartung betrachtet, glaubt Löwen- 
feld, daß sie sich nicht an die fortgeschritteneren Grade der Homo- 
sexualität zu knüpfen brauche. Auch Löwenfeld lehrt, daß die 
Päderastie bei Homosexuellen selten sei. Er glaubt dann aller- 
dings (was freilich irrig ist), daß bei der aktiven und passiven 
Päderastie meist das Urningtum keine Rolle spiele und lediglich 
Abstumpfung durch sexuelle Ausschweifung vorliege. 

Diese schon so oft bestrittene Behauptung, die Päde- 
rastie sei ein letztes Reizmittel für abgestumpfte hetero- 
sexuelle Lüstlinge, steht völlig beweislos da. Ich kenne 
keine derartigen heterosexuellen Lüstlinge. 

Löwenfeld bezweifelt des weiteren die beiden Theorien 
des Angeborenseins (Kraffit- Ebing) und des Erwerbs (Schrenk- 
Notzing). 

Die Theorie Schrenk-Notzings hält er noch nicht für erwiesen, 
da er wiederholt Nervenleidende behandelt habe, bei welchen trotz 
hereditärer neuropsychopathischer Konstitution in der Jugend ge- 
übte sexuelle Onanie keine Spur von homosexueller Perversion zur 
Folge gehabt habe. Man müsse daher annehmen, daß die Wir- 



— 494 — 



kung der okkasionellen Momente durch eine eigenartige heredi- 
täre Veranlagung gefördert werden müsse. 

Die von Krafft-Ebing verwertete anatomische Grundlage des 
homosexuellen Triebes läßt Löwenfeld nicht gelten, dagegen scheint 
ihm die Auffassung von Chevalier berechtigter, wonach der Homo- 
sexuelle wahrscheinlich in seiner cerebralen Veranlagung den weib- 
lichen Typus aufweise. Diese weiblich -psychische Veranlagung 
führe aber allein nicht zur Homosexualität, da auch normal- 
sexuelle Männer weibische Eigenschaften haben könnten. 

Die Ansicht von Bloch, daß die Behauptung einer anima 
mulieris virili corpore inclusa unwissenschaftlich sei, müsse er als 
ganz und gar unbegründet bezeichnen. 

Zu der psychischen Veranlagung müßten noch besondere 
determinierende Momente hinzukommen, z. B. fehlerhafte Er- 
ziehung, Mangel an Gelegenheit zu natürlichem Geschlechtsverkehr 
bei früh auftretender Libido, Verführung zur Onanie u. dgl. 

Die vermittelnde Ansicht von Löwenfeld, kein Er- 
werb ohne Anlage, keine Entwickelung des Triebes aus 
der Anlage ohne determinierende Momente, wird man 
nur in gewissen Fällen als richtig anerkennen dürfen. 
In vielen Fällen dagegen wird der homosexuelle Trieb 
lediglich infolge der Anlage trotz bester Erziehung und 
Fernhaltens aller Schädlichkeiten durchbrechen ohne be- 
sondere determinierende Momente. 

Übrigens stimmt es mit Löwenfelds eigener An- 
nahme von der weiblichen cerebralen Veranlagung, die 
sich im äußeren Körperbau oft schon ausdrücke, überein, 
wenn man das Haupt- oder ausschließliche Gewicht auf 
diese anima mulieris legt. 

Wenn Löwenfeld gegen die Annahme, daß die Ano- 
malie ausschließlich durch eine angeborene Veranlagung 
bedingt sein könne, das Argument ins Feld führt: „Heil- 
erfolge durch hypnotische Suggestionstherapie", so läßt 
sich mit dem auch von Möbius angewandten Gegen- 
argument antworten, daß durch Hypnose auch ein an- 
geborener Trieb künstlich mehr oder weniger lang ab- 
geändert werden kann. 



— 495 — 



Sehr richtig hebt Löwenfeld in Übereinstimmung mit Eulen- 
burg hervor, daß die Homosexualität keineswegs unbedingt 
Neurasthenie zur Voraussetzung und ebensowenig zur notwendigen 
Folge zu haben brauche. 

Aus dem kurzen Abschnitt über die weibliche Homosexualität, 
der im allgemeinen nur Bekanntes enthält, verdient Folgendes Er- 
wähnung: 

Die rudimentären und wahrscheinlich auch die Zwitterformen 
der Homosexualität beim weiblichen Geschlecht seien sehr viel 
häufiger, die ausgebildeten Formen der konträren Sexualempfin- 
dung dagegen seltener zu finden als beim männlichen Geschlecht. 
Als rudimentäre Formen der Homosexualität ließen sich die so 
häufigen schwärmerischen Freundschaften unter Mädchen, welche 
selten bis ins reifere Alter sich erhielten, und die schwärmerische 
Verehrung von Lehrerinnen, Sängerinnen u. dgl. seitens junger 
Mädchen deuten. Diesen rudimentären, d. h. des sinnlichen Ele- 
mentes noch entbehrenden homosexuellen Neigungen bei Mädchen 
stehe auf der männlichen Seite fast nichts gegenüber. 

Dieser letzteren Behauptung kann ich nicht bei- 
stimmen. Auch bei Knaben und Jünglingen begegnet 
man ähnlichen schwärmerischen „Liebschaften" mit Kame- 
raden. Ferner empfinden viele Homosexuelle, bevor sie 
sich der eigentlichen Natur ihres Gefühls bewußt geworden 
sind, schwärmerische Zuneigung zu gewissen Männern, 
bei der ein Gedanke an geschlechtliche Akte nicht auf- 
kommt. Ähnliches findet sich übrigens auch bei Hetero- 
sexuellen in den ersten Jahren vor oder nach der Pubertät 
gegenüber Mädchen („Primanerliebe"). Endlich lassen sich 
bei erwachsenen heterosexuellen Männern, bei gewissen 
enthusiastischen Künstlernaturen Analogien, schwärme- 
rische, die Grenzen gewöhnlicher Freundschaft über- 
schreitende Gefühle anführen (z. B. Richard Wagners 
Verhältnis zu König Ludwig). 

Bei Erwähnung der Gynandrie betont Löwenfeld, daß äußere 
und psychische Gynandrie nicht notwendig mit konträrer Sexual- 
empfindung einhergehe. Ein großer Teil der typischen Mann- 
weiber zeige ganz normale sexuelle Neigungen und ein weiterer Teil 
gehöre zur Kategorie der Frigiden ohne homosexuelle Perversion. 



— 496 — 



Möbius, Dr. P., Geschlecht und Entartung. Halle 
a. d. Sale, 1903, Verlag von Carl Marhold. 

Kapitel I. „Charakteristik des gesunden Mannes und der 
gesunden Frau." 

Kapitel II. „Die abnormen Bildungen des Geschlechtswesens 
unter dem Einfluß der Entartung/ 1 

1. „Der Hermaphroditismus" (teilweise unter Benutzung von 
Neugebauers Aufsätzen). 

2. ' „Hypospadie, Kryptorchismus, Gynäkomastie, Effemination, 
Infantilismus." Diese Abweichungen seien milde Formen des 
Zwittertums. 

Als Feminismus seien die Fälle zu bezeichnen , wo ein . 
Mann durch den Körperbau im ganzen, Fettreichtum, Behaarung, 
Stimme usw. als weibähnlich erscheine. Meist seien dann auch 
die psychischen Neigungen und Fähigkeiten weibliche, trotzdem 
brauche keine sexuelle Perversion vorzuliegen. 

Manche solcher Feministen seien allerdings Urninge und 
gerade bei ausgeprägtem Feminismus sei die geschlechtliche Ver- 
kehrung häufig. 

Die Unordnung des Geschlechtswesens sei beim Weibe sel- 
tener und verborgener als beim Manne. Mannweiber nicht selten, 
die in Form, Haltung und Sinnesart etwas Männliches hätten, An- 
deutung von Bart, tiefe Stimme, hohen, knochigen Wuchs, Neigung, 
zu befehlen, zu männlichen Belustigungen. Es sei zu vermuten, 
daß bei ihnen die Beschaffenheit der Eierstöcke irgendwo von der 
Natur abweiche, Näheres sei jedoch nicht bekannt Manche Vira- 
gines hätten verkehrte geschlechtliche Neigungen, aber nicht alle. 

3. „Vorwiegend geistige Abweichungen." Ziemlich eingehende 
Besprechung der Homosexualität 

Viele Homosexuelle wiesen auch im Körperlichen die ge- 
schlechtliche Mangelhaftigkeit auf, derart, daß ein Teil der sekun- 
dären Geschlechtsmerkmale dem anderen Geschlecht angehöre, daß 
neben dem seelischen Feminismus noch ein äußerer, neben dem 
Manngefuhl des Weibes körperliche Viraginität gefunden werde. 

Diese Tatsache sei ungemein wichtig, weil sie den natür- 
lichen Zusammenhang aller Abweichungen von- der ausgeprägten 
Zwitterbildung bis zu den rein geistigen Störungen des Geschlechts- 
wesens dartue. 

Von den Abweichungen des Triebes die abnormen geschlecht- 
lichen Handlungen zu unterscheiden. Die häufigste Form der 
letzteren die Onanie. 



— 497 — 



Zwischen Onanie und Verkehrung bestünden Beziehungen. 
Die Onanie oft der einzige Ausweg zur Befriedigung des Triebes 
beim Homosexuellen. Andererseits entfremde die Onanie der natürr 
liehen Liebe; daher fördere sie Anlage zur Verkehrung. 

Mit dem Mißbrauch von Rindern habe die Verkehrung nichts 
zu schaffen, auch zur eigentlichen Päderastie habe sie keine 
direkten Beziehungen. 

Alle Abweichungen des Geschlechtstriebes seien Formen der 
Entartung und zwar angeborener Entartung. Eine Erwerbung 
gäbe es nicht; die Gründe, die man für die Möglichkeit einer Er- 
werbung anführe, nicht stichhaltig. Früh erworbene Assoziationen, 
denen man die Hauptrolle zuschreiben wolle, könnten nur Macht 
gewinnen bei Menschen mit bestimmter Anlage. 

Der Umstand, daß abnormer Geschlechtsverkehr schon in 
alten Zeiten und bei Naturvölkern vorkomme, spräche nicht gegen 
das Angeborensein auf Grund der Entartung. Auch Naturvölker 
seien nicht frei von Entartung und ein Kulturvolk wie die Griechen 
müsse gerade reich an Entartung gewesen sein. 

Die Fälle, in denen der abnorme Trieb sich erst in der Zeit 
der Reife kund gäbe, seien nicht seltener als die, in denen er von 
Anfang an, gewöhnlich schon vor der Pubertät, vorhanden ge- 
wesen. Die Behauptung, diese Leute lögen oder machten sich 
selbst etwas weiß, sei nicht haltbar, denn auch dann, wenn sie 
hier und da zuträfe, blieben so viele unantastbare Biographien 
übrig, daß an der Ursprünglichkeit, der Macht und der Dauer der 
abnormen Gefühle nicht zu zweifeln sei. Der wichtigste Grund 
aber sei der, daß die scheinbar rein geistigen Störungen durch 
lückenlose Übergänge mit den körperlichen Mißbildungen ver- 
bunden seien und daß in einem sehr großen Teil der Fälle eine 
wirklich genaue Untersuchung auch leichte Abweichungen vom 
körperlichen Geschlechtscharakter nachweisen könne. 

Die Behauptung der geschlechtlich Abnormen, sie fühlten 
sich gesund, bedeute nicht viel, sie seien trotzdem Entartete. 

Sie wehrten sich deshalb so sehr gegen den Begriff der Ent- 
artung, weil sie sich etwas ganz Schauderhaftes darunter vor- 
stellten. Wenn sie bedenken wollten, daß auch außerordentliche 
Vorzüge nicht ohne Entartung möglich seien, könnten sie sich doch 
zufrieden geben. 

Stets seien erbliche Belastung, sowie auch außerhalb des Ge- 
bietes der Geschlechtlichkeit körperliche oder geistige Zeichen der 
Entartung nachzuweisen. 

Jahrbuch VI. 32 



— 498 — 



Gewisse Einflüsse des „Milieus", gewisse Bedingungen der 
Zivilisation trügen wohl zur Abstumpfung des Geschlechtscharak- 
ters bei, aber in der Hauptsache sei die Entartung auf organische 
Verkümmerung zurückzuführen. 

Die Abstumpfung des Geschlechtscharakters gäbe sich viel- 
fach in kleinen Zügen kund. Viele Männer nähmen weibische 
Gewohnheiten und Neigungen an, viele Weiber suchten umgekehrt 
männliche Gebräuche nachzuahmen. Alle diese Zustände seien 
nicht immer mit abnormen Richtungen des Geschlechtstriebes ver- 
bunden. Bei dem innigen Zusammenhang der Teile sei zu er- 
warten, daß auch den geringen Abweichungen im Seelischen ge- 
wisse Abweichungen nicht nur im Gehirn , sondern auch im 
übrigen Körper, besonders in den Geschlechtsteilen, entsprechen 
werden. 

III. Selten seien alle groben Mißbildungen, wie Krypt- 
orchismus, Hermaphroditismus usw., um so häufiger kleinere Ab- 
weichungen. Über die Häufigkeit der Verkehrung des Geschlechts- 
gefühls seien zuverlässige Angaben schwer zu erlangen. Nähme 
man nur 1 Verkehrten auf 1000 Seelen an, so gäbe es auf 
50 Millionen 50000 Männer, die für die Zeugung verloren gingen. 

Dem Übel der Entartung sei entgegen zu arbeiten. Der 
gegenwärtige gesetzliche Zustand sei jedoch unhaltbar, § 175 auf- 
zuheben. Mit der Behauptung, man müsse dem Rechtsbewußtsein 
des Volkes Rechnung tragen, lasse sich auch Hexen Verbrennung 
und ähnliches rechtfertigen. 

Bedenke man noch, daß die größten Niederträchtigkeiten im 
Geschlechtsverkehr, wie z. B. die Übertragung venerischer Krank- 
heiten, straffrei sei, so schüttele man den Kopf. 

Der § 175 sei ein Quell von Erpressungen und Selbstmorden. 
Es gäbe ja noch sonst viele Handlungen, die nicht zu billigen 
seien, um die sich aber das Gesetz nicht kümmere. 

Die Päderastie werde mit Recht verachtet, sie sei eine 
schimpfliche Handlung, beinahe so schimpflich wie die Ver- 
führung eines Mädchens. Man müsse aber unterscheiden lernen 
zwischen abnorm geschlechtlichen Neigungen, die Ausdruck der 
Entartung seien, und zwischen abnorm geschlechtlichen Hand- 
lungen. 

Sache des Arztes sei es, die Abweichungen des Geschlechts- 
triebes zu behandeln, wenn eine Behandlung möglich sei. Ver- 
ehelichung der Konträren sei das denkbar schlechteste „Heilmittel". 

Die Hauptsache aber sei die Bekämpfung der Entartung als 
solche. Vernünftige Ehegesetze seien nötig, damit der Erzeugung 



— 499 — 

syphilitischer, tuberkulöser, blödsinniger Kinder vorgebeugt würde. 
Das hauptsächlichste Mittel, die fortschreitende Entartung zu hem- 
men, sei Zerstörung der Trinksitten, Kampf gegen den Alkoho- 
lismus. 

Die interessante Zusammenstellung und Hervor- 
holung der psychischen und der psychisch- geschlecht- 
lichen Anomalien seitens des bekannten geistvollen Ver- 
fassers ist sehr richtig, da auf diese Weise der enge 
Zusammenhang beider und das Angeborensein der Homo- 
sexualität, sowie ihre in der Konstitution wurzelnde 
Grundlage nahe gelegt wird. 

Mit Recht sieht daher Möbius in der Homosexualität 
stets eine angeborene Anomalie. 

Was den von Möbius, dem Spezialforscher der Ent- 
artung, so beliebten Begriff der Entartung anbelangt, so 
kann man vielleicht finden, daß er diesen Begriff allzu- 
weit ausdehnt und allzuenge Voraussetzungen für die 
Annahme eines Normalmenschen aufstellt. 

Nur die allerwenigsten Menschen werden die sämt- 
lichen Merkmale, die er für den Normalmenschen ver- 
langt, aufweisen und in manchem Punkte seiner Charak- 
teristik des gesunden Menschen wird man ihm nicht 
beistimmen können, z. B. wenn er sagt: „Der gesunde 
Mensch ist ziemlich schlank und hoch gewachsen, .... 
das Gesicht ist niemals häßlich . . . 

Ebenso wird es als zweifellos zu weitgehend zu er- 
achten sein, daß er z. B. das Bauchen der Zigaretten 
schon als Zeichen der Entartung auffaßt („denn die 
Zigarette lieben die weibischen Männer und die männi- 
schen Weiber"). 

Gerade weil nun aber Möbius den Begriff der 
Entartung sehr weit ausdehnt, werden sich auch 
die Homosexuellen nicht besonders zu beklagen 
brauchen, von Möbius zu den Entarteten gezählt 
zu werden, denn tausende und abertausende Hetero- 

32* 



— 500 — 



sexuelle werden nach der Definition des Normalmannesy 
wie sie Möbius gibt, zu den Entarteten zu rechnen sein. 
Sodann hebt ja Möbius selbst hervor, daß außerordent- 
liche Vorzüge Entartung voraussetzen, und tatsächlich 
werden die Vorzüge, die viele Entartete aufweisen, nach 
einer oder der anderen Richtung durch ihre Entartung 
nicht zu schwer erkauft 

Wenn man gar die Ausführungen von Möbius über 
den Begriff der Entartung in seiner Besprechung des 
„Urnischen Menschen" von Hirschfeld betrachtet, dann 
werden sich die Homosexuellen fast mit Genugtuung zu 
den Entarteten rechnen können. 

In dieser Besprechung (in Schmidts Jahrbücher) sagt Möbius, 
man müsse doch „entartet" und ,,minderwertig" nicht auf die 
gleiche Stufe stellen. Alle Abweichungen von der Norm seien 
insofern minderwertig, als durch sie die normale Entwicklung 
gestört werde. 

Deshalb sei nicht gesagt, daß sie wertlos seien. Freue man 
sich denn nicht an gefüllten Blumen, obwohl sie entartet seien. 
Gewisse Vorzüge seien nur möglich, wenn zugleich Defekte da 
seien. Die Genialen seien geradeso gut Entartete, wie die Geistes- 
schwachen, und alle die gelehrten Herren, die heute über Ent- 
artung schrieben, seien selbst entartet, der Referent (Möbius) 
auch, also gebe man sich zufrieden, trage sein Schildchen „ent- 
artet" mit Geduld und stoße sich nicht an populäre Vorurteile. 

Mühsam, Erich, Die Homosexualität. Ein Beitrag 
zur Sittengeschichte unserer Zeit. Verlag von Lilien- 
thal, Berlin. 

Die Theorie des Angeborenseins wird verteidigt. 

Dagegen spräche auch nicht der Umstand, daß die homo- 
sexuelle Liebe die Fortpflanzung unmöglich mache. Die Liebe 
habe nicht notwendigerweise Fortpflanzung zum Zweck. Auch im 
normalen Verkehr sei dieser Zweck nur selten vorhanden. Viel- 
leicht weise die Natur aber gerade die zur Fortpflanzung un- 
geeigneten Menschen auf das eigene Geschlecht. Die Homo- 
sexualität könne man nur als biologische Dekadenzerscheinung 
auffassen. 



— 501 — 



Damit sei lediglich eine Minderwertigkeit des Homosexuellen 
als Geschlechtswesen ausgedrückt, keinesfalls aber als Geschlechts- 
mensch. Im Gegenteil: im dekadenten Menschen komme die 
höchste Kultur eines Stammes zum Austrag. Tatsächlich habe 
Verfasser auch in den Homosexuellen, die er kennen gelernt, 
durchweg fein entwickelte und ästhetisch hochkultivierte Menschen 
gefunden. 

Die Homosexualität sei nicht als krankhaft zu betrachten 
und nicht mit sonstigen Perversitäten, wie Sadismus, Masochis- 
mus usw., auf eine Stufe zu stellen. Der grundsätzliche Wesens- 
unterschied zwischen der Homosexualität und den Perversitäten 
liege darin, daß die Homosexualität der Ausdruck eines Liebes- 
gefühls sei, das sich gegen eine bestimmte Gattung Menschen 
richte, während die Perversitäten Triebe seien, die auf eine be- 
stimmte Art der Betätigung hindrängten. Dort sei es also die 
Stimmung der Persönlichkeit, hier der rein männliche Betätigungs- 
drang, der aus dem Kähmen des gewöhnlichen herausträte. 

Von der homosexuellen Liebe behauptet Mühsam, sie sei viel 
häufiger rein idealer Natur als die Liebe zwischen Mann und 
Weib. 

(Worin ich ihm allerdings nach meiner Erfahrung 
nicht beistimmen kann.) 

Dagegen weist Mühsam mit Hecht auf die vielfach noch 
herrschenden abergläubischen Vorstellungen über die Homo- 
sexualität in der Art ihrer Befriedigung hin. 

Unwissende Familienväter stellten sich wohl einen Päde- 
rasten als einen schrecklich blickenden Lüstling vor, der jederzeit 
sprungbereit mit. geilem Drang jedes männliche Wesen mustere, 
nur auf den gelegenen Moment erpicht, ihn von hinterwärts zu 
notzüchtigen, sie seien dann wohl auch erstaunt bei wirklicher 
Bekanntschaft mit einem Homosexuellen einen häufig etwas scheuen, 
schüchternen, außerordentlich ungefährlichen Menschen kennen zu 
lernen, der sich bei näherem Hinsehen meist als geistig feiner und 
kluger Kopf erweise. 

Bei der großen Anzahl der Homosexuellen — etwa 2°/ 0 aller 
Menschen — sei die Ausbildung einer männlichen Protistution 
nicht zu verwundern. Zu der üblichen übertriebenen sittlichen 
Entrüstung über die Prostitution sei kein Grund vorhanden. Die 
Prostituierten beiderlei Geschlechts seien meist Opfer entsetzlicher 
sozialer Zustände. Das Strafgesetz selber habe ein Gewerbe ge- 
züchtet, dasjenige der Erpresser der Homosexuellen. 



— 502 — 



Neben der Homosexualität nimmt Mühsam ein häufiges Vor- 
kommen wirklicher Bisexualität an. Eine Klärung des bisexuellen 
Problems sei geeignet, gewisse anscheinend unüberbrückbare Wider- 
sprüche in der Theorie der wissenschaftlichen Antipoden aus der 
Welt zu schaffen. Die Art der Bisexualität schwanke in zahllosen 
Variationen. 

Für viele Bisexuelle sei wahrscheinlich die Neigung zu einem 
bestimmten Typus maßgebend, bei der das Geschlechtsorgan keine 
oder nur eine nebensächliche Rolle spiele. Dies dürfe man aber 
nicht verallgemeinern. Namentlich gäbe es unter den Bisexuellen 
Individuen, die bei einem Geschlecht nur auf einen bestimmten 
Typus, bei dem anderen dagegen fast nur auf jeden leidlich 
hübschen Vertreter des Geschlechts reagierten. 

Babs Theorie von der Bisexualität aller Menschen verwirft; 
Mühsam ganz entschieden. Auch Babs Forderung, „jeder Jüng- 
ling solle sich liebend einem ihm passenden Manne anschließen", 
geißelt Mühsam sehr scharf. 

Als unschätzbaren Vorzug der Homosexuellen hebt Mühsam 
ihr feines ästhetisches Empfinden hervor, ihren ausgeprägten Sinn 
für Formenschönheit und Naturgenuß. 

Für sehr zweifelhaft halte ich die weitere Behaup- 
tung von Mühsam, wonach auch die homosexuelle Ver- 
anlagung selbst mit dem ästhetischen Empfinden der 
Urninge zusammenhänge, da ästhetisch der Körper des 
jungen Mannes demjenigen der Frau überlegen sei. 

Das ästhetische Empfinden ist allerdings eine Eigen- 
schaft des sensitiven, feinfühligen, mit einem Gemisch 
femininer und viriler Eigenschaften ausgestatteten Kon- 
trären, aber die Triebrichtung wird durch dies ästhe- 
tische Empfinden nicht bestimmt, sie ist das Primäre 
neben den sonstigen Merkmalen der Homosexuellen 
parallel herlaufend, nicht aber Produkt des einen oder 
anderen Merkmals. 

Die Schrift von Mühsam ist eine sehr ansprechende, 
objektiv und verständig geschriebene, voll guter Gedanken. 
Am bemerkenswertesten sind die Ausführungen über die 
Bisexualität, denen ich voll und ganz beistimme. Be- 
herzigung verdient auch der sehr zu billigende Versuch, 



— 503 — 



einen Wesensunterschied zwischen Homosexualität und 
den eigentlichen Perversitäten festzustellen. 

Näcke, Dr., Forensieh-psyehiatrisch-psychologische 
Bandglossen zum Prozeß Dippold, insbesondere 
Uber Sadismus, im Archiv für Kriminal- Anthro- 
pologie und Kriminalistik von Groß, Bd. XIII, Heft 4. 

Näcke wirft unter anderem auch die Frage auf, ob bei Dip- 
pold Homosexualität oder homosexueller Sadismus vorgelegen habe. 

Sein Benehmen gegenüber den beiden Knaben (er habe sie 
geherzt, geküßt und unzüchtig berührt) spräche für Homosexualität, 
obgleich echte Homosexuelle gerade mit Knaben sich gewöhnlich 
nicht vergingen. Das Mißhandeln wegen geheimer Onanie und 
gleichzeitig die öftere Masturbation der Knaben lege den Gedanken 
sadistischer Onanie nahe. Näcke rügt es, daß man unterlassen 
habe, einen Spezialarzt auf dem Gebiet der sexuellen Anomalien 
zuzuziehen. 

Der homosexuelle Sadismus — anscheinend viel seltener als 
der heterosexuelle und viel häufiger bei Männern — könne mehrere 
Unterarten darbieten. Der häufigste Fall dürfte der sein, daß die 
geschlechtliche Erregung mit nachfolgender Befriedigung erst auf 
sadistische Beize hin erfolge. Oder es bestehe daneben eine Homo- 
sexualität, d. h. es finde der Reiz schon im Anblick oder Umgang 
mit gleichgeschlechtlichen Individuen statt, daneben aber zugleich 
die vorige Form. 

Dieser Fall scheine bei Dippold vorzuliegen. Oder es be- 
stehe Homosexualität neben heterosexuellem Sadismus (auch faute 
de mieux an Knaben), dies wäre nur bei psychischer Hermaphro- 
disie denkbar. Es könne sich schließlich auch um Pseudohomo- 
sexualität handeln; d. h. um heterosexuellen Sadismus in pseudo- 
homosexueller Handlung. Endlich wäre auch idealer Sadismus 
möglich (der nur in Gedanken und Träumen aufträte). 

Die verschiedenen Möglichkeiten in der Erklärung 
der psychischen Seite des äußerlich klaren Vorganges 
und die Schwierigkeiten ihrer Beurteilung, welche Näcke 
so scharf und klar auseinander setzt, zeigen deutlich, 
wie nötig die Beleuchtung seitens eines auf dem Ge- 
biete der sexuellen Anomalien Spezialsachverständigen 
gewesen wäre und wie unverzeihlich es war, daß dies 



— 504 — 



unterlassen wurde, obgleich Sachverständige, wie Moll, 
Sohren ck-Notzing oder Hirschfeld, zu Gebote gestanden 
hätten. 

Näcke, Dr., Das dritte Geschlecht, in der Politisch- 
Anthropologischen Revue, Jahrgang II, Heft 4. 

Die hauptsächlichsten Gedanken, die Näcke in dem im vor- 
jährigen Jahrbuch S. 1002 ff. von mir eingehend wiedergegebenen 
Aufsatz aus der „Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und 
psychiatrisch -gerichtlichen Medizin", Bd. LIX, Heft 6 ausgeführt 
hatte, sind hier in Kürze klar und trefflich zusammengedrängt. 
Notwendigkeit der naturwissenschaftlichen Beobachtungsweise der 
Homosexualität, Anerkennung der Homosexualität als normale, 
wenn auch immerhin seltene Varietät des Geschlechtstriebes. Ihre 
Berechtigung auch ohne Fortpflanzungszweck. 

Die konträre Sexualempfindung fast stets angeboren, die so- 
genannten erworbenen Fälle wohl meist bloß sogenannte tardive. 
Die Berechtigung auch der homosexuellen Lyrik, soweit sie decent 
bleibe, genau so beurteilt zu werden wie die heterosexuelle Liebe ; 
bei der größeren Zahl der Konflikte, die sie biete, gäbe es genug 
der spannenden Motive. 

Die auf alle Fälle vorhandene Notwendigkeit, den § 175 
aufzuheben. 

Pitres, A., et Regis, E., Les obsessions et les im- 
pulsions. Bibliotheque internationale de psychologie 
experimentale normale et pathologique. Paris, 1902, 
Dorin. 

Verfasser verstehen unter „impulsions" nicht nur die in der 
neueren deutschen Wissenschaft von den Zwangshandlungen ab- 
gesonderten, keinerlei vorangehenden Kampf voraussetzenden im- 
pulsiven Handlungen, sondern auch Zwangshandlungen, während 
sie unter „obsessions" die nicht in Handlungen ausgelösten Zwangs- 
vorstellungen begreifen. 

Zu den „impulsions" rechnen sie die sexuellen Anomalien, 
und zwar auch den Uranismus, obgleich sie bemerken, daß er 
weniger als die übrigen sexuellen Anomalien einen impulsiven 
Charakter aufweise. 



— 505 — 



Die Ursache der Anomalie sei in einer ab origine krank- 
haften, auf degenerativer Grundlage vorhandenen Anlage zu er- 
blicken. Ein zufälliges Ereignis könne die Perversion zur Ent- 
wickelung bringen, aber dieses zufällige Ereignis spiele nur eine 
untergeordnete Bolle; der unbedingt entscheidende Faktor sei die 
kongenitale Anlage für eine bestimmte Anomalie. Das okkas- 
sionelle Moment habe nur solche Wirkungen zur Folge, die zu 
dem Temperament der Idiosynkrasie des Individuums paßten. 

Bau, Hans, Liebesfreiheit. Orania- Verlag, Oranien- 
burg, 50 Pf. 

Die Liebe zum gleichen Geschlecht sei gleichberechtigt mit 
derjenigen zum anderen. Die höchste Entwicklung des mensch- 
lichen Geistes fände sich bei gewissen Homosexuellen der Kultur- 
geschichte. 

Die Homosexualität keine atavistische Erscheinung, ebenso- 
wenig Endpunkt der Entwickelung im Sinne einer höheren 
Menschenklasse. Sie sei nichts als eine natürliche von dem 
schaffenden Weltgeist hervorgebrachte Variation. 

Die Homosexualität dürfe nicht hoher gewertet werden als 
die normale Liebe, wenn auch nicht zu leugnen sei, daß eine 
geniale Geistesbeschaffenheit auf urnischem Boden tatsächlich 
reichere Früchte trage als auf normalem. 

Weil die uniischen Empfindungen als etwas durchaus natür- 
liches und gesundes aufzufassen seien, sei es unzulässig, sie in 
ihr Gegenteil zu verkehren, sie zu „heilen", wie die Arzte wollten. 

Der Homosexuelle könne nicht geheilt werden, er wolle es 
auch nicht, er sei stolz auf seine Liebe, die sich viel reiner und 
keuscher als die normale zu betätigen pflege. Der Uranier fühle 
sich sittlich auf einer viel höheren Stufe stehend als die meisten 
Normalen. Der Homosexuelle sei nicht zu bedauern, erst die 
menschlichen Gesetze und die allgemeine Ächtung hätten ihn zu 
einem Bedauernswerten gemacht. 

Im zweiten Kapitel weist Bau auf die berühmten Uranier 
hin und bespricht dann Byrons Leben vom Gesichtspunkt der 
Homosexualität aus betrachtet, indem er bei ihm konträre Sexual- 
empfindung nachzuweisen sucht. 

Dieser letztere Teil ist der Abdruck eines früher 
schon veröffentlichten, im Jahrbuch IV ausführlich im 
Auszug wiedergegebenen Aufsatzes von Bau. 



— 506 — 



Das Schriftehen schließt mit einem Aufruf „An alle Freunde 
echter Menschlichkeit", unterzeichnet von Bau und Gerling, in 
welchem zur Bekämpfung der gegen die Homosexuellen noch be- 
stehenden Vorurteile aufgefordert wird. 

< 

Bau wendet sich zwar an einigen Stellen gegen die 
Anmaßungen mancher Homosexuellen, die als edlere 
Menschen gelten und ihre Liebe als höhere bezeichnen 
wollen. Er fällt aber selbst an einigen Stellen in diesen 
Fehler und stimmt einmal sogar einen übertriebenen 
Lobgesang auf die Homosexuellen an, indem er sagt: 

„Der Urning vergeudet seine besten Kräfte nicht im Lust- 
bett der Prostitution; erkaufte Liebe ist ihm ein Greuel usw. 
Keine Arbeit ist ihm zu schwer, das Wohlbefinden des Freundes 
zu schützen. Ruhe und Schlaf, ja das Leben wird dem Freunde 
zum Opfer gebracht." 

Abneigung des Homosexuellen vor der Prostitution 
und besonders schöne und edle Ausgestaltung des Liebes- 
gefühls begegnet man bei Homosexuellen nicht weniger 
und nicht mehr als beim Heterosexuellen. Auch in 
dieser Beziehung hat er nichts vor dem Heterosexuellen 
voraus. 

Sau, Hans, Der Geschlechtstrieb und seine Ver- 
irrungen. Ein Beitrag zur Seelenkunde. Berlin SW., 
1903, Hugo Steinitz. 

Kapitel V. „Homosexualität und Päderastie." 

Dieselben Anschauungen wie in der vorher besprochenen 
Schrift. Die Ansicht von der Erwerbung der Homosexualität durch 
zufällige Ereignisse, etwa durch gleichgeschlechtlichen Verkehr in- 
folge Weibermangels, wird zurückgewiesen mit dem Hinweis, daß 
sonst auch der normale Verkehr nur durch Gewöhnung zustande 
kommen müsse, ferner müßten die vielen Zöglinge von Alumnaten 
und Pensionaten, die in der Pubertät gleichgeschlechtlich ver- 
kehren, homosexuell werden, was nur bei wenigen, den geborenen 
Homosexuellen zuträfe. 



— 507 — 



Erfreulicherweise hat sich Rau in seinem für weitere 
Kreise berechneten Schriftchen auf den Standpunkt der 
neueren Forschung über Homosexualität gestellt. 

Die Tendenz, die ich im vorher besprochenen Auf- 
satz von Rau rügte, nämlich die einer unnötigen, weil 
unzutreffenden Beschönigung des Charakters und des 
Gefühlslebens des Homosexuellen, hat Rau auch hier 
nicht völlig vermieden. 

Bau, Hans, Franz ftrillparzer und sein Liebesleben. 

Berlin, Verlag von Barsdorf. 

Den Schlüssel für das psychologische Rätsel, das Grillparzers 
Wesen biete, sieht Ran in der ausgesprochen weiblichen Natur des 
Dichters. 

In Grillparzer hätten weibliche und männliche Elemente im 
Streite miteinander gelegen. Meist habe das Weibliche die Ober- 
hand gewonnen und auch auf sein Liebesleben Einfluß gehabt. 
Er habe nie das wahre Glück der Liebe kennen gelernt, nie die 
Leidenschaft in ihrer aufwühlenden Stärke empfunden. Infolge 
seiner weiblichen Denk- und Empfindungsweise habe er sich weit 
mehr zum männlichen als zum weiblichen Geschlecht hingezogen 
gefühlt Dort wo er eine Frau zu lieben geglaubt, sei bald die 
Freundschaft an Stelle der Liebe getreten. Diese Erklärungen 
sucht Rau an der Hand der uns bekannten Beziehungen des 
Dichters zu Frauen und Freunden zu beweisen. Er behauptet, 
Grillparzer habe im Weibe die spezifisch weiblichen Eigenschaften 
nur wenig geliebt und mehr männliche Entschlossenheit und 
Energie geschätzt 

Die erste Leidenschaft zur 17jährigen Antonie sei bei näherer 
Bekanntschaft der Geliebten bald verschwunden; dieses Ver- 
schwinden der Leidenschaft bei näherem Bekanntwerden mit der 
Geliebten sei typisch im Liebensieben Grillparzers. Die zweite 
Leidenschaft für eine Sängerin, die als Cherubin in Figaros Hoch- 
zeit seine Liebesglut entflammt, sei wohl auf den Umstand des 
Auftretens der Sängerin in Enabenkleidern, auf die Doppel- 
geschlechtlichkeit in der Erscheinung der Sängerin zurückzuführen. 
Ihr habe auch Grillparzer das zierlichste Gedicht seiner Muse 
„Cherubin" gewidmet. 



— 508 — 



Für Raus Behauptungen von der geschlechtlichen Kälte 
Grillparzers gegenüber den Frauen scheinen einige vom Dichter 
ohne sein Zutun entfachte, aber von ihm unerwiderte Leiden- 
schaften einiger Frauen, so z. B. der früh verstorbenen Marie von 
Piquet, zu sprechen. 

Auch das jahrelang dauernde Verhältnis Grillparzers zu 
Katharina Fröhlich, das Bau eingehend erörtert, bietet manche 
Eigentümlichkeit Aber immerhin war es doch eine tiefgehende 
Leidenschaft, die größte seines Lebens, die Grillparzer zu Katha- 
rina hinzog. 

Sie gab ihm, wie Rau auch hervorhebt, Lebenswert und 
Lebensfreude, Schaffenslust und Schaffensfreude. Das Verhältnis 
blieb allerdings ein ideal platonisches. Znr Ehe konnte sich Grill- 
parzer nicht entschließen. Allmählich erkaltete Grillparzers Leiden- 
schaft; in seinem Tagebuch vermerkt Grillparzer, daß kein eigent- 
lich tugendhafter Vorsatz, vielmehr ein ästhetisches, künstlerisches 
Wohlgefallen an Katharinas Reinheit ihn vom sinnlichen Besitz 
zurückgehalten habe, wozu alle Gefühle und Gedanken ihn hin- 
trieben. Er habe sich abgekämpft gegen die fast immerwährende 
Aufregung. 

Bau hält diese Gründe für undenkbar, Grillparzer habe sich 
in dem Motiv seiner Enthaltsamkeit selbst getäuscht Der an- 
gebliche Entschluß, aus Wohlgefallen an der keuschen Jungfräu- 
lichkeit seiner Verlobten sie niemals zu berühren, sei vernunft- 
widrig und wäre auch bei Grillparzers Schwäche undurchführbar 
gewesen, wäre wirklich bei ihm ein ernster Konflikt vorhanden 
gewesen. Diese Enthaltsamkeit sei aber Grillparzer leicht ge- 
worden, weil er dieser, in seiner innersten, ihm selber verborgenen 
Natur wurzelnden Abneigung gegen den geschlechtlichen Verkehr 
entsprungen sei. 

Diese Auslegung hat manches für sich, ist aber 
durchaus nicht zwingend. Das Verhalten Grillparzers 
scheint mir sehr wohl mit heftigem sinnlichen Begehren 
seiner Geliebten vereinbar. Dem ehrlichen, ideal an- 
gelegten Charakter, der Grillparzer war, entsprach es, 
der Geliebten Jungfräulichkeit nicht zu zerstören und 
seine Triebe niederzukämpfen, da er zur Heirat sich 
nicht entschließen konnte und einen vorübergehenden 
Besitz ohne nachfolgende Ehe, der nur Entweihung der 
Jungfräulichkeit sein konnte, verschmähte. Grillparzer 



— 509 — 



direkte Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit dem 
Weibe unterzuschieben, scheint mir besonders deshalb 
gewagt, weil er selbst seine heftige sinnliche Leiden- 
schaft betont und man bei dem scharfen, psychologisch 
geschulten Geist eines Grillparzer die von Hau behaup- 
teten Täuschungen des Dichters über derartige elemen- 
tare Gefühle, wie die geschlechtlichen, nicht annehmen 
kann. 

Ob indessen Grillparzers Empfindungsweise sich völlig in den 
Bahnen der Normalität bewegt habe, wird namentlich dann frag- 
lich, wenn man berücksichtigt, daß er während seiner Studienzeit 
eine leidenschaftliche Neigung für einen jungen Mann, für den 
Altersgenossen Altmüller empfanden hat, die man mit Eau ge- 
radezu als heiße verzehrende Liebe bezeichnen kann. Alle Er- 
scheinungen der Liebe zeigt diese Freundschaft. Als er sich ein- 
mal von Altmüller betrogen glaubt, führt er, wie Bau richtig 
hervorhebt, in seinem Tagebuch die Sprache eines verlassenen 
Liebenden. Seine Verzweiflung ist grenzenlos. Er glaubt mit 
dem Leben abgeschlossen zu haben, sogar der Gedanke an Selbst- 
mord taucht auf. Es sind Gefühlsergüsse, wie gewöhnlich nur 
das Weib einem jungen Manne sie einflößt. Kein weibliches 
Wesen, sagt Eau, habe auch nur entfernt den gleichen Sturm der 
Gefühle in ihm erweckt 

Das Verhältnis zu Altmüller ist das einzige, in dem 
ich ein homosexuelles Gefühl erblicken kann. 

Bedenkt man nun, daß damals Grillparzer noch 
sehr jung, noch Student war, und später eine derartige 
Neigung zu einem Manne nicht mehr festzustellen ist, 
daß damals die Frau noch nicht, wie später, in seinen 
Gesichtskreis getreten war, so fragt es sich, ob es sich 
nicht um eine vorübergehende homosexuelle Episode ge- 
handelt hat 

Noch eine große Anzahl von Freundschaften finden sich vor, 
die Rau auch bespricht, so die mit Bauernfeld, Prechtler, Holtei, 
Beethoven. Reine gestattet aber die Deutung eines homosexuellen 
Empfindens Grillparzers. Bei der Freundschaft mit Prechtler zeigte 
letzterer, wie seine Briefe* lehren, eine geradezu überschwengliche 



— 510 — 



Neigung und enthusiastische Bewunderung für Grillparzer, indem 
er sein Gefühl für ihn mit demjenigen für die Geliebte in eine 
Reihe stellt. Ferner gesteht Holtei zu, daß er in seinem 15. Lebens- 
alter für einen 17jährigen Freund von einem nicht mehr Freund- 
schaft zu nennenden Gefühl ergriffen worden sei. 

Aber bei Prechtler und Holtei steht nicht fest, daß GriH- 
parzer für sie mehr als Freundschaft empfunden habe. 

Bestimmte Äußerungen Grillparzers über gleich- 
geschlechtliche Liebe fehlen völlig. Deshalb halte ich 
die Behauptung von Hau, Grillparzer habe die gleich- 
geschlechtliche Liebe als eine in der Natur begründete, 
der normalen Liebe gleichberechtigte Erscheinung be- 
trachtet, für unbewiesen. 

Im Schlußkapitel erörtert Rau die Charaktere in Grillparzers 
Dramen und sucht die Doppelnatur in seinen Gestalten aufzu- 
decken. Ebenso wie sich in Grillparzer selber männliche und 
weibliche Eigenschaften vereinigt hätten, ebenso seien seine Helden 
haltlose, vom Schicksal hin- und hergeworfene Menschen. 

Da ihm das feminine Empfinden stets näher als das männ- 
liche gestanden, sei er auch in der Schilderung der Frauen ein 
Meister ersten Ranges. 

In Grillparzers Dramen findet sich meiner Ansicht 
nach nur ein einziges deutlich homosexuelles Verhältnis, 
das zwischen Leander und Naukleros in „Des Meeres und 
der Liebe Wellen". Mit Recht sagt Rau, daß dieses 
Drama nicht nur das herrlichste Liebesdrama ist, sondern 
auch ein Freundschaftsdrama erhabenster Art. 

Das Buch von Rau ist ein, wenn auch nicht immer 
tiefgehender, so doch sehr anerkennenswerter Versuch, 
das Liebesleben des großen Dramatikers an der Hand 
unserer modernen Kenntnisse über sexuelle Zwischen- 
stufen zu ergründen, nur dürfte es auch Rau nicht ge- 
lungen sein, das Dunkel des Liebeslebens Grillparzers völlig 
zu klären. Namentlich erscheint seine Behauptung, Grill- 
parzer habe mehr zum Manne als zum Weibe hingeneigt, 
allzu kategorisch und nicht genügend begründet. 



— 511 — 



Ich möchte annehmen: Daß 

1. Grillparzer sinnliche Liebe zur Frau empfand, 

2. daß er jedenfalls kein echter Homosexueller war, 

3. daß er in seiner Jugend, wenigstens seinem 
Freunde Altmüller gegenüber, homosexuell empfand, 

4. daß es aber zweifelhaft ist, ob später noch homo- 
sexuelle Gefühle bei Grillparzer auftraten und in welcher 
Stärke. 

Raus Buch bat eine scharfe und im allgemeinen durchaus 
unberechtigte Kritik seitens Anton Bettelheim (Wien) im „Lite- 
rarischen Echo", 2. Novemberheft, erfahren. Nachdem dem 
Verfasser in völlig ungerechter Weise Motive erotischer Speku- 
lation untergeschoben werden, wird Raus Behauptung von der an- 
geblichen Kälte und Enthaltsamkeit Grillparzers gegenüber dem 
weiblichen Geschlecht und dann namentlich die Annahme homo- 
sexueller Gefühle entrüstet zurückgewiesen, ohne daß der Kritiker 
sich die Mühe genommen hätte, auf Raus Gründe und auf einige 
Verdachtsmomente, wie das der Liebe zu Altmüller, einzugehen. 

Dag« gen ist ein anderer Schriftsteller, Felix Poppenberg, 
bei Besprechung des Tagebuchs Grillparzers in der „Neuen 
Deutschen Rundschau", Oktoberheft 1903: „Grillparzers 
Inferno" zum Teil zu ähnlichen Schlüssen wie Rau gelangt. 

Er hebt die phantasievolle Glut des Dichters bei der bloßen 
Vorstellung der Frau und seiner Gleichgültigkeit und Kälte der 
wirklichen Frau gegenüber hervor, sowie einen femininen Zug, 
der dem homosexuellen Fühlen nahekomme und seine sexuelle 
Disposition kompliziere. 

Leidenschaftliche Freundschaftsergüsse stünden in den Tage- 
büchern, bei denen man an Platen und Liebig denke. Schwär- 
merische Jünglingsfreundschaften zu Beginn des 19. Jahrhunderts 
seien durchaus nichts außergewöhnliches und nichts sei verkehrter, 
als überall Pathologisches zu wittern, aber es bliebe doch auf- 
fallend, daß auf allen Seiten, die so viel von Frauen handelten, 
nicht einmal ähnlich überströmend, ähnlich gefühlslodernd von 
einer Frau gesprochen werde, als von dem Jugendfreund. 

Nachdem Poppenberg die leidenschaftliche Liebe Grillparzers 
zu Altmüller geschildert, fahrt er fort: 

„Die gemischtgeschlechtlichen Gefühle können Grillparzer 
übrigens nicht fremd gewesen sein, er hatte ein ausgesprochenes 
Interesse für hermaphroditische Motive. Ihn fesselte der Stoff 



— 512 — 



,.Die Familie Moscoso von Altariva", weil hier ein Mädchen als 
Knabe aufgezogen wird und in dem Cherubingedicht verdich- 
tete er die durch die Geschlechtsmaskerade erregte Gefühlsver- 
wirrung" .... 

Sherard, ßobert Harborongh, Oskar Wilde. Die 

" Geschichte einer unglücklichen Freundschaft. Deutsch 
von Freiherr von Teschenberg. Minden in Westf., 
Bruns Verlag. 

Das homosexuelle Moment im Leben Oskar Wilde's wird in 
Sherard's Buch absichtlich nicht erörtert. 

Sherard entwirft von Wilde das Bild eines genialen Mannes 
von seltenen Charakterzügen und schönster Herzensgüte, in stellen- 
weiser etwas naiver Bewunderung preist er die Vorzüge und 
Eigenschaften des Geistes und der Seele des unvergeßlichen 
Freundes. Besondere Hervorhebung verdienen folgende Sätze, 
die so recht beweisen, daß zweifellos die gleichgeschlechtlichen 
Gefühle, die Wilde vor den Richter führten, Ausfluß einer an- 
geborenen Natur waren und daß Wilde nicht der lasterhafte, ge- 
sunkene Wüstling war, zu dem ihn so viele Feinde stempeln wollten. 

Seite 3 sagt Sherard: „Er habe niemals einem Manne be- 
gegnet, der in seinen Gesprächen reiner und für das Laster in 
seiner Gemeinheit und Häßlichkeit verachtungsvoller gewesen wäre 
wie Wilde." 

Und S. 26: „Das Beispiel seines vollendeten Anstandes in 
seiner Redeweise, in die niemals eine unlautere Idee eindrang, 
die höheren Ideale, welche er verfolgte, die Eleganz und Vor- 
nehmheit, welche ihn auszeichneten, würden selbst den Perver- 
sesten und Ausschweifendsten einigen Rückhalt auferlegt haben." 

Schneidt, Karl, Die Hundertfünfundsiebziger, in der 

„Welt am Montag" vom 4. Januar 1904. 

Schneidt erkennt an, daß die Homosexuellen weder die Ver- 
achtung ihrer Mitmenschen noch die Härte des Gesetzes verdienten, 
er will sie aber lediglich als bemitleidenswerte Kranke betrachtet 
wissen und wendet sich gegen die Forderung der Homosexuellen 
nach Gleichstellung der homosexuellen Liebe mit der normalen. 

Besonders aber tadelt er die „Exaltados" der Homosexualität, 
die die gleichgeschlechtliche Liebe einseitig verherrlichen und 
glauben machen wollten, als sei ihre Veranlagung die edlere und 
höhere. 



— 513 — 



In diesem Tadel bin ich mit Schneidt einig, auch 
ich weise jede höhere Wertung der homosexuellen Liebe 
zurück. Desgleichen stimme ich mit Schneidt darin 
überein, daß manche Homosexuelle allzu leichtfertig 
gewisse Geisteshelden zu den Homosexuellen rechnen. 

Des weiteren kann man Schneidt auch darin nicht 
Unrecht geben, daß er es — wenn auch allzu schwarz- 
seherisch und schroff — rügt, daß Hitzköpfe und un- 
reife Jünglinge aus Eitelkeit die schwierigen Fragen der 
Homosexualität in Aufsätzen, die oft schon im Stil ihre 
Unbildung und Unreife verrieten, behandelten. Hierbei 
darf man aber nicht vergessen, daß ebenso viele unreife 
und in der homosexuellen Frage unwissende Hetero- 
sexuelle sich anmaßen, in dieser Frage schriftstellerisch 
aufzutreten und durch ihre lächerlichen Produkte die 
Homosexuellen zur Bekämpfung der herrschenden Vor- 
urteile reizen. 

Sittlichen Ernst und wissenschaftliche Befähigung erkennt 
Schneidt auf Seite des Komitees an , aber er behauptet , es 
hätte sich — wenn auch aus dem idealen Drang den in ihrer 
innersten Natur verkannten Homosexuellen zu helfen — die Bun- 
desgenossenschaft einer namenlosen Winkelpresse gefallen lassen 
und sei Arm in Arm mit lärmvollen und unreifen Elementen vor 
die Öffentlichkeit in Versammlungen getreten, bevor es überhaupt 
über einwandsfreie Forschungsergebnisse verfugte. 

In der „Zeit am Montag 66 vom 11. Januar hat 
Dr. Hirschfeld auf diesen Vorwurf erwidert, 

„daß sehr ernste wissenschaftliche Arbeiten, die sich über 
einen Zeitraum von über 30 Jahren erstreckten, es über jeden 
Zweifel sicher gestellt hätten, daß das gleichgeschlechtliche 
Empfinden eine vielen Personen angeborene, untrennbar mit ihrer 
Konstitution verknüpfte Eigenschaft sei, ferner daß in öffentlichen 
Versammlungen jeder sprechen könne und eine Verbindung des 
Komitees mit irgend welchen Elementen nicht vorhanden sei." 

Schließlich meint Schneidt, zahlreiche und human empfindende 
Leute hegten schwere Bedenken, sich der auf Beseitigung des 
§175 abzielenden Bewegung anzuschließen, weil ihre Hauptforderer 
Jahrbuch VI. 33 



— 514 — 



keine Mittel anzugeben wüßten, wie der homosexuellen Prostitution 
und der Verführung nicht homosexuell veranlagter Personen, so- 
wie der Vergewaltigung von Knaben und Jünglingen durch Vor- 
gesetzte. Arbeitgeber usw. beizukommen sei. 

Schnaidt ist im Irrtum. Derartige Mittel kann ich 
ihm leicht angeben. Man mag den die weibliche Prosti- 
tation bestrafenden § 361 6 anf die männliche ausdehnen, 
wenn man sie furchtet, ferner kann man einen Para- 
graphen zum Schutz der Jünglinge bis zu 16 (oder 
auch 18) Jahren aufnehmen (auch die Petition sieht ja 
einen derartigen Paragraphen vor). 

Über dieses Alter hinaus (16 oder 18 Jahre) er- 
scheint aber die Bestrafung einer Verführung unzulässig, 
da man doch auch nicht daran denkt, die Verführung 
eines Mädchens zu bestrafen, die ganz anders in deren 
Lebensschicksal eingreift, wie homosexuelle Akte mit fast 
großjährigen jungen Männern. Vergewaltigung, d. h. mit 
Gewalt ausgeführte homosexuelle Handlungen oder solche 
mit Unzurechnungsfähigen ausgeführte, verdienen aller- 
dings Bestrafung, daher ist Ausdehnung des § 176 Nr. 1 
und 2 auf derartige Handlungen am Platze und zwar 
einerlei, ob der Vergewaltigende Vorgesetzter oder Arbeit- 
geber ist. Endlich sind homosexuelle Handlangen, die 
unter Mißbrauch eines gewissen Autoritätsverhältnisses 
begangen werden, schon nach § 174 strafbar. Den Miß- 
brauch anderer Autoritätsverhältnisse als der in § 174 
genannten, speziell hinsichtlich der homosexuellen Hand- 
lungen strafbar zu erklären, dazu liegt nicht der min- 
deste Grund vor; ein weit größeres, mindestens gleiches 
Interesse bestände zum Schutze der schwächeren Mädchen. 

In dem Artikel von Schneidt: „Bagout fin" in 
einer weiteren Januarnummer der „Zeit am Montag" 

berichtet Schneidt über die Menge von Schreiben,» die er 
auf seinen ersten Artikel hin von Seiten Homosexueller empfangen 
habe. In ironischer, geistreicher Weise spottet er über das pöbel- 
hafte Benehmen dieser Homosexuellen und ihre rohen und ordi- 



— 515 — 



nären, dazu anonymen Beschimpfungen. Nur zwei Briefe seien 
unterzeichnet gewesen, der eine von Brand, der andere von Bab. 
Beide Schriftsteller nimmt Schneidt von den Elementen aus, die 
er in seinem ersten Artikel angegriffen, jedoch bekämpft er die 
Anschauungen beider, namentlich hält er die künstlerische Behand- 
lung und Verherrlichung der Homosexualität für um so gefähr- 
licher, je größer der ästhetische Gehalt des Kunstwerkes sei. 

Die Homosexuellen, welche auf die scharfen, aber 
teilweise berechtigten, jedenfalls durchaus in anständigem, 
ernstem Tone gehaltenen Angriffe für gut befunden haben, 
mit Schimpfworten zu antworten, haben die treffliche 
Abführung seitens Schneidt verdient. 

Es ist erfreulich, daß Schneidt jedoch gerecht genug war, 
anzuerkennen, daß es unstreitig auch eine ganze Menge höchst 
achtbarer Personen unter den Homosexuellen gäbe, denen man 
schweres Unrecht zufügen würde, wollte man ihr Bildungsniveau 
und ihre Ethik nach derjenigen dieser Briefschreiber beurteilen. 

Sper, Dr. A., Caprl und die Homosexuellen. Eine 
psychologische Studie. Orania-Verlag, Oranienburg- 
Berlin. 

Davon ausgehend, daß das Klima auf Ausbildung und 
Eichtling des Geschlechtstriebes einen gewissen Einfluß ausübe, 
stellt Verfasser die nicht unanfechtbare Behauptung auf, daß die 
Homosexualität im Süden und namentlich in Italien weit ver- 
breiteter als im Norden sei. In der sog. „arkadischen Zone" sei 
die eigentlich nicht als Laster, vielmehr nur als eigenartig antro- 
pologische Erscheinung zu betrachtende Homosexualität populär 
und epidemisch. Besonders in Capri habe sie von jeher geblüht, 
woran abgesehen vom Klima die paradiesische Schönheit der 
dortigen männlichen Jugend hauptsächlich Schuld sei. 

In Italien, wo Päpste und überhaupt die edelsten Vertreter 
der Nation der Männerliebe gehuldigt, bedeuteten die gegen Krupp 
erhobenen Anschuldigungen nicht viel. 

Dem gegenüber ist zu berücksichtigen, daß bei den 
noch herrschenden Vorurteilen auch für einen Krupp die 
öffentliche Enthüllung seines Naturtriebes eine Brand- 
markung bedeutete, die ihn in den Tod jagen konnte. 

33* 



— 516 — 



Die Verteidigung Krupps fuhrt Sper überhaupt zu einer 
schiefen Beurteilung der Homosexualität. Er geißelt zwar die 
Ungerechtigkeit des § 175 und fordert seine Aufhebung, aber er 
stellt eine falsche Unterscheidung zwischen edler und sinnlicher 
Homesexualität auf und bringt sie in einen unrichtigen Gegensatz 
zueinander. 

Nach Sper sollte man meinen, es gäbe eine große 
charakteristische Klasse von Homosexuellen, die an völlig 
keuscher, schwärmerischer Liebe und idealem Schönheits- 
kult sich begnügten, und dann im Gegensatz zu dieser 
Kategorie eine Klasse sinnlicher Gesellen. Keusche Homo- 
sexuelle kommen' nun gewiß vor, ebenso wie keusche 
Heterosexuelle, sie sind aber selten. Meist hat der 
Homosexuelle Bedürfnis nach sinnlichem Verkehr und 
huldigt ihm auch. Deshalb braucht er aber kein sinn- 
licher Geselle, kein Wüstling zu sein und kann trotzdem 
edlere Liebe empfinden. Man braucht die Homosexuellen, 
wenn man sie verteidigen will, nicht als Engel zu malen, 
sie verlieren nichts an Achtung, sie werden nicht zu 
Lüstlingen gestempelt, wenn man der Wirklichkeit ent- 
sprechend zugesteht, daß die meisten — ebenso wie die 
Heterosexuellen — des sinnlichen Verkehrs bedürfen und 
ihn ausüben. 

Endlich muß entschieden der Auffassung wider- 
sprochen werden, als habe der Kaiser in seiner berühmten 
Essener Rede sich auf den Standpunkt der neueren 
Forschungen über Homosexualität gestellt, die die Be- 
seitigung des § 175 verlange. Davon ist nichts, aber 
auch gar nichts aus der Rede herauszulesen. 

Was schließlich die Frage betrifft, ob tatsächlich 
Krupp homosexuell gewesen ist oder nicht, so will ich 
nur bemerken, daß mir schon drei Jahre vor Krupps Tod 
in Rom von Deutschen mitgeteilt wurde, Krupp sei homo- 
sexuell. 



— 517 — 



Einige Monate später wurde mir dasselbe in Baden- 
Baden, wo Krupp eine Villa besitzt, erzählt. Endlich 
äußerte sich mir gegenüber ein heterosexueller adliger 
Herr bald nach Krupps Tode, daß in seinen Kreisen es 
schon vor etwa zehn Jahren allgemein gesagt wurde, es 
schicke sich nicht für einen Krupp, der griechischen 
Liebe zu huldigen. 

Sper verfolgt dann den Zweck, Krupp von dem Verdacht 
der Homosexualität und mindestens von demjenigen eines ge- 
schlechtlichen Verkehrs mit Männern zu reinigen, wobei er sich 
jedoch in Widersprüche verwickelt und sich zahlreicher — viel- 
leicht absichtlicher — Unklarheiten schuldig macht. 

Er meint, Krupp sei ein Opfer des italienischen Milieu ge- 
worden. Der Italiener aus dem Volk habe den Verkehr des 
Millionärs Krupp mit armen Landleuten nur homosexuell deuten 
können. Krupp sei aber nicht homosexuell, vielmehr Mann in 
der Wortes tiefster Bedeutung gewesen. 

Diese Behauptung von Sper paßt jedoch schlecht zu 
der fast im gleichen Satze von Krupp gegebenen Cha- 
rakteristik als einer „hypersensitiven Künstlernatur", als 
ein Mann, über dessen Wesen ein fast femininer Hauch 
ausgebreitet gewesen sei, eine Charakteristik, die eher 
auf einen Homosexuellen, als auf einen Vollmann hin- 
weist 

Des weiteren heißt es doch sicherlich die ganze 
Sache auf den Kopf stellen, das tragische Ende Krupps 
als Beweis von der Unwahrheit des über ihn verbreiteten 
Gerüchts aufzufassen, weil kein Homosexueller in ver- 
hängnisvolle Erregung gerate, keiner in der Beschul- 
digung der Homosexualität eine Beleidigung erblicke (!). 

Alles, was Sper in dieser Beziehung sagt, läßt sich 
nicht halten: Gesellschaftlich ist ja der Homosexuelle 
nicht anerkannt; noch in den weitesten Kreisen — und 
gerade in den hochkonservativen, orthodoxen Kreisen 
Krupps — gilt der Homosexuelle als lasterhafter Mensch, 
als Verbrecher, jedenfalls dann, wenn seine Homosexualität 



— 518 — 



öffentlich bekannt wird. Den besten Beweis, wie wenig die 
Homosexualität den neuen wissenschaftlichen Forschungen 
entsprechend beurteilt wird, lieferte das Gebahren der 
meisten Zeitungen im Falle Krupp; keine wagte zu ver- 
künden, daß die Homosexualität kein Laster sei und 
ihre Betätigung keine ehrenrührige Handlung bedeutet 
Das Komitee allein hat öffentlich Protest gegen diese 
Auffassung erhoben. 

Tarnowsky, L'instlnct sexuel et ses manlfestatlons 
morbides an double polnt de Tue de la Juris- 
prudence et de la Psychiatrie. Paris, 1904, Car- 
rington. 

Das Buch ist die französische Übersetzung des schon vor 
Jahren erschienenen verdienstvollen, aber zur Zeit in vielen 
Punkten überholten Originalwerkes, in welchem Tarnowsky als 
einer der Ersten die angeborene Perversion eingehend besprochen 
hat, wenn er auch in vielen Fällen eine Erwerbung annimmt. 
Besonders bemerkenswert ist auch der Abschnitt über die psychische 
Hermaphrodisie, der noch heute Beachtung beanspruchen kann. 

Der Übersetzung hat der bekannte französische Professor 
Laccasagne eine Bibliographie der Homosexualität beigefügt, die, 
wie er bemerkt, entnommen sei teils persönlichen Notizen, teils 
dem „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen." Die Bibliographie, 
die mit Ausnahme von drei oder vier Büchern, bei denen kurze 
Notizen angegeben sind, nur die Titel anfuhrt, ist ziemlich un- 
vollständig. 

Anscheinend ist nur die Bibliographie des Jahrbuches I 
benutzt, und auch aus dieser sind gerade hochwichtige homo- 
sexuelle Sachen (z. B. Eckhouds Werke) bei Seite gelassen, wäh- 
rend manche Schrift, deren homosexueller Charakter überhaupt 
fraglich ist, Aufnahme gefunden hat. Die neueste Literatur seit 
dem ersten Jahrbuch fehlt völlig. 

Taruffi, Caesare, Hermaphrodismus und Zeugungs- 
unfähigkeit. Eine systematische Darstellung der 
Mißbildungen der menschlichen Geschlechtsorgane. 
Ubersetzt von Dr. med. Teuscher. Berlin, 1903, Ver- 
lag von Barsdorf. 



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Nach einem historischen Überblick über die den Herma- 
phrodismus berührenden Forschungen wird in Teil I der ana- 
tomische Hermaphrodismus behandelt in folgenden Artikeln: 

1. Hermaphrodismus der spezifischen Geschlechtsdrüsen. 

2. Hermaphrodismus der aplasischen Geschlechtsdrüsen. 

3. Pseudo-Hermaphrodismus; A. Männlicher. B. Weiblicher. 
Teil II enthält: Feminismus (der feminierte Mann) d. h. 

Fälle, wo im Äußern, im Körperbau usw. beim Manne sich Cha- 
raktere des Weibes finden, besonders wird Kleinheit der Gestalt 
hervorgehoben, Mikrosomie, die bis zum Nanismus (Zwerg- 
haftigkeit) gehen könne. 

Infantilismus: Fortdauer vom Habitus und Äußerem des 
Kindes. 

Gynäkomastie: Weibliche Brüste bei Männern. 

Zweiter Abschnitt: Invirilismus (Virago, Kap. I), d. h. an- 
geborene Entwicklung eines oder mehrerer Teile eines Weibes mit 
psychischen und funktionellen Eigenschaften, die denen des Mannes 
ähnlich. Dazu gehören besonders: 

Weibliche Makrosomie (Kap. II), also hohe Statur, Hyper- 
trichosis (Kap. in), Bartwuchs bei dem Weibe. 

Makrosomie und Hypertrichosis könnten für sich allein ge- 
nommen, nicht als wesentlich und ausschließlich für den Inviri- 
lismus betrachtet werden, denn der eine oder andere oder beide 
könnten fehlen, und dennoch könnten Frauen aus andern Gründen 
als Viragines zu betrachten sein. 

Auch die Elephantiasis (Kap. IV) (d. h. außergewöhnliche 
Größe) und Hypertrophie der Clitoris, die nicht die anatomischen 
Eigenschaften des Penis, sondern nur eine grobe Ähnlichkeit zeige, 
sei nur als Pseudo-Invirilisinus zu bezeichnen und mache nicht 
den Typus der Virago aus, könne aber bewirken, daß die Frau 
zur Tribade werde. 

Unter dem „Psychologischen Invirilismus" (Kap. V) 
erwähnt Verfasser in § 1, betitelt: „Psychopathie", durch männ- 
liche psychologische Eigenschaften ausgezeichnete Frauen (Jeanne 
d'Arc usw.) (in Kunst und Wissenschaft hervorragende Frauen usw.), 
und in §2 „Der psychisch-sexuelle Invirilismus" die Fälle 
von Satyriasis, während er in § 3 „Sexuelle Perversion", die 
konträre Sexualempfindung im allgemeinen bespricht. Dabei 
bringt er kaum mehr, als die Einteilungen und Resultate aus 
Krafit-Ebing, dagegen enthält Kapitel VI., das speziell dem „Tri- 
badismus" gewidmet ist, einige weniger bekannte historische und 



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literarische Notizen, so von Marokkanischen Wahrsagerinnen, Sa- 
hacat genannt (d. h. Fricatrices), die als Bezahlung für ihre Weis- 
sagungen von den sie konsultierenden Frauen, die ihnen gefielen, 
geschlechtlichen Verkehr verlangten, ferner z. B. zwei Stellen aus 
der Schrift |des berühmten italienischen Arztes Girolamo Merenziale 
aus dem 17. Jahrhundert „Variorum lectionum in medicinae scrip- 
toribus", von denen eine unter Anführung von Citaten in griechischer 
Sprache den Gebrauch der Cunilingui Weiber im Altertum be- 
spreche. (Nach Haller 13. Kap. des 2. Buches: Miscellanea in 
antiquitate sumpta loci veterum emendati, explicati, pleraque 
practica, conciliata in poetarum italorum veterum locis.) 

Der dritte Abschnitt beschäftigt sich wieder mit den urethro- 
sexualen Neubildungen und das zweite Kapitel dieses Abschnitts 
„Psycho-sexuelle Pathologie", behandelt die psychischen 
Alterationen und Einflüsse, die die Mißbildungen der Geschlechts- 
organe zur Folge hätten, insbesondere wird auch Ehescheidung 
und Ungültigkeit der Ehe als Folge der Mißbildung besprochen. 

Sämmtlichen Abschnitten sind umfangreiche Belege, Darstel- 
lungen und Berichte über die einzelnen Fragen beigegeben. 

Das Bach enthält eine große und zum Teil wert- 
volle Fülle des Materials, die ganze Disposition scheint 
mir aber unklar und unübersichtlich, überhaupt macht 
das ganze Werk den Eindruck des wissenschaftlich un- 
genügend Vorbereiteten, der vorwiegenden Mosaikarbeit, 
der mangelhaften Synthese. 

Wein Inger, Dr. Otto, Geschlecht und Charakter. 

Eine prinzipielle Untersuchung. Wien und Leipzig, 
1903, Wilhelm Braumüller. 

Das Buch beabsichtigt, die geistigen Differenzen der Ge- 
schlechter in ein System zu bringen. Das Einzelproblem des 
Geschlechtsgegensatzes bilde den Ausgangspunkt für die höchsten 
und allgemeinsten Menschheitsprobleme. 

Die bisherige scharfe Unterscheidung zwischen Mann und 
Weib sei unrichtig. Die geschlechtliche Differenzierung sei nie 
eine vollständige. Alle Eigentümlichkeiten des männlichen Ge- 
schlechts seien irgendwie, wenn auch noch so schwach entwickelt, 
beim weiblichen Geschlecht nachzuweisen und umgekehrt 



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Es gäbe unzählige Abstufungen zwischen Mann und Weib, 
sexuelle Zwischenformen. Man könne einen idealen Mann und 
ein ideales Weib, die in der Wirklichkeit nicht existierten, nur 
als sexuelle Typen aufstellen. Jeder Mensch bewege sich in der 
Wirklichkeit zwischen diesen zwei idealen Extremen. Es gebe in 
der Erfahrung nicht Mann und Weib, könne man sagen, sondern 
nur Männliches und Weibliches. 

Das Geschlecht sei nicht auf gewisse Organe oder Stellen 
beschränkt, jede Zelle des Organismus sei geschlechtlich charak- 
terisiert, habe eine bestimmte sexuelle Betonung, diese sexuelle 
Charakteristik der Zelle könne einen verschieden hohen Grad 
haben. Die Geschlechtlichkeit des Individuums werde durch die 
innere Sekretion der Keimdrüse beeinflußt, diese Sekretion müsse 
in gewissem Maße als ergänzende Komplementärbedingung hinzu- 
kommen, um ein bestimmt qualifiziertes Masculinum oder Femi- 
ninum hervorzubringen. Die verschiedenen Zellen eines und des- 
selben Organismus würden nicht immer die gleiche und sehr oft 
nicht eine gleich starke Charakteristik besitzen. 

Es läge durchaus nicht in allen Zellen eines Körpers der 
gleiche Gehalt an Männlichem und Weiblichem. Daher z. B. 
Männer mit sehr schwachem Bart, Menschen mit rechter weiblicher 
und linker männlicher Hüfte und dergl. 

Wenn auch weite Abstände in der sexuellen Charakteristik 
zwischen den verschiedenen Zellen oder Organen desselben Lebe- 
wesens eine Seltenheit bildeten, so müsse man doch die Spezi- 
fizität derselben für jede einzelne Zelle als allgemeinen Fall an- 
sehen. 

Die verschiedenen Grade der ursprünglichen sexuellen Cha- 
rakteristik zusammen mit der (bei den einzelnen Individuen 
wahrscheinlich qualitiv und quantitiv) variierenden inneren Sekretion 
bedingten das Auftreten der sexuellen Zwischenformen. 

Weiningers Annahme, daß das Männliche und Weibliche in 
verschiedenen Verhältnissen sich auf die Lebewesen verteile, führt 
ihn zu einer Erklärung der sexuellen Anziehung, zu einem Natur- 
gesetz, daß darin bestünde, daß immer ein ganzer Mann und 
ein ganzes Weib danach trachteten, zu sexueller Vereinigung 
zusammen zu kommen, wenn auch das Männliche nnd Weibliche 
in jedem einzelnen Fall auf die zwei verschiedenen Individuen in 
verschiedenen Verhältnissen verteilt sei. Die sexuelle Anziehung 
sei zwischen denjenigen Individuen am größten, von denen das 
eine ebensoviel Männliches wie das andere Weibliches besitze: 
Dieses Gesetz der sexuellen Anziehung sei nicht das einzige, es 



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kämen noch sehr viele andere, noch nicht genügende bekannte 
Faktoren hinzu. 

In dem Gesetz der sexuellen Anziehung sei zugleich die Er- 
klärung der konträren Sexualempfindung zu suchen. Jeder Kon- 
träre weise auch anatomisch gewisse Charaktere des andern Ge- 
schlechts auf. Schon das zeige die Unrichtigkeit der Anschauung, 
wonach der konträre Sexualtrieb im Laufe des Lebens erworben 
sei und das normale Geschlechtsgefühl überdecke. Ebensowenig 
sei die konträre Sexualempfindung ein auf Grund heriditärer Be- 
lastung ererbtes krankhaftes Symptom. 

Die Homosexualität sei kein Bückschlag oder unvollendete 
Entwicklung oder mangelhafte Differenzierung der Geschlechter, 
überhaupt keine Anomalie, die nur vereinzelt dastünde und als 
Rest einer früheren Undifferenziertheit in die sonst völlig voll- 
zogene Sonderung der Gesehlechter hineinrage. Die Homosexu- 
alität sei vielmehr als die Geschlechtlichkeit der sexuellen Mittel- 
stufen in den kontinuierlichen Zusammenhang der sexuellen 
Zwischenformen einzureihen. 

In jedem menschlichen Wesen sei entsprechend dem mehr 
oder minder rudimentär gewordenen Charakter des andern Ge- 
schlechts auch die Anlage zur Homosexualität, wenn auch noch 
schwach, vorbanden. Es gäbe eigentlich keine völlig Invertierte, 
sondern nur Bisexuelle, bei denen entweder die Homo- oder 
Heterosexualität schließlich die Oberhand gewonnen. 

* Das konträre Geschlechtsgefühl sei keine Ausnahme vom 
Naturgesetz, sondern nur ein Spezialfall desselben. Ein Indivi- 
duum, das ungefähr zur Hälfte Mann, zur Hälfte Weib sei, ver- 
lange eben nach dem Gesetz der sexuellen Anziehung zu seiner 
Ergänzung ein anderes, das ebenfalls von beiden Geschlechtern 
etwa gleiche Anteile habe. 

Dies sei auch der Grund, daß die Konträren fast immer nur 
untereinander ihre Art von Sexualität ausübten. 

Das therapeutische Verfahren der Suggestion, mit dem man 
die sexuelle Perversion heute bekämpfe und das nur minimale 
Erfolge aufweise, zeige die Unzulänglichkeit der bisherigen Er- 
klärungstheorien der konträren Sexualempfindung. Halte man eine 
Therapie der konträren Sexualempfindung unbedingt für wünschens- 
wert, so könne die Suggestionskur nur da Erfolg haben, wo man 
den Konträren Neigung für das seiner Natur entsprechende Kom- 
plement einzuflößen suche, d. h. Neigung für das möglichst männ- 
liche Weib ; man müsse den Homosexuellen an die Tribade weisen* 
Der Sinn dieser Empfehlung könne aber nur der sein, dem Kon- 



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trären die Befolgung der noch in Kraft stehenden Gesetze gegen 
homosexuelle Akte, die eine Lächerlichkeit seien, möglichst leicht 
zu machen. 

Es sei ganz verwerflich und auch mit den Prinzipien des 
Strafrechts, das nur das Verbrechen, nicht die Sünde ahnde, völlig 
unvereinbar, dem Homosexuellen seine Art des Geschlechtsverkehrs 
zu verbieten und dem Heterosexuellen die seine zu gestatten. 

Die Subsumption der Konträren unter die sexuellen Zwischen- 
stufen und das entwickelte Gesetz ihres Geschlechtsverkehrs 
scheine allerdings für eine Klasse von Fällen nicht zu passen. 
Es gäbe nämlich Männer, die sehr wenig weiblich seien und trotz- 
dem sich von Personen des eigenen Geschlechts mehr angezogen 
fühlten als von Frauen, durchaus männliche Männer, auf die das 
eigene Geschlecht eine stärkere Wirkung ausübe als auf Männer, 
die weiblicher seien als sie. 

Diese Männer könne man im Gegensatz zum Homosexuellen 
als Päder asten bezeichnen. Während der Homosexuelle derjenige 
sei, der weibliche Männer und männliche Weiber bevorzuge, könne 
der Päderast sehr männliche Männer, aber ebensowohl sehr weib- 
liche Frauen lieben, das letztere, soweit er nicht Päderast sei. 
Dennoch werde die Neigung zum männlichen Geschlecht bei ihm 
stärker sein und tiefer gehen als die zum weiblichen. Die Frage 
nach dem Grund der Päderastie bilde ein Problem für sich, das 
er, Weininger, bei seiner Untersuchung unerledigt lassen wolle. 

Sein Prinzip der sexuellen Zwischenstufen wendet Weininger 
auch auf die Charakterologie an. Auch von dem Charakter könne 
man wissenschaftlich nicht mehr wie bisher sagen, er sei männlich 
oder weiblich schlechthin, sondern man müsse fragen, wie viel 
Mann, wie viel Weib in einem Menschen sei. Das verschieden 
abgestufte Beisammensein vom Männlichen und Weiblichen sei 
Hauptprinzip aller wissenschaftlichen Charakterologie, diese Tat- 
sache sei besonders von der speziellen Pädagogik zu berücksichtigen, 
die sie bisher außer acht gelassen. 

Auch für die Frauenfrage sei das Prinzip der Zwischen- 
formen von Bedeutung. Das Emanzipationsbedürfnis und die 
Emanzipationsfahigkeit einer Frau läge nur in dem Anteil an 
Männlichem begründet, den sie besitze. Unter Emanzipation sei 
zu verstehen der Wille des Weibes, dem Mann innerlich gleich 
zu werden, zu seiner geistigen und moralischen Freiheit, zu seinen 
Interessen und seiner Schaffenskraft zu gelangen. Das wirkliche 
Weib habe gar kein Bedürfnis und keine Fähigkeit zu dieser 
Emanzipation. Alle wirklich nach Emanzipation strebenden, alle 



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mit einem gewissen Recht berühmten und geistig irgendwie her- 
vorragenden Frauen wiesen stets zahlreiche männliche Züge auf 
und es seien dem schärferen Blick auch immer anatomisch-männ- 
liche Charaktere, ein körperlich dem Manne angenähertes Aus- 
sehen an ihnen erkennbar. Nur den vorgerückteren sexuellen 
Zwischenformen, man könne beinahe schon sagen jener sexuellen 
Mittelstufen, fc die gerade noch den Weibern beigezählt werden 
könnten, entstammten jene Frauen der Gegenwart wie der Ver- 
gangenheit, die von Vorkämpfern von Emanzipationsbestrebungen 
zum Beweise für gewisse Leistungen von Frauen angeführt würden. 
Gleich die erste geschichtliche Frau dieser Art, Sappho, sei kon- 
trärsexuell. Man habe Sappho von philologischer Seite sehr eifrig 
von dem Verdacht wirklicher Liebesverhältnisse mit Frauen zu 
reinigen gesucht, als ob der Vorwurf gleichgeschlechtlicher Liebe 
eine Frau sittlich sehr stark herabwürdigen würde. Dies sei 
keineswegs gerechtfertigt. 

Die Neigung zu lesbischer Liebe einer Frau sei Ausfluß 
ihrer Männlichkeit, sei aber geradezu Bedinguug ihres Höher- 
stehens. Katharina II. von Kußland, Christine von Schweden, 
Georges Sand seien bisexuell oder ausschließlich homosexuell, 
ebenso wie alle Frauen und Mädchen von auch nur einigermaßen 
in Betracht kommender Bedeutung, die der Verfasser kennen ge- 
lernt habe. 

Auch diejenigen bedeutenden Frauen, über die keine Zeug- 
nisse lesbischen Empfindens vorlägen, würden ihren Gehalt an 
Männlichkeit dadurch offenbaren, daß ihr sexuelles Komplement 
auf Seite der Männer nie ein echter Mann sein werde. Zum Bei- 
spiel das Verhältnis von Georges Sand zu Musset und zu dem 
weiblichsten der Musiker, Chopin, dasjenige von Daniel Stern 
zu dem weiblichen Liszt, von Mme. Stael zu dem homosexuellen 
Hauslehrer ihrer Kinder, August Schlegel usw. 

Der Unsinn der Emanzipationsbestrebungen läge in der Be- 
wegung, in der Agitation, durch welche verleitet auch die Weiber 
daran teilnehmen wollten, die gar kein Bedürfnis und keine Fähig- 
keiten dazu besäßen. Freier Zulaß zu allem sei nur für diejenigen 
zu verlangen, deren wahre psychische Bedürfnisse sie stets in 
Gemäßheit ihrer körperlichen Beschaffenheit zu männlicher Be- 
schäftigung triebe, für die Frauen mit männlichen Zügen. 

Trotz seiner Auffassung von Mann und Frau als bloße Typen, 
ideale Gebilde, während in der Wirklichkeit lediglich Mischungen 
aus diesen zwei Typen vorkämen, betont Weininger im ersten 
Kapitel: „Die sexuellen Typen" des zweiten Teiles, daß „Mensch tt 



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zunächst wenigstens in ein und derselben Zeit entweder Mann 
oder Weib sein müsse. Damit stehe im Einklang, daß fast alles, 
was sich für ein Masculinum oder Femininum schlechtweg halte, 
auch sein Komplement für das „Weib" oder den „Mann" schlecht- 
weg ansähe. Daher fülle auch in den Beziehungen zweier Kon- 
trärer das eine Individuum die männliche, das andere die weib- 
liche Funktion aus. Das Verhältnis Mann- Weib erweise sich hier 
als fundamental an der entscheidenden Stelle, als etwas, worüber 
nicht hinauszukommen sei. 

In den folgenden Kapiteln des zweiten Teils wird die Frage 
der Zwischenstufen und der Homosexualität kaum noch berührt, 
nur im Kapitel „Mutterschaft und Prostitution" wird die männ- 
liche Prostitution gestreift. Die Prostitution sei in der Natur der 
Frau begründet. Dem echten Manne, den materiell noch öfter 
ein widriges Schicksal treffe und welcher Armut intensiver 
empfinde als das Weib, sei gleichwohl die Prostitution fremd 
und männliche Prostituierte (unter Kellnern, Friseurgehilfen usw.) 
seien immer vorgerückte sexuelle Zwischenformen. 

In seinem zweiten Teile will Weininger die Inferiorität des 
Weibes gegenüber dem Manne nachweisen. 

Wirkliches Bewußtsein habe nur der Mann, die Frau lebe 
unbewußt. Genialität, d. h. Leben in bewußtem Zusammenhang 
mit dem Weltganzen, sei nur an die Männlichkeit geknüpft, sie 
stelle ideal potenzierte Männlichkeit dar. Logik und Ethik seien 
nur beim Manne zu finden, nur der Mann habe eine Seele, die 
Frau habe keinen Willen, keinen Eigenwert der menschlichen 
Persönlichkeit. Die Frau sei ganz Sexualität. Alle Weiblichkeit 
sei Unsittlichkeit und müsse überwunden werden. Der Mann 
müsse sich von der Geschlechtlichkeit erlösen, nur so erlöse er 
auch die Frau. Lediglich das wäre Frauenemanzipation, daß sich 
die Frau unter die sittliche Idee, unter die Idee der Menschheit 
stelle. Es komme lediglich darauf an, ob der kategorische Impe- 
rativ in der Frau lebendig werden könne. 

Vieles in dem Buche von Weininger, namentlich in 
dem zweiten, gegen die Eigenart der Frau gerichteten 
Teil, muß ich als übertrieben, überspannt, falsch, vieles 
geradezu als Beispiel abgeschmackten Philosophierens 
bezeichnen. Trotzdem wird man doch dem großzügig 
gedachten Werk nicht die Bedeutung absprechen und 



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die hohe Begabung des leider (im Jahre 1903) durch 
Selbstmord dahingeschiedenen Verfassers bewundern. 

Seit Schopenhauer ist es wohl das erste Mal, daß 
in einem ernsteren philosophischen Werk auch die Lösung 
des homosexuellen Problems versucht worden ist 

In allem was Weininger über die geschlechtlichen 
Zwischenstufen sagt, ist ja wenig neues zu finden, nament- 
lich haben Hirschfeld und Möbius ähnliches vor ihm auf- 
gestellt Hoch erfreulich bleibt es jedoch, daß Weininger 
sich in den Bahnen der neuesten Spezialwissenschaft 
über Homosexualität bewegt und insbesondere die An- 
schauungen dieses Jahrbuchs verwertet hat